Philosophisch-anthropologische Fokussierung
In der CMC tritt der Mensch in einem überwiegend optisch-akustischen Verhältnis in Verbindung zu einer Welt, die den Filter der Digitalisierung passiert hat. Es entsteht der Anschein, daß die Welt auf den Wahrnehmungs-, Bewußtseins-, und Manipulationspunkt des aktiven Betrachters zurückgeführt werden könnte. Die Wirklichkeit auf die Dimension digitaler Einheiten reduziert rückt in das Bewußtsein und in das Medium ein, das sie wieder neu zusammensetzt. Es überwiegt unter Usern allem Anschein nach eine Art von Vulgär-Idealismus: Das gerade Gedachte und Konstruierte ist die Wirklichkeit. Das real Visuelle, das Fühlen, Riechen, Schmecken und Hören werden vernachlässigt. Dadurch werden aber alle widerständigen, doppeldeutigen, verwirrenden, euphorisierenden und deprimierenden Bestandteile der Sinneswahrnehmung eliminiert. Man könnte von einer Reduktion im Sinne einer Verdichtung der Wahrnehmung sprechen.
Demgegenüber zeigt aber die systemische Perspektive, daß die Welt und die Objekte der Welt immer erst durch die Unterscheidungen der Sprache als Verhaltenskoordination entstehen. Existenz- und Objektbestimmungen sind immer nur sprachlich möglich und sprachlich gegeben. Jedes Individuum lebt demnach in derjenigen Welt, die sein Organismus durch die sprachliche Interaktion mit anderen Inidividuen erzeugt hat. Die Realität ist immer abhängig von der Wahrnehmung und ist damit immer die Realität eines wahrnehmenden Lebewesens. Deswegen wird in der systemischen Sichtweise auch von parallel existierenden Multiversa anstelle eines unabhängig von den Individuen existenten Universums gesprochen. Eben weil Welt immer auf den Wahrnehmungs-, Bewußtseins-, und Manipulationspunkt des aktiven Betrachters zurückgeführt werden kann, ist dies in der CMC nicht anders als sonst wo, es tritt vielleicht nur erstmals in der Entwicklung der Menschheit in solch klarer Weise zutage, die durch ebendiese Verdichtung der Sinnlichkeit auf das Optisch-Akustische so anstößig wirkt. Da in der systemischen Sichtweise die Wirklichkeit mehr ist als ein einfaches und einzigartiges Universum und aus vielen verschiedenen, im Grunde genommen für jedes Individuum unterschiedlichen, Multiversa besteht, führt sich jede Rückführung auf eine "eigentliche" Realität ad absurdum. Das, was bislang als die "eigentliche" Realität bezeichnet wurde, erweist sich somit als eines der vielen Multiversa, das aber bislang besonders vertraut war und angesichts der Erschaffung neuer Multiversa in einer ersten instinktiven Reaktion in Verlust zu geraten droht. Doch wird im Grunde genommen nur die Vielfältigkeit der Realität, die den Menschen umgibt, durch eines bzw. mehrere neue Multiversa erweitert.
Es besteht die weitverbreitete Meinung, daß Technologie in irgendeiner Form autonom von der sozialen und der Wertewelt sei, und daß sie nicht in sich selbst gut oder schlecht sei. In dieser Ansicht impliziert ist, daß Wissenschaft und Technologie Prozesse autonom beginnen, eine Ansicht die durch den Begriff des Fortschritts charakterisiert werden kann. Innerhalb der Anthropologie entwickelt sich jedoch eine gegensätzliche Meinung (Vgl. Escobar 1994). Jede Technologie wird als eine Erfindung bzw. eine Entwicklung innerhalb einer Kultur gesehen in dem Sinne, daß sie eine Welt mit sich bringt, die sich aus den spezifischen kulturellen Bedingungen entwickelt und neue Bedingungen schafft.
Überlegungen über die Sprache, ihre Entstehung, Entwicklung und Bedeutung finden sich schon bei indischen Philosophen und grundlegende Überlegungen der antiken griehischen Philosophie wirken immer noch im abendländlischen Denken fort. Die naturalistische Sprachphilosophie betrachtet Sprache als eine natürlich gewordene Fähigkeit des Menschen, während die idealistische Sprachphilosophie Sprache als eine Schöpfung des Geistes sieht.
Sprache kann als das umfassendste und differenziertes Ausdrucksmittel des Menschen und zugleich die höchste Erscheinungsform des Geistes gesehen werden. Mit jedem Wort, das der Mensch spricht, meint er etwas. Das Wort steht zwischen dem Bewußtsein und dem gemeinten Gegenstand, und es nimmt an der Seinsart beider teil. Es trennt sie voneinander, indem es ermöglicht, die durch das Wort erzeugte Vorstellung vom Gegenstand zu unterscheiden. Ohne das Wort könnte eine Vorstellung weder im Sprecher noch im Zuhörer auftauchen. Das Wort verbindet aber auch Gegenstand und Bewußtsein, indem ohne das Wort die Vorstellung nicht zum Zeichen für das werden kann, was gemeint ist. In dieser Funktion des Trennens und des Verbindens liegt der Ursprung für die Wirkung der Sprache auf das Denken. Mittels der Sprache können die gesamte Erlebniswirklichkeit und das Denken sich zum eigenen Erkenntnisgegenstand gemacht werden, können sich objektivieren und an andere weitergegeben und damit tradierbar werden. Weil aber das Denken nur in der Form der Sprache bewußt werden kann, kann die mikrokosmische Welt nur in der Art und Weise der Sprache aufgefaßt werden. Die Welt wird damit zu einer Sprache der anderen Art. Jeder Gegenstand wird zum Träger eines Wesens, das der Mensch in der Sprache erfassen will. Jeder Gegenstand der Welt hat damit eine Bedeutung. So, wie die Sprache Geist verleiblicht, durchgeistigt sie die Welt. Das Wort ist das Gefäß des Geistes, aus dem der Mensch ihn über die Welt ausgießt und ihr damit Sinn verleiht. Durch das Wort wird der Gegenstand geistig verfügbar und zu etwas der menschlichen Erkenntnis gegebenem. Das Wort ist das aussprechbare Wesen des Gegenstandes. Mit dem wesentlichen Wort wird der Gegenstand angesprochen, damit er sagen kann, was er eigentlich ist. Indem die Gegenstände zum Partner dieses Verständigungsprozesses werden, findet sich das sinngebende Bewußtsein, das in der Sprache auf sie wirkt, in ihnen tatsächlich wieder. Auf dem Vehikel der Sprache bewegt sich das Bewußtsein durch die Welt und kehrt bereichert zu sich selbst zurück.
Nach Bühler (Bühler 1934, Vgl. Thun 1981) können drei Funktionen der Sprache unterschieden werden: Äußerung (Kundgabe), Einwirkung (durch Anruf, Mitteilung, etc.) und Sachbezogenheit (Benennung, Orientierung, Darstellung). Der Sprechende äußert etwas, sei es für sich, sei es als Mitteilung an andere, die er anspricht. Dieses Bezogensein auf den anderen hat bereits als Einflußnahme die Form des Eingriffs in den Freiheitsbereich des anderen und ist damit ein "behandeln". Es werden nicht einfach Sätze ausgesprochen, sondern Bitten, Klagen, Fragen, Auskünfte, Belehrungen, Ermahnungen, Drohungen oder Befehle. Dabei ist meist von Sachlichem die Rede, das im engeren Sinn den Inhalt des Gesprochenen ausmacht. Der Schwerpunkt der Rede kann sowohl bei der Kundgabe wie bei der Einflußnahme oder auch beim Sachlichen liegen. Mit der Fixierung eines Sachverhalts sollen Wege des Handelns aufgewiesen, Teiles des Aktionsfeldes ausgekundschaftet oder Richtpunkte sichergestellt werden.
Die Geschichte einer Sprache spiegelt auch die Sozialgeschichte des betreffenden Volkes wider. Die Wortstämme einer Sprachen zeigen, welche Gegenstände für das Volk zur Zeit der Sprachformung die wichtigsten waren, der Wortschatz einer Sprache zeigt, was ein Volk denkt, und die Syntax veranschaulicht, wie es denkt. Die Wortstämme, der Wortschatz und die Syntax bestimmen den Denkraum des Sprechenden. Die sprachliche Prägung verweist auf einen im Hören der Sprache vor Augen geführten Lebensbezirk hin. Jedes vernommene Wort muß interpretiert werden, um im Sinne des Sprechenden verstanden werden zu können. Eine richtige Interpretation ist aber nur möglich, wenn der Denkraum des Sprechenden wenigstens in den Strukturen bekannt ist. Das Verstehen einer fremden Sprache ist damit an denselben, aber in diesem Fall komplizierteren Interpretationsvorgang gebunden.
Schrift kann als das sichtbare Ausdrucksmittel für das Gedachte und das Gesprochenes durch festgelegte sinnfällige Zeichen gedeutet werden. Schrift verhält sich zu Sprache so, wie diese sich zur inneren Welt der Gedanken und Erlebnisse verhält. Ist das Wort eine vorläufige oder endgültige objektive Gestalt des Gemeinten und Erlebten, so ist das schriftliche Bild des Wortes durch gegebene Zeichen eine weitere Objektivierung und Festlegung derselben Inhalte. Gegenüber dem Gesprochenen und Gehörten hat Sprache einen festen und dauerhaften Charakter. Während die einzelnen Zeichen stets als elementare Bedeutungsträger zu verstehen sind, haben die Bedeutungen der Schriftbilder von Wörtern und Sätzen einen höheren Sinngehalt, der sich jedoch nicht aus der Zeichenbedeutung ableiten läßt, sondern erst im Verstehenszusammenhang des gedachten Wortes sichtbar wird.
Wenn sich das Bewußtsein der Gattung Mensch mittels Sprache die Welt erschließt, und zugleich aber Sprache den Denkraum der sprechenden Menschen bestimmt, so stellt sich die Frage, inwiefern CMC die Erscheinungsweise von Sprache verändert. Die in der CMC zutage tretende Sprache kann in ihrer Verwendung als zweite Form der Oralität, die zwar präliterarische Charakteristika hat, aber in geschriebener Form auftritt, definiert werden. In der CMC wird Sprache informeller als in alltäglicher Kommunikation verwendet, und doch ist sie mehr geschriebene Sprache. Es hat sich ein eigener Stil, der E-Stil entwickelt, der wesentlich spielerischer mit Sprache umgeht und darüber hinaus die fehlenden nonverbalen Komponenten des Sprechens durch eine Para-Sprache zu ergänzen versucht. Es scheint, als würde diesem Sprach-Verhalten die bislang bekannte Tiefe und emotionale Reichhaltigkeit zugunsten einer kognitiven Betonung fehlen. Es liegt nahe, all diese Kennzeichen der Verwendung von Sprache in der CMC unter dem Begriff der E-Sprache zu subsumieren. Die technischen Vorgegebenheiten der CMC ermöglichen es weiters, den traditionellerweise auf ein Gespräch zwischen zwei Personen beschränkten Dialog zu einem Multilog zu erweitern. So, wie die individuelle innere Erlebniswelt durch Sprache zum Ausdruck kommt, manifestiert Schrift das, was gedacht und gesprochen wird. E-Sprache ermöglicht, klarer als es bisher möglich war, sich je nach Bedürfnis stärker kognitiven Inhalten zuzuwenden oder auch ein bewußt spielerisch-lustvolles Kommunikationsverhalten vorherrschen zu lassen. Sprache bestimmt das Denken des Sprechenden, und eine Erweiterung von Wortschatz und Syntax, wie sie sich durch die CMC offensichtlich ergibt, bedeutet damit auch eine Erweiterung des Denkens. Alle in der personzentrierten Sichtweise dargestellten Eigenschaften zwischenmenschlichen Dialoges sind auch in der CMC gegeben, mit dem Unterschied, daß eine Erweiterung des Dialoges zu einem Multilog möglich ist, daneben aber der bisher bekannte Dialog zwischen zwei Individuen genauso bestehen bleibt. Sprache wird im systemischen Modell als Verhalten zur Verhaltenskoordination gesehen. In dem neuen Multiversum, das sich durch die CMC erschließt, wird besonders klar deutlich, wie sehr Sprache ein Verhalten des Menschen ist, ja Sprache wird zum bislang einzigen Verhalten, das in diesem Multiversum möglich ist.