Beziehungen

 

 

Philosophisch-anthropologische Fokussierung

 

Einander begegnen

 

Kommunikation wird nach Jaspers (Jaspers 101960) als ein Vorgang gesehen, in der das Ich als Selbst dadurch wirklich wird, daß es sich im anderen offenbart. Er sieht dieses Sichoffenbaren mehr als Anstrengung und fast unerfüllbare, immer wieder dem Scheitern ausgesetzte Aufgabe, die sich nicht im kontemplativen Anschauen der Welt ereignet, welches Kommunikation überhaupt unmöglich macht, sondern immer wieder in Frage stellt und dennoch für die sich in der Kommunikation Berührenden von forderndem Anspruch ist. Nach Heidegger (Heidegger 1960, Vgl. Wucherer 1985) kann sich Kommunikation auch im Schweigen und Nicht-Sagen erfüllen. Das Schweigen ist die grundlegende Möglichkeit des miteinander Sprechens und damit auch von Kommunikation. In der Existenzphilosophie Sartres (Vgl. Sartre 1943), die entgegen den beiden Erstgenannten Ansätzen nicht eine begrifflich fundierte Sichtweise darstellt, sondern von eigens vorgelebter Kommunikation ausgeht, ist das Angewiesensein auf den Umgang mit anderen das Ur-Unglück für das Selbstsein.

Aus der Perspektive des personzentrierten Ansatzes wird Begegnung als eine Qualität der Beziehung zwischen zwei Menschen, die durch ein Gespräch entsteht, beschrieben, und es wird der Begegnung eine mystisch-spirituelle Qualität zugeschrieben, in der die beteiligten Personen unmittelbar mit sich selbst und ihrem selbstschöpferischen Kern in Kontakt kommen. Je mehr sich die einander begegnenden Personen auf sich selbst und den anderen einlassen können, desto tiefer und intensiver ist der sich daraus entwickelnde Wachstumsprozeß aller Beteiligten. Eine Begegnung ist von den Momenten der Gegenwärtigkeit, d. h. des Hier und Jetzt, der Andersartigkeit, d. h. der immer erfahrbaren Verschiedenheit des anderen und der Erlebnisfähigkeit, d. h. einer inneren Einstellung der Authentizität, der gegenseitigen Wertschätzung und des einfühlenden Verstehens, gekennzeichnet.

CMC ermöglicht ebenso wie andere Möglichkeiten des In-Kontakt-Kommens mit dem anderen die Erfahrung von Begegnungen. Es wird jedoch das Fehlen jeder physisch-räumlichen Dimension in der Begegnung mit dem anderen als Einschränkung erlebt. CMC ersetzt keinesfalls andere Begegnungsmöglichkeiten, aber sie bringt eine Erweiterung des Spektrums der Möglichkeiten zur Begegnung mit anderen. Das Bedürfnis nach der physisch-räumlichen Dimension führt in den meisten Fällen zu anderen Formen der Begegnung jenseits der CMC. Solange keine adäquate Möglichkeit der Befriedigung des Bedürfnisses nach physisch-räumlichen Ebenen der Begegnung mit dem anderen auch in der CMC gegeben ist, wird CMC immer nur einer Erweiterung, aber keine vollwertige, im Sinne eines personzentrierten umfassenden Erfahrungsspektrums notwendige, Möglichkeit zur Begegnung bleiben. Aus personzentrierter Perspektive wird deutlich, wie sehr CMC dem Menschen vor Augen führt, daß er auf physische Kontakte angewiesen ist. Dennoch bleibt zu bezweifeln, daß die sich sicherlich ergebene Leistungssteigerung der Simulation in naher Zukunft nicht auch physische Präsenz einschließen wird können.

 

Raum-zeitlich leben

Die Form der CMC verändert das, was Information und Kommunikation genannt wird. Die neue Kommunikationsmedien übertragen immer schneller immer mehr Informationen. Deshalb werden Kategorien wie Tempo und Beschleunigung zu Definitionsmerkmalen von Kommunikation. Was nicht mithalten kann, etwa die lebensweltliche Kommunikation, wird dann vielleicht zu einem lästigen, weil trägen Hintergrundgeräusch. Vor allem die Digitalisierung bestimmt diese Transformation: alle Informationen – wie die Bild-, Ton- Schrift- oder Mathematik-Information – können auf einen digitalen Code reduziert und somit kompatibel zum PC gemacht werden. Dieser wird damit zur Universalmaschine, vielleicht sogar zu einer "universalen Wunschmaschine" (Liessmann 1995, Vgl. Turkle 1984). Alle Tätigkeiten, die mit diesen Funktionen zusammenhängen, können nun von einem einzigen Ort aus mühelos durchgeführt werden. Das gesamte Repertoire der Sinne wird mehr oder minder auf einen einzigen Punkt der Kommunikation zusammengezogen, und in einem überwiegend optisch-akustischen Verhältnis tritt der Mensch zu einer Welt in Verbindung, die den Filter der Digitalisierung passiert hat.

Möglicherweise in einer Überschätzung der Geschwindigkeit, mit der sich CMC zu vollziehen geglaubt wird, könnte die Reduktion der Erfahrungen des Nachdenkens und des Aufarbeitens von Vernommenem vermutet werden, doch wird, so zeigen sozio-kommunikationstheoretische Darstellungen, gerade durch CMC dies erleichtert bzw. gefördert. Es zeigt sich, daß gerade aufgrund der Geschwindigkeit, mit der es möglich ist, in der CMC zu kommunizieren, Erfahrungen der Zeit gemacht werden. Es mag vielleicht der Transfer der Information in Bezug auf die Überbrückung von Distanz in Relation zur dazu benötigten Zeit vor allem im Vergleich mit traditioneller brieflicher Korrespondenz enorm sein, doch ist es nach allen bisherigen Untersuchungsergebnissen keinesfalls so, daß CMC den mündlichen Austausch eines direkten Gesprächs in einem Face-to-Face-setting in der Präsenz und Geschwindigkeit überflügeln könnte. Möglicherweise ist die Sichtweise einer den Menschen einschränkenden und zu immer mehr Tempo antreibenden Dimension der CMC nur ein Mythos ebenso wie die Angst vor einer "Beschlagnahme der Zeit" (Lyotard 1993). Auch die personzentrierte Sicht von zwischenmenschlicher Begegnung betont die Notwendigkeit des Erlebens der Dimension der Gegenwärtigkeit, die in Begegnungen mittels CMC zwar erfahrbar ist, aber dennoch die Intensität des Gegenwärigkeits-Erlebens eines Face-to-Face-Settings nicht erreicht.

CMC hebt gewissermaßen die Geographie auf, denn es kann mit Menschen kommuniziert werden, egal, ob ihre "Nase gefällt", ob man sie "riechen kann", oder ob ihre Stimme "sympathisch ist". Das wird eine neue Art von Beziehung bedeuten, aber möglicher Weise auch neue Formen der Vereinsamung. Einsamkeit, während man mit tausenden Menschen gleichzeitig kommuniziert, bedeutet auch Ratlosigkeit und Ohnmacht, nicht zu "fühlen", welche Nachricht von vielen oder welche Information in der gebotenen Masse wichtig ist.

Begriffe wie "Welt" oder "Raum" werden in der Beschreibung von zwischenmenschlichen Begegnungen durch CMC zu Metaphern. Die systemische Sichtweise sieht Raum als Ausdruck einer essentiellen Seinsweise, in der jede Handlung sowohl eine Veränderung des Raumes, den der Körper innerhalb des ihn umgebenden Raumes beansprucht, als auch ein zunehmende Öffnung der inneren Welt des Individuums bewirkt, die letztendlich zur Entstehung der individuellen Identität in einer zunehmenden Differenzierung und Bestimmung des inneren und äußeren Raumes notwendig ist. Im systemischen Ansatz ist Raum eine universale Dimension des expressiven und sozialen Verhaltens, indem es das individuelle Territorium definiert, in dem das Individuum sich selbst finden und zugleich seine Beziehungen zu anderen Menschen leben kann.

Gemeinsame Interessen und kommunikative Stile sind im Internet die bislang fast einzigen Hilfsmittel zur Navigation dieses Raumes im Sinne des hellenistischen "tópos" (Gemoll91965), der neben Raum und Platz auch Thema bedeuten kann (Vgl. Kirshenblatt-Gimblett 1992). Virtuelle Plätze werden aber nicht nur durch das Thema bestimmt, sondern auch durch die Haltungen bezüglich der Kontrolle des Themas, die dann erst dem Platz seinen individuellen sozialen Charakter verleihen. Der Begriff tópos - Platz, Raum oder Thema, um das es geht, zeigt, wie weit die Dimensionen des menschlichen Raumes zu nehmen sind. CMC bringt in diesem Zusammenhang eben keine Aufhebung jeglicher spatio-temporaler Dimension, sie führt keinesfalls zur Raum- und Zeitlosigkeit, sondern führt möglicherweise mehr zu einer Unabhängigkeit von Raum und Zeit, aber auf der Basis einer zugleich immerbleibenden Verbundenheit mit ebendiesen selbst. CMC macht vielleicht den hellenistischen tópos in seiner ganzen Breite erfahrbar.

Die Tatsache, daß das Internet als Raum erlebt wird, birgt aber auch das Risiko in sich, daß traditionelle Räume durch die Versprechung der Erfüllung der Wünsche und Bedürfnisse der User nach Transzendenz der eigenen Beschränktheit durch ein Scheinbild, in dem das Virtuelle als das Realere als das Reale gesehen wird, ersetzt oder auch nur geschwächt werden (Vgl. Baudrillard 1983). Das Internet kann als befreiende Manifestation der Wünsche gesehen werden, eigene Bedürfnisse in Bewegung zu versetzen. Diese Eigenschaft kann auf die dezentralisierte Organisation des Internets, in dem es keinen zentralen Kontrollmodus gibt, und damit Konzeptionen von Kontrolle ausgeschaltet werden, zurückgeführt werden (Vgl. Deleuze & Guattari 1996).

Psychosoziale Störungen suchen sich gern zeitgemäße Gewänder. Es kann in Zukunft durchaus sein, daß einer größeren Anzahl von Menschen "Internet Addiction Syndrome" (o. A. 1998) diagnostiziert werden kann. Sie werden ihre Bedürfnisse auf das Suchtobjekt "Internet" einschränken und dabei den point of no return überschreiten. Die Symptome werden Vereinsamung, Vernachlässigung der persönlichen Beziehungen, des Berufes, der Gesundheit und der Existenzsicherung sein. Die sogenannte "HomeNet"-Studie (Caruso 1998, Vgl. Harmon 1998) hat ergeben, daß Menschen, die mehrere Stunden in der Woche online sind, eine erhöhte Anfälligkeit für Depressionen bzw. Einsamkeitsgefühle aufweisen. Die Forscher stellten in ihren zwei Jahre dauernden Untersuchungen fest, daß der Gebrauch des Internet das psychische Gleichgewicht verschlechtere. Es liegt in der Natur des Menschen, daß grundlegende Veränderungen gesellschaftlicher Lebenswelten nicht ohne Auswirkungen auf das Individuum bleiben. Verändert sich die Atemluft, verändern sich die menschlichen Lungen. Auf den psychokulturellen Wandel, den das Internet mit sich bringt, wird somit der Mensch ebenfalls reagieren.

 

Im Dialog stehen

 

Mit Kommunikation wird oftmals der Begriff des Dialogs in Verbindung gebracht, der ein Gespräch zur Darstellung von Problemen mittels der Dialektik und als solcher als eine literarische Kunstform der antiken Philosophie, "diálogos" (Gemoll 91965), erstmals angebahnt von den Sophisten und vor allem von Sokrates und dann von Platon zur Vollendung gebracht wurde, meint. Durch Rede und Gegenrede wird die Darstellung philosophischer Probleme anschaulich gemacht und belebt, und im ganzen Altertum wurde der Dialog bei philosophischen Erörterungen bevorzugt. Die moderne Philosophie hat den Begriff des dialogischen Denkens hervorgebracht und das unmittelbare Verstehen und Einswerden in der gedanklichen Kommunikation auf eine Weise näher bestimmt, die trotz subjektiver Differenzen in der Begegnung auf die Möglichkeit eines höchsten Zueinanderfindens im Denken hindeutet.

Nonverbale Komponenten der Kommunikation sind analoge Elemente, und sie können in verschiedenen Kontexten unterschiedlich verstanden werden. Nonverbale Modalitäten der Kommunikation liefern Informationen über das Verhältnis der Kommunikanten untereinander und über den Kontext der Kommunikation. Auch in der CMC sind nonverbale Elemente trotz der Einschränkungen gegeben, und es bestehen vielfältige Möglichkeiten, sich nonverbal ausdrücken. In der CMC bleiben die auf Beziehungsaspekte ausgerichteten Anteile der Kommunikation im Hintergrund, und CMC bringt zwar eine Reduktion auf kognitive Inhalte, doch wird dies nicht nur auf inhaltlicher, sondern auch auf emotionaler Ebene nicht notwendig als Einschränkung erlebt, sondern aufgrund der größeren Klarheit durch die Textorientiertheit sogar als Vorteil gesehen. Eventuell wird es durch die CMC möglich, die ursprüngliche hellenistische Verstehensweise des Dialogs als kognitiv orientierte Auseinandersetzung der Gesprächspartner über ein Thema neu zu beleben.

 

Online leben

 

Schon die Interaktion mit dem Computer an sich hat zu einer Veränderung geführt, denn Computer ersetzen am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts Autos und Motorräder als eine der wichtigsten Metaphern für menschliche Erfahrung, wie der Gebrauch animistischer Redeweisen im Umgang mit Computern zeigt. Genauso, wie Autofahrer ihre Fahrzeuge behandelten, behandeln Computerbenützer ihre Computer als lebende Verlängerung des eigenen Körpers. Elektronische Kommunikation und die Kultur der CMC haben eine soziale Gruppe entwickelt, die besonders an besseren Möglichkeiten des Interfacings oder an besseren Möglichkeiten der Simulation des alltäglichen Lebens durch graphische und sensuelle Interfaces interessiert ist. Solche derartigen virtuellen Realitäten sind im Grunde genommen aber zur Zeit noch nichts anderes als Visionen. Der gegenwärtige Standard des Internets und der darin gebundenen Technologie repräsentiert eine kritische Verbindung in der Entwicklung von virtueller Realität. Es ist mehr als ein bloßer Zustand der technologischen Entwicklung, denn es ist eine Verbindung der grundlegenden Sinne eines sozialen Arrangements und technologischer Fähigkeiten, die sich in die Lebenswelt hinausstreckt und aus dem Computer herausreicht, um die Konventionen und Routinen des alltäglichen Lebens zu verändern.

Beharrt man auf einer Unterscheidung zwischen Onlineleben und dem Leben außerhalb von Netzwerken, dann benötigt man dazu eine Unterscheidung zwischen sozialer Interaktion in Onlinegemeinschaften und von sozialer Interaktion mit physischer Präsenz. Es bestehen Unterschiede in der Nähe, im Kommunikationsmedium und in der Redundanz von Information. Die Unterscheidungen sind klar, aber aufgrund dieser Unterscheidungen eine dieser Aktivitäten als weniger sozial zu bezeichnen, scheint etwas übereilig und dürfte eine zu sehr stereotypisierende Schlußfolgerung darstellen. Beide Formen der Kommunikation sind Typen von sozialer Interaktion.

Das Internet schafft eine Krise der Grenzen zwischen unter anderem dem Realen und dem Virtuellen, zwischen Zeitzonen und zwischen geographischen Räumen. Darüber hinaus schafft es Grenzprobleme bzw. eine Krise der Grenze zwischen Körper und Technologie und zwischen dem traditionellen Sinn des Selbst und dem Sinn von wechselnden Rollen. Beharrt man auf der Unterscheidung zwischen Körper und Maschine kommt es zu einem Verlust des Körpers, in dem Sinne, als daß der Körper nur mehr als einfaches Fleisch gesehen wird.