Menschliche Interaktion über CMC ist durch geschriebene Sprache bestimmt, was den Stellenwert sozialer Kontakte verändern kann. Das Fehlen taktilen und anderen direkten Feedbacks und die Privatsphäre, von der aus via Computer agiert wird, tragen zu einem anderen Verständnis von zwischenmenschlicher Verbundenheit bei.
In der gegenwärtigen Linguistik werden zwei Interpretationslinien der Sprache vertreten: Die eine Linie sieht Sprache als ein grammatikalisches System, das dem sprechenden Individuum eine Vielzahl von Möglichkeiten gibt, sich und andere in einen Diskurs zu bringen (Vgl. Shotter 1989, Mülhäusler & Harré 1990). Die zweite Linie, die eher dem systemischen Ansatz von Maturana entspricht, sieht Sprache als alleinig dann existent, wenn sie in konkreten Situationen verwendet, d. h. gesprochen wird (Vgl. Davies & Harré 1990):
"La Langue is an intellectualizing myth - only la parole is psychologically and socially real. This position is developed in contrast to the linguistic tradition in which "syntax", "semantics" and "pragmatics" are used in a way that implies an abstract realm of causally potent entities shaping actual speech." (Davies & Harré 1990 43)
Sprache ist demnach kein fixes System, sondern entwickelt sich erst im Gebrauch. Damit ist es möglich, Sprache in der CMC als eigene Erscheinungsformen von Sprache zu sehen.
E-Mail ist die heutzutage am meisten verwendete Form von CMC. Sie stellt eine neue Entwicklungsstufe in der Geschichte des Briefeschreibens dar und hat zugleich eine sehr hohe Ähnlichkeit mit gesprochener Sprache. Während sich die grundlegendenen Funktionen von Briefen sowie des Briefeschreibens für persönliche und berufliche Belange seit langer Zeit nicht mehr verändert haben, scheinen sich die Erwartungen und Haltungen bezüglich der äußeren Form von Briefen entscheidend zu verändern. Der Computer als Medium und die Art und Weise des Schreibens am Computer führen zu einer Veränderung der Erwartungen, wie man "richtig" schreibt (Vgl. Danet 1997a, Danet 1997b). Digitales Schreiben ist spielerisch, dynamisch und gleicht gesprochener Sprache. E-Mail-Nachrichten haben traditionelle gesprochene und geschriebene sowie neue und einzigartige digitale Charakteristika. Beim Schreiben von E-Mails werden sowohl verschiedenste Formen der brieflichen Korrespondenz, wie z. B. der Geschäftsbrief, das Memo, das Telegramm, die Postkarte, die Glückwunschkarte oder der persönliche Brief, als auch verschiedene Formen der gesprochenen Sprache, wie z. B. die Konversation mit Augenkontakt oder die telephonische Konversation, herangezogen. Es zeigt sich, daß in E-Mails vor allem die Akzeptanz von bis dahin sonst nur in gesprochener Sprache zu findenden Spezifika zunimmt (Vgl. Ferrara 1991).
Das Modell von Ong (Ong 1972, Vgl. Ong 1982) sieht den Einsatz von Technologie als verantwortlich für die Veränderung von Kultur und Denken des Menschen und zeigt zugleich, wie sich Denken und Ausdrucksfähigkeit des Menschen im Wechsel von der mündlichen zur schriftlichen Überlieferung gewandelt hat. Der Diskurs via CMC trägt nach diesem Konzept präliterarische Charakteristika und stellt neben der Kultur der mündlichen Tradition und der Kultur der Radio- und TV-Massenmedien eine dritte Form der mündlichen Überlieferung dar, die ebenfalls zu Veränderungen im Denken und in der Ausdrucksfähigkeit des Menschen führt. Diese dritte Form der Überlieferung hat zwar eine schriftliche Basis, kann aber aufgrund ihrer Charakteristika als mündliche eingestuft werden.
Mullins (Mullins 1996) meint, daß die Entwicklung dieser zweiten Form der Oralität nach Ong die druckbasierten Haltungen gegenüber Schriftlichem verändern wird. Er ist der Ansicht, daß die Kommunikationsformen der elektronischen Kultur zu einer Trendwende in rhetorischen Strategien führen werde.
Die Charakteristik der in Netzwerken auftretenden Sprache wurden in linguistischer, soziologischer und psychologischer Hinsicht mehrfach untersucht (Vgl. Hiltz & Turoff 1978, Baron 1984, Kiesler, Siegel & McGuire 1984). Der Schreibstil von E-Mails unterscheidet sich von bisher üblichen Stilen. Die klarsten Unterschiede sind wahrscheinlich das häufige Fehlen von Großbuchstaben, die vereinfachte Rechtschreibung zugunsten einer phonetischen Schreibweise und der Einsatz von typographischen Sonderzeichen, die allesamt in dieser Form in gesprochener Sprache nicht zu finden sind und dazu dienen, das in E-Mails Geschriebene mehr an gesprochene Sprache anzugleichen. Da Großschreibung z. B. in gesprochener Sprache nicht existiert, wird sie in Computer-Konversationen ebenfalls weggelassen. Wird in einer E-Mail dennoch einmal Großschreibung verwendet, dann wird meist gleich ein ganzes Wort groß geschrieben, um es in besonderer Weise zu betonen. "E-Style" (Maynor 1994) ist jedenfalls der gesprochenen Sprache näher als der geschriebenen. Die syntaktischen Charakteristika des E-Stils reflektieren oftmals informelle Gebräuche gesprochener Sprache und sind oft sogar noch einfacher als informelle Sprache. Die Sprache der Kommunikation via Computer-Netzwerken ist gesprochener Sprache offensichtlich sehr ähnlich, und das schnelle Feedback im Austausch von Notizen oder im Posten von Kommentare zu Mailinglisten oder NetNews-Gruppen gibt dem User ein Gefühl von Gegenwärtigkeit. Viele Unterschiede zwischen gesprochener und geschriebener Sprache rühren wohl von der unterschiedlichen Geschwindigkeit der Kommunikation her, wobei E-Mail eine Verbindung der beiden Kommunikationsformen darstellt, da es geschriebene Sprache ist, die aber fast ebenso schnelle Konversationen wie gesprochene Sprache ermöglicht und noch dazu nonverbale Elemente der Konversation in der ihr eigenen Art beinhalten kann. Neben der Geschwindigkeit ist E-Mail aber auch fast ebenso vergänglich wie gesprochene Sprache, da E-Mails in der Regel nur eine sehr kurze Lebensdauer auf diversen Speichermedien haben.
Ruedenberg, Danet und Rosenbaum-Tamari (Ruedenberg & Danet & Rosenbaum-Tamari 1995) betonen den Spielcharakter in der Verwendung der Sprache bei der Kommunikation via CMC. Die Sprache, die in der Kommunikation mittels eines Computer-Keyboards verwendet wird, ist ein Beispiel für "virtual play" (Aycock 1993) und stellt eine stilisierte und geschriebene Form der gesprochenen Sprache dar, die in ihrem Spielcharakter zwischen dem Spielen eines Musikinstruments und dem Spielen einer Rolle in einem Theaterstück liegt. Vier voneinander abhängige grundlegende Eigenschaften begründen die spielerische Natur der CMC: Vergänglichkeit, Geschwindigkeit, Interaktivität und Freiheit in der Anwendung des Spielmaterials. Das eigentliche Spiel besteht im Spielen sowohl mit Worten als auch mit typographischen Symbolen zum Ausdruck von emotionalen Inhalten.
Die Kenntnis einer nationalen Sprache ist Grundvoraussetzung für die Teilnahme am Internet, wobei sich Englisch als gemeinsame Sprache zu einem großen Teil durchgesetzt hat. Im weiteren Sinne hat Sprache als Informationsüberträger im Internet eine große Bedeutung. Aufgrund technischer Voraussetzungen sind Bilder, Töne, Video und Grafiken für eine rasche Informationsübertragung (noch) nicht effizient genug. Sprache in der geschriebenen Form des Wortes ist in der CMC noch immer das Wichtigste. In diesen übertragenen ASCII-Texten sind nach Goode und Johnson (Goode & Johnson 1991) relativ kleine Datenmengen eingebunden, die verglichen mit einem Gespräch, eine sehr hohe Informationsdichte aufweisen. Es wird aber dabei nicht nur Redundanz eingespart, sondern es geht auch ein Teil des Informationsgehaltes, der ein alltägliches Gespräch mitbestimmt, verloren. Gestik, Mimik, Intonation, Modulation, etc. können gar nicht oder nur in rudimentärer Form übertragen werden, und damit kommt der geschriebenen Sprache und ihren Inhalten die Hauptbedeutung zu.
Daß trotz dieser Reduktion auf das geschriebene, exakter, das getippte, Wort ein Vielzahl von Ausdruckmöglichkeiten gegeben sind, zeigt Suler (Suler 1997) an dem Beispiel, wie eine Person in einem MUD begrüßt werden kann. Er findet insgesamt elf verschiedene Möglichkeiten mit je eigener emotionaler Bedeutung.
Die Verwendung der Sprache in den Texten von E-Mails variiert von einem formellen Stil bis zu einer Imitation mündlicher Konversation und Vertrautheit und erscheint manchmal auch zu schwach, um harte Diskussionen oder Beschwerden zu formulieren. Oft werden daher "Graphic Accents" (Kinsey 1993) zum Ausdrücken der nichtverbalen Anteile der Kommunikation verwendet, um Ausdrucksstärke, Emotionen und ästhetische Belange im geschriebenen Diskurs intensiver darzustellen (Vgl. Sanderson 1993, Elmer-Dewitt 1994, King 1995, King 1996).
"An emoticon is an emotional icon, or a pictorial expression of the emotions of the moment. These are most commonly created online using the symbols on the keyboard." (Fudpucker 1992 557)
Diese Symbole sind die "Para-Language" (Dery 1993) der CMC, die die Hinweise über die Ernsthaftigkeit bzw. Verspieltheit einer Behauptung denotiert. Der Einsatz von Graphic Accents ist nicht unumstritten. Es besteht auch die Tendenz unter Usern (Vgl. Stoll 1995), bewußt zu versuchen, Gefühle durch den Text alleine auszudrücken, da sie Graphic Accents für eine allzu grobe Verflachung des tradidtionellen sprachlichen Ausdrucks halten. Diese User sehen besonders in Newsgroups die Atmosphäre durch Graphic Accents und lockere, umgangssprachliche Kommunikation gefährdet.
"Flamings" (Suler 1996c, Vgl. Hrachovec 1998), das sind mehr oder minder ernst gemeinte primär emotional bestimmte und meist respektlose Wortmeldungen, zeigen, daß es sehr leicht sein kann, Gefühle via CMC zu vermitteln, wenn sie sehr direkt geäußert werden (Vgl. Suler 1996c). Es werden besonders in Newsgroups, die in ihrer Thematik Selbsthilfegruppen ähneln, Gefühle sehr offen und klar zum Ausdruck gebracht (Vgl. King 1994, Cutter 1996). E-Mail kann es auch leichter machen, emotionale Aspekte zu thematisieren, da möglicherweise weniger individuelle Bedenken bezüglich emotionaler Verletzungen bestehen als bei einem Face-to-Face-Kontakten (Vgl. Stoll 1995, Wellmann 1996).
Die Sprache persönlicher E-Mails kann nach Suler (Suler 1996h) folgende grundlegende Charakteristika aufweisen: Es entwickelt sich nach einer gewissen Zeit der Korrespondenz eine private Sprache mit eigenen Akronymen und Neologismen, die nur mehr die Korrespondenten vollständig verstehen. Diese private Sprache erhält eine besondere Bedeutung, die die Beziehung der Korrespondenten widerspiegelt.
MUDs sind eine synchrone und geschriebene Form der sprachlichen Kommunikation. Sie erlauben es Usern, in Echtzeit miteinander zu kommunizieren und bestehen aus miteinander verbundenen, mittels Keyboard getippter Beschreibungen imaginärer Räume, Gegenstände und Personen, die von den Teilnehmer ähnlich einem Hypertext mit Links von einem Dokument zum anderen individuell gelesen werden können. MOOs bieten darüber hinaus die Möglichkeit, die geschriebenen Beschreibungen zu ergänzen bzw. auch zu modifizieren und damit durch geschriebene Sprache den "Raum", in dem sie sich "bewegen" zu verändern. Wie Arbeitsgruppen oder eng miteinander verbundene Familien besitzen MUD- und MOO-Teilnehmer ein auf ihrer individuellen Umwelt basierendes spezielles Vokabular (Vgl. Zeitlin & Kotkin & Baker 1982, McCarl 1986). Ein Teil dieser Begriffe hat nach Marivin (Marvin 1995) seinen Ursprung in den Dungeons-und-Dragons-Spielen, die das Vorbild aller MUDs und MOOs sind, ein anderer Teil leitet sich aus der MOO-Programmier-Sprache ab und wieder ein anderer stammt aus individuellen und kollektiven Erfahrungen in einem MOO oder MUD.
Kolb (Kolb 1996) argumentiert, daß die menschliche Realität einer begrenzten Zeit und Aufmerksamkeit angesichts der dramatisch reicheren Umgebung eines kontinuierlich expandierenden Hypertextes die Entwicklung neuer Formen hypertextuellen Diskurses hervorrufen wird. Durch die Erschaffung solcher neuer Formen des Diskurses wird der Computer nicht mehr nur als Werkzeug der Datenaufbewahrung und der Manipulation gesehen, sondern CMC wird sich zu einem neuen Gebiet des Diskurses und vielleicht auch der Poetik entwickeln.
Die Partizipation an NetNews-Gruppen oder auch Mailing-Listen gibt nach Hrachovec (Hrachovec 1998) dem einzelnen die Gelegenheit, eine potentiell unbegrenzte Leserschaft anzusprechen und durch CMC das eigentlich schriftlich fixierte "Manifest" (Hrachovec 1998) quasi simultan an eine in ihrer Zahl theoretisch unbegrenzte Leserschaft zu übermitteln und dadurch "an die Rampe der Weltöffentlichkeit" (Hrachovec 1998) zu treten. Shank und Cunnigham (Shank und Cunnigham 1996) nehmen die Semiotik als einen theoretischen Rahmen zum Verständnis der CMC. Sie argumentieren, daß die einzigartigen Kombinationen von oraler und textueller Dimension der CMC nicht mehr früheren Schlußfolgerungen und Kategorien entspricht. Eine neue Dimension des "Multilogs", im Kontrast zu einem Monolog oder einem Dialog, scheint dienlicher. Das Beispiel eines Mulitlogs wäre der Massage-Threat in einer NetNews-Gruppe, der durch eine Person initiiert werden kann und sich dann blitzartig zu neuen Themen weiterentwickeln kann.