Zwischenresümee

 

Für Turkle hat die Integration des Computers und des Internets in das alltägliche Leben des Menschen klare Auswirkungen auf die Sichtweisen und den Umgang mit der eigenen Identität. Die Konzeption der Informationsverarbeitung dient als neue Meta-Narrative zur Erklärung der Welt, nach der alles in immer kleinere Bausteine von Information zerlegt werden kann. Das Paradigma der Simulation ersetzt das alte Prinzip der Kalkulation im Verständnis des Computers und der Informationsverarbeitung. Neue Programme, die fast alle auf dem Prinzip von Windows (Fenstern) basieren, haben Auswirkungen auf denjenigen, der mit diesen Programmen arbeitet, da er dieses Prinzip der Fenster auf die eigenen Individualität überträgt und sich selbst als Person erlebt, die in verschiedenen Fenstern parallel leben und arbeiten kann. Besonders in MUDs tritt zutage, wie sehr der Mensch sich in der CMC selbst konstruieren kann und die eigene Identität schaffen oder auch verzerren kann. Das Prinzip der Simulation, die Windows-Metapher und die Möglichkeit der Selbst-Konstruktion in der CMC führen zu einem Verschwimmen jeglicher bis dahin in der menschlichen Existenz erlebter Grenzen und zur Erfahrung der leichtgängigen Vervielfältigung und Veränderung der eigenen Identität.

Bei einer genaueren Betrachtung des Bildes, das jedes Individuum von sich selbst hat, kann nach Mead zwischen dem "Me", das das Bild liefert, wie der einzelne meint, von anderen gesehen zu werden, dem "I", das die Gesamtheit der Reaktionen auf die Umgebung auf der Basis des "Me" und dem "Generalized Other", das die Haltungen, Ansichten und Wertvorstellungen der sozialen Gruppe, zu der sich das Individuum primär rechnet, unterschieden werden. "Me", "I" und "Generalized Other" sind je nach Kontext und Situation unterschiedlich. Diese unterschiedlichen Teile des Selbstbildes existieren nebeneinander und kommen im dazugehörigen Kontext zum tragen. CMC ermöglicht nach Nelson-Kilger neue Formen sozialer Interaktion und bietet damit neue Situationen und Kontexte, was letztendlich zu Veränderungen der drei genannten Teile des Selbstbildes führen. Zwar ist zur Zeit keinesfalls die Bandbreite regulärer sozialer Interaktion in der CMC gegeben, doch werden sich gemäß dieser Konzeption, abgesehen von Verfeinerungen durch die technische Weiterentwicklung, eindeutige Veränderungen im Selbstbild des Menschen ergeben. Es können sich eines oder auch mehrere neue "Me" bilden, die in der CMC ihren Ursprung haben, dort zutage treten und neben den bestehenden "Me" eine gleichwertige Bedeutung haben werden.

Im Modell des Positionierens von Smith nimmt das Individuum als wählendes Subjekt im Diskurs verschiedene Positionen ein. Diese Positionen bestehen nur im jeweiligen Diskurs und konstituieren bzw. rekonstituieren das Individuum unablässig. Das Individuum ist damit abhängig vom jeweiligen Diskurs, in dem es steht und variabel in Abhängigkeit von den Diskursen, in denen es sich befindet.

Aus den technischen Voraussetzungen ergibt sich, daß CMC grundsätzlich anonym erfolgt, und soziale Interaktion via Computer ist damit grundsätzlich anonym. Die Möglichkeit der Täuschung, Verstellung und Irreleitung ist damit in sozialer Interaktion über dieses Medium immer mitgegeben und kann nur intentional reduziert werden.

Die Erstellung und Benutzung von Homepages im WWW sind nach Miller als neue Form sozialer Interaktion aufzufassen. Die Unterschiede zu bisherigen Formen sozialer Interaktion bestehen in der ausschließlich willentlichen Vermittlung von Informationen über sich selbst. Vor allem Aspekte der physischen Präsenz werden nur insoweit eingebracht, als sie bewußt thematisiert werden. Homepages sind zwar eine neue Form der Interaktion und führen zu Veränderungen in der Selbstrepräsentation und zur Ausbildung eines elektronischen Selbst, doch gehen diese immer auf das ursprüngliche Selbst zurück.

Wird Kultur mit Reid als eine Anzahl von Lösungen einer Gruppe von Menschen zum Umgang mit spezifischen Problemen dieser Gruppe gesehen, so schafft CMC eine eigene Kultur. Das besondere dieser Kultur ist das Fehlen des im Vergleich mit anderen Kulturen sonst gegebene regulative Feedback und eine grundsätzliche Anonymität. Selbst und Kultur sind nach Hallowell voneinander abhängig. Damit Kultur funktioniert, müssen die Individuen, die Teil dieser Kultur sind, über ein Bewußtsein über das jeweilige Selbst verfügen. Selbstbewußtsein wird demnach als soziokulturelles Produkt gesehen, und Kultur definiert und konstituiert die Grenzen des Selbst und bietet zugleich auch Orientierung für Handeln und Denken. Die neue Kultur der CMC führt damit zu Veränderungen im Bewußtsein des eigenen Selbst, d. h. CMC verändert das Selbstbewußtsein.

Die Idee der Bewußtseinserweiterung bzw. -veränderung durch Interaktion mittels Computer hat einen literarischen Ursprung. Sie ist nach Rushkoff mehr oder minder spekulativ, denn die technischen Voraussetzungen, um einen Cyberspace als konsensuelle Halluzination oder als die Aufhebung von Raum und Zeit zu erleben, sind de facto noch nicht gegeben.

Der Terminus "Netizen" kann nach Hauben in einem weiteren Sinne als Bezeichung für alle Netz-User dienen. In einem engeren Sinn wird er als Bezeichnung derjenigen User verwendet, die das Netz nicht nur benutzen, sondern auch zur Entwicklung etwas beitragen und folglich besondere Haltungen bezüglich Internet und CMC haben.

Die Sichtweise von Kindern, die Umgang mit Computern haben, kann für Turkle als Paradigma für ein sich entwickelndes neues Verständnis des Computers gesehen werden. Kinder sehen Computer als intelligente und mit kognitiven Fähigkeiten ausgestattete psychische Wesen, die aber nicht leben. Intelligenz und Denken werden damit von Leben getrennt. Im Agieren von Software-Agents im Internet kann kein Unterschied zu menschlichen Usern festgestellt werden. Damit können Software-Agents ebenfalls als Netizens gesehen werden.

Menschliche soziale Gemeinschaft braucht nach Weinreich physischen Kontakt, der aber bei virtuellen Gemeinschaften nicht gegeben ist, und diese damit unmöglich macht. Doch Menschen verhalten sich nach Erickson im WWW ebenso wie in der bisherigen Umwelt. Links auf Homepages dienen als neue Statussymbole und haben die Funktion von sozialen Bindungen oder Beziehungen. Es zeigt sich, daß der Umgang mit dem Internet dazu beiträgt, Verflüssigung und Flexibilität anstelle von Stabilität als neuen sozialen Wert zu etablieren.

Die systemische Perspektive beruht auf der Konzeption der Autopoiese. Autopoiese bezeichnet die Fähigkeit zur Selbstschöpfung und -erneuerung ist das primäre Kennzeichen aller lebenden Organismen und ihrer sozialen Organisation. Lebewesen werden als organische autopoietische Systeme gesehen, die die Fähigkeit zur Produktion, Transformation und Destrukion ihrer Bestandteile haben. Autopoietische Systeme sind durch ihrer Struktur determiniert, sie sind autonom, operational in sich geschlossen und zweck- und zeitlos.

In der personzentrierten Perspektive kann der Begriff Person ganzheitlich und gesamt als Bezeichnung für den Menschen als Organismus gesehen werden und ist die Synthese aus einem individualistischen und einem relationalen Personbegriff. Das Selbst ist die Wahrnehmung einer Person von sich selbst. Es besteht apriorisch und entfaltet sich prozessual das ganze Leben lang. Der Mensch ist von den Anlagen her gut, konstruktiv und will sich selbst entfalten. Selbstentfaltung meint die Optimierung dessen, was in statu nascendi vorhanden ist und strebt den Idealzustand der vollentwickelten Persönlichkeit an.