Systemische Perspektive

 

Erkennen und Realität

Die Kognitionstheorie des Neurobiologen Maturanas kristallisiert sich in folgenden vier Thesen (Maturana & Varela 1987, Vgl. Ludewig 1995):

Dieser Ansatz hat drei wissenschaftstheoretische Konsequenzen: Erstens ist Erkennen damit weder eine getreue Abbildung einer vom Erkennenden unabhängigen Realität, noch eine willkürlich Konstruktion, sondern dient vielmehr der Lebenserhaltung und entspricht damit den strukturellen Möglichkeiten und dem jeweiligen Zustand des Erkennenden. Zweitens übersteigt damit die traditionelle Forderung nach Objektivität als Entsprechung von Außen und Innen, der adaequatio rei et intellectus, die Erkenntnismöglichkeiten des Menschen. Die genannte Gebundenheit des Erkennens an Struktur und Zustand des Erkennenden beschränkt das Kriterium der Objektivität auf kommunikative Aspekte. Drittens ist Kommunikation ein fortlaufender und immer wieder erneuerungsbedürftiger Prozeß, dessen Effizienz und Informationsgehalt nur der Adressat bestimmt. Die Gleichheit der strukturellen Zustände von Sender und Empfänger läßt sich weder gezielt herbeiführen, noch von einem Beobachter feststellen und entfällt daher als Kriterium der wissenschaftlich Erkenntnis.

Statt objektiver Realität erforscht die Wissenschaft daher die biologische Struktur dessen, der eine Welt erschafft. Der Wissenschafter wendet sich also dem Beobachter zu, nämlich sich selbst, der sich im Akt des Beobachtens konstitutiert, und Erkenntnis dringt nicht in verschlossenes Neuland ein, sondern vielmehr beschreibt und kartographiert sie dieses. Wenn Maturana feststellt, daß "/.../ alles was gesagt wird, von einem Beobachter gesagt wird /.../" (Maturana 1982 8), so stellt er damit grundsätzlich fest, daß erstens nichts wirklich objektiv beobachtbar ist, und zweitens das Beobachtete das Ergebnis der Verarbeitung durch den aufnehmenden Apparat des Beobachters ist, und damit nicht primär das Beobachtete darstellt, sondern die Arbeitsweise des Apparats des beobachters widerspiegelt. Beobachten ist damit schon Interaktion und damit stark subjektiv. Die menschliche Sicht der Welt gibt also nicht die Welt per se wieder, sondern diese eine Welt, so wie sie vom Menschen im Sinne eines Bildes, einer Landkarte von ihr, in deren Konstruktion er sich selbst verewigt, gerade gesehen wird. Um eine Welt zu verstehen, benötigt es also eine Beschreibung des Beschreibers und damit eine Theorie des Beobachters, die auch den Beobachter des Beobachters zu umfassen hat. Alles Beschreiben ist im Grunde ein Unterscheiden, sei es zwischen Objekten, zwischen Objekt und Hintergrund oder Objekt und Nichtobjekt. Beschrieben werden immer die Relationen oder Interaktionen des Gegenstandes mit anderen.

"Ein Gegenstand ist für einen Beobachter, was er beschreiben kann. Beschreiben heißt, die tatsächlichen oder möglichen Interaktionen und Relationen des Gegenstands aufzuzählen." (Maturana 1982 34)

Nach Bateson (Bateson 1978, Bateson 1979, Bateson 1980) sieht der Mensch nicht die Dinge an sich, sondern als etwas von dem jeweiligen Hintergrund Verschiedenes. Dies führt zu Batesons oft rezipierten Satz:

"/.../ Die elementare Informationseinheit ist eine Unterschied, der einen Unterschied macht." (Bateson 1980 453)

Bateson benutzt den Begriff "Unterschied" zur Kennzeichnung einer Veränderung, die durch einen Unterschied im Zeitpunkt hervorgebracht wurde. In der Nachfolge (Vgl. Andersen 1990) wird Unterschied nochmals differenziert: Es gibt drei Arten von Unterschieden, 1. den zu geringen, 2. den zu starken und 3. den angemessenen. Nur der Letztere wird vom Menschen positiv und gewinnbringend wahrgenommen. Beim Beschreiben erzeugt der Beobachter Unterschiede in der einzigen ihm dafür zur Verfügung stehenden Weise der Sprache. Er zählt die Interaktionen auf, die er mit den erzeugten Unterschieden durchlaufen kann. Die Grundelemente der menschlichen Welt sind also Beschreibungen, und Unbeschriebenes, d. h. sprachlich nicht Unterschiedenes, existiert darin nicht. Die Sphäre des Beschreibens kann nicht verlassen werden, da jeder Versuch, die Sphäre des Beschriebenen zu verlassen und die Sache selbst zu erreichen wieder in eine weitere Beschreibung mündet.

"Beim Nachdenken über diese Dinge entdecke ich, wie oft uns die Sprache dazu verführt, die Beschreibung der Beschreibung eines Phänomens mit der Beschreibung des Phänomens selbst zu verwechseln." (Maturana 1982 15)

Alle Beschreibungen weisen auf ihren Urheber zurück, indem sie dokumentieren, wie er beobachtet, und somit ist Beschreiben selbstreferentiell und vollzieht sich in einem geschlossenen Feld rekursiver, auf sich selbst zurückwirkender Operationen. Menschliches Erkennen basiert daher auf einem endlosen, rückbezüglichen Prozeß des inneren Errechnens von Eigenzuständen des Erkennenden, der einen kognitiven Bereich konstituiert. Aus diesem Grund meint Maturana, man dürfe nicht mehr einfach von Objektivität sprechen, sondern exakter wäre es, das Wort Objektivität immer in Anführungszeichen zu setzen bzw. immer von "Objektivität in Klammern" (Maturana 1982 93) zu sprechen.

Beliebigkeit und Intransparenz im zwischenmenschlichen und wissenschaftlichen Diskurs kann jedoch durch das pragmatische Kriterium der "kommunikativen Brauchbarkeit" (Ludewig 1995 59) begrenzt werden.

"Brauchbarkeit heißt /.../, daß eine Erkenntnis von Menschen mit gleichen Nützlichkeits- oder Geltungskriterien als nachvollziehbar, effektiv und gewinnbringend bewertet wird." (Ludewig 1995 60)

Dieses Kriterium ist erfüllt, wenn Sprecher und Adressat ihr zielgerichtetes Vorgehen durch Austausch optimal koordinieren können. Eine Erkenntnis ist daher kommunikativ brauchbar, wenn sie sich beschreiben und mitteilen läßt, eine angestrebte Koordination fördert und einen Zugewinn gegenüber anderen Erkenntnissen oder der Unkenntnis bedeutet.

 

Erkennen und Verhalten

Wer menschliches Erkennen beurteilen will, muß gemäß dem systemischen Ansatz zwei unabhängige Elemente seiner Kognition - Lebewesen und Milieu - als Einheit behandeln. Dabei grenzt er den eigenständigen Phänomenbereich des Lebendigen von denen der Physiologie und des Verhaltens ab, um keine unzulässigen Reduktionen vorzunehmen. Maturana und Varela fassen den inneren Zusammenhang zwischen Kognition und Verhalten in einem Aphorismus zusammen:

"Alles Tun ist Erkennen und alles Erkennen ist Tun." (Maturana & Varela 1987 32)

An der Nahtstelle zwischen Lebewesen und Milieu situiert, hat das Erkennen zwar eine physiologische Basis, läßt sich aber nur aus der Beschreibung erschließen. Der Beobachter spricht von Erkennen, wenn er aufgrund seiner Kriterien feststellt, daß ein Lebewesen effizient handelt. Stellt er Inkongruenzen zwischen Verhalten und Eigenart des Milieus fest, schließt er auf fehlendes oder mangelhaftes Erkennen, und, wenn ein Lebewesen effizient handelt, kann der Beobachter schließen, daß es seine Welt angemessen hervorgebracht hat.

Intern gesehen, erkennt ein Organismus jedoch nicht, sondern hält nur die Relation zwischen seinen Zuständen, z. B. den sensorischen und motorischen Prozessen, konstant. Die Konzeption, daß Beobachten immer Unterscheiden heißt, kann präzisiert werden, indem physiologisch betrachtet, das Nervensystem stets Unterschiede in den Relationen zwischen seinen Zuständen verarbeitet. Im psychischen Bereich erlebt der Beobachter manche Unterschiede, die aus seinen organischen Funktionen resultieren, als Erfahrung. Formuliert der Beobachter einige seiner Erfahrungen sprachlich, erzeugt er damit diejenigen Einheiten, aus denen seine Welt besteht, nämlich Beschreibungen. Dazu gehören sowohl die intern beschriebenen Erfahrungen, die die Elemente des psychischen Systems der Innenwelt konstituieren, als auch die kommunikativ mitgeteilten, die den sozialen Bereich und so die gemeinsamen Welten gestalten. Manche Beschreibung verbindet den Beobachter nach festgelegten Regeln mit anderen und liefert damit Erklärungen.

 

Erkennen und Kommunikation

Da nach dem systemischen Ansatz menschliches Erkennen auf Beobachtung beruht, die nur als Beschriebene zugänglich ist, wobei sich Beobachten und Beschreiben in einem geschlossenen Feld der Kognition vollziehen, erzeugen Menschen ihre kognitiven Realitäten prinzipiell individuell. Doch alle Beschreibungen gehen daraus hervor, daß der Mensch als sprachliches Wesen ein kommunizierendes ist. Der Mensch ist also sowohl mit anderen gekoppelt und koordiniert, als auch aufgrund seiner biologischen Struktur alleine, und er ist als einsamer Erzeuger seiner Realitäten von einer unabhängigen Außenwelt ebenso ausgeschlossen wie von der Psyche anderer Menschen. Allerdings kann er als kommunikatives Wesen mittels der Sprache begreifen, beschreiben und somit erkennen, daß es andere, ihm strukturell gleichartige Menschen gibt, mit denen er kommuniziert, und er schließt daher sowohl auf das Solitäre seiner Existenz als auch auf die Existenz eines unabhängigen Du. Solch eine Ich-Du-Relation begründet den Bereich gemeinsamen Erlebens, aus dem das Soziale erwächst, und vor diesem Hintergrund lebt der Mensch in der Gleichung "Realität ist gleich Gemeinschaft". Ohne diese Annahme eines unabhängigen, aber strukturell verwandten Du kann kein Ich entstehen. Zwar wird diese Annahme nur kognitiv erschlossen, sie setzt aber Kommunikation voraus und ermöglicht ihrerseits Kommunikation. Da Menschen grundsätzlich füreinander undurchschaubar sind, gehen sie von struktureller Gleichartigkeit aus, um die bestehende Kluft pragmatisch zu überwinden. Kommunikation kann daher als kooperative Problembewältigung, mit der Menschen ihre wechselseitige Intransparenz meistern, aufgefaßt werden.