Erkennen ist in systemischer Perspektive nicht durch die traditionelle Formel der adaequatio rei et intellectus zu definieren, sondern dient primär der Lebenserhaltung. Wenn sich die Struktur des Individuums durch die Effekte und Konsequenzen der CMC verändert, so müßte sich letztendlich auch das menschliche Erkennen verändern. Erkennen und Verhalten sind in der systemischen Sichtweise untrennbar miteinander verbunden. Wenn Erkennen mit dem Beschreiben des Vorgangs eines effizienten Verhaltens verbunden ist, so ist Erkennen immer mit Beschreiben verbunden, und Beschreiben erfolgt immer durch Kommunikation. Kommunikation erfordert immer den bzw. die anderen und ist daher an Gemeinschaft gebunden. Erkenntnis der Realität, die durch Beschreibungen feststellbar ist, die wiederum von Kommunikation abhängig ist, die im nächsten Schritt immer Gemeinschaft erfordert, ist daher immer vom Miteinander abhängig. CMC ist eine Erweiterung der bisherigen Formen der Kommunikation und zugleich verändert sie die Struktur des Individuums. CMC verändert damit das menschliche Erkennen und damit auch das Bild dessen, was als Realität gesehen wird.
Die Evolution von Medien, wie sie im Internet zu finden sind, die die Fähigkeit zur Selektion von Information in der Form von Hyperlinks in sich tragen, führt dazu, daß nicht mehr die Information, sondern die Information über Information entscheidend ist. Der systemische Ansatz postuliert, das neue Systeme immer gemäß funktionaler Kriterien als Subsysteme aus alten Systemen emergieren. Als Ursache für die Emergenz der Subsysteme E-Mail, NetNews, IRC oder WWW im System Internet kann die Unmöglichkeit der Erreichbarkeit und der Konstitution einer geschlossenen Einheit des vorhandenen Wissens einer funktional ausdifferenzierten Gesellschaft gesehen werden. Die Kommunikationsformen der CMC bieten die Möglichkeit einer geradezu narzißtischen Repräsentation und der Herstellung einer neuen ungefilterten bzw. tendenziell konstruktionsfreien, nicht selektiv erzeugten Meinungsvielfalt. CMC ermöglicht die direkte Koppelung und somit den direkten Zugriff auf Informationen. Vom Standpunkt des systemischen Ansatzes kann CMC als ein neues Medium, in dem sich durch Vernetzung spezifische neue Systeme entwickeln, gesehen werden. Je mehr Verküpfungspunkte vorhanden sind, desto mehr Systeme werden entstehen. In der anfangs losen Koppelung von Information, wie z. B. im WWW, werden sich immer tragfähigere Verbindungen herausbilden, und diese gekoppelten Verbindungen sind neue Systeme, die ihrerseits zu Elementen neuer Systeme werden können.
Mit anderen zu leben und in einer Umwelt zu leben bedeutet, sich körperlich in dieser Welt zu bewegen. Durch das Internet muß der Mensch sich nicht länger physisch in der Welt bewegen, um die verschiedenen Seiten und Situationen der Welt kennenzulernen. Es ist offen, was dann die primäre Quelle zu lernen und Wissen zu erlangen im Gegensatz zu den technischen Möglichkeiten, Wissen zu sammeln, werden wird. Behauptungen, daß das Internet Bedeutung, Wissen und Einsicht in die alten Fragen der Menschheit bieten wird, sind verlockend angesichts der Tatsache der postmodernen Idee, daß es keine universellen Wahrheiten gibt. Die systemische Perspektive versteht Objektivität von Wissen in der Weise, daß sie Objektivität auf kommunikative Aspekte beschränkt. Erkennen ist von der Struktur des erkennenden Individuums bestimmt. Die Suche nach Wissen erfordert notwendig eine Zu- bzw. Rückwendung auf das erkennende Individuum zur beschreibenden Erforschung der Struktur des Individuums. Alles Beschreiben ist eine Beschreiben von Unterschieden, ein Feststellen des Sich-Abhebens eines Vordergrunds von einem Hintergrund. Im Zusammenhang mit der CMC führt dies zu einer Rückwendung auf die Effekte und Konsequenzen der CMC auf den Menschen und zum weiteren Suchen nach Unterschieden zwischen Aspekten eines Zustands der gegenwärtigen vorhandenen Beschreibungen des Verhaltens des Individuums vor dem Hintergrund von Beschreibungen des Verhaltens ohne CMC. Beschreibungen über den Umgang und das Verhalten mit Information in der CMC und das Ausmachen von Unterschieden kann so zu "objektiven" Erkenntnissen der Realität führen.