Philosophisch-anthropologisches Gesamtbild
CMC ist im Vergleich mit anderen Kommunikationsformen durch die Reduktion von regulativem Feedback, auffallender dramaturgischer Schwäche, geringeren sozialen Hinweisen und größerer sozialer Anonymität gekennzeichnet. CMC impliziert eine verminderte sensorische Wahrnehmung, vermehrte Identitätsflexibilität, die Ausdehnung von zeitlichen und räumlichen Grenzen und erlaubt eine höhere Beziehungsvielfalt.
Begriff wie "Welt" oder "Raum" werden in der Beschreibung von zwischenmenschlichen Begegnungen durch CMC zu Metaphern. Die systemische Sichtweise sieht Raum als Ausdruck einer essentiellen Seinsweise, in der jede Handlung sowohl eine Veränderung des Raumes, den der Körper innerhalb des ihn umgebenden Raumes beansprucht, bewirkt, als auch zu einer zunehmenden Öffnung der inneren Welt des Individuums führt. Dies ist letztendlich zur Entstehung der individuellen Identität in einer zunehmenden Differenzierung und Bestimmung des inneren und äußeren Raumes notwendig. Raum ist eine universale Dimension des expressiven und sozialen Verhaltens, indem er das individuelle Territorium definiert, in dem das Individuum sich selbst finden und zugleich seine Beziehungen zu anderen Menschen leben kann. Gemeinsame Interessen und kommunikative Stile sind im Internet die einzigen Hilfsmittel zur Navigation dieses Raumes im Sinne des hellenistischen tópos, der neben Raum und Platz auch Thema bedeuten kann. Die umfassende Bedeutung dieses Begriffs veranschaulicht, wie weit die Dimensionen des menschlichen Raumes zu nehmen sind. CMC bringt in diesem Zusammenhang keine Aufhebung von jeglicher spatio-temporaler Dimension und führt keinesfalls zur Raum- und Zeitlosigkeit, sondern möglicherweise mehr zu einer Unabhängigkeit von Raum und Zeit, aber auf der Basis einer zugleich immerbleibenden Verbundenheit mit ebendiesem selbst. CMC macht vielleicht den tópos in seiner ganzen Breite erfahrbar.
Virtuellen Realitäten im weiteren Sinne sind im Grunde genommen zur Zeit noch nichts anderes als Visionen. Es bestehen Unterschiede zwischen Onlineleben und dem Leben außerhalb von Netzwerken in der Nähe, im Kommunikationsmedium und in der Redundanz von Information. Die Unterscheidungen sind klar, aber aufgrund dieser Merkmale eine dieser Aktivitäten als weniger sozial zu bezeichnen, scheint etwas unbedacht und dürfte eine zu sehr stereotypisierende Schlußfolgerung darstellen. Beide Formen der Kommunikation sind Typen von sozialer Interaktion.
Sobald von einer Virtualisierung der Realität gesprochen wird, wird damit bereits die ontologische Dualität von Realität und Virtualität, einer Sphäre des Seins und einer Sphäre des Scheins, vorweggenommen. Es werden damit ontologische Setzungen wie Realität versus Virtualität, Sein versus Schein, Wirklichkeit versus Bild oder Realität versus Simulation postuliert. Die Rede von einer Virtualisierung der Realität führt sich ad absurdum, wenn auf diese unhinterfragten Setzungen verzichtet wird bzw. wenn die "reale" Realität bereits als virtuelle Realität konzipiert wird. Dieser Zugang widerspricht einer radikal systemischen Sichtweise. Wenn die reale Welt bereits als virtuelle Welt begriffen und sie nicht als solche realisiert wird, sondern in den Handlungen und Kommunikationen fortwährend virtualisiert wird, so kann der Cyberspace im Sinne der Konstruktion einer computergenerierten artifiziellen Realität nur noch als Konstruktion hypervirtueller Wirklichkeit, d. h. als Virtualität (n+1)-ter Ordnung, modelliert werden. Das, was die CMC und das Internet im weiteren Sinne bringen, gilt unter dem Gesichtspunkt des systemischen Ansatzes bereits als "alte" Realität. Letztendlich bleibt der einzige Ausweg aus diesem Dilemma die Ausdifferenzierung der systemischen Grundhypothese, wonach das Objekt der Beschreibung vor allem durch die Beschreibung des Objekts selbst konstituiert wird. Aus diesem Blickwinkel treten unter anderem zwei Phänomene in den Vordergrund, nämlich als erstes die zunehmende "Autologisierung" von Kommunikation, im Sinne von: Wichtig ist nicht, was kommuniziert wird, sondern, daß kommuniziert wird, und als zweites die zunehmende Kontingenz von Kommunikation, denn alles, was kommuniziert wird, könnte auch anders kommuniziert werden.
In der CMC tritt der Mensch in einem überwiegend optisch-akustischen Verhältnis in Verbindung zu einer Welt, die den Filter der Digitalisierung passiert hat. Man könnte von einer Reduktion im Sinne einer Verdichtung der Wahrnehmung sprechen. Demgegenüber zeigt aber die systemische Perspektive, daß Existenz- und Objektbestimmungen immer nur sprachlich möglich und gegeben sind. Es wird in der systemischen Sichtweise auch von parallel existierenden Multiversa anstelle eines unabhängig von Individuen existenten Universums gesprochen. Eben weil Welt immer auf den Wahrnehmungs-, Bewußtseins-, und Manipulationspunkt des aktiven Betrachters zurückgeführt werden, ist dies in der CMC nicht anders als sonst wo, es tritt vielleicht nur erstmals in der Entwicklung der Menschheit in solch klarer Weise zutage, die durch ebendiese Verdichtung der Sinnlichkeit auf das Optisch-Akustische so anstößig wirkt. Da in der systemischen Sichtweise die Wirklichkeit mehr ist als ein einfaches und einzigartiges Universum und aus vielen verschiedenen, im Grunde genommen für jedes Individuum unterschiedlichen Multiversa besteht, führt sich jede Rückführung auf eine "eigentliche" Realität ad absurdum. Das, was bislang als die "eigentliche" Realität bezeichnet wurde, erweist sich somit als eines der vielen Multiversa, das aber bislang besonders vertraut war und angesichts der Erschaffung neuer Multiversa in einer ersten instinktiven Reaktion in Verlust zu geraten droht. Doch wird im Grunde genommen nur die Vielfältigkeit der Realität, die den Menschen umgibt, durch eines bzw. mehrere neue Multiversa erweitert.
Wenn nach Scheler der Mensch ein umweltoffenes Lebewesen ist, dann befindet er sich vielleicht gerade auf dem Weg zu einer ganz neuen Umwelt, die durch Simulation entsteht. Die Anpassung der Umwelt nicht mehr durch Veränderung der vorhandenen Umwelt, sondern durch die Simulation einer, zwar auf der Basis der bestehenden, dennoch aber gänzlich neuen Umwelt, ist möglicherweise ein erster Schritt in diese Richtung, der mit der CMC vollzogen wird. Es würde dann diese Weiterentwicklung der Umwelt ganz dem ursprünglichen Wesen des Menschen entsprechen. Der Mensch hebt sich letztendlich durch die komplette Simulation seiner Umwelt ultimativ von seiner bisherigen materiellen Umwelt ab und entfernt sich damit aber auch noch weiter von einer umweltgebundenen und instinktgesicherten Lebensweise des Tieres.
Eine positive Interpretationslinie sieht ein prinzipielle Erweiterung des menschlichen Bewußtseins durch die Geschichte. Das Internet wird als eine kollektive Externalisation des menschlichen Geistes verstanden, und es fungiert als ein Nervensystem für unseren Planeten, das eines Tages ein eigenes Selbstbewußtsein durch miteinander verbundene menschliche Lebewesen entwickeln könnte. In diesem Sinne kann das Internet mit der CMC eine elektronische Gaia, eine digitale Erde erschaffen, eine neue Form der menschlichen Zivilisation im materiellen und vielleicht auch im spirituellen Sinne.
Der immer intensivere Umgang mit Computern im Alltagsleben führt dazu, daß Intelligenz und Denken von Leben ablösbar gesehen und nicht mehr, wie in traditionellen Vorstellungen, unabdingbar miteinander verbunden verstanden werden. In der systemischen Perspektive werden Lebewesen als zur Selbstschöpfung und -erneuerung fähige Systeme beschrieben, die die Kompetenz der Produktion, Transformation und Destruktion ihrer Bestandteile haben und darüber hinaus strukturdeterminiert, autonom, operational geschlossen und zweck- und zeitlos sind. In dieser Perspektive könnten Computer zumindest als Systeme, wenn nicht sogar als Lebewesen gesehen werden, denen einzig und allein die Fähigkeit fehlt, sich selbst zu erschaffen. Könnte das Internet und auch der einzelne PC schon alleine bedingt durch seine grundlegende Konzeption nicht mehr abgeschaltet werden, dann würden sämtliche systemische Kriterien für Lebewesen auch auf den PC und das Internet zutreffen, nur mit dem Unterschied, daß die Fähigkeit zur Selbstschöpfung und -erneuerung zumindest insoweit anders gesehen werden müßte, als sich das Internet in gewisser Art und Weise wohl selbst erneuern kann und PCs von PCs und Robotern gebaut und damit geschaffen werden können. Vielleicht ist das Internet auch gemäß der Evolutionstheorie und den Prinzipien von Mutation und Selektion eine neue Evolutionsstufe, denn es ist allem Anschein nach noch umweltunabhängiger und flexibler als der Mensch.
Die Konzeption der Monade beschreibt eine Person und ein Computer bzw. ein Terminal als Einheit gesehen, und innerhalb jeder Monade existiert das Kollektiv in seiner Gesamtheit. Der letztendlich allein bleibende Unterschied zwischen Mensch und Computer liegt nur mehr im Körper. In Interaktion mit physischer Präsenz besteht eine prinzipielle Einzigartigkeit des Selbst, da der eigene Körper eine klare Definition von Identität bietet. Die Norm lautet: Ein Körper ist gleich eine Identität. In der CMC gilt diese Definition nicht mehr. Denn ein Individuum kann so viele elektronische Persönlichkeiten haben, als es Zeit und Energie findet, diese zu erschaffen. Aber es ist der Körper, das verkörperte und verfleischlichte Selbst, das inkarnierte Selbst, das synonym mit Identität verwendet wird, und dieses inkarnierte Selbst sitzt am Keyboard des Computers. Hinweise auf die inkarnierte Identität sind in der virtuellen Welt vielleicht nur unter der Oberfläche zu finden, aber sie sind auch nicht nichtexistent.
Die Faszination, die der Computer auf den Menschen ausübt, transzendiert praktische und nützliche Anwendungen und reicht tief in unartikulierte individuelle Bedürfnisse hinein. Erotischen Anteile, die den Menschen dazu treiben, die eigene körperliche Beschränktheit zu transzendieren, finden deshalb einen sehr kooperativen Komplizen in der Computertechnologie. Cyberspacetime verspricht die Befreiung von den Begrenzungen durch Raum, Zeit und Materialität. Die Unendlichkeit, die der Cyberspace zu bieten scheint, dient als idealer Mechanismus zur Projektion tiefster Hoffnungen und Ängste, und die Verbindung von Cyberspace und Spiritualität ist nicht ein bloßer Zufall, denn spirituelle Schulen haben schließlich schon immer mit der Navigation in einer immateriellen Welt zu tun gehabt. Selbst wenn CMC nur teilweise die revolutionären Transformationen der Werte und der sozialen Struktur realisiert, die in enthusiastischen Visionen zu finden ist, dann wird sich Religion als der Menschheit älteste Ausdrucksform von Wörtern und von Gemeinschaft höchstwahrscheinlich durch diese Transformationen auch verändern. Eine Gefahr besteht darin, daß der Cyberspace das Opfer einer modernen Form des Gnostizismus wird, in dem sich der User in einem ewigen Suchen nach dem Wissen, das ihn rettet, zu befinden scheint.
Parallelität im Ablauf von Computerprogrammen ist eine Simulation, die jedoch als solche für den Benutzer aufgrund der Arbeitsgeschwindigkeit moderner Geräte gar nicht mehr erfahrbar ist. Der Eindruck der Parallelität von gleichzeitigem Arbeiten in verschiedenen Fenstern ist demnach auf das Prinzip der Simulation zurückzuführen. Der Umgang mit dem Computer und die CMC führt in diesem Zusammenhang zur Entwicklung eines oder mehrerer neuen Selbstbilder. Der Mensch verfügt über verschiedenste Selbstbilder, und CMC ermöglicht und auch erfordert die Entwicklung neuer Bilder seiner selbst. Im Alltagsverständnis sieht sich der Mensch als eine fixe Identität, die in verschiedenen Kontexten unterschiedliche Rollen innehat. Der Umgang mit Computern und der CMC bringt die Veränderung mit sich, daß Identität auch im Alltagsverständnis als variabel und nicht mehr stabil, als flexibel und nicht nur in der Ausformung, sondern auch in ihrem Bestehen als abhängig von der Interaktion, in der eine Person sich gerade befindet, gesehen werden muß. Das Erleben der Arbeitsweisen mittels des Computers wird als parallel und in mehreren Windows zugleich mögliche erlebt, und von daher könnte der Schluß auf die Vielfältigkeit der eigenen Identität gezogen werden. Identität würde damit aufgrund des Prinzips der Simulation selbst zur Simulation. Das müßte letztendlich auch zu dem Schluß führen, daß Software-Agents, die einen Internet-User auf der Suche nach Information simulieren und die im Bezug auf die Zugehörigkeit zur Gruppe der Netizens nicht mehr von menschlichen Usern zu unterscheiden sind, ebenfalls Identität besitzen. Identität wird damit zu etwas, was nicht mehr dem Menschen als Person alleine zuzuschreiben ist, sondern könnte auch, zumindest in einem ersten Schritt, Programmen auf einem PC oder im Netz und später auch ganzen Maschinen oder auch dem Netz selbst zugeschrieben werden.
Der Umgang mit dem Computer und die CMC können unter personzentrierter Perspektive als prinzipiell konstruktive und gute Entwicklung des Menschen gesehen werden. Bedingt durch die holistische Sichtweise des personzentrierten Ansatzes weist dieser aber auf die Gefahr der Reduktion des Menschen alleine auf diejenigen Aspekte, die beim technischen status quo in der CMC sichtbar und erfahrbar sind, hin. Auch wenn sich Identität gerade durch den Computer als flexibel und veränderbar zeigt, so sind in dieser Perspektive die verschiedenen Ausformungen der Identität des Menschen nur als Teile eines, im Gesamten gesehen, größeren Ganzen zu verstehen, das erst die eigentliche Identität des Menschen ausmacht. CMC unterstützt und erleichtert Selbstentfaltung, denn sie ermöglicht es, neue Aspekte der eigenen Person zu erfahren. Gerade durch die gegebenen Möglichkeiten der Täuschung und Verzerrung der eigenen Identität gibt sie die Möglichkeit, bisher unbekannte Aspekte der eigenen Persönlichkeit zu entdecken und neue Möglichkeiten der Selbstentfaltung zu erschließen. Das Selbstkonzept des Individuums wird automatisch, vor allem im Bereich des nicht aktuellen Bewußtseins, auch durch den Umgang mit dem Computer und mit der CMC erweitert. Gerade die Erfüllung der personzentrierten Forderung nach Authentizität scheint bei der prinzipiellen Anonymität der CMC nicht realistisch zu sein. Personzentrierte Authentizität bedeutet aber nicht gegenseitige absolute Bekanntheit und absolutes Wissen um einander, sondern fordert, sich so zu zeigen, wie man fühlt und denkt und ist daher in der CMC ebenso prinzipiell möglich, wie in anderen Formen der sozialen Interaktion.
Mit der Metapher des Cyberspace ist das konzeptionelle Modell der Entkörperlichung verbunden, das auch eine neue Beziehung von Identität der Person und deren Körper aufzeigt. Indem der Cyberspace die Grenzen von Raum und Zeit zu minimieren scheint, löscht er offensichtlich auch die Materialität körperlicher Grenzen aus. Online glaubt das Individuum sich von der Begrenztheit der körperlichen Existenz freizuspielen. CMC scheint eine unbeschränkte Freiheit des Ausdrucks und des persönlichen Kontakts zu bringen, mit wesentlich weniger Hierarchien und Formalitäten als in der primären sozialen Welt. Nichtsdestotrotz wird physische Präsenz in der virtuellen Welt von personenähnlichen Repräsentationen simuliert und repräsentiert. Cyberspace kann als eine wesentlich vielfältigere und polymorphere Realität und als wesentlich größer als das Internet und andere Netzwerke gesehen werden. Das Konkrete bzw. das Berührende erschreckt uns gleichermaßen wie das Virtuelle bzw. das Verschwindende. Durch CMC beginnt das Nichts schon zu Lebzeiten erfahrbar und fühlbar zu werden. Es kommt zu Entfremdung und Dehumanisierung, zu einer Teilung von Körper und Geist. Nichtsdestotrotz verschwindet Präsenz im Sinne von Gegenwärtigkeit nicht einfach, sondern Technologie mediiert Präsenz. Somit sind der Körper, das alltägliche Leben und die darin gemachten Erfahrungen zugleich der Inhalt und die Grundlage von CMC.
Die in der CMC zutage tretende Sprache kann in ihrer Verwendung als zweite Form der Oralität, die zwar präliterarische Charakteristika hat, aber in geschriebener Form auftritt, definiert werden. In der CMC wird Sprache informeller als in alltäglicher Kommunikation verwendet, und doch ist sie mehr geschriebene Sprache. Es hat sich ein eigener Stil, der E-Stil entwickelt, der wesentlich spielerischer mit Sprache umgeht und darüber hinaus die fehlenden nonverbalen Komponenten des Sprechens durch eine Para-Sprache zu ergänzen versucht. Es liegt nahe, all diese Kennzeichen der Sprache in der CMC unter dem Begriff der E-Sprache zu subsumieren. Die technischen Vorgegebenheiten der CMC ermöglichen es, den traditionellerweise auf ein Gespräch zwischen zwei Personen beschränkten Dialog zu einem Multilog zu erweitern. E-Sprache ermöglicht, klarer als es bisher möglich war, sich je nach Bedürfnis stärker kognitiven Inhalten zuzuwenden oder auch ein bewußt spielerisch-lustvolles Kommunikationsverhalten vorherrschen zu lassen. Sprache bestimmt das Denken des Sprechenden, und eine Erweiterung von Wortschatz und Syntax, wie sie sich durch die CMC offensichtlich ergibt, bedeutet damit auch eine Erweiterung des Denkens. Alle in der personzentrierten Sichtweise dargestellten Eigenschaften zwischenmenschlichen Dialoges sind auch in der CMC gegeben, mit dem Unterschied, daß eine Erweiterung des Dialoges zu einem Multilog möglich ist, daneben aber der bisher bekannte Dialog zwischen zwei Individuen genauso bestehen bleibt. Sprache wird im systemischen Modell als Verhalten zur Verhaltenskoordination gesehen. In dem neuen Multiversum, das sich durch die CMC erschließt, wird besonders klar deutlich, wie sehr Sprache ein Verhalten des Menschen ist, ja Sprache wird zum bislang einzigen Verhalten, das in diesem Multiversum möglich ist.
Eine personzentrierte Begegnung ist von den Momenten der Gegenwärtigkeit, d. h. des Hier und Jetzt, der Andersartigkeit, d. h. der immer erfahrbaren Verschiedenheit des anderen und der Erlebnisfähigkeit, d. h. einer inneren Einstellung der Authentizität, der gegenseitigen Wertschätzung und des einfühlenden Verstehens, gekennzeichnet. CMC ermöglicht ebenso wie andere Formen ein In-Kontakt-Sein mit dem anderen und damit die Erfahrung von Begegnungen. Es wird jedoch das Fehlen jeder physisch-räumlichen Dimension in der Begegnung mit dem anderen als Einschränkung erlebt. CMC ersetzt keinesfalls andere Begegnungsmöglichkeiten, aber sie bringt eine Erweiterung des Spektrums der Möglichkeiten zur Begegnung mit anderen. Solange keine Möglichkeit der adäquaten Befriedigung des Bedürfnisses nach physisch-räumlichen Ebenen der Begegnung mit dem anderen auch in der CMC gegeben ist, wird CMC immer nur einer Erweiterung, aber keine vollwertige, im Sinne eines umfassenden Erfahrungsspektrums, notwendige Weise der personzentrierten Begegnung bleiben.
Kategorien wie Tempo und Beschleunigung werden zu Definitionsmerkmalen von Kommunikation. Alle Tätigkeiten, die mit den Funktionen der CMC zusammenhängen, können von einem einzigen Ort aus mühelos durchgeführt werden. Das gesamte Repertoire der Sinne wird mehr oder minder auf einen einzigen Punkt der Kommunikation zusammengezogen, und in einem überwiegend optisch-akustischen Verhältnis tritt der Mensch zu einer Welt in Verbindung, die den Filter der Digitalisierung passiert hat. Möglicherweise in einer Überschätzung der Geschwindigkeit, mit der sich CMC zu vollziehen geglaubt wird, könnte die Reduktion der Erfahrungen des Nachdenkens und des Aufarbeitens von Vernommenem vermutet werden, doch wird, so zeigen sozio-kommunikationstheoretische Darstellungen, gerade durch CMC dies erleichtert bzw. gefördert. Es zeigt sich, daß gerade aufgrund der Geschwindigkeit, mit der es möglich ist, in der CMC zu kommunizieren, Erfahrungen der Zeit gemacht werden. Es mag vielleicht der Transfer der Information in Bezug auf die Überbrückung von Distanz in Relation zur dazu benötigten Zeit vor allem im Vergleich mit traditioneller brieflicher Korrespondenz enorm sein, doch ist es nach allen bisherigen Untersuchungsergebnissen keinesfalls so, daß CMC den mündlichen Austausch eines direkten Gesprächs in einem Face-to-Face-Setting in der Präsenz und Geschwindigkeit ersetzen könnte. Möglicherweise ist die Sichtweise einer den Menschen einschränkenden und zu immer mehr Tempo antreibenden Dimension der CMC nur ein Mythos ebenso wie die Angst vor einer "Beschlagnahme der Zeit". Weiters betont die personzentrierte Sicht von zwischenmenschlicher Begegnung die Notwendigkeit des Erlebens der Dimension der Gegenwärtigkeit, die in Begegnungen mittels CMC zwar erfahrbar sind, aber dennoch die Intensität des Gegenwärtigkeits-Erlebens eines Face-to-Face-Settings nicht erreicht.
Auch in der CMC sind nonverbale Elemente trotz der technischen Einschränkungen gegeben, und es bestehen vielfältige Möglichkeiten, sich nonverbal ausdrücken. In der CMC bleiben die auf Beziehungsaspekte ausgerichteten Anteile der Kommunikation im Hintergrund, und CMC bringt zwar eine Reduktion auf kognitive Inhalte, doch wird dies nicht nur auf inhaltlicher, sondern auch auf emotionaler Ebene nicht notwendig als Einschränkung erlebt, sondern aufgrund der größeren Klarheit durch die Textorientiertheit sogar als Vorteil gesehen wird. Möglicherweise wird es durch die CMC möglich, die ursprüngliche hellenistische Verstehensweise des "diálogos" als kognitiv orientierter Auseinandersetzung der Gesprächspartner über ein Thema neu zu beleben.
Erkennen ist in systemischer Perspektive nicht durch die traditionelle Formel der adaequatio rei et intellectus zu definieren, sondern dient primär der Lebenserhaltung. Wenn sich die Struktur des Individuums durch die Effekte und Konsequenzen der CMC verändert, so müßte sich letztendlich auch das menschliche Erkennen verändern. Erkennen und Verhalten sind in der systemischen Sichtweise untrennbar miteinander verbunden. Wenn Erkennen mit dem Beschreiben des Vorgangs eines effizienten Verhaltens verbunden ist, so ist Erkennen immer mit Beschreiben verbunden, und Beschreiben erfolgt immer durch Kommunikation. Kommunikation erfordert immer den bzw. die anderen und ist daher an Gemeinschaft gebunden. Erkenntnis der Realität, die durch Beschreibungen feststellbar ist, die wiederum von Kommunikation abhängig ist, die im nächsten Schritt immer Gemeinschaft erfordert, ist daher immer vom Miteinander abhängig. CMC ist eine Erweiterung der bisherigen Formen der Kommunikation und zugleich verändert sie die Struktur des Individuums. CMC verändert damit das menschliche Erkennen und damit auch das Bild dessen, was als Realität gesehen wird.
Die Evolution von Medien, wie sie im Internet zu finden sind, die die Fähigkeit zur Selektion von Information in der Form von Hyperlinks in sich tragen, führt dazu, daß nicht mehr die Information, sondern die Information über Information entscheidend ist. Der systemische Ansatz postuliert, das neue Systeme immer gemäß funktionaler Kriterien als Subsysteme aus alten Systemen emergieren. Als Ursache für die Emergenz der Subsysteme E-Mail, NetNews, IRC oder WWW im System Internet kann die Unmöglichkeit der Erreichbarkeit und der Konstitution einer geschlossenen Einheit des vorhandenen Wissens einer funktional ausdifferenzierten Gesellschaft gesehen werden. Die Kommunikationsformen der CMC bieten die Möglichkeit einer geradezu narzißtischen Repräsentation und der Herstellung einer neuen ungefilterten bzw. tendenziell konstruktionsfreien, nicht selektiv erzeugten Meinungsvielfalt. CMC ermöglicht die direkte Koppelung und somit den direkten Zugriff auf Informationen. Vom Standpunkt des systemischen Ansatzes kann CMC als ein neues Medium, in dem sich durch Vernetzung spezifische neue Systeme entwickeln, gesehen werden. Je mehr Verküpfungspunkte vorhanden sind, desto mehr Systeme werden entstehen. In der anfangs losen Koppelung von Information, wie z. B. im WWW, werden sich immer tragfähigere Verbindungen herausbilden, und diese gekoppelten Verbindungen sind neue Systeme, die ihrerseits zu Elementen neuer Systeme werden können.
Mit anderen zu leben und in einer Umwelt zu leben bedeutet, sich körperlich in dieser Welt zu bewegen. Durch das Internet muß der Mensch sich nicht länger physisch in der Welt bewegen, um die verschiedenen Seiten und Situationen der Welt kennenzulernen. Es ist offen, was dann die primäre Quelle zu lernen und Wissen zu erlangen im Gegensatz zu den technischen Möglichkeiten, Wissen zu sammeln, werden wird. Behauptungen, daß das Internet Bedeutung, Wissen und Einsicht in die alten Fragen der Menschheit bieten wird, sind verlockend angesichts der Tatsache der postmodernen Idee, daß es keine universellen Wahrheiten gibt. Die systemische Perspektive versteht Objektivität von Wissen in der Weise, daß sie Objektivität auf kommunikative Aspekte beschränkt. Erkennen ist von der Struktur des erkennenden Individuums bestimmt. Die Suche nach Wissen erfordert notwendig eine Zu- bzw. Rückwendung auf das erkennende Individuum zur beschreibenden Erforschung der Struktur des Individuums. Alles Beschreiben ist eine Beschreiben von Unterschieden, ein Feststellen des Sich-Abhebens eines Vordergrunds von einem Hintergrund. Im Zusammenhang mit der CMC führt dies zu einer Rückwendung auf die Effekte und Konsequenzen der CMC auf den Menschen und zum weiteren Suchen nach Unterschieden zwischen Aspekten eines Zustands der gegenwärtigen vorhandenen Beschreibungen des Verhaltens des Individuums vor dem Hintergrund von Beschreibungen des Verhaltens ohne CMC. Beschreibungen über den Umgang und das Verhalten mit Information in der CMC und das Ausmachen von Unterschieden kann so zu "objektiven" Erkenntnissen der Realität führen.