Psychotherapeutische Perspektiven

 

Humanistische Psychologie

Der Begriff des Humanismus hat in der aus den U.S.A. stammenden humanistischen Psychologie einen anderen als den traditionellen europäischen Bedeutungsgehalt. Humanismus steht hier für eine "Hinwendung zum Menschen selbst" (Graumann 1980 39) ohne primären erzieherischen Anspruch und ohne eine Vorstellung von einem idealen Menschen. Die humanistische Psychologie entwickelte sich aufgrund immer massiverer kritischer Vorbehalte in den dreißiger und vierziger Jahren dieses Jahrhunderts in Nordamerika als Gegenbewegung innerhalb der Psychologie zur behaviouristischen und der psychoanalytischen Psychologie und deren Wissenschaftsverständnis. Als Begründer dieser dritten Strömung innerhalb der Psychologie sind unter anderem die Psychologen Kurt Goldstein, Carl Rogers, Erich Fromm, Abraham Maslow, Fritz Perls, Rollo May, Richard Laing, Viktor Frankl, John Bugental, Karen Horney, Harry Sullivan, Gordon Allport u.v.a. zu betrachten. Die humanistische Psychologie unternahm immer wieder den deutlichen Versuch (Vgl. Quitmann 1985), sich von den vorherrschenden beiden psychologischen Grundrichtungen, dem Behaviourismus und der traditionellen Psychoanalyse abzugrenzen.

"Humanistic Psychology may be defined as the third main branch of the general field of Psychology (the two already in existence being the psychoanalytical and the behaviouristic) and as such, is primarily concerned with those human capacities and potentialities that have no systematic place, either in positivistic or behavioural theory or in classical psychoanalytical theory, e. g. , creativity, love, self, growth, organism, basic need-gratification, self-actualisation, higher values, being, becoming, spontaneity, play, humor, affection, naturalness, warmth, ego-transendence, objectivity, autonomy, responsibility, psychological health, and related concepts. This approach can also be characterized by the writings of Goldstein, Fromm, Horney, Rogers, Maslow, Allport, Angyal, Bühler, Maustakas, etc. as well as by certain aspects of the writings of Jung, Adler, and the psychoanalytic egopsychologists, existential and phenomenological psychologists." (o. A. 1962 96)

Die humanistische Psychologie beruht heute auf fünf zentralen, aufeinander bezogenen und voneinander abhängigen Prinzipien:

"Ausgangspunkt der humanistischen Psychologie ist die Erfahrung. /.../

Die humanistische Psychologie besteht auf der wesenhaften Ganzheit und Integrität des Menschen. /.../

Obwohl der menschlichen Existenz klare Grenzen gezogen sind, besteht die humanistische Psychologie darauf, daß die Menschen eine wesensmäßige Freiheit besitzen. /.../

Die humanistische Psychologie ist in ihrer Orientierung antireduktionistisch. /.../

Die humanistische Psychologie ist der Ansicht /.../, daß die menschliche Natur niemals völlig bestimmt werden kann." (Shaffer 1978 10)

Erste Versuche zu einer systematischen Darstellung der humanistischen Psychologie ergaben fünf Grundrichtungen von Therapietheorien, die aufgrund der Betonung des Subjekts und der inneren Realität der eben dargestellten allgemeinen philosophisch-weltanschaulichen Orientierung der humanistischen Psychologie zuzurechnen sind. Gemeinsame Merkmale aller gegenwärtigen humanistisch-psychologisch orientierter Therapieansätze sind:

die Zentrierung auf das Individuum,

der holistische Ansatz

und

die Betonung der Selbstbestimmungs- und Selbstaktualisierungsfähigkeit der Person.

Zu den gegenwärtigen wichtigsten Vertretern humanistischer Therapie sind nach Karmann (Karmann 1987) folgende Formen bzw. Schulen der Psychotherapie zu rechnen: die Gesprächspsychotherapie (Carl Rogers), die Gestalttherapie (Fritz Perls), das Psychodrama (Jacob Moreno), die Transaktionsanalyse (Eric Berne) und die Logotherapie (Viktor Frankl).

 

Personzentrierter Ansatz

Gesprächspsychotherapie

Der personzentrierte Ansatz, der auf den amerikanischen Psychologen Carl R. Rogers zurückgeht, ist eine Weiterentwicklung aus einer spezifischen Form der Psychotherapie, nämlich der Gesprächspsychotherapie. Die Gesprächspsychotherapie ist in erster Linie eine klinisch-psychologische Behandlungsmethode für psychisch beeinträchtigte Menschen und gilt heute als eines der klassischen Psychotherapieverfahren der humanistischen Psychologie.

"Die Gesprächspsychotherapie ist eine systematische, selektive und qualifizierte Form verbaler und nonverbaler Kommunikation und sozialer Interaktion zwischen zwei oder mehreren Personen - Psychotherapeut(en) und Klient(en) - mit dem Ziel einer Verminderung der vom Klienten erlebten psychischen Beeinträchtigung durch eine als Folge differenzierter Selbst- und Umweltwahrnehmung eintretende Neuorientierung des (der) Klienten im Erleben und Verhalten, auf der Basis grundlegender Erkenntnisse der wissenschaftlichen Psychologie, insbesondere der Lern- und Sozialpsychologie." (Biermann-Ratjen & Eckert & Scharz 1983 7)

Im Zusammenhang mit der Wirksamkeit als Qualitätsmerkmal einer Psychotherapie wird die Gesprächspsychotherapie neben der Verhaltenstherapie und der psychoanalytischen Therapie zu denjenigen therapeutischen Ansätzen gerechnet, denen aufgrund einer großen Zahl von kontrollierten Untersuchungen der Status von Therapieverfahren mit zweifelsfrei nachgewiesener Wirksamkeit zugesprochen wird. (Grawe 1992, Grawe & Donati & Bernauer 1994) Die Entwicklung der Gesprächspsychotherapie hat Rogers aus einer engen Verbindung von Theorie und Praxis gewonnen. Aus all den empirischen Untersuchungen, die er im Zusammenhang mit dem therapeutischen Prozeß durchgeführt hat, kam er zum dem Schluß (Rogers 1983), daß der Mensch unter bestimmten Bedingungen regenerative Kräfte in sich entdeckt und eine Fähigkeit zur Selbstbestimmung entfalten kann.

Die Grundannahmen der Gesprächspsychotherapie faßt Rogers in einer zentralen Hypothese zusammen:

"Das Individuum [trägt] unermeßlich reiche Anlagen in sich /.../, sich selbst zu verstehen und zu verändern, und daß dieses Anlagen sich nur dann erschließen können, wenn eine genau definierbare Atmosphäre von fördernden psychologischen Einstellungen geschaffen werden kann." (Rogers 1984 12)

Rogers geht davon aus, daß in jedem Menschen eine Tendenz in Richtung auf psychisches Wachstum, Reife und Selbstverwirklichung wirksam ist. Bei Beeinträchtigungen und Störungen im Erleben und Verhalten eines Menschen werden diese Tendenzen vermindert und müssen daher wieder entdeckt und zur Entfaltung gebracht werden. Dazu verhilft in erster Linie die Beziehung zum Therapeuten, der sich 1. einfühlsam, 2. wertschätzend und 3. echt um das Verständnis des psychisch beeinträchtigten Menschen und dessen Probleme bemüht. Dieser fühlt sich nun als Person akzeptiert und verstanden und kann dann um so intensiver die bis dahin ignorierten Aspekte seiner Erfahrungen wahrnehmen und neue Aspekte in seinem Verhalten und Erleben entdecken, die zu einer Einstellungs- und Verhaltensänderung führen können.

Die Gesprächspsychotherapie, die im allgemeinen der humanistischen Psychologie zugerechnet wird, beruht vor allem auf einer Konzentration auf die Beziehungen zwischen Menschen, denen dann positive Auswirkungen zugeschrieben werden, wenn auf der Basis eines bestimmten Menschenbildes, dem eine beachtliche Nähe zur christlichen Sicht des Menschen konzediert werden kann, gewisse Grundhaltungen in der Begegnung mit Menschen verwirklicht werden.

Genese

In der Literatur werden drei Hauptphasen der Entwicklung unterschieden:

1. Die nicht-direktive Phase (ca. 1940-1950), in der Rogers mit seinem Werk "Counseling and Psychotherapy" (Rogers 1942) die neue Methode des nicht-direktiven Beratungsgesprächs von der direkten Beratung, der psychoanalytischen Behandlung und behaviouristischen Therapieansätzen abhebt. Rogers wollte sich in dieser Zeit ausdrücklich von der direktiven und diagnostizierenden Art der damals üblichen Psychotherapie absetzen. Es war ihm vor allem daran gelegen, eine Atmosphäre zu schaffen, in der der Hilfesuchende ganz er selbst sein und möglichst unabhängig vom Therapeuten seinen eigenen Weg aus den Problemen suchen kann. Das Therapeutenverhalten bestand in dieser ersten Phase vorwiegend aus einem reinen Reflektieren der verbal geäußerten und vom Therapeuten vermuteten Gefühle des zu Behandelnden.

Im deutschen Sprachraum wurde die "Client-Centered Therapy" , also die klienten-zentrierte Therapie, weitgehend durch die Übertragungen von Tausch und Tausch (Vgl. Tausch & Tausch 61971) bekannt. Tausch übersetzte den Namen des neuen Therapieansatzes mit "Gesprächspsychotherapie" und dieser Begriff hat sich heute trotz aller vorhandener Kritik an der fragwürdigen Übersetzung weitestgehend etabliert.

2. Die gefühlsverbalisierende Phase (ca. 1950-1967), in der die phänomenale Welt des Klienten im Mittelpunkt des Interesses steht und die durch Rogers´ Buch "Client-Centered Therapy" (Rogers 1951) gekennzeichnet ist. Diese Phase war durch den zentralen Begriff der Selbstexploration geprägt. Der Klient sollte sein Selbstkonzept möglichst genau erforschen und im Kontext der äußeren Realität verzerrungsfrei wahrnehmen und eventuell korrigieren lernen. Neu war, daß der Therapeut versuchte, nicht nur die offensichtlichen Gefühle des Hilfesuchenden aufzugreifen, sondern in seinen Verbalisierungen möglichst präzise und differenziert dem Erleben des Klienten zu folgen.

3. Die erlebenstherapeutische Phase (ca. 1967 bis heute), in der sich das Hauptaugenmerk auf das Verhalten des Therapeuten konzentriert und die durch den Aufsatz "The Necessary and Sufficient Conditions of Therapeutic Personality Change" (erstmals in: Rogers 1957) charakterisiert ist. In dieser Phase hat sich bis jetzt vor allem die Rollendefinition des Therapeuten verändert. Wurde er zuvor als zwar äußerst aufmerksamer und einfühlsamer Begleiter gesehen, der sich aber nur als Spiegel für das Erleben des Klienten anbot und sich damit als Person aus dem therapeutischen Prozeß abstrahierte, so wird nun die aktuelle Beziehung zwischen den Gesprächspartnern in der Therapie als das Wesentliche herausgestellt und letztendlich der Therapeut nicht mehr als alleiniger Experte für zwischenmenschliche Beziehungen angesehen (Vgl. Pavel 1992)

Die Gesprächspsychotherapie hat sich im deutschen Sprachraum vor allem zu Beginn ihrer Verbreitung durch das Mißachten entsprechender Arbeiten Rogers´ als simple Technik des Widerspiegelns eingebürgert, was jedoch, wie schon dargestellt wurde, nur eine erste Entwicklungstufe dieses Psychotherapieansatzes darstellt. Besonders in den siebziger Jahren wurde im deutschsprachigen Raum die personzentrierte Gesprächsführung sehr stark als Technik einer Art Papageiengespräch präsentiert, mittels derer Menschen zu behandeln wären. Doch gegenwärtig ist man sich darüber klar geworden, daß das Counseling Rogers´ vielmehr eher als Weltanschauung und als Basis für das komplette menschliche Denken und Handeln zu verstehen ist und niemals bloß zu einer verfeinerten Technik der Gesprächsführung verkürzt werden darf.

Durch die relativ späte Rezeption Rogers´ im deutschen Sprachraum und durch anfängliche Übersetzungsschwierigkeiten haben sich unterschiedlichste Bezeichnungen für die drei Variablen, die nach Rogers die für persönliches Wachstum notwendigen und hinreichenden förderlichen Bedingungen einer zwischenmenschlichen Beziehung repräsentieren, herausgebildet. Das deutsche Wort direktiv ist eine Übersetzung des Wortes "directive" aus dem amerikanischen Englisch und bedeutet so viel wie richtungsweisend, leitend, anweisend. Einer der markantesten Unterschiede zwischen der direktiven und der nicht-direktiven Beratung ist, daß bei der ersteren der Berater wesentlich mehr spricht als der Klient. Die Vorstellung von direktiver Beratung als Idealnorm ist weit verbreitet. Gespräche mit Rat und Hilfe Suchenden beginnen oft schon mit der Einleitung, "Ich brauche deinen Rat. Ich erzähle dir mein Problem und du sagst mir dann, was ich tun soll". Ein weitverbreitetes Mißverständnis ist es auch, nicht-direktiv mit nicht aktiv oder passiv gleichzusetzen. Doch gerade das personzentrierte Verhalten erfordert eine intensive Teilnahme am Erlebensprozeß des Hilfesuchenden.

Die im deutschsprachigen Raum gebräulichsten Bezeichnungen für die auf Rogers zurückzuführenden Variablen "congruence", "positive regard" und "empathy" sind nach Zimmer (Zimmer 1983):

Congruence: Kongruenz - Echtheit - Authentizität - Übereinstimmung mit sich selbst - Nicht-Fassadenhaftigkeit;

Positive regard: Bedingungsloses Wertschätzung - unbedingte Wertschätzung - nicht an Bedingungen geknüpfte Wertschätzung - positive Zuwendung - Achtung - Respekt - Akzeptanz - uneingeschränktes Akzeptieren - Wertung ohne Bewertung;

Empathy: Empathie - Einfühlung - einfühlendes Verstehen - Reflektieren von Gefühlen - Verbalisierung emotionaler Erlebnisinhalte.

Die Gesprächspsychotherapie scheint heute eine eigentümliche Doppelnatur zu besitzen. Sie ist zunächst eine Methode zur Förderung wohldefinierter Prozesse der Veränderung in einem Menschen, der sich als psychisch beeinträchtigt erfährt, aber darüber hinaus wird sie oft als eine die ganze Person in ihrer existentiellen Befindlichkeit betreffende Erfahrung gedeutet. Die Gesprächspsychotherapie auf eine Technik - des Spiegelns der Gefühle - zu reduzieren kann also genausowenig richtig sein, wie die Gesprächstherapie als eine Art Ersatzreligion zu betrachten. Rogers selbst macht keine Unterscheidung zwischen Psychotherapie und Beratung, da es ihm in beiden Fällen um das Beziehungsangebot des Therapeuten bzw. des Beraters gegenüber dem Hilfesuchenden geht. Die Gesprächspsychotherapie hat den Begriff des Patienten bewußt durch den des Klienten ersetzt, um damit die Selbstverantwortlichkeit des Hilfe- und Ratsuchenden zu betonen. Rogers lehnte den Begriff des "Patienten" wegen der für ihn zu starken Klassifizierung des Hilfesuchenden als Kranken ab. Der Begriff "Klient" bezeichnet eine Person, die mit einer anderen in Beziehung tritt, wobei der Klient mit der anderen Person aufgrund ihrer Profession den Kontakt aufnimmt. Später löste der Begriff der "Person" den des Klienten ab, weil damit eine noch klarere Neutralität in der Bezeichnung und damit der uneingeschränkten Bejahung des Hilfesuchenden - zumindest von der Terminologie her - gegeben war. Ebenso ist heute in der Literatur als Bezeichnung des rogers´schen Ansatzes der Psychotherapie der Begriff der "personzentrierten Gesprächsführung" (Vgl. Schmid 1990) am stärksten vertreten.

In einem Klima der emotionalen Wärme, der Wertschätzung und des Gewährenlassens, mit anderen Worten, des Fehlens jeglicher Bedrohung in der Beziehung zwischen Therapeut und Klient, kann der Klient seinem Selbst begegnen. Es entsteht ein "Schonraum" (Rogers 1972 36, Vgl. Rogers 1983), in dem er sich selbst nahe kommen kann. Hier ist er fähig, in sich hineinzuhorchen und die ihm eigenen Reaktionen intensiver und unvoreingenommener wahrzunehmen. Das Wesen und der Erfolg der Gesprächspsychotherapie liegt vor allem darin begründet, daß in diesem Schonklima in der besonderen Beziehung zwischen Therapeut und Klient die Auseinandersetzung mit geleugneten oder verzerrt wahrgenommenen Aspekten des Selbst gewagt werden kann und der Klient emotionale Erlebnisse und Reaktion konkreter fassen kann. Ungegliederte psychische Prozesse können dadurch geordneter und strukturierter werden, wodurch sie für den Klienten leichter handhabbar werden.

Die therapeutische Beziehung baut auf "schöpferischem, aktivem, sensiblem, genauem, einfühlsamem, nicht-bewertendem Zuhören" (Rogers 1983 90) auf, was einem tiefen Bedürfnis eines in seinem Selbstverständnis erschütterten, entmutigten Klienten entgegenkommt. Durch das Sich-selbst-Zurücknehmen des Therapeuten im Hören ermöglicht er ein intimes Klima im wortwörtlichen Sinn, in dem der Klient alle Masken fallen lassen kann, um danach in die verborgendsten Winkel seiner selbst zu schauen.

Kritik

Nach Tscheulin (Tscheulin 1983) kreist die gegenwärtige Kritik an der Gesprächspsychotherapie und deren Derivaten um zwei fundamentale Fragen:

Handelt es sich in der Gesprächspsychotherapie um eine Technik oder ist sie die Formulierung einer Haltung des Therapeuten, welche den personzentrierten Ansatz zur Gesprächspsychotherapie macht ?

Ist die Gesprächspsychotherapie tatsächlich empirisch validierbar? Sind die wirksamen Faktoren des therapeutischen Verhaltens tatsächlich operationalisierbare Variablen, die empirisch evaluiert werden können?

Diese zwei Fragen werden nach wie vor diskutiert. Es kristallisierte sich aber seitens der Gesprächspsychotherapie ein Sowohl-als-auch-Standpunkt heraus, wobei der nicht erklärbare Rest therapeutischen Handelns bis dato als intuitives und künstlerisches Element deklariert wird.

Untersuchungen haben gezeigt, daß jüngere Therapeuten meist viel schulenkonformer als ältere und erfahrenere Therapeuten, die sich interessanterweise über die Jahre in der Arbeit immer ähnlicher werden, handeln. Es scheint ein allen erfahrenen Psychotherapeuten gemeinsames Grundmuster im therapeutischen Vorgehen zu geben, das eine beachtliche Nähe zu Konzeptionen des personzentrierten Ansatzes aufweist (Vgl. Dörner & Plog 1994):

Erfahrene Psychotherapeuten legen viel Wert auf die Güte der therapeutischen Beziehung, d. h. auf Toleranz, Verständnis, Respekt, Interesse, Anteilnahme, etc.

Erfahrene Psychotherapeuten beeinflussen ihre Patienten mit Mitteln, die auch in anderen Bereichen sozialpsychologischer und pädagogischer Einflußnahme angewendet werden. Die Therapeuten sind sich aber ihrer manipulierenden Aktivitäten größtenteils bewußt.

Rogers war einer der ersten, der durch Tonbandprotokolle die Psychotherapie empirischer Überprüfung zugänglich machte. Abgesehen von der Erarbeitung der notwendigen und hinreichenden Bedingungen für therapeutisches Geschehen, die aus eingehender empirischer Validierung entstanden, wird man aber im übrigen Theoriegebäude Rogers´ vergeblich nach empirischen Begründungen suchen. Im Gegensatz zur empirisch erwiesenen allgemeinen Wirksamkeit der Gesprächspsychotherapie ist es bis heute nicht eindeutig erforscht, ob die genannten drei Bedingungen nun wirklich notwendig und hinreichend für positives Wachstum sind.

"Begriffe wie "Selbstkonzept" und "Aktualisierungstendenz", zentrale Theoreme wie die "Dissoziation" von Selbst und Realität, erweisen sich als behauptete, empirisch nicht abgesicherte Konstrukte. Der Verzicht auf experimentell-empirische Begründung gerade im Bereich der Persönlichkeitstheorie trägt zu einer gewissen Inkonsistenz des gesamten Gebäudes der Gesprächspsychotherapie bei." (Baumgartner 1990 466)

Auffallend wird diese Ignoranz der frühen Gesprächsspychotherapie gegenüber empirischen Ergebnissen im Bezug auf die Entwicklung des Menschen, der ja laut Rogers seine konstruktiven Kräfte von Anfang an in sich trägt. Menschliche Entwicklung nach Rogers ist die Ausfaltung dessen, was im Menschen von Beginn an schon da ist. Demgegenüber betont die auch empirisch arbeitende Entwicklungpsychologie das Zusammenwirken von endogenen, exogenen und autogenen Entwicklungsfaktoren.

Die Kritik an Rogers kann sich, so der Befund der Psychotherapieforschung (Vgl. Lemke 1978, Grawe & Donati & Bernauer 1994), nicht an bestimmte Techniken oder an die Effektivität der von ihm entwickelten Psychotherapie richten, sondern betrifft vielmehr die Frage, ob Rogers nicht ein Zuviel an Vertrauen in das Verhalten des Therapeuten und in die positiven Kräfte im Menschen gesetzt hat. Möglicherweise ist das rogers´sche Ideal des personzentrierten Therapeuten, der jede Expertenrolle ablehnt, eine Utopie, erstens, weil gar nicht realisierbar und zweitens, weil oft gar nicht wünschenswert.

Es war nach Graumann (Graumann 1980) ein berechtigtes Anliegen der humanistischen Psychologie, die Reduktion des Menschen durch Behaviourismus und Psychoanalyse zu überwinden. Gerade an dieser Betonung der Individualität des Menschen setzt eine weitere Linie der Kritik an, da vermutet wird, daß die Konzentration der Gesprächspsychotherapie auf das subjektive Erleben und weniger auf das Handeln der Person die Umwelt vernachlässigt und das Individuum in die Isolation drängt. Rogers kam es gerade gegenüber dem behaviouristischen Black-Box-Modell der menschlichen Psyche auf die Betonung einer viel reicheren, komplexeren, aber auch wesentlich selbstbewußteren Sichtweise der menschlichen Psyche an. Kritiker vermerken, daß gerade diese Betonung der individuellen Innenseite des psychischen Lebens über das intendierte Ziel der Überwindung des Behaviourismus hinausschießt. Als einziges Therapeutikum wird nur das individuelle Selbst des einzelnen gesehen, ebenso wie in diesem egozentrischen Subjektivismus die soziale Einbindung der Person im Idealbild der "fully functioning person" vernachlässigt wird. Alle Probleme werden mit dem Blick nach innen betrachtet und die Ursachenanalyse nur mehr im Inneren betrieben. Es fehlt der Gesprächspsychotherapie möglicherweise der Sinn für die soziale Verflochtenheit des Menschen und sie fördert statt dessen vielmehr, in einer mehr oder minder asozialen Haltung nach persönlichem und privatem Glück zu streben.

Personzentrierter Ansatz

Die klientenzentrierte Gesprächspsychotherapie erweiterte sich im Laufe ihrer Entwicklung zum personzentrierten Ansatz und damit auch zunehmend auf Gebiete außerhalb der Psychotherapie. Der personzentrierte Ansatz ist eine Erweiterung und Generalisierung des Theoriekonzepts der Gesprächspsychotherapie. Rogers selbst leitete diese Entwicklung ein, und er kann auch heute noch als einer ihrer Protagonisten angesehen werden.

"Es gibt allen Grund anzunehmen, daß die therapeutische Beziehung nur einen Fall zwischenmenschlicher Beziehung darstellt, und daß die gleiche Gesetzmäßigkeit alle sozialen Beziehungen regelt." (Rogers 1974 50)

Alles, was Rogers über Therapie oder therapeutische Beziehungen im weiteren Sinne sagt, ist damit in der Konzeption des personzentrierten Ansatzes auf jede andere Form von zwischenmenschlicher Beziehung zu übertragen. Der personzentrierte Ansatz basiert auf der Vermutung, daß Prozesse der Veränderung sich nicht nur in einer nach den Erkenntnissen Rogers´ definierten Psychotherapie ereignen, sondern auch überall dort, wo eine Person einer anderen echt, akzeptierend und wertschätzend begegnet und wo die andere Person sich auf dieses Beziehungsangebot einläßt, um die eigene Lebenswirklichkeit zu reflektieren.

"Die personenzentrierte Haltung ist /.../ primär eine Art und Weise des Seins, die ihren Ausdruck findet in Einstellungen und Verhaltensweisen, die wachstumsförderndes Klima schaffen. Sie ist mehr eine basale Philosophie als nur eine Technik oder eine Methode. Wenn diese Philosophie gelebt wird, hilft sie der Person, die Entwicklung ihrer Fähigkeiten zu erweitern. Wenn sie gelebt wird, stimuliert sie konstruktiven Wandel bei anderen. Sie stärkt das Individuum, und, wenn diese persönliche Kraft gespürt wird, zeigt die Erfahrung, daß sie dahin tendiert, für persönliche und soziale Veränderungen genützt zu werden." (Rogers 1982 77)

Der personzentrierte Ansatz stellt nicht bloß eine psychologische oder psychotherapeutische Methode dar, sondern er ist eine grundsätzliche Haltung dem Menschen gegenüber, eine Lebensauffassung, in der das Hauptaugenmerk auf das Individuum gelenkt ist und die geprägt ist vom Glauben an die Entfaltung des jedem Menschen innewohnenden positiven, schöpferischen und auf Wachstum und Entfaltung ausgerichteten Potentials, das in einem Klima der Offenheit, der Wertschätzung und des Verstehen verwirklicht werden kann.

"Ja, ich glaube es gab viele, viele Philosophen und spirituelle Führer, und nicht nur christliche Führer, die die Person als sehr wichtig angesehen haben. So will ich bestimmt den Begriff "personenzentriert" nicht als originale Erfindung beanspruchen; ich glaube, wir versuchten, ihm eine besondere Bedeutung zu geben, besonders in der Beratung und Therapie, so daß die Beziehung auf die Person, die Hilfe sucht, zentriert ist, und später gingen wir langsam dazu über, die Person, die Hilfe gibt, miteinzuschließen, so daß es eine Zwei-Weg-Beziehung bedeutet, dennoch ist es weitgehend eine Ein-Weg-Beziehung, und unser Interesse ist auf die Person zentriert, die Hilfe sucht. Dann war dieser Gebrauch des Begriffs auch ein Protest gegen die Depersonalisierung, die Dehumanisierung der Erziehung, eines guten Teils der Religion, des Militärlebens, vieler Aspekte des Geschäftslebens. So, daß es eine andere Art zu sagen ist, wir sind personenzentriert und nicht objektzentriert, nicht materialistisch zentriert, nun, das sind einige der Gründe, warum wir diesen Begriff gebraucht haben." (Rogers in: Pawlowsky & Stipsits 1983 25)

Es geht im personzentrierten Ansatz weniger um eine Technik im Umgang mit Menschen, sondern vielmehr um gewisse Charakterhaltungen. Der personzentrierte Ansatz rückt zwischenmenschliche Beziehungen in den Mittelpunkt seines Interesses und beschreibt die Bedingungen, unter denen sich durch eine besondere Art der zwischenmenschlichen Beziehung ein wachstumsförderndes Klima entwickeln kann, und diese Bedingungen lassen sich auf alle Situationen, in denen die Entwicklung der Person ein Ziel ist, anwenden. Ein personzentrierter Therapeut kann nicht seine Personzentriertheit vor einer Therapiesitzung wie einen Arbeitsmantel anziehen und danach wieder ablegen, weil das dem Grundsatz der Authentizität widersprechen würde. Der Therapeut muß in der therapeutischen Sitzung derjenige sein, der er wirklich ist. Er ist nicht einer, der eine Methode anwendet, sondern der "/.../ über ein zusammenhängendes und ständig sich weiterentwickelndes, tief in seiner Persönlichkeit verwurzeltes Sortiment von Einstellungen verfügt, /.../, das von Techniken und Methoden ergänzt wird." (Rogers 1983 46) Er bietet in der Therapie sich selbst für eine Beziehung an, die der Klient dazu nutzen soll, um seine Persönlichkeit zur Entfaltung zu bringen. Umgekehrt erfährt der Therapeut selbst, daß diese Art und Weise, den Menschen zu betrachten für ihn eine Forderung darstellt, sich selbst immerfort um Weiterentwicklung und Vervollkommnung zu bemühen, und "/.../ er kann nur soweit "nicht-direktiv" sein, wie dieser Respekt vor anderen in seiner eigenen Persönlichkeitsstruktur verankert ist." (Rogers 1983 46) Auf den Grundlagen der Sichtweisen des personzentrierten Ansatzes kam es zu einer gravierenden Fehleinschätzung der Gesprächspsychotherapie, indem sie sich als untechnischer und theorieloser als andere Therapieansätze sah. Der personzentrierte Ansatz wird von Gesprächspsychotherapeuten gerne als Gesprächspsychotherapie in ihrer kondensierten und reinen Form mißverstanden, doch ist eine Gesprächspsychotherapie nicht einfach die ideale Verwirklichung des personzentrierten Ansatzes, sondern sie stellt eine Arbeitsbeziehung dar, in der der Therapeut eine Dienstleistung erbringt und nicht einfach eine erkaufte, bezahlte oder gar ideale Freundschaft anbietet (Vgl. Dörner & Plog 1994). Die Gesprächspsychotherapie und der personzentrierte Ansatz sind dadurch nicht ein und dasselbe, daß die Gesprächspsychotherapie die Professionalisierung eines helfenden Gesprächs auf den Grundlagen des personzentrierten Ansatzes wäre.

Die Betonung der zwischenmenschlichen Beziehungen und der diese positiv beeinflussenden verschiedenen Rogers-Variablen kommen in unterschiedlichen Arbeitsfeldern auf unterschiedliche Art und Weise zu tragen ( Vgl. Schmid 1990, Schmid 1992). Hier und im Weiteren wird der Begriff "personzentrierter" und nicht "personenzentrierter" Ansatz, wie er oft in der Literatur zu finden ist, gebraucht, da damit mehr Nähe zum origininären Begriff des "person-centered approach" gegeben ist.

 

Systemischer Ansatz

 

Systemische Psychotherapie

In beeindruckender Weise haben in den letzten Jahren die Ideen der Systemtheorie, der Theorie der Selbstorganisation und des Konstruktivismus zunehmende Bedeutung für unterschiedlichste Bereiche der Humanwissenschaften erhalten. Innerhalb psychotherapeutischer Fragestellungen erlauben die aus der Systemtheorie abgeleiteten Konzepte der systemischen Psychotherapie ein verändertes und erweitertes Verständnis für menschliche Problemsituationen. Sie ermöglichen damit neue und wirksame Handlungsmöglichkeiten im therapeutischen Kontakt mit komplexen menschlichen Beziehungssystemen.

Von entscheidender Bedeutung für die Entwicklung einer theoretischen Basis der systemischen Ansätze waren Vertreter der Kommunikations- und Interaktionstheorien wie Gregory Bateson, Paul Watzlawick und Kurt Lewin. Mit der Entwicklung systemischer Ansätze, in denen nicht mehr der einzelne im Mittelpunkt der Betrachtungen, sondern das ganze System steht, vollzog sich in der Psychotherapie ein ausgeprägter Paradigmenwechsel. Kategorien der Pathologie des einzelnen wurden durch die Beschreibung des Funktionierens eines Systems ersetzt, und es wurde die Frage gestellt, welche Funktion das Symptom für das System erfüllt. Dementsprechend bezog sich die therapeutische Einflußnahme auch auf das System als Ganzes, wobei der systemische Therapeut Menschen und Geschehnisse nicht im Blick auf die ihnen innewohnenden Merkmale und Eigenschaften, sondern vor dem Hintergrund ihrer Interaktionen betrachtet. Das therapeutische Handeln war durch Strategien und Taktiken gekennzeichnet, über die auf die Interaktionsformen Einfluß genommen werden sollte, und die Aufmerksamkeit des Therapeuten war in erster Linie auf die Wiederherstellung des Gleichgewichts im System und weniger auf das Erleben der zu diesem System zählenden Personen gerichtet.

Systemisch orientierte Ansätze der Psychotherapie - zu den vier Wichtigsten zählen die strukturelle Familientherapie, die Problemsystem-Therapie, die lösungsorientierte Kurztherapie und die Reflecting-Team-Therapie - haben ihre Wurzeln in der Familientherapie, von der sie noch immer einen bedeutenden Teil repräsentieren, aber mittlerweile in einer Verallgemeinerung des therapeutischen Zuganges über diese hinausgehen.

Genese

Die Familientherapie entstand nach dem 2. Weltkrieg in den U.S.A. und integrierte neben Elementen der Psychoanalyse und der Verhaltenstherapie vor allem Konzepte der Systemtheorie und der Kybernetik.

Die Systemtheorie suchte vor allem nach globalen Isomorphien und begriff sich als ein den Einzelwissenschaften übergeordneter, sich verbindender holistisch-organismischer Ansatz. Lebende System wurden als offene, umweltbezogene Ganzheiten gesehen, deren Ziele und Funktionen, Elemente und Verbindungen stets dem Ganzen untergeordnet sind. Das Prinzip der linearen Kausalität von Ursache und Wirkung wich einer zirkulären Kausalität, in der jedes Verhalten als Feedback auf das betreffende Lebewesen zurückwirkt. Die theoretischen Grundlagen einer solchen Betrachtung der Dinge unterscheiden sich völlig von der mechanistisch-kausalen Betrachtungsweise, die jahrhundertelang die westliche Kultur beherrschte und das Denken geprägt hat. Mit der Behauptung, das Verhalten eines Individuums sei die Ursache des Verhaltens eines anderen Individuums, kommt ein allzu einfaches Begriffsmodell zur Anwendung, das die Komplexität der Realität künstlich auf die linearen Beziehungen von Ursache und Wirkung reduziert. Die Darstellung eines Problems mit Hilfe der Begriffe von Ursache und Wirkung ist das Ergebnis einer willkürlichen punktuellen Festlegung einer eigentlich zirkulären Situation, wobei ein einzelnes Geschehen aus der Sequenz der Geschehnisse, die diesem vorangegangen sind bzw. folgen, herausgegriffen wird. Die Systemtheorie machte es möglich, menschliches Verhalten als eigenständiges, überindividuelles Phänomen zu beschreiben, das sich aus seinem jeweiligen Kontext erklären ließ.

Im Ansatz des Mental Research Institutes (MRI) in Palo Alto, Kalifornien, wurde erstmalig in den fünfziger Jahren die Systemtheorie für die Familientherapie erschlossen (Bateson 1980, Watzlawick & Weakland 1980). Die Arbeitsgruppe am MRI war stark durch die therapeutische Praxis von Milton Erickson geprägt. Erickson war sicherlich einer der ungewöhnlichsten Therapeuten dieses Jahrhunderts. Er entwickelte nicht nur eine überaus erfolgreiche Hypnosetechnik, sondern überraschte die Fachwelt auch durch eigentümliche therapeutische Techniken, die unerwartete Erfolge zeigten. Ohne selbst eine Theorie zu dieser Verfahrensweise zu liefern, wurde sein Werk zu einer besonderen Bereicherung und Herausforderungen der systemischen Therapie. Ein wesentliches Ergebnis der Arbeit war die Theorie des "double bind" (Bateson 1959, Vgl. Bateson 1969). Die grundlegende Leistung dieser Forschergruppe lag darin, ein neues Verständnis vom Zusammenhang des symptomatischen Verhaltens einer Person mit der Organisation ihrer Familie zu entwickeln. Die Familie wurde als System gesehen, das Information auf sich selbst als Symptom bzw. als abweichendes Verhalten eines oder mehrerer Mitglieder zurückwirken läßt, und dieses negative Feedback führt zu einem Mechanismus, der Veränderung verhindert. Das Symptom, das eine Person zeigt, wird somit nicht mehr nur negativ gesehen, sondern erfüllt eine wichtige Funktion für die übergeordnete Einheit, denn es steht im Dienste der Sicherung der Kontinuität und Stabilität des Systems Familie. Damit war das psychologische Denken um die Dimension des Kontextuellen erweitert. Allerdings war die Kommunikationstheorie ihrerseits in einem zeitbedingten Kontext entstanden, in dem Pragmatismus und gemäß Heinz von Foerster eine "Kybernetik erster Ordnung" - des Beobachteten und noch nicht eine "Kybernetik zweiter Ordnung", des Beobachtens, also des Beobachters - herrschten (v. Foerster 1981). Gleichfalls am MIR in Palo Alto arbeiteten noch weitere Forscher, die systemisches Denken in die Psychotherapie einführen, vor allem an Kurztherapieprojekten (Vgl. Watzlawick & Beavin & Jackson 1969, Watzlawick 1974, Watzlawick 1977).

Ende der siebziger Jahre entwickelte sich durch die Anregungen neuer Entwicklungen in Systemtheorie, Physik und Biologie eine grundlagentheoretische Diskussion unter Familientherapeuten, und es entstand eine neue Generation von Familientherapeuten, die zu einer Modifikation familientherapeutischer Methoden zu einem systemischen Weltbild führten (Vgl. Guntern 1980, Hoffmann 1982). In Mailand bildet sich eine Arbeitsgruppe von Therapeuten, die später als das Mailander Team bekannt wurden und aus Mara Selvini-Palazzoli, Luigi Boscolo, Gianfranco Checcin und Giuliana Prata bestand. Familien wurden in dieser Zeit häufig in dem Spannungsfeld von Homöostase und Transformation, von Stabilität und Wandel gesehen. Man beschäftigte sich mit den widersprüchlichen Botschaften der Familie, die sich auf der einen Seite ändern, auf der anderen Seite aber unbedingt alles beim alten lassen wollen. Um mit dieser paradoxen Botschaft umgehen zu können, mußte man in ähnlich pardoxer Weise auf die Beschwerden eingehen, um das Paradoxon wieder aufzuheben, wobei diese paradoxen Interventionen insofern paradox waren, als sie der primären und naiven Erwartung widersprachen (Vgl. Andolfi 1974, Selvini-Palazzoli 1978, Andolfi 1979, Selvini-Palazzoli & Boscolo & Cecchin & Prata 1981, Tomm 1984, Boscolo & Cecchin & Hoffmann & Penn 1988).

Mit dem Beginn der achtziger Jahre kam es zu einer vermehrten Rezeption der sog. Kybernetik zweiter Ordnung, der Beobachtung von Beobachtungen (Vgl. Maturana 1982, Luhmann 1984, von Foerster 1985, Maturana & Varela 1987). Die Arbeiten Gregory Batesons erwiesen die zirkuläre Sichtweise des Menschen und seines Verhaltens eher geeignet als die traditionelle lineare (Vgl. Bateson 1980). Als Zirkularität wird nun ein Verständnis bezeichnet, das sich von Ursache-Wirkungs-Beziehungen löst und Regelkreise an ihre Stelle setzt (Vgl. Penn 1983, Cecchin 1988). Therapie wird nun vermehrt als Sprachspiel verstanden, wonach eine Konversation zwischen Therapeut und Klient über das Thema "Problem" stattfindet. Veränderung ist die Herausbildung eines neuen Sprachspiels, in dem das, was beobachtet wird, nicht mehr den früheren Beschreibungen entspricht, und sich somit die klinisch relevante und für den Klienten befriedigende Differenz von Merkmalen zu Beginn und zu Ende der Therapie entwickeln kann.

Modelle

Systemische Therapieansätze lassen sich mittels zweier grundlegender Modelle klassifizieren. Die nachfolgend vorgestellte Klassifikation in "Kontrollmodell" und "Konversationsmodell" wurde Kurt Ludewig vorgeschlagen (Ludewig 1995). Andere Klassifikationen bieten Giacometti (Giacometti 1979) und Hassan (Hassan 1977). Im Kontrollmodell, dem die "strukturelle Familientherapie" (Minuchin 1977, Vgl. Aponte & van Deussen 1981, Minuchin & Fishman 1983, Minuchin 1984) folgt, steht dem Therapeuten ein umfassendes Instrumentarium zur Verfügung, anhand dessen es ihm möglich ist, mittels bestimmter Indikatoren Abweichungen von der Norm festzustellen und die Familienstruktur aus einem als pathologisch definierten Bereich in den Normalbereich zu bringen, womit die Beschwerde derjenigen Person, die als Symptomträger galt, verschwinden. Gemäß dem Konversationmodell, an dem sich die "lösungsorientierte Kurztherapie" nach de Shazer (de Shazer 1989), das "Reflecting Team" nach Andersen (Andersen 1990) und das "Problemsystem" nach Goolishian (Goolishian 1988), orientieren, wird der Gegenstandsbereich therapeutischer Aktivitäten viel enger gefaßt, und es rückt statt der Therapie von Problemen die Therapie von Störungen ins Zentrum.

De Shazer prägt mit einem Team von Mitarbeitern neben dem Mailänder Team das zweite große Zentrum der systemischen Therapie am Brief Family Therapy Center (BFTC) in Milwaukee, Wisconsin (Vgl. Shazer 1989). Der Leitgedanke dieser Einrichtung und des von ihr entwickelten Modells der systemischen Kurzzeitherapie ist, daß der Therapeut, um passend zu intervenieren, über die Details der Klage, die der Patient vorträgt, gar nicht so genau Bescheid wissen muß, sondern der Therapeut muß beim Klienten ein anderes als das gewohnte Verhalten erzielen, und dies ist in der Regel ausreichend, um eine Lösung herbeizuführen und dem Klienten Befriedigung zu vermitteln.

Im Problemsystem-Modell ebenso wie in der lösungsorientierten Kurztherapie werden menschliche Systeme als sprach- und meinungserzeugende Systeme, die in und durch Sprache innerhalb eines Bereiches existieren, der durch das Problem als Thema des Gesprächs definiert ist, beschrieben. Therapie kann demnach durch folgende Merkmale bestimmt werden (Vgl. Goolishian & Anderson 1988):

Ein therapeutisches System ist ein Kommunikation- oder Sprachsystem.

Ein therapeutisches System ist ein problem-auflösendes System.

Veränderung ist die Entstehung neuer Bedeutung durch Dialog.

Der Therapeut ist ein teilnehmender Beobachter und ein teilnehmender Manager, ein "Konversations-Künstler" der therapeutischen Konversation. Dies hat zwei grundlegend neue Konsequenzen: Erstens wird der Therapeut damit zu einem Mitglied des therapeutischen Systems, und seine eigenen Theorien und Verhaltensweisen sind genauso Thema der therapeutischen Konversation wie die Theorien und das Verhalten des Klienten. Die Aufgabe des Therapeuten ist es nun nicht mehr, zu wissen, welche Lösungen die Richtigen sind, sondern für den Fortgang des therapeutischen Prozesses zu sorgen und das System zu "verstören". Zweitens fokussiert sich die Aufmerksamkeit auf das Problemsystem, das nicht etwa bloß durch falsche Strukturen oder nicht funktionierende Subsysteme entsteht, sondern durch die am Problem Beteiligten. Alles, was daher ein Therapeut hat, ist seine eigene Konstruktion, wie der Klient seine Realität konstruiert, und ausgehend von diesen beiden Konstruktionen bauen Klient und Therapeut gemeinsam eine neue therapeutische Realität auf.

In der Therapieform des Reflecting Teams nach Andersen (Andersen 1990) ist das als therapiewirksam betrachtete Element das gemeinsame Reflektieren mehrerer Therapeuten vor dem Klienten. Das Problemsystem wird als eine Arena der Kommunikation gesehen, und es geht darum, mittels dieser offenen Konversation des Reflecting Teams eine therapeutisch wirksame Differenz zu bereits bestehenden Beschreibungen und Sichtweisen der Klienten zu etablieren. Die zentrale therapeutische Leistung des Reflecting Teams besteht in der Schaffung neuer Ideen, selbst wenn manche dieser Ideen vom Problemsystem als uninteressant beurteilt, übergangen oder auch zurückgewiesen werden.

Die Familientherapie, aus der sich die systemische Therapie entwickelte, hat sich ursprünglich vor allem nicht um das Individuum, sondern um ein System - die Familie - gekümmert und hat Subsysteme und nicht Personen therapiert. Die systemische Therapie hingegen beschäftigt sich gegenwärtig eigentlich immer weniger mit Systemen und statt dessen immer mehr mit Personen und ihren Konstruktionen der Realität.

Kritik

Die zentralen Argumente der Kritik am systemischen Denken lassen sich in Form von Thesen resümieren (Vgl. Ludewig 1995):

Da alles Erkennen auf einen Beobachter zurückgeführt werde, müsse dieser ein präexistierendes, ontologisches Faktum sein und insofern enthält der Ansatz einen inneren Widerspruch.

Auf Kommunikation und Sprache übertragen, fördert systemisches Denken einen biologischen Reduktionismus.

Die Identifikation von Erkennen und Handeln bringt einen an Effizienz orientierten Pragmatismus und Neo-Behaviorismus zutage.

Instruktive Interaktion wird im systemischen Denken ausgeschlossen, und diese Haltung ist nihilistisch, rechtfertigt indirekt die herrschenden Verhältnisse und ist damit anti-emanzipatorisch.

Als geschlossenes System ist der systemische Ansatz weder debattierbar noch falsifizierbar und damit unwissenschaftlich. Die Terminologie ist unverständlich und dunkel und trägt esoterische und mystische Züge.

Systemischer Ansatz

Der systemische Ansatz in der Psychotherapie ist stark geprägt von Humberto Maturana. Seine Theorie spiegelt Elemente konstruktivistischer Philosophie, piagetscher Entwicklungstheorie, des Darwinismus, des Systemdenkens, des Kontextualismus und sogar des radikalen Behaviorismus wider. Allerdings verknüpft sein Theoretisieren Einsichten aus diesen verschiedenen Quellen zu einem kohärenten Ganzen. Da Maturana selbst kein Psychologe oder Psychotherapeut ist, mußten seine Auffassungen lebender Systeme noch übersetzt und erweitert werden, damit sie sich direkt auf die Interessensgebiete von Psychologen und Therapeuten bezogen (Vgl. Dell 1982, Dell 1984, Efran & Lukens 1985, Hoffman 1988, Mendez & Coddou & Maturana 1988, Tomm 1989, Hargens 1989, Varela 1989).

Das Adjektiv "systemisch" bezeichnet einen allgemeinen Denkansatz im Sinne eines konstruktivistischen Verständnisses von Systemtheorie und meint im Bezug auf Psychotherapie die Umsetzung dieses Denkansatzes in die Praxis. Systeme gelten als Konstrukte der menschlichen Erkenntnis oder Kognition und sind nicht Modelle objektiver Sachverhalte. Aufgrund der Abhängigkeit von der Kognition kommen diese Muster nicht durch kausale Verkettungen zustande, sondern folgen der zirkulären Bewegung von Beobachten und Denken. Systemisches Denken hat zwar einen umfassenden Geltungsanspruch, da es aber ein geschlossenes System bildet, in dem alle Sätze miteinander verknüpft sind, kann es nur intern Geltung beanspruchen und erweist sich letztendlich als Pleonasmus, der der Selbstkontrolle dient, wenn Denken und Handeln am Anspruch der theoretischen Vorgaben gemessen werden.

Maturana beschreibt menschliches Funktionieren, sprachliche Operationen eingeschlossen, aus einer biologischen Perspektive. Sein Ansatz hat zwei grundsätzliche Vorteile: Erstens spricht seine Erkenntnistheorie die Untrennbarkeit von Beobachter und Beobachtetem an und stimmt so mit den jüngsten Entwicklungen in Epistemologie, Biologie und Wissenschaftstheorie überein (Vgl. Overton 1984, Thompson 1987). Zweitens ist seine Theorie aus wohldefinierten und präzise zusammengefügten Begriffen gebildet. Sie liefert damit ein Gegenmittel für das konfuse konzeptionelle Durcheinander, in das sich alle Wissenschaften, die sich mit dem Menschen beschäftigen, verstrickt zu haben scheinen (Vgl. Bateson 1980).

Maturana unterscheidet zwischen einfachen und komplexen Einheiten. Einfache Einheiten entstehen durch ganzheitliche Beschreibungen, während komplexe Einheiten sichtbar werden, wenn die Komponenten und deren Vernetzung spezifiziert werden. Derartige zusammengesetzten komplexe Einheiten werden auch Systeme genannt, die alle unter den zwei Aspekten der Organisation und der Struktur betrachtet werden können. Organisation meint die Relationen zwischen den Elementen, die vorkommen müssen, damit eine Einheit einer Klasse zugeordnet werden kann, während Struktur die spezifische Ausgestaltung der Organisation durch Komponenten bezeichnet. Ein System bewahrt seine Identität und damit Erkennbarkeit, solange seine Organisation unverändert bleibt und läßt sich eindeutig definieren, indem seine Organisation beschrieben wird. Die jeweilige Struktur, in der sich eine bestimmte Organisation verwirklicht, kann aber variieren, und Systeme können mehr oder minder plastisch strukturiert sein und ihre Organisation trotz gravierender Veränderungen wahren. Das gilt besonders für Lebewesen, die Verstörungen durch Interaktion ohne Verlust ihrer Organisation bewältigen. Wirkt die Interaktion destruktiv, löst sich die Organisation auf, was bei Lebewesen den Tod bedeutet, denn ein System kann seine Organisation nicht verändern, sondern nur auflösen. Lebewesen lassen sich demnach als Systeme beschreiben und sind als solche autopoietisch organisiert (Vgl. Willke 1982, Buckley 1986). Luhmanns Konzept der sozialen Systeme steht in einer komplementären Position zu Maturanas biologischem Ansatz, bietet aber als Ergänzung viele Vorteile (Vgl. Luhmann 1984, Luhmann 1990, Ludewig 1995).

Systemisches Denken ist weniger eine Theorie als viel mehr eine "Supratheorie" (Luhmann 1984) und bietet eine ontologische und epistemologische Positionsbestimmung bzw. ein "Paradigma" (Kuhn 1967). Lebenspraktisch gesehen grenzt es einen Bereich des alltäglichen Zusammenlebens ab, einen Kontext verflochtener Erkenntnisse, die das Miteinander und die alltägliche Verständigung steuern. Das bleibt in der Regel unbemerkt, denn das Eingebettetsein in einen Konsens tritt nur in der Gegenüberstellung mit dissonanten Alternativen, an denen die spontane Verständigung scheitert, zutage. Das systemische Denken bildet eine Synthese, in der sich alle wichtigen Ansätze der traditionell eher künstlich geschiedenen Natur- Geistes- und Sozialwissenschaften finden, da der Mensch als Erfinder und Bewahrer dieser geistigen Welten gesehen wird.

Die Grundgedanken systemischen Denkens lassen sich in sechs Thesen zusammenfassen:

"Alles Gesagte wird von einem Beobachter gesagt.

Ein Beobachter ist ein linguierendes Lebewesen.

Alles Gesagte wird linguierend erzeugt.

Realitäten sind Argumente des Konversierens.

Systeme sind linguierend hervorgebrachte, komplexe Einheiten.

"Systemisch" denken heißt, sich auf Systeme zu konzentrieren." (Ludewig 1995 85)

Trotz aller genannten Unterschiede in den verschiedenen Denkrichtungen der systemischen Therapie lassen sich einige gemeinsame Grundauffassungen darstellen: Symptome werden immer als Funktionen komplexer System angesehen, wobei Systeme auf vielen unterschiedlichen Ebenen betrachtet werden können. Der Patient mit seinem Symptom ist immer nur ein Teil der Pathologie, und, um eine Vorstellung von der Gesamtheit des Problems zu erhalten, muß das entsprechende Verhalten aller Mitglieder des betroffenen Systems berücksichtigt werden. Der Patient wird weder als Opfer noch als Täter gesehen, sondern als Teil eines Gesamtsystems, das das Verhalten bestimmt. Das Symptom ist dann nicht mehr nur als Einschränkung zu sehen, sondern auch als Lösung einer für das System problematischen Lösung. Die Therapie richtet sich dementsprechend nicht auf die Veränderung der Persönlichkeit des Symptomträgers, sondern auf die Veränderung der Interaktionsmuster innerhalb des Systems, wodurch das Symptom zur Aufrechterhaltung des pathologischen Gleichgewichts nicht mehr notwendig ist und wie von selbst verschwindet.

"Die Familie richtet ihre Interaktionen an bestimmten Regeln aus, die sie im Laufe der Zeit im Wege von Versuch und Irrtum entwickelt und modifiziert hat. Mit Hilfe dieser Regeln lernen die Familienmitglieder, was in ihrer Beziehung untereinander erlaubt und was verboten ist, bis sich schließlich eine stabile Definition dieser Beziehung herausbildet. Dieser Prozeß führt zur Entstehung eines systemischen Ganzen, das sich durch spezifische Interaktionsmuster am Leben hält, die sich ihrerseits durchaus modifizieren lassen." (Andolfi 1982 26-27, Vgl. Kantor & Lehr 1975)

 

Mensch

 

Systemische Perspektive

 

Autopoietische Systeme

 

Für Humberto Maturana sind Lebewesen Systeme mit einer spezifischen Verknüpfung ihrer Komponenten in der Form einer "autopoietischen Organisation" (Maturana & Varela 1972). Das System lebt, solange seine autopoietische Organisation übereinstimmend mit der Umwelt gewahrt bleibt. "Autopoiese" (Maturana & Varela 1972) meint Selbst-Schöpfung und ist ein Phänomen, das alle lebenden Organismen und ihre sozialen Organisationen charakterisiert (Vgl. Bertalanffy 1968, Zeleny & Pierre 1976, Jantsch 1979). Der von Maturana eingeführte und von Varela weiterentwickelte Begriff kennzeichnet ein System, "/.../ dessen Funktion darauf gerichtet ist, sich selbst zu erneuern - wie sich eine biologische Zelle ständig im Wechselspiel von anabolischen und katabolischen Reaktionsketten erneuert und nicht über längere Zeit aus den gleichen Molekülen besteht." (Jantsch 1979 66)

Der Begriff der Autopoiese umreißt einen bewußt mechanistischen Ansatz, der es ermöglicht, Lebewesen durch ihre Arbeitsweisen zu beschreiben ohne auf äußere Gesichtspunkte zurückzugreifen und geht davon aus, daß es eine Organisationsform geben muß, die allen Lebewesen unabhängig von ihren Komponenten gemeinsam ist. Lebewesen werden mit dem Konzept der Autopoiese als Maschinen gesehen, da es vorteilhaft erschien, die Organisation und die Dynamik von Lebewesen zu betrachten, ohne auf animistische oder vitalistische Prinzipien zurückzugreifen.

"Autopoietische Maschinen sind organisiert (oder als Einheiten definiert) durch Netzwerke der Produktion, Transformation oder Destruktion von Bestandteilen. Sie erzeugen jene Bestandteile, die 1. aufgrund ihrer Interaktionen und Transformationen eben dieses (relationale) Netz kontinuierlich regenerieren und verwirklichen; 2. das Netzwerk (die Maschine) als eine konkrete Einheit im Raum dieser Bestandteile konstituieren, indem sie den Bereich seiner Verwirklichung als Netzwerk topologisch abgrenzen." (Maturana 1982 184)

Der Vorteil dieser komplexen und rekursiven Definition liegt darin, daß nach ihr jedes autopoietisch organisierte System als Lebewesen gilt. Der Begriff der Autopoiese hat bedeutende Konsequenzen für soziale und therapeutische Phänomene, denn er bestimmt die biologischen Bedingungen und Grenzen des Sozialen. Als biologische Systeme sind Lebewesen strukturdeterminiert, autonom, operational geschlossen und zeit- und zwecklos.

 

Charakteristika

 

Biologische Systeme weisen folgende Kennzeichen auf:

Strukturelle Determiniertheit

Die autopoietische Organisation des Lebewesens ist invariant und bleibt konstant, solange es lebt. Sie kann sich durch unterschiedliche Anordnung der Bestandteile und Strukturen verwirklichen, doch die jeweils aktuelle Struktur determiniert, in welchen Grenzen sich ein Lebewesen veränderen kann, ohne seine autopoietische Organisation zu verlieren und damit zu sterben. Anhand seiner Struktur selektiert das Lebewesen Art und Wirkungsweisen der Umweltereignisse, die in ihm Veränderungen auslösen können. Die aktuelle Struktur resultiert aus der jeweiligen Vorgeschichte und prägt die weitere Entwicklung.

Autonomie

Als zusammengesetzte Einheiten sind Lebewesen Systeme, die leben, indem sie sich selbst erzeugen und erhalten. Sie unterliegen dabei nur den Gesetzen, die der aktuelle strukturelle Zustand bei der Wahrung ihrer autopoietischen Organisation bestimmt. Insofern sind sie grundsätzlich selbstgeregelt, also autonom und - gegenüber unbelebten autonomen Systemen - identisch mit ihren Produkten. Lebewesen sind somit grundsätzlich nicht instruierbar, sonder allenfalls verstörbar. Da sie nicht auf der Basis von Input und Output funktionieren können - sie haben keinen Mechanismus, der das erlaubt - lassen sie sich heteronom nicht bestimmten. Das Postulat einer Kausalität, nach der die Veränderung eines Lebewesens zwangsläufig aus gezielten Einwirkungen folgen soll, ist demnach irreführend.

Operationale Geschlossenheit

Ein autopoietisch organisiertes System, das sich selbst konstitutiert und erhält, kann nur mit Eigenzuständen operieren. Es arbeitet selbstreferentiell, indem es seine Eigenzustände rekursiv reguliert, um seine Organisation zu wahren. Lebewesen sind daher operational geschlossen, und sie stützen sich nur auf frühere Eigenzustände, nicht auf äußere Bedingungen. Die Außenwelt ist für ein Lebewesen nur relevant, wenn dieses sie strukturbedingt miteinbezieht.

Zweck- und Zeitlosigkeit

Lebende Systeme genügen nur den eigenen Ansprüchen und verwirklichen stets ihre autopoietische Organisation. Sie folgen weder Zwecken noch Zielen und erfüllen keine Programme oder Funktionen. Derartige Kriterien werden von Beobachtern von außen herangetragen, wenn sie Lebewesen im größeren Kontext betrachten und nach einer sinngebenden Orientierung suchen. Die Begriffe Zweck, Ziel oder Zeit dienen daher einer kohärenten Beschreibung, erfassen aber nicht die interne Funktionsweise von Lebewesen.

Lebewesen sind also von ihrer Struktur her immer schon eindeutig bestimmt. Die Grundprinzipen des Strukturdeterminismus können thesenhaft folgendermaßen auf den Punkt gebracht werden (Vgl. Efran & Lukens & Lukens 1992):

Lebende Systeme sind sich selbst erzeugende Entitäten.

Wissenschaft kann nur strukturdeterminierte Entitäten untersuchen.

Lebende System sind informationell abgeschlossen.

"Objektivität" in Anführungszeichen erinnert daran, daß der Mensch das erzeugt, was er zu wissen glaubt.

Das Leben ist im Grunde genommen eine ziellose Drift.

Überleben erfordert, eine adäquate strukturelle Kopplung mit dem Medium aufrechtzuerhalten.

Alle angeblich rationalen Systeme basieren auf nicht rationalen Ausgangsprämissen.

Sprache ist, biologisch gesehen, eine spezialisierte Form gemeinsamer Handlung, und sie resultiert aus der Erzeugung von Unterscheidungsbereichen

Angesichts der intensiven Rezeption Maturanas in der systemischen Literatur wird an dieser Stelle auf eine vergleichende Gegenüberstellung (Vgl. Dell 1984) mit verwandten Positionen verzichtet.

 

Personzentrierte Perspektive

 

Person

Die Biographie Rogers´ verdeutlicht die Genese seines Menschenbildes, das sich durch die Abgrenzung gegenüber damals favorisierten Ansichten der Psychologie entwickelt hat. Rogers suchte eine Gegenposition einerseits zur protestantischen Tradition - der Sündhaftigkeit des Menschen - und zur Freudschen Konzeption des Es - insbesondere des Todestriebs - und andrerseits zum verhaltenspsychologischen Verständnis von Therapie und Veränderungen, in der der Mensch als Glied in einer unendlichen Kette von Ursache und Wirkung gesehen wird. Rogers liefert zwar leider keine explizite Definition von Person, doch meint er mit "Person" "/.../ immer den ganzen Menschen, den Menschen in seinem ganzen Bestand." (Quitmann 1985 161)

Nach Zottl (Zottl 1980) ist Rogers´ Personbegriff als Synthese eines individualistischen Personbegriffs, wie ihn Sören Kierkegaard vertritt und eines relationalen Personbegriffs, wie ihn Martin Buber repräsentiert, zu werten.

Rogers verwendet immer wieder den Begriff Organismus, wenn er von einer Person spricht, was aber nicht auf die physischen und biologischen Gegebenheiten des Menschen reduziert werden darf, sondern im Sinne Rogers für den gesamten und ganzheitlich gesehenen Menschen steht (Vgl. Schmid 1989). Solch ein Organismus hat für Rogers die Fähigkeit, mit dem gesamten Spektrum der erlebten Gefühle erfüllt zu leben, aber ohne vor diesen Angst haben zu müssen. Er besitzt ein hohes Vertrauen in sich selbst, wobei alle Reize der Umwelt optimal genutzt werden, um seine eigene existentielle Situation so genau wie nur möglich zu erschließen. Weiters hat er die Fähigkeit, offen gegenüber augenblicklichen Erfahrungen und den Auswirkungen des eigenen Handelns zu sein, und er hat die ihm eigenen Möglichkeiten zur Selbstentdeckung und Selbstbestimmung optimal entfaltet. Diesen Vorstellungen liegt ein Vertrauen in den Organismus zugrunde, das Rogers aus der Evolutionstheorie ableitet. Beim Evolutionsprozeß findet sich für Rogers im gesamten organischen Leben eine kreative und nicht eine zersetzende Tendenz. So läßt sich ebenso beim Menschen eine Entwicklung zu immer größerem Bewußtsein beobachten. Auch gibt es - auf organischer wie auch auf anorganischer Ebene - ein Bestreben nach gesteigerter Ordnung und wechselseitiger Komplexität.

 

Selbst

Vom Organismus als Ganzes hebt Rogers das Selbst ab als Wahrnehmung einer Person von sich selbst. Dieses Bild von sich selbst entsteht nach Rogers einerseits aus direkten und eigenen Erfahrungen, die der Mensch vom Anfang seines Lebens an in seiner Umwelt macht, und andrerseits bildet es sich durch fremde Erfahrungen und Wertungen. Rogers´ Konzept des Selbst ist gekennzeichnet durch eine prozeßhafte Verstehensweise. Das Selbst ist nach Rogers ein rückbezüglicher Prozeß, und es ist in einem fortwährenden Kreislauf des Entstehens und Wachsens immer wieder in sich selbst eingebettet. Das Selbstkonzept einer Person verändert sich ständig in Abhängigkeit von der Selbsterfahrung. Für die psychische Gesundheit einer Person ist das Ausmaß an Kongruenz, in diesem Zusammenhang meint Rogers damit die Identität mit den eigenen Erfahrungen, zwischen Selbstkonzept und Körper- und Sinneserfahrungen entscheidend.

"Das Selbst ist ständig auf der Suche nach seinem wahren Selbst, nach seiner eigentlichen Existenz." (Garnitschnig 1984 92)

Garnitschnig (Garnitschnig 1984) beschreibt das Selbst als die Synthese der Erfahrungen, das sich als selbständig und autonom erfährt und sich selbst unter den vielen Möglichkeiten zu dem, was es sein kann und will, bestimmt. Dadurch kann es, indem es die Handlungsmöglichkeiten unter ein Selbstkonzept stellt, sich auch als Identität erfahren. Das Selbst kann sich aber nur in Auseinandersetzung mit anderen und in Anerkennung von anderen voll bewußt werden.

Oft inkonsistente Ausführungen Rogers´ lassen aber ebenso eine Haltung erkennen, die das Selbst des Menschen als eine apriori bestehende Entität sieht, die unabhängig von der Selbstwahrnehmung und der Wahrnehmung der Welt existiert (Vgl. Hirt 1992). Das für Rogers entscheidende Verständnis des Selbst ist trotz logischer Unklarheiten wohl in einer Kombination dieser beiden Konzeptionen zu sehen, wobei Rogers eindeutig stärker zu einer Sichtweise der apriorischen Existenz des Selbst, das sich prozessual ein ganzes Leben lang entfaltet, tendiert.

 

Charakteristika

"Für Rogers ist die Natur des Menschen, sofern er voll entscheidungs- und handlungsfähig ist, "vertrauenswürdig und zuverlässig", "schöpferisch und realistisch", "positiv und konstruktiv" und "auf Sozialisierung hin ausgerichtet". Der Mensch lebt "auf Autonomie und Reife hin". "Er hat die Tendenz /.../ , seine Möglichkeit zu werden", ist "sowohl selbsterhaltend als auch sozial". Zusammengefaßt: Der Mensch hat in einer fruchtbaren Atmosphäre die Freiheit, jede Richtung zu wählen; tatsächlich wählt er jedoch eine konstruktive." (Schmid 1989 102)

Im Menschen ebenso wie in der gesamten Natur gibt es nach Rogers zwei Tendenzen: die Tendenz des Verfalls - der Entropie - und die formative Tendenz des ständigen Aufbaus - der Syntropie - , die ein Bestreben nach gesteigerter Ordnung und wechselseitiger Komplexität repräsentiert. Die Welt wird insgesamt mehr durch kreative und nicht durch zersetzende Prozesse bewegt, und so ist auch der Mensch bemüht, immer komplexere Formen anzunehmen und zu mehr Bewußtsein zu gelangen.

"Die Grundnatur des frei sich vollziehenden menschlichen Seins ist konstruktiv und vertrauenswürdig." (Rogers 1974 176)

Rogers´ Idee eines guten Kerns findet nach Brunner (Brunner 1989) eine interessante Parallele im Vergleich mit der Philosophie des Sokrates. Sokrates gründet auf seiner inneren Stimmen des Daimonion seine Idee der autonomen Persönlichkeit und dem inneren freien Menschen, der das Gute um seiner selbst willen tut. Daraus entwickelt Sokrates die Methode der Maieutik, in der er nicht belehrt, sondern mit einer fragenden Haltung begleitete und damit unausgesprochen antreibt, sich selbst mehr zu erkennen. Die Analogie des rogers´schen Ziels der nondirektiven Selbstexploration und des sokratischen Ziels de Selbsterkenntnis ist schwer von der Hand zu weisen.

Gemäß der humanistischen Prämisse ist nach Rogers die menschliche Natur grundsätzlich als positiv und konstruktiv, vernünftig und zur Selbsterkenntnis fähig anzusehen. Der Mensch entwickelt sich im Laufe seines Lebens selbstregulierend in Richtung auf zunehmende Reife, Selbstverwirklichung und Sozialisation hin. Er tendiert von Natur aus letztendlich immer wieder zum Guten, und Fehlentwicklungen finden ihre Ursachen in einer ungünstigen menschlichen Umgebung. Diese Tendenz zum Guten geht aber nicht so sehr von irgendeiner Art geistiger Kräfte im Menschen aus, sondern vom Organismus. Diese jedem Menschen innewohnende Kraft zum Guten bewirkt, daß sich jeder auf das für ihn größtmögliche Maß an Selbstgestaltung hinzubewegen versucht. Der Blick auf Rogers´ biographische Entwicklung zeigt deutlich die von ihm bezogene Gegenposition zu seiner eigenen amerikanisch-protestantischen Tradition, in der er aufwuchs und die ihn gelehrt hatte, daß der Mensch im Wesen sündhaft sei. Er konnte sich mit diesem Denken niemals identifizieren. Rogers lehnt die Annahme zerstörerischer Triebe im Menschen ab (Vgl. Rogers 1974).

Je verständnisvoller und akzeptierender man Menschen begegnet, desto eher werden sie nach Rogers fähig, ihre aggressiven und destruktiven Seiten positiv in die Gesamtpersönlichkeit zu integrieren. Ungünstige menschliche Umgebung kann dazu führen, daß Menschen nicht fähig sind bzw. werden, all ihre Erfahrungen in ihr Bild von sich selbst zu integrieren, was zu Inkongruenz führt, und somit die Person ihre Ganzheitlichkeit verliert.

 

Selbstaktualisierung

So wie das Selbst für Rogers eher eine apriori bestehende Entität ist, die sich fortwährend entfaltet, ist nach Rogers´ "entwicklungspsychologischer Präformationstheorie" (Baumgartner 1990 467) die gesamte Entwicklung des Individuums die Ausfaltung dessen, was schon in statu nascendi vorhanden ist. Erziehung und Sozialisation werden daran anschließend ausschließlich als Freilegung des Vorhandenen und als Einstimmen auf die Prozesse der Selbstentfaltung des Kindes und Förderung ebendieser aufgefaßt, wobei diese Selbstentfaltung ein immerwährender Prozeß ist. Rogers betont das Werden des Menschen. Es gibt für ihn keinen Endzustand, den eine Person in ihrem Leben erreichen kann. Der Mensch steht in einem Prozeß andauernder Veränderung und kann in diesem seine Fähigkeit, sich in Richtung größerer Reife zu entwickeln, erfahren. Je mehr der Mensch in der Lage ist, innere und äußere Reize bei sich selbst unverzerrt wahrzunehmen, also kongruent zu sein, desto mehr neigt er dazu, sich selbst zu akzeptieren und, daraus folgend, sich nötigenfalls auch zu verändern. Ist der Mensch fähig, sich selbst anzunehmen und möglicherweise auch zu verändern, so entwickelt er sich in die Richtung seiner Vervollkommnung.

Die Grundannahmen des personzentrierten Ansatzes lassen sich in einer zentralen Hypothese zusammenfassen: Das Individuum trägt unbegrenzte Anlagen in sich selbst, sich zu verstehen und zu verändern. Diese Anlagen kann das Individuum nur dann zur Entfaltung bringe, wenn das Individuum in einer Atmosphäre existiert, die sich durch bestimmte Eigenschaften auszeichnet.

"/.../ [Die] Grundnatur des frei sich vollziehenden menschlichen Seins ist konstruktiv und vertrauenswürdig." (Rogers 1983 193)

"Der Organismus strebt nach größerer Differenziertheit, Unabhängigkeit, Selbstverantwortlichkeit und weg von Kontrolle durch externale Kräfte." (Bommert 1979 30)

Der Mensch will sein Grundbedürfnis, positiv, vorwärtsgerichtet und konstruktiv zu sein, fortwährend verwirklichen. Er ist ein selbstverantwortliches Wesen, das in einem Zustand der andauernden Veränderung in Richtung größerer Reife und Funktionsfähigkeit existiert. Er hat die Fähigkeit, für sein Handeln und sein Erleben die Verantwortung zu tragen und sich selbst zu kontrollieren, zu steuern und sein Leben zu meistern. Der Mensch wird von einer grundsätzlichen Ausrichtung auf eine sinnvolle Erfüllung und Realisierung der in ihm ruhenden Fähigkeiten und Möglichkeiten getragen. Hierzu bedarf es aber einer förderlichen Umgebung, die, sollte sie nicht gegeben sein, die im Menschen ruhenden Tendenzen und Bestrebungen zur Selbsterfüllungen behindern, verlangsamen oder aufhalten kann. Der personzentrierte Ansatz verwendet in diesem Zusammenhang die Begriffe der Selbstaktualisierungstendenz, der Selbstveranwortlichkeit, Selbstbestimmung und Selbstgestaltung.

Die Rationalität des Menschen zeigt sich darin, daß er in positiver Weise die Befriedigung seiner verschiedenen Bedürfnisse anstrebt. Diese innere Tendenz zur Selbstaktualisierung ist selbst noch bei aggressivem und destruktivem Verhalten zu erkennen.

 

Vollentwickelte Persönlichkeit

Das Ideal psychischer Gesundheit konkretisiert Rogers in seinem Konzept der "fully functioning person" (Rogers 1974 276), einer sich selbst verwirklichenden und voll handlungsfähigen Person. Diese Vorstellungen von einer imaginierten Person stellen für Rogers einen hypothetischen, in seinen Augen niemals erreichbaren Endpunkt einer persönlichen Entwicklung eines jeden Menschen dar. Rogers´ Modell einer vollentwickelten Persönlichkeit ist am ehesten als ein Symbol zu verstehen, das die Entwicklungsrichtung von Menschen, die positive Erfahrungen in hilfreichen Beziehungen machen, darstellt.

"Er ist imstande, in und mit allen und jedem seiner Gefühle und Reaktionen erfüllt zu leben. Er gebraucht seinen Organismus als Mittel, die existentielle Situation in sich und seiner Umwelt so genau wie nur möglich zu erschließen. Er benutzt alle Daten, die ihm sein Nervensystem zur Verfügung stellen kann; er nutzt sie bewußt, berücktsichtigt aber, daß sein Gesamtorganismus vielleicht klüger sein mag - und oft ist - als sein Bewußtsein. Er läßt seinen gesamten Organismus in all seiner Komplexität funktionieren, d. h. aus einer Vielzahl von Möglichkeiten das Verhalten auswählen, das im jeweiligen Augenblick die umfassendste und echteste Befriedigung bringt. Er kann seinem Organismus vertrauen; nicht, weil dieser unfehlbar wäre, sondern weil er den Auswirkungen jeder seiner Aktionen vollkommen offen gegenübersteht und sie berichtigen kann, wenn sie ihn nicht befriedigen. Dieser Mensch ist in der Lage, alle seine Gefühle zu erleben, statt Angst vor den eigenen Emotionen zu haben. Er bestimmt sich selbst, ist aber für alle Erfahrungen offen; er ist ganz damit beschäftigt, er selbst zu sein und zu werden, und entdeckt dabei, daß er ein psychisch gesunder und wirklich sozialer Mensch ist. Er lebt vollkommen für den Augenblick, aber er lernt, daß das das Vernüftigste für sein Leben ist. Er ist ein sich ganz verwirklichender und handlungsfähiger Organismus, und auf Grund seines Selbstbewußtseins, das sein Handeln kennzeichnet, ist er auch eine sich verwirklichende und voll handlungsfähige Persönlichkeit." (Rogers 1974 277-278)

Das Modell der vollentwickelten Persönlichkeit ist für Rogers die Vorgabe einer Zielrichtung und nicht das tatsächliche Ziel menschlicher Entwicklung. Er möchte sein Idealvorstellungen als Herausforderung verstanden wissen, an der einjeder seinen eigenen Standpunkt finden soll. Wallnöfer (Wallnöfer 1992) charakterisiert eine voll entwickelte Persönlichkeit nach Rogers folgendermaßen:

Offenheit gegenüber neuen Erfahrungen ohne Abwehr;

genaue und differenzierte Symbolisierung von Erfahrungen;

weitgehende Übereinstimmung zwischen Selbststruktur und Erfahrungen;

Beweglichkeit, d. h. Flexibilität des Selbstbildes und der Selbststruktur;

der Ort getroffener Entscheidungen ist vorwiegend das Selbst;

bedingungslose positive Wertschätzung des eigene Selbst;

kreative Anpassung an neue Situationen;

erfolgreiche Steuerung des eigenen Verhaltens, das sich an den eigenen Bedürfnissen orientiert;

möglichst unverzerrte Wahrnehmung der Realität;

Fehlentscheidungen werden zugegeben und korrigiert;

ungehindertes Nehmen- und Gebenkönnen von positiver Wertschätzung;

reife und befriedigende soziale Integration.

Alle beschriebenen Merkmale einer vollentwickelten Persönlichkeit müssen, auch wenn sie, wie z. B. vollständige Kongruenz und vollständige Offenheit für alle Erfahrungen, statisch erscheinen mögen, als Charakteristika eines Prozesses verstanden werden. Die vollentwickelte Persönlichkeit ist ein Individuum, das in einem ständigen Wechsel begriffen ist, und es können daher seine jeweiligen Verhaltensweisen nicht vorhergesagt werden. Das einzige, was vorhergesagt werden kann, ist, daß diese Persönlichkeit sich an neue Situationen adaptieren wird und sich im Prozeß der weiteren Selbstverwirklichung befinden wird.

Rogers selbst hat in thesenhafter Form sein Bild des Menschen in neunzehn Gedanken auf den Punkt gebracht (Rogers 1987, Vgl. Wild 1992). Das Individuum lebt in einer sich andauernd verändernden Welt, deren Mittelpunkt es selbst ist und dieser Organismus reagiert auf die Umwelt als eine Realität, die er subjektiv und selektiv wahrnimmt. Der Mensch kann aus diesem Grund nur aus seinem eigenen Bezugsrahmen verstanden werden. Die meisten Verhaltensweisen des Organismus stimmen mit dem Selbst, das nicht immer aktuell im Bewußtsein ist, überein. Das sich daraus entwickelnde Selbstkonzept ist dasjenige Bild, das der Mensch von sich selbst aufgrund gemachter Erfahrungen, insoweit sie dem Bewußtsein zugänglich sind, hat. Eine vollständige Zulassung aller Erfahrungen ist dem Individuum nur in einer Atmosphäre persönlicher Sicherheit möglich. Ist solch ein Klima nicht vorhanden, werden Erfahrungen verdrängt und das Selbst qualitativ abgewertet. Erfahrungen aus der frühen Kindheit und frühe Entfremdungsvorgänge können eine Kluft und Inkongruenz zwischen dem Selbstkonzept und den aktuellen Erfahrungen des Organismus aufreißen. Der Kongruenz zwischen Selbst und Erfahrung ist eine Schlüsselposition zuzuschreiben. Widersprechen sich gelernte und erfahrene Bewertungen, so entsteht ein Konflikt. Erfahrungen, die dem Selbstkonzept widersprechen, frustrieren die Selbstachtung der Person, die sich durch Leugnung oder Verzerrung dieser frustrierenden Erfahrungen zur Wehr setzt, um dadurch wieder Übereinstimmung mit dem Selbstkonzept und somit Kongruenz herzustellen. Damit keine Kluft zwischen dem Selbst und der Realität entsteht, sind bestimmte Bedingungen notwendig, die vor allem in gelingenden personalen Beziehungen gegeben sind und Sicherheit, Wertschätzung der Person und Übereinstimmung zwischen Selbst und Erfahrungen möglich machen.

 

Sprache

 

Systemische Perspektive

 

Linguieren

Maturana (Maturana & Varela 1972, Vgl. Maturana 1982, Maturana 1988a, Maturana 1990a, Maturana 1990b) bestreitet, daß menschliche Kommunikation allein auf die Benutzung von Sprache, das heißt auf ein fertig vorhandenes Zeichensystem zurückgeht, denn das würde bedeuten, daß Sprache dem Sprechen vorausgeht, und es wäre dann unmöglich zu erklären, wie das System Sprache, das ein hohes Maß an Verhaltenskoordination voraussetzt, überhaupt entstehen konnte. Um die sprachliche Existenz des Menschen zu erklären, muß nach Maturana aufgezeigt werden, wie autopoietische und operational geschlossene Lebewesen ihr Verhalten untereinander koordinieren. Koordination findet nach Maturana dann statt, wenn die notwendigen Anfangsstrukturen der strukturellen Bereitschaft und der Plastiziät gegeben sind, so daß die beteiligten Lebewesen unter Einhaltung ihrer jeweiligen Organisation interagieren und durch Wiederholungen Interaktionsmuster ausbilden können.

Unter einem operationalen Blickwinkel findet Interaktion dann statt, wenn Individuen zusammentreffen und dabei wechselseitig strukturelle Veränderungen auslösen. Durch Wiederholungen kommt es allmählich zur strukturellen Koppelung, wobei sich sensuelle Strukturen der Lebewesen aneinander annähern und Bereiche der Konsensualität bilden. Dieser Prozeß endet, wenn es zu Strukturveränderungen kommt, die den konsensuellen Bereich überschreiten und so keinen Anschluß ermöglichen. Bereiche sinnlicher Koordination bilden sich demnach spontan durch rekurrente Interaktion. Alle Lebewesen können ihr Verhalten mit dem anderer koordinieren, wobei dies nach Maturana ein Wesensmerkmal biologischer Strukturen ist. Die Vielfalt der konsensuellen Bereiche geht je nach der strukturellen Beschaffenheit der beteiligten Organismen aus der Geschichte ihrer Interaktion hervor. Bei Menschen ist sie angesichts der unbegrenzten Kombinationsmöglichkeiten der Sprache potentiell unendlich.

Wenn in menschlicher Interaktion neue Möglichkeiten erprobt werden, öffnet sich ein Bereich der Verhaltenskoordination zweiter Ordnung, den Maturana "Linguieren" (Maturana 1990b) nennt. Dieses Phänomen tritt auf, sofern im konsensuellen Miteinander durch Laute, Gesten etc. eine Form der Verhaltenskoordination, ein Sprachverhalten entsteht, das sich auf andere Verhaltenskoordinationen bezieht und diese steuert oder gar ersetzt. Das Ergebnis ist Sprache im weitesten Sinn. Linguieren bedeutet also, Verhaltenskoordination konsensuell zu koordinieren und Sprache ist damit die konsensuelle Koordination konsensuell koordinierter Handlungen.

Sprache kann sich als selbstreferentielles System nur auf Sprache beziehen. Insofern konstituiert Linguieren einen rekursiv geschlossenen und unentrinnbaren Bereich, der nur durch Schweigen, das nicht zum Thema menschlicher Kommunikation würde, zu verlassen wäre. Die Objekte der menschlichen Welt und der Mensch selbst als Beobachter entstehen in sprachlicher Koordination der Verhaltenskoordination, wodurch sich die Existenz von Objekten nur sprachlich-konsensuell beschreibend nachweisen läßt.

Verglichen mit der Verhaltenskoordination im Bereich des konkreten Handelns ist das Unterscheidungspotential der Sprache prinzipiell unbegrenzt, da sich jede Koordination vielfältig beschreiben läßt. Nach Maturana geht darauf die immense Bandbreite der menschlichen Seinsweisen zurück. Dennoch haben Wörter und Gesten keine eigene Bedeutung, und sie denotieren oder konotieren keine unabhängigen Objekte, sondern sind diejenigen sprachlichen Unterscheidungen, auf die Menschen sich beziehen, wenn von Objekten die Rede ist. Linguieren liegt also der menschlichen Lebensweise zugrunde und bildet damit einen eigenständigen Phänomenbereich, sofern "/.../ ein Beobachter feststellen kann, daß die Objekte unserer sprachlichen Unterscheidungen unserer Sprachsphäre angehören." (Maturana & Varela 1972 226) Der von Maturana oft gebrauchte Aphorismus, "Alles Gesagte wird von einem Beobachter gesagt" (Maturana 1982 8), definiert also das menschliche Sein als sprachliches Miteinander.

Im Sinne koordinierter körperlicher Strukturveränderungen setzt Linguieren voraus, daß die notwendigen biologischen Strukturen unversehrt sind und bleiben. Dennoch ist dieses Phänomen nicht im Organismus angesiedelt, sondern im Bereich zwischenmenschlicher Konsensualität, d. h. Linguieren hat zwar eine physiologische Basis und setzt intakte Strukturen voraus, ist selbst aber kein neurophysiologisches Phänomen.

Menschen sind multidimensionale Systeme mit einer variablen körperlichen Dynamik. Zwischen körperlichen Zuständen und Linguieren herrscht eine Wechselwirkung, die gemäß Maturana durch Emotionen gesteuert wird. Darunter versteht er körperliche Zustände, die das Verhalten disponieren und den Handlungsbereich eines Organismus festlegen.

"Als Emotionen faßt ein Beobachter die körperliche Dynamik eines Lebewesens, die seinen Handlungsbereich spezifiziert." (Maturana 1990a 33)

Leben geschieht im Fließen emotionaler Zustände, die Interaktionen begleiten und ihre Richtung bestimmen. Das Übergehen von einem emotionalen Zustand in den anderen nennt Maturana "Emotionieren" (Maturana 1990b). Erfolgt dieser Übergang konsensuell abgestimmt, spricht er von "Ko-Emotionieren" (Maturana 1990b). In der Verflechtung körperlicher Zustände mit Interaktionen kommt es zu Überschneidungen der spezifisch menschlichen Lebensweise mit der anderer Organismen. Bei diesem "Konversieren" (Maturana 1990b) spielen die gemeinsamen Handlungen eine wichtigere Rolle als die Inhalte. Es ist auch nicht durch den Austausch von Bedeutungen geprägt, sondern durch die Lust am Miteinander, am gemeinsamen Aufbau konsensueller Bereiche, die sich zu einer Interaktionsgeschichte verbinden und den Hintergrund bilden, aus dem das menschliche Leben erst seinen Sinn bezieht.

Die systemische Konzeption des Menschen als linguierendes Lebewesen definiert ihn als biologisch-individuelles und kommunikatives Lebewesen, das zugleich autonom und sprachlich bedingt ist und damit auf andere, ihm ähnliche Lebewesen angewiesen ist. Beide Bestimmungen des Menschen durch seine biologische Struktur und seine Sprachlichkeit ziehen die Grenzen, zwischen denen das Lebensmilieu des Menschen variieren darf, ohne ihm unverträglich zu werden. Konversieren liegt im Zentrum der menschlichen Existenz und erfordert daher die Existenz gleichartiger und autonomer Menschen, denn das Ich entsteht und verwirklicht sich nur im Miteinander mit einem unabhängigen Du, und damit im Wir. Im Unterschied zur tierischen oder rein dinglichen Existenz ist das Wir demnach die Grundbedingung des menschlichen Lebensmilieus. Durch die Logik der Sprache kann der Mensch anders als Tiere auch die existentielle Berechtigung seiner selbst und das Wir negieren, ja sogar die gemeinsame Lebenswelt vernichten. Menschen müssen ihr Miteinander daher über konsensfähige Normen regeln, um die durch Sprache erworbenen destruktiven Neigungen einzudämmen.

 

Sprache und Existenz

Im systemischen Denken besteht der Mensch als lebendes System aus autopoietischen Komponenten, die sich der übergeordneten Organisation Leben unterordnen. Er hat aber den spezifischen Existenzbereich Sprache, der ihn grundlegend von allen anderen Lebewesen unterscheidet.

Emotionen wirken in Maturanas Denkgebäude zunächst als Fremdkörper, da sie sich nicht beobachten lassen und daher der wissenschaftlichen Forschung entziehen. Sie entsprechen aber der Absicht Maturanas, auch Soziales biologisch zu erklären.

Sprachliche Unterscheidungen bringen Einheiten hervor und erzeugen oder konstitutieren Objekte der materiellen oder der geistigen Welt. Die gesamte menschliche Lebenswelt besteht nur aus den Beschreibungen, mit denen Erfahrungen formuliert werden. Zwar lassen sich Erfahrungen nicht vollständig beschreiben, aber der Mensch hat keinen anderen Zugang zu seinen Erfahrungen als über die Sprache. Ob etwas existiert, zielt im Grunde auf das empirische Hervorbringen einer Einheit in Form der Frage, "Aufgrund welcher Unterscheidung läßt sich die beschriebene Erfahrung reproduzieren?", ab. Alle konsensuellen Existenzaussagen stützen sich auf die operationale Reproduktion von Erfahrungen, wobei sich der Mensch in der Regel auf Kriterien seiner sprachlich-konsensuellen Gemeinschaft verläßt.

Die Verwurzelung jeder Einheit in der Unterscheidung, die sie hervorbrachte, hat ontologische Folgen für die Einheit und für den Beobachter. Erstens verleiht das Hervorbringen einer Einheit durch einen Menschen dieser Existenz und weist ihr einen eigenen Existenzbereich zu, in dem sie durch Interaktion erkennbar wird, und zweitens bringt jeder Mensch nur Einheiten hervor, die seiner speziellen, ontogenetisch gewachsenen kognitiven Struktur entstammen und lebt damit in derjenigen Welt, die sein Organismus erzeugt.

Die Grundthesen des systemischen Denkens in Bezug auf Sprache lassen sich nach Ludewig (Ludewig 31995) folgendermaßen zusammenfassen:

Alles Gesagte wird von einem Beobachter gesagt.

Ein Beobachter ist ein linguierendes Wesen.

Alles Gesagte wird linguierend erzeugt.

Realitäten sind Argumente des Konversierens.

Systeme sind linguierend hervorgebrachte und komplexe Einheiten.

 

Multiversa

Jede Welt ist als Produkt eines Lebensprozesses damit einmalig und in sich begründet. Maturana schlägt in diesem Zusammenhang vor, nicht von einem allumfassenden Universum, sondern von vielen verschiedenen, parallelen und vor allem individuellen "Multiversa" (Maturana 1982) zu sprechen. Wenn es einen privilegierten, vom Beobachter unabhängigen Zugang zu einer "wahren" Welt nicht geben kann, läßt sich auch keine Seinsweise "an sich" oder "objektiv" gegenüber anderen als besser, gerechter, menschlicher etc. rechtfertigen. "Realität" existiert nur als "Realität" des Wahrnehmenden. Dieselbe "äußere" Situation kann sich in vielen Realitäten erweisen und keine kann als besser als die übrigen bezeichnet werden. Das Bild der "Realität" ist in einer Weise passend, daß der Mensch in dieser "Realität" überleben kann (Vgl. Segal 1988). Von Glasersfeld drückt das folgendermaßen aus:

"Radikaler Konstruktivismus ist weniger schöpferisch als pragmatisch. Er leugnet keine ontologische "Realität" er spricht dem menschlichen Erfahrenden lediglich die Möglichkeit ab, ein wahres Abbild von ihr zu erlangen. Das menschliche Subjekt kann dieser Welt nur dort begegnen, wo eine Denk- und Handlungsweise das angestrebte Ziel verfehlt - aber bei allen solchen Fehlschlägen gibt es keine Möglichkeit zu entscheiden, ob der Mangel an Erfolg auf eine Unzulänglichkeit des gewählten Zuganges oder auf ein unabhängiges ontologisches Hindernis zurückzuführen ist. Was wir "Erkenntnis" nennen, ist also die Karte der Pfade von Handlungen und Gedanken, die sich zu diesem Zeitpunkt auf dem Kurs unserer Erfahrung als viabel erwiesen hat." (Von Glasersfeld in: Segal 1988 86-87)

 

Personzentrierte Perspektive

 

Gespräch

In der Gesprächspsychotherapie sind für Fehringer (Fehringer 1992) die grundlegendsten Elemente eines Gesprächs das Hören und das Sprechen sowie das Da-sein zweier Personen.

"In der Therapie ist Sprache die Vermöglichung des Werdens. Sprache bringt sich als "Da-sein" zur Auslegung /.../." (Fehringer 1992 368)

Die Grundannahme der Gesprächspsychotherapie ist, daß Persönlichkeitsentwicklung in einer zwischenmenschlichen Beziehung dann möglich wird, wenn die Gesprächspartner bestimmte Haltungen verwirklichen. Als die drei notwendigen und hinreichenden Bedingungen für hilfreiche und förderliche Gespräche gelten nach Carl Rogers folgende drei gleich wichtige und entscheidende Qualitäten, die zumindest einer von zwei Gesprächspartnern wirksam werden lassen sollte:

Empathie, d. h. nicht - wertend, einfühlend sein;

Der Gesprächspartner versucht, sich in die innere Erlebniswelt seines Gegenübers einzufühlen und diese zu spüren. Er bemüht sich "/.../ unter die Haut des anderen zu schlüpfen, /.../ [und] in seinen Schuhen ein paar Schritte in seiner Welt zu gehen." (Tausch&Tausch 1978 1933) Je mehr der Therapeut den Klienten einfühlend versteht, desto weniger direktiv wird er vorgehen und desto größer wird seine therapeutische Fähigkeit sein.

"Empathie bedeutet, die private Wahrnehmungswelt des anderen zu betreten und darin ganz und gar heimisch zu werden. Sie beinhaltet, in jedem Augenblick das Gespür zu haben für die sich ändernden gefühlten Bedeutungen in dieser anderen Person, für Furcht, Wut, Herzlichkeit, Verwirrung oder was auch immer sie erlebend empfindet." (Rogers 1980 79)

Akzeptanz, d. h. respektvoll, warm, sorgend sein;

Respektvoll, herzlich und ohne Einschränkung dem anderen Gegenüberzutreten, wurde von Rogers als weitere entscheidende Variable definiert. Wertschätzung bedeutet vor allem ein "/.../ Akzeptieren des anderen Individuums als eine eigenständige Person, eine Hochachtung vor ihm, dem Wert aus eigenem Recht zukommt." (Rogers 1974 29)

Authentizität, d. h. echt, innerlich, übereinstimmend sein;

Der Gesprächspartner muß sich selbst als mit sich übereinstimmende Person erleben. Sollte sich das Verhalten des einen Gesprächspartners von seinem inneren Erleben und Fühlen fortwährend unterscheiden, so würde solch eine Unechtheit und Fassadenhaftigkeit die positive Entwicklung des anderen Gesprächspartners massiv einschränken. Anstelle einer echten Du-Du-Beziehung käme bloß eine Begegnung einer professionellen Maske mit einer hilfesuchenden Person zustande. Diese Echtheit und Selbstkongruenz wird als die Fähigkeit der Kontaktaufnahme und des In-Kontakt-Seins mit sich selbst charakterisiert, wodurch es in hohem Maße gelingt, wesentliche Anteile seiner selbst, vor allem negativ besetzte, nicht abzuspalten oder zu ignorien. Echtheit bedeutet in diesem Sinne kommunikative Aufrichtigkeit und den Verzicht auf alle Fassadenhaftigkeit. Echtheit führt nach Rogers zu sich selbst, und von da gewinnt der eine Offenheit für den anderen, und beide befinden sich schließlich in einer qualitativ besseren Beziehung.

Diese sogenannten personzentrierten Grundhaltungen und die durch die Verwirklichung dieser Haltungen sich ereignenden Aktivitäten der Gesprächspartner sind nach Rogers die notwendigen und hinreichenden Bedingungen für Gespräche, die einen Prozeß der Verbesserung der Situation und des Wohlbefindens der Teilnehmer in Gang setzen. Die in solchen Gesprächen entstehende Beziehung zwischen den Gesprächspartnern wird nicht nur durch die Inhalte des Gespräch bestimmt, sondern auch durch nonverbale und meist nicht bewußt wahrgenommene Qualitäten.

Wenn also via CMC zwischenmenschliche Beziehungen, in denen Persönlichkeitsentwicklung und ein Gefühl des Wohlbefindens vorhanden sind, möglich sein sollen, so müssen vom Standpunkt des personzentrierten Ansatzes Empathie, gegenseitige Akzeptanz und Authentizität für die Gesprächteilnehmer spürbar sein. Die drei personenzentrierten Variablen sind Eigenschaften, die Personen haben sollen und schreiben der Art und Weise der Sprache an sich keine Bedeutung zu. Im ersten Entwicklungsstadium ging der personzentrierte Ansatz zwar von Gesprächen mit persönlicher Anwesenheit der Gesprächspartner aus, doch haben weitere Forschungen (Vgl. Tausch & Tausch 1978) auch andere Interaktionsformen, wie z. B. Brief oder Telephon, als ebenso wirkungsvoll erwiesen.

 

Dialog

Jedes psychotherapeutische Gespräch ist nach Sullivan (Sullivan 1976) als Dialog ein System von Prozessen der Veränderung. Die Stimme ist dabei neben allen nichtverbalen Aspekten des Austausches der primäre Träger der Kommunikation in einem psychotherapeutischen Gespräch, das in den meisten Fällen auf einer Zweierbeziehung fundiert, wobei je nach Situation und Gesprächsthema immer wieder andere, dem Patienten wichtige Personen in dieser Zweierbeziehung, die Therapeut und zu Therapierender eingegangen sind, ebenfalls präsent sind.

"Für mich stellt sich ein solches Gespräch als Situation der primär stimmlichen Kommunikation einer Zweiergruppe dar, die mehr oder weniger freiwillig entstanden ist und sich stufenweise auf der Basis Fachmann - Ratsuchender entfaltet, um charakteristische Verhaltensmuster im Leben des Analysanden, Patienten oder Ratsuchenden zu klären, welche dieser als besonders belastend oder wertvoll empfindet und von deren Klärung er sich einen Gewinn verspricht." (Sullivan 1976 2)

 

Emotionen

Es ist das Postulat einer psychotherapeutischen Behandlung, durch den Austausch von Worten und Sätzen einen wirksamen Heilungsprozeß zu initiieren. In der Gesprächspsychotherapie wird dieser Heilungsprozeß durch das auf Sprache beruhende Konzept der Verbalisierung emotionaler Erlebnisinhalte, das in der Therapeutenvariable des einfühlenden, nichtwertenden Verstehens zusammengefaßt wird, erreicht. Die Wichtigkeit und die Effektivität dieses Konzepts ist hinreichend empirisch untersucht und im Großen und Ganzen als positiv beurteilt worden (Vgl. Tausch & Tausch 1979).

Gerade der personzentrierte Ansatz mißt zwischenmenschlichen Beziehungen allerhöchste Bedeutung zu und sieht im sprachlichen Ausdruck von Gefühlen eine positive Wirkung auf das Individuum. Rogers legt in seinen Werken das Hauptaugenmerk auf die inhaltlichen Schwerpunkte der sprachlichen Äußerungen seiner Klienten und nicht auf Form und Funktion von Sprache an sich. Eine Facette der Bedeutung der Sprache im therapeutischen Prozeß greift Rogers allerdings explizit heraus, nämlich, daß der Klient entdeckt, daß er vieles nicht ausdrücken kann, "/.../ daß er die Sprache der Empfindungen und der Emotionen erlernen muß, wie wenn er ein Säugling wäre, der das Sprechen lernt; schlimmer noch, oft findet er, daß er eine falsche Sprache verlernen muß, ehe er die richtige erlernen kann." (Rogers 1983 202) Den Grund dieses Defizits sieht Rogers darin begründet, daß sich die meisten Menschen normalerweise nicht sonderlich darum bemühen, "/.../ Symbole und Bedeutungen in der Welt der Empfindungen miteinander zur Deckung zu bringen" (Rogers 1983 201), wohingegen kognitive Inhalte meist sprachlich sehr genau gefaßt werden können. In der ersten Phase der Therapie werden nach Rogers hauptsächlich Probleme und Symptome zur Sprache gebracht, aber im weiteren Verlauf wird mehr und mehr Verständnis für die Hintergründe der Handlungen geäußert, Gegenwärtiges mehr als Vergangenes bearbeitet, immer mehr positive Gefühle ausgesprochen und in zunehmendem Maße Zukunftsperspektiven, die von neuen Einsichten in die gegenwärtige Situation geprägt sind, in den Mittelpunkt gerückt.

 

Verbale Welt

Das Rollengefüge und die Beziehung zwischen Therapeut und Klient sowie das personzentrierte Arbeitsbündnis und das therapeutische Setting sind nach Scobel (Scobel 1983) die wichtigsten Bedingungen, die den Rahmen für die Bearbeitung seelischer Prozesse und die Behebung krankmachender Vorgänge im Klienten schaffen. Diese Faktoren bestimmen den therapeutischen Dialog und das Gesprächsangebot des Therapeuten und konstituieren die auf die Bearbeitung seelischer Inhalte zugeschnittene Realität der klientenzentrierten Psychotherapie. Gemeinsam schaffen dadurch der Therapeut und der Klient eine für den jeweiligen Klienten spezifische verbale Welt. Diese sprachliche Welt der Gesprächspartner ist für die beiden Menschen genauso real wie die Welt der sinnlich wahrnehmbaren Dinge, und in beiden Welten korrelieren Wahrheit und Wirklichkeit.

Die moderne Linguistik hat aufgezeigt, daß Denken und verbale Kommunikation ohne das Symbolsystem Sprache nicht möglich sind. Sprache bestimmt das Denken und umgekehrt, denn beide Phänomene sind untrennbar miteinander verbunden. Jede Sprache, jeder Dialekt, jede Überlieferung einer Sprachgemeinschaft enthält eine spezifische Auffassung, Ansicht und Struktur von Welt. Wortschatz und Struktur einer Sprache bestimmen das Symbolisationsvermögen, das Bewußtsein und die Wahrnehmungs- und Gedankenmuster, nach denen die Welt erkannt und gehandhabt wird. (Vgl. Whorf 1956) Dies trifft auch auf die Bedeutung von Sprache in der Gesprächspsychotherapie zu.

"Durch die gegenseitige Beeinflussung von Klient und Therapeut im psychotherapeutischen Dialog, im Miteinander-Sprechen, durch die Kraft des klientenzentrierten Sprechens (=Verbalisieren) und durch die darin zum Ausdruck kommende Theorie, Orientierung und Überzeugung des Psychotherapeuten wird die verbale Welt der klientenbezogenen Therapie über die Vorbereitung durch außersprachliche Faktoren hinaus unwiderruflich definiert und wirklich-gesetzt, wird die verbale Welt der Psychotherapie - das Gesprochene zwischen Klient und Therapeut - zur faktischen, zur tatsächlich vorhandenen Realität der Beteiligten: und zwar zu ihrer besonderen Welt, die erst einmal nur für die Psychotherapiestunde und die jeweils beteiligten Individuen gilt." (Scobel 1983 95-96)

Personzentrierte Psychotherapie konstruiert also ebenfalls eine spezifische Welt und Sichtweise der Realität durch die Schaffung neuer bzw. die Betonung bestimmter alltagssprachlicher Begriffe. Durch das Zusammentreffen zweier je eigener verbaler Welten von Therapeut und Klient und das erneute In-Beziehung-Setzen dieser beider Welten zueinander werden in der Gesprächspsychotherapie Prozesse der Veränderung in Gang gebracht, die eine den jeweiligen Zustand verbessernde und in diesem Sinne heilende Wirkung auf den Klienten haben.

Das Sprechen des Therapeuten unterscheidet sich vom alltagssprachlichen System durch die besonders trainierte Fähigkeit, so intensiv wie möglich zuzuhören, um selbst das bloß Angedeutete und Gedachte wahrzunehmen. Nach Rogers ist alltagssprachliche menschliche Kommunikation durch Bewertungen, Beurteilungen und Mißbilligungen geprägt, was einem tiefgreifendem und grundlegendem Verständnis der beiden miteinander Sprechenden im Weg stünde. Der klientenzentrierte Therapeut versucht, jede Bewertung oder Mißbilligung zu vermeiden und seinem Klienten statt dessen eine echte, warmherzige und offene Wertschätzung entgegenzubringen, ihn rundherum positiv zu sehen und zu bewerten und mit dem Klienten gemeinsam vor allem durch das Verbalisieren emotionaler Erlebnisinhalte des Klienten ein intentionales und zielgerichtetes System gesprochener Sprache zu schaffen. Im therapeutischen Prozeß wird damit die verbale Wirklichkeit des Klienten beeinflußt und auch korrigiert, die psychischen Störungen des Betroffenen werden zutage befördert und der Prozeß eines angemessenen und konfliktlösenden Bedeutungswandels angestrebt. Sprache wird somit zum eigentlichen Instrument des Prozesses der Selbstexploration des Klienten.

 

Beziehungen

 

 

Systemische Perspektive

 

Kommunikation

 

Beschreibung

"Kommunikation ist Austausch von Information mit dem Akzent darauf, daß sich ein Individuum A durch die von irgendeinem anderen Individuum B ausgehenden Informationen angesprochen fühlt, ein Umstand, der schon durch die Offenheit des Menschen für Informationen ständig eintreten kann. Die Information ist für A zur Mitteilung geworden, ihre Bedeutung hat ihre Wirkung auf ihn." (Merl 1987 111)

Da der Begriff System die Bezogenheit der Teile impliziert, ist Kommunikation im systemischen Ansatz als Hauptkennzeichen von Systemen aus kommunizierenden Teilen, hier besonders sozialer Systeme, anzusehen. Eine Voraussetzung der Kommunikation im System ist das Vorhandensein einer gemeinsamen Sprache, d. h. einer semantischen Gemeinsamkeit, welche dann die pragmatische Gemeinsamkeit des Systems schafft. Die Wirkung im System ist der verläßlichste Indikator dafür, daß ein Mitteilungsaustausch stattfindet und demnach ist auch alles Mitteilung, was wirkt.

Verbal-Nonverbal

Nach Watzlawick, Beavin und Jackson ergibt sich aus der Übereinstimmung darüber, "/.../ daß alles Verhalten in einer zwischenpersönlichen Situation Mitteilungscharakter hat, das heißt Kommunikation ist, /.../, daß man, wie immer man es auch versuchen mag, nicht nicht kommunizieren kann. (Watzlawick & Beavin & Jackson 1969 51)

Damit Kommunikation zustande kommen kann, müssen nach Ansicht der drei Autoren ein Übermittler, ein Empfänger und eine Botschaft vorhanden sein. Die Botschaft besteht aus einem Inhalt, der gewöhnlich mit Hilfe der Sprache, vor allem verbal, zum Ausdruck gebracht wird, und einer Form, die sich in nichtverbalen Modalitäten äußert und Informationen über das Verhältnis der Kommunikanten untereinander und über den Kontext liefert. Zur analogen oder nonverbalen Kommunikation gehören Körperbewegungen sowie Tonfall, Sequenz, Rhythmus und Kadenz der Worte und die räumliche Anordnung der beteiligten Personen. Phylogenetisch betrachtet, ist die nonverbale Kommunikation ein primitiveres Phänomen, das sich auch unter Tieren und in den frühen Phasen der menschlichen Entwicklung beobachten läßt. Gewisse Formen der nichtverbalen Kommunikation sind universal und gehören in die Kategorie der neurophysiologischen Reflexe.

Inkongruenz

Nichtverbale Sprache bestätigt nach Scheflen (Scheflen 1976) entweder die verbale Mitteilung oder widerspricht ihr, denn Menschen geben, sobald sie miteinander kommunizieren, Informationen über einen bestimmten Inhalt und zugleich über ihr gegenseitiges Verhältnis ab. Jede Kommunikation beinhaltet demnach etwas über das Verhältnis zwischen dem Menschen, der die Botschaft abgibt, und demjenigen, der sie empfängt. Wenn der verbale Inhalt einer Botschaft immer kongruent kommentiert würde, dann wäre jede solche zwischenmenschliche Beziehung deutlich definiert. Im Alltag aber geben Menschen häufig Bestätigungen ab, die eine Beziehung in einer bestimmten Weise definieren und widersprechen dieser Definition im selben Atemzug durch ein anderes Verhalten, das sie leugnet.

Raum

Raum ist nach Christiansen (Christiansen 1972, Vgl. Duhl & Kantor & Duhl 1973) im systemischen Betrachtungsfeld zwischenmenschlicher Kommunikation mehr als eben nur eine Gesamtheit geometrischer Beziehungen. Er ist Ausdruck einer essentiellen Seinsweise, da jede Handlung sowohl eine Veränderung des Raumes, den der menschliche Körper innerhalb des ihn umgebenden Raumes beansprucht, als auch eine zunehmende Öffnung der inneren Welt des Menschen bewirkt, die letztendlich zur Entstehung der individuellen Identität in einer zunehmenden Differenzierung und Bestimmung des inneren und äußeren Raumes notwendig ist. Raum ist im systemischen Ansatz eine dem Menschen mitgegebene und universale Dimension seines expressiven und sozialen Verhaltens. Der Raum definiert das Territorium des Individuums, einen Ort, der dem einzelnen gehört, an dem es sich selbst finden und zugleich seine Beziehungen zu anderen Menschen aushandeln kann.

 

Beziehung und Kommunikation

 

Als Mitteilungsaustausch in Systemen ist Kommunikation wesentlich am Aufbau und der Erhaltung von Beziehungen beteiligt. Sie stellt gewissermaßen das Medium dar, mit dessen Hilfe die Koppelung von Individuen möglich und erhalten wird. Der Aufbau einer Beziehung über Kommunikation erfolgt über den Anstoß, der durch die Mitteilung des einen Individuums an das andere gegeben ist und die Wirkung, die dadurch beim zweiten Individuum ausgelöst wird. Besteht seitens des Individuums, an das die Mitteilung ergangen ist, ein Interesse an der Fortsetzung des Austausches, so kann sich aus diesem ersten Keim der Kommunikation eine Beziehung entwickeln. Zum Mitteilungsaustausch tritt also ein durch ihn erwecktes Interesse mit ins Spiel, welches den Austausch fördert und aufrechtzuerhalten imstande ist. Dieses Interesse konstituiert die Beziehung und jeweils einen persönlichen Hintergrund. Mit fortschreitender Entwicklung der Beziehung lassen sich Gesetzmäßigkeiten am Mitteilungsaustausch und damit die zunehmende Festigkeit der Beziehung erkennen. Diese Gesetzmäßigkeiten werden als Entstehung einer gemeinsamen Definition der Beziehung und des Problems der Kontrolle der Beziehung, d. h. wer bestimmt, was in der Beziehung geschieht, beschrieben. Die gemeinsame Definition der Beziehung entsteht als Ausdruck einer im Verlauf des Mitteilungsaustausches erreichten Einigung darüber, welche Verhaltensweisen, d. h. Mitteilungen in der Beziehung zugelassen sein sollen und welche nicht. Das Bestreben, eine gemeinsame Definition zu finden, zeigt an, daß über die Interaktion ein Interesse geweckt worden und im Wachsen ist, welches der Beziehung Stabilität zu verleihen imstande ist.

Sobald eine Beziehung konstituiert ist, d. h. das Interesse daran sie organisiert hat, zeigt der dabei bestehende und fortgesetzte Mitteilungsaustausch an, daß er je nach Kontext verschiedenen Regeln gehorcht. Von diesen den Mitteilungsaustausch regulierenden Kommunikationsregeln sind die die Beziehung charakterisierenden strukturgenetischen Regeln zu unterscheiden. Kommunikationsregeln können als "/.../ befolgbare Verschreibung, welche angibt, welches Verhalten in bestimmten Kontexten obligat, bevorzugt oder verboten ist /.../" (Shimanoff 1980 57) , und ihre Funktion als eine, die "/.../ Verhalten regulieren, interpretieren, auswerten, rechtfertigen, korrigieren, vorhersagen und erklären kann/.../" (Shimanoff 1980 83) definiert werden. Regelbestimmtes Verhalten ist demnach als solches zu erkennen, wenn es kontrollierbar, d. h. der Kontrolle dessen, der es zeigt, unterstehend und kritisierbar, d. h. von denen, denen es gezeigt wird, beurteilt werden kann und kontextbezogen ist.

Der Unterschied zwischen Kommunikations- und Beziehungsregeln liegt darin, daß an jeder Mitteilungsebene ein Inhalts- und ein Beziehungsteil zu finden ist, d. h. eine Instruktion an den Empfänger, als welche Art von Mitteilung er die betreffende Mitteilung zu verstehen habe. Damit ist jede Sendung letztendlich als Mitteilung über die Beziehung, in der der Sender dieser Mitteilung zu stehen wünscht, zu verstehen. Während Kommunikationsregeln kontextbezogen und damit kontextabhängig sind, weist der Beziehungsanteil der Mitteilungen, die ihr gemäß stattfinden, darauf hin, daß eine bestimmte Beziehung besteht, deren Regelung je feststehender ist, desto länger die Beziehung in bestimmter Form besteht, und die daher kontextunabhängig ist. Die Verbindung zwischen ihnen stellt der Beziehungsanteil der Mitteilung her. Das Wechselspiel zwischen Beziehung und Kommunikation läßt sich folgendermaßen verdeutlichen: Während die Beziehung eine interessensbezogene geregelte Verbindlichkeit darstellt, die über die Kommunikation entsteht, ist die Kommunikation in den verschiedenen Kontexten der ständige Einfluß, der diese Verbindlichkeit bestätigt. Kommt es aus irgendwelchen Gründen zum Anstoß, diese Verbindlichkeit zu verändern, so geschieht dies über die Kommunikation. Die Änderung der Verbindlichkeit wirkt dann auf die Ebene der Kommunikationsregeln zurück und modifiziert diese entsprechend, so daß jetzt in verschiedenen Kontexten gegenüber vorher veränderte Formen des Mitteilungsaustausches möglich sind, wie sich besonders am Kriterium der Kritisierbarkeit zeigt.

 

Personzentrierte Perspektive

 

Begegnung

Der personzentrierte Begriff der Person ist eng verbunden mit dem Begriff des "encounter" (Rogers 1974). Ein Konstituum der Person ist die Begegnung mit anderen, die letztendlich erst Wachstum und Reifung ermöglicht. Jedes echte und einfühlende Gespräch bezeichnet Carl Rogers als encounter, als Begegnung zwischen zwei Personen. Begegnung ist für Rogers die ultimative personale Form der Beziehung. Eine Begegnung ist mehr als eine soziale Beziehung, die man herstellt, sie ist mehr als bloße Interaktion, und sie ist die dem personalen Sein adäquate Beziehung, die sich nur durch Sprache, durch das Wort vollziehen kann.

Rogers befindet sich in enger Verwandschaft zu Martin Buber, indem er Begegnung als die Verbindung der Gesprächspartner als Miteinandersein sieht.

"Ein wirkliches Gespräch, /.../, eine wirkliche Lehrstunde, /.../ - das Wesentliche davon vollzieht sich nicht in dem einen und dem anderen Teilnehmer, noch in einer beide und alle anderen Dinge umfassenden neutralen Welt, sondern im genauesten Sinn zwischen beiden, gleichsam in einer nur ihnen beiden zugänglichen Dimension." (Buber 1961 167-168)

Die bedeutendste Erscheinungsform zwischenmenschlicher Begegnung bildet dabei sowohl für Buber als auch für Rogers der Dialog. Nur diese personale Begegnung fördert das Persönlichkeitswachstum und bestätigt den Menschen in seinem Wert als Person. Wahrhaftige Begegnungen können zu Gefühlen der Präsenz oder Gegenwärtigkeit führen, die Rogers zu den einzigartigsten Erlebnissen seines Lebens zählte. Diesen Momenten der tiefsten Berührung zweier oder mehrere Menschen schrieb er einen spirituellen und mystischen Charakter zu.

"Wenn ich als Gruppenhelfer oder als Therapeut /.../ meinem inneren, intuitiven Selbst ganz nah bin, /.../ dann ist einfach meine Gegenwart befreiend und hilfreich. In solchen Augenblicken scheint es, daß mein innerer Sinn sich hinausgestreckt und den inneren Sinn des anderen berührt hätte. Unsere Beziehung transzendiert sich selbst und ist Teil von etwas Größerem geworden. Tiefes Wachstum und Heilung und Energie sind gegenwärtig." (Rogers 1991 242)

Das Phänomen der Begegnung kann weder absichtlich herbeigeführt werden, noch ist es empirisch untersuchbar, sondern Begegnung meint eine Qualität der Beziehung, die durch ein Gespräch entsteht. In Momenten, in denen die mystisch-spirituelle Qualität einer Begegnung erfahrbar wird, und die sicherlich nicht Alltagsgeschehen sind, kommen die beteiligten Personen unmittelbar in Kontakt mit sich selbst und ihrem selbstschöpferischen Kern. Ein gegenseitiger Wachstumsprozeß in einer Begegnung geschieht in dem Maße und in der Tiefe, wie sich die Gesprächspartner auf sich selbst und den anderen einlassen.

Personzentriertes Arbeiten hatte, ganz im Widerspruch zum eigenen ganzheitlichen Menschenbild, allzu lang den Körper vernachlässigt (Vgl. Schmid 1994). Nach dem Personbegriff des personzentrierten Ansatzes ist aber der Körper unabdingbar für das personzentrierte Verständnis von Person, und so auch für das Verständnis von Begegnung. Begegnung kann sich nicht ohne Sprache, d. h. ohne nonverbale und verbale Kommunikation vollziehen und somit ist Begegnung auf den Körper ebenso wie auf das Wort angewiesen.

 

Dimensionen

 

 

Gegenwärtigkeit

Zum wichtigsten Moment einer personzentrierten Begegnung gehört es, den anderen im Hier und Jetzt entgegenzutreten und nicht in der Vergangenheit zu leben oder sich der Zukunft entgegenzusehnen.

"Nur für den, der offen in der Gegenwart lebt, wird die Gegenwart des anderen erfahrbar, und es kann zur Begegnung kommen /.../." (Schmid 1992 15)

In und durch die Betonung der Gegenwärtigkeit der therapeutischen Situation ist das existentiell Bedeutsame wirklich auch zur Geltung gebracht. Die Echtheit und Wahrhaftigkeit des Augenblicks erhält sowohl von der Problematik her als auch als Partnerschaft und Begegnung den ihr gebührenden und nur so den der Würde des Menschen entsprechenden Platz. Gegenwart erhält zentrale Bedeutung für Rogers und wird zum Komplement der theoretischen Konzeptionen von Selbst und Organismus.

"Der einzig wichtige Aspekt ist die innere Erkenntnis des totalen, einheitlichen, unmittelbaren, augenblicklichen Zustandes des Organismus, der ich bin." (Rogers 1983 202)

Andersartigkeit

Jede Gemeinsamkeit in der gegenseitigen Vergegenwärtigung in der personzentrierten Konzeption von Begegnung ist aber auch von immerwährendem Abstand gekennzeichnet. Die andere Person bleibt als das Gegenüber immer auch ein Anderes und ein Anderer und bietet damit Widerstand.

"In der Begegnung begegnen sich Gegner, die von ihrer Unterschiedlichkeit leben, damit nicht Pseudo-Freunde enttäuscht zu vernichtenden Feinden werden. Die Aussage "Ich verstehe Dich" ist affektlogisch unmöglich, erniedrigt "Dich" zum Objekt. Statt dessen: eine Beziehung wird dadurch zur Begegnung, daß beide sich selbst aneinander besser verstehen." (Dörner & Plog 1994 10)

Es sind immer mindestens zwei Menschen nötig, um die Tiefe einer Person voll auszuschöpfen. Begegnung ist ein einander Gegenübertreten zweier Personen. Eine Begegnung wendet sich gegen vorschnelles und billiges Klassifizieren einer Person und versucht statt dessen, auch die Andersartigkeit des Anderen staunend zu erfahren.

Erlebnisfähigkeit

Die im personzentrierten Ansatz nach Carl R. Rogers beschrieben Grundhaltungen der Wahrhaftigkeit (Authentizität, Kongruenz), der bedingungslosen Wertschätzung und des einfühlenden Verstehens (Empathie) fördern die oben genannten Dimensionen einer echten Begegnung zwischen Menschen. Rogers war der Überzeugung, daß diese Haltungen, die in jedem Menschen als Potential vorhanden sind, gefördert und zur Entfaltung gebracht werden können.

Der Andere, der immer auch das furchteinflößende, weil eben unbekannte Andere repräsentiert, wird in einer echten Begegnung nicht länger als die eigene Existenz bedrohend erlebt, sondern das Erleben einer Andersartigkeit der begegnenden Person wird als bereichernd erfahren, denn nur im unmittelbaren offenen und gegenwärtigen Erleben ist es möglich, den Reichtum der Einzigartigkeit des Anderen zu erfahren.

Erkenntnis

 

 

Systemische Perspektive

 

Erkennen und Realität

Die Kognitionstheorie des Neurobiologen Maturanas kristallisiert sich in folgenden vier Thesen (Maturana & Varela 1987, Vgl. Ludewig 1995):

Menschliches Erkennen ist ein biologisches Phänomen, das nicht durch die Objekte der Außenwelt, sondern durch die Struktur des Organismus determiniert ist.

Menschen haben ein operational und funktional geschlossenes Nervensystem, das nicht zwischen internen und externen Stimuli differenziert und daher sind Wahrnehmung und Illusion, d. h. innerer und äußerer Reiz, im Prinzip für den Menschen nicht unterscheidbar.

Menschliche Erkenntnis resultiert aus individuellen Erfahrungen und ist als Leistung des Organismus grundsätzlich subjektgebunden und damit unübertragbar.

Der Gehalt kommunizierter Erkenntnisse richtet sich nach der biologischen Struktur des Adressaten.

Dieser Ansatz hat drei wissenschaftstheoretische Konsequenzen: Erstens ist Erkennen damit weder eine getreue Abbildung einer vom Erkennenden unabhängigen Realität, noch eine willkürlich Konstruktion, sondern dient vielmehr der Lebenserhaltung und entspricht damit den strukturellen Möglichkeiten und dem jeweiligen Zustand des Erkennenden. Zweitens übersteigt damit die traditionelle Forderung nach Objektivität als Entsprechung von Außen und Innen, der adaequatio rei et intellectus, die Erkenntnismöglichkeiten des Menschen. Die genannte Gebundenheit des Erkennens an Struktur und Zustand des Erkennenden beschränkt das Kriterium der Objektivität auf kommunikative Aspekte. Drittens ist Kommunikation ein fortlaufender und immer wieder erneuerungsbedürftiger Prozeß, dessen Effizienz und Informationsgehalt nur der Adressat bestimmt. Die Gleichheit der strukturellen Zustände von Sender und Empfänger läßt sich weder gezielt herbeiführen, noch von einem Beobachter feststellen und entfällt daher als Kriterium der wissenschaftlich Erkenntnis.

Statt objektiver Realität erforscht die Wissenschaft daher die biologische Struktur dessen, der eine Welt erschafft. Der Wissenschafter wendet sich also dem Beobachter zu, nämlich sich selbst, der sich im Akt des Beobachtens konstitutiert, und Erkenntnis dringt nicht in verschlossenes Neuland ein, sondern vielmehr beschreibt und kartographiert sie dieses. Wenn Maturana feststellt, daß "/.../ alles was gesagt wird, von einem Beobachter gesagt wird /.../" (Maturana 1982 8), so stellt er damit grundsätzlich fest, daß erstens nichts wirklich objektiv beobachtbar ist, und zweitens das Beobachtete das Ergebnis der Verarbeitung durch den aufnehmenden Apparat des Beobachters ist, und damit nicht primär das Beobachtete darstellt, sondern die Arbeitsweise des Apparats des beobachters widerspiegelt. Beobachten ist damit schon Interaktion und damit stark subjektiv. Die menschliche Sicht der Welt gibt also nicht die Welt per se wieder, sondern diese eine Welt, so wie sie vom Menschen im Sinne eines Bildes, einer Landkarte von ihr, in deren Konstruktion er sich selbst verewigt, gerade gesehen wird. Um eine Welt zu verstehen, benötigt es also eine Beschreibung des Beschreibers und damit eine Theorie des Beobachters, die auch den Beobachter des Beobachters zu umfassen hat. Alles Beschreiben ist im Grunde ein Unterscheiden, sei es zwischen Objekten, zwischen Objekt und Hintergrund oder Objekt und Nichtobjekt. Beschrieben werden immer die Relationen oder Interaktionen des Gegenstandes mit anderen.

"Ein Gegenstand ist für einen Beobachter, was er beschreiben kann. Beschreiben heißt, die tatsächlichen oder möglichen Interaktionen und Relationen des Gegenstands aufzuzählen." (Maturana 1982 34)

Nach Bateson (Bateson 1978, Bateson 1979, Bateson 1980) sieht der Mensch nicht die Dinge an sich, sondern als etwas von dem jeweiligen Hintergrund Verschiedenes. Dies führt zu Batesons oft rezipierten Satz:

"/.../ Die elementare Informationseinheit ist eine Unterschied, der einen Unterschied macht." (Bateson 1980 453)

Bateson benutzt den Begriff "Unterschied" zur Kennzeichnung einer Veränderung, die durch einen Unterschied im Zeitpunkt hervorgebracht wurde. In der Nachfolge (Vgl. Andersen 1990) wird Unterschied nochmals differenziert: Es gibt drei Arten von Unterschieden, 1. den zu geringen, 2. den zu starken und 3. den angemessenen. Nur der Letztere wird vom Menschen positiv und gewinnbringend wahrgenommen. Beim Beschreiben erzeugt der Beobachter Unterschiede in der einzigen ihm dafür zur Verfügung stehenden Weise der Sprache. Er zählt die Interaktionen auf, die er mit den erzeugten Unterschieden durchlaufen kann. Die Grundelemente der menschlichen Welt sind also Beschreibungen, und Unbeschriebenes, d. h. sprachlich nicht Unterschiedenes, existiert darin nicht. Die Sphäre des Beschreibens kann nicht verlassen werden, da jeder Versuch, die Sphäre des Beschriebenen zu verlassen und die Sache selbst zu erreichen wieder in eine weitere Beschreibung mündet.

"Beim Nachdenken über diese Dinge entdecke ich, wie oft uns die Sprache dazu verführt, die Beschreibung der Beschreibung eines Phänomens mit der Beschreibung des Phänomens selbst zu verwechseln." (Maturana 1982 15)

Alle Beschreibungen weisen auf ihren Urheber zurück, indem sie dokumentieren, wie er beobachtet, und somit ist Beschreiben selbstreferentiell und vollzieht sich in einem geschlossenen Feld rekursiver, auf sich selbst zurückwirkender Operationen. Menschliches Erkennen basiert daher auf einem endlosen, rückbezüglichen Prozeß des inneren Errechnens von Eigenzuständen des Erkennenden, der einen kognitiven Bereich konstituiert. Aus diesem Grund meint Maturana, man dürfe nicht mehr einfach von Objektivität sprechen, sondern exakter wäre es, das Wort Objektivität immer in Anführungszeichen zu setzen bzw. immer von "Objektivität in Klammern" (Maturana 1982 93) zu sprechen.

Beliebigkeit und Intransparenz im zwischenmenschlichen und wissenschaftlichen Diskurs kann jedoch durch das pragmatische Kriterium der "kommunikativen Brauchbarkeit" (Ludewig 1995 59) begrenzt werden.

"Brauchbarkeit heißt /.../, daß eine Erkenntnis von Menschen mit gleichen Nützlichkeits- oder Geltungskriterien als nachvollziehbar, effektiv und gewinnbringend bewertet wird." (Ludewig 1995 60)

Dieses Kriterium ist erfüllt, wenn Sprecher und Adressat ihr zielgerichtetes Vorgehen durch Austausch optimal koordinieren können. Eine Erkenntnis ist daher kommunikativ brauchbar, wenn sie sich beschreiben und mitteilen läßt, eine angestrebte Koordination fördert und einen Zugewinn gegenüber anderen Erkenntnissen oder der Unkenntnis bedeutet.

 

Erkennen und Verhalten

Wer menschliches Erkennen beurteilen will, muß gemäß dem systemischen Ansatz zwei unabhängige Elemente seiner Kognition - Lebewesen und Milieu - als Einheit behandeln. Dabei grenzt er den eigenständigen Phänomenbereich des Lebendigen von denen der Physiologie und des Verhaltens ab, um keine unzulässigen Reduktionen vorzunehmen. Maturana und Varela fassen den inneren Zusammenhang zwischen Kognition und Verhalten in einem Aphorismus zusammen:

"Alles Tun ist Erkennen und alles Erkennen ist Tun." (Maturana & Varela 1987 32)

An der Nahtstelle zwischen Lebewesen und Milieu situiert, hat das Erkennen zwar eine physiologische Basis, läßt sich aber nur aus der Beschreibung erschließen. Der Beobachter spricht von Erkennen, wenn er aufgrund seiner Kriterien feststellt, daß ein Lebewesen effizient handelt. Stellt er Inkongruenzen zwischen Verhalten und Eigenart des Milieus fest, schließt er auf fehlendes oder mangelhaftes Erkennen, und, wenn ein Lebewesen effizient handelt, kann der Beobachter schließen, daß es seine Welt angemessen hervorgebracht hat.

Intern gesehen, erkennt ein Organismus jedoch nicht, sondern hält nur die Relation zwischen seinen Zuständen, z. B. den sensorischen und motorischen Prozessen, konstant. Die Konzeption, daß Beobachten immer Unterscheiden heißt, kann präzisiert werden, indem physiologisch betrachtet, das Nervensystem stets Unterschiede in den Relationen zwischen seinen Zuständen verarbeitet. Im psychischen Bereich erlebt der Beobachter manche Unterschiede, die aus seinen organischen Funktionen resultieren, als Erfahrung. Formuliert der Beobachter einige seiner Erfahrungen sprachlich, erzeugt er damit diejenigen Einheiten, aus denen seine Welt besteht, nämlich Beschreibungen. Dazu gehören sowohl die intern beschriebenen Erfahrungen, die die Elemente des psychischen Systems der Innenwelt konstituieren, als auch die kommunikativ mitgeteilten, die den sozialen Bereich und so die gemeinsamen Welten gestalten. Manche Beschreibung verbindet den Beobachter nach festgelegten Regeln mit anderen und liefert damit Erklärungen.

 

Erkennen und Kommunikation

Da nach dem systemischen Ansatz menschliches Erkennen auf Beobachtung beruht, die nur als Beschriebene zugänglich ist, wobei sich Beobachten und Beschreiben in einem geschlossenen Feld der Kognition vollziehen, erzeugen Menschen ihre kognitiven Realitäten prinzipiell individuell. Doch alle Beschreibungen gehen daraus hervor, daß der Mensch als sprachliches Wesen ein kommunizierendes ist. Der Mensch ist also sowohl mit anderen gekoppelt und koordiniert, als auch aufgrund seiner biologischen Struktur alleine, und er ist als einsamer Erzeuger seiner Realitäten von einer unabhängigen Außenwelt ebenso ausgeschlossen wie von der Psyche anderer Menschen. Allerdings kann er als kommunikatives Wesen mittels der Sprache begreifen, beschreiben und somit erkennen, daß es andere, ihm strukturell gleichartige Menschen gibt, mit denen er kommuniziert, und er schließt daher sowohl auf das Solitäre seiner Existenz als auch auf die Existenz eines unabhängigen Du. Solch eine Ich-Du-Relation begründet den Bereich gemeinsamen Erlebens, aus dem das Soziale erwächst, und vor diesem Hintergrund lebt der Mensch in der Gleichung "Realität ist gleich Gemeinschaft". Ohne diese Annahme eines unabhängigen, aber strukturell verwandten Du kann kein Ich entstehen. Zwar wird diese Annahme nur kognitiv erschlossen, sie setzt aber Kommunikation voraus und ermöglicht ihrerseits Kommunikation. Da Menschen grundsätzlich füreinander undurchschaubar sind, gehen sie von struktureller Gleichartigkeit aus, um die bestehende Kluft pragmatisch zu überwinden. Kommunikation kann daher als kooperative Problembewältigung, mit der Menschen ihre wechselseitige Intransparenz meistern, aufgefaßt werden.