Methodologischer Exkurs: Qualitativ-empirische Forschung

Es werden im Laufe der vorliegenden Arbeit Ergebnisse von Studien angeführt, die Ausschnitte aus Fallstudien zur Illustration bzw. als Beleg der dargestellten Interpretationen sozialer Interaktion enthalten. Fallstudien sind in der Literatur als probates Mittel der empirischen Datengewinnung über den Forschungsgegenstand "Kommunikation mittels Computer" zu finden. Als Weiterentwicklung traditioneller Methoden erfolgt jedoch die Befragung der Versuchspersonen per E-Mail, in der Literatur als "E-Mail-Interviews" (Suller 1996b) bezeichnet, einerseits mittels strukturierter und andrerseits durch unstrukturierte und informelle Befragung.

Nach Lamnek (Lamnek 1980) ist die Einzellfallstudie in der qualitativen empirischen Forschung folgendermaßen charakterisiert:

Geht man von der Hypothese aus, daß soziale Realität gesellschaftlich konstruiert und nicht objektiv vorgegeben ist, so macht eine ausführliche Kommunikation mit den untersuchten Personen erst eine wissenschaftliche Interpretation möglich.

Nach Lamnek (Lamnek 21993) muß bei einer verbalen Befragung im Rahmen einer Einzelfallstudie vor allem darauf geachtet werden, daß möglichst in einer Situation der Alltagskommunikation verweilt wird, wodurch Einsichten in die Vorstellungen und das Denken der Untersuchten leichter zu gewinnen sind. Die Kommunikation sollte möglichst alltagsnahe sein, um verfremdende Einflüsse durch eine ungewöhnliche oder unnatürliche Kommunikationssituation während der Erhebung zu vermeiden, da ansonsten Verfremdungen oder unnatürliche Interpretationen und Deutungen der untersuchten Person zustande kommen könnten. Der Befragte muß durch die Asymmetrie seine Antworten nicht in vorgefaßte Schemata von Indikatoren zwängen, sondern kann sie frei und in ihrer ganzen Komplexität vortragen, und bei Unklarheiten können Nach- und Gegenfragen gestellt werden. Je geringer der Grad der Standardisierung ist, desto größer ist die Chance auf eine natürliche und realitätsnahe Kommunikation.

Zur empirisch-qualitativen Erfassung der Positionen und Effekte der beiden zum Tragen kommenden psychotherapeutischen Ansätze wurden Einzelfallstudien zu den Kapiteln über die Verwendung und Bedeutung von Sprache (Kapitel 4) sowie über die Charakteristika zwischenmenschlicher Beziehungen in der Kommunikation mittels Computer (Kapitel 5) durch ein strukturiertes E-Mail-Interview im Zeitraum April bis November 1997 durch Posting in fünfundsiebzig verschiedenen NetNews-Listen durchgeführt (siehe Anhang). Es war durch dieses strukturierte E-Mail-Interview und durch daran anschließende weitere informelle Exploration eine wesentlich detailliertere und umfassendere Befundung als bei traditionellen Fragebögen und zeitlich begrenzten Zusammentreffen mit Versuchspersonen möglich.