Ausgangspunkte

Internet

Wiewohl sich das Internet in Nordamerika aus dem militärischen Computernetzwerk "Arpanet" entwickelte, wurde das Internet in anderen Staaten oftmals nur zu dem Zweck installiert, Universitäten und regionale staatliche Institutionen zu verbinden. In Nordamerika waren die Universitäten die Zentren einer wachsenden studentenorientierten "Netzkultur", und die Entwicklung eines breitbandigen Telekommunikationsnetzwerkes wurde gerade dort am meisten vorangetrieben. Nichtsdestotrotz ist das Internet und seine Kommunikationsstandards und Protokolle heutzutage ein Medium, das Millionen von Usern in der ganzen Welt durch Terminals, Netzwerke und Personal Computer (PCs) verbindet, die über Telephonleitungen zu Hunderten von kommerziellen und institutionalen Computern des Netzwerkes verbunden sind.

Das Internet begann innerhalb einer Elite von Technikern und Wissenschaftlern, aber das dazu notwendige Hardware-Equipment ist heutzutage zu einem für viele erschwinglichen Preis erhältlich. Während ein großes Interesse an der Erstellung graphischer Versionen, wie z. B. von Homepages im World Wide Web besteht, so erfolgt doch der größte Teil der Kommunikation in einfachen kurzen Notizen und Nachrichten, die in geschriebener Form als E-Mails verschickt werden. Eine weitere Grundvoraussetzung sind ein Internet-Account, der es einem ermöglicht, sich einzuloggen und entweder ein Computerterminal in einem Großnetzwerk oder ein Telephon. Dies sind jedoch Voraussetzungen, die in der westlichen Welt ohnehin fast überall gegeben sind. Das innerhalb der Ortszone kostenlose Telephonieren in Nordamerika war der Schlüssel zu Akzeptanz des Internets als eines praktischen Services, einer Freizeitaktivität, oder eines Mediums zur sozialen Interaktion.

Das Internet ist noch immer eine Domäne der westlichen Welt. Das Potential eines erweiterten Cyberspaces, der die ganze Welt umgreift, ist größtenteils noch nicht realisiert. Im Grunde genommen fast unhinterfragt ist breitbandige Telekommunikation, die einen schnellen Transfer von Information, Videos, Text und Stimme ermöglicht, als "Informationssuperhighway" bezeichnet worden. Doch der globale leichte Informationszugang bedroht auch die kulturelle Identität und die regulative Souveränität unabhängiger Staaten. So sind im den NetNews noch immer die Debatten über US-amerikanische Politik vorherrschend und nichtamerikanische Standpunkte werden als abnormal angesehen. Das Internet wurde zur bevorzugten Möglichkeit der Präpublikation von Artikeln, der Preisgabe von Ansichten und dem Testen von neuen Ideen.

Zweifelsohne werden E-Mail-Konventionen und die Standards von Hypertextdokumenten auch auf das traditionelle Printmedium übergreifen. Neue Diskursnormen werden entwickelt, über das Internet vertreten und über die Welt verteilt werden und von dort her werden sie - bzw. tun sie es schon - Design, Layout und Strategien von Werbung, Literatur und wissenschaftlichem Arbeiten beeinflussen.

 

Cyberspace

Gibson umschrieb in seinem Roman Neuromancer "Cyberspace" als eine "konsensuelle Halluzination" (Gibson 1984). Benedikt, der eine der ersten akademischen Untersuchungen über den Cyberspace editierte, sieht diesen als eine andere "Lebenswelt", ein "paralleles Universum" (Benedikt 1991). Die ultimative soziale Wirkung des Cyberspace wird nicht von seinen exotischen Fähigkeiten herrühren, sondern von der Tatsache, daß Menschen ihn zu einem alltäglichen und sozialen Interaktionsraum machen.

In Gibsons Roman Neuromancer ist "Cyberspace" eine abstrakte Manifestation eines architektonischen Raumes einer multinationalen Wirtschaft. Cyberspace ist die Extrapolation des Status Quo in der technologischen Welt. Die Erfahrung eines globalen Nervensystems wie sie in Neuromancer geschildert wird, führte zu der Sichtweise des Cyberspace als einer körperlosen Welt, eines simulierten Ersatzes körperlicher Realität im Austausch mit Simulation. Gibsons Begriff des Cyberspace wurde in der folgenden Zeit enthusiastisch von den Designern der neuen Technologien angenommen.

Selten, aber doch, gibt es kritische Stimmen (Vgl. Guggenberger 1997), die die Entwicklung des Cyberspace und die Immersion des Menschen in diesen nicht nur gut heißen. Psychiater berichten von Sozialphobien und neuartigen Formen der Platzangst, einer Angst vor dem Draußen, der Welt jenseits des Raumes vor dem Computer. Der Cyberspace scheint Nebenwirkungen wie Verfolgungswahn oder Verschwörungsparanoia auslösen zu können.

Durch den dezentralisierten Charakter und der zunehmenden Expansion des Internets ist es schwierig bzw. unmöglich eine Karte der miteinander verbundenen Computer des Internets zu erstellen. Das Internet diente und dient als Model der fiktionalen und idealisierten Konzeptionen eines Cyberspace (Vgl. Bey 1991). Ein neues Netzwerk virtueller Plätze wird über die Welt der geographischen Orte gestülpt. Der Cyberspace, wie z. B. das Internet, bietet in den Augen der User temporäre autonome Zonen.

Cyberspace kann als eine Konzeption dafür verwendet werden, die imaginierte Welt innerhalb der Welt, die durch Computernetze entsteht oder die soziale Landschaft, die in NetNews-Gruppen und Postings ausgedrückt wird, zu beschreiben. In diesem Sinne kann das Internet als ein Cyberspace definiert werden. Die Konzeption der virtuellen Realität denotiert eine simulierte Welt, innerhalb derer User durch 180-Grad-Computerbildschirme in der Form von VR-Helmen, durch Datenhandschuhe, die mit dem Körper korrespondieren, oder auch durch simple animierte Präsentationen ein Gefühl des Hineintretens in eine dreidimensionale Welt haben.

"Virtuelle Realität", kurz VR, ist ein Begriff, der oftmalig unbedacht mit "Cyberspace" gleichgesetzt wird. Es scheint jedoch zielführender, VR als die technologischen Mittel des Zugangs zu einer parallelen, entkörperlichten und mehr und mehr visualisierten simulierten Welt zu sehen, die man Cyberspace nennt. Eine zunehmende Vielfalt virtueller Technologien bietet Zugänge zu dieser cyberspazialen Umgebung, in der der User auch das Gefühl der physischen Präsenz hat, obwohl die Objekte dieser Umgebung keine physische Form haben und aus elektronischen Datenbits bestehen.

Die Metapher "Cyberspace" hat in den letzten fünfzehn Jahren ebenfalls schon eine Entwicklung hinter sich. Wurden Ende der achtziger und zu Beginn der neunziger Jahre immer noch VR-Helme als die ausschlaggebende Revolution in der Cyberspace-Entwicklung angesehen, so verschob sich die Metapher des Cyberspace im Laufe der letzten Jahre von VR-Systemen zum weltweiten Datennetz.

Dennoch kann von einer virtuellen sozialen Welt, einer virtuellen Interaktion und in einem gewissen Sinne auch von einem virtuellen Selbst, sogar innerhalb des gegenwärtigen Kontextes von meist textbasierter elektronischer Mail und NetNews-Postings, gesprochen werden. In der westlichen Welt wird selbst ohne Hilfe der VR-Technologie das Internet als ein Cyberspace gesehen, als eine troposphärische Welt aus Computerleitungen, die unzählige Computer und Datenbanken miteinander verbindet. Das Internet steht in enger Verbindung mit Aktivitäten des alltäglichen Lebens. Oberflächliche Analysen des Internets sehen es als ein neues Medium oder als einen neuen öffentlichen Raum, der vom "realen" Leben getrennt sei.

 

Cyberpsychologie

Es besteht ein klar erkennbarer Unterschied zwischen der virtuellen Welt des Internet und der realen Welt. Die Digitalisierung von Menschen, Beziehungen und Gruppen erweiterte die Grenzen der Zeit und der Art und Weise menschlicher Interaktionen. Die Untersuchung dieser Effekte und die Formulierung von Konsequenzen hat sich die "Cyberpsychology" (Suler 1996a) zur Aufgabe gemacht. Es lassen sich nach Suler mehrere Elemente der Interaktion mittels Computer beschreiben, die die Erfahrung des Users mit diesem neuen sozialen Wirkungsfeld grundlegend beeinflussen:

Beschränkte sensorische Wahrnehmung

Trotz gegenwärtiger und sicherlich zukunftsträchtiger Entwicklungen ist zwischenmenschliche Interaktion via CMC durch eine beschränkte sensorische Wahrnehmung gekennzeichnet. Es wird vorwiegend über das geschriebene Wort kommuniziert.

Identitätsflexibilität und Anonymität

Die vorwiegend durch Text erfolgende Kommunikation bietet interessante Alternativen, seine Identität zu präsentieren bzw. seine Anonymität zu wahren.

Statusnivellierung

In den meisten Fällen hat jeder im Internet das gleiche Recht und die Möglichkeiten, sich selbst zu Wort zu melden.

Ausdehnung zeitlicher und räumlicher Grenzen

Geographische Distanzen machen in der Kommunikation via Internet keine tragenden Probleme. Die individuelle interaktive Zeit einer Korrespondenz ist auch nicht an lokale Zeiten gebunden.

Beziehungsvielfalt

Mit relativer Leichtigkeit kann ein Individuum unzählige Menschen kontaktieren und sich mit ihnen austauschen.

Dauerhafte Aufzeichnung

Die meisten Online-Aktivitäten inklusive E-Mail-Korrespondenz und IRC-Chats können aufgezeichnet und als Datei gespeichert werden. Anders als in der realen Welt kann im Cyberspace genauestens zurückverfolgt werden, wer was wann zu wem gesagt hat.

 

Computer-Mediated-Communication

 

Kiesler, Siegel und McGuire schreiben der "Computer-Mediated-Communication" (Kiesler & Siegel & McGuire 1984), in der Folge nur mehr "CMC", vier distinguierte Charakteristika im Vergleich zu konventionellen Formen der Interaktion zu:

Das Fehlen eines regulativen Feedbacks,

dramaturgische Schwäche,

geringe soziale Hinweise,

und

soziale Anonymität.

Konventionelle Systeme zur Regulation von Interaktionen fallen in der CMC aus. Die Struktur der CMC verursacht bei Usern die Dekonstruktion jener konventionellen Grenzen, die ansonsten soziale Interaktionen definieren. Anonymität und reduzierte Selbstregulation sind Kennzeichen der CMC. User des Internets haben einen Zugang zu einem breiten Spektrum möglicher Kommunikationspartner und Wissensquellen. Internetuser kommunizieren innerhalb eines gewissen kulturellen Kontextes im Internet mit eigenen, miteinander geteilten kulturellen Traditionen und Symbolen, wie z. B. typographischen Symbolen, die im Internetjargon "Smilies" genannt werden.

December definiert CMC folgendermaßen:

"Internet based, computer mediated communication involves information exchange that takes place under global, cooperative collection of networks using the TCP/IP protocol and the client-server-model for data communication. Messages may under go a range of time and distribution manipulations and include a variety of media types. The resulting information content exchanged involves a wide range of symbols people use for communication." (December 1996)

"Computer mediated communication is a process of human communication via computer, involving people, situated in particular contexts, engaging in processes to shape media or a variety of purposes." (December 1997)

Obgleich bisherige Forschungsarbeiten über Electronic Mail zu dem Ergebnis gekommen sind, daß sich der Gebrauch des Mediums je nach organisatorischem Kontext unterscheidet (Vgl. Spraull & Kiesler 1991), kann die These einer notwendigen sozialen Integration der neuen Kommunikationsmedien universelle Gültigkeit beanspruchen. Die soziale Integration der neuen Kommunikationsmedien wird zum Normalfall und nicht zur Ausnahme. Utopistische Thesen, die einen Funktionsverlust der Städte und eine gravierende Zunahme an Telearbeitsplätzen voraussehen, müssen vor diesem Hintergrund wahrscheinlich relativiert werden (Vgl. Stegbauer 1995). Es handelt sich bei dem Bedarf an Kontextuierung von Mitteilungen nicht nur um Faktoren, die dem subjektiven Wohlbefinden der Individuen dienen, es können durchaus objektive Gründe für eine Kombination von Kommunikationsmedien angeführt werden. Begründungen sind in der anfänglichen nicht vorhersehbaren Nutzungsweise durch verschiedene Organisationsmitglieder und im Bedarf der Übermittlung von sachbezogenem und sozialem Kontext zu suchen. Zu subjektiven Motiven gehören Gruppenzugehörigkeitsgefühle, aber auch der in Organisationen wichtige Abgleich von Werten und Normen.

Englisch hat sich in der CMC als hauptsächlich gebrauchte Sprache etabliert und damit eine grenzüberschreitende Kommunikation erlaubt. Im Grunde genommen sprechen aber mehr Menschen Chinesisch als Englisch, was auch aufzeigt, daß das Internet in seiner derzeitigen Form nur eine von vielen möglichen, auf dem Internet basierenden Welten ist. Das heißt aber auch, daß das Internet eventuell ein Stückchen weg von lokalen Sprachen gehen sollte und eine weltweite Vereinheitlichung angestrebt werden sollte, wofür vielleicht zum Beispiel Esperanto eine interessante Alternative wäre.

Besonders im Zusammenhang mit der Synchronizität von IRC- und MUDs-Kommunikation muß nach Siering (Siering 1995) das Konzept der Virtualität differenzierter gesehen werden, da diese Formen vielmehr im Zusammenhang mit Kommunikation als mit Virtualität zu sehen sind. CMC tendiert dazu, ein psychologisches Filter zu schaffen, das es Individuen erlaubt, ihr wahres Selbst von den Charakteren, die sie online repräsentieren, zu separieren. Wenn auch positive Effekte dieser Tatsache nicht außer Acht gelassen werden dürfen, so besteht die Gefahr, vorhandene kommunikative Vorteile zu verlieren. Verbunden mit der Konzeption von Virtualität steht die derzeit vorherrschende Tendenz, CMC, vor allem in IRC und in MUDs, primär als Spiel zu betrachten. Siering fordert daher, in der CMC von der Konzeption der Virtualität wegzugehen und sich mehr auf den Aspekt der Kommunikation zu konzentrieren und CMC mehr als Medium denn als gänzlich neue virtuelle Welt zu sehen.