Manchmal erscheint die neue Welt eher beängstigend, fremd - als stünde sie uns gegenüber, so fremd wie die 'Zweite Natur'. Aber wenn man das so bezeichnet, muß man sich doch sehr vorsehen - 'zweite Natur' ist doch ein Konzept, das recht bestimmte Implikationen nach sich zieht: es macht nämlich gerade den Bildraum unsichtbar, den es darstellen soll. Hinter ihm steht nämlich ein Gedanke von Natur, der nicht derselbe ist wie die, die uns im Neuen begegnet: wo diese unheimlich ist, ist die zweite Natur zwingend, beschränkend. Vielleicht resultiert dieser Begiff historisch aus der , die dem Traditionsbruch zwar gegenüberstand, sich aber in ihn nicht stürzen wollte.
Unsere Welt ist unendlich groß geworden und in jedem Winkel reicher an Geschenken und Gefahren als die griechische, aber dieser Reichtum hebt den tragenden und positiven Sinn ihres Lebens auf: die Totalität. Totalität des Seins ist nur möglich, wo alles schon homogen ist, bevor es von den Formen erfaßt wird; wo die Formen kein Zwang sind, sondern nur das Bewußtwerden, nur das Auf-die-Oberfläche-Treten von allem, was im Inneren des zu Formenden als unklare Sehnsucht geschlummert hat.Georg Lukács Diagnose der zerfallenen Welt aus der "Theorie des Romans" spiegelt die Erfahrung jener Generation wieder: es ist vor allem die Erfahrung einer Krise des Individuums. Entscheiden ist ja, daß diese zerfallene Welt nicht nur keiner totalen Erfahrung mehr offensteht, sondern darüber hinaus überhaupt fremd wird, Zwangscharakter annimmt. Die Welt, dem Menschen nicht mehr gemäß, der Seele fremd, wird eine zweite Natur:(Georg Lukács, Theorie des Romans, 16)
Wo keine Ziele unmittelbar gegeben sind, verlieren die Gebilde, die die Seele bei ihrer Menschwerdung als Schauplatz und Substrat ihrer Tätigkeit unter den Menschen vorfindet, ihr evidentes Wurzeln in überpersönlichen, seinsollenden Notwendigkeiten; sie sind etwas einfach Seiendes; sie bilden die Welt der Konvention: Sie ist eine zweite Natur; wie die erste nur als den Inbegriff von erkannten sinnesfremden Notwendigkeiten bestimmbar und deshalb in ihrer wirklichen Substanz unerfaßbar und unerkennbar.Die Kultur ist in dieser Darstellung gedacht als ein System akkumulierter Gewohnheiten, die dem Einzelnen fremd gegenüberstehen. Tatsächlich war sie einmal 'lebendig', das heißt Menschenwerk, aber sie kann es nicht wieder werden. Was einmal 'Seele' war, ist jetzt zur 'Form' erstarrt , das Lebendige stirbt tatsächlich, das Seelenhafte vermodert und zurück bleibt die entleerte, zwingende Form:(Georg Lukács, Theorie des Romans, 52f)
Schädelstätte vermoderter Innnerlichkeiten. Wenn das Seelische der Gebilde nicht mehr unmittelbar zur Seele werden kann, wenn die Gebilde nicht mehr nur wie Ballung und Stauung von Innerlichkeiten erscheinen, die jeden Augenblick in Seele rückverwandelt werden können, müssen sie eine die Menschen wahllos blind und ausnahmslos beherschende Macht erlangen, um bestehen zu können.Deutlich ist das nicht nur eine Krisendiagnose der Moderne, sondern auch eine Konzeption des Verhältnisses des Individuums zu seiner Kultur. Das ist aber ein äußerst paradoxes Verhältnis: denn nicht nur ist die Verdinglichung verantwortlich für die Krise des Individuums, auf der anderen Seite ist gerade sie es, die (zumindestens in diesem Modell) den Aufbau einer Kultur über das Individuum hinaus erst möglich macht. Wie Georg Simmel sagt:(Georg Lukács, Theorie des Romans, 55f)
Mit der Vergegenständlichung des Geistes ist die Form gewonnen, die ein Konservieren und Anhäufen der Bewußtseinsarbeit gestattet; sie ist die bedeutsamste und folgenreichste Kategorie unter den historischen Kategorien der Menschheit. Denn sie mach zur geschichtlichen Tatsache, was als biologische so zweifelhaft ist: die Vererbung des Erworbenen.Das ist tatsächlich ein Modell der Kulturbildung - aber mit welchen Folgen: Kultur erscheint jetzt als Dauerkrise, für das Individuum ist sie eben dessen Schädelstätte. Und die Dingwelten entsprechen jetzt bloß dem Stahlkäfig, in den die Kultur das Individuum schmiedet. Das Lukács mit dieser Konzeption ein Problem hat, vor allem weil der den Warenfetischismus und die Verdinglichung nicht auseinanderhält, ist allerdings schon oft bemerkt worden - das Grundschema zieht sich allerdings weiterhin durch die diversen 'kritischen Theorien'. Allzugerne ist dann auch Benjamin dieses Schema untergeschoben worden, ohne darauf zu achten, daß seine Methode und sein Begriff von Erfahrung eine ganz andere ist als die jener Theoretiker.(Georg Simmel, Philosophie des Geldes, 627)
Für die 'Kulturtheorie', die sich mit Simmel und Lukács konstituiert ist das kulturelle Feld zerrissen: auf der einen Seite stehen die Dingwelten, Mächte des Todes oder doch der Erstarrung, auf der anderen der lebendige, aber flüchtige menschliche Geist. Dieser Gegensatz kann nicht dazu geeignet sein, etwas sichtbar zu machen - vielleicht müßte man sich tatsächlich trauen, den neuen Dingwelten nicht nur den Tod zuzusprechen, wenn man von 'neuer Natur' redet, müßte man da nicht eine ganz andere Natur vor Augen haben, als die der Gesetzmäßgikeiten? Schließlich ist es ja die Natur, die ganz von unseren Wünschen durchzogen ist, ja, die unsere Wünsche ist. So etwas versucht Benjamin darin auszudrücken, daß die neue Natur einen Körper habe: