Zwischenresümee mit empirischen Belegen
Es konnte festgestellt werden, daß ein Großteil der Kommunikation im Internet auch weiterhin lokal erfolgt, also z. B. um Umkreis von einigen hundert Kilometern oder eines Landes, und die sogenannte Grenzenlosigkeit nur in Randpunkten existiert. Das Internet ist zur Zeit jedenfalls sicherlich kein Universum, wo jeder erreichbar ist. Mehr als 95% der Weltbevölkerung haben keinen Internetzugang, in vielen Ländern Afrikas z. B. gibt es gar kein Internet. Doch der typische Internet-User hat auch so ähnlich wie Marc, 22-jähriger EDV-Fachmann in den Niederlanden, folgenden Eindruck:
"One global community. I notice this in my own surroundings: a friend of me has a girlfriend in L. A. Someone from my class is living together with a British girl he met online. Yet another one is engaged with a Texan. Its happening all around me... Internet IS universal. Its the common link that can overcome a lot of differences. In my experience, there arent much differences, in reality. Internet unites. Borders disappear with internet. You can talk just as easily with someone on the other side of the globe as with your neighbour. It definitely changed my view of the world. Prejudice disappears."
Stefan, Student in Wien, beschreibt die Konsequenz der technischen Grundlagen der CMC für den Gebrauch von Sprache folgendermaßen:
"Wichtig ist das bewußte erkennen, daß Freundlichkeiten nicht so leicht verstanden werden. Ich habe mal sehr freundlich - aber lustig um eine noch ausständige Zahlung angefragt - puh - die haben das in die falsche Kehle bekommen und waren sehr entsetzt - ich mußte das dann per mail aufklären - am Telefon wäre das nie passiert."
Michael, wissenschaftlicher Mitarbeiter an einem Mathematik-Institut einer deutschen Universität, bringt es auf den Punkt:
"Sprache ist das einzige Medium. Im Internet wird klar, wie sehr Kommunikation von Begleiterscheinungen (Gesten, körperliche Anzeichen, etc. ) abhängt."
Ein Modell der gegenwärtigen Linguistik sieht Sprache als alleinig dann existent, wenn sie in einer konkreten Situation gesprochen wird. Sprache wird damit nicht mehr, wie in der traditionellen Linguistik, als ein präexistentes und fixes, sondern als ein sich erst im Gebrauch produzierendes System gesehen. Gemäß dieser linguistischen Interpretation von Sprache kann die in der CMC sich ergebende Sprache als neue und eigene Form von Sprache gesehen werden. Sprache in der CMC ist eine neue Form der Verwendung von Sprache, die mit Walter Ong zwar präliterarische Charakteristika hat, aber dennoch schriftlich übertragen wird. Sie kann damit als neue und zweite Form der Oralität klassifiziert werden. Sprachliche Interaktionen über CMC beruhen auf der Umsetzung von ursprünglich mit der Hand geschriebener Sprache in die elektronische Form des ASCII-Zeichensatzes, und diese elektronische Form des geschriebenen Wortes ist per se schon anonymer als die handgeschriebene Schrift. Analiese, Studentin aus den U.S.A. und nach einem Semester in Wien nun an einer schottischen Universität, beschreibt an einem konkreten Beispiel diese immer wieder erfahrbare geringe Bandbreite der übertragbaren Information in der Kommunikation via E-Mail. Im Vergleich zum Telephon weist sprachliche Interaktion über CMC eindeutige Defizite auf.
"Noch ein Beispiel: wenn ich kürzlich mit meinem Verlobten verlobt hatte, mußte ich meiner Mutter erzählen. Aber sie ist 5000 Miles weit weg von mir, und ich wußte, es wäre ihr schwer zu verstehen und akzeptieren, da ich so weit von ihr bin. Ich wollte, daß sie den Plan gut fände, und ich wollte ihr lieber nicht durch Internet sagen. Meiner Meinung nach sollen solche fröhlichen Sachen persönlich gesagt werden. Ich mußte ihr mit Telefon erzählen, denn ich habe mich entschieden, ein Brief wäre zu "kalt." Mit Stimmen kann man dem anderen einfacher versprechen, daß alles gut gehen wird."
Die Verwendung von Sprache erfolgt in der CMC informeller als in alltäglicher Kommunikation, sie ähnelt mehr der gesprochenen Sprache. Der Stil kann als E-Stil bezeichnet werden, da er eine eigene Form darstellt. Es ist in der Verwendung von Sprache in der CMC ein wesentlich spielerischer Umgang mit Sprache deutlicher als sonst wo beobachtbar. Darüber hinaus wird durch die Erschaffung einer Para-Sprache versucht, mittels sprachlicher und zeichenhafter Ausdrücke Aspekte der Kommunikation, die bisher vorwiegend nonverbal übertragen wurden, zum Ausdruck zu bringen. Sprache kann besonders in ihrer Verwendung im Internet Räume und Umwelten erschaffen, wie es besonders in MUDs und MOOs festzustellen ist. Analiese erwähnt auch, daß als Hilfsmittel zum Ausdrücken von Gefühlen oft auch Graphic Accents eingesetzt werden.
"Ja, wenn man so etwas wie :-) tippt, bedeutet das ein "Grinsen" oder das Gesicht des Teufels scheint so: };- Manchmal tippt man was mit Asterisken "*" z. B. lächeln und das heißt, daß einer gelächelt hat. Fast jeder Benutzer erkennt diese Symbole."
Die Kommunikation via CMC wird als neue Form der Kommunikation gesehen, die sich von den bisher bekannten Kommunikationsformen des Monologs und Dialogs dadurch unterscheidet, daß es via CMC möglich ist, mit mehreren Menschen zugleich in einer dialogischen Kommunikationsstruktur zu stehen. Kommmunikation via CMC kann damit als multilogische Kommunikation bezeichnet werden.
In der systemischen Perspektive wird Sprache als nicht präexistent gesehen. Interaktion wird als die Koordination von Verhalten zwischen autopoietischen und operational geschlossenen Systemen, d. h. Lebewesen gesehen. Jedes Lebewesen kann mit jedem anderen Lebewesen mittels Interaktion die Koordination der jeweiligen Verhaltensweisen erzeugen. Interaktion, die sich auf Interaktion, die der Verhaltenskoordination dient, bezieht, wird im systemischen Ansatz als Sprache im weitesten Sinne gesehen. Die Interaktion zur Koordination von Interaktionen wird als Linguieren bezeichnet und ist Sprache, die damit als Koordination koordinierter Handlungen definiert werden kann. Emotionen werden in diesem systemischen Modell als die Wechselwirkungen von körperlichen Zuständen und Linguieren beschrieben. Der Mensch ist damit ein linguierendes Lebewesen, das autonom, sprachlich bedingt und grundlegend kommunikativ ist, und damit ein auf andere angewiesenes Lebewesen ist. Im systemischen Modell entstehen die Welt und die Gegenstände der Welt in der sprachlichen Koordination der Verhaltenskoordination, womit Existenz- und Objektbestimmungen nur sprachlich möglich und nur sprachlich gegeben sind. Schlußfolgernd lebt das Individuum in derjenigen Welt, die sein Organismus erzeugt hat. Realität ist immer die Realität eines Wahrnehmenden Lebewesens. Es ist in der systemischen Sichtweise daher angebrachter, auch nicht von einem einzigen Universum zu sprechen, sondern von parallel existenten Multiversa.
Werner, 30-jähriger EDV-Fachmann aus Österreich, liefert ein konkretes Beispiel für die Veränderung der Bedeutung von Existenz. Durch das Internet hat sich die Bedeutung der geographischen Lokalisation der Dinge der Welt entscheidend verändert, indem sie für ihn unwichtig wurde.
"Ich habe einen Postkasten mehr, den ich täglich beantworte. Und ich habe Zugriff auf schier unendlich viel Information. Natürlich hat sich die Welt verändert. Sie ist wieder ein bißchen kleiner geworden. Wie nach dem Flugzeug und dem Auto ebenfalls."
Einheiten existieren in der systemischen Sichtweise zunächst nur im kognitiven Bereich dessen, der sie hervorbringt und sind subjektgebunden. Da alles, was der Mensch beschreibt, erst in der Kommunikation überindividuelle Relevanz und damit Bedeutung gewinnt, besteht die Welt von Beobachtern aus konsensuell akzeptierten Einheiten, und die Basis der Kommunikation liegt somit in der unüberwindlichen Differenz zwischen den individuell hervorgebrachten Einheiten und der pragmatischen Notwendigkeit des Konsenses. Individuelle wie auch konsensuelle Einheiten sind aber für alle Belange des menschlichen Lebens insofern real, als es eine andere Realität für Menschen nicht geben kann. Uwe, Bürokaufmann in Deutschland, hat diese Interpretation der Funktion von Sprache besonders durch CMC erfahren:
"Meine Einstellung zur "Realität" als eine nicht objektive, nicht feste und nicht allgemein gleich interpretierte Entität hat sich gefestigt. Durch die völlig neue Erfahrung von "eins sein im Geiste" mit einem Partner, der weder greifbar noch überhaupt verifizierbar ist, habe ich die Bestätigung gefunden, daß Realität nur an der aktuellen Situation desjenigen festgemacht werden kann, der sie empfindet."
Johannes, achtundzwanzigjähriger Student in Deutschland, hat, wie er berichtet, gerade durch die existenz- und damit weltschaffende Funktion der Sprache negative Erfahrungen mit CMC gemacht:
"Also zu meiner Geschichte im Netz: /.../ Online war ich über die FH Furtwangen seit 93 am Netz, auch im IRC... Seit Mitte 96 habe ich dieses Hobby ziemlich heruntergeschraubt. Ich bin nun eher ein "REAL-Mensch" geworden, gehe abends fast immer weg, tanzen, Sport, Chor und andere Hobbys, lerne Menschen jetzt lieber von Angesicht zu Angesicht kennen... Ich wäre noch länger ohne Freundin gewesen, wenn ich diesen Humbug nicht letztes Jahr mal in die Ecke geschmissen hätte und mehr unter die Leute gegangen wäre! Das besserte sich also erst, nachdem ich anfing, einen Tanzkurs zu machen, wieder anfing, im Chor zu singen und halt sonst auch die Prioritäten vollkommen ins REAL verlagert habe."
Das Internet kann unter systemischen Blickwinkel als ein weiteres Multiversum gesehen werden, wie David meint:
"Internet: Eine hyperreale Struktur, nicht räumlich, die der "normalen" Welt aufgepfropft wird, und in der wir uns in Zukunft mehr bewegen werden."
Die Konzeptionen von "Existenz" und "Welt" verändern sich durch den Gebrauch der CMC. Die Welt als Universum wird zu einem Multiversum nebeneinander existierender und miteinander verwobener Welten relativiert.
Sprachliche Interaktion findet für den systemischen Ansatz dann statt, wenn Individuen zusammentreffen und Bereiche der Konsensualität schaffen. Linguieren ist in der sprachlichen Interaktion über CMC genauso möglich, wie in den bisher gebräuchlichen Formen der Verhaltenskoordination durch Sprache. CMC eröffnet damit neue Möglichkeiten von Konsensualität und menschlichen Konversierens. Analiese reflektiert ihre Erfahrungen in einer Newsgroup und illustriert damit, daß die Konzeption des Menschen als linguierendem Wesen auch in der CMC seine Bestätigung finden kann.
"Ich lese eine Newsgruppe, und habe sie seit ungefähr 13 Monaten gelesen. Bestimmt in dieser Gruppe bin ich fast eine Königin geworden. Die anderen Leser halten alle meiner Wörter für wichtig. Ich bin das einzige Mädchen (so weit ich weiß), und die Anderen stützen mich, wenn ein neuer Leser mir etwas unfein sagt. Die Gruppe heißt übrigens alt.nuke.the.USA. In so einer Gruppe gibt es natürlich zwei Gesellschaften. :) Die Amis gegen die Europäer. Übrigens bin ich der Internetliebling der Europäer. Die Amis mögen mich nicht, weil sie meinen, ich habe sie verraten. Stimmt! Ich habe keine Loyalität für die U. S."
Wörter sind in systemischer Konzeption sprachliche Unterscheidungen, die durch Konsensualität einer Gruppe von Menschen, die miteinander spricht, entstehen können. Der gemeinsame Aufbau konsensueller Bereiche kann dazu führen, daß andere Menschen nicht mehr an der Interaktion teilnehmen können, da sie diese Entwicklung nicht mitvollzogen haben. Johannes betrieb eine Zeit lang eine eigene Mailbox und beschreibt diesen Aspekt:
"In meiner lokalen Mailbox dagegen verhielt es sich gerade umgekehrt, wir trafen uns damals auch sehr oft so zum Reden und das Gelaber in der Box war oft nur noch ein witziger Austausch von Insiderjokes und lustigem Geflame;)) Ein Aussenstehender raffte da oft ueberhaupt nix ;)"
Analiese berichtet von einer Begebenheit:
""Symbole und Kommunikationsmethoden als eine "Sprache des Internets" sind mir gleich wichtig, im Leben sowie im Internet. Aber ich muß zugeben, das Internet ist mir mehr ein Spiel als ein LEBEN. Zum Beispiel gab s einen Freund von mir, den ich fast nie sah, weil wir in verschiedene Länder wohnen. Eines Tages wurde er böse auf mich, und ich weiß HEUTZUTAGE nicht warum. Er will mir nicht antworten. Meine Briefe bleiben unbeantwortet. Und irgendwie bin ich nicht traurig darum. Es ist mir eigentlich, als ob mein Lieblingscharakter eines Videospiel "gestorben" ist. Vielleicht wenn wir gewohnt daran wären, einander jeden Tag zu sehen usf. , wäre ich trauriger. Aber ich fühle mich eigentlich nicht ungeheuer schlecht, und ich soll wahrscheinlich mehr Leid haben...aber...ich habe es nicht."
Die Bedeutung dieser neuen Möglichkeit der systemischen Verhaltenskoordination wird intuitiv anders eingeschätzt und bewertet als in den bisher gebräuchlichen Bereichen, wie das Beispiel von Analiese veranschaulicht, die die Beendigung des Kontaktes zu einem anderen Menschen, der immer nur durch E-Mail aufrecht gehalten wurde, mit dem Verlust einer Spielfigur in einem Videospiel vergleicht. Interaktion über den Computer und via CMC hat nicht dieselbe Relevanz wie das restliche Leben. Als eine Ursache kann wohl die zur Zeit durch die technische Beschränkungen notwendige Reduktion der Sprache auf das geschriebene Wort, d. h. auf den Text, gesehen werden. Es werden zwar neue Bereiche des sprachlichen Miteinanders geschaffen, doch durch die Reduktion menschlicher Sprache auf das getippte Wort verlieren Linguieren, Emotionieren und Konversieren, obwohl sie in der CMC erfahrbar sind, dennoch an Effizienz und damit für das Individuum subjektiv an Tiefe. Die Beispiele von Marc und von Andreas, 23-jähriger Student in Deutschland, zeigen, daß systemisches Konversieren, d. h. die Lust am Miteinander, bei dem gemeinsame Handlungen wichtiger sind als die Inhalte, und der Aufbau gemeinsamer konsensueller Bereiche auch in der Verwendung von Sprache in der CMC im Vordergrund stehen können.
"Yes. There really is a united group of people which just happen to "live" in the same newsgroup. There is a lot of "friendly fire" on a flamegroup, but meanwhile there are no harsh feelings. Its all part of the game. There are clearly some lines that no one will ever cross, simply because its a GAME. Roasting each other online doesnt mean you cant have a great time in the pub afterwards."
"Newsgroups sind wie Clubs oder Vereine. Viele Leute treffen sich dort, weil sie sich unter Ihresgleichen wohl fühlen. Besonders auffallend ist dies in alt.fan.monty-python, wo es Mitglieder in bestimmten erfundenen Gruppen gibt!"
In der personzentrierten Perspektive sind förderliche, d. h. den Menschen guttuende und zur Weiterentwicklung beitragende zwischenmenschliche Beziehungen von Empathie, d. i. gegenseitige emotionale Einfühlung, Akzeptanz, d. i. gegenseitiger Respekt und Authentizität, d. i. Echtheit, gekennzeichnet. Besonders der Kontakt per E-Mail besitzt, so meint Stefan, eine große Ähnlichkeit mit der traditionellen Briefkorrespondenz, in der die Verwirklichung der drei genannten Elemente durchaus möglich ist:
"Alle 3 Varianten sind Vorhanden und 100 Prozent vorstellbar auch echt. Wenn ich nur über das Wetter oder Informationen maile dann ist es Fassade oder Standardhöflichkeit. Wenn ich über intensive Themen mit ausgewählten Personen maile - die ich sonst nicht erreichen kann oder nur schwer erreiche - dann ist mail ein gutes Medium. Einem Brief spricht man ja aufrichtiges Interesse auch nicht ab. Wer Zeit und Gedanken zu meinem Briefe investiert und Sinn in seine Zeilen bringt, dem nehme ich Emotionen und Gefühl, Wertschätzung, etc. aber sicher ab."
Hermann sieht die Qualität der sprachlichen Interaktion absolut abhängig von den Personen, die miteinander interagieren und hält auch unter Einbeziehung des Internets die Art des Mediums für nebensächlich.
"Das ist alles überhaupt nicht wesentlich anders, als in anderen Kommunikationsmedien und ich erlebe das völlig unspektakulär. Ob jemand fassadenhaft ist, Achtung, Respekt und Akzeptanz zeigt und verstehen und sich einfühlen kann, hängt zu 100% von der Person ab und zu 0% vom Medium. Wenn jemand ein Schwein ist, oder auf schön tut, oder sehr nett ist, dann ist er es persönlich, am Telefon, im Brief und auch im Internet."
Es läßt sich kein eindeutiger Grund für das Fehlen einer der drei personzentrierten Gesprächselemente und damit des Nichtvorhandenseins personzentrierter fördernder und positiver zwischenmenschlicher Beziehungen durch sprachliche Interaktion in der CMC finden. Ein User, der anonym bleiben möchte, hat dementsprechende Erfahrungen gemacht:
"Echtheit kann auch im persönlichen Gegenüber nicht in jedem Fall hergestellt werden - bzw. ist ein Produkt der Wiederholung. Es gibt sie für mich online weder mehr noch weniger als im Augenkontakt oder am Telefon. Achtung, Respekt und Wertschätzung sind dann gegeben, wenn jemand trotz der Versuchung zum Hit-And-Run oder nachlässigen Blabla sich Zeit und Mühe gibt, eine E-Mail wirklich überlegt und korrekt abzufassen. Ich empfinde diese Gefühle dz. Gegenüber einer nicht kleinen Zahl von Leuten, die ich nie anders erlebt habe als online. "
Personzentrierte Authentizität, d. h. Echtheit der Personen, sei, so der Grundtenor der User, ebenso wie bei Kommunikationsformen, die nicht online erfolgen, nach einiger Zeit in etwa grob abschätzbar. Fassadenhaftigkeit als Gegenteil von Echtheit kann bei einem alltäglichen Gespräch genauso vorhanden sein wie in Kontakten in der CMC und sei in der CMC nicht schwieriger als anderswo zu erkennen. Ebenso wie im Alltag eine fast perfekte Täuschung möglich ist, sei dies auch in der CMC praktizierbar.
Interessanterweise wird in der Interaktion mittels IRC Echtheit seltener erlebt als via E-Mail, wie Johannes meint:
"Zwischen Kommunikationspartnern im IRC und den Menschen in Wirklichkeit klaffen oft sehr große Lücken. Das durfte ich sehr oft schon feststellen."
Sprachliche Interaktion via IRC wird von der Atmosphäre her mit einem Kaffeehaus oder einer Bar verglichen, wo es primär nicht um Inhalte geht, sondern die Interaktion an sich im Vordergrund steht. Es wird möglicherweise aufgrund der Synchronizität bei IRC mehr Echtheit erwartet, als die Gesprächsteilnehmer de facto zeigen. E-Mail ist wie der traditionelle Brief ein asynchrones Medium, das sich dadurch weniger neu für den Benutzer darstellt und keine unerfüllten Hoffnungen bzw. Erwartungen mehr weckt. Es ist auch strukturgebendes Element gewisser Internet-Foren, ganz bewußt auf Echtheit zu verzichten und dies auch nicht als Defizit zu erleben, meint Marc:
"On newsgroups, its part of the game that there is no face-to-face contact. I am a regular to one of usenets flamegroups, and part of the spirit is that you are basically talking to the image you have of someone."
Personzentrierte Wertschätzung im Sinne von Achtung, Respekt und Akzeptanz gegenüber anderen sind dafür leicht und relativ schnell zu erfahren. Es wird auch als Vorteil gesehen, daß z. B. Aussehen und Sprachbegabung nicht wichtig für das Finden von Respekt oder Akzeptanz ist, sondern daß Wissen, Ausdrucksweise und Persönlichkeit entscheidender sind. Personzentrierte Empathie als einfühlendes Verstehen des anderen ist ebenfalls leicht erfahrbar. So meint Uwe:
"Es ist erstaunlich, wie schnell eine Person, die sich nur durch ihre Sprache im Internet darstellt, ein aufrichtiges Mitgefühl bei den anderen Kommunikationspartnern erreichen kann. Ich habe fast den Eindruck, daß dies schneller und intensiver geht, als in manchen Situationen im "täglichen Leben". Konkrete Erlebnisse habe ich, ich werde sie aber nicht ausplaudern, weil ich dabei a) das in mich gesetzte Vertrauen verletzen würde und ich b) diese Erlebnisse genauso wertschätze, wie andere persönliche Erlebnisse, die ich auch nicht einfach öffentlich weitertrage."
Doch wird gerade auch im Zusammenhang mit dem Gefühl des Sich-Verstanden-Wissens für viele User deutlich, wie eingeschränkt Kontakte in der CMC durch die Reduktion auf mittels Tastatur getippte Worte sind, wie Johannes deutlich macht:
"Ich kann mich nur richtig einfühlen, wenn ich den anderen vor mir habe, besonders natürlich bei den Frauen ;-). Über Netz ist das quasi unmöglich, weil die meisten Sinne nix zu tun haben.. Beim Telefonieren hat man wenigstens noch die Stimme, beim Briefeschreiben die Handschrift und beim persönlichen Gespräch brauch´ ich Dir ja kaum zu sagen, was so auf Dich einwirken kann ;)"
Gespräche werden in ihrer personzentrierten Idealform als Dialoge geführt und sind ein System von Prozessen der Veränderung. Emotionen werden meist verdeckt, nicht klar wahrgenommen oder verleugnet. Durch personzentrierte Gespräche in Dialogform ist es möglich, Gefühle präsent werden zu lassen. In Dialogen werden verbale Welten geschaffen, die jedem Dialog eine eigene Welt geben, die sich nur den Teilnehmern eröffnet. Stefan hat eine gewisse Änderung seiner verbalen Welt durch die Verwendung der CMC erlebt.
"Es schleichen sich neue Worte ein (anklicken, Multimedia, attachen, Mail, etc.)- sonst spreche ich aber schon zu lange, um an meiner Sprache was zu ändern - aber ich passe meine Schreibstil ans Netz an."
Johannes erging es ebenso. Ihn hat der Gebrauch der CMC dazu gebracht, eine neue verbale Welt im Chat zu schaffen und diese verbale Welt in die vorhandene verbale Welt außerhalb der CMC zu integrieren.
"Ich habe mir durch das chatten einen lockeren Umgangston angewöhnt, der meine Art eigentlich so rüberbringen soll, wie sie ist. /.../ Wenn ich mich mies fühle, zeige ich das genauso, wie wenn ich mich wohl fühle oder eine Wut auf jemanden hab. /.../ Smilies benutze ich dazu ziemlich oft... In unserer Gegend entstand im Umkreis meiner Box und im Zusammenhang mit dem Dialekt eine Art Chat-Slang, einfach eine Art, sich witzig auszudrücken."
Marc hat diesen Aspekt von Sprache und das in ihr vorhandene Ausdruckspotential - vor allem der schon vorhandenen alltagssprachlichen Begriffe - auch über CMC in positiver Weise erlebt.
"Internet definitely broadened my views, and has become just another utensil to me, just like mail and telephone. Having a talk request is just as normal for me as having a conversation on the phone. The only thing is that you dont actually hear the other persons voice. But you cant have any idea how much more powerfull bits can be when arranged in a certain order. Unbelievable, how good a couple of typed words from someone you love can make you feel."
CMC wird trotz des Fehlens stimmlicher Komponenten von den Usern ganz klar als Dialog gesehen, der sogar in der Qualität über dem alltäglichen Dialog liegen kann, wie Andreas meint:
"Im Internet sind Dialoge sehr gut möglich! Ich kommuniziere mit Freunden, die nicht in der Nahe wohnen hauptsächlich via E-Mail. Das ist dann oft eine wochenlange hin- und her "Reply"-erei. Man kann per E-Mail den Partner ausreden lassen und trotzdem jeden seiner Aussagen kommentieren!!! Das ist das Entscheidende für mich. Außerdem wird man nicht durch Umwelteinflüsse abgelenkt, weil man die Mails halt liest, wenn man Zeit hat."
Der Dialog via E-Mail an eine eindeutig definierte Person unterscheidet sich von einem Briefwechsel vor allem durch die Verbesserung der Zustellungsgeschwindigkeit und damit der Aktualität. Neuartig ist, daß die Kommunikation auf mehr als zwei Teilnehmer ausgedehnt werden kann. Bei E-Mail, die als Posting in NetNews-Gruppen geschrieben wird, vollzieht sich dieser Dialog vor einem Publikum, ähnlich wie bei einer Talk-Show im Fernsehen, bei der die Teilnehmer unsichtbar sind. Andrerseits erfährt die Zeitkomponente durch die Möglichkeit des "Reply"-Befehls der meisten E-Mail-Programme eine Verschiebung, gibt Birgit, wissenschaftliche Mitarbeiterin an einer österreichischen Universität, zu bedenken. Es ist möglich, anders als bei einem realen Gespräch, Zeit zwischen einzelnen Statements vergehen lassen zu können:
"Es ist ein Dialog, der meist zeitlich weiter auseinander liegt, als z. B. ein Telefonat. Dafür können andere Infos auch "besprochen" werden (Attachments). Um Kommunikation im Internet als Dialog zu fördern, kann dialogorientierte Sprache (Fragen, persönlicher Bezug, ) eingesetzt werden. Ich kommuniziere regelmäßig mit den Mitgliedern meiner Lehrgangsgruppe über e-Mail (oft mehrmals täglich, wenn wir an einer konkreten Arbeit beschäftigt sind) und ich sehe das durchaus als Dialog."
Der Chat mittels IRC nimmt, wie Uwe bemerkt, in diesem Zusammenhang eine Sonderstellung ein, da er einen synchronen, geschriebenen Dialog ermöglicht.
"Nehme einen Chat. Dies ist die zur Zeit intensivste Kommunikation auf virtueller Basis, die ich kenne. Wenn Du noch in keinem Chat warst, solltest Du das schnell nachholen. Nimm Dir Zeit, die ersten Kontakte sind sehr oberflächlich, manchmal auch vulgär und unangenehm."
Einerseits werden die Gesprächspartner in IRC-Interaktionen besonders selten als echt erlebt, doch andrerseits wird der Synchronizität des Dialoges ein hoher Stellenwert gegeben. Neben anderen bestätigt auch Marc die Ansicht, daß es E-Mail leichter macht, emotionale Aspekte zu thematisieren und schildert ein besonderes Erlebnis, bei dem er selbst darüber erstaunt war, wie intensiv es möglich ist, in der CMC Gefühle zu vermitteln.
"It is certainly possible. /.../ People are sort of "faceless" on the internet at first, because you lack the impulses that normally form the first impression youve got of someone: appearance and voice. It takes a little more time and effort to "know what youre dealing with", so to say. So at first its a bit slow, but once youve established a trustworthy contact with someone, you can tell pretty much whatever you can tell them in real life as well. Of course this works better with a direct connection (talk, chat, whatever). You can add some feeling to statements by using "smileys". /.../ But apparently written text can contain enough "Gefuehle" to make this happen."
Gefühle kommen in der CMC in etwa so sehr zum Ausdruck wie beim Briefe Schreiben oder beim Telephonieren, wenn es auch viel spontaner sein kann und Graphic Accents und Betonungen durch Änderung des Schriftbildes möglich sind.
"Die Übermittlung von Gefühlen in sprachlicher Form ist zunächst (meiner Meinung nach) nicht möglich. Zumindest nicht in verifizierbarer Form. Erst über einen längeren Zeitraum der Kommunikation lassen sich Gefühle zwischen den Gesprächspartnern aufbauen und vermitteln. Diese sind zwar trotzdem meist nicht verifizierbar, aber eine Lüge hätte immerhin einen so gewichtigen Grund, daß dieser dem Gefühlsinhalt gleichgewichtig wäre."
Nach Uwes Ansicht wird Sprache in E-Mail und NetNews in genau der Art und Weise zum Ausdrücken von Gefühlen verwendet, wie es sich nach Rogers im therapeutischen Prozeß vollzieht: Die verwendete Sprache ist am Anfang einer Konversation nicht geeignet, Emotionen zu verbalisieren und entwickelt sich erst im Laufe der Zeit zu mehr Tiefe, die es erlaubt, emotionale Erlebnisse zur Sprache zu bringen. Außerdem wird besonders im Bereich des Gefühlsausdrucks nochmals die schon angesprochene Problematik der Erfahrung von Echtheit deutlich. WWW-Seiten unterliegen demgegenüber den gleichen Bedingungen wie eine Mischung aus Printmedien und interaktiven Medien, bei der die Information meist im Vordergrund steht und Gefühle eventuell mittels Bildern transportiert werden.