Neue Welten?

Was sind das eigentlich für Welten, in denen wir uns heute bewegen? Sind sie bloß der rasende Wandel, eine wüste Mischung von immer weniger Altem und immer mehr Neuem? Oder ist nicht eine solche Auffassung gerade in ihrer Bescheidenheit - nichts sagen zu wollen - verräterisch bequem? Man kann wohl die Frage stellen, wie uns das Neue erscheint, wie wir in ihm leben (zunächst einmal naiv direkt): denn es soll nicht darum gehen, diese Welten selbst zu begreifen, es gibte eher um eine Art Selbstvergewisserung. Diese kann gar nicht anders als ärmlich erscheinen, wenn von ihr verlangt wird, daß sie alles, die Fülle der Einzelheiten wissen soll. Was sie aber leisten kann, ist die Weise in Frage zu stellen, nach welchem Muster und nach welcher Form wir jene neuen Welten vorstellen, die Schemata zu bedenken, mit denen wir sie sehen. Und damit eine andere Form des Sehens, des Hörens, der ( Lektüre), kurz: der Praxis zu ermöglichen in diesem Feld; das eigene Handeln in einer Form sich klar zu machen, die es nicht in neue oder alte schlechte Aporien zurückbiegt, die ihm nicht den Weg verstellt. Das heißt auch, die Fähigkeiten und Abhängigkeiten abzuschätzen - weder Enthusiasmus noch Hoffnungslosigkeit scheint angebracht; auch zwischen dem was wirklich neu ist und dem was sich wiederholt, will das rechte Maß gefunden werden. Diese Arbeit an den Unterscheidungen kann man durchaus als eine 'Erziehung', besser als eine Übung auffassen - das ist mehr als bloßes Lernen, bloße Übernahme in der Hoffnung, irgendwann, wenn man es dann 'kann', werde schon etwas Vernünftiges herauskommen. Es ist eher ein Training in actu, wo der eigene Standpunkt wie die neue Welt einer Probe unterzogen wird. Denkt man das so, so erscheinen die neuen Möglichkeiten - die kulturellen, die technischen, die institutionellen - nicht einfach als etwas, das uns gegenübersteht: so eine Praxis bewegt sich schon in der neuen Welt, aber, und das ist entscheidend, für sie ist diese Welt noch nicht der selbstverständliche Hintergrund, also noch nicht Welt im gut philosophischen Sinne. Es ist eine Praxis auf Vorbehalt.

Es mag ja auch sein, daß das Neue seine Faszination - kann man die leugnen, ohne bieder zu sein? - gar nicht den ach so vielen Möglichkeiten verdankt, seiner unglaublichen Handhabbarkeit. Es mag doch sein, daß es hier jedenfalls eine andere Faszination gibt, die darin begründet liegt, daß die neuen Welten wirklich noch nicht ganz angekommen sind - daß ihnen noch keine Erfahrungsweisen entsprechen. Solange, um konkret zu werden, via Internet vor allem Witze, Kontaktwünsche und bald Zahlungsaufträge ausgetauscht würden -, solange könnte doch um das ganze ein Hof von Phantasien spielen, paranoide, chiliastische, narzißtische.

Die Faszination, scheint mir, muß jedenfalls angesprochen werden und wirklich real genommen werden - ansonsten bleibt das, was man hier sagen kann, in der eigentümlichen Ambivalenz zwischen einer nüchternen Darstellung der Instrumente und den erregten Kommentaren über die 'allgemeine Bedeutung' dieser oder jener Technik. Das ist ein Feld - allerdings ein Feld, das eine ganz seltsame Konstitution hat. Es zu beschreiben als unlösbares Geflecht, heißt ja nicht, hier die einen oder anderen Faktoren bestimmend sein zu lassen - weder liegt 'alles' in der Technik bestimmt, noch 'alles' in den sozial kontrollierten Anwendungsformen. Die seltsame Zweideutigkeit, die die Faszination ausmacht, wird auch in der Beschreibung sein.

Walter Benjamin nennt so ein Feld einen Bildraum. Nicht nur deshalb, weil es hier ein visuelles Element - die Phantasien so wie die Illustrationen - das Wissen kreuzt, nicht nur deshalb weil das eine Art Gedächtnisraum ist - vor allem deshalb, weil es der Raum ist, in dem wir ein Bild von uns gewinnen können: genau von uns in der Gegenwart. Hier spielt sich die Praxis ab, von der oben die Rede ist, die Erfahrung, die wir hier machen können, übersteigt uns schon immer - daher ihre Macht. Die Fremdheit ist aber eben eine relative, genauer: eine, in der sich Faszination und Grauen mischen; daher kann es auch nicht darauf ankommen, diese neuen Welten ein für allemal in einen sicheren Griff zu bekommen. Es ist das Spielfeld, auf dem sich private, geschichtliche, gesellschaftliche Erfahrung abspielt und abspielen wird, wo jeder nicht bei sich bleiben kann, aber auch nicht schon durch den Rausch der Vernetzung beim anderen ist.