Kritik

Um 1928 schreibt Benjamin, seine bisherigen Versuche seien bemüht gewesen, "den Weg zum Kunstwerk durch Zertrümmerung der Lehre vom Gebietscharakter der Kunst zu bahnen". Seine besondere Weise, an die Dinge heranzugehen, hatte Benjamin in den vorausgehenden Jahren in einer Reihe von exemplarischen Kommentaren und Kritiken entwickelt: über die Romantik, über Goethes 'Wahlverwandtschaften', über das barocke Trauerspiel, um nur die größten zu nennen. Dabei geht es immer auch um eine Theorie der Kunst, in der die diese nicht bloß - idealistisch - Erscheinung der Wahrheit ist, wo aber auch nicht jede Frage nach der Wahrheit der Kunst abgeschnitten wird.

Man kann sagen, daß das Konzept der Kritik an die Stelle der traditionellen Ästhetik treten soll, um deren Probleme zu vermeiden - um die Kunst nicht einem Denken auszuliefern, das nach Benjamin letzlich bloß mythisch ist. Das Benjamin selber vor Formulierungen nicht zurückschreckt, die einem unbefangenen Leser als mythisch (Esoterik) oder willkürlich ("Die Technik des Kritikers in dreizehn Thesen") erscheinen mögen , ist offensichtlich, für ihn aber auch unvermeidbar.
Die kritische Tätigkeit soll historisch bestimmt sein, nicht auf ewige Werte gerichtet. Es kommt ja nicht darauf an, "die Werke des Schrifttums im Zusammenhang ihrer Zeit darzustellen, sondern in der Zeit, da sie entstanden, die Zeit, die sie erkennt - das ist die unsere - zur Darstellung zu bringen. Damit wird die Literatur ein Organon der Geschichte". - Es geht also nicht darum, die Vergangenheit für sich zu erkennen, sondern aus einer bestimmten Perspektive, die eine unserer Gegenwart ist.
Woher aber die nehmen? Ist das die Unterordnung der Literatur unter die Politik, ist die Kritik jetzt nur noch propagandistisch? - "Für alle Kunstbetrachtung" schreibt Benjamin "gilt die Maxime, daß eine Analyse, die nicht auf verborgene Beziehungen im Werk selbst stößt, mithin nicht im Werke selbst genau sehen lehrt und nicht nur an ihm - an ihrem eigentlichen Gegenstand vorbeigeht. Es kann auf alle Fälle eine Kritik nicht anerkannt werden, die sich an keinem Punkte mit der Wahrheit, die sich im Werk verbirgt, solidarisch macht". Das will sagen, daß die Kritik nicht mit einem beliebigen (politischen) Schema an das Werk herangehen kann, mit dem Klassenkampf als ewiggleichem Gesetz der Geschichte etwa, sondern umgekehrt gilt es, den gegenwärtigen Standpunkt am Vergangenen zu prüfen. Später formuliert Benjamin das radikal, aber deutlich:

Dem revolutionären Denker bestätigt sich die eigentümliche revolutionäre Chanche jedes geschichtlichen Augenblicks aus der politischen Situation heraus. Aber sie bestätigt sich ihm nicht minder durch die Schlüsselgewalt dieses Augenblicks über ein ganz bestimmtes, bis dahin verschlossenes Gemach der Vergangenheit. Der Eintritt in diess Gemach fällt mit der politischen Aktion strikt zusammen. (Geschichtsphilosophische ThesenGS I/3, 1231)
Die Kritik ist also eine Probe im doppelten Sinne: zu erproben ist, was das Werk uns heute sagen kann, zu erproben ist aber auch, wie es "die Chanche einer ganz neuen Lösung im Angesicht einer ganz neuen Aufgabe" geben kann - also wie wir in der Gegenwart stehen und sie sehen. Dieses doppelte Gericht ist gerade deswegen möglich, weil das Kunstwerk verhüllt ist: deshalb dauert es und kann als Fundus für die Erkenntnis des Augenblicks dienen, was Benjamin "gleichnishaft" beschreibt als "Aufflammen der in den Kreis der Offenbarung eintretenden Hülle, als eine Verbrennung des Werkes, in welcher seiene Form zum Höhepunkt ihrer Leuchtkraft kommt". Die Kunst bezieht sich auf die Wahrheit, aber erscheinen kann diese erst 'sekundär' - für die Kritik - und stets nur in einem bestimmten Augenblick, für eine Gegenwart. Die Zukunft steht gleichsam im Rücken des Kritikers, der rückwärts schreitend versucht, sich an der Vergangenheit vor seinen Augen zu orientieren, aus ihr zu lesen, wie weit es schon gekommen ist und in welche Richtung der nächste Schritt angebracht ist. Orientieren kann er sich dort an Kleinigkeiten, eben an den 'verborgenen Beziehungen': Wo so ein Detail sichtbar wird, war der Betrachter zur rechten Zeit am rechten Ort. Auf den "geilen Drang aufs große Ganze" muß er freilich verzichten - so eine Art der Kunstbetrachtung kann nur in der Anmaßung enden. Es ist Benjamins List, sich hier auf das Kleine und Unbedeutende zu konzentrieren - erst vor diesen Details kann etwas lesbar werden.