Benjamin wie ein Organ, das diese Gestik wie den Lebensweg hervorbringt. Die Schriften bilden ein Panorama, eine Ansammlung von Figuren, die eine Vielzahl von Lektüren herausfordert - sie zeigen aber auch das Bild eines Lebens, das sich weder in einer gleichbleibenden Haltung, noch in einer kontinuierlichen, logischen Entwicklung erschöpft. "Erstarrte Unruhe" schreibt Benjamin über Baudelaire, "ist die Formel für dessen Lebensbild, das keine Entwicklung kennt." (GS V/1, 414) Nicht weniger gilt das für Benjamin selbst: wohl nimmt sein Leben und Denken immer mehr auf - Marx und Freud, Brecht und Kafka -, aber es bleibt doch dasselbe Kreisen. Vielleicht ist es diese Identität, die seinem Dasein eine Intensität gibt, die schon an Verstocktheit grenzt. Und die auch alles andere als produktiv oder positiv war - mag es den Nachruhm geben, im Leben ist Benjamin gescheitert.
Die seltsame Starrheit der Gestalt - die "chinesische Höflicheit" (Scholem), das "Tabu, mit der er alle animalische Wärme bedachte" (Adono) -, ist sie nicht schon Reakiton auf dieses geahnte Scheitern? Vorlaufende Mimikry, sich Verkleinern, List, als der Versuch, das unabwendbare Unheil noch eine Weile hinauszuzögern, abzulenken und zu täuschen? Diese Vorsicht, dieser Aufschub gilt extrem in Bezug auf seine Position im intellektuellen Milieu: wie die Nachgeschichte zeigt, hat Benjamin hier tatsächlich zusammengebracht, was sich als schlechthin unvereinbar erwies. Oder eben nicht zusammengebracht -
Es ist wohl nicht bloß Geheimniskrämerei, die, wie Adorno berichtet, Benjamin veranlaßt hat, seine Freunde voneinander fernzuhalten: nur als surrealistische Szene vollziehbar wäre etwa die Vorstellung, Scholem, Adorno und Brecht zum friedlichen Symposion am runden Tisch, unter dem Breton oder Aragon hocken, während Wyneken an der Tür steht, versammelt zu sehen, sagen wir zu einem Disput über den 'Geist der Utopie' oder gar den 'Geist als Widersacher der Seele.' (Jürgen Habermas, Bewußtmachende oder rettende Kritik - die Aktualität Walter Benjamins.)