Beziehungen

Verbal-Nonverbal

Suler (Suler 1997) zeigt an einem Beispiel, wieviele Möglichkeiten es gibt, sich trotz der Einschränkungen, die die CMC mit sich bringt, nonverbal auszudrücken. Er untersuchte, in welchen Formen es in dem MOO "Palace" (Suler 1997), ein Programm, das getippte sprachliche Kommunikation mit graphischen und auditiven Elementen kombiniert, gibt, jemanden zu begrüßen. Es macht innerhalb dieses Kontextes bei demselben Wortlaut einen klaren emotionalen Unterschied, ob man reine Kleinschreibung, Rufzeichen und andere graphische Elemente einsetzt. Dadurch ist es nach Suler möglich, nonverbale Elemente in fast ebensolcher Vielfalt wie in der persönlichen Face-to-Face-Kommunikation zum Tragen kommen zu lassen.

Die verbalen und nichtverbalen Modalitäten unterscheiden sich nach Andolfi (Andolfi 1982) in der menschlichen Kommunikation in mehreren Aspekten wesentlich voneinander:

Im Verhältnis zum Objekt der Kommunikation

Der Zusammenhang zwischen einem Wort und dem Objekt, das es bezeichnet, ist willkürlicher und konventioneller Art. Umgekehrt steht eine analoge Kommunikation im direkten und sofort verständlichen Zusammenhang mit dem Objekt, das sie zu definieren sucht.

In der Kapazität, Informationen über bestimmte Objekte zu vermitteln

Informationen über Objekte werden verbal durch die Benutzung bestimmter Konzepte abgegeben. Der inhaltliche Aspekt von Botschaften wird hauptsächlich durch verbale Kommunikation weitergegeben. Die analoge Kommunikation ist dagegen nützlicher und wertvoller, wenn man sich über Beziehungen verständigen will.

In der Eindeutigkeit bzw. Uneindeutigkeit

Verbale Kommunikation basiert gewissermaßen auf dem Grundsatz von Ja und Nein. Sie vermittelt Informationen, die - je nach dem Aufbau des gesprochenen Satzes - verstanden oder auch nicht verstanden werden. Die jeweilige Information wird nur symbolisch weitergegeben, z. B. werden Bedürfnisse, Wünsche und Emotionen durch Worte mitgeteilt. Die analoge Kommunikation enthält - von ihrem instinktiven Aspekt abgesehen - Informationen, die unter Umständen von verschiedenen Menschen in verschiedenen Kontexten unterschiedlich verstanden werden. Die Interpretation analogen Verhaltens ist schwieriger, weil es jene Eigenschaften nicht besitzt, die genau sagen, welche der möglichen Interpretationen korrekt ist. Es besitzt auch keine Eigenschaften, die eine Unterscheidung bezüglich des Zeithorizonts treffen. Dagegen hat analoges Verhalten nach Suler zweifellos eine semantische Struktur, die ausreicht, um Beziehungen zu definieren.

 

Raum

Internet-User haben, wenn sie mit ihrem Computer online gehen bewußt oder unbewußt das Gefühl, einen "Platz" oder "Raum", der mit einer Vielzahl von Bedeutungen und Anwendungen ausgestattet ist, zu betreten. Viele User sprechen davon, "im Internet" an einen bestimmten "Ort" "gegangen" zu sein. Begriffe wie "Welt" und "Raum" werden nach Suler (Suler 1996g) in der Beschreibung von Online-Aktivitäten zu räumlichen Metaphern.

Das Internet als Raum wird in verschiedenen Arten gesehen:

Der Cyberspace wird als neuer "Wilder Westen", als neue "frontier", die von "computer cowboys" (Levy 1984, Vgl. Barlow 1990, Hafner & Markoff 1991) bevölkert ist, gesehen. Diese frontier ist nicht kartographiert, kulturell oder gesetzlich geregelt und schwierig zu durchziehen.

Der Cyberspace wird als angenehmer Platz für entspanntes Miteinandersein interpretiert (Vgl. Oldenburg 1989, Coate 1992, Rheingold 1993, Smith 1993).

"Electronic Cafes" werden als "third places" (Oldenburg 1989), die geographisch, psychologisch und sozial zwischen der Privatwohnung und dem Arbeitplatz liegen, gesehen.

CMC wird als uneinschränkbarer Raum zur Verteilung von Information in Krisenzeiten, wenn andere Kommunikationskanäle beschnitten werden, gesehen (Vgl. Press 1992, Rheingold 1993, Ruedenberg 1994).

Während der Terminus "Cyberspace" eher Assoziationen einer leeren und abstrakten Sphäre der Maschinen, der Information und elektronischer Impulse hervorruft, impliziert die Metapher des "Information Higway" oder der "Infobahn" eine Domestizierung dieses Raumes zum Austausch von Informationen. Dagegen faßt der Begriff des "Netzes" mehr das Bild von Menschen, die miteinander kommunizieren. Das Netz wird als ein sozialer Ort gesehen und fängt Menschen auf, die durch den Raum fallen oder fliegen (Vgl. Benedikt 1991, Biocca 1992).

Oldenburg entwickelt die Konzeption von "Third Places" (Oldenburg 1989) und bezeichnet damit soziale Räume, die nicht der Arbeitsplatz und auch nicht das Zuhause sind. Oldenburg charakterisiert Third Places folgendermaßen: Sie basieren auf einem neutralen, sozialen Hintergrund und bringen den Gästen die Rahmenbedingung von anscheinend sozialer Gleichheit. Innerhalb dieser sozialen Räume ist Konversation die primäre Aktivität und das wichtigste Medium für den Ausdruck und die Wertschätzung menschlicher Persönlichkeit und Individualität. Der Charakter eines Third Places wird in den meisten Fällen durch die alltägliche Klientel bestimmt und ist von einer spielerischen Grundeinstellung gekennzeichnet, die im klaren Gegensatz zu ernsthafteren Handlungsräumen in anderen Bereichen steht. Die temporären Mitglieder eines Third Places entscheiden sich selbst dazu. Durch diesen Prozeß der Freiwilligkeit entwickelt sich eine Gruppe von Menschen, die bis zu einem gewissen Grade gemeinsame Interessen und Werte teilen. Traditionellerweise werden Third Places von Menschen aus derselben geographischen Umgebung besucht. Im Internet können nach Oldenburg MUDs und MOOs als solche Third Places bezeichnet werden, die Menschen mit gemeinsamen Interessen, jedoch abseits geographischer Einschränkungen, zu einer Gruppe vereinen. Wie für Third Places kennzeichnend, ist Konversation eine der primären und auch spielerischen Aktivitäten in MUDs und MOOs.

 

Geschlechtsspezifika

Studien belegen, daß User sich in der CMC enthemmter benehmen als in Face-to-Face-Settings (Vgl. Kiesler, & Siegel & McGuire 1984, Rice & Love 1987, Sproul & Kiesler 1991). Die Tatsache, daß CMC weniger durch gesellschaftliche Konventionen limitiert ist, führt zu Verhaltensweisen, die in anderen Settings nicht akzeptabel wären. Dies kann nach Reid (Reid 1991) einerseits positiv sein, da es Intimität zwischen Menschen fördern kann, die ansonsten nicht die Möglichkeiten haben, einander nahe zu kommen, andrerseits kann aggressives Verhalten offener gezeigt werden, da die Konsequenzen nicht so massiv wie in Face-to-Face-Settings auftreten können.

Die Analysen der Linguistin Harring (Harring 1996, Vgl. Adams 1996) unterstützen die Behauptung, daß es geschlechtsspezifische Unterschiede im Kommunikationsstil auch in der CMC gibt. Frauen scheinen einen Stil der Höflichkeit, der die positiven Aspekte des Menschen betont, zu bevorzugen, während Männer mehr einen Stil der Debatte, die negative Aspekte betont, praktizieren. Harrings Ergebnisse demonstrieren eine Dominanz des männlichen Diskursstiles sowohl in der aktuellen Praxis als auch in verschiedenen Netiquette-Richtlinien. Harring vermutet, daß die vielgepriesene Freiheit und Gleichheit des Cyberspaces nur vorhandene Muster der männlichen Dominanz und der weiblichen Unterordnung reproduzieren bzw. erweitern wird.

 

Social-Context-Cues

Es kann allgemein festgehalten werden, daß Interpretationen der CMC, die auf der Theorie der "Social-Context-Cues" (Sproull & Kiesler 1991) basieren, generell die Möglichkeiten von zwischenmenschlichen Beziehungen via CMC wenig unterstützen.

Dieser Ansatz ist aber schon mehrfach in Frage gestellt worden (Vgl. Walther & Burgoon 1992, Walther 1992, Walther 1993, Walther & Anderson & Park 1994, Suler 1997a). Wie neuere Ergebnisse zeigen, adaptieren User die Möglichkeiten der geschriebenen Kommunikation über das Keyboard so, daß es ihnen möglich ist, die in der CMC fehlenden Elemente zwischenmenschlicher Kommunikation durch andere zu ersetzen. Diese Studien zeigen, daß es vor allem die aus verschiedensten technischen und finanziellen Gründen bestehenden zeitlichen Limitationen der CMC sind, die User daran hindern können, sowohl Beziehungsinformationen als auch persönliche Informationen auszutauschen, und die damit die eigentliche Ursache der Reduktion der social cues sind und nicht die CMC an sich. Weitere Studien (Vgl. Feldman 1987, Myers 1987, Rice & Love 1987, Finholt & Sproull 1990, Reid 1991, Wilkins 1991, McCormick & McCormick 1992, Brennan & More & Smyth 1992, Bruckman 1992, Ogan 1993, Rheingold 1993, Wright 1993, Haythornthwaite & Wellamnn & Mantei 1994, Bock 1994, De Leaon 1994, Lewis 1994, Kanaley 1995) belegen, daß User, Kommunikation via E-Mail als zwischenmenschliche Begegnungen, die sich nicht auffallend von anderen Begegnungen unterscheiden, erleben. Diese Untersuchungen zeigen, wie User Mimik und Gestik durch typographische Symbole imitieren oder emotionale Elemente einer Aussage durch die Einbindung von Worten, die diese Aspekte beschreiben, ausdrücken. Oft wird CMC durch andere Kommunikationskanäle wie Post, Telephon oder Face-to-Face-Kontakte ergänzt (Vgl. Reid 1991, Bruckmann 1992, Ogan 1993, Rheingold 1993).

 

Internet-Regression

Auf der Basis der Social-Context-Cues-Theorie formuliert Holland die Konzeption einer "Internet-Regression" (Holland 1997) als Kennzeichnung der Verhaltensweisen von Usern in der Kommunikation via CMC. Er charakterisiert verbale Äußerungen als vergleichsweise schnell aggressiv, direkte sexuelle Thematiken ansprechend und eine ungewöhnliche Großzügigkeit demonstrierend, die sich in Face-to-Face-Interaktionen niemals in solch vergleichsweise kurzen Zeiträumen ereignen würden. Er vergleicht dies einerseits mit einem psychoanalytischen Setting, in dem der Analysand sich durch das Hinlegen auf eine Couch und das Fehlen von direktem Augenkontakt mit dem Analytiker eher öffnet und andrerseits mit einem Beichtstuhl, wo der Bekennende in einem dunklen Raum und ohne direkten Augenkontakt mit dem Priester mehr von seinem Innersten preisgibt. Holland bringt diese Verhaltensweisen mit den Phantasien der User über ihre Computer in Zusammenhang, die den Bildern ähneln, die Menschen auf Autos oder Haushaltsgeräte projizieren, wo solche Geräte als die physischen Fähigkeiten erweiternd gesehen werden. Computer sollen in diesem Zusammenhang die intellektuellen Fähigkeiten der Menschen erweitern und vermitteln das Gefühl, Computer wären mächtige Lebewesen, die magische Kräfte haben.

Suler (Suler 1996d, Suler 1996f) beobachtet in der Entwicklung von Beziehungen via CMC eine generelle Tendenz zu Projektionen. Da die Erfahrung anderer Personen oft auf Texte beschränkt ist, besteht bei Usern eine Tendenz, verschiedenste Wünsche, Phantasien und Ängste auf den anderen zu projizieren. Diese ursprünglich psychoanalytische Konzeption kann auch verwendet werden, um die Verbindung des Users mit seinem Computer zu beschreiben. Dies zeigt sich daran, daß in zwischenmenschlichen Beziehungen via CMC oft eigene Anteile bei anderen gefunden werden und es so oft zu einem im Vergleich zu Face-to-Face-Begegnungen schnelleren Gefühls des "Auf-derselben-Wellenlänge-Seins" kommt. Der Computer verhält sich im Grunde genommen wie ein Psychoanalytiker, indem er sich in der Interaktion mit dem User relativ unklar, neutral und ruhig zu verhalten scheint.

 

Zwischenmenschliche Beziehungen

Oft wurden die manipulativen, verzerrenden und täuschenden Potentiale der CMC betont. CMC bietet offensichtlich reiche Möglichkeiten der Selbst-Präsentation und der Identitätsverzerrung (Vgl. Bruckmann 1992), die aber auch sehr positive Möglichkeiten bieten (Vgl. Myers 1987, Lea & Spears 1995). CMC schafft "Identitäts-Spielplätze" (Bruckmann 1992, Vgl. Turkle 1995), wo User soziale Fertigkeiten lernen und testen und sogar Wege entdecken können, persönliche Einschränkungen, die User in Face-to-Face-Kontakten erfahren haben, zu umgehen (Vgl. Myers 1987, Brennan & Moore & Smyth 1992, Bock 1994, De Leon 1994, Kanaley 1995, Turkle 1995, Walther 1995). Johansen, Vallee und Sprangler (Johansen & Vallee & Spranger 1988) stellen die Hypothese auf, daß soziale Präsenz unter Usern vielmehr entwickelt und kultiviert werden kann, als sie durch das Medium an sich vorherbestimmt wäre.

Zwischenmenschliche Begegnungen werden in der CMC-Forschungs-Literatur ausgeprägter als andere Aspekte seit geraumer Zeit auf zwei konträre Weisen interpretiert. Die eine Argumentationslinie (Vgl. Beninger 1987, Heim 1992, Berry 1993, Stoll 1995) sieht zwischenmenschliche Beziehungen via CMC als seichte, unpersönliche und oft feindselige Begegnungen, die den Usern nur eine Illusion von Freundschaft vermitteln. Die andere Linie (Vgl. Pool 1983, Rheingold 1993) sieht CMC als Befreiung zwischenmenschlicher Beziehungen von den Einschränkungen physischer Limitationen, die damit Möglichkeiten schafft, neue und unverfälschte Begegnungen und Beziehungen zu entwickeln.

Zwei der wichtigsten Theorien zwischenmenschlicher Beziehungen beruhen einerseits auf der Erwartung einer Belohnung im Sinne einer Kosten-Nutzen-Rechnung (Vgl. Altman & Taylor 1973), andrerseits auf dem Drang, Unsicherheiten und Ungewißheiten in bezug auf den Partner und die Beziehung beseitigen zu wollen (Vgl. Berger 1988, Parks & Adelman 1983). Beide Theorien setzen physische Nähe oder oftmalige Interaktionen als hilfreiche und förderliche, aber keinesfalls notwendige Bedingungen einer zwischenmenschlichen Beziehung voraus. Entgegen allen Studien, die die positiven Effekte der äußeren Erscheinung und der physischen Anziehung der beiden Partner betonen, verlangt aber keine Theorie zwischenmenschlicher Beziehungen diese Informationen als notwendige Vorbedingungen für die Entstehung von Beziehungen (Vgl. Hatfield & Sprecher 1986).

Gängige psychologische Theorien zwischenmenschlicher Beziehungen gehen von der Notwendigkeit physischer Näher und oftmaliger Interaktion zwischen den Individuen aus, schreiben aber der äußeren Erscheinungsform und der körperlichen Anziehung besonders in der Entwicklung von Liebesbeziehungen weniger Bedeutung zu. Online-Beziehungen werden daher meist durch fehlende physische Nähe, Fehlen oftmaliger Interaktion, Fehlen von Informationen über das Äußere der beiden Individuen und Fehlen von Informationen über die soziale Zugehörigkeit beschrieben (Vgl. Lea & Spears 1995). Doch haben die Studien von Walther (Walther 1992, Walther 1993) ergeben, daß zwischenmenschliche Beziehungen in Online-Settings einfach nur mehr Zeit brauchen, um die Unsicherheiten über den anderen abzubauen. Das Fehlen von physischer Nähe und visueller Informationen wird oftmals durch Face-to-Face-Kontakte oder den Austausch von Bildern abgebaut und auch Fragen der sozialen Zugehörigkeit können geklärt werden.

Parks und Floyd (Parks & Floyd 1992) zeigen in einer Studie, daß zwischenmenschliche Beziehungen via CMC entgegen der beschriebenen Theorien häufig auftreten und sich ganz von selbst als eine Funktion der Zeit und Erfahrung in der Online-Umgebung von NetNews-Gruppen entwickeln. Fast zwei Drittel der befragten Personen gaben an, durch die Kommunikation in solch einer Gruppe zwischenmenschliche Kontakte erlebt zu haben, wobei Beziehungen mit dem anderen Geschlecht etwas mehr als die Hälfte ausmachten. Nur ein Zehntel aller Beziehungen entwickelte sich zu einer Liebesbeziehung und zwei Drittel aller Beziehung waren weniger als ein Jahr alt. Interaktion in den Beziehungen erfolgte bei einem Drittel der Personen zumindest drei- oder viermal pro Woche und mehr als die Hälfte wies eine wöchentliche Kommunikationsfrequenz auf. Frauen scheinen signifikant wahrscheinlicher als Männer eine zwischenmenschliche Beziehung online zu entwickeln. Alter und gegenwärtiger Ehestand haben keine Bedeutung in Online-Beziehungen, mit höherer Teilnahmefrequenz an Newsgroups steigt aber die Wahrscheinlich der Entwicklung von Beziehungen. In der Regel entwickeln sich Online-Beziehungen hin zu immer mehr Intimität mit einer Zunahme der Verbundenheit, hin zu einer Zunahme in der Breite und Weite der Interaktionen, in zwischenmenschlicher Vorhersagbarkeit und Verständnis, in einem Wechsel hin zu persönlicheren Formen der Kommunikation und in dem Zusammenlaufen der sozialen Netze der betroffenen Personen. Mit der Dauer der Beziehung übermitteln die Personen persönlich wichtigere und intimere Informationen, und es entwickeln sich für die Beziehung spezifische Kommunikationsmuster, die der Beziehung Identität verleihen. Wie schon Lea und Spears (Lea & Spears 1995) gezeigt haben, ist für zwischenmenschliche Beziehungen Face-to-Face-Interaktion nicht ausschlaggebend, und die Studie von Parks und Floyd belegt, daß sich zwischenmenschliche Entwicklungen auch online in einem sehr hohen Grad ereignen. Die Tatsache, daß eine große Anzahl von Usern zwischenmenschliche Beziehungen auch online entwickeln, könnte in naher Zukunft neue Möglichkeiten für Individuen bieten, die so isoliert oder eingeschränkt sind, daß sie in Face-to-Face-Interaktionen gesellschaftlich eingeschränkt oder stigmatisiert sind.

 

Beziehungsregeln

Entwicklungsstagnationen zwischenmenschlicher Beziehungen können dann erreicht werden, wenn es in der Kommunikation darum geht, Beziehungsregeln zu entwickeln. Allem Anschein nach ist das mittels textgebundener Kommunikation der CMC schwieriger als in traditionellen Kontexten, aber auch nicht unmöglich erreichbar, wie immer wieder geschildert wird. Kontextbezogene redundante Kommunikationsabläufe sind Kommunikationsmuster, die einen ersten Einblick in die Art der sie produzierenden Beziehung gewähren. Je mehr Muster in je mehr Kontexten bekannt sind, desto mehr wird das vorherrschende Beziehungsmuster erkennbar, das die Stellung der Betroffenen im Austausch zeigt.

Suler (Suler 1996c) nennt einige Prinzipien, die für die Entwicklung von Beziehungen in Kommunikationsabläufen via e-Mail förderlich sind, und die Moderatoren bzw. Betreiber von Internet-Kommunikationsdiensten im Design der Kommunikationforen beachten sollten:

Feststellbarkeit der Teilnehmer und der laufenden Aktivitäten;

Speichermöglichkeit der laufenden Diskussion;

Möglichkeiten zur Führung von nicht allgemein verfolgbaren Diskussionen;

Vielzahl von Themengebieten und Ermöglichung der Schaffung neuer Themenlisten;

Raum für spontante Entwicklungen durch möglichst wenige Verhaltensregeln.

Diese Prinzipien ermöglichen es den Usern, Beziehungsregeln zu entwickeln und stellen zugleich ein Grundgerüst von Kommunikationsregeln dar.

Ruedenberg, Danet und Rosenbaum-Tamari (Ruedenberg & Danet & Rosenbaum-Tamari 1995) zeigen in der Untersuchung einer neunzigminütigen Konversation via IRC, die eine Party darstellte, bei der Marihuana konsumiert wurde, daß in der Kommunikation via IRC Verhaltenstrukturen auftreten, die eine bemerkenswert hohe Ähnlichkeit mit konventionellen Parties haben. Sie kommen zu dem Schluß, daß die Etablierung zwischenmenschlicher Beziehungen nicht mehr länger auf Face-to-Face-Kontakte beschränkt gesehen werden kann. Elektronische Formen des sozialen Kontaktes haben keinen geringeren Wert als andere, wie das Beispiel der IRC-Channels #hottub und #initgame zeigen, die seit Jahren laufen, obwohl sie tagtäglich neu geschaffen werden müssen.

Bisherige Untersuchungen von CMC (Vgl. Siegal & Dubrovsky & Kiesler & McGuire 1986, Dubrovsky & Kiesler & Sethna 1991, Kiesler & Sproull 1992) im Hinblick auf die Entwicklung von Beziehungen konzentrierten sich vor allem auf den Ablauf von Interaktionsprozessen in Gruppen und kamen zu dem Schluß, daß CMC für zwischenmenschlichen Kontakt nicht förderlich sei. Gruppen, die über CMC miteinander Kontakt halten, haben demnach im Vergleich mit Kontrollgruppen ohne CMC größere Probleme, gemeinsame Standpunkte zu erkennen, gemeinsame Ziele zu verfolgen und zeigen mehr verbale Aggressionen und nicht mit der Gruppe konforme Verhaltensweisen. Verhaltensweisen wie das flaming wurden unter Laborbedingungen ebenso beobachtet wie in einer Vielzahl von Netzwerken. Diese vergleichsweise anderen Verhaltensweisen in der CMC werden oft mit der Reduktion von sozialen Regeln in Online-Settings erklärt. Beziehungsregeln, die aus sich aus dem physischen Umfeld ergeben und nonverbale Hinweise aus der Stimme, der Körpersprache, der Mimik und Gestik oder der Kleidung fallen bei der Kommunikation via Computer weg (Vgl. Culnan & Markus 1987). CMC scheint eine geringere Bandbreite und damit weniger Informationsübertragungkapazität zu besitzen als Face-to-Face-Kommmunikation (Vgl. Daft & Lengel 1984, Kiesler & Siegal & William & McGuire 1984). Gemäß der "Social-Presence"-Theorie (Short & Williams & Christie 1976, Vgl. Rice 1987, Rice & Love 1987) und der Social-Context-Cues-Theorie (Sproull & Kiesler 1991) führt die Reduktion von kontextuellen, visuellen und lautlichen Hinweisen bei Online-Settings zur Vermehrung von unpersönlicher und weniger formeller Kommunikation als in Face-to-Face-Settings. Beide Theorien implizieren, daß die Intensität der Begegnung mit anderen von der Anzahl der in der Kommunikation zu Verfügung stehenden Informationskanälen abhängig ist und daß Face-to-Face-Kommunikation mehr Übertragungskanäle nützen kann als die Kommunikation über Computer. Das erlaubt aber keinesfalls die Schlußfolgerung, daß positive persönliche Beziehungen online unmöglich sind, wie schon Sproull & Kiesler (Sproull & Kiesler 1991) mit ihrer Feststellung unterstützen, daß elektronische Settings manchmal sogar mehr Möglichkeiten für zwischenmenschliche Beziehungen bieten als Face-to-Face-Settings.