Lebenslauf
Selbstdarstellung
Werke Literaturhinweise
Kurt Walter Zeidler
Grundriß
der transzendentalen Logik, Cuxhaven (Junghans) 1992, 206 S.
2. überarb. Aufl.: Cuxhaven-Dartford 1997, 218 S.
ISBN 3-926848-23-5
aus der Einleitung, S. 13ff.:
„Philosophie ist radikale Reflexion und hat als solche, selbst wenn
sie alle sonstige Bedeutung verloren hätte, zumindest ihre kritische
Funktion. Sie ist darum gegenwärtig auch nur ‚im Gespräch‘, soweit
sie den universellen Ideologieverdacht ausmünzt, auf den sich seit
Bacons Idolenlehre das Programm jeglicher ‚Moderne‘ gründet. Eine
Gegenwartsphilosophie, die sich nur als Analyse der idola tribus, specus,
fori et theatri - also nur evolutionstheoretisch, psychoanalytisch, sprachanalytisch
oder ideologiekritisch - meint legitimieren zu können, reduziert sich
jedoch zwangsläufig auf den meta-empirischen Überbau ihrer Legitimationsbasis
und wird selbst in dem Maße dogmatisch, in dem sie, vom eigenen Wissenschaftsanspruch
oder moralischen Pathos ausgehend, die ‚fundamentalistischen‘ Begründungsansprüche
einer vormaligen Philosophie bloß distanziert. Hat man die Reduktion
des Subjekts möglicher Prädikation auf seine, als Faktum bereits
beschreibbaren Rollen (seine biologisch oder zivilisatorisch erworbenen
Kompetenzen), erst einmal als beschlossene Sache vorausgesetzt, dann fällt
es nicht mehr sonderlich schwer, das metaphysische Denken als systemerhaltenden
Objektivismus oder die Transzendentalphilosophie als subjektivistische
Bewußtseinstheorie und mythologisierende Psychologie zu entlarven,
ist man damit doch von vornherein an der Fragestellung dieser einstigen
Philosophie vorbeigegangen: an der Frage nach dem Subjekt möglicher
Prädikation oder, anders formuliert, an der Frage nach demjenigen,
was nicht bloß vermittelt, sondern die Vermittlung selbst ist. [...]
Hat man im Sinne des empiristischen Credo erst einmal vorausgesetzt,
daß ‚wir‘ Produkte biologischer und historischer Entwicklungen sind,
die sich sinnvollerweise nur in biologischen und historischen Kategorien
beschreiben lassen, dann läßt sich tatsächlich nicht unabhängig
vom jeweiligen Stand dieser Entwicklungen argumentieren. Ein Denken, das
auf der Höhe seiner Zeit steht und dort auch stehenbleiben will, kann
sich darum in aporetischen Einsichten dieser Art einnisten und durch keinen
noch so fein gesponnenen Beweis daraus vertrieben werden: es hat sein Selbstverständnis
nun einmal in animalischen, ökonomischen, sozialen und politischen
Gegebenheiten und hat daran genug, obwohl es dieses Selbstverständnis
als Denken nie tatsächlich haben, sondern es bloß im Für
und Wider eines lauen Skeptizismus suchen kann.
Dieser Skeptizismus ist unwiderleglich, denn was er in
seiner Inkonsequenz sucht, ist seine Widerlegung. Er sucht ein unbezweifelbares
Fundament des Wissens außerhalb des Wissens, eine Grundlage, die
nicht seine Grundlegung, sondern ein ihm schlechthin Vorgegebenes sein
soll. Statt der gesuchten Einfalt eines absoluten Grundes, findet er aber
tausenderlei Gründe in denen er sich einnisten und sein Spiel weitertreiben
kann. Eben darum liegt in der Inkonsequenz dieses Skeptizismus seine ganze
Stärke und Unwiderleglichkeit: er ist der Widerspruch der sich negiert
und dadurch als Widerspruch erhält. Dieser Widerspruch ist die Gegenstandserkenntnis.
Sie hält daran fest, daß die Erkenntnis des Gegenstandes nicht
der Gegenstand des Erkennens ist und will sich dennoch selbst als Gegenstand
erkennen. Während die empirische Erkenntnis sich in diesem Widerspruch
hält und in ihrer Rastlosigkeit durch ihn gehalten ist, muß
die Philosophie - so sie keine empirische Wissenschaft sein soll - durch
diesen Widerspruch hindurch. Es genügt nicht, daß sie bei ihm
stehenbleibt, bloß eine der beiden Seiten der Gegenstandserkenntnis
negiert, und dann so tut als verfüge sie über besondere Gegenstände,
die jeden Gegenstand der Erkenntnis, oder über Erkenntnisse, die alle
Erkenntnis des Gegenstandes entwerten. Die Philosophie braucht sich bei
diesem possierlichen Wechselspiel metaphysischer und skeptizistischer Anmaßungen
nicht aufzuhalten, denn sie hat nicht die Auf-gabe, die Gegenstandserkenntnis
zu entwerten. Sie hat vielmehr die Aufgabe der Begründung. Begründendes
Denken aber hat die Aufgabe der Selbstbegründung.
Die spekulative Frage, wie das Denken sich und somit ein
Selbst denken kann, ist die prinzipientheoretische Grundfrage der Philosophie.
In ihr ist auch die transzendentale Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit
des Denkens eines Gegenstandes überhaupt enthalten. Wie sie darin
enthalten ist und inwiefern die transzendentale Fragestellung auf die spekulative
verweist und ihrer bedarf, wird im Anschluß an Kant zu zeigen sein,
denn die spekulative Frage ist nicht die Ausgangsfrage Kantens. Kant geht
aus von der Antinomie von empiristischem Skeptizismus und ontologischem
Dogmatismus und spielt sie an der Differenz von Ding und Denken durch,
die dieser Antinomie zugrundeliegt. Die Ontologie wird darum von ihm belehrt,
daß sie das Gedankending nicht mit dem Gegenstand der Erfahrung und
das Denken nicht mit dem Erkennen verwechseln dürfe. Der Empirismus
wird hingegen belehrt, daß die Gegen-stände der Erfahrung und
ihre Zusammensetzungen kein Gegebenes, sondern ein vom Denken mit Bezug
auf das Anschauungsmaterial Gemachtes sind. Die Differenz von Ding und
Denken bleibt solcherart in Kants transzendentaler Frage nach den Bedingungen
der Möglichkeit des Denkens eines Gegenstandes überhaupt aufbewahrt.
Sie macht sich in Kants Antworten auf diese Frage aber auch geltend und
bleibt als bloße Differenz von Verstandesspontaneität und rezeptiver
Sinnlichkeit der blinde Fleck, um den seine Argumentationen kreisen.
Die ersten vier Kapitel des vorliegenden Buches folgen
diesem Kreisgang der Kantischen Beweisführung. Das Beweisziel: die
transzendentallogische Entdeckung der Formen des Denkens eines Gegenstandes
überhaupt, versuchen die Kapitel 5 und 6 einzulösen, indem -
im Gegensatz zur ‚exoterischen‘ Lehre Kantens und zur nach-idealistischen
Standardinterpretation des Kritizismus - die Vereinbarung von transzendentalem
Idealismus und empirischem Realismus nicht in einem Apriori gesucht wird,
das schlechterdings mit dem ‚Verstande‘ zu identifizieren wäre, sondern
das gegenstandskonstitutive Verstandesapriori vielmehr aus ursprünglichen
- die Differenz von Verstand und Sinnlichkeit allererst ermöglichenden
- Weisen der Synthesis entwickelt wird. Diese genetische Grundlegung des
Apriori ist anhand der Prinzipien der klassischen Logik und einer Analyse
des Seinssinnes der Kopula “ist” als transzendentallogische Differenzierung
der Urteilssynthesis durchzuführen und mit Bezug auf die Gegebenheitsweisen
Raum und Zeit durch eine korrespondierende transzendental-phänomenologische
Analyse zu vervollständigen. Da das genetische Apriori aber nicht
unmittelbar, sondern nur vermittels der reflexiv-synthetischen Bewußtseinsstruktur
auf die Kantischen Gegenstandskategorien bezogen werden kann, bleibt in
Fortführung des Nachweises der Vollständigkeit der Kantischen
Kategorientafel die spekulative Frage zu beantworten, wie Synthesis (Vermittlung)
und damit das Denken selbst zu denken ist. Dieser Aufgabe und den damit
untrennbar verbundenen Problemen der Verhältnisbestimmung von transzendentaler
und formaler Logik, sowie von regulativer und konstitutiver Apriorität,
sind die letzten vier Kapitel gewidmet, wobei in diesem Problemzusammenhang
der Begriff der Transzendentalphilosophie in Auseinandersetzung mit einigen
ihrer vor- und nach-kantischen Positionen noch näher zu klären
sein wird. Wollte man das Ergebnis dieser Klärung vorweg zusammenfassen,
dann ließe sich in Abwandlung eines oft zitierten Kantischen Satzes
sagen, daß die transzendentale Logik seit Platon keinen Schritt rückwärts
und mit Kant erst einen Schritt vorwärts hat tun dürfen und folglich
schon von den ältesten Zeiten her nahezu vollendet sei. Vordergründig
betrachtet, relativiert dieses Resultat den historischen Anspruch, den
Kant an seine ‚Revolution der Denkungsart‘ geknüpft hat, es bekräftigt
dafür jedoch um so mehr den systematischen Anspruch, den die Transzendentalphilosophie
als Prinzipientheorie erheben und auch einlösen muß.“
INHALTSVERZEICHNIS
Vorwort zur zweiten Auflage 7
Einleitung 13
1. Exposition der Erfahrungs- und Prinzipienproblematik 19
§ 1. Objektivität und subjektive Konstitution der Erfahrung
19
§ 2. Der prinzipientheoretische Zirkel 23
§ 3. Dimensionierung oder Definition des Erfahrungsbegriffs? 27
§ 4. Kritik und System der reinen Vernunft 32
2. Der ostensive Beweis 35
§ 5. Vernunft und Erfahrung 35
§ 6. Die Voraussetzungen der Deduktion 39
§ 7. Exemplarische Verdeutlichung oder Begründung der Prinzipien?
42
§ 8. Apagogische Rekonstruktion oder ostensiver Beweis? 46
§ 9. Formale und transzendentale Logik 51
3. Deduktion und Schematismus – Verstand und innerer Sinn
54
§ 10. Die Transzendentale Deduktion 54
§ 11. Das Schematismuskapitel 59
§ 12. Die subjektive Deduktion 62
§ 13. Der Paralogismus des inneren Sinns 66
4. Das Leitfadenkapitel und die Problematik des Dings an sich
69
§ 14. Die Problematik des Leitfadenkapitels 69
§ 15. Der Beweisgang des Leitfadenkapitels 73
§ 16. Form und Inhalt der Erscheinung 80
5. Entfaltung der kategorialen Systematik 83
§ 17. Die Funktionen der Einheit unter unseren Vorstellungen 83
§ 18. Verstandesfunktion und Urteilsform 87
§ 19. Der Satz der Identität 91
§ 20. Der Satz vom Widerspruch 98
§ 21. Der Satz vom ausgeschlossenen Dritten 103
6. Die Vollständigkeit der Kantischen Kategorientafel
110
§ 22. Einheit von Verstandes- und Gegebenheitsformen 110
§ 23. Reines Schema und Gegenstandsschema 114
§ 24. Die Einheit der Reflexion 119
§ 25. Die reflexiv-synthetische Fundierung der Gegenstandskategorien
128
7. Idee und Schluß 132
§ 26. Vernunftidee und Vernunftgebrauch 132
§ 27. Aristotelische und aristotelisch-scholastische Logik 136
§ 28. Frage nach der Einheit der Vernunft 143
§ 29. Durchgang durch den Skeptizismus 145
§ 30. Platons Begründung der transzendentalen Logik 152
8. Transzendentaler Syllogismus und Raumschematismus 156
§ 31. Der vollständig gesetzte Begriff - Hegel 156
§ 32. Die Einheit der Zeichenrepräsentation - Peirce 159
§ 33. Einheit von Subjektivität und Objektivität 164
§ 34. Der Raumschematismus 167
9. Idee und Wahrheitswert 176
§ 35. Der Logos des Seins: Kant und Platon 176
§ 36. Der Wahrheitswert 182
§ 37. Selbstreflexion des Logikkalküls 187
10. Die Selbstobjektivierung der Vernunft 195
§ 38. Zusammenfassung 195
§ 39. Erneute Frage nach der Einheit der Vernunft 197
§ 40. Die Maximen der Vernunft 200
§ 41. Was heißt: Sich im Denken orientieren? 204
§ 42. Der reine Idealismus 209
Tafel der Funktionen und Kategorien 184
Literaturverzeichnis 214
Lebenslauf
Selbstdarstellung
Werke Literaturhinweise
Kurt Walter Zeidler
Prolegomena
zur Wissenschaftstheorie, Würzburg (Königshausen & Neumann)
2000, 184 S.
ISBN 3-8260-1863-X
aus der Einleitung, S. 8ff.:
„Überblickt man die gegenwärtige Lage in der theoretischen
Philosophie, muß man [...] Paul Feyerabend rechtgeben, wenn er feststellt,
daß die meisten „Philosophen, die sich heute mit den Wissenschaften
befassen, [...] logische Prinzipien und wenige erkenntnistheoretische Annahmen
[verwenden]. Das ist alles. Der Rest wurde von der Wiener ‚Revolution in
der Philosophie‘ beseitigt.“
Tatsächlich verstanden sich die Neopositivisten des Wiener Kreises
als Totengräber und Testamentsvollstrecker aller bisherigen Philosophie
und Erkenntnistheorie. Und tatsächlich ist es der neopositivistischen
Wissenschaftstheorie im Verein mit der sprach-analytischen Philosophie
gelungen, die vormalige Erkenntnistheorie weitgehend zu verdrängen.
Da nun aber mittlerweile auch die Wissenschaftstheorie zunehmend verdrängt
und durch einen erkenntnistheoretischen Nihilismus abgelöst wird,
erscheint es angebracht, die logischen Prinzipien und erkenntnistheoretischen
Annahmen zu überprüfen, von denen die „Wiener ‚Revolution in
der Philosophie‘“ ausging und einige Stationen des Weges nachzuzeichnen,
den die Wissenschaftstheorie seither zurückgelegt hat. Nachdem am
Ende dieses Weges die mehr oder minder unverhohlene Absage an alle Prinzipien
und die scheinbare Einsicht in die Beliebigkeit aller erkenntnistheoretischen
Annahmen stehen, kann zunächst nur ein betrübliches Bild vom
Entwicklungsgang der neueren Wissenschaftstheorie gezeichnet werden: man
muß konstatieren, daß es weder den Vertretern des Wiener Kreises
und der analytischen Wissenschaftsphilosophie, noch deren bekanntesten
Kritikern gelungen ist, eine wissenschaftstheoretische Konzeption zu entwickeln,
die den von ihnen selbst aufgestellten Rationalitätsstandards genügt.
Im Gegensatz zu den derzeit modischen Verabschiedungen der Erkenntnis-
und Wissenschaftstheorie zieht die vorliegende Untersuchung aus diesem
negativen Ergebnis freilich nicht den Schluß, daß alle Rationaltätsstandards
über Bord zu werfen seien. Sie setzt auch nicht auf irgendeine der
allzeit gängigen Naturalisierungsstrategien, die ihren Mangel an Gedanken
durch den Überfluß an empirischen Fakten wettmachen wollen,
der sich nach Belieben aus den verschiedensten Wissenschaften herauskramen
läßt. Die vorliegende Untersuchung fragt vielmehr nach den Gründen,
warum es den neueren wissenschaftstheoretischen Ansätzen nicht gelingt,
ihre eigenen Ansprüche einzulösen. Sie hat daher zunächst
die Widersprüche aufzuzeigen, an denen das neopositivistische Konzept
krankt (S. 13ff.), sie hat sodann Schritt für Schritt zu verfolgen,
inwieweit die nämlichen Widersprüche auch an den diversen analytischen
Reparaturversuchen aufbrechen, die am ursprünglichen Konzept des Wiener
Kreises vorgenommenen wurden (S. 35ff.), und sie hat schließlich
auch die Tauglichkeit der Konzepte zu überprüfen, die sich als
Alternativen zur analytischen Wissenschaftstheorie anbieten (S. 63ff.,
82ff.).
Als Ergebnis dieser kritischen Musterung kann vorweg festgehalten werden,
daß die meisten wissenschaftstheoretischen Ansätze ein und dem
selben Irrtum unterliegen: sie halten die hehren Vorstellungen, die sie
sich von wissenschaftlicher Rationalität gemacht haben, für die
rationalen Voraussetzungen der Wissenschaft und begehen somit genau den
Fehler, den man gemeinhin ‚idealistischen‘ Philosophen vorwirft – sie verwechseln
ihr Ideal mit der Wirklichkeit. Die mit dieser Verwechslung einhergehende
Konzentration auf ein einseitiges Methodenideal entfachte den missionarischen
Eifer mit dem die ‚wissenschaftliche Weltauffassung‘ gegen die ‚traditionelle
Philosophie‘ ins Feld zog, sie erstickte darum aber auch alle Hoffnung
auf theoretische Einsicht: denn sobald die Verwechslung unter den Anhängern
der neueren Wissenschaftstheorie ruchbar wurde und sie zu ahnen begannen,
daß es sich bei der ‚wissenschaftlichen Weltauffassung‘ um ein Stück
Gegenwartstheologie handelt, verloren sie mit ihrem Glauben auch alle Hoffnung
auf eine systematische Begründbarkeit der wissenschaftlichen Erkenntnis.
Dadurch traten an die Stelle der theoretischen Einsichten, die man sich
von einer neuen Wissenschaftslogik erhofft hatte, zunehmend skeptizistische
Diskurse über die Wissenschaften und wurde das ‚Faktum‘ Wissenschaft
zunehmend zu einem Gegenstand empirischer Beschreibungen. Die Tatsachen,
die durch die empirische Wissenschaftsforschung und die Wissenschaftsgeschichte
an den Tag gebracht werden, liefern aber weder eine Theorie der Wissenschaften,
noch bieten sie einen Ersatz für die erkenntniskriische Reflexion,
die vordem durch die Wissenschaftstheorie ersetzt werden sollte. Auf solche
Weise führten die unerhörten Erwartungen, die man in die wissenschaftstheoretische
Neuorientierung der Philosophie gesetzt hatte, geradewegs in die Orientierungslosigkeit,
die das Signum der Gegenwartsphilosophie ausmacht und von ihr teils unter
dem Schlagwort „anything goes“ akklamiert und teils mit geschäftigem
Gerede von Interdisziplinarität, Interkulturalität und Intersubjektivität
überspielt wird, sofern sie sich nicht von den Problemen der Gegenwart
überhaupt abwendet und nur noch der greisenhaften Erinnerung an einstige
Taten lebt.
Sollte der Gegenwart eine lebendige Erinnerung an das, was Systematische
Philosophie bedeuten könnte, zu vermitteln sein, wird man daher den
Faden der systematischen Überlegungen dort aufgreifen müssen,
wo er der Philosophie des 20. Jahrhunderts verloren ging: in der Wissenschaftstheorie,
die als einziger legitimer Erbe aller wissenschaftlich-systematischen Ansprüche
der Philosophie antrat, dieses Erbe aber alsbald verspielte, weil sie auf
ein idealisches Wunschbild von Wissenschaft und ein einseitiges Methodenideal
gesetzt hatte. Im systematischen Teil der vorliegenden Untersuchung werden
daher ein wissenschaftstheoretisches Modell der Theoriendynamik und die
Grundzüge einer allgemeinen Methodenlehre zu entwickeln sein (S. 102ff.);
ein Modell der Theoriendynamik und eine allgemeine Methodenlehre, die sich
von den in der heutigen Wissenschaftstheorie gängigen Vorstellungen
unterscheiden, weil sie sich nicht die spezifischen Methoden einzelner
Wissenschaften zum Vorbild nehmen, sondern den Gegensatz von normativer
Wissenschaftslogik und deskriptiver Wissenschaftsgeschichte zu überwinden
trachten. Da der Gegensatz von Wissenschaftslogik und Wissenschaftsgeschichte
vor allem durch das deduktiv-axiomatische Logikverständnis der analytischen
Wissenschaftstheorie provoziert wurde, ist freilich nicht nur der Methodenbegriff
zu differenzieren, sondern es werden auch verschiedene Arten des Logikverständnisses
zu unterscheiden sein (S. 125ff.). Diese Differenzierungen verlangen den
Überstieg von der Wissenschaftstheorie und der allgemeinen Methodenlehre
in die Philosophie, da ein differenzierter Methodenbegriff und ein Logikverständnis,
das der Theoriendynamik gerecht wird, nur im Horizont der erkenntniskritischen
Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit der wissenschaftlichen
Erkenntnis entwickelt werden können (S. 143ff.). Im Horizont dieser
Frage und speziell im Hinblick auf den kritischen Anspruch, der an den
Titel Prolegomena zur Wissenschaftstheorie gebunden ist, wird schlußendlich
auch eine pünktliche Bestimmung des Verhältnisses von Philosophie,
allgemeiner Methodenlehre und Wissenschaftstheorie zu formulieren sein.“
Inhalt
Einleitung 7
Der Wiener Kreis - Zwischen Empirismus und Konventionalismus
13
Semantik, Semiotik und Falsifikationismus 35
Wissenschaftsgeschichte versus Wissenschaftslogik 63
Konstruktivistische und hermeneutisch-dialektische Wissenschaftskritik
82
Theoriendynamik und Methodenlehre 102
Universale, spezielle und spezifische Methoden 125
Die Logik der Wahrheit 143
Literaturverzeichnis 165
Personenregister 176
Sachregister 180
Lebenslauf
Selbstdarstellung
Werke
Literaturhinweise