Die, die an sich ganz ohnmächtig sind, müssen sich mit List behelfen. Wenn Benjamin von List spricht, meint er nicht die betrügerische, taktische List, nicht die List wie Horkheimer und Adorno sie in der Dialektik der Aufklärung vor Augen haben werden. Bei ihnen läßt das listige Subjekt, das sich innen schon geprägt hat, die blinden Mächte im Äußeren spielen - diese List ist intentional. Benjamin meint eine mimetische List, eine, die überhaupt erst einmal Licht macht, die überhaupt erst das Menschliche gegen das barbarische Übermenschliche zur Geltung bringt.
Wo guter Rat teuer war, wußte das Märchen ihn, und wo die Not am größten war,da war seine Hilfe am nächsten. Diese Not war die Not des Mythos. Das Ratsamste, so hat das Märchen vor Zeiten die Menschheit gelehrt, und so lehrt es noch heut die Kinder, ist, den Gewalten der mythischen Welt mit List und mit Übermut zu begegnen (so polarisiert das Märchen den Mut, nämlich dialektisch: in Untermut (d.i. List) und Übermut. (Der Erzähler, GS II/2, 457f) List und Übermut sind auch für Benjamin die Strategien, im paralysierenden Kräftespiel überhaupt etwas zu sehen. Man muß sich dazu von diesen Mächten auch abwenden, vielleicht schlicht, weil sie nicht auszuhalten sind, vielleicht, weil es ihnen genau gegnüber keine Intention mehr gibt. Für Benjamin, weil eine gewisse Fremdheit, eine Ignoranz - jedenfalls alles andere als listige Geschicklichkeit - geradezu Schaffensmedium war. "Oft brennt die Zeit ihr Siegel dem am deutlichsten ein, der von ihr am wenigsten geprägt ist, ihr am fernsten gestanden und daher am tiefsten unter ihr gelitten hat" hat Hannah Arendt einmal über Benjamin gesagt. Hier ist mehr als Leiden und Versagen am Werk, es ist wohl bei Benjamin der Punkt, "wo Schwäche und Genie nur noch eines sind" (wie Benjamin über Proust sagt), es ist eine eigene Produktionsweise. Die List ist hier auch nicht die List des souveränen Subjekts - wie das Benjaminsche Schreiben nicht das eines Planes ist, sondern eher figural. Die List ist die Pluralität des Eigenlebens skurril doppeldeutiger Gestalten: sie sind es, die das Schreiben organisieren, sie sind es auch, die Benjamin im Märchen siehtDas Märchen zeigt uns in der Gestalt des Dummen, wie die Menschheit sich gegen den Mythos 'dumm stellt', es zeigt uns in der Gestalt des jüngsten Bruders, wie ihre Chancen mit der Entfernung von der mythischen Urzeit wachsen; es zeigt uns in der Gestalt dessen, der auszog das Fürchten zu lernen, daß die Dinge durchschaubar sind, vor denen wir Furcht haben; es zeigt uns in der Gestalt des Klugen, daß die Fragen, die der Mythos stellt, einfältig sind wie die Frage der Sphinx es ist; es zeigt uns in der Gestalt der Tiere, die dem Märchenkinde zu Hilfe kommen, daß die Natur sich nicht nur dem Mythos pflichtig, sondern viel lieber um den Menschen geschart weiß.( Der Erzähler, GS II/2, 457f)