Für Humberto Maturana sind Lebewesen Systeme mit einer spezifischen Verknüpfung ihrer Komponenten in der Form einer "autopoietischen Organisation" (Maturana & Varela 1972). Das System lebt, solange seine autopoietische Organisation übereinstimmend mit der Umwelt gewahrt bleibt. "Autopoiese" (Maturana & Varela 1972) meint Selbst-Schöpfung und ist ein Phänomen, das alle lebenden Organismen und ihre sozialen Organisationen charakterisiert (Vgl. Bertalanffy 1968, Zeleny & Pierre 1976, Jantsch 1979). Der von Maturana eingeführte und von Varela weiterentwickelte Begriff kennzeichnet ein System, "/.../ dessen Funktion darauf gerichtet ist, sich selbst zu erneuern - wie sich eine biologische Zelle ständig im Wechselspiel von anabolischen und katabolischen Reaktionsketten erneuert und nicht über längere Zeit aus den gleichen Molekülen besteht." (Jantsch 1979 66)
Der Begriff der Autopoiese umreißt einen bewußt mechanistischen Ansatz, der es ermöglicht, Lebewesen durch ihre Arbeitsweisen zu beschreiben ohne auf äußere Gesichtspunkte zurückzugreifen und geht davon aus, daß es eine Organisationsform geben muß, die allen Lebewesen unabhängig von ihren Komponenten gemeinsam ist. Lebewesen werden mit dem Konzept der Autopoiese als Maschinen gesehen, da es vorteilhaft erschien, die Organisation und die Dynamik von Lebewesen zu betrachten, ohne auf animistische oder vitalistische Prinzipien zurückzugreifen.
"Autopoietische Maschinen sind organisiert (oder als Einheiten definiert) durch Netzwerke der Produktion, Transformation oder Destruktion von Bestandteilen. Sie erzeugen jene Bestandteile, die 1. aufgrund ihrer Interaktionen und Transformationen eben dieses (relationale) Netz kontinuierlich regenerieren und verwirklichen; 2. das Netzwerk (die Maschine) als eine konkrete Einheit im Raum dieser Bestandteile konstituieren, indem sie den Bereich seiner Verwirklichung als Netzwerk topologisch abgrenzen." (Maturana 1982 184)
Der Vorteil dieser komplexen und rekursiven Definition liegt darin, daß nach ihr jedes autopoietisch organisierte System als Lebewesen gilt. Der Begriff der Autopoiese hat bedeutende Konsequenzen für soziale und therapeutische Phänomene, denn er bestimmt die biologischen Bedingungen und Grenzen des Sozialen. Als biologische Systeme sind Lebewesen strukturdeterminiert, autonom, operational geschlossen und zeit- und zwecklos.
Biologische Systeme weisen folgende Kennzeichen auf:
Die autopoietische Organisation des Lebewesens ist invariant und bleibt konstant, solange es lebt. Sie kann sich durch unterschiedliche Anordnung der Bestandteile und Strukturen verwirklichen, doch die jeweils aktuelle Struktur determiniert, in welchen Grenzen sich ein Lebewesen veränderen kann, ohne seine autopoietische Organisation zu verlieren und damit zu sterben. Anhand seiner Struktur selektiert das Lebewesen Art und Wirkungsweisen der Umweltereignisse, die in ihm Veränderungen auslösen können. Die aktuelle Struktur resultiert aus der jeweiligen Vorgeschichte und prägt die weitere Entwicklung.
Als zusammengesetzte Einheiten sind Lebewesen Systeme, die leben, indem sie sich selbst erzeugen und erhalten. Sie unterliegen dabei nur den Gesetzen, die der aktuelle strukturelle Zustand bei der Wahrung ihrer autopoietischen Organisation bestimmt. Insofern sind sie grundsätzlich selbstgeregelt, also autonom und - gegenüber unbelebten autonomen Systemen - identisch mit ihren Produkten. Lebewesen sind somit grundsätzlich nicht instruierbar, sonder allenfalls verstörbar. Da sie nicht auf der Basis von Input und Output funktionieren können - sie haben keinen Mechanismus, der das erlaubt - lassen sie sich heteronom nicht bestimmten. Das Postulat einer Kausalität, nach der die Veränderung eines Lebewesens zwangsläufig aus gezielten Einwirkungen folgen soll, ist demnach irreführend.
Ein autopoietisch organisiertes System, das sich selbst konstitutiert und erhält, kann nur mit Eigenzuständen operieren. Es arbeitet selbstreferentiell, indem es seine Eigenzustände rekursiv reguliert, um seine Organisation zu wahren. Lebewesen sind daher operational geschlossen, und sie stützen sich nur auf frühere Eigenzustände, nicht auf äußere Bedingungen. Die Außenwelt ist für ein Lebewesen nur relevant, wenn dieses sie strukturbedingt miteinbezieht.
Lebende Systeme genügen nur den eigenen Ansprüchen und verwirklichen stets ihre autopoietische Organisation. Sie folgen weder Zwecken noch Zielen und erfüllen keine Programme oder Funktionen. Derartige Kriterien werden von Beobachtern von außen herangetragen, wenn sie Lebewesen im größeren Kontext betrachten und nach einer sinngebenden Orientierung suchen. Die Begriffe Zweck, Ziel oder Zeit dienen daher einer kohärenten Beschreibung, erfassen aber nicht die interne Funktionsweise von Lebewesen.
Lebewesen sind also von ihrer Struktur her immer schon eindeutig bestimmt. Die Grundprinzipen des Strukturdeterminismus können thesenhaft folgendermaßen auf den Punkt gebracht werden (Vgl. Efran & Lukens & Lukens 1992):
Angesichts der intensiven Rezeption Maturanas in der systemischen Literatur wird an dieser Stelle auf eine vergleichende Gegenüberstellung (Vgl. Dell 1984) mit verwandten Positionen verzichtet.