Die Stadt

Die Stadt ist für Benjamin ein 'Bild' für die 'Urlandschaft' - das ist eine unbewußte Landschaft, eine Landschaft des Unbewußten. Sie ist mehr als ein Bild, sie ist tatsächlich die Landschaft, in der wir unsere Erfahrungen machen, wo sich sich die Erfahrung von Generationen niederschlägt. Hier überschneiden sich Erfahrung und Erinnerung, denn beides lernen wir in den Städten:

Ich sage mir: es mußte in Paris sein, wo die Mauern und Quais, der Asphalt, die Sammlungen und der Schutt, die Gatter und Squares, die Passagen und Kioske uns eine so einzigartiege Sprache lehren, daß unsere Beziehungen zu den Menschen in der uns umfangenen Einsamkeit, unserm Versunkensein in jene Dingwelt, die Tiefe eines Schlafes erreichen, in welcher das Traumbild sie erwartet, das ihnen ihr wahres Gesicht offenbart. Ich will von diesem Nachmittag sprechen, weil er so kenntlich machte von welcher Art das Regiment ist, das die Städte über die Phantasie führen und warum die Stadt, in der die Menschen am rücksichtslosesten sich beanspruchen, in der Erinnerung ihre Revanche nimmt und der Schleier, welchen sie im Verborgenen aus unserem Leben gewirkt hat, weniger die Bilder der Menschen als die der Schauplätze zeigt, an denen wir anderen oder uns selber begegnet sind. (Berliner Chronik, GS VI 490f)

Obwohl die Stadt ein mythischer Ort der Übergänge ist, ist sie nicht strukturlos, im Gegenteil. Sie ist durchzogen von Schwellen - sozialen, topographischen, zeitlichen -, die aber auch weniger trennende Grenzen als Orte des Austausches sind, des Austausches zwischen, wenn man so sagen kann, verschiedenen Stadien des Traumes. Sie wollen überschritten werden, wenn man Erfahrung 'machen' will, sie sind eigentlich die Stellen der Erfahrung, und sie sind die Orte, zu denen man auch zurückkehrt, wenn man sich erinnert. "weissagende Winkel", die "ein Bild des Bevorstehenden" beinhalten -

Man muß es für gewiß halten, daß es solche gibt, ja wie es Pflanzen gibt, von denen die Primitiven behaupten, daß sie ihnen Kraft geben, in die Ferne zu sehen, so gibt es Orte, die solche Kraft in sich haben: verlassene Promenaden können es sein, auch Wipfel, besonders städtischer Bäume, die gegen die Mauern stehen, Bahnhofsschranken und vor allem die Schwellen, die geheimnisvoll zwischen Bezirken der Stadt sich erheben. (Berliner Chronik,GS VI 484)
Zu den Schwellen gehört auch das Zögern, zögernd erlernt man den Sinn für Übergänge:
Ist es nicht eher ein eigensinnig-wollüstiges Verharren auf der Schwelle, ein Zögern, das das triftige Motiv in dem Umstand hat, daß diese Schwelle ins Nichts führt? Unzählig aber sind in den großen Städten die Stellen, wo man auf der Schwelle ins Nichts steht und die Huren sind gleichsam Laren dieses Kultus des Nichts und stehen in den Haustoren der Mietskasernen und auf dem schallenden Asphalt der Perrons. (Berliner Chronik, GS VI, 472)
Mietskasernen und Bahnhöfe - soziale Schwellen und Schwellen der Träume von der Ferne, Eingänge ins Labyrinth - auch die erste Erotik, die sich noch nicht traut, aber schon mal beäugt, ist topographisch besetzt. bewegen, sich diesen Schwellen aussetzen, ist das Urbild der Erfahrung. Aber solange man wartet, dürfte der Ort noch besonders wichtig sein.