Sofern Vergangenheit als Tradition überliefert ist, hat sie Autorität; sofern Autorität sich geschichtlich darstellt, wird sie zur Tradition. Walter Benjamin wußte, daß Traditionsbruch und Autoritätsverlust irreparabel waren, und zog daraus den Schluß, neue Wege für den Umgang mit der Vergangenheit zu suchen. In diesem Umgang wurde er ein Meister, als er entdeckte, daß an die Stelle der Tradierbarkeit der Vergangenheit ihre Zitierbarkeit getreten war, an die Stelle ihrer Autorität die gespenstische Kraft, sich stückweise in der Gegenwart anzusiedeln und ihr den falschen Frieden der gedankenlosenSelbstzufriedenheit zu rauben. (Die Kritik findet immer im Übergang statt. Das Vergangene ist noch nicht abgestorben, aber es ist auch nicht mehr die fraglose Welt - der Traditionsbruch ist für Benjamins Schreiben wohl konstitutiv, aber es findet nicht jenseits dieses Bruches statt, in sicherer Distanz zum Vergangenen, sondern im Bruch, in der Unentschiedenheit. Diesem Schreiben liegt die Vergangenheit nicht ausgebreitet zu Füßen, es greift nicht wahllos Stücke heraus. Arendts Mißverständnis, oder der Punkt, an dem sie mißverständlich wird, ist der Begriff des Zitates. Er ist für Benjamin ein durchaus emphatischer. Zitieren in seinem Sinne ist ist ein doppeltes Gericht wie die Kritik, möglich nur in einer bestimmten historischen Konstellation: in der "Erkrankung der Tradition", die noch nicht deren Tod ist.Hannah Arendt, Walter Benjamin. Bertold Brecht. Zwei Essays)
Die brennende Erkenntnis dieser Erkrankung muß Benjamin bewogen haben, sich auf die Abenteuer der Schreibweise einzulassen - sich von der ihm gemäßen Haltung des Kommentators abzuwenden und den Vorstoß in die Politik, in das plumpe Denken zu wagen, obwohl er wohl wußte, daß er dort nur eine skurrile Figur darstellen würde. Tatsächlich geht nicht nur eine Zeit zu Ende, sondern auch eine Weise, sich überhaupt in der Welt zu bewegen. Die Rede vom Traditionsbruch bleibt so lange leer, wie sie von einem einfachen Wissen, von einem sicheren Standpunkt konstatiert wird. Ein wirklicher Bruch in der Tradition ist auch ein Bruch in der Praxis - wie kann diese danach anders aussehen als selbst zerbrochen? Noch ist nichts verschwunden, noch ist alles auf des Messers Schneide - die Vergangenheit so zu betrachten ist für Benjamin für die echte historische Erfahrung schlichtweg notwendig. Aber das noch nichts vollständig verschwunden ist, heißt ja gerade, daß nichts die richtige Distanz hat: das alte spukt herum, die Dinge sind entweder zu nahe oder schon zu fern.
Kritik ist eine Sache des rechten Abstandes. Sie ist in einer Welt zu Hause, wo es auf Perspektiven und Prospekte ankommt und einen Standpunkt einzunehmen noch möglich war. Die Dinge sind indessen viel zu brennend der menschlichen Gesellschaft auf den Leib gerückt. (EinbahnstraßeGS IV/1, 131)