Auch die kommunistischen Signale waren zuerst Anzeichen einer Wendung, die in mir den Willen erweckt hat, die aktualen und politischen Momente in meinen Gedanken nicht wie bisher altfränkisch zu maskieren, sondern zu entwickeln, und das, versuchsweise, extrem. Solange ich nicht in der mir gemäßen Haltung des Komentators an Texte von ganz anderer Bedeutung und Totalität gelange, werde ich eine 'Politik' aus mir herausspinnen. (Benjamin an Scholem, 1924, Briefe, 368)Das schreibt Benjamin Scholem von Capri, wo er neben Bloch und Lukács auch die lettische Revolutionärin Asja Lacis und damit ein Interesse für bolschewistische Politik kennengelernt hatte (Schlüsselloch). Die Verwunderung des Empfängers kann man sich vorstellen - hatte doch Benjamin bis dahin auf geradezu extreme Weise meilenweit von irgendwelcher 'Politik' entfernt geschrieben - zu der es dann allerdings auch nie kam.
Situation: gleichzeitig erscheinen der 'Ursprung des deutschen Trauerspiels', Höhepunkt des esoterischen Traktates und 'Einbahnstraße', in Inhalt und Form geradezudeklamatorisch.
In den nächsten Jahren versucht Benjamin seine Schreibweise zu politisieren, vor allem seine Literaturkritiken bezeugen das. Und gerade darüber kam es dann auch mit einiger Verspätung zur Auseinandersetzung mit Scholem, der ihm schrieb:
Es ist jedem unbefangenen Leser deiner Arbeiten, scheint mir, klar, daß du in den letzten Jahren dich zwar, entschuldige, wenn ich sage: krampfhaft, bemühst, deine zum Teil sehr weitreichenden Einsichten in einer der kommunistischen denkbar angenäherten Phraseologie vorzutragen, daß aber - und hierauf scheint es mir anzukommen - eine verblüffende Beziehungslosigkeit besteht zwischen deinem wirklichen und deinem vorgegebenen Denkverfahren. Du gewinnst Deine Einsichten nicht durch eine strenge Anwendung einer materialistischen Methode, sondern vollständig unabhängig davon (bestenfalls), oder (schlechtestenfalls) durch ein Spielen mit den Zweideutigkeiten und Interferenzerscheinungen dieser Methode. ... Denn es ist nicht so, wie du es vielleicht siehst, daß du dich fragst, wie weit man versuchsweise mit der Haltung des Materialisten etwa kommt, da du evidentermaßen diese Haltung bei deinem schöpferischen Verfahren noch nie und in keinem Falle eingenommen hast. (Scholem an Benjamin, 1931Briefe, 526ff)
Daß das einigermaßen triftig ist, wird niemand leugnen, der sich einmal auf die Suche etwa nach einer Marx-Rezeption in Benjamins Werk gemacht hat. Tatsächlich spielen die materialistischen Kategorien oft die Rolle von Beschwörungsformeln, oder sie werden doch in seinem Sinn eingesetzt, der mit materialistischer Methode kaum etwas gemein hat. Allerdings hatte Benjmain eben auch weniger die Methode im Sinn als eine gewisse Haltung:
Aber das verlockt doch wohl zu sehr, das ganze Problem ins Biographische abzudrängen. Tatsächlich kannte Benjamin wohl allzugut die Gefahren, die seinem Denken drohten: nämlich in eine Geradeaus-Esoterik zu verfallen, die Verschlosenheit der Texte so weit zu steigern, daß ihr historischer Index vernebelt würde. Der Kommunismus und Materialismus, mit allen seinen Platitüden, ist für ihn auch ein Mittel, sein Denken einer profanen Erprobung nicht zu entziehen. Sichtlich beeindruckt notiert er den Holzesel, den Brecht auf seinen Schreibtisch gestellt hatte mit dem Schildchen um den Hals: Auch ich muß verstehen können.Wenn man schon 'gegenrevolutionäre' Schriften verfaßt - wie du die meinen vom Parteistandpunkt aus ganz richtig qualifizierst - soll man sie der Gegenrevolution auch noch ausdrücklich zur Verfügung stellen? Soll man sie nicht vielmehr denaturieren, wie Spiritus, sie - auf die Gefahr hin, daß sie ungenießbar für jeden werden - bestimmt und zuverlässig ungenießbar für jene machen? ... Mit einem gewissen Recht könntest du, was ich eindeutig nenne, den Höhepunkt der Zweideutigkeit nennen. Gut, ich erreiche ein Extrem. ein Schiffbrüchiger, der auf einem Wrack treibt, indem er auf die Spitze eines Mastbaums steigt, der schon zermürbt ist. Aber er hat die Chance, von dort zu seiner Rettung ein Signal zu geben. (Bejamin an Scholem, 1931, Briefe, 531f)