Erfahrung

Die Erfahrung, um die es Benjamin geht - die Erfahrung der materiellen, wirklichen Geschichte - ist eine konkrete, gewichtige und unreduzierbare. Hier hat Erfahrung noch ganz den Sinn der langen Übung, sie ist nicht einfach zu produzieren, sondern muß zu einem wesentlichen Teil hingenommen werden. Das bedeutet aber auch, daß Benjamin versucht, Erfahrung aus dem Schema von Subjekt und Objekt zu lösen: gerade weil es sich um eine höchst komplexe, problematische Erfahrung handelt, ist es auch eine, die nicht mehr individuell gedacht werden kann, sondern sprachlich, kulturell, materiell, kollektiv. Der Begriff der 'Erfahrung' kann dafür nur herhalten, wenn er von der kantischen Vorstellung gelöst wird, Erfahrung sei der 'aktive Beitrag' eines erfahrenden Subjektes. Schon 1917 (In Über das Programm der kommenden Philosophie) spricht Benjmain von "Elementen spekulativer Metaphysik", die Kant unreflektiert in sein System aufgenommen hat: "Die wichtigsten dieser Elemente sind: erstens die bei Kant trotz aller Ansätze dazu noch nicht endgültig überwundene Auffassung der Erkenntnis als Beziehung zwischen irgendwelchen Subjekten und Objekten; zweitens: die ebenfalls nur ganz ansatzweise überwundene Beziehung der Erkenntnis und der Erfahrung auf menschlich empirisches Bewußtsein." Programm der kommenden Philosophie sei dagegen, "die Sphäre der Erkenntnis jenseits der Subjekt-Objekt-Terminologie autonom zu begründen".

Was Benjmain hier in einem genialen Wurf vorgezeichnet, aber nie ausgeführt hat, ist die Entwicklung einer Philosophie der historischen, religiösen und 'textuellen' Erfahrung. Hier sei der Kantische Ansatz entscheidend zu transformieren denn "diejenige Wirklichkeit mit der er die Erkentnis auf Gewißheit und Wahrheit gründen wollte, ist eine Wirklichkeit niedern, vielleicht niedersten Ranges" Es sei die "Vorstellung von der nackten primitive und selbstverständlichen Erfahrung", die Vorstellung der Aufklärung, "eine der niedrigst stehenden Anschauungen von der Welt", die abzulegen sei. Abzulegen nicht einfach dadurch, daß man von ihr aus 'höhere' Stufen entwickle - das neukantianische Projekt - oder das man die Kantische Natur als Muster verstehe, die man auf eine zweite Natur übertragen könnte. Der Begriff der Erfahrung kann nicht vor oder unabhängig von ihrem Gegenstand bestimmt oder beschränkt werden: "Die Philosophie beruht darauf, daß in der Struktur der Erkenntnis die der Erfahrung liegt und aus ihr zu entfalten ist." Die Erkenntnis hat aber zwei Seiten: ihre vollendete Gestalt als Lehre und ihr jeweiliges zeitliches Moment, ihre zeitliche Gestalt, die macht, daß sie erst lesbar ist. Weil die Wahrheit zeitlich existiert, gibt es keine Erfahrung, die sie 'haben' kann, gibt es eine Vielzahl von Formen der Darstellung, weil die Darstellungsformen momentane sind, können sie sich von der Primitivität, von der Evidenz losreißen. So rekurriert und produziert die Erfahrung ein Material: eingeschrieben ist nicht nur ein wahrer Kern, sondern auch ein Zeitkern: Der Moment, in dem etwas erfahrbar wird, ist nicht der beliebige Moment der Entdeckung einer an sich zeitlosen Wahrheit, sondern er ist immer auch eine Polarisierung der historischen Zeit, gleichsam deren Zusammenraffen zu dem entscheidenden Augenblick. Das Zerspringen der verstellenden Hülle, das Entzünden dieses verborgenen Funkens ist die Aufgabe der Kritik, "ein Vorgang, den man gleichnisweise bezeichnen dürfte als das Aufflammen der in den Kreis der Ideen eintretenden Hülle, als eine Verbrennung des Werkes", des zu Erfahrenden also, "in welcher seine Form zum Höhepunkt ihrer Leuchtkraft kommt".