Mensch

 

Systemische Perspektive

 

Autopoietische Systeme

 

Für Humberto Maturana sind Lebewesen Systeme mit einer spezifischen Verknüpfung ihrer Komponenten in der Form einer "autopoietischen Organisation" (Maturana & Varela 1972). Das System lebt, solange seine autopoietische Organisation übereinstimmend mit der Umwelt gewahrt bleibt. "Autopoiese" (Maturana & Varela 1972) meint Selbst-Schöpfung und ist ein Phänomen, das alle lebenden Organismen und ihre sozialen Organisationen charakterisiert (Vgl. Bertalanffy 1968, Zeleny & Pierre 1976, Jantsch 1979). Der von Maturana eingeführte und von Varela weiterentwickelte Begriff kennzeichnet ein System, "/.../ dessen Funktion darauf gerichtet ist, sich selbst zu erneuern - wie sich eine biologische Zelle ständig im Wechselspiel von anabolischen und katabolischen Reaktionsketten erneuert und nicht über längere Zeit aus den gleichen Molekülen besteht." (Jantsch 1979 66)

Der Begriff der Autopoiese umreißt einen bewußt mechanistischen Ansatz, der es ermöglicht, Lebewesen durch ihre Arbeitsweisen zu beschreiben ohne auf äußere Gesichtspunkte zurückzugreifen und geht davon aus, daß es eine Organisationsform geben muß, die allen Lebewesen unabhängig von ihren Komponenten gemeinsam ist. Lebewesen werden mit dem Konzept der Autopoiese als Maschinen gesehen, da es vorteilhaft erschien, die Organisation und die Dynamik von Lebewesen zu betrachten, ohne auf animistische oder vitalistische Prinzipien zurückzugreifen.

"Autopoietische Maschinen sind organisiert (oder als Einheiten definiert) durch Netzwerke der Produktion, Transformation oder Destruktion von Bestandteilen. Sie erzeugen jene Bestandteile, die 1. aufgrund ihrer Interaktionen und Transformationen eben dieses (relationale) Netz kontinuierlich regenerieren und verwirklichen; 2. das Netzwerk (die Maschine) als eine konkrete Einheit im Raum dieser Bestandteile konstituieren, indem sie den Bereich seiner Verwirklichung als Netzwerk topologisch abgrenzen." (Maturana 1982 184)

Der Vorteil dieser komplexen und rekursiven Definition liegt darin, daß nach ihr jedes autopoietisch organisierte System als Lebewesen gilt. Der Begriff der Autopoiese hat bedeutende Konsequenzen für soziale und therapeutische Phänomene, denn er bestimmt die biologischen Bedingungen und Grenzen des Sozialen. Als biologische Systeme sind Lebewesen strukturdeterminiert, autonom, operational geschlossen und zeit- und zwecklos.

 

Charakteristika

 

Biologische Systeme weisen folgende Kennzeichen auf:

Strukturelle Determiniertheit

Die autopoietische Organisation des Lebewesens ist invariant und bleibt konstant, solange es lebt. Sie kann sich durch unterschiedliche Anordnung der Bestandteile und Strukturen verwirklichen, doch die jeweils aktuelle Struktur determiniert, in welchen Grenzen sich ein Lebewesen veränderen kann, ohne seine autopoietische Organisation zu verlieren und damit zu sterben. Anhand seiner Struktur selektiert das Lebewesen Art und Wirkungsweisen der Umweltereignisse, die in ihm Veränderungen auslösen können. Die aktuelle Struktur resultiert aus der jeweiligen Vorgeschichte und prägt die weitere Entwicklung.

Autonomie

Als zusammengesetzte Einheiten sind Lebewesen Systeme, die leben, indem sie sich selbst erzeugen und erhalten. Sie unterliegen dabei nur den Gesetzen, die der aktuelle strukturelle Zustand bei der Wahrung ihrer autopoietischen Organisation bestimmt. Insofern sind sie grundsätzlich selbstgeregelt, also autonom und - gegenüber unbelebten autonomen Systemen - identisch mit ihren Produkten. Lebewesen sind somit grundsätzlich nicht instruierbar, sonder allenfalls verstörbar. Da sie nicht auf der Basis von Input und Output funktionieren können - sie haben keinen Mechanismus, der das erlaubt - lassen sie sich heteronom nicht bestimmten. Das Postulat einer Kausalität, nach der die Veränderung eines Lebewesens zwangsläufig aus gezielten Einwirkungen folgen soll, ist demnach irreführend.

Operationale Geschlossenheit

Ein autopoietisch organisiertes System, das sich selbst konstitutiert und erhält, kann nur mit Eigenzuständen operieren. Es arbeitet selbstreferentiell, indem es seine Eigenzustände rekursiv reguliert, um seine Organisation zu wahren. Lebewesen sind daher operational geschlossen, und sie stützen sich nur auf frühere Eigenzustände, nicht auf äußere Bedingungen. Die Außenwelt ist für ein Lebewesen nur relevant, wenn dieses sie strukturbedingt miteinbezieht.

Zweck- und Zeitlosigkeit

Lebende Systeme genügen nur den eigenen Ansprüchen und verwirklichen stets ihre autopoietische Organisation. Sie folgen weder Zwecken noch Zielen und erfüllen keine Programme oder Funktionen. Derartige Kriterien werden von Beobachtern von außen herangetragen, wenn sie Lebewesen im größeren Kontext betrachten und nach einer sinngebenden Orientierung suchen. Die Begriffe Zweck, Ziel oder Zeit dienen daher einer kohärenten Beschreibung, erfassen aber nicht die interne Funktionsweise von Lebewesen.

Lebewesen sind also von ihrer Struktur her immer schon eindeutig bestimmt. Die Grundprinzipen des Strukturdeterminismus können thesenhaft folgendermaßen auf den Punkt gebracht werden (Vgl. Efran & Lukens & Lukens 1992):

Lebende Systeme sind sich selbst erzeugende Entitäten.

Wissenschaft kann nur strukturdeterminierte Entitäten untersuchen.

Lebende System sind informationell abgeschlossen.

"Objektivität" in Anführungszeichen erinnert daran, daß der Mensch das erzeugt, was er zu wissen glaubt.

Das Leben ist im Grunde genommen eine ziellose Drift.

Überleben erfordert, eine adäquate strukturelle Kopplung mit dem Medium aufrechtzuerhalten.

Alle angeblich rationalen Systeme basieren auf nicht rationalen Ausgangsprämissen.

Sprache ist, biologisch gesehen, eine spezialisierte Form gemeinsamer Handlung, und sie resultiert aus der Erzeugung von Unterscheidungsbereichen

Angesichts der intensiven Rezeption Maturanas in der systemischen Literatur wird an dieser Stelle auf eine vergleichende Gegenüberstellung (Vgl. Dell 1984) mit verwandten Positionen verzichtet.

 

Personzentrierte Perspektive

 

Person

Die Biographie Rogers´ verdeutlicht die Genese seines Menschenbildes, das sich durch die Abgrenzung gegenüber damals favorisierten Ansichten der Psychologie entwickelt hat. Rogers suchte eine Gegenposition einerseits zur protestantischen Tradition - der Sündhaftigkeit des Menschen - und zur Freudschen Konzeption des Es - insbesondere des Todestriebs - und andrerseits zum verhaltenspsychologischen Verständnis von Therapie und Veränderungen, in der der Mensch als Glied in einer unendlichen Kette von Ursache und Wirkung gesehen wird. Rogers liefert zwar leider keine explizite Definition von Person, doch meint er mit "Person" "/.../ immer den ganzen Menschen, den Menschen in seinem ganzen Bestand." (Quitmann 1985 161)

Nach Zottl (Zottl 1980) ist Rogers´ Personbegriff als Synthese eines individualistischen Personbegriffs, wie ihn Sören Kierkegaard vertritt und eines relationalen Personbegriffs, wie ihn Martin Buber repräsentiert, zu werten.

Rogers verwendet immer wieder den Begriff Organismus, wenn er von einer Person spricht, was aber nicht auf die physischen und biologischen Gegebenheiten des Menschen reduziert werden darf, sondern im Sinne Rogers für den gesamten und ganzheitlich gesehenen Menschen steht (Vgl. Schmid 1989). Solch ein Organismus hat für Rogers die Fähigkeit, mit dem gesamten Spektrum der erlebten Gefühle erfüllt zu leben, aber ohne vor diesen Angst haben zu müssen. Er besitzt ein hohes Vertrauen in sich selbst, wobei alle Reize der Umwelt optimal genutzt werden, um seine eigene existentielle Situation so genau wie nur möglich zu erschließen. Weiters hat er die Fähigkeit, offen gegenüber augenblicklichen Erfahrungen und den Auswirkungen des eigenen Handelns zu sein, und er hat die ihm eigenen Möglichkeiten zur Selbstentdeckung und Selbstbestimmung optimal entfaltet. Diesen Vorstellungen liegt ein Vertrauen in den Organismus zugrunde, das Rogers aus der Evolutionstheorie ableitet. Beim Evolutionsprozeß findet sich für Rogers im gesamten organischen Leben eine kreative und nicht eine zersetzende Tendenz. So läßt sich ebenso beim Menschen eine Entwicklung zu immer größerem Bewußtsein beobachten. Auch gibt es - auf organischer wie auch auf anorganischer Ebene - ein Bestreben nach gesteigerter Ordnung und wechselseitiger Komplexität.

 

Selbst

Vom Organismus als Ganzes hebt Rogers das Selbst ab als Wahrnehmung einer Person von sich selbst. Dieses Bild von sich selbst entsteht nach Rogers einerseits aus direkten und eigenen Erfahrungen, die der Mensch vom Anfang seines Lebens an in seiner Umwelt macht, und andrerseits bildet es sich durch fremde Erfahrungen und Wertungen. Rogers´ Konzept des Selbst ist gekennzeichnet durch eine prozeßhafte Verstehensweise. Das Selbst ist nach Rogers ein rückbezüglicher Prozeß, und es ist in einem fortwährenden Kreislauf des Entstehens und Wachsens immer wieder in sich selbst eingebettet. Das Selbstkonzept einer Person verändert sich ständig in Abhängigkeit von der Selbsterfahrung. Für die psychische Gesundheit einer Person ist das Ausmaß an Kongruenz, in diesem Zusammenhang meint Rogers damit die Identität mit den eigenen Erfahrungen, zwischen Selbstkonzept und Körper- und Sinneserfahrungen entscheidend.

"Das Selbst ist ständig auf der Suche nach seinem wahren Selbst, nach seiner eigentlichen Existenz." (Garnitschnig 1984 92)

Garnitschnig (Garnitschnig 1984) beschreibt das Selbst als die Synthese der Erfahrungen, das sich als selbständig und autonom erfährt und sich selbst unter den vielen Möglichkeiten zu dem, was es sein kann und will, bestimmt. Dadurch kann es, indem es die Handlungsmöglichkeiten unter ein Selbstkonzept stellt, sich auch als Identität erfahren. Das Selbst kann sich aber nur in Auseinandersetzung mit anderen und in Anerkennung von anderen voll bewußt werden.

Oft inkonsistente Ausführungen Rogers´ lassen aber ebenso eine Haltung erkennen, die das Selbst des Menschen als eine apriori bestehende Entität sieht, die unabhängig von der Selbstwahrnehmung und der Wahrnehmung der Welt existiert (Vgl. Hirt 1992). Das für Rogers entscheidende Verständnis des Selbst ist trotz logischer Unklarheiten wohl in einer Kombination dieser beiden Konzeptionen zu sehen, wobei Rogers eindeutig stärker zu einer Sichtweise der apriorischen Existenz des Selbst, das sich prozessual ein ganzes Leben lang entfaltet, tendiert.

 

Charakteristika

"Für Rogers ist die Natur des Menschen, sofern er voll entscheidungs- und handlungsfähig ist, "vertrauenswürdig und zuverlässig", "schöpferisch und realistisch", "positiv und konstruktiv" und "auf Sozialisierung hin ausgerichtet". Der Mensch lebt "auf Autonomie und Reife hin". "Er hat die Tendenz /.../ , seine Möglichkeit zu werden", ist "sowohl selbsterhaltend als auch sozial". Zusammengefaßt: Der Mensch hat in einer fruchtbaren Atmosphäre die Freiheit, jede Richtung zu wählen; tatsächlich wählt er jedoch eine konstruktive." (Schmid 1989 102)

Im Menschen ebenso wie in der gesamten Natur gibt es nach Rogers zwei Tendenzen: die Tendenz des Verfalls - der Entropie - und die formative Tendenz des ständigen Aufbaus - der Syntropie - , die ein Bestreben nach gesteigerter Ordnung und wechselseitiger Komplexität repräsentiert. Die Welt wird insgesamt mehr durch kreative und nicht durch zersetzende Prozesse bewegt, und so ist auch der Mensch bemüht, immer komplexere Formen anzunehmen und zu mehr Bewußtsein zu gelangen.

"Die Grundnatur des frei sich vollziehenden menschlichen Seins ist konstruktiv und vertrauenswürdig." (Rogers 1974 176)

Rogers´ Idee eines guten Kerns findet nach Brunner (Brunner 1989) eine interessante Parallele im Vergleich mit der Philosophie des Sokrates. Sokrates gründet auf seiner inneren Stimmen des Daimonion seine Idee der autonomen Persönlichkeit und dem inneren freien Menschen, der das Gute um seiner selbst willen tut. Daraus entwickelt Sokrates die Methode der Maieutik, in der er nicht belehrt, sondern mit einer fragenden Haltung begleitete und damit unausgesprochen antreibt, sich selbst mehr zu erkennen. Die Analogie des rogers´schen Ziels der nondirektiven Selbstexploration und des sokratischen Ziels de Selbsterkenntnis ist schwer von der Hand zu weisen.

Gemäß der humanistischen Prämisse ist nach Rogers die menschliche Natur grundsätzlich als positiv und konstruktiv, vernünftig und zur Selbsterkenntnis fähig anzusehen. Der Mensch entwickelt sich im Laufe seines Lebens selbstregulierend in Richtung auf zunehmende Reife, Selbstverwirklichung und Sozialisation hin. Er tendiert von Natur aus letztendlich immer wieder zum Guten, und Fehlentwicklungen finden ihre Ursachen in einer ungünstigen menschlichen Umgebung. Diese Tendenz zum Guten geht aber nicht so sehr von irgendeiner Art geistiger Kräfte im Menschen aus, sondern vom Organismus. Diese jedem Menschen innewohnende Kraft zum Guten bewirkt, daß sich jeder auf das für ihn größtmögliche Maß an Selbstgestaltung hinzubewegen versucht. Der Blick auf Rogers´ biographische Entwicklung zeigt deutlich die von ihm bezogene Gegenposition zu seiner eigenen amerikanisch-protestantischen Tradition, in der er aufwuchs und die ihn gelehrt hatte, daß der Mensch im Wesen sündhaft sei. Er konnte sich mit diesem Denken niemals identifizieren. Rogers lehnt die Annahme zerstörerischer Triebe im Menschen ab (Vgl. Rogers 1974).

Je verständnisvoller und akzeptierender man Menschen begegnet, desto eher werden sie nach Rogers fähig, ihre aggressiven und destruktiven Seiten positiv in die Gesamtpersönlichkeit zu integrieren. Ungünstige menschliche Umgebung kann dazu führen, daß Menschen nicht fähig sind bzw. werden, all ihre Erfahrungen in ihr Bild von sich selbst zu integrieren, was zu Inkongruenz führt, und somit die Person ihre Ganzheitlichkeit verliert.

 

Selbstaktualisierung

So wie das Selbst für Rogers eher eine apriori bestehende Entität ist, die sich fortwährend entfaltet, ist nach Rogers´ "entwicklungspsychologischer Präformationstheorie" (Baumgartner 1990 467) die gesamte Entwicklung des Individuums die Ausfaltung dessen, was schon in statu nascendi vorhanden ist. Erziehung und Sozialisation werden daran anschließend ausschließlich als Freilegung des Vorhandenen und als Einstimmen auf die Prozesse der Selbstentfaltung des Kindes und Förderung ebendieser aufgefaßt, wobei diese Selbstentfaltung ein immerwährender Prozeß ist. Rogers betont das Werden des Menschen. Es gibt für ihn keinen Endzustand, den eine Person in ihrem Leben erreichen kann. Der Mensch steht in einem Prozeß andauernder Veränderung und kann in diesem seine Fähigkeit, sich in Richtung größerer Reife zu entwickeln, erfahren. Je mehr der Mensch in der Lage ist, innere und äußere Reize bei sich selbst unverzerrt wahrzunehmen, also kongruent zu sein, desto mehr neigt er dazu, sich selbst zu akzeptieren und, daraus folgend, sich nötigenfalls auch zu verändern. Ist der Mensch fähig, sich selbst anzunehmen und möglicherweise auch zu verändern, so entwickelt er sich in die Richtung seiner Vervollkommnung.

Die Grundannahmen des personzentrierten Ansatzes lassen sich in einer zentralen Hypothese zusammenfassen: Das Individuum trägt unbegrenzte Anlagen in sich selbst, sich zu verstehen und zu verändern. Diese Anlagen kann das Individuum nur dann zur Entfaltung bringe, wenn das Individuum in einer Atmosphäre existiert, die sich durch bestimmte Eigenschaften auszeichnet.

"/.../ [Die] Grundnatur des frei sich vollziehenden menschlichen Seins ist konstruktiv und vertrauenswürdig." (Rogers 1983 193)

"Der Organismus strebt nach größerer Differenziertheit, Unabhängigkeit, Selbstverantwortlichkeit und weg von Kontrolle durch externale Kräfte." (Bommert 1979 30)

Der Mensch will sein Grundbedürfnis, positiv, vorwärtsgerichtet und konstruktiv zu sein, fortwährend verwirklichen. Er ist ein selbstverantwortliches Wesen, das in einem Zustand der andauernden Veränderung in Richtung größerer Reife und Funktionsfähigkeit existiert. Er hat die Fähigkeit, für sein Handeln und sein Erleben die Verantwortung zu tragen und sich selbst zu kontrollieren, zu steuern und sein Leben zu meistern. Der Mensch wird von einer grundsätzlichen Ausrichtung auf eine sinnvolle Erfüllung und Realisierung der in ihm ruhenden Fähigkeiten und Möglichkeiten getragen. Hierzu bedarf es aber einer förderlichen Umgebung, die, sollte sie nicht gegeben sein, die im Menschen ruhenden Tendenzen und Bestrebungen zur Selbsterfüllungen behindern, verlangsamen oder aufhalten kann. Der personzentrierte Ansatz verwendet in diesem Zusammenhang die Begriffe der Selbstaktualisierungstendenz, der Selbstveranwortlichkeit, Selbstbestimmung und Selbstgestaltung.

Die Rationalität des Menschen zeigt sich darin, daß er in positiver Weise die Befriedigung seiner verschiedenen Bedürfnisse anstrebt. Diese innere Tendenz zur Selbstaktualisierung ist selbst noch bei aggressivem und destruktivem Verhalten zu erkennen.

 

Vollentwickelte Persönlichkeit

Das Ideal psychischer Gesundheit konkretisiert Rogers in seinem Konzept der "fully functioning person" (Rogers 1974 276), einer sich selbst verwirklichenden und voll handlungsfähigen Person. Diese Vorstellungen von einer imaginierten Person stellen für Rogers einen hypothetischen, in seinen Augen niemals erreichbaren Endpunkt einer persönlichen Entwicklung eines jeden Menschen dar. Rogers´ Modell einer vollentwickelten Persönlichkeit ist am ehesten als ein Symbol zu verstehen, das die Entwicklungsrichtung von Menschen, die positive Erfahrungen in hilfreichen Beziehungen machen, darstellt.

"Er ist imstande, in und mit allen und jedem seiner Gefühle und Reaktionen erfüllt zu leben. Er gebraucht seinen Organismus als Mittel, die existentielle Situation in sich und seiner Umwelt so genau wie nur möglich zu erschließen. Er benutzt alle Daten, die ihm sein Nervensystem zur Verfügung stellen kann; er nutzt sie bewußt, berücktsichtigt aber, daß sein Gesamtorganismus vielleicht klüger sein mag - und oft ist - als sein Bewußtsein. Er läßt seinen gesamten Organismus in all seiner Komplexität funktionieren, d. h. aus einer Vielzahl von Möglichkeiten das Verhalten auswählen, das im jeweiligen Augenblick die umfassendste und echteste Befriedigung bringt. Er kann seinem Organismus vertrauen; nicht, weil dieser unfehlbar wäre, sondern weil er den Auswirkungen jeder seiner Aktionen vollkommen offen gegenübersteht und sie berichtigen kann, wenn sie ihn nicht befriedigen. Dieser Mensch ist in der Lage, alle seine Gefühle zu erleben, statt Angst vor den eigenen Emotionen zu haben. Er bestimmt sich selbst, ist aber für alle Erfahrungen offen; er ist ganz damit beschäftigt, er selbst zu sein und zu werden, und entdeckt dabei, daß er ein psychisch gesunder und wirklich sozialer Mensch ist. Er lebt vollkommen für den Augenblick, aber er lernt, daß das das Vernüftigste für sein Leben ist. Er ist ein sich ganz verwirklichender und handlungsfähiger Organismus, und auf Grund seines Selbstbewußtseins, das sein Handeln kennzeichnet, ist er auch eine sich verwirklichende und voll handlungsfähige Persönlichkeit." (Rogers 1974 277-278)

Das Modell der vollentwickelten Persönlichkeit ist für Rogers die Vorgabe einer Zielrichtung und nicht das tatsächliche Ziel menschlicher Entwicklung. Er möchte sein Idealvorstellungen als Herausforderung verstanden wissen, an der einjeder seinen eigenen Standpunkt finden soll. Wallnöfer (Wallnöfer 1992) charakterisiert eine voll entwickelte Persönlichkeit nach Rogers folgendermaßen:

Offenheit gegenüber neuen Erfahrungen ohne Abwehr;

genaue und differenzierte Symbolisierung von Erfahrungen;

weitgehende Übereinstimmung zwischen Selbststruktur und Erfahrungen;

Beweglichkeit, d. h. Flexibilität des Selbstbildes und der Selbststruktur;

der Ort getroffener Entscheidungen ist vorwiegend das Selbst;

bedingungslose positive Wertschätzung des eigene Selbst;

kreative Anpassung an neue Situationen;

erfolgreiche Steuerung des eigenen Verhaltens, das sich an den eigenen Bedürfnissen orientiert;

möglichst unverzerrte Wahrnehmung der Realität;

Fehlentscheidungen werden zugegeben und korrigiert;

ungehindertes Nehmen- und Gebenkönnen von positiver Wertschätzung;

reife und befriedigende soziale Integration.

Alle beschriebenen Merkmale einer vollentwickelten Persönlichkeit müssen, auch wenn sie, wie z. B. vollständige Kongruenz und vollständige Offenheit für alle Erfahrungen, statisch erscheinen mögen, als Charakteristika eines Prozesses verstanden werden. Die vollentwickelte Persönlichkeit ist ein Individuum, das in einem ständigen Wechsel begriffen ist, und es können daher seine jeweiligen Verhaltensweisen nicht vorhergesagt werden. Das einzige, was vorhergesagt werden kann, ist, daß diese Persönlichkeit sich an neue Situationen adaptieren wird und sich im Prozeß der weiteren Selbstverwirklichung befinden wird.

Rogers selbst hat in thesenhafter Form sein Bild des Menschen in neunzehn Gedanken auf den Punkt gebracht (Rogers 1987, Vgl. Wild 1992). Das Individuum lebt in einer sich andauernd verändernden Welt, deren Mittelpunkt es selbst ist und dieser Organismus reagiert auf die Umwelt als eine Realität, die er subjektiv und selektiv wahrnimmt. Der Mensch kann aus diesem Grund nur aus seinem eigenen Bezugsrahmen verstanden werden. Die meisten Verhaltensweisen des Organismus stimmen mit dem Selbst, das nicht immer aktuell im Bewußtsein ist, überein. Das sich daraus entwickelnde Selbstkonzept ist dasjenige Bild, das der Mensch von sich selbst aufgrund gemachter Erfahrungen, insoweit sie dem Bewußtsein zugänglich sind, hat. Eine vollständige Zulassung aller Erfahrungen ist dem Individuum nur in einer Atmosphäre persönlicher Sicherheit möglich. Ist solch ein Klima nicht vorhanden, werden Erfahrungen verdrängt und das Selbst qualitativ abgewertet. Erfahrungen aus der frühen Kindheit und frühe Entfremdungsvorgänge können eine Kluft und Inkongruenz zwischen dem Selbstkonzept und den aktuellen Erfahrungen des Organismus aufreißen. Der Kongruenz zwischen Selbst und Erfahrung ist eine Schlüsselposition zuzuschreiben. Widersprechen sich gelernte und erfahrene Bewertungen, so entsteht ein Konflikt. Erfahrungen, die dem Selbstkonzept widersprechen, frustrieren die Selbstachtung der Person, die sich durch Leugnung oder Verzerrung dieser frustrierenden Erfahrungen zur Wehr setzt, um dadurch wieder Übereinstimmung mit dem Selbstkonzept und somit Kongruenz herzustellen. Damit keine Kluft zwischen dem Selbst und der Realität entsteht, sind bestimmte Bedingungen notwendig, die vor allem in gelingenden personalen Beziehungen gegeben sind und Sicherheit, Wertschätzung der Person und Übereinstimmung zwischen Selbst und Erfahrungen möglich machen.