Philosophisch-anthropologische Fokussierung

 

Lebendig sein

 

 

Umwelt

"Das, was den Menschen zum Menschen macht, ist ein allem Leben entgegengesetztes Prinzip, das man nicht auf die "natürliche Lebensevolution" zurückführen kann, sondern das, wenn auf etwas, nur auf den obersten Grund der Dinge selbst zurückfällt - auf denselben Grund also, dessen Teilmanifestation auch das "Leben" ist." (Scheler 51949)

Dieser oberste Grund ist nach Scheler der Geist. Körperlich gehört der Mensch zur Säugetiergruppe der Hominiden, und die Ursachen der eigentlichen Menschwerdung lassen sich aber bis dato nur vermuten. Die Höherentwicklung des Menschen über das Tier hinaus zeigt sich im aufrechten Gang, in der Ausbildung der Hand als Greifwerkzeug und besonders in der Vergrößerung des Gehirns und seiner Oberfläche. Mit diesen Veränderungen sind aber auch Minderungen der menschlichen körperlichen Leistungsfähigkeit verbunden: Nachlassen der Sehschärfe, der Abhärtung gegenüber Umwelteinflüssen im weitesten Sinn und der rein physischen Körperkräfte. Psychisch ausgezeichnet ist der Mensch weniger durch das Bewußtsein schlechthin als durch das Bewußtsein von sich selbst, seiner Geschichtlichkeit und seiner Sterblichkeit. Während nach Scheler das Verhalten des Tieres umweltgebunden und instinktgesichert ist, ist das des Menschen dagegen umweltoffen und entscheidungsfrei. Diese Unabhängigkeit von der Umwelt ermöglicht die Entspezialisierung der Sinnesorgane und die Ausweitung ihrer Funktionen, die Entstehung selbständigen Denkens, Fühlens und Wollens von Gedächtnis und Phantasie. Damit wird aus der Umwelt die Welt, und zugleich droht dem Menschen die Gefahr weitgehenden Instinktverlustes und eines infolge der zurückgedrängten Triebe naturwidrigen Lebens. Über den Bereich des Bewußtseins erhebt sich der Zusammenhang des Menschen nicht mehr nur mit der materiellen Umwelt, sondern mit den allgemeinen Sinngehalten der Dinge, wodurch sich der Mensch am weitesten vom Tier abhebt und damit auch am weitesten von der Natur entfernt. Durch seine einzigartige Verfassung ist der Mensch Persönlichkeit, und er ist auch bewußt-planvoller und gezielter Handlungen, kreativer und gestaltender Leistungen fähig, unter denen die Schaffung menschlicher Gemeinschaften an erster Stelle steht. Von dieser Grundlage aus entwickeln sich Schrift und Sprache, die Fähigkeit zur Herstellung technischer Gebilde und die Sammlung und konzeptionelle Verarbeitung von Beobachtungen und Erkenntnissen, was zu zunehmender Naturerkenntnis und Naturbeherrschung führt.

Die Naturgebungenheit des Menschen einerseits und seine geistig-kulturelle Erhebung über die Natur andrerseits haben zu verschiedenen Deutungen des Wesen des Menschen geführt. Besonders die Deutung des Menschen durch die heiligen Schriften des Judentums haben nachhaltig gewirkt. Das Denken der Antike ist auf den Kosmos und auf die Natur gerichtet und auf den Menschen nur, insoweit er mit beiden in Beziehung steht. Die griechische Antike lokalisiert das Wesen des Menschen in seiner Vernunft bzw. Erkenntnisfähigkeit und seiner Kraft zu politischer Gemeinschaftsbildung. Das christliche Mittelalter sieht im Menschen einerseits das Ebenbild Gottes und andrerseits eine irdisch-dämonischen Kräften ausgelieferte Kreatur, und der Mensch ist ein Bestandteil der göttlichen Geordnetheit der Welt. Das achtzehnte Jahrhundert unterscheidet im Menschen die sinnliche Erscheinung und das übersinnliche Vernunftwesen. Der Mensch verschwindet hinter seiner Vernunft oder sogar hinter einer absoluten Allvernunft und wird zum erkennenden Subjekt. Das Vernunftwesen wird als Ideal des Humanismus herausgearbeitet, das die idealistische leiblich-seelisch-geistige Vervollkommnungsfähigkeit sowie die Freiheit aller Menschen zur Selbsterschaffung hervorhob. Das Wesen des Menschen wird heute darin gesehen, daß er das Wertvolle vom Zweckmäßigen, Nützlichen und Angenehmen unterscheiden kann. Mit der Fähigkeit des Wertens werden die Fähigkeit, eine Sache begrifflich zu erfassen, anschaulich zu machen und die Fähigkeit, Personen, Gegenständen oder Geschehnissen Sinngehalt zuzuschreiben, in Zusammenhang gestellt.

Die sozio-kommunikationstheoretischen Darstellungen erwiesen die Simulation als das im Aufbau des Computers und der Benutzung des Computers und damit auch in der CMC grundlegend vorrangige und leitende Prinzip. Wenn nach Scheler der Mensch ein umweltoffenes Lebewesen ist, dann befindet er sich vielleicht gerade auf dem Weg zu einer ganz neuen Umwelt, die eben durch Simulation entsteht. Die Anpassung der Umwelt nicht mehr durch Veränderung der vorhandenen Umwelt, sondern durch die Simulation einer, zwar auf der Basis der bestehenden, dennoch aber gänzlich neuen Umwelt ist möglicherweise ein Schritt, der mit der CMC vollzogen wird. Es würde dann diese Weiterentwicklung der Umwelt nach Scheler ganz dem ursprünglichen Wesen des Menschen entsprechen. Diese neue Umwelt ist von grundsätzlicher Anonymität und dem Fehlen jedes regulativen Feedbacks gekennzeichnet. Selbstdarstellung erfolgt nur mehr willentlich, und damit wird diese neue Umwelt zu Veränderungen im Selbstbild und im Selbstbewußtsein führen. Der Mensch hebt sich möglicherweise durch die komplette Simulation seiner Umwelt ultimativ von seiner bisherigen Umwelt ab und entfernt sich damit noch weiter von einer umweltgebundenen und instinktgesicherten Lebensweise des Tieres.

Leben

Softwarehersteller verkaufen ihre Produkte gerne mit dem Mode-Attribut "Agent", was jedoch selten einer grundsätzlich neuen Qualität entspricht und meist damit gerechtfertigt wird, daß das betreffende Programm in irgendeiner Form vom User als intelligent und autonom empfunden wird. Agenten besitzen heute ein gewisses Maß an Wissen über ihr Arbeitsgebiet und die Fähigkeit, ihre Umwelt wahrzunehmen, sie können auch selbst Entscheidungen fällen und Arbeitspläne entwerfen. Allerdings wird es noch einige Zeit dauern, bis sich Agenten auf breiter Basis durchsetzen werden (Vgl. Hayes-Roth 1997, Wagner 1997). Zugleich werden Computer von Kindern, die als Vordenker neuer Ideen gesehen werden können, als intelligente und mit kognitiven Fähigkeiten ausgestattete Wesen, die jedoch nicht lebendig sind, betrachtet. Intelligenz und Denken werden von Leben abgetrennt und nicht mehr, wie in traditionellen Vorstellungen, unabdingbar miteinander verbunden verstanden (Vgl. Turkle 1995).

In der systemischen Perspektive werden Lebewesen als zur Selbstschöpfung und -erneuerung fähige Systeme beschrieben, die die Fähigkeit zur Produktion, Transformation und Destruktion ihrer Bestandteile haben und darüber hinaus strukturdeterminiert, autonom, operational geschlossen und zweck- und zeitlos sind. In dieser Perspektive könnten Computer zumindest als Systeme, wenn nicht sogar als Lebewesen gesehen werden, denen einzig und allein die Fähigkeit fehlt, sich selbst zu erschaffen. Die Fähigkeit, sich selbst zu erschaffen, hat aber im Grunde genommen nicht einmal der einzelne Mensch selbst, sondern nur das Ganze der Menschheit, die Gattung Mensch. Und trotzdem wird ihm die Fähigkeit zur Selbstschöpfung zugeschrieben, weil eben ein Mensch einen Menschen erschaffen kann, obwohl es ja nicht so ist, daß die genetischen Voraussetzungen und Abläufe der menschlichen Reproduktion völlig in der Hand des Menschen liegen. Wenn man sich ins Gedächtnis ruft, daß fast alle Autos, die heute in Straßenverkehr zu finden sind, im Grunde genommen Maschinen sind, die in vielen Fällen vollständig von Maschinen gebaut wurden, wobei die erzeugenden Maschinen nicht Herr über die ablaufenden Programme und Prozesse sind, so ist wohl der Schritt zu Computern, die Computer bauen, nicht allzu groß. Auf jeden Fall aber könnten Computer oder auch Programme als Systeme, die bis auf die Fähigkeit zur Selbstschöpfung alle Kennzeichen von lebendigen Systemen besitzen, und damit Lebewesen sind, bestimmt werden. Man möge sich nur einen Computer vorstellen, der, wie viele andere Geräte in einem durchschnittlichen Haushalt, nicht mehr abgeschaltet werden kann, sondern immer im Stand-by-Betrieb bleibt, vielleicht einen Sicherheits-Akku für einen Stromausfall hat, sprachgesteuert, interaktiv arbeitet und auch eigene Fehlfunktionen diagnostizieren und beheben kann. Es stellt sich Frage, ob und wie weit dann noch die Formel "Intelligenz und Denken, aber kein Leben" in dieser Weise Gültigkeit hat und nicht viemehr von "Intelligenz, Denken und Leben, aber anders als Tier und Mensch", gesprochen werden müßte. Computerviren werden zum Beispiel auch schon auf deren "Lebenszyklus" hin untersucht (Vgl. IDG 1998). Wie ihre biologischen Vorbilder werden Computerviren eigene Lebenszyklen zugesprochen. Abhängig von der Qualität seiner Programmierung und den Intentionen seines Schöpfers können Computerviren ein sehr langes Leben entwickeln. Manche Virenstämme, wie beispielsweise der "Form-Virus", sind älter als zehn Jahre. Der Lebenszyklus eines Computervirus läßt sich in folgende Phasen unterteilen: Erstellung – Aussendung – Vermehrung – Aktivierung – Entdeckung – Aufnahme – Vernichtung.

Das Internet besteht aus miteinander verbundene Computern. Es stellt sich die Frage, ob das Internet überhaupt noch abschaltbar, d. h. zerstörbar ist, ist doch seine ursprüngliche Konzeption die eines Netzwerkes von militärischen Verteidigungscomputern (ARPANET), die eben selbst im schlimmsten Fall eines atomaren Angriffs nicht von Ausfall bedroht sein sollten. Könnte das Internet schon alleine bedingt durch seine grundlegende Struktur nicht mehr eleminiert werden, dann würden wohl weiterhin, so wie beim einzelnen Computer, sämtliche systemische Kriterien für Lebewesen zutreffen, nur mit dem Unterschied, daß die Fähigkeit zur Selbstschöpfung und -erneuerung zumindest insoweit anders gesehen werden müßte, als sich das Internet in gewisser Art und Weise wohl selbst erneuern kann. Vielleicht ist das Internet auch gemäß der Evolutionstheorie und den Prinzipien von Mutation und Selektion eine neue Evolutionsstufe des Faktors "Leben", denn es ist allem Anschein nach noch umweltunabhängiger und flexibler als der Mensch. Der einzelne Computer und damit das Internet braucht Energie nur in der Form von Elektrizität, der Mensch dagegen benötigt zum Leben verschiedene Formen von Energie, die wesentlich schwieriger herzustellen und auch wesentlich enger an eine intakte Natur gebunden sind. Der Computer könnte auch noch besser als der Mensch unter Zuhilfenahme von Werkzeugen, d. h. anderen Maschinen, die Umwelt so gestalten, wie er es benötigt. Es könnte ein weltweites Netz von Computern zu einem komplexen System heranwachsen, das man mit einem Gehirn vergleichen könnte. Man könnte dann vielleicht von einem globalen Gehirn eines neuen Organismus sprechen.

Bewußtsein

In der Diskussion über technologische Weiterentwicklung treten die schon seit langer Zeit vorhanden Unterschiede zwischen denen, die ihre Hoffnungen in die Zukunft setzen und denen, die sie stärker in die Vergangenheit setzen, zutage.

Die pessimistische Interpretation sieht die menschliche Entwicklung als prinzipiell abwärtsgehend von einem mythischen, goldenen Zeitalter hoher spiritueller Bewußtheit zur heutigen Endzeit oder Apokalypse. Technologie schwächt in diesem Sinne die inneren Bestandteile des Menschen und zerstört die Möglichkeiten des Heils durch Meditation oder konzentrative Praktiken. Technologie ist für diese Interpretationslinie nichts anderes als ein magisches Programm, das durch externe Mittel spirituelle Energien suggeriert. Das Endresultat dieses menschlichen technologischen Programmes würde die Erschaffung eines deus in machina sein. Das zukünftige Internet würde mit unglaublich wirkungsvollen Programmen von künstlicher Intelligenz kombiniert sein und einen Maschinengott, den deus ex machina, eine Art von technologischem Endzeit-Lebewesen, erzeugen.

Demgegenüber sieht die positive Linie eine prinzipielle Erweiterung des menschlichen Bewußtseins durch die Geschichte. Bewußtsein entwickelt von einem niedrigen Niveau in der Erschaffung einer völlig unselbstbewußten Natur über die verschiedenen Formen des Lebens, hin zur Geburt des Menschen, einen langsamen Anstieg in Tiefe und Breite seiner selbst. Die Menschheit wanderte schon von einem Stammes- zu einem Nationalbewußtsein, und heute schafft das Internet die nötige materielle Basis für die Entwicklung eines planetaren Bewußtseins. Diese Linie stimmt mit der Erstgenannten darin über ein, daß der Cyberspace eine kollektive Externalisation des menschlichen Geistes ist, und, daß es als ein Nervensystem für unseren Planeten fungiert, das eines Tages ein eigenes Selbstbewußtsein durch mit einander verbundene menschliche Lebewesen entwickeln könnte. In diesem Sinne kann das Internet mit der CMC eine "elektronische Gaia" (Bauwens 1997), eine digitale Erde erschaffen, eine neue Form der menschlichen Zivilisation im materiellen ebenso wie im spirituellen Sinne. Teilhard de Jardins (Vgl. Jardin 1972) Vision einer einzigen und massiven geblockten "Noossphäre" könnte demnach als riesiges mentales Netzwerk, das die Erde umgibt, definiert werden. Dieses Netzwerk hätte den Sinn der Kontrolle der vorhandenen Ressourcen und der Sorge um eine vereinte Welt. Für de Jardin enthält diese mentale Sphäre auch die endgültige Bedeutung der Geschichte, die er als Omega-Zeit bezeichnete.

 

 

Person sein

Identität

Der Computer und die CMC ermöglichen nach sozio-kommunikationstheoretischer Darstellung neue Erfahrungen, für die das Erleben des für moderne Programme grundlegenden Prinzips der Simulation und das Prinzip der Windows charakteristisch ist. In der Benutzung des Computers und gegenwärtiger Programme wird besonders durch die Verwendung von Fenstern, die es dem Benutzer erlauben, mehrere Aufgaben allem Anschein nach gleichzeitig zu erledigen, eine Vielfältigkeit von Arbeits- und Existenzweisen vor Augen geführt. Ein in der Arbeitswelt ebenso wie im Privathaushalt zum Einsatz kommender durchschnittlicher Computer arbeitet im strengen technischen Sinne aber nicht parallel, sondern linear. Er verarbeitet immer nur ein Bit nach dem anderen. Parallelität ist damit eigentlich dem Prinzip der Simulation zuzuschreiben, Parallelität ist eine Simulation, die jedoch als solche für den Benutzer aufgrund der Arbeitsgeschwindigkeit moderner Geräte gar nicht mehr erfahrbar ist. Der Eindruck der Parallelität von gleichzeitigem Arbeiten in verschiedenen Fenstern ist demnach auf das Prinzip der Simulation zurückzuführen.

Jeder Mensch verfügt immer schon über mehrere, sich je nach Kontext und Situation graduell unterscheidende Bilder seiner selbst. Der Umgang mit dem Computer und die CMC führt in diesem Zusammenhang zur Entwicklung eines oder mehrerer neuer Selbstbilder. Der Mensch verfügt nach Mead über verschiedenste "Me", und CMC ermöglicht und auch erfordert die Entwicklung neuer "Me". Das Individuum kann aber auch von seinem "Me" getrennt werden, und die Rollen, die das Individuum in verschiedenen Kontexten spielt, können als Positionierungen eines wählenden Subjekts gesehen werden. Das Selbstbild existiert dann nur in der sozialen Interaktion und im Diskurs mit anderen. Identität wird in Abhängigkeit von Kontext und Situation konstruiert und ist in diesem Modell die Summe der "Me’s" und die Summe der Positionierungen. Homepages im WWW sind in diesem Sinne weitere Positionierung und Formen der Selbstrepräsentation, die in die jeweilige Identität einfließen.

Die Identität des Menschen kann nicht als rein logische Identität von A=A verstanden werden, da ein Gegenstand streng genommen nur mit sich selbst identisch sein kann. Identität im engeren Sinn ist nur bei logischen Begriffen möglich, doch ein reales Objekt bleibt nicht mit sich selbst identisch, denn es ändert sich und wird identoid, d. h. es wandelt sich, bleibt aber sich selbst ähnlich. Die Identität des Menschen, der Mensch an sich, ist in verschiedenen Zeiten, Situationen und Kontexten keine Identität im engeren Sinn, sondern eine Kontinuität oder auch Entwicklung des Ich. Der Mensch ist ständig vom Bewußtsein des Mit-sich-selbst-identisch-Seins begleitet. So deutlich auch der Mensch seine körperlichen und geistigen Veränderungen erkennt, weiß er auch, daß er trotzdem in seinem "innersten Kern" im Grunde genommen derselbe bleibt und ist.

Im Alltagsverständnis sieht sich der Mensch als eine fixe Identität, die in verschiedenen Kontexten unterschiedliche Rollen innehat. Der Umgang mit Computern und der CMC bringt die Veränderung mit sich, daß Identität auch im Alltagsverständnis von einem veränderten Standpunkt gesehen wird. Identität könnte als variabel und nicht mehr stabil, als flexibel und nicht nur in der Ausformung, sondern auch in ihrem Bestehen als abhängig von der Interaktion, in der sie sich gerade befindet, gesehen werden. Doch auch die "ursprüngliche" Identität ist demnach nur eine Zwischenstation in der unaufhörlichen Veränderung der individuellen Identität. Das Erleben der Arbeitsweisen des Computers wird als parallel und in mehreren Windows zugleich mögliche erlebt. Identität entsteht in der Verwendung und in der Anwendung, und von daher könnte der Schluß auf die Vielfältigkeit der eigenen Identität gezogen werden. Identität würde damit aufgrund des Prinzips der Simulation selbst zur Simulation. Dies legt letztendlich auch den Schluß nahe, daß Software-Agents, die einen Internet-User auf der Suche nach Information simulieren und die im Bezug auf die Zugehörigkeit zur Gruppe der Netizens nicht mehr von menschlichen Usern zu unterscheiden sind, ebenfalls Identität besitzen.

Identität wird damit zu etwas, was nicht mehr dem Menschen als Person alleine zuzuschreiben ist, sondern könnte auch, zumindest in einem ersten Schritt, Programmen auf einem PC oder im Netz und später auch ganzen Maschinen oder auch dem Netz selbst zugeschrieben werden.

Selbstentfaltung

In der holistischen Sichtweise des personzentrierten Ansatzes wird die Person ganzheitlich als Organismus bezeichnet. Selbstentfaltung und -entwicklung ist die Entwicklung dessen, was in statu nascendi schon vorhanden ist und vollzieht sich insgesamt innerhalb einer prinzipiellen Tendenz von Konstruktivität und Gutheit. Die Selbstentfaltung strebt nach dem Ideal der vollentwickelten Persönlichkeit.

Der Umgang mit dem Computer und die CMC können unter dieser Perspektive als prinzipiell konstruktive und gute Entwicklung des Menschen gesehen werden. Bedingt durch die holistische Sichtweise des personzentrierten Ansatzes weist dieser aber auf die Gefahr der Reduktion des Menschen alleine auf diejenigen Aspekte, die beim technischen status quo in der CMC sichtbar und erfahrbar sind, hin. Der Mensch muß, will er in seiner Gesamtheit erfahren werden, jedoch immer als großes Ganzes gesehen werden, das mehr als die Summe seiner Teile ist. Auch wenn sich Identität gerade durch den Computer als flexibel und veränderbar zeigt, so sind in dieser Sichtwiese die verschiedenen Ausformungen der Identität des Menschen nur als Teile eines, im Gesamten gesehen, größeren Ganzen zu verstehen, das erst die eigentliche Identität des Menschen ausmacht. Die Identitäten des Menschen, vielleicht genauer die "Me"s des Menschen, sind mehr als die einfache Summe der Teile.

CMC unterstützt und erleichtert personzentrierte Selbstentfaltung, denn sie ermöglicht es, neue Aspekte der eigenen Person zu erfahren. Gerade durch die gegebenen Möglichkeiten der Täuschung und Verzerrung der eigenen Identität gibt sie die Möglichkeit, bisher unbekannte Aspekte der eigenen Persönlichkeit zu entdecken und neue Möglichkeiten der Selbstentfaltung zu erschließen. Das Selbstkonzept des Individuums wird automatisch, vor allem im Bereich des nicht aktuellen Bewußtseins, auch durch den Umgang mit dem Computer und mit der CMC erweitert. Bei Widersprüchen zwischen Selbstbild und gemachten Erfahrungen kann es in den Augen des personzentrierten Ansatzes zu innerpsychischen Konflikten kommen. Damit Kongruenz erreicht werden kann, braucht der Mensch eine Umgebung, die den drei personzentrierten Grundhaltungen von Empathie, Wertschätzung und Authentizität entspricht. Gerade die Erfüllung der Forderung nach Authentizität scheint bei der prinzipiellen Anonymität der CMC nicht realistisch zu sein. Doch der personzentrierte Ansatz betont, daß zwar positive zwischenmenschliche Beziehungen für die Entwicklung einer gesunden Persönlichkeit entscheidend sind, was jedoch nicht mit dem totalen Wissen um den Anderen verbunden ist. Auch die Qualität einer Gesprächspsychotherapie wird nicht am Wissen um den anderen, sondern an der Echtheit der eigenen Reaktionen, der Einfühlung und an der Wertschätzung für den anderen gemessen. Authentizität bedeutet nicht gegenseitige absolute Bekanntheit und absolutes Wissen um einander, sondern fordert, sich so zu zeigen, wie man fühlt und denkt. Authentisch Sein ist nicht daran gebunden, vom anderen den Namen, den Wohnort, den sozialen Status, etc. zu kennen, und ist daher in der Interaktion mittels Computer ebenso prinzipiell möglich, wie in anderen Formen der sozialen Interaktion.

Triebkanalisierung

In der tiefenpsychologischen Sichtweise sind Träume und Phantasien als Ablaßventile in einer Zivilisation, die strengstens die menschliche Natur einschränkt, absolut notwendig. Krankhafte Abbauprozesse des durch die Zivilisation aufgestauten inneren Drucks nannte Freud Neurosen. Hilft die Psychoanalyse nun dem Individuum, die Prozesse, die zu neurotischen Symptomen führen, zu verstehen, unterstützt sie das Individuum dabei, unakzeptierte Wünsche und Triebe, die bislang nur einen unheilvollen Ausdruck in der Neurose genommen haben, anzunehmen und diese in einer kreativeren und selbstbewußteren Art und Weise zu kanalisieren (Vgl. Freud 1930). CMC könnte auf der Basis dieser freudianischer Konzeption als ein neuer Weg gesehen werden, bisher isolierter innerer Triebe durch deren Ausleben in der CMC neu zu kanalisieren.

 

Leiblich sein

 

Die Erfahrung eines globalen Nervensystems, wie sie in Gibsons Roman Neuromancer geschildert wird, gab dem Begriff Cyberspace seine inhaltliche Bedeutung. Mit dieser Metapher des Cyberspace ist das konzeptionelle Modell der Entkörperlichung verbunden, das auch eine neue Beziehung von Identität der Person und deren Körper herausfordert.

Die Negation des Körpers hat sich nach Heim (Heim 1993) als schwierig erwiesen. Kein Lernen oder keine Strategie kann sicher gehen, oder sei es nur erleichtern, daß der Sprung der physischen Verkörperung in Raum und Zeit in die Welt der reinen Formen ewig und unwechselbar sei. Die Ankunft der Informationswelle liefert für einen Moment ein Durchgangsstadium zwischen Körper und Form. Wie Heim bemerkt, ist die computerisierte Repräsentation von Wissen nicht die Art der geistigen Erkenntnis, die von Platon propagiert wurde. Der Computer kleidet die Details empirischen Wissens so ein, daß sie das platonische Ideal eines stabilen Wissens der Formen zu teilen scheint. Heims Hauptaugenmerk gilt der Illusion des Wissens, die die Informationslawine erzeugt.

"With an electronic infrastructure, the dream of perfect FORMS becomes the dream of inFORMation." (Heim 1993 65, Hervorhebungen von Heim)

Heim zeigt weiters, daß in dem Versuch der Negation der Verkörperung gewisse Perversionen auftreten können und bezeichnet diese als "Paradoxe", die innerhalb des kulturellen Terrains des Cyberspace agieren. Indem der Cyberspace die Grenzen von Raum und Zeit minimiert, löscht er auch die Materialität unserer körperlichen Grenzen aus. Online scheint man sich von der Begrenzung körperlicher Existenz freizuspielen. CMC scheint eine unbeschränkte Freiheit des Ausdrucks und des persönlichen Kontakts zu bringen, mit wesentlich weniger Hierarchien und Formalitäten als in der primären sozialen Welt. Nichtsdestotrotz wird physische Präsenz in der virtuellen Welt von personenähnlichen Repräsentationen simuliert und repräsentiert. CMC reduziert nach Heim die Bandbreite und die Qualität menschlicher Begegnungen im Austausch für bewußte und ausgewählte Erschaffungen unserer Welt. Diese Repräsentationen weisen nicht mehr die Verantwortlichkeit der tatsächlichen körperlichen Existenz auf, doch die Verantwortung der tatsächlichen körperlichen Existenz bleibt ein fundamentales Charakteristikum menschlicher Handlungen und direkter zwischenmenschlicher Beziehungen. Durch die immer höhere Auflösung der körperlichen Existenz werden menschliche Gemeinschaften immer gebrechlicher und kurzzeitiger, denn online ist körperlicher Kontakt entweder unmöglich oder rein optional. Bald führt das nach Heim zum Vergessen der Verletzlichkeit und Fragilität der menschlichen primären Identität.

"The more we restrake the cyberbodies for ourselves, the more the machine twists our selves into the protheses we are wearing. Our faces are our display devices, our eyes the windows that set up a neighborhood of trust. Without face-to-face, personal and private communication, our very ethical awareness based on lived experiences shrinks and rootlessness enters." (Heim 1993 74-76)

Alleine durch die Tatsache der beschränkten Bandbreiten muß der Mensch in computermediierter Interaktion einfach viel essentielles Wissen und Bedeutung verlieren.

Ngyen und Alexander (Ngyen & Alexander 1996) bezweifeln, daß Cyberspace eine Welt ist, die alleine von Netzwerkbenutzern bewohnt wird. Ihre These ist, daß Cyberspace eine wesentlich vielfältigere und polymorphere Realität und wesentlich größer als das Internet und andere Netzwerke ist. Sie fragen sich, ob "Cyberspacetime" (Ngyen & Alexander 1996) nicht auch dann betreten wird, wenn die Zukunft geplant wird oder wenn ein Flugticket gekauft wird. Viele "weltliche" Aktivitäten sind für sie das Eintauchen in die Cyberspacetime.

Steurer weist in einem Bericht über die Ars Electronica 1997 mit dem Thema "Fleshfactor-Informationsmaschine Mensch" (Steurer 1997), die sich der zentralen Frage stellte, wie Menschen in einer virtuellen vernetzten Umwelt zurecht kommen werden, auf eine fast schon schizophrene Dichotomie unserer Zeit hin: Das Konkrete bzw. das Berührende erschreckt uns gleichermaßen wie das virtuelle bzw. das Verschwindende. Derzeit überwiegt Steurers Meinung nach noch Zweiteres - jene abendländische Variante des horror vakui. Das Nichts beginnt schon zu Lebzeiten erfahrbar und fühlbar zu werden und sowohl Ich- als auch Körperlosigkeit ziehen in die zunehmend digitale Maschinenkultur ein. Raum und Zeit werden aufgehoben und das Zentrum Mensch und seine elektronische Peripherie werden eins, und der "Fleshfactor" (Steurer 1997) der Informationsmaschine Mensch bewegt sich, je nach Sichtweise, gegen null oder gegen unendlich.

Weiser plädiert in diesem Zusammenhang mit gutem Grund für eine Ausgewogenheit zwischen Zentrum und Peripherie:

"Menschen sind in Zentrum und Peripherie strukturiert. Diese Struktur ist auf verschiedene Art und Weise auf unseren realen Körper und unsere irdische Welt abgestimmt. Wir brauchen den Körper, um über ihn die Peripherie zu erfassen, mit ihr in Kontakt treten zu können. Unser Körper ist Zentrum und Ursprung aller sozialen Eingebundenheit. /.../ Mit der permanenten Peripherie zu leben, aus ihr Kraft zu schöpfen ist die Lektion, die uns die nähere Zukunft erteilen wird. Die ursprüngliche Quelle der Peripherie ist der Körper. Im Zeitalter der Peripherie werden unsere Körper zum Gegenstand der Verehrung und werden sich überall hin ausdehnen." (Weiser in: Steurer 1997)

Neue Technologien der Kommunikation können als Quelle der Teilung zwischen Menschen und als eine Barriere gesehen werden. Man trifft Menschen nicht mehr persönlich, sondern spricht über das Telephon. Man betrachtet Aufführungen über TV, man faxt sich gegenseitig etwas, oder man kommuniziert über Computermodems, die an Telephonleitungen gehängt werden. Konversationen werden auf Distanz geführt und der andere ist nicht mehr körperlich präsent. Es kommt zu Entfremdung und Dehumanisierung, zu einer Teilung von Körper und Geist. Mittlerweile besteht auch keine Demarkationslinie mehr zwischen Tageszeit, zwischen Zeit für Aktivität, Rede und Gedanken, und Nachtzeit, Zeit für Schlaf und Entspannung und Ruhe. Fraser nennt dieses Phänomen "greying of the calendar" (Fraser 1987). Das "greying of the calendar" ist das Ausgleichen der Differenzen zwischen Tag und Nacht. Es ist auch das Ausgleichen der Differenzen zwischen Tagen der Woche und zwischen den Jahreszeiten.

Nichtsdestotrotz verschwindet Präsenz im Sinne von Gegenwärtigkeit nicht einfach, sondern Technologie mediiert Präsenz. Innerhalb der Technologie der CMC gibt es Wege, die es erlauben, mit dem eigenen Körper in Interaktion mit anderen in einer holistischen Art und Weise präsent zu sein. Dem Körper kann nicht entflohen werden und dieser Teil der eigenen Identität wird immer wieder erfahren und weitergegeben bzw. ausgedrückt. Obwohl einige versuchen, den Zustand des eigenen Körpers zu verheimlichen oder zu verschweigen, verrät er sich auf jeden Fall, selbst wenn der User eine andere Art des Körpers in der Kommunikation präsentiert. Es besteht kein Verlust des Körpers in und durch virtuelle Realität und den damit verbundenen Technologien. Während man sich selbst in einem guten Buch oder in einem tranceähnlichem Zustand verlieren mag, so muß man doch konkreter Weise nur von einer Veränderung des Bewußtseins sprechen, das heißt es verändert sich etwas im Geist, aber es verändert sich nicht der Körper. Eigentlich, nicht überraschend, hat die einfache Dichotomie von Online gegenüber alltäglichem Leben, von Virtuellem und Realem, zu einer Trennung von enthusiastischen Verfechtern der CMC und von harten Kritikern der CMC geführt. Dennoch sind der Körper, das alltägliche Leben und die darin gemachten Erfahrungen zugleich der Inhalt von CMC und ebenso direkt verbunden mit der Verwendung von diesem. Das Internet selbst ist Teil des alltäglichen Lebens, es ist Teil der grundlegenden Aspekte sozialer Interaktion.

 

Mensch sein

Das Netz dient als soziales Medium, das User verbindet und integriert. Das Medium beschränkt den Sprecher auf die Konventionen, die die Sprache oder das Medium mit sich bringt. So werden konventionelle Klassen und Distinktionen, die in den meisten Fällen in Beziehungen zum Modus der Produktion gestanden sind, deplaziert und durch eine zweifache Strukturisierung einer virtualisierten Produktion und einer Konsumationsklasse ersetzt (Vgl. Baudrilleard 1983, Bakhtin 1984).

Heim schlägt vor, den Begriff User durch den Begriff der "Monade" (Heim 1993) zu ersetzen, und damit die Verbindung zwischen Mensch und Computer auszudrücken. Eine Monade ist eine Person und ein Computer bzw. ein Terminal als Einheit gesehen. Heim meint, daß innerhalb jeder Monade das Kollektiv in seiner Gesamtheit existiert. Jede Monade kann auf der Basis einer breiten Anzahl von Software und von Datenbanken, die zu Verfügung stehen, eine breite und vielfältige Anzahl von Perspektiven einnehmen. Im Internet ist z. B. durch das anonyme File-Transfer-Protokoll (ftp) die Möglichkeit zum Zugang zu einer Fülle von Software gegeben. Dies ermöglicht den Zugang zu einer weiten Bandbreite von Perspektiven.

Dreyfuß (Dreyfuß 1972, Vgl. Barrett 1986) sieht den letztendlich alleine bleibenden Unterschied zwischen Mensch und Computer nur mehr im Körper. In Interaktion mit physischer Präsenz besteht eine prinzipielle Einzigartigkeit des Selbst, da der eigene Körper eine klare Definition von Identität bietet. Die Norm lautet: Ein Körper ist gleich eine Identität. Zwar mag das Selbst komplex und durch die Zeit und Umstände veränderbar sein, aber der eigene Körper bietet einen stabilisierenden Anker. Im Cyberspace gilt diese Definition nicht mehr, denn ein Individuum kann, wie die sozio-kommunikationstheoretischen Darstellungen zeigten, so viele elektronische Persönlichkeiten haben, als es Zeit und Energie findet, diese zu erschaffen. Doch diese zwei Welten sind nicht wirklich von einander getrennt. Denn es ist der Körper, das verkörperte und verfleischlichte Selbst, das inkarnierte Selbst, das Synonym mit Identität verwendet wird, und dieses inkarnierte Selbst sitzt am Keyboard des Computers. Während es richtig ist, daß eine einzige Person viele verschiedene elektronische Persönlichkeiten entwickeln kann, die mit dem gemeinsamen Ursprung der jeweiligen Person verbunden sind, ist diese Verbindung, obwohl sie in der virtuellen Welt nicht sichtbar ist, von grundlegender Bedeutung. Hinweise auf die inkarnierte Identität sind in der virtuellen Welt vielleicht selten, aber sie sind auch nicht nichtexistent. User erkennen Nuancen von E-Mail Adressen bzw. Signaturstilen als derartige Hinweise. Neue Phrasen, Sprech- und Schreibstile entwickeln sich und kennzeichnen einen User als Mitglied einer bestimmten Subkultur. Es wird ein "virtueller Ruf" einer Person etabliert. Der Account-Name bzw. die E-Mail-Adresse ist die grundlegende Information über Identität in der CMC. Der Domain-Name einer E-Mail-Adresse kann z. B. mit der geographischen Lokation übereinstimmen oder kommerzielle Domainnamen können bestimmte Reputationen mit sich bringen. Zum Beispiel ist in der nordamerikanischen Netzkultuer San Franciscos "The Well" als Domain-Name einer E-Mail-Adresse ein Garant für einen guten Ruf. Es ist möglicherweise nur eine Frage der Zeit, bis exklusive Online-Adressen ein Statussymbol werden. In E-Mail-Postings ist die einmal geschaffene, aber bei jeder Mail am Schluß hinzugefügte Signatur eines der bewußtesten Identitätsignale. Es kann eine elektronische Visitenkarte sein, eine elaborierte Arbeit des Selbstausdrucks, eine kryptische Bemerkung, oder ein simpler Name. Obwohl eigentlich die Signatur ein leicht zu kopierendes konventionelles Signal ist, wird sie oft dazu verwendet, sich zu einer robusteren und verläßlicheren Identifizierung der eigenen Identität zu verhelfen oder eine Verbindung zu kulturellen Subgruppen darzustellen. Signaturen können dazu verwendet werden, die virtuelle Persönlichkeit mit der Person in der physischen Welt zu verbinden. Witzige Bemerkungen am Ende einer Signatur in dem Vokabular einer Subkultur können in relativ versteckter Art und Weise die Verbindung zu solch einer Gruppe von Personen darstellen. Eine Besonderheit stellt in diesem Zusammenhang der "Geek-Code" (Donath 1997) dar. Dieser Code besteht aus einer Serie von beschreibenden Kategorien und Modifikatoren dieser Kategorien. Der Geek-Code ist eine bestimmte Form der Identifikation der eigenen Person, und man muß das gesamte Vokabular dieses Codes beherrschen, um eine Signatur interpretieren zu können. Dadurch ist schon alleine die Angabe eines Codes als Signatur in einem E-Mail-Posting das Zeichen der Identifikation mit einer "Geek-Welt". Daneben haben sich auch mittlerweile andere Codes entwickelt: God-Code, Magic-Code, Cat-Code, Wear-Code, Mathdiva-Code. Signaturen machen es leichter, einen Autor schneller zu identifizieren. In der einheitlichen Umgebung des ASCII-Text gibt es wenig, um sich visuell von einander zu unterscheiden, und es könnte die Möglichkeit bestehen, zwei Autoren mit dem selben Namen zu verwechseln. Signaturen können leicht erkannt werden und helfen, den Autor eines Postings auf einem Blick zu identifizieren.

Heim (Heim 1993) hat wenig Bedenken im geistigen Wettkampf zwischen Mensch und Maschine und fokussiert statt dessen auf die Bestrebung des Menschen, jede neue Entwicklung der Computertechnologie in das alltägliche Leben zu integrieren. Die Faszination transzendiert praktische und nützliche Anwendungen und reicht tief in die unartikulierten Bedürfnisse des Menschen hinein. Heim kommt zu den Schluß:

"Our fascination with computers is more erotic than sensous, more deeply spiritual than utilitarian." (Heim 1993 59)

Nach Heim inspiriert der Eros den Menschen dazu, die Bedrängnis des Fleisches, des Körpers zu verlassen, indem er die menschliche Aufmerksamkeit auf das lenkt, was den Geist anzieht. Die erotischen Triebe, die den Menschen dazu treiben, das Fleisch zu transzendieren, finden deshalb den gefährlichsten Komplizen in der Computertechnologie. Das virtuelle Leben im Cyberspace lähmt den Körper. Cyberspacetime verspricht die Befreiung von den Begrenzungen durch Raum, Zeit und Materialität. Doch ohne primäre Erfahrungen des Körpers muß der Mensch leiden. Der Mensch kennt seine Welt und lebt in dieser Welt primär, weil er sich körperlich durch diese bewegt.

"The body is the vehicle of being in the world. To have a body is, for a living being, to join itself to a certain environment, to involve itself to certain projects and therein engage itself continuously." (Merlau-Ponty 1945 97)

Heim bezieht sich auf Diotimas Rede in Platons Symposion, die als Manifest der Strömungen der westlichen Kultur zum Verrat des Körpers gesehen werden kann. Eros führt den Menschen zum Logos, zum Denken und zur Rede. Die Liebe zu schönen Körpern und zu schönen Objekten ist nichts als ein erster Schritt zu einer größeren und reineren Liebe. Diese reinere Liebe ist die Liebe zu schönen Gedanken und zu Wissen, und letztendlich besteht eine Liebe zur Schönheit selbst.

Die Entwicklung des Cyberspace hat eine Welle von religiösem Enthusiasmus ausgelöst. Die Unendlichkeit, die der Cyberspace zu bieten scheint, dient als idealer Mechanismus zur Projektion tiefster Hoffnungen und Ängste. Er generiert eine außergewöhnliche Menge kultureller Energie, die Fusion von Technologie und Utopie und den Wunsch nach spiritueller Befreiung von der Begrenztheit der Materie. Die Verbindung von Cyberspace und Spiritualität ist nicht ein bloßer Zufall. Spirituelle Schulen haben traditionellerweise schon immer mit der Navigation in der immateriellen Welt zu tun gehabt. Sie haben Techniken gesucht, eine immaterielle Welt mit der Welt der menschlichen Bedürfnisse in Einklang zu bringen, und Cyberspace funktioniert in diesem Sinne als eine magische Umgebung, in der dies alles möglich ist.

Selbst wenn CMC nur teilweise die revolutionären Transformationen der Werte und der sozialen Struktur realisiert, die in enthusiastischen Visionen zu finden ist, dann wird sich Religion, als der Menschheit älteste Ausdrucksform von Wörtern und von Gemeinschaft höchstwahrscheinlich durch diese Transformationen auch verändern. O’Leary und Brasher (O’Leary und Brasher 1996) arbeiteten heraus, wie religiöse Glaubenssätze und religiöse Sprache durch die neuen Technologien der Kommunikation verändert werden. Nach der zweiten Oralität gemäß Walter Ong führt CMC zum Wiederauferstehen oraler Kommunikationselemente, wie sie in Stammeskulturen zu finden ist, in einem neuen globalen Kontext der Kommunikation. O’Leary und Brasher weisen auf die ersten Schimmer einer technologisierten Religion hin, die sich in Mailinglisten und NetNews-Gruppen zeigt, die sich dem Thema Religion gewidmet haben. Weiters weisen die Autoren auf eine gewisse Gefahr des Cyberspace hin, die darin besteht, daß er das Opfer einer modernen Form des Gnostizismus wird. Der Cybergnostiker kann auf der einen Seite nicht mehr zwischen Weisheit und Wissen in der digitalen Kommunikation im Cyberspace unterscheiden, und auf der anderen Seite kann es zu einer epistemologischen Verwirrung kommen, die den Cybergnostiker dazu führt, in einem ewigen Suchen nach dem Wissen, das ihn retten soll, verloren zu gehen.