Was Benjmain hier in einem genialen Wurf vorgezeichnet, aber nie ausgeführt hat, ist die Entwicklung einer Philosophie der historischen, religiösen und 'textuellen' Erfahrung. Hier sei der Kantische Ansatz entscheidend zu transformieren denn "diejenige Wirklichkeit mit der er die Erkentnis auf Gewißheit und Wahrheit gründen wollte, ist eine Wirklichkeit niedern, vielleicht niedersten Ranges" Es sei die "Vorstellung von der nackten primitive und selbstverständlichen Erfahrung", die Vorstellung der Aufklärung, "eine der niedrigst stehenden Anschauungen von der Welt", die abzulegen sei. Abzulegen nicht einfach dadurch, daß man von ihr aus 'höhere' Stufen entwickle - das neukantianische Projekt - oder das man die Kantische Natur als Muster verstehe, die man auf eine zweite Natur übertragen könnte. Der Begriff der Erfahrung kann nicht vor oder unabhängig von ihrem Gegenstand bestimmt oder beschränkt werden: "Die Philosophie beruht darauf, daß in der Struktur der Erkenntnis die der Erfahrung liegt und aus ihr zu entfalten ist." Die Erkenntnis hat aber zwei Seiten: ihre vollendete Gestalt als Lehre und ihr jeweiliges zeitliches Moment, ihre zeitliche Gestalt, die macht, daß sie erst lesbar ist. Weil die Wahrheit zeitlich existiert, gibt es keine Erfahrung, die sie 'haben' kann, gibt es eine Vielzahl von Formen der Darstellung, weil die Darstellungsformen momentane sind, können sie sich von der Primitivität, von der Evidenz losreißen. So rekurriert und produziert die Erfahrung ein Material: eingeschrieben ist nicht nur ein wahrer Kern, sondern auch ein Zeitkern: Der Moment, in dem etwas erfahrbar wird, ist nicht der beliebige Moment der Entdeckung einer an sich zeitlosen Wahrheit, sondern er ist immer auch eine Polarisierung der historischen Zeit, gleichsam deren Zusammenraffen zu dem entscheidenden Augenblick. Das Zerspringen der verstellenden Hülle, das Entzünden dieses verborgenen Funkens ist die Aufgabe der Kritik, "ein Vorgang, den man gleichnisweise bezeichnen dürfte als das Aufflammen der in den Kreis der Ideen eintretenden Hülle, als eine Verbrennung des Werkes", des zu Erfahrenden also, "in welcher seine Form zum Höhepunkt ihrer Leuchtkraft kommt".