Schriften

Schreiben ist eine Art Kristallationsprozeß, nicht organisches Wachstum, sondern Bildung einer Vielzahl von Knoten, und zwar Bildung um etwas tatsächlich Konkretes herum - meist ein Zitat. Der Figur der 'abzählbaren Vielheit' hat Benjamin in der Erkenntniskritischen Vorrede des Trauerspiel-Buches einen methodischen Unterbau gegeben, aber doch erst nachträglich, tatsächlich ist diese für Benjamin zentrale Figur wohl eine Erfahrung des Schreibens, es ist die Rechtfertigung des Fragmentarischen, das für Benjamin so charakteristisch ist.
Den Großen wiegen die vollendeten Werke leichter als jene Fragmente, an denen die Arbeit sich durch ihr Leben zieht. Denn nur der Schwächere, der Zerstreutere hat seine unvergleichliche Freude am Abschließen und fühlt damit seinem Leben sich wieder geschenkt. (Einbahnstraße, GS IV/1, 88)
Die Benjaminsche Schreibweise drängt nicht zur Vollendung, für sie gilt, was er über Kafka gesagt hat, daß dieser "seine Bemühungen als verfehlt ansah; daß er sich selbst zu denen rechnete, die scheitern mußten". Was nachgelassen ist, ist eine Vielzahl von Einzelstücken, jene seltsamen Perlen, an denen Benjamin immer wieder geschliffen hat; was gerade in dieser Vereinzelung glänzt, ist eine selten erreicht Perfektion der Prosa.
Was Benjamin sagte und schrieb, klang, als käme es aus dem Geheimnis. Seine Macht aber empfing es durch Evidenz. (Adorno)

Diese Art, sich nicht im ganzen zu artikulieren und die Bruchstellen nicht abdecken zu wollen, hat sich in einer Vielzahl von Stilen ausgeprägt, in den metaphysisch-spekulativen Schriften so wie in jenen, die eher 'propagandistischen' Charakter haben. Es ist gerade diese Gebrochenheit als Programm, die einen einheitlichen Gestus des Benjaminschen Schreibens ausmacht, es ist die praktizierte Dialektik im Extrem, das heißt jene Dialektik, die nicht auf Vermittlung aus geht, sondern den Raum zwischen den Gegensätzen erst darstellbar macht.

Das ganze stürzt den Leser sicher in Verwirrung: Auf gewisse Art und Weise bleibt dieses Schreiben immer 'esoterisch', weshalb Benjamin sich auch über sein Verfahren am deutlichsten in seinem esoterischsten Traktat, der Erkenntniskritischen Vorrede äußern kann:

Es ist dem philosophischen Schrifttum eigen, mit jeder Wendung von neuem vor der Frage der Darstellung zu stehen. Zwar wird es in seiner abgeschlossenen Gestalt Lehre sein, solche Abgeschlossenheit ihm zu leihen aber liegt nicht in der Gewalt bloßen Denkens. Philosophische Lehre beruht auf historischer Kodifikation. Die Alternative der philosophischen Form, welche durch die Begriffe von der Lehre und von dem esoterischen Essay gestellt wird, ist's, die der Systembegriff des XIX. Jahrhunders ignoriert. Will die Philosophie nicht als vermittlende Anleitung zum Erkennen, sondern als Darstellung der Wahrheit das Gesetz ihrer Form bewahren, so ist der Übung dieser ihrer Form, nicht aber ihrer Antizipation im System Gewicht beizulegen. Darstellung als Umweg - das ist denn der methodische Charakter des . Verzicht auf den unabgesetzten Lauf der Intention ist sein erstes Kennzeichen. Ausdauernd hebt das Denken stets von neuem an, umständlich geht es auf die Sache selbst zurück. Dies unablässige Atemholen ist die eigene Daseinsform der Kontemplation. (Ursprung des deutschen Trauerspiels, GS I/1, 207f.)

Schon hier wird etwas verschoben: die hehre, transzendente Qualität der Wahrheit verwandelt sich in einen Stil und in eine Übung. Mit anderen Worten, und das wird jeder Leser Benjamins selbst erlebt haben, was schwer verständlich ist (wenn nicht unverständlich), erscheint gar nicht auf den ersten Blick, auf den ersten Blick bleibt es immer gedeckt vom Stil, der das immer neue Evidenzerlebnis produziert. Oder noch einmal anders: für Benjamin bedarf das Verborgene, das kaum noch Sagbare, eines Gegengewichtes, es muß Halt im Konkreten bekommen, es muß in profane Einsichten münden. Daher die von Scholem und Adorno so wenig verstandene Affinität zu Brecht, der ihnen so plump erschien: es ist diese Plumpheit, die für Benjmain geradezu ein Korrelat zur nicht weniger vernachlässigten Spitzfindigkeit des Traktates ist:
Es gibt viele Leute, die unter einem Dialektiker einen Liebhaber von Subtilitäten verstehen. Da ist es ungemein nützlich, daß Brecht auf das 'plumpe Denken' den Finger legt, welches die Dialektik als ihren Gegensatz produziert, in sich einschließt und nötig hat. Plumpe Gedanken gehören gerade in den Haushalt des dialektischen Denkens, weil sie gar nichts anderes darstellen als die Anweisung der Theorie auf die Praxis. Auf die Praxis, nicht an sie: Handeln kann natürlich so fein ausfallen wie Denken. Aber ein Gedanke muß plump sein, um im Handeln zu seinem Recht zu kommen. (Brechts Dreigroschenroman, GS III, 446)

Benjamin-Karikatur von Jean Selz