Motivation

Da der Autor der vorliegenden Arbeit beruflich intensiv im Bereich der Telekommunikation tätig ist, wird er als "Experte" immer wieder zu den Themen "Computer" und "Internet" befragt. So ergab sich eines Tages eine lange Diskussion mit Kollegen über das Internet und die Konsequenzen dieser Entwicklung. Das Gespräch kreiste letztendlich immer um die Fragen: "Sind das noch wir? Sind wir da noch Menschen? Verlieren wir nicht einen Teil unserer Menschlichkeit?" Der Autor konnte feststellen, daß große Unsicherheiten und einige Unklarheiten in der Beantwortung dieser Frage bestanden.

Durch ein weiteres berufliches Standbein ist der Autor auch auf dem Gebiet der Psychotherapie zuhause. Psychotherapie hat das Ziel, ausgehend von einer Vorstellung des gesunden und entwickelten Menschen, nicht der Norm entsprechende Verhaltensabweichungen zu verändern. Wenn eine Antwort auf die Frage, ob das Verhalten eines Mensch der Norm entspricht, zu finden ist, dann müßte dies mittels psychotherapeutischer Konzepte, die wissenschaftlichen Standards entsprechen, noch sehr gut möglich sein. Daher ergab sich für den Autor die Überlegung, die damals in dieser Diskussion aufgeworfenen Fragen mittels zweier psychotherapeutischer Ansätze näher zu beleuchten.

 

Thematische Abgrenzung

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, philosophisch-anthropologische Aspekte der Kommunikation mittels des Computers zu betrachten und zu formulieren. Als Ausgangspunkt dieser Analyse werden Phänomene dieser Form der Kommunikation durch sozio-kommunikationstheoretische Befunde dargestellt und anschließend unter dem Blickwinkel zweier psychotherapeutischer Ansätze betrachtet. Die Psychotherapie kann gerade in Bezug auf diese Thematik umfangreiches Expertenwissen zur Verfügung stellen. Ziel der vorliegenden Arbeit ist es nicht, gebrachte Darstellungen und Perspektiven auf deren interne Gültigkeit hin zu prüfen, sondern auf der Grundlage dieser Ansätze eine philosophische Reflexion zu initiieren.

Die zwei, in relativ konträre psychotherapeutische Ansätze einführenden Abschnitte zu Beginn der Arbeit sind keinesfalls als vollständige und für einen Psychotherapieexperten ausreichende Beschreibungen der theoretischen Grundlagen der genannten Psychotherapieschulen zu verstehen, sondern dienen in erster Linie zur Darstellung der Fundamente der sich daran anschließenden Ausführungen. Die im weiteren Verlauf gebrachten Abrisse spezifischer Aspekte des personzentrierten und des systemischen Ansatzes gehen nur so weit, als sie es erlauben, sich ihrer als Analogien für zwei Blickwinkel zur Betrachtung des eigentlichen Objekts dieser Arbeit, der Kommunikation mittels Computer, zu bedienen.

 

Begriffliche Abgrenzung

 

Es ist nicht das Ziel der vorliegenden Arbeit, eine umfassende technische Einführung in die elektronische Kommunikation zu bieten. Es erscheint aber durchaus sinnvoll, an dieser Stelle eine grundlegende Begriffsklärung zu formulieren. Nach Maier und Wildberger ist man heute dazu übergegangen, als Internet die Verbindung all jener Computer zu bezeichnen, die über das Protokoll TCP/IP miteinander kommunizieren. Das Internet präsentiert sich heute als Verbindung vieler, von verschiedenen Organisationen betreuter Teilnetze. Obwohl einzelne Organisationen bestimmte Aufgaben für das gesamte Internet erfüllen, gibt es doch keine Organisation, die für das Internet als Ganzes zuständig und verantwortlich ist. Die rasante Entwicklung des Internet basiert auf den Inputs der Betreiber von Teilnetzen und einzelner Benutzer

Im Rahmen dieser Arbeit werden mit dem Begriff Internet vorwiegend folgende vier Netzdienste angesprochen (Vgl. Maier & Wildberger 41995, Sulic & Zarachowicz 1997):

1. Electronic Mail (E-Mail), 2. NetNews, 3. das World Wide Web (WWW) und 4. Internet Relay Chat (IRC), Multiple-User Domains (MUDs) und Multiple-User Object-Oriented Domains (MOOs).

Electronic Mail, kurz E-Mail, ist in der Kommunikation der wichtigste Netzdienst. Man kann damit Nachrichten an Kommunikationspartner verschicken, die eine Kennung an irgendeinem Netzwerkcomputer besitzen, der irgendwo auf der Welt steht.

NetNews kann man als Diskussionsforum bezeichnen, das Beiträge von Teilnehmern zu einem bestimmten Thema sammelt und so in gebündelter Form anderen Benützern zugänglich macht.

Das World Wide Web, kurz WWW, implementiert auf dem Internet ein logisches Netzwerk von miteinander verbundene Dokumenten auf verschiedenen Internet-Computern. Indem er den Verbindungen folgt, durchwandert der Benutzer dieses Netzwerk und kann den gesamten Informationsbestand des Internet erschließen.

Interent Relay Chat, kurz IRC, bietet die Möglichkeit, Nachrichten direkt auf dem Bildschirm eines anderen Computers aufscheinen zu lassen und damit in Echtzeit mit einem oder meist mehreren Gesprächspartnern zur selben Zeit zu kommunizieren. Während IRC grundsätzlich ein Kommunikationsmedium darstellt, sind MUDs und MOOs primär Spiele, in deren Rahmen man kommuniziert. Jeder Mitspieler schlüpft in eine individuelle erstellte Rolle und bewegt sich und kommuniziert im Spiel mittels des Computer-Keyboards.

 

Methodologischer Exkurs: Qualitativ-empirische Forschung

Es werden im Laufe der vorliegenden Arbeit Ergebnisse von Studien angeführt, die Ausschnitte aus Fallstudien zur Illustration bzw. als Beleg der dargestellten Interpretationen sozialer Interaktion enthalten. Fallstudien sind in der Literatur als probates Mittel der empirischen Datengewinnung über den Forschungsgegenstand "Kommunikation mittels Computer" zu finden. Als Weiterentwicklung traditioneller Methoden erfolgt jedoch die Befragung der Versuchspersonen per E-Mail, in der Literatur als "E-Mail-Interviews" (Suller 1996b) bezeichnet, einerseits mittels strukturierter und andrerseits durch unstrukturierte und informelle Befragung.

Nach Lamnek (Lamnek 1980) ist die Einzellfallstudie in der qualitativen empirischen Forschung folgendermaßen charakterisiert:

Geht man von der Hypothese aus, daß soziale Realität gesellschaftlich konstruiert und nicht objektiv vorgegeben ist, so macht eine ausführliche Kommunikation mit den untersuchten Personen erst eine wissenschaftliche Interpretation möglich.

Nach Lamnek (Lamnek 21993) muß bei einer verbalen Befragung im Rahmen einer Einzelfallstudie vor allem darauf geachtet werden, daß möglichst in einer Situation der Alltagskommunikation verweilt wird, wodurch Einsichten in die Vorstellungen und das Denken der Untersuchten leichter zu gewinnen sind. Die Kommunikation sollte möglichst alltagsnahe sein, um verfremdende Einflüsse durch eine ungewöhnliche oder unnatürliche Kommunikationssituation während der Erhebung zu vermeiden, da ansonsten Verfremdungen oder unnatürliche Interpretationen und Deutungen der untersuchten Person zustande kommen könnten. Der Befragte muß durch die Asymmetrie seine Antworten nicht in vorgefaßte Schemata von Indikatoren zwängen, sondern kann sie frei und in ihrer ganzen Komplexität vortragen, und bei Unklarheiten können Nach- und Gegenfragen gestellt werden. Je geringer der Grad der Standardisierung ist, desto größer ist die Chance auf eine natürliche und realitätsnahe Kommunikation.

Zur empirisch-qualitativen Erfassung der Positionen und Effekte der beiden zum Tragen kommenden psychotherapeutischen Ansätze wurden Einzelfallstudien zu den Kapiteln über die Verwendung und Bedeutung von Sprache (Kapitel 4) sowie über die Charakteristika zwischenmenschlicher Beziehungen in der Kommunikation mittels Computer (Kapitel 5) durch ein strukturiertes E-Mail-Interview im Zeitraum April bis November 1997 durch Posting in fünfundsiebzig verschiedenen NetNews-Listen durchgeführt (siehe Anhang). Es war durch dieses strukturierte E-Mail-Interview und durch daran anschließende weitere informelle Exploration eine wesentlich detailliertere und umfassendere Befundung als bei traditionellen Fragebögen und zeitlich begrenzten Zusammentreffen mit Versuchspersonen möglich.