Beziehungen

 

 

Systemische Perspektive

 

Kommunikation

 

Beschreibung

"Kommunikation ist Austausch von Information mit dem Akzent darauf, daß sich ein Individuum A durch die von irgendeinem anderen Individuum B ausgehenden Informationen angesprochen fühlt, ein Umstand, der schon durch die Offenheit des Menschen für Informationen ständig eintreten kann. Die Information ist für A zur Mitteilung geworden, ihre Bedeutung hat ihre Wirkung auf ihn." (Merl 1987 111)

Da der Begriff System die Bezogenheit der Teile impliziert, ist Kommunikation im systemischen Ansatz als Hauptkennzeichen von Systemen aus kommunizierenden Teilen, hier besonders sozialer Systeme, anzusehen. Eine Voraussetzung der Kommunikation im System ist das Vorhandensein einer gemeinsamen Sprache, d. h. einer semantischen Gemeinsamkeit, welche dann die pragmatische Gemeinsamkeit des Systems schafft. Die Wirkung im System ist der verläßlichste Indikator dafür, daß ein Mitteilungsaustausch stattfindet und demnach ist auch alles Mitteilung, was wirkt.

Verbal-Nonverbal

Nach Watzlawick, Beavin und Jackson ergibt sich aus der Übereinstimmung darüber, "/.../ daß alles Verhalten in einer zwischenpersönlichen Situation Mitteilungscharakter hat, das heißt Kommunikation ist, /.../, daß man, wie immer man es auch versuchen mag, nicht nicht kommunizieren kann. (Watzlawick & Beavin & Jackson 1969 51)

Damit Kommunikation zustande kommen kann, müssen nach Ansicht der drei Autoren ein Übermittler, ein Empfänger und eine Botschaft vorhanden sein. Die Botschaft besteht aus einem Inhalt, der gewöhnlich mit Hilfe der Sprache, vor allem verbal, zum Ausdruck gebracht wird, und einer Form, die sich in nichtverbalen Modalitäten äußert und Informationen über das Verhältnis der Kommunikanten untereinander und über den Kontext liefert. Zur analogen oder nonverbalen Kommunikation gehören Körperbewegungen sowie Tonfall, Sequenz, Rhythmus und Kadenz der Worte und die räumliche Anordnung der beteiligten Personen. Phylogenetisch betrachtet, ist die nonverbale Kommunikation ein primitiveres Phänomen, das sich auch unter Tieren und in den frühen Phasen der menschlichen Entwicklung beobachten läßt. Gewisse Formen der nichtverbalen Kommunikation sind universal und gehören in die Kategorie der neurophysiologischen Reflexe.

Inkongruenz

Nichtverbale Sprache bestätigt nach Scheflen (Scheflen 1976) entweder die verbale Mitteilung oder widerspricht ihr, denn Menschen geben, sobald sie miteinander kommunizieren, Informationen über einen bestimmten Inhalt und zugleich über ihr gegenseitiges Verhältnis ab. Jede Kommunikation beinhaltet demnach etwas über das Verhältnis zwischen dem Menschen, der die Botschaft abgibt, und demjenigen, der sie empfängt. Wenn der verbale Inhalt einer Botschaft immer kongruent kommentiert würde, dann wäre jede solche zwischenmenschliche Beziehung deutlich definiert. Im Alltag aber geben Menschen häufig Bestätigungen ab, die eine Beziehung in einer bestimmten Weise definieren und widersprechen dieser Definition im selben Atemzug durch ein anderes Verhalten, das sie leugnet.

Raum

Raum ist nach Christiansen (Christiansen 1972, Vgl. Duhl & Kantor & Duhl 1973) im systemischen Betrachtungsfeld zwischenmenschlicher Kommunikation mehr als eben nur eine Gesamtheit geometrischer Beziehungen. Er ist Ausdruck einer essentiellen Seinsweise, da jede Handlung sowohl eine Veränderung des Raumes, den der menschliche Körper innerhalb des ihn umgebenden Raumes beansprucht, als auch eine zunehmende Öffnung der inneren Welt des Menschen bewirkt, die letztendlich zur Entstehung der individuellen Identität in einer zunehmenden Differenzierung und Bestimmung des inneren und äußeren Raumes notwendig ist. Raum ist im systemischen Ansatz eine dem Menschen mitgegebene und universale Dimension seines expressiven und sozialen Verhaltens. Der Raum definiert das Territorium des Individuums, einen Ort, der dem einzelnen gehört, an dem es sich selbst finden und zugleich seine Beziehungen zu anderen Menschen aushandeln kann.

 

Beziehung und Kommunikation

 

Als Mitteilungsaustausch in Systemen ist Kommunikation wesentlich am Aufbau und der Erhaltung von Beziehungen beteiligt. Sie stellt gewissermaßen das Medium dar, mit dessen Hilfe die Koppelung von Individuen möglich und erhalten wird. Der Aufbau einer Beziehung über Kommunikation erfolgt über den Anstoß, der durch die Mitteilung des einen Individuums an das andere gegeben ist und die Wirkung, die dadurch beim zweiten Individuum ausgelöst wird. Besteht seitens des Individuums, an das die Mitteilung ergangen ist, ein Interesse an der Fortsetzung des Austausches, so kann sich aus diesem ersten Keim der Kommunikation eine Beziehung entwickeln. Zum Mitteilungsaustausch tritt also ein durch ihn erwecktes Interesse mit ins Spiel, welches den Austausch fördert und aufrechtzuerhalten imstande ist. Dieses Interesse konstituiert die Beziehung und jeweils einen persönlichen Hintergrund. Mit fortschreitender Entwicklung der Beziehung lassen sich Gesetzmäßigkeiten am Mitteilungsaustausch und damit die zunehmende Festigkeit der Beziehung erkennen. Diese Gesetzmäßigkeiten werden als Entstehung einer gemeinsamen Definition der Beziehung und des Problems der Kontrolle der Beziehung, d. h. wer bestimmt, was in der Beziehung geschieht, beschrieben. Die gemeinsame Definition der Beziehung entsteht als Ausdruck einer im Verlauf des Mitteilungsaustausches erreichten Einigung darüber, welche Verhaltensweisen, d. h. Mitteilungen in der Beziehung zugelassen sein sollen und welche nicht. Das Bestreben, eine gemeinsame Definition zu finden, zeigt an, daß über die Interaktion ein Interesse geweckt worden und im Wachsen ist, welches der Beziehung Stabilität zu verleihen imstande ist.

Sobald eine Beziehung konstituiert ist, d. h. das Interesse daran sie organisiert hat, zeigt der dabei bestehende und fortgesetzte Mitteilungsaustausch an, daß er je nach Kontext verschiedenen Regeln gehorcht. Von diesen den Mitteilungsaustausch regulierenden Kommunikationsregeln sind die die Beziehung charakterisierenden strukturgenetischen Regeln zu unterscheiden. Kommunikationsregeln können als "/.../ befolgbare Verschreibung, welche angibt, welches Verhalten in bestimmten Kontexten obligat, bevorzugt oder verboten ist /.../" (Shimanoff 1980 57) , und ihre Funktion als eine, die "/.../ Verhalten regulieren, interpretieren, auswerten, rechtfertigen, korrigieren, vorhersagen und erklären kann/.../" (Shimanoff 1980 83) definiert werden. Regelbestimmtes Verhalten ist demnach als solches zu erkennen, wenn es kontrollierbar, d. h. der Kontrolle dessen, der es zeigt, unterstehend und kritisierbar, d. h. von denen, denen es gezeigt wird, beurteilt werden kann und kontextbezogen ist.

Der Unterschied zwischen Kommunikations- und Beziehungsregeln liegt darin, daß an jeder Mitteilungsebene ein Inhalts- und ein Beziehungsteil zu finden ist, d. h. eine Instruktion an den Empfänger, als welche Art von Mitteilung er die betreffende Mitteilung zu verstehen habe. Damit ist jede Sendung letztendlich als Mitteilung über die Beziehung, in der der Sender dieser Mitteilung zu stehen wünscht, zu verstehen. Während Kommunikationsregeln kontextbezogen und damit kontextabhängig sind, weist der Beziehungsanteil der Mitteilungen, die ihr gemäß stattfinden, darauf hin, daß eine bestimmte Beziehung besteht, deren Regelung je feststehender ist, desto länger die Beziehung in bestimmter Form besteht, und die daher kontextunabhängig ist. Die Verbindung zwischen ihnen stellt der Beziehungsanteil der Mitteilung her. Das Wechselspiel zwischen Beziehung und Kommunikation läßt sich folgendermaßen verdeutlichen: Während die Beziehung eine interessensbezogene geregelte Verbindlichkeit darstellt, die über die Kommunikation entsteht, ist die Kommunikation in den verschiedenen Kontexten der ständige Einfluß, der diese Verbindlichkeit bestätigt. Kommt es aus irgendwelchen Gründen zum Anstoß, diese Verbindlichkeit zu verändern, so geschieht dies über die Kommunikation. Die Änderung der Verbindlichkeit wirkt dann auf die Ebene der Kommunikationsregeln zurück und modifiziert diese entsprechend, so daß jetzt in verschiedenen Kontexten gegenüber vorher veränderte Formen des Mitteilungsaustausches möglich sind, wie sich besonders am Kriterium der Kritisierbarkeit zeigt.

 

Personzentrierte Perspektive

 

Begegnung

Der personzentrierte Begriff der Person ist eng verbunden mit dem Begriff des "encounter" (Rogers 1974). Ein Konstituum der Person ist die Begegnung mit anderen, die letztendlich erst Wachstum und Reifung ermöglicht. Jedes echte und einfühlende Gespräch bezeichnet Carl Rogers als encounter, als Begegnung zwischen zwei Personen. Begegnung ist für Rogers die ultimative personale Form der Beziehung. Eine Begegnung ist mehr als eine soziale Beziehung, die man herstellt, sie ist mehr als bloße Interaktion, und sie ist die dem personalen Sein adäquate Beziehung, die sich nur durch Sprache, durch das Wort vollziehen kann.

Rogers befindet sich in enger Verwandschaft zu Martin Buber, indem er Begegnung als die Verbindung der Gesprächspartner als Miteinandersein sieht.

"Ein wirkliches Gespräch, /.../, eine wirkliche Lehrstunde, /.../ - das Wesentliche davon vollzieht sich nicht in dem einen und dem anderen Teilnehmer, noch in einer beide und alle anderen Dinge umfassenden neutralen Welt, sondern im genauesten Sinn zwischen beiden, gleichsam in einer nur ihnen beiden zugänglichen Dimension." (Buber 1961 167-168)

Die bedeutendste Erscheinungsform zwischenmenschlicher Begegnung bildet dabei sowohl für Buber als auch für Rogers der Dialog. Nur diese personale Begegnung fördert das Persönlichkeitswachstum und bestätigt den Menschen in seinem Wert als Person. Wahrhaftige Begegnungen können zu Gefühlen der Präsenz oder Gegenwärtigkeit führen, die Rogers zu den einzigartigsten Erlebnissen seines Lebens zählte. Diesen Momenten der tiefsten Berührung zweier oder mehrere Menschen schrieb er einen spirituellen und mystischen Charakter zu.

"Wenn ich als Gruppenhelfer oder als Therapeut /.../ meinem inneren, intuitiven Selbst ganz nah bin, /.../ dann ist einfach meine Gegenwart befreiend und hilfreich. In solchen Augenblicken scheint es, daß mein innerer Sinn sich hinausgestreckt und den inneren Sinn des anderen berührt hätte. Unsere Beziehung transzendiert sich selbst und ist Teil von etwas Größerem geworden. Tiefes Wachstum und Heilung und Energie sind gegenwärtig." (Rogers 1991 242)

Das Phänomen der Begegnung kann weder absichtlich herbeigeführt werden, noch ist es empirisch untersuchbar, sondern Begegnung meint eine Qualität der Beziehung, die durch ein Gespräch entsteht. In Momenten, in denen die mystisch-spirituelle Qualität einer Begegnung erfahrbar wird, und die sicherlich nicht Alltagsgeschehen sind, kommen die beteiligten Personen unmittelbar in Kontakt mit sich selbst und ihrem selbstschöpferischen Kern. Ein gegenseitiger Wachstumsprozeß in einer Begegnung geschieht in dem Maße und in der Tiefe, wie sich die Gesprächspartner auf sich selbst und den anderen einlassen.

Personzentriertes Arbeiten hatte, ganz im Widerspruch zum eigenen ganzheitlichen Menschenbild, allzu lang den Körper vernachlässigt (Vgl. Schmid 1994). Nach dem Personbegriff des personzentrierten Ansatzes ist aber der Körper unabdingbar für das personzentrierte Verständnis von Person, und so auch für das Verständnis von Begegnung. Begegnung kann sich nicht ohne Sprache, d. h. ohne nonverbale und verbale Kommunikation vollziehen und somit ist Begegnung auf den Körper ebenso wie auf das Wort angewiesen.

 

Dimensionen

 

 

Gegenwärtigkeit

Zum wichtigsten Moment einer personzentrierten Begegnung gehört es, den anderen im Hier und Jetzt entgegenzutreten und nicht in der Vergangenheit zu leben oder sich der Zukunft entgegenzusehnen.

"Nur für den, der offen in der Gegenwart lebt, wird die Gegenwart des anderen erfahrbar, und es kann zur Begegnung kommen /.../." (Schmid 1992 15)

In und durch die Betonung der Gegenwärtigkeit der therapeutischen Situation ist das existentiell Bedeutsame wirklich auch zur Geltung gebracht. Die Echtheit und Wahrhaftigkeit des Augenblicks erhält sowohl von der Problematik her als auch als Partnerschaft und Begegnung den ihr gebührenden und nur so den der Würde des Menschen entsprechenden Platz. Gegenwart erhält zentrale Bedeutung für Rogers und wird zum Komplement der theoretischen Konzeptionen von Selbst und Organismus.

"Der einzig wichtige Aspekt ist die innere Erkenntnis des totalen, einheitlichen, unmittelbaren, augenblicklichen Zustandes des Organismus, der ich bin." (Rogers 1983 202)

Andersartigkeit

Jede Gemeinsamkeit in der gegenseitigen Vergegenwärtigung in der personzentrierten Konzeption von Begegnung ist aber auch von immerwährendem Abstand gekennzeichnet. Die andere Person bleibt als das Gegenüber immer auch ein Anderes und ein Anderer und bietet damit Widerstand.

"In der Begegnung begegnen sich Gegner, die von ihrer Unterschiedlichkeit leben, damit nicht Pseudo-Freunde enttäuscht zu vernichtenden Feinden werden. Die Aussage "Ich verstehe Dich" ist affektlogisch unmöglich, erniedrigt "Dich" zum Objekt. Statt dessen: eine Beziehung wird dadurch zur Begegnung, daß beide sich selbst aneinander besser verstehen." (Dörner & Plog 1994 10)

Es sind immer mindestens zwei Menschen nötig, um die Tiefe einer Person voll auszuschöpfen. Begegnung ist ein einander Gegenübertreten zweier Personen. Eine Begegnung wendet sich gegen vorschnelles und billiges Klassifizieren einer Person und versucht statt dessen, auch die Andersartigkeit des Anderen staunend zu erfahren.

Erlebnisfähigkeit

Die im personzentrierten Ansatz nach Carl R. Rogers beschrieben Grundhaltungen der Wahrhaftigkeit (Authentizität, Kongruenz), der bedingungslosen Wertschätzung und des einfühlenden Verstehens (Empathie) fördern die oben genannten Dimensionen einer echten Begegnung zwischen Menschen. Rogers war der Überzeugung, daß diese Haltungen, die in jedem Menschen als Potential vorhanden sind, gefördert und zur Entfaltung gebracht werden können.

Der Andere, der immer auch das furchteinflößende, weil eben unbekannte Andere repräsentiert, wird in einer echten Begegnung nicht länger als die eigene Existenz bedrohend erlebt, sondern das Erleben einer Andersartigkeit der begegnenden Person wird als bereichernd erfahren, denn nur im unmittelbaren offenen und gegenwärtigen Erleben ist es möglich, den Reichtum der Einzigartigkeit des Anderen zu erfahren.