Maturana (Maturana & Varela 1972, Vgl. Maturana 1982, Maturana 1988a, Maturana 1990a, Maturana 1990b) bestreitet, daß menschliche Kommunikation allein auf die Benutzung von Sprache, das heißt auf ein fertig vorhandenes Zeichensystem zurückgeht, denn das würde bedeuten, daß Sprache dem Sprechen vorausgeht, und es wäre dann unmöglich zu erklären, wie das System Sprache, das ein hohes Maß an Verhaltenskoordination voraussetzt, überhaupt entstehen konnte. Um die sprachliche Existenz des Menschen zu erklären, muß nach Maturana aufgezeigt werden, wie autopoietische und operational geschlossene Lebewesen ihr Verhalten untereinander koordinieren. Koordination findet nach Maturana dann statt, wenn die notwendigen Anfangsstrukturen der strukturellen Bereitschaft und der Plastiziät gegeben sind, so daß die beteiligten Lebewesen unter Einhaltung ihrer jeweiligen Organisation interagieren und durch Wiederholungen Interaktionsmuster ausbilden können.
Unter einem operationalen Blickwinkel findet Interaktion dann statt, wenn Individuen zusammentreffen und dabei wechselseitig strukturelle Veränderungen auslösen. Durch Wiederholungen kommt es allmählich zur strukturellen Koppelung, wobei sich sensuelle Strukturen der Lebewesen aneinander annähern und Bereiche der Konsensualität bilden. Dieser Prozeß endet, wenn es zu Strukturveränderungen kommt, die den konsensuellen Bereich überschreiten und so keinen Anschluß ermöglichen. Bereiche sinnlicher Koordination bilden sich demnach spontan durch rekurrente Interaktion. Alle Lebewesen können ihr Verhalten mit dem anderer koordinieren, wobei dies nach Maturana ein Wesensmerkmal biologischer Strukturen ist. Die Vielfalt der konsensuellen Bereiche geht je nach der strukturellen Beschaffenheit der beteiligten Organismen aus der Geschichte ihrer Interaktion hervor. Bei Menschen ist sie angesichts der unbegrenzten Kombinationsmöglichkeiten der Sprache potentiell unendlich.
Wenn in menschlicher Interaktion neue Möglichkeiten erprobt werden, öffnet sich ein Bereich der Verhaltenskoordination zweiter Ordnung, den Maturana "Linguieren" (Maturana 1990b) nennt. Dieses Phänomen tritt auf, sofern im konsensuellen Miteinander durch Laute, Gesten etc. eine Form der Verhaltenskoordination, ein Sprachverhalten entsteht, das sich auf andere Verhaltenskoordinationen bezieht und diese steuert oder gar ersetzt. Das Ergebnis ist Sprache im weitesten Sinn. Linguieren bedeutet also, Verhaltenskoordination konsensuell zu koordinieren und Sprache ist damit die konsensuelle Koordination konsensuell koordinierter Handlungen.
Sprache kann sich als selbstreferentielles System nur auf Sprache beziehen. Insofern konstituiert Linguieren einen rekursiv geschlossenen und unentrinnbaren Bereich, der nur durch Schweigen, das nicht zum Thema menschlicher Kommunikation würde, zu verlassen wäre. Die Objekte der menschlichen Welt und der Mensch selbst als Beobachter entstehen in sprachlicher Koordination der Verhaltenskoordination, wodurch sich die Existenz von Objekten nur sprachlich-konsensuell beschreibend nachweisen läßt.
Verglichen mit der Verhaltenskoordination im Bereich des konkreten Handelns ist das Unterscheidungspotential der Sprache prinzipiell unbegrenzt, da sich jede Koordination vielfältig beschreiben läßt. Nach Maturana geht darauf die immense Bandbreite der menschlichen Seinsweisen zurück. Dennoch haben Wörter und Gesten keine eigene Bedeutung, und sie denotieren oder konotieren keine unabhängigen Objekte, sondern sind diejenigen sprachlichen Unterscheidungen, auf die Menschen sich beziehen, wenn von Objekten die Rede ist. Linguieren liegt also der menschlichen Lebensweise zugrunde und bildet damit einen eigenständigen Phänomenbereich, sofern "/.../ ein Beobachter feststellen kann, daß die Objekte unserer sprachlichen Unterscheidungen unserer Sprachsphäre angehören." (Maturana & Varela 1972 226) Der von Maturana oft gebrauchte Aphorismus, "Alles Gesagte wird von einem Beobachter gesagt" (Maturana 1982 8), definiert also das menschliche Sein als sprachliches Miteinander.
Im Sinne koordinierter körperlicher Strukturveränderungen setzt Linguieren voraus, daß die notwendigen biologischen Strukturen unversehrt sind und bleiben. Dennoch ist dieses Phänomen nicht im Organismus angesiedelt, sondern im Bereich zwischenmenschlicher Konsensualität, d. h. Linguieren hat zwar eine physiologische Basis und setzt intakte Strukturen voraus, ist selbst aber kein neurophysiologisches Phänomen.
Menschen sind multidimensionale Systeme mit einer variablen körperlichen Dynamik. Zwischen körperlichen Zuständen und Linguieren herrscht eine Wechselwirkung, die gemäß Maturana durch Emotionen gesteuert wird. Darunter versteht er körperliche Zustände, die das Verhalten disponieren und den Handlungsbereich eines Organismus festlegen.
"Als Emotionen faßt ein Beobachter die körperliche Dynamik eines Lebewesens, die seinen Handlungsbereich spezifiziert." (Maturana 1990a 33)
Leben geschieht im Fließen emotionaler Zustände, die Interaktionen begleiten und ihre Richtung bestimmen. Das Übergehen von einem emotionalen Zustand in den anderen nennt Maturana "Emotionieren" (Maturana 1990b). Erfolgt dieser Übergang konsensuell abgestimmt, spricht er von "Ko-Emotionieren" (Maturana 1990b). In der Verflechtung körperlicher Zustände mit Interaktionen kommt es zu Überschneidungen der spezifisch menschlichen Lebensweise mit der anderer Organismen. Bei diesem "Konversieren" (Maturana 1990b) spielen die gemeinsamen Handlungen eine wichtigere Rolle als die Inhalte. Es ist auch nicht durch den Austausch von Bedeutungen geprägt, sondern durch die Lust am Miteinander, am gemeinsamen Aufbau konsensueller Bereiche, die sich zu einer Interaktionsgeschichte verbinden und den Hintergrund bilden, aus dem das menschliche Leben erst seinen Sinn bezieht.
Die systemische Konzeption des Menschen als linguierendes Lebewesen definiert ihn als biologisch-individuelles und kommunikatives Lebewesen, das zugleich autonom und sprachlich bedingt ist und damit auf andere, ihm ähnliche Lebewesen angewiesen ist. Beide Bestimmungen des Menschen durch seine biologische Struktur und seine Sprachlichkeit ziehen die Grenzen, zwischen denen das Lebensmilieu des Menschen variieren darf, ohne ihm unverträglich zu werden. Konversieren liegt im Zentrum der menschlichen Existenz und erfordert daher die Existenz gleichartiger und autonomer Menschen, denn das Ich entsteht und verwirklicht sich nur im Miteinander mit einem unabhängigen Du, und damit im Wir. Im Unterschied zur tierischen oder rein dinglichen Existenz ist das Wir demnach die Grundbedingung des menschlichen Lebensmilieus. Durch die Logik der Sprache kann der Mensch anders als Tiere auch die existentielle Berechtigung seiner selbst und das Wir negieren, ja sogar die gemeinsame Lebenswelt vernichten. Menschen müssen ihr Miteinander daher über konsensfähige Normen regeln, um die durch Sprache erworbenen destruktiven Neigungen einzudämmen.
Im systemischen Denken besteht der Mensch als lebendes System aus autopoietischen Komponenten, die sich der übergeordneten Organisation Leben unterordnen. Er hat aber den spezifischen Existenzbereich Sprache, der ihn grundlegend von allen anderen Lebewesen unterscheidet.
Emotionen wirken in Maturanas Denkgebäude zunächst als Fremdkörper, da sie sich nicht beobachten lassen und daher der wissenschaftlichen Forschung entziehen. Sie entsprechen aber der Absicht Maturanas, auch Soziales biologisch zu erklären.
Sprachliche Unterscheidungen bringen Einheiten hervor und erzeugen oder konstitutieren Objekte der materiellen oder der geistigen Welt. Die gesamte menschliche Lebenswelt besteht nur aus den Beschreibungen, mit denen Erfahrungen formuliert werden. Zwar lassen sich Erfahrungen nicht vollständig beschreiben, aber der Mensch hat keinen anderen Zugang zu seinen Erfahrungen als über die Sprache. Ob etwas existiert, zielt im Grunde auf das empirische Hervorbringen einer Einheit in Form der Frage, "Aufgrund welcher Unterscheidung läßt sich die beschriebene Erfahrung reproduzieren?", ab. Alle konsensuellen Existenzaussagen stützen sich auf die operationale Reproduktion von Erfahrungen, wobei sich der Mensch in der Regel auf Kriterien seiner sprachlich-konsensuellen Gemeinschaft verläßt.
Die Verwurzelung jeder Einheit in der Unterscheidung, die sie hervorbrachte, hat ontologische Folgen für die Einheit und für den Beobachter. Erstens verleiht das Hervorbringen einer Einheit durch einen Menschen dieser Existenz und weist ihr einen eigenen Existenzbereich zu, in dem sie durch Interaktion erkennbar wird, und zweitens bringt jeder Mensch nur Einheiten hervor, die seiner speziellen, ontogenetisch gewachsenen kognitiven Struktur entstammen und lebt damit in derjenigen Welt, die sein Organismus erzeugt.
Die Grundthesen des systemischen Denkens in Bezug auf Sprache lassen sich nach Ludewig (Ludewig 31995) folgendermaßen zusammenfassen:
Jede Welt ist als Produkt eines Lebensprozesses damit einmalig und in sich begründet. Maturana schlägt in diesem Zusammenhang vor, nicht von einem allumfassenden Universum, sondern von vielen verschiedenen, parallelen und vor allem individuellen "Multiversa" (Maturana 1982) zu sprechen. Wenn es einen privilegierten, vom Beobachter unabhängigen Zugang zu einer "wahren" Welt nicht geben kann, läßt sich auch keine Seinsweise "an sich" oder "objektiv" gegenüber anderen als besser, gerechter, menschlicher etc. rechtfertigen. "Realität" existiert nur als "Realität" des Wahrnehmenden. Dieselbe "äußere" Situation kann sich in vielen Realitäten erweisen und keine kann als besser als die übrigen bezeichnet werden. Das Bild der "Realität" ist in einer Weise passend, daß der Mensch in dieser "Realität" überleben kann (Vgl. Segal 1988). Von Glasersfeld drückt das folgendermaßen aus:
"Radikaler Konstruktivismus ist weniger schöpferisch als pragmatisch. Er leugnet keine ontologische "Realität" er spricht dem menschlichen Erfahrenden lediglich die Möglichkeit ab, ein wahres Abbild von ihr zu erlangen. Das menschliche Subjekt kann dieser Welt nur dort begegnen, wo eine Denk- und Handlungsweise das angestrebte Ziel verfehlt - aber bei allen solchen Fehlschlägen gibt es keine Möglichkeit zu entscheiden, ob der Mangel an Erfolg auf eine Unzulänglichkeit des gewählten Zuganges oder auf ein unabhängiges ontologisches Hindernis zurückzuführen ist. Was wir "Erkenntnis" nennen, ist also die Karte der Pfade von Handlungen und Gedanken, die sich zu diesem Zeitpunkt auf dem Kurs unserer Erfahrung als viabel erwiesen hat." (Von Glasersfeld in: Segal 1988 86-87)