CMC in philosophischer Fokussierung

 

Computer-Mediated-Communication, das heißt Kommunikation über den Computer, und der daran anschließende Cyberspace, das heißt das spezifische Raum-Zeit-Kontinuum, das von Millionen menschlichen Lebewesen auf der ganzen Erde erzeugt wird, die mit einander über ein Computernetzwerk kommunizieren, entwickelte sich sehr schnell von einem futuristischen Traumzustand zu einer exponential explodierenden Realität. Eine florierende Fülle an Literatur von Analysen und Diskussionen begleitet dieses Phänomen. Von enorm eingegrenzten akademischen Studien zu populärwissenschaftlichen Büchern reicht die Bandbreite dieser Analysen, Enthusiasten und Kritiker sehen so ziemlich alles im Aufstieg der CMC und virtueller Gemeinschaften. Die Standpunkte reichen von der Entwicklung eines einzigartigen freien Cyberspaces bis zur Versklavung ganzer Volksgemeinschaften durch eine perfektionierte Technologie der Täuschung oder der Überwachung.

Frühe Ausgangspunkte der CMC-Literatur waren größtenteils durch akademische Richtungen, wie z. B. den Computerwissenschaft, der Kommunikationstheorie und der Literaturwissenschaft definiert. Diese Analysen deuteten immer wieder auf typische philosophische Belange hin, indem sie auf darunter liegende Vermutungen in bezug auf Wissen (Epistemologie), Realität (Ontologie oder Metaphysik), und Werte (Ethik) hinwiesen. Wenige dieser frühen Analysen legten ihre fundamentalen philosophischen Schlußfolgerungen klar. Aber ohne die direkte Aufnahme philosophischer Perspektiven verläßt sich eine wissenschaftliche Betrachtung der CMC auf implizite philosophische Ansätze, die das Risiko von Kontradiktion und Inkohärenz in sich tragen. Die Betrachtung der CMC aus einem explizit philosophischen Rahmen heraus ist zumindest durch folgende zwei Gründe notwendig: Erstens bringt das Herausarbeiten philosophischer Grundlagen weitere Reflexionen der CMC auf ein festeres Fundament, in dem Sinne, daß es weniger Kontradiktionen bzw. Inkohärenzen geben kann. Der zweite Grund ist, daß entwickelte philosophische konzeptuelle Rahmenbedingungen oft konzeptionelle Elemente und Implikationen enthalten, die unter anderen Rahmenbedingungen nur implizit operieren. Sicherlich kann es viele Philosophien einer bestimmten Problematik geben, das heißt es können viele explizit entwickelte philosophische konzeptionelle Rahmen und Ansätze zur Betrachtung eines Phänomens bestehen.

Zwei der elaboriertesten Themen in der Erforschung der CMC sind die Tatsache, daß CMC einen mehr oralen Stil der Kommunikation erzeugt, der im klaren Gegensatz zum Stil der gedruckten Sprache steht. Das zweite Thema wird durch die Debatte zwischen Modernisten, die durch Jürgen Habermas repräsentiert werden können und postmodernistischen Strömungen geführt. Während postmodernistische Strömungen die episodischen und kurzzeitigen Charakteristika der E-Mail-Kommunikation betonen und hochloben, indem sie sie in Konsistenz mit Themen der Dekonstruktion, der Bricolage, etc. sehen, kommt im Denkansatz von Jürgen Habermas der Modernismus zum Zuge, da er die Charakteristika der E-Mail als Erleichterung der Art und Weise des Dialogs sieht, die er grundlegend für demokratische Gemeinschaften hält (Vgl. Kolb 1996).