Die Konzeption der Monade beschreibt eine Person und ein Computer bzw. ein Terminal als Einheit gesehen, und innerhalb jeder Monade existiert das Kollektiv in seiner Gesamtheit. Der letztendlich allein bleibende Unterschied zwischen Mensch und Computer liegt nur mehr im Körper. In Interaktion mit physischer Präsenz besteht eine prinzipielle Einzigartigkeit des Selbst, da der eigene Körper eine klare Definition von Identität bietet. Die Norm lautet: Ein Körper ist gleich eine Identität. In der CMC gilt diese Definition nicht mehr. Denn ein Individuum kann so viele elektronische Persönlichkeiten haben, als es Zeit und Energie findet, diese zu erschaffen. Aber es ist der Körper, das verkörperte und verfleischlichte Selbst, das inkarnierte Selbst, das synonym mit Identität verwendet wird, und dieses inkarnierte Selbst sitzt am Keyboard des Computers. Hinweise auf die inkarnierte Identität sind in der virtuellen Welt vielleicht nur unter der Oberfläche zu finden, aber sie sind auch nicht nichtexistent.
Die Faszination, die der Computer auf den Menschen ausübt, transzendiert praktische und nützliche Anwendungen und reicht tief in unartikulierte individuelle Bedürfnisse hinein. Erotischen Anteile, die den Menschen dazu treiben, die eigene körperliche Beschränktheit zu transzendieren, finden deshalb einen sehr kooperativen Komplizen in der Computertechnologie. Cyberspacetime verspricht die Befreiung von den Begrenzungen durch Raum, Zeit und Materialität. Die Unendlichkeit, die der Cyberspace zu bieten scheint, dient als idealer Mechanismus zur Projektion tiefster Hoffnungen und Ängste, und die Verbindung von Cyberspace und Spiritualität ist nicht ein bloßer Zufall, denn spirituelle Schulen haben schließlich schon immer mit der Navigation in einer immateriellen Welt zu tun gehabt. Selbst wenn CMC nur teilweise die revolutionären Transformationen der Werte und der sozialen Struktur realisiert, die in enthusiastischen Visionen zu finden ist, dann wird sich Religion als der Menschheit älteste Ausdrucksform von Wörtern und von Gemeinschaft höchstwahrscheinlich durch diese Transformationen auch verändern. Eine Gefahr besteht darin, daß der Cyberspace das Opfer einer modernen Form des Gnostizismus wird, in dem sich der User in einem ewigen Suchen nach dem Wissen, das ihn rettet, zu befinden scheint.
Parallelität im Ablauf von Computerprogrammen ist eine Simulation, die jedoch als solche für den Benutzer aufgrund der Arbeitsgeschwindigkeit moderner Geräte gar nicht mehr erfahrbar ist. Der Eindruck der Parallelität von gleichzeitigem Arbeiten in verschiedenen Fenstern ist demnach auf das Prinzip der Simulation zurückzuführen. Der Umgang mit dem Computer und die CMC führt in diesem Zusammenhang zur Entwicklung eines oder mehrerer neuen Selbstbilder. Der Mensch verfügt über verschiedenste Selbstbilder, und CMC ermöglicht und auch erfordert die Entwicklung neuer Bilder seiner selbst. Im Alltagsverständnis sieht sich der Mensch als eine fixe Identität, die in verschiedenen Kontexten unterschiedliche Rollen innehat. Der Umgang mit Computern und der CMC bringt die Veränderung mit sich, daß Identität auch im Alltagsverständnis als variabel und nicht mehr stabil, als flexibel und nicht nur in der Ausformung, sondern auch in ihrem Bestehen als abhängig von der Interaktion, in der eine Person sich gerade befindet, gesehen werden muß. Das Erleben der Arbeitsweisen mittels des Computers wird als parallel und in mehreren Windows zugleich mögliche erlebt, und von daher könnte der Schluß auf die Vielfältigkeit der eigenen Identität gezogen werden. Identität würde damit aufgrund des Prinzips der Simulation selbst zur Simulation. Das müßte letztendlich auch zu dem Schluß führen, daß Software-Agents, die einen Internet-User auf der Suche nach Information simulieren und die im Bezug auf die Zugehörigkeit zur Gruppe der Netizens nicht mehr von menschlichen Usern zu unterscheiden sind, ebenfalls Identität besitzen. Identität wird damit zu etwas, was nicht mehr dem Menschen als Person alleine zuzuschreiben ist, sondern könnte auch, zumindest in einem ersten Schritt, Programmen auf einem PC oder im Netz und später auch ganzen Maschinen oder auch dem Netz selbst zugeschrieben werden.
Der Umgang mit dem Computer und die CMC können unter personzentrierter Perspektive als prinzipiell konstruktive und gute Entwicklung des Menschen gesehen werden. Bedingt durch die holistische Sichtweise des personzentrierten Ansatzes weist dieser aber auf die Gefahr der Reduktion des Menschen alleine auf diejenigen Aspekte, die beim technischen status quo in der CMC sichtbar und erfahrbar sind, hin. Auch wenn sich Identität gerade durch den Computer als flexibel und veränderbar zeigt, so sind in dieser Perspektive die verschiedenen Ausformungen der Identität des Menschen nur als Teile eines, im Gesamten gesehen, größeren Ganzen zu verstehen, das erst die eigentliche Identität des Menschen ausmacht. CMC unterstützt und erleichtert Selbstentfaltung, denn sie ermöglicht es, neue Aspekte der eigenen Person zu erfahren. Gerade durch die gegebenen Möglichkeiten der Täuschung und Verzerrung der eigenen Identität gibt sie die Möglichkeit, bisher unbekannte Aspekte der eigenen Persönlichkeit zu entdecken und neue Möglichkeiten der Selbstentfaltung zu erschließen. Das Selbstkonzept des Individuums wird automatisch, vor allem im Bereich des nicht aktuellen Bewußtseins, auch durch den Umgang mit dem Computer und mit der CMC erweitert. Gerade die Erfüllung der personzentrierten Forderung nach Authentizität scheint bei der prinzipiellen Anonymität der CMC nicht realistisch zu sein. Personzentrierte Authentizität bedeutet aber nicht gegenseitige absolute Bekanntheit und absolutes Wissen um einander, sondern fordert, sich so zu zeigen, wie man fühlt und denkt und ist daher in der CMC ebenso prinzipiell möglich, wie in anderen Formen der sozialen Interaktion.
Mit der Metapher des Cyberspace ist das konzeptionelle Modell der Entkörperlichung verbunden, das auch eine neue Beziehung von Identität der Person und deren Körper aufzeigt. Indem der Cyberspace die Grenzen von Raum und Zeit zu minimieren scheint, löscht er offensichtlich auch die Materialität körperlicher Grenzen aus. Online glaubt das Individuum sich von der Begrenztheit der körperlichen Existenz freizuspielen. CMC scheint eine unbeschränkte Freiheit des Ausdrucks und des persönlichen Kontakts zu bringen, mit wesentlich weniger Hierarchien und Formalitäten als in der primären sozialen Welt. Nichtsdestotrotz wird physische Präsenz in der virtuellen Welt von personenähnlichen Repräsentationen simuliert und repräsentiert. Cyberspace kann als eine wesentlich vielfältigere und polymorphere Realität und als wesentlich größer als das Internet und andere Netzwerke gesehen werden. Das Konkrete bzw. das Berührende erschreckt uns gleichermaßen wie das Virtuelle bzw. das Verschwindende. Durch CMC beginnt das Nichts schon zu Lebzeiten erfahrbar und fühlbar zu werden. Es kommt zu Entfremdung und Dehumanisierung, zu einer Teilung von Körper und Geist. Nichtsdestotrotz verschwindet Präsenz im Sinne von Gegenwärtigkeit nicht einfach, sondern Technologie mediiert Präsenz. Somit sind der Körper, das alltägliche Leben und die darin gemachten Erfahrungen zugleich der Inhalt und die Grundlage von CMC.