Das Resultat ist die Einbahnstraße, ein feines Stückchen expressionistischer Prosa. jedoch alles andere als eine Konversion - es bleibt nur die neuentdeckte andere Seite der Medaille. Gewicht gewinnt die Transformation erst da, wo Benjamin den fortan zentralen Begriff der Aktualität von seiner Willkür befreit, wo er andererseits erkennt, in welchem Rahmen sein Schreiben überhaupt erst funktionieren kann. Im kritischen Bezug auf die Surrealistenwird er wieder zum Kommentator, da, wo er erkennt, daß die surrealistische Erfahrung sich (heimlich) auf geschichtsphilosophische Problemstellungen bezieht. Und dabei doch politisch bleibt - das hebt den latenten Antagonismus zwischen der politischen und der kommentierenden Schreibweise auf. Möglich ist das in einem neuen Medium, daß die Surrealitsten tatsächlich 'entdeckt' haben: im politischen Bildraum der Gesellschaft. Die Losung der Surrealisten "Organisierung des Pessimismus" ist für Benjamin extrem politisch:
Den Pessimismus organisieren heißt nämlich nichts anderes als die moralische Metapher aus der Politik hinauszubefördern und im Raum des politischen Handelns den hundtertprozentigen Bildraum zu entdecken. Dieser Bildraum ist kontemplativ überhaupt nicht mehr auszumessen.
zuerst stieß auf die revolutionären Energien, die im 'Veralteten' erscheinen, in den ersten Eisenkonstruktionen, den ersten Fabrikgebäuden, den frühesten Photos, den Gegenständen die anfangen auszusterben, den Salonflügeln, den Kleidern von fünf Jahren, den mondänen Versammlungslokalen, wenn die vogue beginnt sich von ihnen zurückzuziehen.
Denkbar ist diese 'surrealistische Zeit' nur in einem 'Bildraum', der als radikal diskontinuierlich dargestellt wird. Sein Projekt, diesen Bildraum zu denken, unterscheidet Benjamin auch von diversen Spielarten des Marxismus, jedenfalls vom Vulgärmaterialismus, wie der konzentrierte Abschluß des Surrealismus-Aufsatzes andeutet^: Überall
wo ein Handeln selber das Bild aus sich herausstellt und ist, in sich hineinreißt und frißt, wo die Nähe sich selbst aus den Augen sieht, tut dieser gesuchte Bildraum sich auf, die Welt allseitiger und integraler Aktualität, in der die 'gute Stube' ausfällt, der Raum mit einem Wort, in welchem der politische Materialismus und die physische Kreatur den inneren Menschen, die Psyche, das Individuum oder was sonst wir ihnen vorwerfen wollen, [...] miteinander teilen. Dennoch aber - ja gerade nach solch dialektischer Vernichtung - wird dieser Raum noch Bildraum, und konkreter, Leibraum sein. Denn es hilft nichts, das Eingeständnis ist fällig: Der metaphysische Materialismus [...] läßt sich in den anthropologischen Materialsimus , wie die Erfahrung der Sürrealisten und früher eines Hebel, Georg Büchner, Nietzsche, Rimbaud ihn belegt, nicht bruchlos überführen. Es bleibt ein Rest.
Auch das Kollektivum ist leibhaft. Und die Physis, die sich in der Technik ihm organisiert, ist nach ihrer ganzen politischen und sachlichen Wirklichkeit nur in jenem Bildraume zu erzeugen, in welchem die profane Erleuchtung uns heimisch macht