Sprache

 

Sozio-kommunikationstheoretische Darstellung

 

Langue vs. Parole

Menschliche Interaktion über CMC ist durch geschriebene Sprache bestimmt, was den Stellenwert sozialer Kontakte verändern kann. Das Fehlen taktilen und anderen direkten Feedbacks und die Privatsphäre, von der aus via Computer agiert wird, tragen zu einem anderen Verständnis von zwischenmenschlicher Verbundenheit bei.

In der gegenwärtigen Linguistik werden zwei Interpretationslinien der Sprache vertreten: Die eine Linie sieht Sprache als ein grammatikalisches System, das dem sprechenden Individuum eine Vielzahl von Möglichkeiten gibt, sich und andere in einen Diskurs zu bringen (Vgl. Shotter 1989, Mülhäusler & Harré 1990). Die zweite Linie, die eher dem systemischen Ansatz von Maturana entspricht, sieht Sprache als alleinig dann existent, wenn sie in konkreten Situationen verwendet, d. h. gesprochen wird (Vgl. Davies & Harré 1990):

"La Langue is an intellectualizing myth - only la parole is psychologically and socially real. This position is developed in contrast to the linguistic tradition in which "syntax", "semantics" and "pragmatics" are used in a way that implies an abstract realm of causally potent entities shaping actual speech." (Davies & Harré 1990 43)

Sprache ist demnach kein fixes System, sondern entwickelt sich erst im Gebrauch. Damit ist es möglich, Sprache in der CMC als eigene Erscheinungsformen von Sprache zu sehen.

 

Dritte Überlieferungsform

 

E-Mail ist die heutzutage am meisten verwendete Form von CMC. Sie stellt eine neue Entwicklungsstufe in der Geschichte des Briefeschreibens dar und hat zugleich eine sehr hohe Ähnlichkeit mit gesprochener Sprache. Während sich die grundlegendenen Funktionen von Briefen sowie des Briefeschreibens für persönliche und berufliche Belange seit langer Zeit nicht mehr verändert haben, scheinen sich die Erwartungen und Haltungen bezüglich der äußeren Form von Briefen entscheidend zu verändern. Der Computer als Medium und die Art und Weise des Schreibens am Computer führen zu einer Veränderung der Erwartungen, wie man "richtig" schreibt (Vgl. Danet 1997a, Danet 1997b). Digitales Schreiben ist spielerisch, dynamisch und gleicht gesprochener Sprache. E-Mail-Nachrichten haben traditionelle gesprochene und geschriebene sowie neue und einzigartige digitale Charakteristika. Beim Schreiben von E-Mails werden sowohl verschiedenste Formen der brieflichen Korrespondenz, wie z. B. der Geschäftsbrief, das Memo, das Telegramm, die Postkarte, die Glückwunschkarte oder der persönliche Brief, als auch verschiedene Formen der gesprochenen Sprache, wie z. B. die Konversation mit Augenkontakt oder die telephonische Konversation, herangezogen. Es zeigt sich, daß in E-Mails vor allem die Akzeptanz von bis dahin sonst nur in gesprochener Sprache zu findenden Spezifika zunimmt (Vgl. Ferrara 1991).

Das Modell von Ong (Ong 1972, Vgl. Ong 1982) sieht den Einsatz von Technologie als verantwortlich für die Veränderung von Kultur und Denken des Menschen und zeigt zugleich, wie sich Denken und Ausdrucksfähigkeit des Menschen im Wechsel von der mündlichen zur schriftlichen Überlieferung gewandelt hat. Der Diskurs via CMC trägt nach diesem Konzept präliterarische Charakteristika und stellt neben der Kultur der mündlichen Tradition und der Kultur der Radio- und TV-Massenmedien eine dritte Form der mündlichen Überlieferung dar, die ebenfalls zu Veränderungen im Denken und in der Ausdrucksfähigkeit des Menschen führt. Diese dritte Form der Überlieferung hat zwar eine schriftliche Basis, kann aber aufgrund ihrer Charakteristika als mündliche eingestuft werden.

Mullins (Mullins 1996) meint, daß die Entwicklung dieser zweiten Form der Oralität nach Ong die druckbasierten Haltungen gegenüber Schriftlichem verändern wird. Er ist der Ansicht, daß die Kommunikationsformen der elektronischen Kultur zu einer Trendwende in rhetorischen Strategien führen werde.

 

E-Stil und virtuelles Spielen

Die Charakteristik der in Netzwerken auftretenden Sprache wurden in linguistischer, soziologischer und psychologischer Hinsicht mehrfach untersucht (Vgl. Hiltz & Turoff 1978, Baron 1984, Kiesler, Siegel & McGuire 1984). Der Schreibstil von E-Mails unterscheidet sich von bisher üblichen Stilen. Die klarsten Unterschiede sind wahrscheinlich das häufige Fehlen von Großbuchstaben, die vereinfachte Rechtschreibung zugunsten einer phonetischen Schreibweise und der Einsatz von typographischen Sonderzeichen, die allesamt in dieser Form in gesprochener Sprache nicht zu finden sind und dazu dienen, das in E-Mails Geschriebene mehr an gesprochene Sprache anzugleichen. Da Großschreibung z. B. in gesprochener Sprache nicht existiert, wird sie in Computer-Konversationen ebenfalls weggelassen. Wird in einer E-Mail dennoch einmal Großschreibung verwendet, dann wird meist gleich ein ganzes Wort groß geschrieben, um es in besonderer Weise zu betonen. "E-Style" (Maynor 1994) ist jedenfalls der gesprochenen Sprache näher als der geschriebenen. Die syntaktischen Charakteristika des E-Stils reflektieren oftmals informelle Gebräuche gesprochener Sprache und sind oft sogar noch einfacher als informelle Sprache. Die Sprache der Kommunikation via Computer-Netzwerken ist gesprochener Sprache offensichtlich sehr ähnlich, und das schnelle Feedback im Austausch von Notizen oder im Posten von Kommentare zu Mailinglisten oder NetNews-Gruppen gibt dem User ein Gefühl von Gegenwärtigkeit. Viele Unterschiede zwischen gesprochener und geschriebener Sprache rühren wohl von der unterschiedlichen Geschwindigkeit der Kommunikation her, wobei E-Mail eine Verbindung der beiden Kommunikationsformen darstellt, da es geschriebene Sprache ist, die aber fast ebenso schnelle Konversationen wie gesprochene Sprache ermöglicht und noch dazu nonverbale Elemente der Konversation in der ihr eigenen Art beinhalten kann. Neben der Geschwindigkeit ist E-Mail aber auch fast ebenso vergänglich wie gesprochene Sprache, da E-Mails in der Regel nur eine sehr kurze Lebensdauer auf diversen Speichermedien haben.

Ruedenberg, Danet und Rosenbaum-Tamari (Ruedenberg & Danet & Rosenbaum-Tamari 1995) betonen den Spielcharakter in der Verwendung der Sprache bei der Kommunikation via CMC. Die Sprache, die in der Kommunikation mittels eines Computer-Keyboards verwendet wird, ist ein Beispiel für "virtual play" (Aycock 1993) und stellt eine stilisierte und geschriebene Form der gesprochenen Sprache dar, die in ihrem Spielcharakter zwischen dem Spielen eines Musikinstruments und dem Spielen einer Rolle in einem Theaterstück liegt. Vier voneinander abhängige grundlegende Eigenschaften begründen die spielerische Natur der CMC: Vergänglichkeit, Geschwindigkeit, Interaktivität und Freiheit in der Anwendung des Spielmaterials. Das eigentliche Spiel besteht im Spielen sowohl mit Worten als auch mit typographischen Symbolen zum Ausdruck von emotionalen Inhalten.

 

Para-Sprache

Die Kenntnis einer nationalen Sprache ist Grundvoraussetzung für die Teilnahme am Internet, wobei sich Englisch als gemeinsame Sprache zu einem großen Teil durchgesetzt hat. Im weiteren Sinne hat Sprache als Informationsüberträger im Internet eine große Bedeutung. Aufgrund technischer Voraussetzungen sind Bilder, Töne, Video und Grafiken für eine rasche Informationsübertragung (noch) nicht effizient genug. Sprache in der geschriebenen Form des Wortes ist in der CMC noch immer das Wichtigste. In diesen übertragenen ASCII-Texten sind nach Goode und Johnson (Goode & Johnson 1991) relativ kleine Datenmengen eingebunden, die verglichen mit einem Gespräch, eine sehr hohe Informationsdichte aufweisen. Es wird aber dabei nicht nur Redundanz eingespart, sondern es geht auch ein Teil des Informationsgehaltes, der ein alltägliches Gespräch mitbestimmt, verloren. Gestik, Mimik, Intonation, Modulation, etc. können gar nicht oder nur in rudimentärer Form übertragen werden, und damit kommt der geschriebenen Sprache und ihren Inhalten die Hauptbedeutung zu.

Daß trotz dieser Reduktion auf das geschriebene, exakter, das getippte, Wort ein Vielzahl von Ausdruckmöglichkeiten gegeben sind, zeigt Suler (Suler 1997) an dem Beispiel, wie eine Person in einem MUD begrüßt werden kann. Er findet insgesamt elf verschiedene Möglichkeiten mit je eigener emotionaler Bedeutung.

Die Verwendung der Sprache in den Texten von E-Mails variiert von einem formellen Stil bis zu einer Imitation mündlicher Konversation und Vertrautheit und erscheint manchmal auch zu schwach, um harte Diskussionen oder Beschwerden zu formulieren. Oft werden daher "Graphic Accents" (Kinsey 1993) zum Ausdrücken der nichtverbalen Anteile der Kommunikation verwendet, um Ausdrucksstärke, Emotionen und ästhetische Belange im geschriebenen Diskurs intensiver darzustellen (Vgl. Sanderson 1993, Elmer-Dewitt 1994, King 1995, King 1996).

"An emoticon is an emotional icon, or a pictorial expression of the emotions of the moment. These are most commonly created online using the symbols on the keyboard." (Fudpucker 1992 557)

Diese Symbole sind die "Para-Language" (Dery 1993) der CMC, die die Hinweise über die Ernsthaftigkeit bzw. Verspieltheit einer Behauptung denotiert. Der Einsatz von Graphic Accents ist nicht unumstritten. Es besteht auch die Tendenz unter Usern (Vgl. Stoll 1995), bewußt zu versuchen, Gefühle durch den Text alleine auszudrücken, da sie Graphic Accents für eine allzu grobe Verflachung des tradidtionellen sprachlichen Ausdrucks halten. Diese User sehen besonders in Newsgroups die Atmosphäre durch Graphic Accents und lockere, umgangssprachliche Kommunikation gefährdet.

"Flamings" (Suler 1996c, Vgl. Hrachovec 1998), das sind mehr oder minder ernst gemeinte primär emotional bestimmte und meist respektlose Wortmeldungen, zeigen, daß es sehr leicht sein kann, Gefühle via CMC zu vermitteln, wenn sie sehr direkt geäußert werden (Vgl. Suler 1996c). Es werden besonders in Newsgroups, die in ihrer Thematik Selbsthilfegruppen ähneln, Gefühle sehr offen und klar zum Ausdruck gebracht (Vgl. King 1994, Cutter 1996). E-Mail kann es auch leichter machen, emotionale Aspekte zu thematisieren, da möglicherweise weniger individuelle Bedenken bezüglich emotionaler Verletzungen bestehen als bei einem Face-to-Face-Kontakten (Vgl. Stoll 1995, Wellmann 1996).

Die Sprache persönlicher E-Mails kann nach Suler (Suler 1996h) folgende grundlegende Charakteristika aufweisen: Es entwickelt sich nach einer gewissen Zeit der Korrespondenz eine private Sprache mit eigenen Akronymen und Neologismen, die nur mehr die Korrespondenten vollständig verstehen. Diese private Sprache erhält eine besondere Bedeutung, die die Beziehung der Korrespondenten widerspiegelt.

 

Sprache und Raum

MUDs sind eine synchrone und geschriebene Form der sprachlichen Kommunikation. Sie erlauben es Usern, in Echtzeit miteinander zu kommunizieren und bestehen aus miteinander verbundenen, mittels Keyboard getippter Beschreibungen imaginärer Räume, Gegenstände und Personen, die von den Teilnehmer ähnlich einem Hypertext mit Links von einem Dokument zum anderen individuell gelesen werden können. MOOs bieten darüber hinaus die Möglichkeit, die geschriebenen Beschreibungen zu ergänzen bzw. auch zu modifizieren und damit durch geschriebene Sprache den "Raum", in dem sie sich "bewegen" zu verändern. Wie Arbeitsgruppen oder eng miteinander verbundene Familien besitzen MUD- und MOO-Teilnehmer ein auf ihrer individuellen Umwelt basierendes spezielles Vokabular (Vgl. Zeitlin & Kotkin & Baker 1982, McCarl 1986). Ein Teil dieser Begriffe hat nach Marivin (Marvin 1995) seinen Ursprung in den Dungeons-und-Dragons-Spielen, die das Vorbild aller MUDs und MOOs sind, ein anderer Teil leitet sich aus der MOO-Programmier-Sprache ab und wieder ein anderer stammt aus individuellen und kollektiven Erfahrungen in einem MOO oder MUD.

 

Multilog

Kolb (Kolb 1996) argumentiert, daß die menschliche Realität einer begrenzten Zeit und Aufmerksamkeit angesichts der dramatisch reicheren Umgebung eines kontinuierlich expandierenden Hypertextes die Entwicklung neuer Formen hypertextuellen Diskurses hervorrufen wird. Durch die Erschaffung solcher neuer Formen des Diskurses wird der Computer nicht mehr nur als Werkzeug der Datenaufbewahrung und der Manipulation gesehen, sondern CMC wird sich zu einem neuen Gebiet des Diskurses und vielleicht auch der Poetik entwickeln.

Die Partizipation an NetNews-Gruppen oder auch Mailing-Listen gibt nach Hrachovec (Hrachovec 1998) dem einzelnen die Gelegenheit, eine potentiell unbegrenzte Leserschaft anzusprechen und durch CMC das eigentlich schriftlich fixierte "Manifest" (Hrachovec 1998) quasi simultan an eine in ihrer Zahl theoretisch unbegrenzte Leserschaft zu übermitteln und dadurch "an die Rampe der Weltöffentlichkeit" (Hrachovec 1998) zu treten. Shank und Cunnigham (Shank und Cunnigham 1996) nehmen die Semiotik als einen theoretischen Rahmen zum Verständnis der CMC. Sie argumentieren, daß die einzigartigen Kombinationen von oraler und textueller Dimension der CMC nicht mehr früheren Schlußfolgerungen und Kategorien entspricht. Eine neue Dimension des "Multilogs", im Kontrast zu einem Monolog oder einem Dialog, scheint dienlicher. Das Beispiel eines Mulitlogs wäre der Massage-Threat in einer NetNews-Gruppe, der durch eine Person initiiert werden kann und sich dann blitzartig zu neuen Themen weiterentwickeln kann.

 

Systemische Perspektive

 

Linguieren

Maturana (Maturana & Varela 1972, Vgl. Maturana 1982, Maturana 1988a, Maturana 1990a, Maturana 1990b) bestreitet, daß menschliche Kommunikation allein auf die Benutzung von Sprache, das heißt auf ein fertig vorhandenes Zeichensystem zurückgeht, denn das würde bedeuten, daß Sprache dem Sprechen vorausgeht, und es wäre dann unmöglich zu erklären, wie das System Sprache, das ein hohes Maß an Verhaltenskoordination voraussetzt, überhaupt entstehen konnte. Um die sprachliche Existenz des Menschen zu erklären, muß nach Maturana aufgezeigt werden, wie autopoietische und operational geschlossene Lebewesen ihr Verhalten untereinander koordinieren. Koordination findet nach Maturana dann statt, wenn die notwendigen Anfangsstrukturen der strukturellen Bereitschaft und der Plastiziät gegeben sind, so daß die beteiligten Lebewesen unter Einhaltung ihrer jeweiligen Organisation interagieren und durch Wiederholungen Interaktionsmuster ausbilden können.

Unter einem operationalen Blickwinkel findet Interaktion dann statt, wenn Individuen zusammentreffen und dabei wechselseitig strukturelle Veränderungen auslösen. Durch Wiederholungen kommt es allmählich zur strukturellen Koppelung, wobei sich sensuelle Strukturen der Lebewesen aneinander annähern und Bereiche der Konsensualität bilden. Dieser Prozeß endet, wenn es zu Strukturveränderungen kommt, die den konsensuellen Bereich überschreiten und so keinen Anschluß ermöglichen. Bereiche sinnlicher Koordination bilden sich demnach spontan durch rekurrente Interaktion. Alle Lebewesen können ihr Verhalten mit dem anderer koordinieren, wobei dies nach Maturana ein Wesensmerkmal biologischer Strukturen ist. Die Vielfalt der konsensuellen Bereiche geht je nach der strukturellen Beschaffenheit der beteiligten Organismen aus der Geschichte ihrer Interaktion hervor. Bei Menschen ist sie angesichts der unbegrenzten Kombinationsmöglichkeiten der Sprache potentiell unendlich.

Wenn in menschlicher Interaktion neue Möglichkeiten erprobt werden, öffnet sich ein Bereich der Verhaltenskoordination zweiter Ordnung, den Maturana "Linguieren" (Maturana 1990b) nennt. Dieses Phänomen tritt auf, sofern im konsensuellen Miteinander durch Laute, Gesten etc. eine Form der Verhaltenskoordination, ein Sprachverhalten entsteht, das sich auf andere Verhaltenskoordinationen bezieht und diese steuert oder gar ersetzt. Das Ergebnis ist Sprache im weitesten Sinn. Linguieren bedeutet also, Verhaltenskoordination konsensuell zu koordinieren und Sprache ist damit die konsensuelle Koordination konsensuell koordinierter Handlungen.

Sprache kann sich als selbstreferentielles System nur auf Sprache beziehen. Insofern konstituiert Linguieren einen rekursiv geschlossenen und unentrinnbaren Bereich, der nur durch Schweigen, das nicht zum Thema menschlicher Kommunikation würde, zu verlassen wäre. Die Objekte der menschlichen Welt und der Mensch selbst als Beobachter entstehen in sprachlicher Koordination der Verhaltenskoordination, wodurch sich die Existenz von Objekten nur sprachlich-konsensuell beschreibend nachweisen läßt.

Verglichen mit der Verhaltenskoordination im Bereich des konkreten Handelns ist das Unterscheidungspotential der Sprache prinzipiell unbegrenzt, da sich jede Koordination vielfältig beschreiben läßt. Nach Maturana geht darauf die immense Bandbreite der menschlichen Seinsweisen zurück. Dennoch haben Wörter und Gesten keine eigene Bedeutung, und sie denotieren oder konotieren keine unabhängigen Objekte, sondern sind diejenigen sprachlichen Unterscheidungen, auf die Menschen sich beziehen, wenn von Objekten die Rede ist. Linguieren liegt also der menschlichen Lebensweise zugrunde und bildet damit einen eigenständigen Phänomenbereich, sofern "/.../ ein Beobachter feststellen kann, daß die Objekte unserer sprachlichen Unterscheidungen unserer Sprachsphäre angehören." (Maturana & Varela 1972 226) Der von Maturana oft gebrauchte Aphorismus, "Alles Gesagte wird von einem Beobachter gesagt" (Maturana 1982 8), definiert also das menschliche Sein als sprachliches Miteinander.

Im Sinne koordinierter körperlicher Strukturveränderungen setzt Linguieren voraus, daß die notwendigen biologischen Strukturen unversehrt sind und bleiben. Dennoch ist dieses Phänomen nicht im Organismus angesiedelt, sondern im Bereich zwischenmenschlicher Konsensualität, d. h. Linguieren hat zwar eine physiologische Basis und setzt intakte Strukturen voraus, ist selbst aber kein neurophysiologisches Phänomen.

Menschen sind multidimensionale Systeme mit einer variablen körperlichen Dynamik. Zwischen körperlichen Zuständen und Linguieren herrscht eine Wechselwirkung, die gemäß Maturana durch Emotionen gesteuert wird. Darunter versteht er körperliche Zustände, die das Verhalten disponieren und den Handlungsbereich eines Organismus festlegen.

"Als Emotionen faßt ein Beobachter die körperliche Dynamik eines Lebewesens, die seinen Handlungsbereich spezifiziert." (Maturana 1990a 33)

Leben geschieht im Fließen emotionaler Zustände, die Interaktionen begleiten und ihre Richtung bestimmen. Das Übergehen von einem emotionalen Zustand in den anderen nennt Maturana "Emotionieren" (Maturana 1990b). Erfolgt dieser Übergang konsensuell abgestimmt, spricht er von "Ko-Emotionieren" (Maturana 1990b). In der Verflechtung körperlicher Zustände mit Interaktionen kommt es zu Überschneidungen der spezifisch menschlichen Lebensweise mit der anderer Organismen. Bei diesem "Konversieren" (Maturana 1990b) spielen die gemeinsamen Handlungen eine wichtigere Rolle als die Inhalte. Es ist auch nicht durch den Austausch von Bedeutungen geprägt, sondern durch die Lust am Miteinander, am gemeinsamen Aufbau konsensueller Bereiche, die sich zu einer Interaktionsgeschichte verbinden und den Hintergrund bilden, aus dem das menschliche Leben erst seinen Sinn bezieht.

Die systemische Konzeption des Menschen als linguierendes Lebewesen definiert ihn als biologisch-individuelles und kommunikatives Lebewesen, das zugleich autonom und sprachlich bedingt ist und damit auf andere, ihm ähnliche Lebewesen angewiesen ist. Beide Bestimmungen des Menschen durch seine biologische Struktur und seine Sprachlichkeit ziehen die Grenzen, zwischen denen das Lebensmilieu des Menschen variieren darf, ohne ihm unverträglich zu werden. Konversieren liegt im Zentrum der menschlichen Existenz und erfordert daher die Existenz gleichartiger und autonomer Menschen, denn das Ich entsteht und verwirklicht sich nur im Miteinander mit einem unabhängigen Du, und damit im Wir. Im Unterschied zur tierischen oder rein dinglichen Existenz ist das Wir demnach die Grundbedingung des menschlichen Lebensmilieus. Durch die Logik der Sprache kann der Mensch anders als Tiere auch die existentielle Berechtigung seiner selbst und das Wir negieren, ja sogar die gemeinsame Lebenswelt vernichten. Menschen müssen ihr Miteinander daher über konsensfähige Normen regeln, um die durch Sprache erworbenen destruktiven Neigungen einzudämmen.

 

Sprache und Existenz

Im systemischen Denken besteht der Mensch als lebendes System aus autopoietischen Komponenten, die sich der übergeordneten Organisation Leben unterordnen. Er hat aber den spezifischen Existenzbereich Sprache, der ihn grundlegend von allen anderen Lebewesen unterscheidet.

Emotionen wirken in Maturanas Denkgebäude zunächst als Fremdkörper, da sie sich nicht beobachten lassen und daher der wissenschaftlichen Forschung entziehen. Sie entsprechen aber der Absicht Maturanas, auch Soziales biologisch zu erklären.

Sprachliche Unterscheidungen bringen Einheiten hervor und erzeugen oder konstitutieren Objekte der materiellen oder der geistigen Welt. Die gesamte menschliche Lebenswelt besteht nur aus den Beschreibungen, mit denen Erfahrungen formuliert werden. Zwar lassen sich Erfahrungen nicht vollständig beschreiben, aber der Mensch hat keinen anderen Zugang zu seinen Erfahrungen als über die Sprache. Ob etwas existiert, zielt im Grunde auf das empirische Hervorbringen einer Einheit in Form der Frage, "Aufgrund welcher Unterscheidung läßt sich die beschriebene Erfahrung reproduzieren?", ab. Alle konsensuellen Existenzaussagen stützen sich auf die operationale Reproduktion von Erfahrungen, wobei sich der Mensch in der Regel auf Kriterien seiner sprachlich-konsensuellen Gemeinschaft verläßt.

Die Verwurzelung jeder Einheit in der Unterscheidung, die sie hervorbrachte, hat ontologische Folgen für die Einheit und für den Beobachter. Erstens verleiht das Hervorbringen einer Einheit durch einen Menschen dieser Existenz und weist ihr einen eigenen Existenzbereich zu, in dem sie durch Interaktion erkennbar wird, und zweitens bringt jeder Mensch nur Einheiten hervor, die seiner speziellen, ontogenetisch gewachsenen kognitiven Struktur entstammen und lebt damit in derjenigen Welt, die sein Organismus erzeugt.

Die Grundthesen des systemischen Denkens in Bezug auf Sprache lassen sich nach Ludewig (Ludewig 31995) folgendermaßen zusammenfassen:

 

Multiversa

Jede Welt ist als Produkt eines Lebensprozesses damit einmalig und in sich begründet. Maturana schlägt in diesem Zusammenhang vor, nicht von einem allumfassenden Universum, sondern von vielen verschiedenen, parallelen und vor allem individuellen "Multiversa" (Maturana 1982) zu sprechen. Wenn es einen privilegierten, vom Beobachter unabhängigen Zugang zu einer "wahren" Welt nicht geben kann, läßt sich auch keine Seinsweise "an sich" oder "objektiv" gegenüber anderen als besser, gerechter, menschlicher etc. rechtfertigen. "Realität" existiert nur als "Realität" des Wahrnehmenden. Dieselbe "äußere" Situation kann sich in vielen Realitäten erweisen und keine kann als besser als die übrigen bezeichnet werden. Das Bild der "Realität" ist in einer Weise passend, daß der Mensch in dieser "Realität" überleben kann (Vgl. Segal 1988). Von Glasersfeld drückt das folgendermaßen aus:

"Radikaler Konstruktivismus ist weniger schöpferisch als pragmatisch. Er leugnet keine ontologische "Realität" er spricht dem menschlichen Erfahrenden lediglich die Möglichkeit ab, ein wahres Abbild von ihr zu erlangen. Das menschliche Subjekt kann dieser Welt nur dort begegnen, wo eine Denk- und Handlungsweise das angestrebte Ziel verfehlt - aber bei allen solchen Fehlschlägen gibt es keine Möglichkeit zu entscheiden, ob der Mangel an Erfolg auf eine Unzulänglichkeit des gewählten Zuganges oder auf ein unabhängiges ontologisches Hindernis zurückzuführen ist. Was wir "Erkenntnis" nennen, ist also die Karte der Pfade von Handlungen und Gedanken, die sich zu diesem Zeitpunkt auf dem Kurs unserer Erfahrung als viabel erwiesen hat." (Von Glasersfeld in: Segal 1988 86-87)

 

Personzentrierte Perspektive

 

Gespräch

In der Gesprächspsychotherapie sind für Fehringer (Fehringer 1992) die grundlegendsten Elemente eines Gesprächs das Hören und das Sprechen sowie das Da-sein zweier Personen.

"In der Therapie ist Sprache die Vermöglichung des Werdens. Sprache bringt sich als "Da-sein" zur Auslegung /.../." (Fehringer 1992 368)

Die Grundannahme der Gesprächspsychotherapie ist, daß Persönlichkeitsentwicklung in einer zwischenmenschlichen Beziehung dann möglich wird, wenn die Gesprächspartner bestimmte Haltungen verwirklichen. Als die drei notwendigen und hinreichenden Bedingungen für hilfreiche und förderliche Gespräche gelten nach Carl Rogers folgende drei gleich wichtige und entscheidende Qualitäten, die zumindest einer von zwei Gesprächspartnern wirksam werden lassen sollte:

Der Gesprächspartner versucht, sich in die innere Erlebniswelt seines Gegenübers einzufühlen und diese zu spüren. Er bemüht sich "/.../ unter die Haut des anderen zu schlüpfen, /.../ [und] in seinen Schuhen ein paar Schritte in seiner Welt zu gehen." (Tausch&Tausch 1978 1933) Je mehr der Therapeut den Klienten einfühlend versteht, desto weniger direktiv wird er vorgehen und desto größer wird seine therapeutische Fähigkeit sein.

"Empathie bedeutet, die private Wahrnehmungswelt des anderen zu betreten und darin ganz und gar heimisch zu werden. Sie beinhaltet, in jedem Augenblick das Gespür zu haben für die sich ändernden gefühlten Bedeutungen in dieser anderen Person, für Furcht, Wut, Herzlichkeit, Verwirrung oder was auch immer sie erlebend empfindet." (Rogers 1980 79)

Respektvoll, herzlich und ohne Einschränkung dem anderen Gegenüberzutreten, wurde von Rogers als weitere entscheidende Variable definiert. Wertschätzung bedeutet vor allem ein "/.../ Akzeptieren des anderen Individuums als eine eigenständige Person, eine Hochachtung vor ihm, dem Wert aus eigenem Recht zukommt." (Rogers 1974 29)

Der Gesprächspartner muß sich selbst als mit sich übereinstimmende Person erleben. Sollte sich das Verhalten des einen Gesprächspartners von seinem inneren Erleben und Fühlen fortwährend unterscheiden, so würde solch eine Unechtheit und Fassadenhaftigkeit die positive Entwicklung des anderen Gesprächspartners massiv einschränken. Anstelle einer echten Du-Du-Beziehung käme bloß eine Begegnung einer professionellen Maske mit einer hilfesuchenden Person zustande. Diese Echtheit und Selbstkongruenz wird als die Fähigkeit der Kontaktaufnahme und des In-Kontakt-Seins mit sich selbst charakterisiert, wodurch es in hohem Maße gelingt, wesentliche Anteile seiner selbst, vor allem negativ besetzte, nicht abzuspalten oder zu ignorien. Echtheit bedeutet in diesem Sinne kommunikative Aufrichtigkeit und den Verzicht auf alle Fassadenhaftigkeit. Echtheit führt nach Rogers zu sich selbst, und von da gewinnt der eine Offenheit für den anderen, und beide befinden sich schließlich in einer qualitativ besseren Beziehung.

Diese sogenannten personzentrierten Grundhaltungen und die durch die Verwirklichung dieser Haltungen sich ereignenden Aktivitäten der Gesprächspartner sind nach Rogers die notwendigen und hinreichenden Bedingungen für Gespräche, die einen Prozeß der Verbesserung der Situation und des Wohlbefindens der Teilnehmer in Gang setzen. Die in solchen Gesprächen entstehende Beziehung zwischen den Gesprächspartnern wird nicht nur durch die Inhalte des Gespräch bestimmt, sondern auch durch nonverbale und meist nicht bewußt wahrgenommene Qualitäten.

Wenn also via CMC zwischenmenschliche Beziehungen, in denen Persönlichkeitsentwicklung und ein Gefühl des Wohlbefindens vorhanden sind, möglich sein sollen, so müssen vom Standpunkt des personzentrierten Ansatzes Empathie, gegenseitige Akzeptanz und Authentizität für die Gesprächteilnehmer spürbar sein. Die drei personenzentrierten Variablen sind Eigenschaften, die Personen haben sollen und schreiben der Art und Weise der Sprache an sich keine Bedeutung zu. Im ersten Entwicklungsstadium ging der personzentrierte Ansatz zwar von Gesprächen mit persönlicher Anwesenheit der Gesprächspartner aus, doch haben weitere Forschungen (Vgl. Tausch & Tausch 1978) auch andere Interaktionsformen, wie z. B. Brief oder Telephon, als ebenso wirkungsvoll erwiesen.

 

Dialog

Jedes psychotherapeutische Gespräch ist nach Sullivan (Sullivan 1976) als Dialog ein System von Prozessen der Veränderung. Die Stimme ist dabei neben allen nichtverbalen Aspekten des Austausches der primäre Träger der Kommunikation in einem psychotherapeutischen Gespräch, das in den meisten Fällen auf einer Zweierbeziehung fundiert, wobei je nach Situation und Gesprächsthema immer wieder andere, dem Patienten wichtige Personen in dieser Zweierbeziehung, die Therapeut und zu Therapierender eingegangen sind, ebenfalls präsent sind.

"Für mich stellt sich ein solches Gespräch als Situation der primär stimmlichen Kommunikation einer Zweiergruppe dar, die mehr oder weniger freiwillig entstanden ist und sich stufenweise auf der Basis Fachmann - Ratsuchender entfaltet, um charakteristische Verhaltensmuster im Leben des Analysanden, Patienten oder Ratsuchenden zu klären, welche dieser als besonders belastend oder wertvoll empfindet und von deren Klärung er sich einen Gewinn verspricht." (Sullivan 1976 2)

 

Emotionen

Es ist das Postulat einer psychotherapeutischen Behandlung, durch den Austausch von Worten und Sätzen einen wirksamen Heilungsprozeß zu initiieren. In der Gesprächspsychotherapie wird dieser Heilungsprozeß durch das auf Sprache beruhende Konzept der Verbalisierung emotionaler Erlebnisinhalte, das in der Therapeutenvariable des einfühlenden, nichtwertenden Verstehens zusammengefaßt wird, erreicht. Die Wichtigkeit und die Effektivität dieses Konzepts ist hinreichend empirisch untersucht und im Großen und Ganzen als positiv beurteilt worden (Vgl. Tausch & Tausch 1979).

Gerade der personzentrierte Ansatz mißt zwischenmenschlichen Beziehungen allerhöchste Bedeutung zu und sieht im sprachlichen Ausdruck von Gefühlen eine positive Wirkung auf das Individuum. Rogers legt in seinen Werken das Hauptaugenmerk auf die inhaltlichen Schwerpunkte der sprachlichen Äußerungen seiner Klienten und nicht auf Form und Funktion von Sprache an sich. Eine Facette der Bedeutung der Sprache im therapeutischen Prozeß greift Rogers allerdings explizit heraus, nämlich, daß der Klient entdeckt, daß er vieles nicht ausdrücken kann, "/.../ daß er die Sprache der Empfindungen und der Emotionen erlernen muß, wie wenn er ein Säugling wäre, der das Sprechen lernt; schlimmer noch, oft findet er, daß er eine falsche Sprache verlernen muß, ehe er die richtige erlernen kann." (Rogers 1983 202) Den Grund dieses Defizits sieht Rogers darin begründet, daß sich die meisten Menschen normalerweise nicht sonderlich darum bemühen, "/.../ Symbole und Bedeutungen in der Welt der Empfindungen miteinander zur Deckung zu bringen" (Rogers 1983 201), wohingegen kognitive Inhalte meist sprachlich sehr genau gefaßt werden können. In der ersten Phase der Therapie werden nach Rogers hauptsächlich Probleme und Symptome zur Sprache gebracht, aber im weiteren Verlauf wird mehr und mehr Verständnis für die Hintergründe der Handlungen geäußert, Gegenwärtiges mehr als Vergangenes bearbeitet, immer mehr positive Gefühle ausgesprochen und in zunehmendem Maße Zukunftsperspektiven, die von neuen Einsichten in die gegenwärtige Situation geprägt sind, in den Mittelpunkt gerückt.

 

Verbale Welt

Das Rollengefüge und die Beziehung zwischen Therapeut und Klient sowie das personzentrierte Arbeitsbündnis und das therapeutische Setting sind nach Scobel (Scobel 1983) die wichtigsten Bedingungen, die den Rahmen für die Bearbeitung seelischer Prozesse und die Behebung krankmachender Vorgänge im Klienten schaffen. Diese Faktoren bestimmen den therapeutischen Dialog und das Gesprächsangebot des Therapeuten und konstituieren die auf die Bearbeitung seelischer Inhalte zugeschnittene Realität der klientenzentrierten Psychotherapie. Gemeinsam schaffen dadurch der Therapeut und der Klient eine für den jeweiligen Klienten spezifische verbale Welt. Diese sprachliche Welt der Gesprächspartner ist für die beiden Menschen genauso real wie die Welt der sinnlich wahrnehmbaren Dinge, und in beiden Welten korrelieren Wahrheit und Wirklichkeit.

Die moderne Linguistik hat aufgezeigt, daß Denken und verbale Kommunikation ohne das Symbolsystem Sprache nicht möglich sind. Sprache bestimmt das Denken und umgekehrt, denn beide Phänomene sind untrennbar miteinander verbunden. Jede Sprache, jeder Dialekt, jede Überlieferung einer Sprachgemeinschaft enthält eine spezifische Auffassung, Ansicht und Struktur von Welt. Wortschatz und Struktur einer Sprache bestimmen das Symbolisationsvermögen, das Bewußtsein und die Wahrnehmungs- und Gedankenmuster, nach denen die Welt erkannt und gehandhabt wird. (Vgl. Whorf 1956) Dies trifft auch auf die Bedeutung von Sprache in der Gesprächspsychotherapie zu.

"Durch die gegenseitige Beeinflussung von Klient und Therapeut im psychotherapeutischen Dialog, im Miteinander-Sprechen, durch die Kraft des klientenzentrierten Sprechens (=Verbalisieren) und durch die darin zum Ausdruck kommende Theorie, Orientierung und Überzeugung des Psychotherapeuten wird die verbale Welt der klientenbezogenen Therapie über die Vorbereitung durch außersprachliche Faktoren hinaus unwiderruflich definiert und wirklich-gesetzt, wird die verbale Welt der Psychotherapie - das Gesprochene zwischen Klient und Therapeut - zur faktischen, zur tatsächlich vorhandenen Realität der Beteiligten: und zwar zu ihrer besonderen Welt, die erst einmal nur für die Psychotherapiestunde und die jeweils beteiligten Individuen gilt." (Scobel 1983 95-96)

Personzentrierte Psychotherapie konstruiert also ebenfalls eine spezifische Welt und Sichtweise der Realität durch die Schaffung neuer bzw. die Betonung bestimmter alltagssprachlicher Begriffe. Durch das Zusammentreffen zweier je eigener verbaler Welten von Therapeut und Klient und das erneute In-Beziehung-Setzen dieser beider Welten zueinander werden in der Gesprächspsychotherapie Prozesse der Veränderung in Gang gebracht, die eine den jeweiligen Zustand verbessernde und in diesem Sinne heilende Wirkung auf den Klienten haben.

Das Sprechen des Therapeuten unterscheidet sich vom alltagssprachlichen System durch die besonders trainierte Fähigkeit, so intensiv wie möglich zuzuhören, um selbst das bloß Angedeutete und Gedachte wahrzunehmen. Nach Rogers ist alltagssprachliche menschliche Kommunikation durch Bewertungen, Beurteilungen und Mißbilligungen geprägt, was einem tiefgreifendem und grundlegendem Verständnis der beiden miteinander Sprechenden im Weg stünde. Der klientenzentrierte Therapeut versucht, jede Bewertung oder Mißbilligung zu vermeiden und seinem Klienten statt dessen eine echte, warmherzige und offene Wertschätzung entgegenzubringen, ihn rundherum positiv zu sehen und zu bewerten und mit dem Klienten gemeinsam vor allem durch das Verbalisieren emotionaler Erlebnisinhalte des Klienten ein intentionales und zielgerichtetes System gesprochener Sprache zu schaffen. Im therapeutischen Prozeß wird damit die verbale Wirklichkeit des Klienten beeinflußt und auch korrigiert, die psychischen Störungen des Betroffenen werden zutage befördert und der Prozeß eines angemessenen und konfliktlösenden Bedeutungswandels angestrebt. Sprache wird somit zum eigentlichen Instrument des Prozesses der Selbstexploration des Klienten.

 

Zwischenresümee mit empirischen Belegen

 

Es konnte festgestellt werden, daß ein Großteil der Kommunikation im Internet auch weiterhin lokal erfolgt, also z. B. um Umkreis von einigen hundert Kilometern oder eines Landes, und die sogenannte Grenzenlosigkeit nur in Randpunkten existiert. Das Internet ist zur Zeit jedenfalls sicherlich kein Universum, wo jeder erreichbar ist. Mehr als 95% der Weltbevölkerung haben keinen Internetzugang, in vielen Ländern Afrikas z. B. gibt es gar kein Internet. Doch der typische Internet-User hat auch so ähnlich wie Marc, 22-jähriger EDV-Fachmann in den Niederlanden, folgenden Eindruck:

"One global community. I notice this in my own surroundings: a friend of me has a girlfriend in L. A. Someone from my class is living together with a British girl he met online. Yet another one is engaged with a Texan. It‘s happening all around me... Internet IS universal. It‘s the common link that can overcome a lot of differences. In my experience, there aren‘t much differences, in reality. Internet unites. Borders disappear with internet. You can talk just as easily with someone on the other side of the globe as with your neighbour. It definitely changed my view of the world. Prejudice disappears."

Stefan, Student in Wien, beschreibt die Konsequenz der technischen Grundlagen der CMC für den Gebrauch von Sprache folgendermaßen:

"Wichtig ist das bewußte erkennen, daß Freundlichkeiten nicht so leicht verstanden werden. Ich habe mal sehr freundlich - aber lustig um eine noch ausständige Zahlung angefragt - puh - die haben das in die falsche Kehle bekommen und waren sehr entsetzt - ich mußte das dann per mail aufklären - am Telefon wäre das nie passiert."

Michael, wissenschaftlicher Mitarbeiter an einem Mathematik-Institut einer deutschen Universität, bringt es auf den Punkt:

"Sprache ist das einzige Medium. Im Internet wird klar, wie sehr Kommunikation von Begleiterscheinungen (Gesten, körperliche Anzeichen, etc. ) abhängt."

Ein Modell der gegenwärtigen Linguistik sieht Sprache als alleinig dann existent, wenn sie in einer konkreten Situation gesprochen wird. Sprache wird damit nicht mehr, wie in der traditionellen Linguistik, als ein präexistentes und fixes, sondern als ein sich erst im Gebrauch produzierendes System gesehen. Gemäß dieser linguistischen Interpretation von Sprache kann die in der CMC sich ergebende Sprache als neue und eigene Form von Sprache gesehen werden. Sprache in der CMC ist eine neue Form der Verwendung von Sprache, die mit Walter Ong zwar präliterarische Charakteristika hat, aber dennoch schriftlich übertragen wird. Sie kann damit als neue und zweite Form der Oralität klassifiziert werden. Sprachliche Interaktionen über CMC beruhen auf der Umsetzung von ursprünglich mit der Hand geschriebener Sprache in die elektronische Form des ASCII-Zeichensatzes, und diese elektronische Form des geschriebenen Wortes ist per se schon anonymer als die handgeschriebene Schrift. Analiese, Studentin aus den U.S.A. und nach einem Semester in Wien nun an einer schottischen Universität, beschreibt an einem konkreten Beispiel diese immer wieder erfahrbare geringe Bandbreite der übertragbaren Information in der Kommunikation via E-Mail. Im Vergleich zum Telephon weist sprachliche Interaktion über CMC eindeutige Defizite auf.

"Noch ein Beispiel: wenn ich kürzlich mit meinem Verlobten verlobt hatte, mußte ich meiner Mutter erzählen. Aber sie ist 5000 Miles weit weg von mir, und ich wußte, es wäre ihr schwer zu verstehen und akzeptieren, da ich so weit von ihr bin. Ich wollte, daß sie den Plan gut fände, und ich wollte ihr lieber nicht durch Internet sagen. Meiner Meinung nach sollen solche fröhlichen Sachen persönlich gesagt werden. Ich mußte ihr mit Telefon erzählen, denn ich habe mich entschieden, ein Brief wäre zu "kalt." Mit Stimmen kann man dem anderen einfacher versprechen, daß alles gut gehen wird."

Die Verwendung von Sprache erfolgt in der CMC informeller als in alltäglicher Kommunikation, sie ähnelt mehr der gesprochenen Sprache. Der Stil kann als E-Stil bezeichnet werden, da er eine eigene Form darstellt. Es ist in der Verwendung von Sprache in der CMC ein wesentlich spielerischer Umgang mit Sprache deutlicher als sonst wo beobachtbar. Darüber hinaus wird durch die Erschaffung einer Para-Sprache versucht, mittels sprachlicher und zeichenhafter Ausdrücke Aspekte der Kommunikation, die bisher vorwiegend nonverbal übertragen wurden, zum Ausdruck zu bringen. Sprache kann besonders in ihrer Verwendung im Internet Räume und Umwelten erschaffen, wie es besonders in MUDs und MOOs festzustellen ist. Analiese erwähnt auch, daß als Hilfsmittel zum Ausdrücken von Gefühlen oft auch Graphic Accents eingesetzt werden.

"Ja, wenn man so etwas wie :-) tippt, bedeutet das ein "Grinsen" oder das Gesicht des Teufels scheint so: };- Manchmal tippt man was mit Asterisken "*" z. B. lächeln und das heißt, daß einer gelächelt hat. Fast jeder Benutzer erkennt diese Symbole."

Die Kommunikation via CMC wird als neue Form der Kommunikation gesehen, die sich von den bisher bekannten Kommunikationsformen des Monologs und Dialogs dadurch unterscheidet, daß es via CMC möglich ist, mit mehreren Menschen zugleich in einer dialogischen Kommunikationsstruktur zu stehen. Kommmunikation via CMC kann damit als multilogische Kommunikation bezeichnet werden.

In der systemischen Perspektive wird Sprache als nicht präexistent gesehen. Interaktion wird als die Koordination von Verhalten zwischen autopoietischen und operational geschlossenen Systemen, d. h. Lebewesen gesehen. Jedes Lebewesen kann mit jedem anderen Lebewesen mittels Interaktion die Koordination der jeweiligen Verhaltensweisen erzeugen. Interaktion, die sich auf Interaktion, die der Verhaltenskoordination dient, bezieht, wird im systemischen Ansatz als Sprache im weitesten Sinne gesehen. Die Interaktion zur Koordination von Interaktionen wird als Linguieren bezeichnet und ist Sprache, die damit als Koordination koordinierter Handlungen definiert werden kann. Emotionen werden in diesem systemischen Modell als die Wechselwirkungen von körperlichen Zuständen und Linguieren beschrieben. Der Mensch ist damit ein linguierendes Lebewesen, das autonom, sprachlich bedingt und grundlegend kommunikativ ist, und damit ein auf andere angewiesenes Lebewesen ist. Im systemischen Modell entstehen die Welt und die Gegenstände der Welt in der sprachlichen Koordination der Verhaltenskoordination, womit Existenz- und Objektbestimmungen nur sprachlich möglich und nur sprachlich gegeben sind. Schlußfolgernd lebt das Individuum in derjenigen Welt, die sein Organismus erzeugt hat. Realität ist immer die Realität eines Wahrnehmenden Lebewesens. Es ist in der systemischen Sichtweise daher angebrachter, auch nicht von einem einzigen Universum zu sprechen, sondern von parallel existenten Multiversa.

Werner, 30-jähriger EDV-Fachmann aus Österreich, liefert ein konkretes Beispiel für die Veränderung der Bedeutung von Existenz. Durch das Internet hat sich die Bedeutung der geographischen Lokalisation der Dinge der Welt entscheidend verändert, indem sie für ihn unwichtig wurde.

"Ich habe einen Postkasten mehr, den ich täglich beantworte. Und ich habe Zugriff auf schier unendlich viel Information. Natürlich hat sich die Welt verändert. Sie ist wieder ein bißchen kleiner geworden. Wie nach dem Flugzeug und dem Auto ebenfalls."

Einheiten existieren in der systemischen Sichtweise zunächst nur im kognitiven Bereich dessen, der sie hervorbringt und sind subjektgebunden. Da alles, was der Mensch beschreibt, erst in der Kommunikation überindividuelle Relevanz und damit Bedeutung gewinnt, besteht die Welt von Beobachtern aus konsensuell akzeptierten Einheiten, und die Basis der Kommunikation liegt somit in der unüberwindlichen Differenz zwischen den individuell hervorgebrachten Einheiten und der pragmatischen Notwendigkeit des Konsenses. Individuelle wie auch konsensuelle Einheiten sind aber für alle Belange des menschlichen Lebens insofern real, als es eine andere Realität für Menschen nicht geben kann. Uwe, Bürokaufmann in Deutschland, hat diese Interpretation der Funktion von Sprache besonders durch CMC erfahren:

"Meine Einstellung zur "Realität" als eine nicht objektive, nicht feste und nicht allgemein gleich interpretierte Entität hat sich gefestigt. Durch die völlig neue Erfahrung von "eins sein im Geiste" mit einem Partner, der weder greifbar noch überhaupt verifizierbar ist, habe ich die Bestätigung gefunden, daß Realität nur an der aktuellen Situation desjenigen festgemacht werden kann, der sie empfindet."

Johannes, achtundzwanzigjähriger Student in Deutschland, hat, wie er berichtet, gerade durch die existenz- und damit weltschaffende Funktion der Sprache negative Erfahrungen mit CMC gemacht:

"Also zu meiner Geschichte im Netz: /.../ Online war ich über die FH Furtwangen seit 93 am Netz, auch im IRC... Seit Mitte 96 habe ich dieses Hobby ziemlich heruntergeschraubt. Ich bin nun eher ein "REAL-Mensch" geworden, gehe abends fast immer weg, tanzen, Sport, Chor und andere Hobbys, lerne Menschen jetzt lieber von Angesicht zu Angesicht kennen... Ich wäre noch länger ohne Freundin gewesen, wenn ich diesen Humbug nicht letztes Jahr mal in die Ecke geschmissen hätte und mehr unter die Leute gegangen wäre! Das besserte sich also erst, nachdem ich anfing, einen Tanzkurs zu machen, wieder anfing, im Chor zu singen und halt sonst auch die Prioritäten vollkommen ins REAL verlagert habe."

Das Internet kann unter systemischen Blickwinkel als ein weiteres Multiversum gesehen werden, wie David meint:

"Internet: Eine hyperreale Struktur, nicht räumlich, die der "normalen" Welt aufgepfropft wird, und in der wir uns in Zukunft mehr bewegen werden."

Die Konzeptionen von "Existenz" und "Welt" verändern sich durch den Gebrauch der CMC. Die Welt als Universum wird zu einem Multiversum nebeneinander existierender und miteinander verwobener Welten relativiert.

Sprachliche Interaktion findet für den systemischen Ansatz dann statt, wenn Individuen zusammentreffen und Bereiche der Konsensualität schaffen. Linguieren ist in der sprachlichen Interaktion über CMC genauso möglich, wie in den bisher gebräuchlichen Formen der Verhaltenskoordination durch Sprache. CMC eröffnet damit neue Möglichkeiten von Konsensualität und menschlichen Konversierens. Analiese reflektiert ihre Erfahrungen in einer Newsgroup und illustriert damit, daß die Konzeption des Menschen als linguierendem Wesen auch in der CMC seine Bestätigung finden kann.

"Ich lese eine Newsgruppe, und habe sie seit ungefähr 13 Monaten gelesen. Bestimmt in dieser Gruppe bin ich fast eine Königin geworden. Die anderen Leser halten alle meiner Wörter für wichtig. Ich bin das einzige Mädchen (so weit ich weiß), und die Anderen stützen mich, wenn ein neuer Leser mir etwas unfein sagt. Die Gruppe heißt übrigens alt.nuke.the.USA. In so einer Gruppe gibt es natürlich zwei Gesellschaften. :) Die Amis gegen die Europäer. Übrigens bin ich der Internetliebling der Europäer. Die Amis mögen mich nicht, weil sie meinen, ich habe sie verraten. Stimmt! Ich habe keine Loyalität für die U. S."

Wörter sind in systemischer Konzeption sprachliche Unterscheidungen, die durch Konsensualität einer Gruppe von Menschen, die miteinander spricht, entstehen können. Der gemeinsame Aufbau konsensueller Bereiche kann dazu führen, daß andere Menschen nicht mehr an der Interaktion teilnehmen können, da sie diese Entwicklung nicht mitvollzogen haben. Johannes betrieb eine Zeit lang eine eigene Mailbox und beschreibt diesen Aspekt:

"In meiner lokalen Mailbox dagegen verhielt es sich gerade umgekehrt, wir trafen uns damals auch sehr oft so zum Reden und das Gelaber in der Box war oft nur noch ein witziger Austausch von Insiderjokes und lustigem Geflame;)) Ein Aussenstehender raffte da oft ueberhaupt nix ;)"

Analiese berichtet von einer Begebenheit:

""Symbole und Kommunikationsmethoden als eine "Sprache des Internets" sind mir gleich wichtig, im Leben sowie im Internet. Aber ich muß zugeben, das Internet ist mir mehr ein Spiel als ein LEBEN. Zum Beispiel gab‘ s einen Freund von mir, den ich fast nie sah, weil wir in verschiedene Länder wohnen. Eines Tages wurde er böse auf mich, und ich weiß HEUTZUTAGE nicht warum. Er will mir nicht antworten. Meine Briefe bleiben unbeantwortet. Und irgendwie bin ich nicht traurig darum. Es ist mir eigentlich, als ob mein Lieblingscharakter eines Videospiel "gestorben" ist. Vielleicht wenn wir gewohnt daran wären, einander jeden Tag zu sehen usf. , wäre ich trauriger. Aber ich fühle mich eigentlich nicht ungeheuer schlecht, und ich soll wahrscheinlich mehr Leid haben...aber...ich habe es nicht."

Die Bedeutung dieser neuen Möglichkeit der systemischen Verhaltenskoordination wird intuitiv anders eingeschätzt und bewertet als in den bisher gebräuchlichen Bereichen, wie das Beispiel von Analiese veranschaulicht, die die Beendigung des Kontaktes zu einem anderen Menschen, der immer nur durch E-Mail aufrecht gehalten wurde, mit dem Verlust einer Spielfigur in einem Videospiel vergleicht. Interaktion über den Computer und via CMC hat nicht dieselbe Relevanz wie das restliche Leben. Als eine Ursache kann wohl die zur Zeit durch die technische Beschränkungen notwendige Reduktion der Sprache auf das geschriebene Wort, d. h. auf den Text, gesehen werden. Es werden zwar neue Bereiche des sprachlichen Miteinanders geschaffen, doch durch die Reduktion menschlicher Sprache auf das getippte Wort verlieren Linguieren, Emotionieren und Konversieren, obwohl sie in der CMC erfahrbar sind, dennoch an Effizienz und damit für das Individuum subjektiv an Tiefe. Die Beispiele von Marc und von Andreas, 23-jähriger Student in Deutschland, zeigen, daß systemisches Konversieren, d. h. die Lust am Miteinander, bei dem gemeinsame Handlungen wichtiger sind als die Inhalte, und der Aufbau gemeinsamer konsensueller Bereiche auch in der Verwendung von Sprache in der CMC im Vordergrund stehen können.

"Yes. There really is a united group of people which just happen to "live" in the same newsgroup. There is a lot of "friendly fire" on a flamegroup, but meanwhile there are no harsh feelings. It‘s all part of the game. There are clearly some lines that no one will ever cross, simply because it‘s a GAME. Roasting each other online doesn‘t mean you can‘t have a great time in the pub afterwards."

"Newsgroups sind wie Clubs oder Vereine. Viele Leute treffen sich dort, weil sie sich unter Ihresgleichen wohl fühlen. Besonders auffallend ist dies in alt.fan.monty-python, wo es Mitglieder in bestimmten erfundenen Gruppen gibt!"

In der personzentrierten Perspektive sind förderliche, d. h. den Menschen guttuende und zur Weiterentwicklung beitragende zwischenmenschliche Beziehungen von Empathie, d. i. gegenseitige emotionale Einfühlung, Akzeptanz, d. i. gegenseitiger Respekt und Authentizität, d. i. Echtheit, gekennzeichnet. Besonders der Kontakt per E-Mail besitzt, so meint Stefan, eine große Ähnlichkeit mit der traditionellen Briefkorrespondenz, in der die Verwirklichung der drei genannten Elemente durchaus möglich ist:

"Alle 3 Varianten sind Vorhanden und 100 Prozent vorstellbar auch echt. Wenn ich nur über das Wetter oder Informationen maile dann ist es Fassade oder Standardhöflichkeit. Wenn ich über intensive Themen mit ausgewählten Personen maile - die ich sonst nicht erreichen kann oder nur schwer erreiche - dann ist mail ein gutes Medium. Einem Brief spricht man ja aufrichtiges Interesse auch nicht ab. Wer Zeit und Gedanken zu meinem Briefe investiert und Sinn in seine Zeilen bringt, dem nehme ich Emotionen und Gefühl, Wertschätzung, etc. aber sicher ab."

Hermann sieht die Qualität der sprachlichen Interaktion absolut abhängig von den Personen, die miteinander interagieren und hält auch unter Einbeziehung des Internets die Art des Mediums für nebensächlich.

"Das ist alles überhaupt nicht wesentlich anders, als in anderen Kommunikationsmedien und ich erlebe das völlig unspektakulär. Ob jemand fassadenhaft ist, Achtung, Respekt und Akzeptanz zeigt und verstehen und sich einfühlen kann, hängt zu 100% von der Person ab und zu 0% vom Medium. Wenn jemand ein Schwein ist, oder auf schön tut, oder sehr nett ist, dann ist er es persönlich, am Telefon, im Brief und auch im Internet."

Es läßt sich kein eindeutiger Grund für das Fehlen einer der drei personzentrierten Gesprächselemente und damit des Nichtvorhandenseins personzentrierter fördernder und positiver zwischenmenschlicher Beziehungen durch sprachliche Interaktion in der CMC finden. Ein User, der anonym bleiben möchte, hat dementsprechende Erfahrungen gemacht:

"Echtheit kann auch im persönlichen Gegenüber nicht in jedem Fall hergestellt werden - bzw. ist ein Produkt der Wiederholung. Es gibt sie für mich online weder mehr noch weniger als im Augenkontakt oder am Telefon. Achtung, Respekt und Wertschätzung sind dann gegeben, wenn jemand trotz der Versuchung zum Hit-And-Run oder nachlässigen Blabla sich Zeit und Mühe gibt, eine E-Mail wirklich überlegt und korrekt abzufassen. Ich empfinde diese Gefühle dz. Gegenüber einer nicht kleinen Zahl von Leuten, die ich nie anders erlebt habe als online. "

Personzentrierte Authentizität, d. h. Echtheit der Personen, sei, so der Grundtenor der User, ebenso wie bei Kommunikationsformen, die nicht online erfolgen, nach einiger Zeit in etwa grob abschätzbar. Fassadenhaftigkeit als Gegenteil von Echtheit kann bei einem alltäglichen Gespräch genauso vorhanden sein wie in Kontakten in der CMC und sei in der CMC nicht schwieriger als anderswo zu erkennen. Ebenso wie im Alltag eine fast perfekte Täuschung möglich ist, sei dies auch in der CMC praktizierbar.

Interessanterweise wird in der Interaktion mittels IRC Echtheit seltener erlebt als via E-Mail, wie Johannes meint:

"Zwischen Kommunikationspartnern im IRC und den Menschen in Wirklichkeit klaffen oft sehr große Lücken. Das durfte ich sehr oft schon feststellen."

Sprachliche Interaktion via IRC wird von der Atmosphäre her mit einem Kaffeehaus oder einer Bar verglichen, wo es primär nicht um Inhalte geht, sondern die Interaktion an sich im Vordergrund steht. Es wird möglicherweise aufgrund der Synchronizität bei IRC mehr Echtheit erwartet, als die Gesprächsteilnehmer de facto zeigen. E-Mail ist wie der traditionelle Brief ein asynchrones Medium, das sich dadurch weniger neu für den Benutzer darstellt und keine unerfüllten Hoffnungen bzw. Erwartungen mehr weckt. Es ist auch strukturgebendes Element gewisser Internet-Foren, ganz bewußt auf Echtheit zu verzichten und dies auch nicht als Defizit zu erleben, meint Marc:

"On newsgroups, it‘s ‚part of the game‘ that there is no face-to-face contact. I am a regular to one of usenets flamegroups, and part of the spirit is that you are basically talking to the image you have of someone."

Personzentrierte Wertschätzung im Sinne von Achtung, Respekt und Akzeptanz gegenüber anderen sind dafür leicht und relativ schnell zu erfahren. Es wird auch als Vorteil gesehen, daß z. B. Aussehen und Sprachbegabung nicht wichtig für das Finden von Respekt oder Akzeptanz ist, sondern daß Wissen, Ausdrucksweise und Persönlichkeit entscheidender sind. Personzentrierte Empathie als einfühlendes Verstehen des anderen ist ebenfalls leicht erfahrbar. So meint Uwe:

"Es ist erstaunlich, wie schnell eine Person, die sich nur durch ihre Sprache im Internet darstellt, ein aufrichtiges Mitgefühl bei den anderen Kommunikationspartnern erreichen kann. Ich habe fast den Eindruck, daß dies schneller und intensiver geht, als in manchen Situationen im "täglichen Leben". Konkrete Erlebnisse habe ich, ich werde sie aber nicht ausplaudern, weil ich dabei a) das in mich gesetzte Vertrauen verletzen würde und ich b) diese Erlebnisse genauso wertschätze, wie andere persönliche Erlebnisse, die ich auch nicht einfach öffentlich weitertrage."

Doch wird gerade auch im Zusammenhang mit dem Gefühl des Sich-Verstanden-Wissens für viele User deutlich, wie eingeschränkt Kontakte in der CMC durch die Reduktion auf mittels Tastatur getippte Worte sind, wie Johannes deutlich macht:

"Ich kann mich nur richtig einfühlen, wenn ich den anderen vor mir habe, besonders natürlich bei den Frauen ;-). Über Netz ist das quasi unmöglich, weil die meisten Sinne nix zu tun haben.. Beim Telefonieren hat man wenigstens noch die Stimme, beim Briefeschreiben die Handschrift und beim persönlichen Gespräch brauch´ ich Dir ja kaum zu sagen, was so auf Dich einwirken kann ;)"

Gespräche werden in ihrer personzentrierten Idealform als Dialoge geführt und sind ein System von Prozessen der Veränderung. Emotionen werden meist verdeckt, nicht klar wahrgenommen oder verleugnet. Durch personzentrierte Gespräche in Dialogform ist es möglich, Gefühle präsent werden zu lassen. In Dialogen werden verbale Welten geschaffen, die jedem Dialog eine eigene Welt geben, die sich nur den Teilnehmern eröffnet. Stefan hat eine gewisse Änderung seiner verbalen Welt durch die Verwendung der CMC erlebt.

"Es schleichen sich neue Worte ein (anklicken, Multimedia, attachen, Mail, etc.)- sonst spreche ich aber schon zu lange, um an meiner Sprache was zu ändern - aber ich passe meine Schreibstil ans Netz an."

Johannes erging es ebenso. Ihn hat der Gebrauch der CMC dazu gebracht, eine neue verbale Welt im Chat zu schaffen und diese verbale Welt in die vorhandene verbale Welt außerhalb der CMC zu integrieren.

"Ich habe mir durch das chatten einen lockeren Umgangston angewöhnt, der meine Art eigentlich so rüberbringen soll, wie sie ist. /.../ Wenn ich mich mies fühle, zeige ich das genauso, wie wenn ich mich wohl fühle oder eine Wut auf jemanden hab. /.../ Smilies benutze ich dazu ziemlich oft... In unserer Gegend entstand im Umkreis meiner Box und im Zusammenhang mit dem Dialekt eine Art Chat-Slang, einfach eine Art, sich witzig auszudrücken."

Marc hat diesen Aspekt von Sprache und das in ihr vorhandene Ausdruckspotential - vor allem der schon vorhandenen alltagssprachlichen Begriffe - auch über CMC in positiver Weise erlebt.

"Internet definitely broadened my views, and has become just another utensil to me, just like mail and telephone. Having a talk request is just as ‚normal‘ for me as having a conversation on the phone. The only thing is that you don‘t actually hear the other person‘s voice. But you can‘t have any idea how much more powerfull bits can be when arranged in a certain order. Unbelievable, how good a couple of typed words from someone you love can make you feel."

CMC wird trotz des Fehlens stimmlicher Komponenten von den Usern ganz klar als Dialog gesehen, der sogar in der Qualität über dem alltäglichen Dialog liegen kann, wie Andreas meint:

"Im Internet sind Dialoge sehr gut möglich! Ich kommuniziere mit Freunden, die nicht in der Nahe wohnen hauptsächlich via E-Mail. Das ist dann oft eine wochenlange hin- und her "Reply"-erei. Man kann per E-Mail den Partner ausreden lassen und trotzdem jeden seiner Aussagen kommentieren!!! Das ist das Entscheidende für mich. Außerdem wird man nicht durch Umwelteinflüsse abgelenkt, weil man die Mails halt liest, wenn man Zeit hat."

Der Dialog via E-Mail an eine eindeutig definierte Person unterscheidet sich von einem Briefwechsel vor allem durch die Verbesserung der Zustellungsgeschwindigkeit und damit der Aktualität. Neuartig ist, daß die Kommunikation auf mehr als zwei Teilnehmer ausgedehnt werden kann. Bei E-Mail, die als Posting in NetNews-Gruppen geschrieben wird, vollzieht sich dieser Dialog vor einem Publikum, ähnlich wie bei einer Talk-Show im Fernsehen, bei der die Teilnehmer unsichtbar sind. Andrerseits erfährt die Zeitkomponente durch die Möglichkeit des "Reply"-Befehls der meisten E-Mail-Programme eine Verschiebung, gibt Birgit, wissenschaftliche Mitarbeiterin an einer österreichischen Universität, zu bedenken. Es ist möglich, anders als bei einem realen Gespräch, Zeit zwischen einzelnen Statements vergehen lassen zu können:

"Es ist ein Dialog, der meist zeitlich weiter auseinander liegt, als z. B. ein Telefonat. Dafür können andere Infos auch "besprochen" werden (Attachments). Um Kommunikation im Internet als Dialog zu fördern, kann dialogorientierte Sprache (Fragen, persönlicher Bezug, …) eingesetzt werden. Ich kommuniziere regelmäßig mit den Mitgliedern meiner Lehrgangsgruppe über e-Mail (oft mehrmals täglich, wenn wir an einer konkreten Arbeit beschäftigt sind) und ich sehe das durchaus als Dialog."

Der Chat mittels IRC nimmt, wie Uwe bemerkt, in diesem Zusammenhang eine Sonderstellung ein, da er einen synchronen, geschriebenen Dialog ermöglicht.

"Nehme einen Chat. Dies ist die zur Zeit intensivste Kommunikation auf virtueller Basis, die ich kenne. Wenn Du noch in keinem Chat warst, solltest Du das schnell nachholen. Nimm Dir Zeit, die ersten Kontakte sind sehr oberflächlich, manchmal auch vulgär und unangenehm."

Einerseits werden die Gesprächspartner in IRC-Interaktionen besonders selten als echt erlebt, doch andrerseits wird der Synchronizität des Dialoges ein hoher Stellenwert gegeben. Neben anderen bestätigt auch Marc die Ansicht, daß es E-Mail leichter macht, emotionale Aspekte zu thematisieren und schildert ein besonderes Erlebnis, bei dem er selbst darüber erstaunt war, wie intensiv es möglich ist, in der CMC Gefühle zu vermitteln.

"It is certainly possible. /.../ People are sort of "faceless" on the internet at first, because you lack the impulses that normally form the first impression you‘ve got of someone: appearance and voice. It takes a little more time and effort to "know what you‘re dealing with", so to say. So at first it‘s a bit slow, but once you‘ve established a trustworthy contact with someone, you can ‚tell‘ pretty much whatever you can tell them in real life as well. Of course this works better with a direct connection (talk, chat, whatever). You can add some feeling to statements by using "smileys". /.../ But apparently written text can contain enough "Gefuehle" to make this happen."

Gefühle kommen in der CMC in etwa so sehr zum Ausdruck wie beim Briefe Schreiben oder beim Telephonieren, wenn es auch viel spontaner sein kann und Graphic Accents und Betonungen durch Änderung des Schriftbildes möglich sind.

"Die Übermittlung von Gefühlen in sprachlicher Form ist zunächst (meiner Meinung nach) nicht möglich. Zumindest nicht in verifizierbarer Form. Erst über einen längeren Zeitraum der Kommunikation lassen sich Gefühle zwischen den Gesprächspartnern aufbauen und vermitteln. Diese sind zwar trotzdem meist nicht verifizierbar, aber eine Lüge hätte immerhin einen so gewichtigen Grund, daß dieser dem Gefühlsinhalt gleichgewichtig wäre."

Nach Uwes Ansicht wird Sprache in E-Mail und NetNews in genau der Art und Weise zum Ausdrücken von Gefühlen verwendet, wie es sich nach Rogers im therapeutischen Prozeß vollzieht: Die verwendete Sprache ist am Anfang einer Konversation nicht geeignet, Emotionen zu verbalisieren und entwickelt sich erst im Laufe der Zeit zu mehr Tiefe, die es erlaubt, emotionale Erlebnisse zur Sprache zu bringen. Außerdem wird besonders im Bereich des Gefühlsausdrucks nochmals die schon angesprochene Problematik der Erfahrung von Echtheit deutlich. WWW-Seiten unterliegen demgegenüber den gleichen Bedingungen wie eine Mischung aus Printmedien und interaktiven Medien, bei der die Information meist im Vordergrund steht und Gefühle eventuell mittels Bildern transportiert werden.

 

Philosophisch-anthropologische Fokussierung

 

In der Welt sein

 

In der CMC tritt der Mensch in einem überwiegend optisch-akustischen Verhältnis in Verbindung zu einer Welt, die den Filter der Digitalisierung passiert hat. Es entsteht der Anschein, daß die Welt auf den Wahrnehmungs-, Bewußtseins-, und Manipulationspunkt des aktiven Betrachters zurückgeführt werden könnte. Die Wirklichkeit – auf die Dimension digitaler Einheiten reduziert – rückt in das Bewußtsein und in das Medium ein, das sie wieder neu zusammensetzt. Es überwiegt unter Usern allem Anschein nach eine Art von Vulgär-Idealismus: Das gerade Gedachte und Konstruierte ist die Wirklichkeit. Das real Visuelle, das Fühlen, Riechen, Schmecken und Hören werden vernachlässigt. Dadurch werden aber alle widerständigen, doppeldeutigen, verwirrenden, euphorisierenden und deprimierenden Bestandteile der Sinneswahrnehmung eliminiert. Man könnte von einer Reduktion im Sinne einer Verdichtung der Wahrnehmung sprechen.

Demgegenüber zeigt aber die systemische Perspektive, daß die Welt und die Objekte der Welt immer erst durch die Unterscheidungen der Sprache als Verhaltenskoordination entstehen. Existenz- und Objektbestimmungen sind immer nur sprachlich möglich und sprachlich gegeben. Jedes Individuum lebt demnach in derjenigen Welt, die sein Organismus durch die sprachliche Interaktion mit anderen Inidividuen erzeugt hat. Die Realität ist immer abhängig von der Wahrnehmung und ist damit immer die Realität eines wahrnehmenden Lebewesens. Deswegen wird in der systemischen Sichtweise auch von parallel existierenden Multiversa anstelle eines unabhängig von den Individuen existenten Universums gesprochen. Eben weil Welt immer auf den Wahrnehmungs-, Bewußtseins-, und Manipulationspunkt des aktiven Betrachters zurückgeführt werden kann, ist dies in der CMC nicht anders als sonst wo, es tritt vielleicht nur erstmals in der Entwicklung der Menschheit in solch klarer Weise zutage, die durch ebendiese Verdichtung der Sinnlichkeit auf das Optisch-Akustische so anstößig wirkt. Da in der systemischen Sichtweise die Wirklichkeit mehr ist als ein einfaches und einzigartiges Universum und aus vielen verschiedenen, im Grunde genommen für jedes Individuum unterschiedlichen, Multiversa besteht, führt sich jede Rückführung auf eine "eigentliche" Realität ad absurdum. Das, was bislang als die "eigentliche" Realität bezeichnet wurde, erweist sich somit als eines der vielen Multiversa, das aber bislang besonders vertraut war und angesichts der Erschaffung neuer Multiversa in einer ersten instinktiven Reaktion in Verlust zu geraten droht. Doch wird im Grunde genommen nur die Vielfältigkeit der Realität, die den Menschen umgibt, durch eines bzw. mehrere neue Multiversa erweitert.

Es besteht die weitverbreitete Meinung, daß Technologie in irgendeiner Form autonom von der sozialen und der Wertewelt sei, und daß sie nicht in sich selbst gut oder schlecht sei. In dieser Ansicht impliziert ist, daß Wissenschaft und Technologie Prozesse autonom beginnen, eine Ansicht die durch den Begriff des Fortschritts charakterisiert werden kann. Innerhalb der Anthropologie entwickelt sich jedoch eine gegensätzliche Meinung (Vgl. Escobar 1994). Jede Technologie wird als eine Erfindung bzw. eine Entwicklung innerhalb einer Kultur gesehen in dem Sinne, daß sie eine Welt mit sich bringt, die sich aus den spezifischen kulturellen Bedingungen entwickelt und neue Bedingungen schafft.

 

 

Miteinander sprechen

 

Überlegungen über die Sprache, ihre Entstehung, Entwicklung und Bedeutung finden sich schon bei indischen Philosophen und grundlegende Überlegungen der antiken griehischen Philosophie wirken immer noch im abendländlischen Denken fort. Die naturalistische Sprachphilosophie betrachtet Sprache als eine natürlich gewordene Fähigkeit des Menschen, während die idealistische Sprachphilosophie Sprache als eine Schöpfung des Geistes sieht.

Sprache kann als das umfassendste und differenziertes Ausdrucksmittel des Menschen und zugleich die höchste Erscheinungsform des Geistes gesehen werden. Mit jedem Wort, das der Mensch spricht, meint er etwas. Das Wort steht zwischen dem Bewußtsein und dem gemeinten Gegenstand, und es nimmt an der Seinsart beider teil. Es trennt sie voneinander, indem es ermöglicht, die durch das Wort erzeugte Vorstellung vom Gegenstand zu unterscheiden. Ohne das Wort könnte eine Vorstellung weder im Sprecher noch im Zuhörer auftauchen. Das Wort verbindet aber auch Gegenstand und Bewußtsein, indem ohne das Wort die Vorstellung nicht zum Zeichen für das werden kann, was gemeint ist. In dieser Funktion des Trennens und des Verbindens liegt der Ursprung für die Wirkung der Sprache auf das Denken. Mittels der Sprache können die gesamte Erlebniswirklichkeit und das Denken sich zum eigenen Erkenntnisgegenstand gemacht werden, können sich objektivieren und an andere weitergegeben und damit tradierbar werden. Weil aber das Denken nur in der Form der Sprache bewußt werden kann, kann die mikrokosmische Welt nur in der Art und Weise der Sprache aufgefaßt werden. Die Welt wird damit zu einer Sprache der anderen Art. Jeder Gegenstand wird zum Träger eines Wesens, das der Mensch in der Sprache erfassen will. Jeder Gegenstand der Welt hat damit eine Bedeutung. So, wie die Sprache Geist verleiblicht, durchgeistigt sie die Welt. Das Wort ist das Gefäß des Geistes, aus dem der Mensch ihn über die Welt ausgießt und ihr damit Sinn verleiht. Durch das Wort wird der Gegenstand geistig verfügbar und zu etwas der menschlichen Erkenntnis gegebenem. Das Wort ist das aussprechbare Wesen des Gegenstandes. Mit dem wesentlichen Wort wird der Gegenstand angesprochen, damit er sagen kann, was er eigentlich ist. Indem die Gegenstände zum Partner dieses Verständigungsprozesses werden, findet sich das sinngebende Bewußtsein, das in der Sprache auf sie wirkt, in ihnen tatsächlich wieder. Auf dem Vehikel der Sprache bewegt sich das Bewußtsein durch die Welt und kehrt bereichert zu sich selbst zurück.

Nach Bühler (Bühler 1934, Vgl. Thun 1981) können drei Funktionen der Sprache unterschieden werden: Äußerung (Kundgabe), Einwirkung (durch Anruf, Mitteilung, etc.) und Sachbezogenheit (Benennung, Orientierung, Darstellung). Der Sprechende äußert etwas, sei es für sich, sei es als Mitteilung an andere, die er anspricht. Dieses Bezogensein auf den anderen hat bereits als Einflußnahme die Form des Eingriffs in den Freiheitsbereich des anderen und ist damit ein "behandeln". Es werden nicht einfach Sätze ausgesprochen, sondern Bitten, Klagen, Fragen, Auskünfte, Belehrungen, Ermahnungen, Drohungen oder Befehle. Dabei ist meist von Sachlichem die Rede, das im engeren Sinn den Inhalt des Gesprochenen ausmacht. Der Schwerpunkt der Rede kann sowohl bei der Kundgabe wie bei der Einflußnahme oder auch beim Sachlichen liegen. Mit der Fixierung eines Sachverhalts sollen Wege des Handelns aufgewiesen, Teiles des Aktionsfeldes ausgekundschaftet oder Richtpunkte sichergestellt werden.

Die Geschichte einer Sprache spiegelt auch die Sozialgeschichte des betreffenden Volkes wider. Die Wortstämme einer Sprachen zeigen, welche Gegenstände für das Volk zur Zeit der Sprachformung die wichtigsten waren, der Wortschatz einer Sprache zeigt, was ein Volk denkt, und die Syntax veranschaulicht, wie es denkt. Die Wortstämme, der Wortschatz und die Syntax bestimmen den Denkraum des Sprechenden. Die sprachliche Prägung verweist auf einen im Hören der Sprache vor Augen geführten Lebensbezirk hin. Jedes vernommene Wort muß interpretiert werden, um im Sinne des Sprechenden verstanden werden zu können. Eine richtige Interpretation ist aber nur möglich, wenn der Denkraum des Sprechenden wenigstens in den Strukturen bekannt ist. Das Verstehen einer fremden Sprache ist damit an denselben, aber in diesem Fall komplizierteren Interpretationsvorgang gebunden.

Schrift kann als das sichtbare Ausdrucksmittel für das Gedachte und das Gesprochenes durch festgelegte sinnfällige Zeichen gedeutet werden. Schrift verhält sich zu Sprache so, wie diese sich zur inneren Welt der Gedanken und Erlebnisse verhält. Ist das Wort eine vorläufige oder endgültige objektive Gestalt des Gemeinten und Erlebten, so ist das schriftliche Bild des Wortes durch gegebene Zeichen eine weitere Objektivierung und Festlegung derselben Inhalte. Gegenüber dem Gesprochenen und Gehörten hat Sprache einen festen und dauerhaften Charakter. Während die einzelnen Zeichen stets als elementare Bedeutungsträger zu verstehen sind, haben die Bedeutungen der Schriftbilder von Wörtern und Sätzen einen höheren Sinngehalt, der sich jedoch nicht aus der Zeichenbedeutung ableiten läßt, sondern erst im Verstehenszusammenhang des gedachten Wortes sichtbar wird.

Wenn sich das Bewußtsein der Gattung Mensch mittels Sprache die Welt erschließt, und zugleich aber Sprache den Denkraum der sprechenden Menschen bestimmt, so stellt sich die Frage, inwiefern CMC die Erscheinungsweise von Sprache verändert. Die in der CMC zutage tretende Sprache kann in ihrer Verwendung als zweite Form der Oralität, die zwar präliterarische Charakteristika hat, aber in geschriebener Form auftritt, definiert werden. In der CMC wird Sprache informeller als in alltäglicher Kommunikation verwendet, und doch ist sie mehr geschriebene Sprache. Es hat sich ein eigener Stil, der E-Stil entwickelt, der wesentlich spielerischer mit Sprache umgeht und darüber hinaus die fehlenden nonverbalen Komponenten des Sprechens durch eine Para-Sprache zu ergänzen versucht. Es scheint, als würde diesem Sprach-Verhalten die bislang bekannte Tiefe und emotionale Reichhaltigkeit zugunsten einer kognitiven Betonung fehlen. Es liegt nahe, all diese Kennzeichen der Verwendung von Sprache in der CMC unter dem Begriff der E-Sprache zu subsumieren. Die technischen Vorgegebenheiten der CMC ermöglichen es weiters, den traditionellerweise auf ein Gespräch zwischen zwei Personen beschränkten Dialog zu einem Multilog zu erweitern. So, wie die individuelle innere Erlebniswelt durch Sprache zum Ausdruck kommt, manifestiert Schrift das, was gedacht und gesprochen wird. E-Sprache ermöglicht, klarer als es bisher möglich war, sich je nach Bedürfnis stärker kognitiven Inhalten zuzuwenden oder auch ein bewußt spielerisch-lustvolles Kommunikationsverhalten vorherrschen zu lassen. Sprache bestimmt das Denken des Sprechenden, und eine Erweiterung von Wortschatz und Syntax, wie sie sich durch die CMC offensichtlich ergibt, bedeutet damit auch eine Erweiterung des Denkens. Alle in der personzentrierten Sichtweise dargestellten Eigenschaften zwischenmenschlichen Dialoges sind auch in der CMC gegeben, mit dem Unterschied, daß eine Erweiterung des Dialoges zu einem Multilog möglich ist, daneben aber der bisher bekannte Dialog zwischen zwei Individuen genauso bestehen bleibt. Sprache wird im systemischen Modell als Verhalten zur Verhaltenskoordination gesehen. In dem neuen Multiversum, das sich durch die CMC erschließt, wird besonders klar deutlich, wie sehr Sprache ein Verhalten des Menschen ist, ja Sprache wird zum bislang einzigen Verhalten, das in diesem Multiversum möglich ist.