Zwischenresümee mit empirischen Belegen
Trotz der Einführung und der Wirksamkeit von Emoticons aufgrund ihres Mitteilungscharakters fehlen nonverbale Anteile in der CMC sehr. Daher können sich zwischenmenschliche Beziehungen in der CMC nicht klar genug definieren. CMC als eine Möglichkeit der Übermittlung und Diskussion rein kognitiver Inhalte bietet demgegenüber aber sogar erhebliche Vorteile gegenüber traditionellen Formen des Meinungsaustausches. Das Internet ist im Zusammenhang mit der sprachlichen Interaktion zu einem neuen Raum für den Menschen geworden. Zwischenmenschliche Begegnungen sind in der CMC zwar möglich, doch ist der physische Kontakt nicht ersetzbar. Die Möglichkeiten zwischenmenschlicher Begegnung werden erweitert, aber es kann bis dato keine der üblichen Form der Begegnung durch die CMC ersetzt werden. Bedingt durch den technischen status quo der CMC wird vorwiegend mittels ASCII-Texten kommuniziert, wodurch analoge Anteile der Kommunikation nicht adäquat übermittelt werden. Diese Einschränkung wird von Usern großteils einfach als gegeben genommen, wie Analiese bemerkt:
"Was man von einem Bildschirm erwartet, ist nicht das, was man von Gehör, Körpersprache und -kontakt erwartet. Ich akzeptiere diese Einschränkung. Genauso wie das Nichtsehen beim Telefon kann diese Einschränkung auch ein Schutz sein."
In der CMC können unter bestimmten Bedingungen nonverbale Elemente transportiert werden und sind direkte nonverbale Zusammenhänge herstellbar, wie Analiese erzählt:
"Normalerweise beschreibe ich alles mit so vielen Wörtern, die Sachen sind meinem Publikum wie ein Bild. Und auch muß ich sagen, ich habe selbst einige Mails bekommen, die mich zum Weinen gebracht haben. Es hängt von dem Inhalt ab, auch von dem Schreiber."
In der CMC steht die verbale und eindeutige Übermittlung von Informationen im Vordergrund, und sämtliche auf Beziehungsaspekte ausgerichtete Anteile der Kommunikation bleiben im Hintergrund. Walter sieht darin aber keinen Nachteil, während Hermann dies im Zusammenhang mit vergleichbaren Kommunikationsformen differenzierter sieht:
"Ist aber nicht störend, wenn man auf sachliche Info aus ist, da dort jene Anteile sowieso gefiltert werden würden und unnötig sind."
"Ist ein Nachteil und ein Vorteil. Ist viel besser, als in Brief und Fax, weil nicht förmlich und durch Smilies teilweise ausdrückbar. D. h. man kann Dinge brutal sagen und relativieren oder formal-harmlos sagen und großen Ärger ausdrücken."
Diese Eigenschaft der Internet-Kommunikation kann gegenüber üblichen Kommunikationsformen auch entscheidende Vorteile bieten, meint Walter:
"Man kann Teile besser überdenken, als wie in einem Real-time Gespräch. D. h. Meldungen können überdachter sein, als wie bei Gesprächen, wo die Teilnehmer mitunter in Zugzwangssituationen kommen, wo dann als folge oft nur 0815-Phrasen rauskommen, weil der Denkprozess nicht mehr zeitlich mitkommt. Das ist dann nicht mehr konstruktiv."
Besonders die Problematik der Uneindeutigkeit analoger Informationen kann in der CMC reduziert werden, da die die Beziehung betreffenden Informationen ohnehin nur symbolisch in der Form von geschriebener Sprache weitergegeben werden können. Auf die Frage, wie sie zum Defizit der nichtverbalen Anteile in der Internet-Kommunikation stehen, und ob ihnen dies bemerkbar geworden sei, meinen Johannes und Marc:
"Vermisse ich, ja, auch die Visuellen! Vielleicht werde ich mal im nächsten Jahrtausend, wenn audiovisuelle Kommunikation im Internet zum Standard geworden ist, mich wieder lieber im Netz aufhalten als jetzt. Dann hört endlich mal dieses Gefake auf...;)"
"There is clearly a demand for people for non-verbal parts of the internet, like the WWW. Thats part of the internet "Hype". Get your stuff, get it here. People get bored with this after some time. In the verbal parts of the net we have friends to fall back on, which we can rely on. Thats what counts."
Walter meint, daß intuitive Aspekte der Kommunikation prinzipiell auch über die CMC erfahrbar sind, er hält jedoch fest:
"Der intuitive Teil der Kommunikation geht aber in weiten Bereichen verloren."
Die Konsequenz daraus ist die vermehrte Beachtung des geschriebenen Textes, wie ein anonymer Internet-User und Uwe meinen:
"Ich höre zwar nicht die Stimme des Senders, aber die Auswahl der Worte macht auch die Musik. Das ist wie im Brief, vielleicht etwas weniger formell. /.../ Der Wahl der Worte kommt aus diesen Gründen eine gewichtige Bedeutung zu. Oft erlebt man den ungeschickten Auftritt eines Neulings, der gleich Packungen von allen Seiten bekommt und sich eingeschnappt trollt, weil er es eigentlich "gar nicht so gemeint" hat."
"Man kann auch zwischen den Zeilen lesen bzw. schreiben, als Analogie zum Ton in der Musik. Teilweise die Kommunikation damit verfeinern. Erfordert aber einiges, ist nicht immer der Fall; Erscheint mir auch nicht immer sinnvoll, vor allem des höheren Codierungs- und Decodierungsaufwandes wegen."
Analiese leitet daraus eine Verhaltensnorm für die Internet-Kommunikation ab:
"Meiner Meinung nach ist es die Pflicht des Schreibers, seinem Publikum die Nachricht richtig zu geben. Wenn der Leser den Inhalt nicht gut versteht oder nicht mag, ist es die Schuld der Menschen und nicht des Internets."
E-Mail kann ebenso ein Medium der Kommunikation sein, wie Stefan und Marc antworten:
"Warum nicht - früher tat man das mit Briefen - e-Mail ist das gleiche?"
"Internet is a medium, not the sollution. It can lay the foundations, but real life meetings and telephonecalls add a lot more to it. Technology still feels "cold" in comparison with personal contact."
Es scheint essentiell, Telekommunikation und CMC sowohl als ein lokales Phänomen als auch als globales Netzwerk zu sehen. Ebenso ist es wichtig, CMC als einen Prozeß zu sehen, in dem verschiedenste menschliche Typen und Personen involviert sind. Wenn auch CMC gegenwärtig noch maskulin geprägt zu scheinen mag, so muß doch auf einer Vielfalt von Usern und einer Vielfalt von Charakteren, die in der CMC zu finden sind, beharrt werden. Technologie wird oft als eine Quelle der zwischenmenschlicher Distanzierung gesehen. In dem sie es erlaubten, auch aus großer Entfernung zu interagieren, waren zuerst der Telegraph, dann das Telephon und jetzt der Computer die Technologien, die es ermöglichten, die Begrenzungen der physischen Präsenz zu überschreiten. Konversationen können heutzutage über große Distanzen und ohne physische Präsenz geführt werden. Nichtsdestotrotz sind lokale und physische Dimensionen immer präsent. Es scheint etwas zu unbedacht zu sein, die Tendenz anzunehmen, das Hier und Jetzt mit der Distanz zu kontrastieren. Die Technologie der CMC mediiert Gegenwärtigkeit und Präsenz. Sowie Sprache, die es erlaubt, vor dem geistigen Auge abstrakte und unsichtbare Konzeptionen zu entwickeln, so macht es diese Technologie möglich, das Riskante und das Fremde präsent und berührbar zu machen.
Ist man nicht völlig der Internetwerbung verfallen und weiß man ein paar Fakten zu verarbeiten, dann kennt man die Struktur der Knoten, Router und Backbones als räumliche. Die Universitäten sind zwar geprägt von Internationalität und transportablen Medien, aber sie bleiben doch am Ort. Die Einwahlknoten der kommerziellen Anbieter sind ebenfalls erkennbar unterschiedlich in ihrer Leistung, der Absender einer Mail ist als solcher sichtbar, und die Zeitverschiebung zwischen geographischen Orten ist auch erfahrbar. Walter hat in diesem Zusammenhang eine interessante Analogie gefunden:
"Internet ist genauso wie TV, wo Bilder auch aus aller Welt daherkommen. Raumlos ist es streng natürlich nicht, denn irgendwo muß ja die Quelle sitzen. Ein Buch oder anderer schriftlicher Text (auch im Internet) war und ist in diesem Sinne auch zeitlos (man kann ein Buch auch nach 100 Jahren lesen) eine e-Mail ist in dem Sinn auch raumlos."
Birgit bemerkt dazu:
"Der Cyberspace, die virtuelle Welt, die sich dahinter befindet, ist für mich schon ein gewisser Raum. Auch wenn damit das gesamte globale Netz verstanden wird."
Dieser Zusammenhang erklärt auch, inwiefern Internet-User online Gefühle des Bewegens in einem Raum haben. Nicht umsonst spricht man von E-Mail-"Adressen", und die eigene Mailbox wird als der Ort gesehen, wo persönliche Post zu finden ist. Mit der E-Mail-Adresse wird rein technisch der Code einer Ablage auf einem ISP-Computer definiert, doch generell fühlt sich der Internet-User mittels E-Mail-Adresse und "Home-Page" im Internet als Raum lokalisiert. Der Raum als universale Dimension expressiven und sozialen menschlichen Verhaltens geht auch in der Kommunikation über die CMC nicht verloren, sondern wird entsprechend den neuen Gegebenheiten modifiziert. CMC hat den individuellen Raum, den User bis dahin beansprucht haben, erweitert, und damit haben sich auch die Grenzen der jeweiligen inneren Welt verschoben, wie die Diskussionsbeiträge von Andreas und Walter zeigen:
"Raum spielt keine Rolle mehr, man erlebt den Kommunikationspartner in seiner eigenen Art, nicht als Mitglied eines Volkes/Raumes."
"Statt raumlos oder zeitlos wäre besser zu sagen, das es ab der Erzeugung unabhängig von Zeit und Raum ist. Das trifft es besser, da in einem raumlosen Bereich alles an einem gleichen Punkt passiert, also keinerlei räumliche Ausdehnungen vorhanden sind, was für unsere Erfassung der Welt natürlich nicht zutrifft."
Die Charakteristik zwischenmenschlicher Beziehungen über CMC hat Uwe für sich folgendermaßen auf den Punkt gebracht:
"Dazu ist eine Vertrautheit mit dem Gesprächspartner notwendig. Diese ergibt sich im Internet nicht anders als im realen Leben auch, über häufigen Kontakt und die allmähliche Entwicklung gegenseitiger Zuneigung."
CMC bietet neue und für viele User anziehend wirkende Kommunikationsmuster. So bewirken besonders bei Online-Partner-Agenturen gerade diese unbekannten oder ungewohnten Muster eine besondere Anziehung. Jean-Francois Perreault, Betreiber der Online-Partner-Vermittlung "Branchez-vous!", hat die Erfahrung gemacht, daß die meisten der Paare über kurz oder lang den Wunsch haben, sich auch physisch zu begegnen.
"My guess is that in a "true" romance on the internet, the couple eventually will want to meet each other face-to-face. They may HAVE to meet each other for the relationship to fully develop and to be fully satisfying. For these people, the internet simply was a way to meet each other. /.../ A great deal of intimacy is possible simply by communicating with someone through typed text. Some people believe that they are more directly encountering the mind, heart, and even soul of the other person when they are not being distracted or mislead by the physical appearance of the person, as in "real life." Of course, there is also much to be learned about someone by being with them physically. Physical presence is an important dimension of communication and intimacy. This is why most people who fall in love on the internet eventually feel that they MUST meet the person. Physical contact is a basic human need, a basic element of human intimacy. /.../ There are some people who may NOT want to meet the lover face-to-face. My guess is that these people prefer living with the fantasy that they have created (consciously or unconsciously) about the cyber-lover. The couple may be collaborating in the creation of a mutually satisfying fantasy that portrays themselves in ways very different from how they truly are in reality." (Suler 1996h)
Im Zusammenhang mit der personzentrierten Konzeption von Begegnung wird das Fehlen des direkten physisch-räumlichen Kontakts besonders erfahrbar. Diese Absenz der Räumlichkeit und Körperlichkeit kann aber auch positive Auswirkungen haben, schreibt Johannes:
"Es kam schon Mal vor, daß ich über Netz mit jemandem über intimere Sachen geredet habe als wie wenn ich ihn so getroffen hätte. Es tut aber einem selbst ganz gut, das auch mal in einem wirklichen Gespräch zu bringen... Das habe ich aus der Sache gelernt, sich nicht immer hinter dem anonymen Medium Netz zu verstecken, wenn ich was auf dem Herzen hab!"
Da Kommunikation über CMC meist asynchron verläuft, fehlt oft das Moment des Hier und Jetzt, das aus personzentrierter Sicht für das Erleben einer Begegnung so entscheidend ist, wie Stefan veranschaulicht. IRC ist aufgrund seiner Synchronizität die einzige Möglichkeit, Gegenwärtigkeit zu erleben.
"Richtig intensiv zwischenmenschlich nur im Chat - aber da ist man nie sicher wie ernst es ist - aber egal, es ist, wie man es sehen will."
Die Erfahrung, daß der andere trotz der Einschränkungen der CMC in zwischenmenschlichen Begegnungen immer auch das Andere bleibt, hat Frank gemacht.
"Man lernt nur einen kleinen Ausschnitt eines Menschen kennen, ein Bild, wie dieser Mensch IRL (=in real life) ist, kann man sich bestenfalls teilweise machen. Umgekehrt kann man sich auf die Begegnung konzentrieren, es spielt keine Rolle, ob man das Gegenüber attraktiv findet oder einem die Nase nicht gefällt. Es hat also durchaus Vor- und Nachteile."
Zwischenmenschliche Begegnungen über CMC sind im besten Fall eine Täuschung, denn es Fehlen zu viele Elemente eines umfassenden zwischenmenschlichen Kontaktes, meint Werner:
"Du lernst hier Leute kennen, die IRL nicht so sind wie sich geben. Du kannst Dir nur ein Bild machen, daß nicht dem gleichkommt, das Du hättest, würdest Du die Personen kennenlernen. Insofern ist es einfach nicht auf IRL übertragbar. Du versuchst Äpfel mit Birnen zu vergleichen."
Dennoch können, wie die Erlebnisse eines anonymen Users zeigen, via CMC die Fundamente für zwischenmenschliche Beziehungen gelegt werden, und es sind Begegnungen zwischen Menschen möglich.
"Meine derzeitige Freundin habe ich zunächst über Internet, dann über Telefon und Brief, und dann erst persönlich kennengelernt. Andere Fälle sind mir bekannt - und zwar nicht aus irgendwelchen Chatrooms für Singles, sondern von Diskussionsgruppen von Leuten, die gemeinsame Interessen oder Arbeit haben."
Michaels Antwort auf die Frage, ob für ihn zwischenmenschliche Begegnung mittels CMC möglich sei, zeigt, wie sehr CMC eine Erweiterung, aber keinesfalls ein Ersatz bisheriger Formen sozialer Interaktion ist.
"Einige Emailbekanntschaften habe ich schon getroffen. Wegen der Entfernung ist das leider nicht immer möglich."
CMC kann andere Formen sozialer Interaktion keinesfalls ersetzen, sondern bestenfalls bereichern, indem es das Spektrum der Möglichkeiten erweitert. Es schafft keine grundlegend neuen Formen sozialer Interaktion, sondern modifiziert Bestehendes. So sollte der Journalist Greenwald zehn Tage lang mitmenschlichen Kontakt ausschließlich via CMC haben, und er machte die Erfahrung, daß die totale Reduktion auf CMC nicht befriedigend war (Greenwald 1998, Vgl. Hiess & Kusch 1998)