In Beziehungen leben

 

Die in der CMC zutage tretende Sprache kann in ihrer Verwendung als zweite Form der Oralität, die zwar präliterarische Charakteristika hat, aber in geschriebener Form auftritt, definiert werden. In der CMC wird Sprache informeller als in alltäglicher Kommunikation verwendet, und doch ist sie mehr geschriebene Sprache. Es hat sich ein eigener Stil, der E-Stil entwickelt, der wesentlich spielerischer mit Sprache umgeht und darüber hinaus die fehlenden nonverbalen Komponenten des Sprechens durch eine Para-Sprache zu ergänzen versucht. Es liegt nahe, all diese Kennzeichen der Sprache in der CMC unter dem Begriff der E-Sprache zu subsumieren. Die technischen Vorgegebenheiten der CMC ermöglichen es, den traditionellerweise auf ein Gespräch zwischen zwei Personen beschränkten Dialog zu einem Multilog zu erweitern. E-Sprache ermöglicht, klarer als es bisher möglich war, sich je nach Bedürfnis stärker kognitiven Inhalten zuzuwenden oder auch ein bewußt spielerisch-lustvolles Kommunikationsverhalten vorherrschen zu lassen. Sprache bestimmt das Denken des Sprechenden, und eine Erweiterung von Wortschatz und Syntax, wie sie sich durch die CMC offensichtlich ergibt, bedeutet damit auch eine Erweiterung des Denkens. Alle in der personzentrierten Sichtweise dargestellten Eigenschaften zwischenmenschlichen Dialoges sind auch in der CMC gegeben, mit dem Unterschied, daß eine Erweiterung des Dialoges zu einem Multilog möglich ist, daneben aber der bisher bekannte Dialog zwischen zwei Individuen genauso bestehen bleibt. Sprache wird im systemischen Modell als Verhalten zur Verhaltenskoordination gesehen. In dem neuen Multiversum, das sich durch die CMC erschließt, wird besonders klar deutlich, wie sehr Sprache ein Verhalten des Menschen ist, ja Sprache wird zum bislang einzigen Verhalten, das in diesem Multiversum möglich ist.

Eine personzentrierte Begegnung ist von den Momenten der Gegenwärtigkeit, d. h. des Hier und Jetzt, der Andersartigkeit, d. h. der immer erfahrbaren Verschiedenheit des anderen und der Erlebnisfähigkeit, d. h. einer inneren Einstellung der Authentizität, der gegenseitigen Wertschätzung und des einfühlenden Verstehens, gekennzeichnet. CMC ermöglicht ebenso wie andere Formen ein In-Kontakt-Sein mit dem anderen und damit die Erfahrung von Begegnungen. Es wird jedoch das Fehlen jeder physisch-räumlichen Dimension in der Begegnung mit dem anderen als Einschränkung erlebt. CMC ersetzt keinesfalls andere Begegnungsmöglichkeiten, aber sie bringt eine Erweiterung des Spektrums der Möglichkeiten zur Begegnung mit anderen. Solange keine Möglichkeit der adäquaten Befriedigung des Bedürfnisses nach physisch-räumlichen Ebenen der Begegnung mit dem anderen auch in der CMC gegeben ist, wird CMC immer nur einer Erweiterung, aber keine vollwertige, im Sinne eines umfassenden Erfahrungsspektrums, notwendige Weise der personzentrierten Begegnung bleiben.

Kategorien wie Tempo und Beschleunigung werden zu Definitionsmerkmalen von Kommunikation. Alle Tätigkeiten, die mit den Funktionen der CMC zusammenhängen, können von einem einzigen Ort aus mühelos durchgeführt werden. Das gesamte Repertoire der Sinne wird mehr oder minder auf einen einzigen Punkt der Kommunikation zusammengezogen, und in einem überwiegend optisch-akustischen Verhältnis tritt der Mensch zu einer Welt in Verbindung, die den Filter der Digitalisierung passiert hat. Möglicherweise in einer Überschätzung der Geschwindigkeit, mit der sich CMC zu vollziehen geglaubt wird, könnte die Reduktion der Erfahrungen des Nachdenkens und des Aufarbeitens von Vernommenem vermutet werden, doch wird, so zeigen sozio-kommunikationstheoretische Darstellungen, gerade durch CMC dies erleichtert bzw. gefördert. Es zeigt sich, daß gerade aufgrund der Geschwindigkeit, mit der es möglich ist, in der CMC zu kommunizieren, Erfahrungen der Zeit gemacht werden. Es mag vielleicht der Transfer der Information in Bezug auf die Überbrückung von Distanz in Relation zur dazu benötigten Zeit vor allem im Vergleich mit traditioneller brieflicher Korrespondenz enorm sein, doch ist es nach allen bisherigen Untersuchungsergebnissen keinesfalls so, daß CMC den mündlichen Austausch eines direkten Gesprächs in einem Face-to-Face-Setting in der Präsenz und Geschwindigkeit ersetzen könnte. Möglicherweise ist die Sichtweise einer den Menschen einschränkenden und zu immer mehr Tempo antreibenden Dimension der CMC nur ein Mythos ebenso wie die Angst vor einer "Beschlagnahme der Zeit". Weiters betont die personzentrierte Sicht von zwischenmenschlicher Begegnung die Notwendigkeit des Erlebens der Dimension der Gegenwärtigkeit, die in Begegnungen mittels CMC zwar erfahrbar sind, aber dennoch die Intensität des Gegenwärtigkeits-Erlebens eines Face-to-Face-Settings nicht erreicht.

Auch in der CMC sind nonverbale Elemente trotz der technischen Einschränkungen gegeben, und es bestehen vielfältige Möglichkeiten, sich nonverbal ausdrücken. In der CMC bleiben die auf Beziehungsaspekte ausgerichteten Anteile der Kommunikation im Hintergrund, und CMC bringt zwar eine Reduktion auf kognitive Inhalte, doch wird dies nicht nur auf inhaltlicher, sondern auch auf emotionaler Ebene nicht notwendig als Einschränkung erlebt, sondern aufgrund der größeren Klarheit durch die Textorientiertheit sogar als Vorteil gesehen wird. Möglicherweise wird es durch die CMC möglich, die ursprüngliche hellenistische Verstehensweise des "diálogos" als kognitiv orientierter Auseinandersetzung der Gesprächspartner über ein Thema neu zu beleben.