Das Tempo aber, jene Schnelligkeit im Lesen oder Schreiben, welche von diesem Vorgang sich kaum trennen läßt, wäre dann gleichsam das Bemühen, die Gabe, den Geist an jenem Zeitmaß teilnehmen zu lassen, in welchem Ähnlichkeiten, flüchtig und um sogleich wieder zu versinken, aus dem Fluß der Dinge hervorblitzen. So teilt noch das profane Lesen - will es nicht schlechterdings um das Verstehen kommen - mit jedem magischen dies: daß es einem notwendigen Tempo oder vielmehr einem kritischen Augenblicke untersteht, welchen der Lesende um keinen Preis vergessen darf, will er nicht leer ausgehen. (Lehre vom Ähnlichen, GS II/1, 209f)
Die Benjaminsche Leserfahrung ist ihrem Ursprung nach einerseits eine kultische, rituelle, andererseits eine geistesgegenwärtige, denn wesentlich ist, das Richtige zur richtigen Zeit zu lesen. Das gilt nicht nur im kleinen: dem der Lesegeschwindigkeit sozusagen, sondern auch im historischen Maßstab: die Lektüre ist ja immer eine doppelte, eine Konjunktion zwischen der Zeit des gelesenen Textes und der Zeit des Lesers. Schließlich ist das Lesen auf eine andere, spezifischere Art historisch: Wie Benjamin schon am Barock gezeigt hat (das recht eigentlich ein Zeitalter des Lesens ist), kommt die Lektüre immer schon zu spät - nicht als Verfallsform, wie es im ersten Augenblick erscheinen mag, sondern als besondere Artikulation der Zeit (Traditionsbruch).