Mensch
Philosophisch-anthropologische Fokussierung
Umwelt
"Das, was den Menschen zum Menschen macht, ist ein allem Leben entgegengesetztes Prinzip, das man nicht auf die "natürliche Lebensevolution" zurückführen kann, sondern das, wenn auf etwas, nur auf den obersten Grund der Dinge selbst zurückfällt - auf denselben Grund also, dessen Teilmanifestation auch das "Leben" ist." (Scheler 51949)
Dieser oberste Grund ist nach Scheler der Geist. Körperlich gehört der Mensch zur Säugetiergruppe der Hominiden, und die Ursachen der eigentlichen Menschwerdung lassen sich aber bis dato nur vermuten. Die Höherentwicklung des Menschen über das Tier hinaus zeigt sich im aufrechten Gang, in der Ausbildung der Hand als Greifwerkzeug und besonders in der Vergrößerung des Gehirns und seiner Oberfläche. Mit diesen Veränderungen sind aber auch Minderungen der menschlichen körperlichen Leistungsfähigkeit verbunden: Nachlassen der Sehschärfe, der Abhärtung gegenüber Umwelteinflüssen im weitesten Sinn und der rein physischen Körperkräfte. Psychisch ausgezeichnet ist der Mensch weniger durch das Bewußtsein schlechthin als durch das Bewußtsein von sich selbst, seiner Geschichtlichkeit und seiner Sterblichkeit. Während nach Scheler das Verhalten des Tieres umweltgebunden und instinktgesichert ist, ist das des Menschen dagegen umweltoffen und entscheidungsfrei. Diese Unabhängigkeit von der Umwelt ermöglicht die Entspezialisierung der Sinnesorgane und die Ausweitung ihrer Funktionen, die Entstehung selbständigen Denkens, Fühlens und Wollens von Gedächtnis und Phantasie. Damit wird aus der Umwelt die Welt, und zugleich droht dem Menschen die Gefahr weitgehenden Instinktverlustes und eines infolge der zurückgedrängten Triebe naturwidrigen Lebens. Über den Bereich des Bewußtseins erhebt sich der Zusammenhang des Menschen nicht mehr nur mit der materiellen Umwelt, sondern mit den allgemeinen Sinngehalten der Dinge, wodurch sich der Mensch am weitesten vom Tier abhebt und damit auch am weitesten von der Natur entfernt. Durch seine einzigartige Verfassung ist der Mensch Persönlichkeit, und er ist auch bewußt-planvoller und gezielter Handlungen, kreativer und gestaltender Leistungen fähig, unter denen die Schaffung menschlicher Gemeinschaften an erster Stelle steht. Von dieser Grundlage aus entwickeln sich Schrift und Sprache, die Fähigkeit zur Herstellung technischer Gebilde und die Sammlung und konzeptionelle Verarbeitung von Beobachtungen und Erkenntnissen, was zu zunehmender Naturerkenntnis und Naturbeherrschung führt.
Die Naturgebungenheit des Menschen einerseits und seine geistig-kulturelle Erhebung über die Natur andrerseits haben zu verschiedenen Deutungen des Wesen des Menschen geführt. Besonders die Deutung des Menschen durch die heiligen Schriften des Judentums haben nachhaltig gewirkt. Das Denken der Antike ist auf den Kosmos und auf die Natur gerichtet und auf den Menschen nur, insoweit er mit beiden in Beziehung steht. Die griechische Antike lokalisiert das Wesen des Menschen in seiner Vernunft bzw. Erkenntnisfähigkeit und seiner Kraft zu politischer Gemeinschaftsbildung. Das christliche Mittelalter sieht im Menschen einerseits das Ebenbild Gottes und andrerseits eine irdisch-dämonischen Kräften ausgelieferte Kreatur, und der Mensch ist ein Bestandteil der göttlichen Geordnetheit der Welt. Das achtzehnte Jahrhundert unterscheidet im Menschen die sinnliche Erscheinung und das übersinnliche Vernunftwesen. Der Mensch verschwindet hinter seiner Vernunft oder sogar hinter einer absoluten Allvernunft und wird zum erkennenden Subjekt. Das Vernunftwesen wird als Ideal des Humanismus herausgearbeitet, das die idealistische leiblich-seelisch-geistige Vervollkommnungsfähigkeit sowie die Freiheit aller Menschen zur Selbsterschaffung hervorhob. Das Wesen des Menschen wird heute darin gesehen, daß er das Wertvolle vom Zweckmäßigen, Nützlichen und Angenehmen unterscheiden kann. Mit der Fähigkeit des Wertens werden die Fähigkeit, eine Sache begrifflich zu erfassen, anschaulich zu machen und die Fähigkeit, Personen, Gegenständen oder Geschehnissen Sinngehalt zuzuschreiben, in Zusammenhang gestellt.
Die sozio-kommunikationstheoretischen Darstellungen erwiesen die Simulation als das im Aufbau des Computers und der Benutzung des Computers und damit auch in der CMC grundlegend vorrangige und leitende Prinzip. Wenn nach Scheler der Mensch ein umweltoffenes Lebewesen ist, dann befindet er sich vielleicht gerade auf dem Weg zu einer ganz neuen Umwelt, die eben durch Simulation entsteht. Die Anpassung der Umwelt nicht mehr durch Veränderung der vorhandenen Umwelt, sondern durch die Simulation einer, zwar auf der Basis der bestehenden, dennoch aber gänzlich neuen Umwelt ist möglicherweise ein Schritt, der mit der CMC vollzogen wird. Es würde dann diese Weiterentwicklung der Umwelt nach Scheler ganz dem ursprünglichen Wesen des Menschen entsprechen. Diese neue Umwelt ist von grundsätzlicher Anonymität und dem Fehlen jedes regulativen Feedbacks gekennzeichnet. Selbstdarstellung erfolgt nur mehr willentlich, und damit wird diese neue Umwelt zu Veränderungen im Selbstbild und im Selbstbewußtsein führen. Der Mensch hebt sich möglicherweise durch die komplette Simulation seiner Umwelt ultimativ von seiner bisherigen Umwelt ab und entfernt sich damit noch weiter von einer umweltgebundenen und instinktgesicherten Lebensweise des Tieres.
Leben
Softwarehersteller verkaufen ihre Produkte gerne mit dem Mode-Attribut "Agent", was jedoch selten einer grundsätzlich neuen Qualität entspricht und meist damit gerechtfertigt wird, daß das betreffende Programm in irgendeiner Form vom User als intelligent und autonom empfunden wird. Agenten besitzen heute ein gewisses Maß an Wissen über ihr Arbeitsgebiet und die Fähigkeit, ihre Umwelt wahrzunehmen, sie können auch selbst Entscheidungen fällen und Arbeitspläne entwerfen. Allerdings wird es noch einige Zeit dauern, bis sich Agenten auf breiter Basis durchsetzen werden (Vgl. Hayes-Roth 1997, Wagner 1997). Zugleich werden Computer von Kindern, die als Vordenker neuer Ideen gesehen werden können, als intelligente und mit kognitiven Fähigkeiten ausgestattete Wesen, die jedoch nicht lebendig sind, betrachtet. Intelligenz und Denken werden von Leben abgetrennt und nicht mehr, wie in traditionellen Vorstellungen, unabdingbar miteinander verbunden verstanden (Vgl. Turkle 1995).
In der systemischen Perspektive werden Lebewesen als zur Selbstschöpfung und -erneuerung fähige Systeme beschrieben, die die Fähigkeit zur Produktion, Transformation und Destruktion ihrer Bestandteile haben und darüber hinaus strukturdeterminiert, autonom, operational geschlossen und zweck- und zeitlos sind. In dieser Perspektive könnten Computer zumindest als Systeme, wenn nicht sogar als Lebewesen gesehen werden, denen einzig und allein die Fähigkeit fehlt, sich selbst zu erschaffen. Die Fähigkeit, sich selbst zu erschaffen, hat aber im Grunde genommen nicht einmal der einzelne Mensch selbst, sondern nur das Ganze der Menschheit, die Gattung Mensch. Und trotzdem wird ihm die Fähigkeit zur Selbstschöpfung zugeschrieben, weil eben ein Mensch einen Menschen erschaffen kann, obwohl es ja nicht so ist, daß die genetischen Voraussetzungen und Abläufe der menschlichen Reproduktion völlig in der Hand des Menschen liegen. Wenn man sich ins Gedächtnis ruft, daß fast alle Autos, die heute in Straßenverkehr zu finden sind, im Grunde genommen Maschinen sind, die in vielen Fällen vollständig von Maschinen gebaut wurden, wobei die erzeugenden Maschinen nicht Herr über die ablaufenden Programme und Prozesse sind, so ist wohl der Schritt zu Computern, die Computer bauen, nicht allzu groß. Auf jeden Fall aber könnten Computer oder auch Programme als Systeme, die bis auf die Fähigkeit zur Selbstschöpfung alle Kennzeichen von lebendigen Systemen besitzen, und damit Lebewesen sind, bestimmt werden. Man möge sich nur einen Computer vorstellen, der, wie viele andere Geräte in einem durchschnittlichen Haushalt, nicht mehr abgeschaltet werden kann, sondern immer im Stand-by-Betrieb bleibt, vielleicht einen Sicherheits-Akku für einen Stromausfall hat, sprachgesteuert, interaktiv arbeitet und auch eigene Fehlfunktionen diagnostizieren und beheben kann. Es stellt sich Frage, ob und wie weit dann noch die Formel "Intelligenz und Denken, aber kein Leben" in dieser Weise Gültigkeit hat und nicht viemehr von "Intelligenz, Denken und Leben, aber anders als Tier und Mensch", gesprochen werden müßte. Computerviren werden zum Beispiel auch schon auf deren "Lebenszyklus" hin untersucht (Vgl. IDG 1998). Wie ihre biologischen Vorbilder werden Computerviren eigene Lebenszyklen zugesprochen. Abhängig von der Qualität seiner Programmierung und den Intentionen seines Schöpfers können Computerviren ein sehr langes Leben entwickeln. Manche Virenstämme, wie beispielsweise der "Form-Virus", sind älter als zehn Jahre. Der Lebenszyklus eines Computervirus läßt sich in folgende Phasen unterteilen: Erstellung – Aussendung – Vermehrung – Aktivierung – Entdeckung – Aufnahme – Vernichtung.
Das Internet besteht aus miteinander verbundene Computern. Es stellt sich die Frage, ob das Internet überhaupt noch abschaltbar, d. h. zerstörbar ist, ist doch seine ursprüngliche Konzeption die eines Netzwerkes von militärischen Verteidigungscomputern (ARPANET), die eben selbst im schlimmsten Fall eines atomaren Angriffs nicht von Ausfall bedroht sein sollten. Könnte das Internet schon alleine bedingt durch seine grundlegende Struktur nicht mehr eleminiert werden, dann würden wohl weiterhin, so wie beim einzelnen Computer, sämtliche systemische Kriterien für Lebewesen zutreffen, nur mit dem Unterschied, daß die Fähigkeit zur Selbstschöpfung und -erneuerung zumindest insoweit anders gesehen werden müßte, als sich das Internet in gewisser Art und Weise wohl selbst erneuern kann. Vielleicht ist das Internet auch gemäß der Evolutionstheorie und den Prinzipien von Mutation und Selektion eine neue Evolutionsstufe des Faktors "Leben", denn es ist allem Anschein nach noch umweltunabhängiger und flexibler als der Mensch. Der einzelne Computer und damit das Internet braucht Energie nur in der Form von Elektrizität, der Mensch dagegen benötigt zum Leben verschiedene Formen von Energie, die wesentlich schwieriger herzustellen und auch wesentlich enger an eine intakte Natur gebunden sind. Der Computer könnte auch noch besser als der Mensch unter Zuhilfenahme von Werkzeugen, d. h. anderen Maschinen, die Umwelt so gestalten, wie er es benötigt. Es könnte ein weltweites Netz von Computern zu einem komplexen System heranwachsen, das man mit einem Gehirn vergleichen könnte. Man könnte dann vielleicht von einem globalen Gehirn eines neuen Organismus sprechen.
Bewußtsein
In der Diskussion über technologische Weiterentwicklung treten die schon seit langer Zeit vorhanden Unterschiede zwischen denen, die ihre Hoffnungen in die Zukunft setzen und denen, die sie stärker in die Vergangenheit setzen, zutage.
Die pessimistische Interpretation sieht die menschliche Entwicklung als prinzipiell abwärtsgehend von einem mythischen, goldenen Zeitalter hoher spiritueller Bewußtheit zur heutigen Endzeit oder Apokalypse. Technologie schwächt in diesem Sinne die inneren Bestandteile des Menschen und zerstört die Möglichkeiten des Heils durch Meditation oder konzentrative Praktiken. Technologie ist für diese Interpretationslinie nichts anderes als ein magisches Programm, das durch externe Mittel spirituelle Energien suggeriert. Das Endresultat dieses menschlichen technologischen Programmes würde die Erschaffung eines deus in machina sein. Das zukünftige Internet würde mit unglaublich wirkungsvollen Programmen von künstlicher Intelligenz kombiniert sein und einen Maschinengott, den deus ex machina, eine Art von technologischem Endzeit-Lebewesen, erzeugen.
Demgegenüber sieht die positive Linie eine prinzipielle Erweiterung des menschlichen Bewußtseins durch die Geschichte. Bewußtsein entwickelt von einem niedrigen Niveau in der Erschaffung einer völlig unselbstbewußten Natur über die verschiedenen Formen des Lebens, hin zur Geburt des Menschen, einen langsamen Anstieg in Tiefe und Breite seiner selbst. Die Menschheit wanderte schon von einem Stammes- zu einem Nationalbewußtsein, und heute schafft das Internet die nötige materielle Basis für die Entwicklung eines planetaren Bewußtseins. Diese Linie stimmt mit der Erstgenannten darin über ein, daß der Cyberspace eine kollektive Externalisation des menschlichen Geistes ist, und, daß es als ein Nervensystem für unseren Planeten fungiert, das eines Tages ein eigenes Selbstbewußtsein durch mit einander verbundene menschliche Lebewesen entwickeln könnte. In diesem Sinne kann das Internet mit der CMC eine "elektronische Gaia" (Bauwens 1997), eine digitale Erde erschaffen, eine neue Form der menschlichen Zivilisation im materiellen ebenso wie im spirituellen Sinne. Teilhard de Jardins (Vgl. Jardin 1972) Vision einer einzigen und massiven geblockten "Noossphäre" könnte demnach als riesiges mentales Netzwerk, das die Erde umgibt, definiert werden. Dieses Netzwerk hätte den Sinn der Kontrolle der vorhandenen Ressourcen und der Sorge um eine vereinte Welt. Für de Jardin enthält diese mentale Sphäre auch die endgültige Bedeutung der Geschichte, die er als Omega-Zeit bezeichnete.
Identität
Der Computer und die CMC ermöglichen nach sozio-kommunikationstheoretischer Darstellung neue Erfahrungen, für die das Erleben des für moderne Programme grundlegenden Prinzips der Simulation und das Prinzip der Windows charakteristisch ist. In der Benutzung des Computers und gegenwärtiger Programme wird besonders durch die Verwendung von Fenstern, die es dem Benutzer erlauben, mehrere Aufgaben allem Anschein nach gleichzeitig zu erledigen, eine Vielfältigkeit von Arbeits- und Existenzweisen vor Augen geführt. Ein in der Arbeitswelt ebenso wie im Privathaushalt zum Einsatz kommender durchschnittlicher Computer arbeitet im strengen technischen Sinne aber nicht parallel, sondern linear. Er verarbeitet immer nur ein Bit nach dem anderen. Parallelität ist damit eigentlich dem Prinzip der Simulation zuzuschreiben, Parallelität ist eine Simulation, die jedoch als solche für den Benutzer aufgrund der Arbeitsgeschwindigkeit moderner Geräte gar nicht mehr erfahrbar ist. Der Eindruck der Parallelität von gleichzeitigem Arbeiten in verschiedenen Fenstern ist demnach auf das Prinzip der Simulation zurückzuführen.
Jeder Mensch verfügt immer schon über mehrere, sich je nach Kontext und Situation graduell unterscheidende Bilder seiner selbst. Der Umgang mit dem Computer und die CMC führt in diesem Zusammenhang zur Entwicklung eines oder mehrerer neuer Selbstbilder. Der Mensch verfügt nach Mead über verschiedenste "Me", und CMC ermöglicht und auch erfordert die Entwicklung neuer "Me". Das Individuum kann aber auch von seinem "Me" getrennt werden, und die Rollen, die das Individuum in verschiedenen Kontexten spielt, können als Positionierungen eines wählenden Subjekts gesehen werden. Das Selbstbild existiert dann nur in der sozialen Interaktion und im Diskurs mit anderen. Identität wird in Abhängigkeit von Kontext und Situation konstruiert und ist in diesem Modell die Summe der "Me’s" und die Summe der Positionierungen. Homepages im WWW sind in diesem Sinne weitere Positionierung und Formen der Selbstrepräsentation, die in die jeweilige Identität einfließen.
Die Identität des Menschen kann nicht als rein logische Identität von A=A verstanden werden, da ein Gegenstand streng genommen nur mit sich selbst identisch sein kann. Identität im engeren Sinn ist nur bei logischen Begriffen möglich, doch ein reales Objekt bleibt nicht mit sich selbst identisch, denn es ändert sich und wird identoid, d. h. es wandelt sich, bleibt aber sich selbst ähnlich. Die Identität des Menschen, der Mensch an sich, ist in verschiedenen Zeiten, Situationen und Kontexten keine Identität im engeren Sinn, sondern eine Kontinuität oder auch Entwicklung des Ich. Der Mensch ist ständig vom Bewußtsein des Mit-sich-selbst-identisch-Seins begleitet. So deutlich auch der Mensch seine körperlichen und geistigen Veränderungen erkennt, weiß er auch, daß er trotzdem in seinem "innersten Kern" im Grunde genommen derselbe bleibt und ist.
Im Alltagsverständnis sieht sich der Mensch als eine fixe Identität, die in verschiedenen Kontexten unterschiedliche Rollen innehat. Der Umgang mit Computern und der CMC bringt die Veränderung mit sich, daß Identität auch im Alltagsverständnis von einem veränderten Standpunkt gesehen wird. Identität könnte als variabel und nicht mehr stabil, als flexibel und nicht nur in der Ausformung, sondern auch in ihrem Bestehen als abhängig von der Interaktion, in der sie sich gerade befindet, gesehen werden. Doch auch die "ursprüngliche" Identität ist demnach nur eine Zwischenstation in der unaufhörlichen Veränderung der individuellen Identität. Das Erleben der Arbeitsweisen des Computers wird als parallel und in mehreren Windows zugleich mögliche erlebt. Identität entsteht in der Verwendung und in der Anwendung, und von daher könnte der Schluß auf die Vielfältigkeit der eigenen Identität gezogen werden. Identität würde damit aufgrund des Prinzips der Simulation selbst zur Simulation. Dies legt letztendlich auch den Schluß nahe, daß Software-Agents, die einen Internet-User auf der Suche nach Information simulieren und die im Bezug auf die Zugehörigkeit zur Gruppe der Netizens nicht mehr von menschlichen Usern zu unterscheiden sind, ebenfalls Identität besitzen.
Identität wird damit zu etwas, was nicht mehr dem Menschen als Person alleine zuzuschreiben ist, sondern könnte auch, zumindest in einem ersten Schritt, Programmen auf einem PC oder im Netz und später auch ganzen Maschinen oder auch dem Netz selbst zugeschrieben werden.
Selbstentfaltung
In der holistischen Sichtweise des personzentrierten Ansatzes wird die Person ganzheitlich als Organismus bezeichnet. Selbstentfaltung und -entwicklung ist die Entwicklung dessen, was in statu nascendi schon vorhanden ist und vollzieht sich insgesamt innerhalb einer prinzipiellen Tendenz von Konstruktivität und Gutheit. Die Selbstentfaltung strebt nach dem Ideal der vollentwickelten Persönlichkeit.
Der Umgang mit dem Computer und die CMC können unter dieser Perspektive als prinzipiell konstruktive und gute Entwicklung des Menschen gesehen werden. Bedingt durch die holistische Sichtweise des personzentrierten Ansatzes weist dieser aber auf die Gefahr der Reduktion des Menschen alleine auf diejenigen Aspekte, die beim technischen status quo in der CMC sichtbar und erfahrbar sind, hin. Der Mensch muß, will er in seiner Gesamtheit erfahren werden, jedoch immer als großes Ganzes gesehen werden, das mehr als die Summe seiner Teile ist. Auch wenn sich Identität gerade durch den Computer als flexibel und veränderbar zeigt, so sind in dieser Sichtwiese die verschiedenen Ausformungen der Identität des Menschen nur als Teile eines, im Gesamten gesehen, größeren Ganzen zu verstehen, das erst die eigentliche Identität des Menschen ausmacht. Die Identitäten des Menschen, vielleicht genauer die "Me"s des Menschen, sind mehr als die einfache Summe der Teile.
CMC unterstützt und erleichtert personzentrierte Selbstentfaltung, denn sie ermöglicht es, neue Aspekte der eigenen Person zu erfahren. Gerade durch die gegebenen Möglichkeiten der Täuschung und Verzerrung der eigenen Identität gibt sie die Möglichkeit, bisher unbekannte Aspekte der eigenen Persönlichkeit zu entdecken und neue Möglichkeiten der Selbstentfaltung zu erschließen. Das Selbstkonzept des Individuums wird automatisch, vor allem im Bereich des nicht aktuellen Bewußtseins, auch durch den Umgang mit dem Computer und mit der CMC erweitert. Bei Widersprüchen zwischen Selbstbild und gemachten Erfahrungen kann es in den Augen des personzentrierten Ansatzes zu innerpsychischen Konflikten kommen. Damit Kongruenz erreicht werden kann, braucht der Mensch eine Umgebung, die den drei personzentrierten Grundhaltungen von Empathie, Wertschätzung und Authentizität entspricht. Gerade die Erfüllung der Forderung nach Authentizität scheint bei der prinzipiellen Anonymität der CMC nicht realistisch zu sein. Doch der personzentrierte Ansatz betont, daß zwar positive zwischenmenschliche Beziehungen für die Entwicklung einer gesunden Persönlichkeit entscheidend sind, was jedoch nicht mit dem totalen Wissen um den Anderen verbunden ist. Auch die Qualität einer Gesprächspsychotherapie wird nicht am Wissen um den anderen, sondern an der Echtheit der eigenen Reaktionen, der Einfühlung und an der Wertschätzung für den anderen gemessen. Authentizität bedeutet nicht gegenseitige absolute Bekanntheit und absolutes Wissen um einander, sondern fordert, sich so zu zeigen, wie man fühlt und denkt. Authentisch Sein ist nicht daran gebunden, vom anderen den Namen, den Wohnort, den sozialen Status, etc. zu kennen, und ist daher in der Interaktion mittels Computer ebenso prinzipiell möglich, wie in anderen Formen der sozialen Interaktion.
Triebkanalisierung
In der tiefenpsychologischen Sichtweise sind Träume und Phantasien als Ablaßventile in einer Zivilisation, die strengstens die menschliche Natur einschränkt, absolut notwendig. Krankhafte Abbauprozesse des durch die Zivilisation aufgestauten inneren Drucks nannte Freud Neurosen. Hilft die Psychoanalyse nun dem Individuum, die Prozesse, die zu neurotischen Symptomen führen, zu verstehen, unterstützt sie das Individuum dabei, unakzeptierte Wünsche und Triebe, die bislang nur einen unheilvollen Ausdruck in der Neurose genommen haben, anzunehmen und diese in einer kreativeren und selbstbewußteren Art und Weise zu kanalisieren (Vgl. Freud 1930). CMC könnte auf der Basis dieser freudianischer Konzeption als ein neuer Weg gesehen werden, bisher isolierter innerer Triebe durch deren Ausleben in der CMC neu zu kanalisieren.
Die Erfahrung eines globalen Nervensystems, wie sie in Gibsons Roman Neuromancer geschildert wird, gab dem Begriff Cyberspace seine inhaltliche Bedeutung. Mit dieser Metapher des Cyberspace ist das konzeptionelle Modell der Entkörperlichung verbunden, das auch eine neue Beziehung von Identität der Person und deren Körper herausfordert.
Die Negation des Körpers hat sich nach Heim (Heim 1993) als schwierig erwiesen. Kein Lernen oder keine Strategie kann sicher gehen, oder sei es nur erleichtern, daß der Sprung der physischen Verkörperung in Raum und Zeit in die Welt der reinen Formen ewig und unwechselbar sei. Die Ankunft der Informationswelle liefert für einen Moment ein Durchgangsstadium zwischen Körper und Form. Wie Heim bemerkt, ist die computerisierte Repräsentation von Wissen nicht die Art der geistigen Erkenntnis, die von Platon propagiert wurde. Der Computer kleidet die Details empirischen Wissens so ein, daß sie das platonische Ideal eines stabilen Wissens der Formen zu teilen scheint. Heims Hauptaugenmerk gilt der Illusion des Wissens, die die Informationslawine erzeugt.
"With an electronic infrastructure, the dream of perfect FORMS becomes the dream of inFORMation." (Heim 1993 65, Hervorhebungen von Heim)
Heim zeigt weiters, daß in dem Versuch der Negation der Verkörperung gewisse Perversionen auftreten können und bezeichnet diese als "Paradoxe", die innerhalb des kulturellen Terrains des Cyberspace agieren. Indem der Cyberspace die Grenzen von Raum und Zeit minimiert, löscht er auch die Materialität unserer körperlichen Grenzen aus. Online scheint man sich von der Begrenzung körperlicher Existenz freizuspielen. CMC scheint eine unbeschränkte Freiheit des Ausdrucks und des persönlichen Kontakts zu bringen, mit wesentlich weniger Hierarchien und Formalitäten als in der primären sozialen Welt. Nichtsdestotrotz wird physische Präsenz in der virtuellen Welt von personenähnlichen Repräsentationen simuliert und repräsentiert. CMC reduziert nach Heim die Bandbreite und die Qualität menschlicher Begegnungen im Austausch für bewußte und ausgewählte Erschaffungen unserer Welt. Diese Repräsentationen weisen nicht mehr die Verantwortlichkeit der tatsächlichen körperlichen Existenz auf, doch die Verantwortung der tatsächlichen körperlichen Existenz bleibt ein fundamentales Charakteristikum menschlicher Handlungen und direkter zwischenmenschlicher Beziehungen. Durch die immer höhere Auflösung der körperlichen Existenz werden menschliche Gemeinschaften immer gebrechlicher und kurzzeitiger, denn online ist körperlicher Kontakt entweder unmöglich oder rein optional. Bald führt das nach Heim zum Vergessen der Verletzlichkeit und Fragilität der menschlichen primären Identität.
"The more we restrake the cyberbodies for ourselves, the more the machine twists our selves into the protheses we are wearing. Our faces are our display devices, our eyes the windows that set up a neighborhood of trust. Without face-to-face, personal and private communication, our very ethical awareness based on lived experiences shrinks and rootlessness enters." (Heim 1993 74-76)
Alleine durch die Tatsache der beschränkten Bandbreiten muß der Mensch in computermediierter Interaktion einfach viel essentielles Wissen und Bedeutung verlieren.
Ngyen und Alexander (Ngyen & Alexander 1996) bezweifeln, daß Cyberspace eine Welt ist, die alleine von Netzwerkbenutzern bewohnt wird. Ihre These ist, daß Cyberspace eine wesentlich vielfältigere und polymorphere Realität und wesentlich größer als das Internet und andere Netzwerke ist. Sie fragen sich, ob "Cyberspacetime" (Ngyen & Alexander 1996) nicht auch dann betreten wird, wenn die Zukunft geplant wird oder wenn ein Flugticket gekauft wird. Viele "weltliche" Aktivitäten sind für sie das Eintauchen in die Cyberspacetime.
Steurer weist in einem Bericht über die Ars Electronica 1997 mit dem Thema "Fleshfactor-Informationsmaschine Mensch" (Steurer 1997), die sich der zentralen Frage stellte, wie Menschen in einer virtuellen vernetzten Umwelt zurecht kommen werden, auf eine fast schon schizophrene Dichotomie unserer Zeit hin: Das Konkrete bzw. das Berührende erschreckt uns gleichermaßen wie das virtuelle bzw. das Verschwindende. Derzeit überwiegt Steurers Meinung nach noch Zweiteres - jene abendländische Variante des horror vakui. Das Nichts beginnt schon zu Lebzeiten erfahrbar und fühlbar zu werden und sowohl Ich- als auch Körperlosigkeit ziehen in die zunehmend digitale Maschinenkultur ein. Raum und Zeit werden aufgehoben und das Zentrum Mensch und seine elektronische Peripherie werden eins, und der "Fleshfactor" (Steurer 1997) der Informationsmaschine Mensch bewegt sich, je nach Sichtweise, gegen null oder gegen unendlich.
Weiser plädiert in diesem Zusammenhang mit gutem Grund für eine Ausgewogenheit zwischen Zentrum und Peripherie:
"Menschen sind in Zentrum und Peripherie strukturiert. Diese Struktur ist auf verschiedene Art und Weise auf unseren realen Körper und unsere irdische Welt abgestimmt. Wir brauchen den Körper, um über ihn die Peripherie zu erfassen, mit ihr in Kontakt treten zu können. Unser Körper ist Zentrum und Ursprung aller sozialen Eingebundenheit. /.../ Mit der permanenten Peripherie zu leben, aus ihr Kraft zu schöpfen ist die Lektion, die uns die nähere Zukunft erteilen wird. Die ursprüngliche Quelle der Peripherie ist der Körper. Im Zeitalter der Peripherie werden unsere Körper zum Gegenstand der Verehrung und werden sich überall hin ausdehnen." (Weiser in: Steurer 1997)
Neue Technologien der Kommunikation können als Quelle der Teilung zwischen Menschen und als eine Barriere gesehen werden. Man trifft Menschen nicht mehr persönlich, sondern spricht über das Telephon. Man betrachtet Aufführungen über TV, man faxt sich gegenseitig etwas, oder man kommuniziert über Computermodems, die an Telephonleitungen gehängt werden. Konversationen werden auf Distanz geführt und der andere ist nicht mehr körperlich präsent. Es kommt zu Entfremdung und Dehumanisierung, zu einer Teilung von Körper und Geist. Mittlerweile besteht auch keine Demarkationslinie mehr zwischen Tageszeit, zwischen Zeit für Aktivität, Rede und Gedanken, und Nachtzeit, Zeit für Schlaf und Entspannung und Ruhe. Fraser nennt dieses Phänomen "greying of the calendar" (Fraser 1987). Das "greying of the calendar" ist das Ausgleichen der Differenzen zwischen Tag und Nacht. Es ist auch das Ausgleichen der Differenzen zwischen Tagen der Woche und zwischen den Jahreszeiten.
Nichtsdestotrotz verschwindet Präsenz im Sinne von Gegenwärtigkeit nicht einfach, sondern Technologie mediiert Präsenz. Innerhalb der Technologie der CMC gibt es Wege, die es erlauben, mit dem eigenen Körper in Interaktion mit anderen in einer holistischen Art und Weise präsent zu sein. Dem Körper kann nicht entflohen werden und dieser Teil der eigenen Identität wird immer wieder erfahren und weitergegeben bzw. ausgedrückt. Obwohl einige versuchen, den Zustand des eigenen Körpers zu verheimlichen oder zu verschweigen, verrät er sich auf jeden Fall, selbst wenn der User eine andere Art des Körpers in der Kommunikation präsentiert. Es besteht kein Verlust des Körpers in und durch virtuelle Realität und den damit verbundenen Technologien. Während man sich selbst in einem guten Buch oder in einem tranceähnlichem Zustand verlieren mag, so muß man doch konkreter Weise nur von einer Veränderung des Bewußtseins sprechen, das heißt es verändert sich etwas im Geist, aber es verändert sich nicht der Körper. Eigentlich, nicht überraschend, hat die einfache Dichotomie von Online gegenüber alltäglichem Leben, von Virtuellem und Realem, zu einer Trennung von enthusiastischen Verfechtern der CMC und von harten Kritikern der CMC geführt. Dennoch sind der Körper, das alltägliche Leben und die darin gemachten Erfahrungen zugleich der Inhalt von CMC und ebenso direkt verbunden mit der Verwendung von diesem. Das Internet selbst ist Teil des alltäglichen Lebens, es ist Teil der grundlegenden Aspekte sozialer Interaktion.
Das Netz dient als soziales Medium, das User verbindet und integriert. Das Medium beschränkt den Sprecher auf die Konventionen, die die Sprache oder das Medium mit sich bringt. So werden konventionelle Klassen und Distinktionen, die in den meisten Fällen in Beziehungen zum Modus der Produktion gestanden sind, deplaziert und durch eine zweifache Strukturisierung einer virtualisierten Produktion und einer Konsumationsklasse ersetzt (Vgl. Baudrilleard 1983, Bakhtin 1984).
Heim schlägt vor, den Begriff User durch den Begriff der "Monade" (Heim 1993) zu ersetzen, und damit die Verbindung zwischen Mensch und Computer auszudrücken. Eine Monade ist eine Person und ein Computer bzw. ein Terminal als Einheit gesehen. Heim meint, daß innerhalb jeder Monade das Kollektiv in seiner Gesamtheit existiert. Jede Monade kann auf der Basis einer breiten Anzahl von Software und von Datenbanken, die zu Verfügung stehen, eine breite und vielfältige Anzahl von Perspektiven einnehmen. Im Internet ist z. B. durch das anonyme File-Transfer-Protokoll (ftp) die Möglichkeit zum Zugang zu einer Fülle von Software gegeben. Dies ermöglicht den Zugang zu einer weiten Bandbreite von Perspektiven.
Dreyfuß (Dreyfuß 1972, Vgl. Barrett 1986) sieht den letztendlich alleine bleibenden Unterschied zwischen Mensch und Computer nur mehr im Körper. In Interaktion mit physischer Präsenz besteht eine prinzipielle Einzigartigkeit des Selbst, da der eigene Körper eine klare Definition von Identität bietet. Die Norm lautet: Ein Körper ist gleich eine Identität. Zwar mag das Selbst komplex und durch die Zeit und Umstände veränderbar sein, aber der eigene Körper bietet einen stabilisierenden Anker. Im Cyberspace gilt diese Definition nicht mehr, denn ein Individuum kann, wie die sozio-kommunikationstheoretischen Darstellungen zeigten, so viele elektronische Persönlichkeiten haben, als es Zeit und Energie findet, diese zu erschaffen. Doch diese zwei Welten sind nicht wirklich von einander getrennt. Denn es ist der Körper, das verkörperte und verfleischlichte Selbst, das inkarnierte Selbst, das Synonym mit Identität verwendet wird, und dieses inkarnierte Selbst sitzt am Keyboard des Computers. Während es richtig ist, daß eine einzige Person viele verschiedene elektronische Persönlichkeiten entwickeln kann, die mit dem gemeinsamen Ursprung der jeweiligen Person verbunden sind, ist diese Verbindung, obwohl sie in der virtuellen Welt nicht sichtbar ist, von grundlegender Bedeutung. Hinweise auf die inkarnierte Identität sind in der virtuellen Welt vielleicht selten, aber sie sind auch nicht nichtexistent. User erkennen Nuancen von E-Mail Adressen bzw. Signaturstilen als derartige Hinweise. Neue Phrasen, Sprech- und Schreibstile entwickeln sich und kennzeichnen einen User als Mitglied einer bestimmten Subkultur. Es wird ein "virtueller Ruf" einer Person etabliert. Der Account-Name bzw. die E-Mail-Adresse ist die grundlegende Information über Identität in der CMC. Der Domain-Name einer E-Mail-Adresse kann z. B. mit der geographischen Lokation übereinstimmen oder kommerzielle Domainnamen können bestimmte Reputationen mit sich bringen. Zum Beispiel ist in der nordamerikanischen Netzkultuer San Franciscos "The Well" als Domain-Name einer E-Mail-Adresse ein Garant für einen guten Ruf. Es ist möglicherweise nur eine Frage der Zeit, bis exklusive Online-Adressen ein Statussymbol werden. In E-Mail-Postings ist die einmal geschaffene, aber bei jeder Mail am Schluß hinzugefügte Signatur eines der bewußtesten Identitätsignale. Es kann eine elektronische Visitenkarte sein, eine elaborierte Arbeit des Selbstausdrucks, eine kryptische Bemerkung, oder ein simpler Name. Obwohl eigentlich die Signatur ein leicht zu kopierendes konventionelles Signal ist, wird sie oft dazu verwendet, sich zu einer robusteren und verläßlicheren Identifizierung der eigenen Identität zu verhelfen oder eine Verbindung zu kulturellen Subgruppen darzustellen. Signaturen können dazu verwendet werden, die virtuelle Persönlichkeit mit der Person in der physischen Welt zu verbinden. Witzige Bemerkungen am Ende einer Signatur in dem Vokabular einer Subkultur können in relativ versteckter Art und Weise die Verbindung zu solch einer Gruppe von Personen darstellen. Eine Besonderheit stellt in diesem Zusammenhang der "Geek-Code" (Donath 1997) dar. Dieser Code besteht aus einer Serie von beschreibenden Kategorien und Modifikatoren dieser Kategorien. Der Geek-Code ist eine bestimmte Form der Identifikation der eigenen Person, und man muß das gesamte Vokabular dieses Codes beherrschen, um eine Signatur interpretieren zu können. Dadurch ist schon alleine die Angabe eines Codes als Signatur in einem E-Mail-Posting das Zeichen der Identifikation mit einer "Geek-Welt". Daneben haben sich auch mittlerweile andere Codes entwickelt: God-Code, Magic-Code, Cat-Code, Wear-Code, Mathdiva-Code. Signaturen machen es leichter, einen Autor schneller zu identifizieren. In der einheitlichen Umgebung des ASCII-Text gibt es wenig, um sich visuell von einander zu unterscheiden, und es könnte die Möglichkeit bestehen, zwei Autoren mit dem selben Namen zu verwechseln. Signaturen können leicht erkannt werden und helfen, den Autor eines Postings auf einem Blick zu identifizieren.
Heim (Heim 1993) hat wenig Bedenken im geistigen Wettkampf zwischen Mensch und Maschine und fokussiert statt dessen auf die Bestrebung des Menschen, jede neue Entwicklung der Computertechnologie in das alltägliche Leben zu integrieren. Die Faszination transzendiert praktische und nützliche Anwendungen und reicht tief in die unartikulierten Bedürfnisse des Menschen hinein. Heim kommt zu den Schluß:
"Our fascination with computers is more erotic than sensous, more deeply spiritual than utilitarian." (Heim 1993 59)
Nach Heim inspiriert der Eros den Menschen dazu, die Bedrängnis des Fleisches, des Körpers zu verlassen, indem er die menschliche Aufmerksamkeit auf das lenkt, was den Geist anzieht. Die erotischen Triebe, die den Menschen dazu treiben, das Fleisch zu transzendieren, finden deshalb den gefährlichsten Komplizen in der Computertechnologie. Das virtuelle Leben im Cyberspace lähmt den Körper. Cyberspacetime verspricht die Befreiung von den Begrenzungen durch Raum, Zeit und Materialität. Doch ohne primäre Erfahrungen des Körpers muß der Mensch leiden. Der Mensch kennt seine Welt und lebt in dieser Welt primär, weil er sich körperlich durch diese bewegt.
"The body is the vehicle of being in the world. To have a body is, for a living being, to join itself to a certain environment, to involve itself to certain projects and therein engage itself continuously." (Merlau-Ponty 1945 97)
Heim bezieht sich auf Diotimas Rede in Platons Symposion, die als Manifest der Strömungen der westlichen Kultur zum Verrat des Körpers gesehen werden kann. Eros führt den Menschen zum Logos, zum Denken und zur Rede. Die Liebe zu schönen Körpern und zu schönen Objekten ist nichts als ein erster Schritt zu einer größeren und reineren Liebe. Diese reinere Liebe ist die Liebe zu schönen Gedanken und zu Wissen, und letztendlich besteht eine Liebe zur Schönheit selbst.
Die Entwicklung des Cyberspace hat eine Welle von religiösem Enthusiasmus ausgelöst. Die Unendlichkeit, die der Cyberspace zu bieten scheint, dient als idealer Mechanismus zur Projektion tiefster Hoffnungen und Ängste. Er generiert eine außergewöhnliche Menge kultureller Energie, die Fusion von Technologie und Utopie und den Wunsch nach spiritueller Befreiung von der Begrenztheit der Materie. Die Verbindung von Cyberspace und Spiritualität ist nicht ein bloßer Zufall. Spirituelle Schulen haben traditionellerweise schon immer mit der Navigation in der immateriellen Welt zu tun gehabt. Sie haben Techniken gesucht, eine immaterielle Welt mit der Welt der menschlichen Bedürfnisse in Einklang zu bringen, und Cyberspace funktioniert in diesem Sinne als eine magische Umgebung, in der dies alles möglich ist.
Selbst wenn CMC nur teilweise die revolutionären Transformationen der Werte und der sozialen Struktur realisiert, die in enthusiastischen Visionen zu finden ist, dann wird sich Religion, als der Menschheit älteste Ausdrucksform von Wörtern und von Gemeinschaft höchstwahrscheinlich durch diese Transformationen auch verändern. O’Leary und Brasher (O’Leary und Brasher 1996) arbeiteten heraus, wie religiöse Glaubenssätze und religiöse Sprache durch die neuen Technologien der Kommunikation verändert werden. Nach der zweiten Oralität gemäß Walter Ong führt CMC zum Wiederauferstehen oraler Kommunikationselemente, wie sie in Stammeskulturen zu finden ist, in einem neuen globalen Kontext der Kommunikation. O’Leary und Brasher weisen auf die ersten Schimmer einer technologisierten Religion hin, die sich in Mailinglisten und NetNews-Gruppen zeigt, die sich dem Thema Religion gewidmet haben. Weiters weisen die Autoren auf eine gewisse Gefahr des Cyberspace hin, die darin besteht, daß er das Opfer einer modernen Form des Gnostizismus wird. Der Cybergnostiker kann auf der einen Seite nicht mehr zwischen Weisheit und Wissen in der digitalen Kommunikation im Cyberspace unterscheiden, und auf der anderen Seite kann es zu einer epistemologischen Verwirrung kommen, die den Cybergnostiker dazu führt, in einem ewigen Suchen nach dem Wissen, das ihn retten soll, verloren zu gehen.
Philosophisch-anthropologische Fokussierung
In der CMC tritt der Mensch in einem überwiegend optisch-akustischen Verhältnis in Verbindung zu einer Welt, die den Filter der Digitalisierung passiert hat. Es entsteht der Anschein, daß die Welt auf den Wahrnehmungs-, Bewußtseins-, und Manipulationspunkt des aktiven Betrachters zurückgeführt werden könnte. Die Wirklichkeit – auf die Dimension digitaler Einheiten reduziert – rückt in das Bewußtsein und in das Medium ein, das sie wieder neu zusammensetzt. Es überwiegt unter Usern allem Anschein nach eine Art von Vulgär-Idealismus: Das gerade Gedachte und Konstruierte ist die Wirklichkeit. Das real Visuelle, das Fühlen, Riechen, Schmecken und Hören werden vernachlässigt. Dadurch werden aber alle widerständigen, doppeldeutigen, verwirrenden, euphorisierenden und deprimierenden Bestandteile der Sinneswahrnehmung eliminiert. Man könnte von einer Reduktion im Sinne einer Verdichtung der Wahrnehmung sprechen.
Demgegenüber zeigt aber die systemische Perspektive, daß die Welt und die Objekte der Welt immer erst durch die Unterscheidungen der Sprache als Verhaltenskoordination entstehen. Existenz- und Objektbestimmungen sind immer nur sprachlich möglich und sprachlich gegeben. Jedes Individuum lebt demnach in derjenigen Welt, die sein Organismus durch die sprachliche Interaktion mit anderen Inidividuen erzeugt hat. Die Realität ist immer abhängig von der Wahrnehmung und ist damit immer die Realität eines wahrnehmenden Lebewesens. Deswegen wird in der systemischen Sichtweise auch von parallel existierenden Multiversa anstelle eines unabhängig von den Individuen existenten Universums gesprochen. Eben weil Welt immer auf den Wahrnehmungs-, Bewußtseins-, und Manipulationspunkt des aktiven Betrachters zurückgeführt werden kann, ist dies in der CMC nicht anders als sonst wo, es tritt vielleicht nur erstmals in der Entwicklung der Menschheit in solch klarer Weise zutage, die durch ebendiese Verdichtung der Sinnlichkeit auf das Optisch-Akustische so anstößig wirkt. Da in der systemischen Sichtweise die Wirklichkeit mehr ist als ein einfaches und einzigartiges Universum und aus vielen verschiedenen, im Grunde genommen für jedes Individuum unterschiedlichen, Multiversa besteht, führt sich jede Rückführung auf eine "eigentliche" Realität ad absurdum. Das, was bislang als die "eigentliche" Realität bezeichnet wurde, erweist sich somit als eines der vielen Multiversa, das aber bislang besonders vertraut war und angesichts der Erschaffung neuer Multiversa in einer ersten instinktiven Reaktion in Verlust zu geraten droht. Doch wird im Grunde genommen nur die Vielfältigkeit der Realität, die den Menschen umgibt, durch eines bzw. mehrere neue Multiversa erweitert.
Es besteht die weitverbreitete Meinung, daß Technologie in irgendeiner Form autonom von der sozialen und der Wertewelt sei, und daß sie nicht in sich selbst gut oder schlecht sei. In dieser Ansicht impliziert ist, daß Wissenschaft und Technologie Prozesse autonom beginnen, eine Ansicht die durch den Begriff des Fortschritts charakterisiert werden kann. Innerhalb der Anthropologie entwickelt sich jedoch eine gegensätzliche Meinung (Vgl. Escobar 1994). Jede Technologie wird als eine Erfindung bzw. eine Entwicklung innerhalb einer Kultur gesehen in dem Sinne, daß sie eine Welt mit sich bringt, die sich aus den spezifischen kulturellen Bedingungen entwickelt und neue Bedingungen schafft.
Überlegungen über die Sprache, ihre Entstehung, Entwicklung und Bedeutung finden sich schon bei indischen Philosophen und grundlegende Überlegungen der antiken griehischen Philosophie wirken immer noch im abendländlischen Denken fort. Die naturalistische Sprachphilosophie betrachtet Sprache als eine natürlich gewordene Fähigkeit des Menschen, während die idealistische Sprachphilosophie Sprache als eine Schöpfung des Geistes sieht.
Sprache kann als das umfassendste und differenziertes Ausdrucksmittel des Menschen und zugleich die höchste Erscheinungsform des Geistes gesehen werden. Mit jedem Wort, das der Mensch spricht, meint er etwas. Das Wort steht zwischen dem Bewußtsein und dem gemeinten Gegenstand, und es nimmt an der Seinsart beider teil. Es trennt sie voneinander, indem es ermöglicht, die durch das Wort erzeugte Vorstellung vom Gegenstand zu unterscheiden. Ohne das Wort könnte eine Vorstellung weder im Sprecher noch im Zuhörer auftauchen. Das Wort verbindet aber auch Gegenstand und Bewußtsein, indem ohne das Wort die Vorstellung nicht zum Zeichen für das werden kann, was gemeint ist. In dieser Funktion des Trennens und des Verbindens liegt der Ursprung für die Wirkung der Sprache auf das Denken. Mittels der Sprache können die gesamte Erlebniswirklichkeit und das Denken sich zum eigenen Erkenntnisgegenstand gemacht werden, können sich objektivieren und an andere weitergegeben und damit tradierbar werden. Weil aber das Denken nur in der Form der Sprache bewußt werden kann, kann die mikrokosmische Welt nur in der Art und Weise der Sprache aufgefaßt werden. Die Welt wird damit zu einer Sprache der anderen Art. Jeder Gegenstand wird zum Träger eines Wesens, das der Mensch in der Sprache erfassen will. Jeder Gegenstand der Welt hat damit eine Bedeutung. So, wie die Sprache Geist verleiblicht, durchgeistigt sie die Welt. Das Wort ist das Gefäß des Geistes, aus dem der Mensch ihn über die Welt ausgießt und ihr damit Sinn verleiht. Durch das Wort wird der Gegenstand geistig verfügbar und zu etwas der menschlichen Erkenntnis gegebenem. Das Wort ist das aussprechbare Wesen des Gegenstandes. Mit dem wesentlichen Wort wird der Gegenstand angesprochen, damit er sagen kann, was er eigentlich ist. Indem die Gegenstände zum Partner dieses Verständigungsprozesses werden, findet sich das sinngebende Bewußtsein, das in der Sprache auf sie wirkt, in ihnen tatsächlich wieder. Auf dem Vehikel der Sprache bewegt sich das Bewußtsein durch die Welt und kehrt bereichert zu sich selbst zurück.
Nach Bühler (Bühler 1934, Vgl. Thun 1981) können drei Funktionen der Sprache unterschieden werden: Äußerung (Kundgabe), Einwirkung (durch Anruf, Mitteilung, etc.) und Sachbezogenheit (Benennung, Orientierung, Darstellung). Der Sprechende äußert etwas, sei es für sich, sei es als Mitteilung an andere, die er anspricht. Dieses Bezogensein auf den anderen hat bereits als Einflußnahme die Form des Eingriffs in den Freiheitsbereich des anderen und ist damit ein "behandeln". Es werden nicht einfach Sätze ausgesprochen, sondern Bitten, Klagen, Fragen, Auskünfte, Belehrungen, Ermahnungen, Drohungen oder Befehle. Dabei ist meist von Sachlichem die Rede, das im engeren Sinn den Inhalt des Gesprochenen ausmacht. Der Schwerpunkt der Rede kann sowohl bei der Kundgabe wie bei der Einflußnahme oder auch beim Sachlichen liegen. Mit der Fixierung eines Sachverhalts sollen Wege des Handelns aufgewiesen, Teiles des Aktionsfeldes ausgekundschaftet oder Richtpunkte sichergestellt werden.
Die Geschichte einer Sprache spiegelt auch die Sozialgeschichte des betreffenden Volkes wider. Die Wortstämme einer Sprachen zeigen, welche Gegenstände für das Volk zur Zeit der Sprachformung die wichtigsten waren, der Wortschatz einer Sprache zeigt, was ein Volk denkt, und die Syntax veranschaulicht, wie es denkt. Die Wortstämme, der Wortschatz und die Syntax bestimmen den Denkraum des Sprechenden. Die sprachliche Prägung verweist auf einen im Hören der Sprache vor Augen geführten Lebensbezirk hin. Jedes vernommene Wort muß interpretiert werden, um im Sinne des Sprechenden verstanden werden zu können. Eine richtige Interpretation ist aber nur möglich, wenn der Denkraum des Sprechenden wenigstens in den Strukturen bekannt ist. Das Verstehen einer fremden Sprache ist damit an denselben, aber in diesem Fall komplizierteren Interpretationsvorgang gebunden.
Schrift kann als das sichtbare Ausdrucksmittel für das Gedachte und das Gesprochenes durch festgelegte sinnfällige Zeichen gedeutet werden. Schrift verhält sich zu Sprache so, wie diese sich zur inneren Welt der Gedanken und Erlebnisse verhält. Ist das Wort eine vorläufige oder endgültige objektive Gestalt des Gemeinten und Erlebten, so ist das schriftliche Bild des Wortes durch gegebene Zeichen eine weitere Objektivierung und Festlegung derselben Inhalte. Gegenüber dem Gesprochenen und Gehörten hat Sprache einen festen und dauerhaften Charakter. Während die einzelnen Zeichen stets als elementare Bedeutungsträger zu verstehen sind, haben die Bedeutungen der Schriftbilder von Wörtern und Sätzen einen höheren Sinngehalt, der sich jedoch nicht aus der Zeichenbedeutung ableiten läßt, sondern erst im Verstehenszusammenhang des gedachten Wortes sichtbar wird.
Wenn sich das Bewußtsein der Gattung Mensch mittels Sprache die Welt erschließt, und zugleich aber Sprache den Denkraum der sprechenden Menschen bestimmt, so stellt sich die Frage, inwiefern CMC die Erscheinungsweise von Sprache verändert. Die in der CMC zutage tretende Sprache kann in ihrer Verwendung als zweite Form der Oralität, die zwar präliterarische Charakteristika hat, aber in geschriebener Form auftritt, definiert werden. In der CMC wird Sprache informeller als in alltäglicher Kommunikation verwendet, und doch ist sie mehr geschriebene Sprache. Es hat sich ein eigener Stil, der E-Stil entwickelt, der wesentlich spielerischer mit Sprache umgeht und darüber hinaus die fehlenden nonverbalen Komponenten des Sprechens durch eine Para-Sprache zu ergänzen versucht. Es scheint, als würde diesem Sprach-Verhalten die bislang bekannte Tiefe und emotionale Reichhaltigkeit zugunsten einer kognitiven Betonung fehlen. Es liegt nahe, all diese Kennzeichen der Verwendung von Sprache in der CMC unter dem Begriff der E-Sprache zu subsumieren. Die technischen Vorgegebenheiten der CMC ermöglichen es weiters, den traditionellerweise auf ein Gespräch zwischen zwei Personen beschränkten Dialog zu einem Multilog zu erweitern. So, wie die individuelle innere Erlebniswelt durch Sprache zum Ausdruck kommt, manifestiert Schrift das, was gedacht und gesprochen wird. E-Sprache ermöglicht, klarer als es bisher möglich war, sich je nach Bedürfnis stärker kognitiven Inhalten zuzuwenden oder auch ein bewußt spielerisch-lustvolles Kommunikationsverhalten vorherrschen zu lassen. Sprache bestimmt das Denken des Sprechenden, und eine Erweiterung von Wortschatz und Syntax, wie sie sich durch die CMC offensichtlich ergibt, bedeutet damit auch eine Erweiterung des Denkens. Alle in der personzentrierten Sichtweise dargestellten Eigenschaften zwischenmenschlichen Dialoges sind auch in der CMC gegeben, mit dem Unterschied, daß eine Erweiterung des Dialoges zu einem Multilog möglich ist, daneben aber der bisher bekannte Dialog zwischen zwei Individuen genauso bestehen bleibt. Sprache wird im systemischen Modell als Verhalten zur Verhaltenskoordination gesehen. In dem neuen Multiversum, das sich durch die CMC erschließt, wird besonders klar deutlich, wie sehr Sprache ein Verhalten des Menschen ist, ja Sprache wird zum bislang einzigen Verhalten, das in diesem Multiversum möglich ist.
Philosophisch-anthropologische Fokussierung
Kommunikation wird nach Jaspers (Jaspers 101960) als ein Vorgang gesehen, in der das Ich als Selbst dadurch wirklich wird, daß es sich im anderen offenbart. Er sieht dieses Sichoffenbaren mehr als Anstrengung und fast unerfüllbare, immer wieder dem Scheitern ausgesetzte Aufgabe, die sich nicht im kontemplativen Anschauen der Welt ereignet, welches Kommunikation überhaupt unmöglich macht, sondern immer wieder in Frage stellt und dennoch für die sich in der Kommunikation Berührenden von forderndem Anspruch ist. Nach Heidegger (Heidegger 1960, Vgl. Wucherer 1985) kann sich Kommunikation auch im Schweigen und Nicht-Sagen erfüllen. Das Schweigen ist die grundlegende Möglichkeit des miteinander Sprechens und damit auch von Kommunikation. In der Existenzphilosophie Sartres (Vgl. Sartre 1943), die entgegen den beiden Erstgenannten Ansätzen nicht eine begrifflich fundierte Sichtweise darstellt, sondern von eigens vorgelebter Kommunikation ausgeht, ist das Angewiesensein auf den Umgang mit anderen das Ur-Unglück für das Selbstsein.
Aus der Perspektive des personzentrierten Ansatzes wird Begegnung als eine Qualität der Beziehung zwischen zwei Menschen, die durch ein Gespräch entsteht, beschrieben, und es wird der Begegnung eine mystisch-spirituelle Qualität zugeschrieben, in der die beteiligten Personen unmittelbar mit sich selbst und ihrem selbstschöpferischen Kern in Kontakt kommen. Je mehr sich die einander begegnenden Personen auf sich selbst und den anderen einlassen können, desto tiefer und intensiver ist der sich daraus entwickelnde Wachstumsprozeß aller Beteiligten. Eine Begegnung ist von den Momenten der Gegenwärtigkeit, d. h. des Hier und Jetzt, der Andersartigkeit, d. h. der immer erfahrbaren Verschiedenheit des anderen und der Erlebnisfähigkeit, d. h. einer inneren Einstellung der Authentizität, der gegenseitigen Wertschätzung und des einfühlenden Verstehens, gekennzeichnet.
CMC ermöglicht ebenso wie andere Möglichkeiten des In-Kontakt-Kommens mit dem anderen die Erfahrung von Begegnungen. Es wird jedoch das Fehlen jeder physisch-räumlichen Dimension in der Begegnung mit dem anderen als Einschränkung erlebt. CMC ersetzt keinesfalls andere Begegnungsmöglichkeiten, aber sie bringt eine Erweiterung des Spektrums der Möglichkeiten zur Begegnung mit anderen. Das Bedürfnis nach der physisch-räumlichen Dimension führt in den meisten Fällen zu anderen Formen der Begegnung jenseits der CMC. Solange keine adäquate Möglichkeit der Befriedigung des Bedürfnisses nach physisch-räumlichen Ebenen der Begegnung mit dem anderen auch in der CMC gegeben ist, wird CMC immer nur einer Erweiterung, aber keine vollwertige, im Sinne eines personzentrierten umfassenden Erfahrungsspektrums notwendige, Möglichkeit zur Begegnung bleiben. Aus personzentrierter Perspektive wird deutlich, wie sehr CMC dem Menschen vor Augen führt, daß er auf physische Kontakte angewiesen ist. Dennoch bleibt zu bezweifeln, daß die sich sicherlich ergebene Leistungssteigerung der Simulation in naher Zukunft nicht auch physische Präsenz einschließen wird können.
Die Form der CMC verändert das, was Information und Kommunikation genannt wird. Die neue Kommunikationsmedien übertragen immer schneller immer mehr Informationen. Deshalb werden Kategorien wie Tempo und Beschleunigung zu Definitionsmerkmalen von Kommunikation. Was nicht mithalten kann, etwa die lebensweltliche Kommunikation, wird dann vielleicht zu einem lästigen, weil trägen Hintergrundgeräusch. Vor allem die Digitalisierung bestimmt diese Transformation: alle Informationen – wie die Bild-, Ton- Schrift- oder Mathematik-Information – können auf einen digitalen Code reduziert und somit kompatibel zum PC gemacht werden. Dieser wird damit zur Universalmaschine, vielleicht sogar zu einer "universalen Wunschmaschine" (Liessmann 1995, Vgl. Turkle 1984). Alle Tätigkeiten, die mit diesen Funktionen zusammenhängen, können nun von einem einzigen Ort aus mühelos durchgeführt werden. Das gesamte Repertoire der Sinne wird mehr oder minder auf einen einzigen Punkt der Kommunikation zusammengezogen, und in einem überwiegend optisch-akustischen Verhältnis tritt der Mensch zu einer Welt in Verbindung, die den Filter der Digitalisierung passiert hat.
Möglicherweise in einer Überschätzung der Geschwindigkeit, mit der sich CMC zu vollziehen geglaubt wird, könnte die Reduktion der Erfahrungen des Nachdenkens und des Aufarbeitens von Vernommenem vermutet werden, doch wird, so zeigen sozio-kommunikationstheoretische Darstellungen, gerade durch CMC dies erleichtert bzw. gefördert. Es zeigt sich, daß gerade aufgrund der Geschwindigkeit, mit der es möglich ist, in der CMC zu kommunizieren, Erfahrungen der Zeit gemacht werden. Es mag vielleicht der Transfer der Information in Bezug auf die Überbrückung von Distanz in Relation zur dazu benötigten Zeit vor allem im Vergleich mit traditioneller brieflicher Korrespondenz enorm sein, doch ist es nach allen bisherigen Untersuchungsergebnissen keinesfalls so, daß CMC den mündlichen Austausch eines direkten Gesprächs in einem Face-to-Face-setting in der Präsenz und Geschwindigkeit überflügeln könnte. Möglicherweise ist die Sichtweise einer den Menschen einschränkenden und zu immer mehr Tempo antreibenden Dimension der CMC nur ein Mythos ebenso wie die Angst vor einer "Beschlagnahme der Zeit" (Lyotard 1993). Auch die personzentrierte Sicht von zwischenmenschlicher Begegnung betont die Notwendigkeit des Erlebens der Dimension der Gegenwärtigkeit, die in Begegnungen mittels CMC zwar erfahrbar ist, aber dennoch die Intensität des Gegenwärigkeits-Erlebens eines Face-to-Face-Settings nicht erreicht.
CMC hebt gewissermaßen die Geographie auf, denn es kann mit Menschen kommuniziert werden, egal, ob ihre "Nase gefällt", ob man sie "riechen kann", oder ob ihre Stimme "sympathisch ist". Das wird eine neue Art von Beziehung bedeuten, aber möglicher Weise auch neue Formen der Vereinsamung. Einsamkeit, während man mit tausenden Menschen gleichzeitig kommuniziert, bedeutet auch Ratlosigkeit und Ohnmacht, nicht zu "fühlen", welche Nachricht von vielen oder welche Information in der gebotenen Masse wichtig ist.
Begriffe wie "Welt" oder "Raum" werden in der Beschreibung von zwischenmenschlichen Begegnungen durch CMC zu Metaphern. Die systemische Sichtweise sieht Raum als Ausdruck einer essentiellen Seinsweise, in der jede Handlung sowohl eine Veränderung des Raumes, den der Körper innerhalb des ihn umgebenden Raumes beansprucht, als auch ein zunehmende Öffnung der inneren Welt des Individuums bewirkt, die letztendlich zur Entstehung der individuellen Identität in einer zunehmenden Differenzierung und Bestimmung des inneren und äußeren Raumes notwendig ist. Im systemischen Ansatz ist Raum eine universale Dimension des expressiven und sozialen Verhaltens, indem es das individuelle Territorium definiert, in dem das Individuum sich selbst finden und zugleich seine Beziehungen zu anderen Menschen leben kann.
Gemeinsame Interessen und kommunikative Stile sind im Internet die bislang fast einzigen Hilfsmittel zur Navigation dieses Raumes im Sinne des hellenistischen "tópos" (Gemoll91965), der neben Raum und Platz auch Thema bedeuten kann (Vgl. Kirshenblatt-Gimblett 1992). Virtuelle Plätze werden aber nicht nur durch das Thema bestimmt, sondern auch durch die Haltungen bezüglich der Kontrolle des Themas, die dann erst dem Platz seinen individuellen sozialen Charakter verleihen. Der Begriff tópos - Platz, Raum oder Thema, um das es geht, zeigt, wie weit die Dimensionen des menschlichen Raumes zu nehmen sind. CMC bringt in diesem Zusammenhang eben keine Aufhebung jeglicher spatio-temporaler Dimension, sie führt keinesfalls zur Raum- und Zeitlosigkeit, sondern führt möglicherweise mehr zu einer Unabhängigkeit von Raum und Zeit, aber auf der Basis einer zugleich immerbleibenden Verbundenheit mit ebendiesen selbst. CMC macht vielleicht den hellenistischen tópos in seiner ganzen Breite erfahrbar.
Die Tatsache, daß das Internet als Raum erlebt wird, birgt aber auch das Risiko in sich, daß traditionelle Räume durch die Versprechung der Erfüllung der Wünsche und Bedürfnisse der User nach Transzendenz der eigenen Beschränktheit durch ein Scheinbild, in dem das Virtuelle als das Realere als das Reale gesehen wird, ersetzt oder auch nur geschwächt werden (Vgl. Baudrillard 1983). Das Internet kann als befreiende Manifestation der Wünsche gesehen werden, eigene Bedürfnisse in Bewegung zu versetzen. Diese Eigenschaft kann auf die dezentralisierte Organisation des Internets, in dem es keinen zentralen Kontrollmodus gibt, und damit Konzeptionen von Kontrolle ausgeschaltet werden, zurückgeführt werden (Vgl. Deleuze & Guattari 1996).
Psychosoziale Störungen suchen sich gern zeitgemäße Gewänder. Es kann in Zukunft durchaus sein, daß einer größeren Anzahl von Menschen "Internet Addiction Syndrome" (o. A. 1998) diagnostiziert werden kann. Sie werden ihre Bedürfnisse auf das Suchtobjekt "Internet" einschränken und dabei den point of no return überschreiten. Die Symptome werden Vereinsamung, Vernachlässigung der persönlichen Beziehungen, des Berufes, der Gesundheit und der Existenzsicherung sein. Die sogenannte "HomeNet"-Studie (Caruso 1998, Vgl. Harmon 1998) hat ergeben, daß Menschen, die mehrere Stunden in der Woche online sind, eine erhöhte Anfälligkeit für Depressionen bzw. Einsamkeitsgefühle aufweisen. Die Forscher stellten in ihren zwei Jahre dauernden Untersuchungen fest, daß der Gebrauch des Internet das psychische Gleichgewicht verschlechtere. Es liegt in der Natur des Menschen, daß grundlegende Veränderungen gesellschaftlicher Lebenswelten nicht ohne Auswirkungen auf das Individuum bleiben. Verändert sich die Atemluft, verändern sich die menschlichen Lungen. Auf den psychokulturellen Wandel, den das Internet mit sich bringt, wird somit der Mensch ebenfalls reagieren.
Mit Kommunikation wird oftmals der Begriff des Dialogs in Verbindung gebracht, der ein Gespräch zur Darstellung von Problemen mittels der Dialektik und als solcher als eine literarische Kunstform der antiken Philosophie, "diálogos" (Gemoll 91965), erstmals angebahnt von den Sophisten und vor allem von Sokrates und dann von Platon zur Vollendung gebracht wurde, meint. Durch Rede und Gegenrede wird die Darstellung philosophischer Probleme anschaulich gemacht und belebt, und im ganzen Altertum wurde der Dialog bei philosophischen Erörterungen bevorzugt. Die moderne Philosophie hat den Begriff des dialogischen Denkens hervorgebracht und das unmittelbare Verstehen und Einswerden in der gedanklichen Kommunikation auf eine Weise näher bestimmt, die trotz subjektiver Differenzen in der Begegnung auf die Möglichkeit eines höchsten Zueinanderfindens im Denken hindeutet.
Nonverbale Komponenten der Kommunikation sind analoge Elemente, und sie können in verschiedenen Kontexten unterschiedlich verstanden werden. Nonverbale Modalitäten der Kommunikation liefern Informationen über das Verhältnis der Kommunikanten untereinander und über den Kontext der Kommunikation. Auch in der CMC sind nonverbale Elemente trotz der Einschränkungen gegeben, und es bestehen vielfältige Möglichkeiten, sich nonverbal ausdrücken. In der CMC bleiben die auf Beziehungsaspekte ausgerichteten Anteile der Kommunikation im Hintergrund, und CMC bringt zwar eine Reduktion auf kognitive Inhalte, doch wird dies nicht nur auf inhaltlicher, sondern auch auf emotionaler Ebene nicht notwendig als Einschränkung erlebt, sondern aufgrund der größeren Klarheit durch die Textorientiertheit sogar als Vorteil gesehen. Eventuell wird es durch die CMC möglich, die ursprüngliche hellenistische Verstehensweise des Dialogs als kognitiv orientierte Auseinandersetzung der Gesprächspartner über ein Thema neu zu beleben.
Schon die Interaktion mit dem Computer an sich hat zu einer Veränderung geführt, denn Computer ersetzen am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts Autos und Motorräder als eine der wichtigsten Metaphern für menschliche Erfahrung, wie der Gebrauch animistischer Redeweisen im Umgang mit Computern zeigt. Genauso, wie Autofahrer ihre Fahrzeuge behandelten, behandeln Computerbenützer ihre Computer als lebende Verlängerung des eigenen Körpers. Elektronische Kommunikation und die Kultur der CMC haben eine soziale Gruppe entwickelt, die besonders an besseren Möglichkeiten des Interfacings oder an besseren Möglichkeiten der Simulation des alltäglichen Lebens durch graphische und sensuelle Interfaces interessiert ist. Solche derartigen virtuellen Realitäten sind im Grunde genommen aber zur Zeit noch nichts anderes als Visionen. Der gegenwärtige Standard des Internets und der darin gebundenen Technologie repräsentiert eine kritische Verbindung in der Entwicklung von virtueller Realität. Es ist mehr als ein bloßer Zustand der technologischen Entwicklung, denn es ist eine Verbindung der grundlegenden Sinne eines sozialen Arrangements und technologischer Fähigkeiten, die sich in die Lebenswelt hinausstreckt und aus dem Computer herausreicht, um die Konventionen und Routinen des alltäglichen Lebens zu verändern.
Beharrt man auf einer Unterscheidung zwischen Onlineleben und dem Leben außerhalb von Netzwerken, dann benötigt man dazu eine Unterscheidung zwischen sozialer Interaktion in Onlinegemeinschaften und von sozialer Interaktion mit physischer Präsenz. Es bestehen Unterschiede in der Nähe, im Kommunikationsmedium und in der Redundanz von Information. Die Unterscheidungen sind klar, aber aufgrund dieser Unterscheidungen eine dieser Aktivitäten als weniger sozial zu bezeichnen, scheint etwas übereilig und dürfte eine zu sehr stereotypisierende Schlußfolgerung darstellen. Beide Formen der Kommunikation sind Typen von sozialer Interaktion.
Das Internet schafft eine Krise der Grenzen zwischen unter anderem dem Realen und dem Virtuellen, zwischen Zeitzonen und zwischen geographischen Räumen. Darüber hinaus schafft es Grenzprobleme bzw. eine Krise der Grenze zwischen Körper und Technologie und zwischen dem traditionellen Sinn des Selbst und dem Sinn von wechselnden Rollen. Beharrt man auf der Unterscheidung zwischen Körper und Maschine kommt es zu einem Verlust des Körpers, in dem Sinne, als daß der Körper nur mehr als einfaches Fleisch gesehen wird.
Philosophisch-anthropologische Fokussierung
Erkennen kann als das Sichaneignen von erlebten bzw. erfahrenen Sachverhalten, Zuständen oder Vorgängen beschrieben werden. Erkenntnis kann in einem weiteren Sinn als dieser Vorgang, als auch in einem engeren Sinne als dessen Ergebnis bezeichnet werden. Erkenntnis meint die Identifikation eines sinnlich erfaßten einzelnen mit seiner allgemeinen Bedeutsamkeit und die Bestimmung dieser Bedeutsamkeit durch weitere allgemeine charakteristische Züge und ist somit eines Weise des Denkens, die auf Wahrnehmung und Erfahrung aufbaut und über beide hinausgeht. Erkennen bedeutet "Etwas als etwas erkennen" und beinhaltet somit ein Beurteilen, das sich auf Erfahrungen stützt. Im Erkennen ist daher stets auch ein Wiedererkennen enthalten. Neue, von innerer und äußerer Erfahrung unabhängige Erkenntnisse können nur durch kreative Phantasie entstehen. Seit der griechischen Philosophie wird Erkennen nach den Gesichtspunkten von objektiver Quelle bzw. Herkunft, subjektiver Fähigkeit im Sinne eines Vermögens zu Ziel und Zweck, Kennzeichen und Maßstäben, Grenzen und Hindernissen und durch Aporien oder Antinomien unterschieden. Beim Erkennen stehen sich Subjekt und Objekt als Erkennendes und Erkanntes gegenüber. Das Subjekt erfaßt und das Objekt ist erfaßbar. Das Erfassen geschieht dadurch, daß die Bestimmungsstücke des Objekts an seinem, im Subjekt entstehenden Abbild wiederkehren. Dieses Abbild ist insofern objektiv, als das Subjekt es von sich selbst, an dessen Aufbau es beteiligt ist, von sich selbst als ein Gegenüberstehendes unterscheidet. Das Abbild ist nicht identisch mit dem Objekt, aber ihm kommt Objektivität zu. Das Objekt ist unabhängig vom Subjekt, und es ist mehr als nur ein Gegenstand des Erkennens. Neben dem Gegenstandsein besitzt das Objekt auch ein Ansichsein, ebenso wie das Subjekt für sich selbst Subjekt sein kann. Daß das Objekt auch an sich sein kann, bedeutet, daß neben dem am Objekt Erkannten noch ein unerkannter Rest bleibt. Die Tatsache, daß ein Gegenstand nie vollständig und ohne Rest, nie in der Fülle seiner Bestimmheit erfaßt werden kann, spiegelt sich in der Nichtübereinstimmung zwischen Objekt und Abbild wieder. Sofern das Subjekt von diesem Unterschied weiß, ergibt sich das Problem, das den weiteren Vorgang des Erkennens mit Spannung belegt und auf immer weitere Erkenntnisbemühungen drängt. Im Fortgang des Erkennens wird die Grenze zwischen dem, was bereits erkannt wurde, und dem, was erkannt werden sollte, auf den Gegenstand hin verschoben wird.
CMC ist eine Erweiterung der bisherigen Formen der Kommunikation und zugleich verändert sie die Struktur des Individuums. CMC verändert damit das menschliche Erkennen und damit auch das Bild dessen, was als Realität gesehen wird.
Aus der systemischen Perspektive wird menschliches Erkennen als ein durch die biologische Struktur determiniertes Verhalten beschrieben. Erkennen ist nicht durch die klassische Formel der adaequatio rei et intellectus zu definieren, sondern dient primär der Lebenserhaltung. Wenn sich die Struktur des Individuums durch die Effekte und Konsequenzen aus der CMC verändert, so müßte sich letztendlich auch das menschliche Erkennen verändern. Erkennen und Verhalten sind in der systemischen Sichtweise untrennbar miteinander verbunden. Erkennen heißt beschreiben, wie ein Lebewesen effizient handelt. Welt erkannt zu haben ist demnach daran zu messen, wie sich das Individuum effizient in dieser Welt verhält. Wenn Erkennen mit dem Beschreiben des Vorgangs des effizienten Verhaltens verbunden ist, so ist Erkennen immer mit Beschreiben verbunden, und Beschreiben erfolgt immer durch Kommunikation. Kommunikation erfordert immer den bzw. die anderen und ist daher an Gemeinschaft gebunden. Erkenntnis der Realität, die durch Beschreibungen feststellbar ist, die wiederum von Kommunikation abhängig ist, die im nächsten Schritt immer Gemeinschaft erfordert, ist daher immer vom Miteinander abhängig.
Die digitale Technologie hat einen nicht mehr zu bestreitbaren Einfluß auf die kognitiven Strukturen des Individuums. Sie verändert die Art und Weise, wie es über sich selbst, über andere Individuen und über datenverarbeitende Maschinen denkt (Vgl. Nelson-Kilger 1993). Eine theoretische Position über die Entstehung von Realität, die in diesem Zusammenhang oft in Verwendung tritt, ist jene von Berger und Luckmann (Berger & Luckmann 1967), die davon ausgeht, daß Individuen ihre eigene soziale Realität konstruieren. Jedes Individuum nimmt demnach unterschiedlich wahr, interpretiert und definiert physische Objekte und andere Individuen sowie auch Information per se unterschiedlich und integriert sie individuell in die je eigene Version der Realität. Durch die Bestimmung dessen, was jeweils als real angesehen wird, bestimmt das Inidividuum somit die wahrnehmbare Welt und die Handlungen, die in dieser Welt vollzogen werden. Ohne diese theoretische Konzeption der Konstruktion sozialer Realität könnte die digitale Technologie einfach als Informationsquelle und als beziehungsverweigerndes Objekt gesehen werden.
Realität und Virtualität unterscheiden
Das, was die CMC ausmacht, wird gegenwärtig vor allem dadurch bestätigt, wie über sie berichtet wird. Im Sinne einer self fullfilling prophecy schaffen sich die traditionellen Kommunikationsmedien durch hybride Kreuzungen und durch Rekombinationen selbst eine entscheidende Realität neuer Kommunikationsmedien. Nicht das, was in der CMC kommuniziert wird, sondern vor allem, wie über das Internet kommuniziert wird, ist entscheidend für die Konstitution des Kommunikationssystems Internet (Vgl. Esposito 1995).
Sobald von einer Virtualisierung der Realität gesprochen wird, wird damit bereits die ontologische Dualität von Realität und Virtualität, einer Sphäre des Seins und einer Sphäre des Scheins, vorweggenommen. Es werden damit ontologische Setzungen wie Realität versus Virtualität, Sein versus Schein, Wirklichkeit versus Bild oder Realität versus Simulation postuliert. Die Rede von einer Virtualisierung der Realität führt sich ad absurdum, wenn auf diese unhinterfragten Setzungen verzichtet wird bzw. wenn die reale "Realität" bereits als virtuelle Realität konzipiert wird (Vgl. Rössler 1993, Ngyen & Alexander 1996). Die Idee einer Virtualisierung der Realität würde damit erkenntnistheoretisch sich bereits in einer "Cyberspacegesellschaft" (Jensen 1994) befinden. Dieser Zugang widerspricht radikal einer systemischen Sichtweise (Vgl. Schmidt 1995). Wenn die reale Welt bereits als virtuelle Welt begriffen wird, sie nicht als solche realisiert wird, sondern in den Handlungen und Kommunikationen fortwährend virtualisiert wird, so kann Cyberspace im Sinne der Konstruktion einer computergenerierten artifiziellen Realität nur noch als Konstruktion hypervirtueller Wirklichkeit, d. h. als Virtualität (n+1)-ter Ordnung, gesehen werden. Doch Realität und Virtualität können nicht gleich als ontologische Dualitäten gegenüber gestellt werden, und sie werden auch nicht durch neue Kommunikationsmedien und -technologien entdualisiert. Die neuen Kommunikationsmedien können lediglich zur Konstruktion einer neuen maschinenbasierten Wirklichkeit eingesetzt werden. Diese ist wohl aber nicht in Opposition zur realen Welt, sondern als emergente bzw. zusätzliche Virtualität zu denken. Während nach Kroker und Weinstein (Kroker & Weinstein 1997) einige die Tendenz einer Virtualisierung der Realität beobachten, fokussieren andere eher auf eine Realisierung der Virtualität, indem sie behaupten, daß die virtuelle Welt im Zeitalter der Rekombination bereits die reale Welt geworden sei. Doch auch dieser Ansatz setzt die Dualität oder zumindest die Unterschiedlichkeit und Unterscheidbarkeit von Realität und Virtualität logisch voraus. Werden beide Denkbewegungen zusammengenommen, so kann nur noch von der Umkehrung der logischen Besetzung von Realität und gesprochen werden. Die Realität ist nur mehr virtuell faßbar, während die Virtualität längst zur eigentlichen Realität avanciert ist. Dieses eigentlich evolutionstheoretisch-historische Argument ist allerdings nicht gleichzusetzen mit der systemischen Behauptung einer Konstruiertheit der Realität.
Unter der Perspektive von ausformulierten Virtualisierungs- und Simulationstheorien (Vgl. Beaudrillard 1983, Bolz 1997, Lévy 1997) sind Immaterialisierungstheorien (Vgl. Weber 1997, Guggenberger 1997) nicht mehr weit entfernt. Die neuen Kommunikationsmedien würden eine weitere Entmaterialisierung der Information bedeuten, wird argumentiert. Doch diese These geht von einem klassischen Materialitätsbegriff und der Distinktion von materiell versus immateriell aus und ist für eine möglicherweise notwendige neue weiterentwickelte Erkenntnistheorie nicht mehr praktikabel. Weiters wird oft behauptet, die neuen Kommunikationsverhältnisse würden die Relation von Mensch und Technik umkehren: Die Medien seien nicht mehr Externalisierungen und Ausweitungen des menschlichen Nervensystems, wie noch bei McLuhan (McLuhan 1992), sondern vielmehr wären die menschlichen Nervensysteme bereits Externalisierungen und Ausweitungen der neuen Medien (Vgl. Kroker & Weinstein 1997). Dies mag zwar ein interessanter und im Sinne des beliebten postmodernen Umkehrdenkens durchaus humorvoller Denkansatz sein, doch werden damit die neuen Medien überschätzt.
Das, was die CMC und das Internet im weiteren Sinne bringen, gilt unter dem Gesichtspunkt des systemischen Ansatzes bereits als "alte" Realität. So gilt etwa der Netzwerkcharakter und die heterarchische Ordnung für das Nervensystem allgemein, die Zirkularität generell für lebende biologische Systeme, die autopoietische Reproduktionsweise für Bewußtsein und Kommunikation und die aktive Konstruktivität für den Rezipienten generell und nicht erst für den Spieler im MUD oder den Chatter im IRC. Mehrere Autoren haben darauf hingewiesen, daß die neuen Kommunikationsmedien konstruktivistische Überlegungen zur Kommunikation gleichsam empirisch plausibilisieren:
"Die heutigen Debatten zum Konstruktivismus mögen auf den ersten Blick wenig mit Multimedia und dem Informationhighway zu tun haben. Dennoch ist ihnen das selbe Grundprinzip zu eigen: In all den angesprochenen Domänen menschlichen Tuns und Denkens begegnen wir einem fortschreitenden Prozeß der Entmaterialisierung und Entsubstantivizierung." (Brook und Mulreinin 1995 18).
"Multimedia und virtuelle Realität heißen die Schlagworte, und mit dem Konstruktivismus haben sie bereits ihre adäquate Theorie gefunden." (Höhenberg 1996 13).
Letztendlich bleibt der einzige Ausweg aus diesem Dilemma die Ausdifferenzierung der systemischen Grundhypothese, wonach das Objekt der Beschreibung vor allem durch die Beschreibung des Objekts selbst konstituiert wird. Aus diesem Blickwinkel treten vor allem zwei Phänomene in den Vordergrund, nämlich als erster die zunehmende "Autologisierung" (Bolz 1997) von Kommunikation: Wichtig ist nicht, was kommuniziert wird, sondern, daß kommuniziert wird. Entscheidend war in der ersten Euphorie des WWW nicht, was im Netz ist, sondern daß man schon im Netz ist und auf die eigene Internet-Präsenz hinweisen kann und als zweites die zunehmende Kontingenz von Kommunikation: Alles, was kommuniziert wird, könnte auch anders kommuniziert werden. Die Unsicherheit und Unschärfe der Kommunikation steigt und die Überprüfbarkeit und Referentialisierbarkeit von Texten und Autoren bzw. Individuen nimmt ab, wie Pseudonyme bei E-Mail-Adressen oder hohe Fehlerquoten textueller Informationen im WWW zeigen.
Wissen erlangen
Seit Aristoteles meint Wissen im engeren Sinn die nicht nur auf der Feststellung der Tatsächlichkeit eines Etwas, sonder in der Vergegenwärtigung der Gründe seines Da- und Soseins beruhende Erkenntnis. Da jedes Seiende in seinem So- und Dasein mehrfach begründet ist, ist Wissen als Erkenntnis des Grundes immer zugleich auch ein Erkennen von Begründungszusammenhängen. Ein völlig isoliertes Wissen eines einzelnen widerspricht dem Wesen des Wissens und ist demnach unmöglich. Wissen meint Erfahrungen und Einsichten zu besitzen, die subjektiv und objektiv gewiß sind und aus denen Urteile und Schlüsse gebildet werden können, die ebenfalls sicher genug erscheinen, um als Wissen gelten zu können. Nach Scheler (Scheler 1926) ist Wissen die Teilhabe am Sosein eines Seienden, deren Voraussetzung die das eigene Sein transzendierende Teilnahme ist. Wissen soll und kann nach Scheler dazu dienen, dem Werden und der Entfaltung der Person und dem Werden der Welt beizutragen.
Die Entfaltung der weltlichen Phänomene bildet die Basis menschlichen Wissens, gerade auch deshalb, weil Menschlichkeit das Leben in Grenzen bedeutet. Mit anderen zu leben und in einer Umwelt zu leben bedeutet, sich körperlich in dieser Welt zu bewegen. Durch das Internet muß der Mensch sich nicht länger physisch in der Welt bewegen, um die verschiedenen Seiten und Situationen der Welt kennenzulernen. Es ist offen, was dann die primäre Quelle zu lernen und Wissen zu erlangen im Gegensatz zu den technischen Möglichkeiten, Wissen zu sammeln, werden wird.
In der Verwendung der Konzeption von polymorphen Techniken der Macht, die gegenwärtig klarer als je zuvor mit Wissen verbunden ist, versuchte Foucault (Foucault 1972) die gegenwärtige Unmöglichkeit der exakten Bestimmung der Grenzen der Felder von Machtrelationen, Machttechniken und Strategien zu bestimmen. Moderne Macht operiert durch Multiplikation und "E-Multiplikation" (Sulic & Zarachovizz 1997) meint die Ausweitung politischer Bereiche und zugleich die Aufteilung von Machtgebieten zu kleineren und kleineren spezifischen Praktiken. Durch das Internet und den Verlust von Grenzen wird auch Macht zu etwas, das praktisch nirgends zu finden ist und wird damit nach Foucault wesentlich polymorpher, als sie es jemals war. Baudrillard (Baudrillard 1977) konzentriert sich in seiner Kritik an Foucaults Arbeiten primär auf dessen Konzeption der polymorphen Techniken der Macht. Baudrillard schreibt Foucaults Arbeiten eine Ähnlichkeit zu den Gewaltmechanismen und damit den Machtmechanismen zu, die Foucault zu beschreiben versucht. Baudrillard behauptet, daß Foucaults Diskurs ein Spiegelbild der realen Machtbeziehungen ist. Sein Medium sei damit seine Nachricht.
Es scheint, daß die Verwendung dieser neuen Technologie dazu dient, die Symptome zu bekämpfen, die charakteristisch für die gegenwärtige postmoderne Situation sind (Vgl. Lyotard 1984, Harvey 1989). Die modernen Technologien selbst sind sehr charakteristisch für die Postmoderne, besonders wegen ihrer Fluidität und Veränderbarkeit. Doch gerade wegen dieser Charakteristika sollen sie dazu dienen, die postmoderne Situation zu verändern. Behauptungen, daß virtuelle Realität Bedeutung, Wissen und Einsicht in die alten Fragen der Menschheit bieten wird (Vgl. Stanger 1993, Malenn 1993, Sulic & Zarachowizz 1997), sind verlockend angesichts der Tatsache der postmodernen Idee, daß es keine universellen Wahrheiten gibt.
Die systemische Perspektive versteht Objektivität von Wissen in der Weise, daß sie Objektivität auf kommunikative Aspekte beschränkt. Erkennen ist von der Struktur des erkennenden Individuums bestimmt. Die Suche nach Wissen erfordert notwendig eine Zu- bzw. Rückwendung auf das erkennende Individuum zur beschreibenden Erforschung der Struktur des Individuums. Alles Beschreiben ist eine Beschreiben von Unterschieden, ein Feststellen des Sich-Abhebens eines Vordergrunds von einem Hintergrund. Im Zusammenhang mit der CMC führt dies zu einer Rückwendung zu den Effekten und Konsequenzen der CMC auf den Menschen und zum weiteren Suchen nach Unterschieden zwischen Aspekten eines Zustands der gegenwärtigen vorhandenen Beschreibungen des Verhaltens des Individuums vor dem Hintergrund von Beschreibungen des Verhaltens ohne CMC. Beschreibungen über den Umgang und das Verhalten mit Information in der CMC und das Ausmachen von Unterschieden kann so zu "objektiven" Erkenntnissen der Realität führen.
In der zunehmenden Evolution von Medien, die die Fähigkeit zur Selektion von Information in der Form von Hyperlinks in sich tragen, ist nicht mehr die Information, sondern die Information über Information entscheidend. Hier kann als Beispiel die enorme Bedeutung der großen Searchengines im WWW, aber auch der zahllosen kleinen Suchmaschinen auf einzelnen Homepages genannt werden
Der systemische Ansatz postuliert, das neue Systeme immer gemäß funktionaler Kriterien als Subsysteme aus alten Systemen emergieren. Als Ursache für die Emergenz der Subsysteme E-Mail, NetNews, IRC oder WWW im System Internet kann demnach die Unmöglichkeit der Erreichbarkeit und der Konstitution von einer geschlossenen Einheit des vorhandenen Wissens einer funktional ausdifferenzierten Gesellschaft gesehen werden. Während die moderne Wirklichkeitskonstruktion der Massenmedien immer mehr zu einer Irritation der Gesellschaft führt, entsteht ein steigender Bedarf an Integrationskräften, und dieser wird durch die weltweite Vernetzung von Computern gedeckt. Während die traditionelle Wirklichkeitskonstruktion der Massenmedien Öffentlichkeit nicht abbildet oder spiegelt, sondern selbst konstruiert, bieten diese Kommunikationsformen der CMC die Möglichkeit einer geradezu narzißtischen Repräsentation und der Herstellung einer neuen ungefilterten bzw. tendenziell konstruktionsfreien, nicht selektiv erzeugten Meinungsvielfalt. Die besondere Funktionalität der CMC scheint darin zu liegen, daß sie eine Plattform herzustellen vermag, die nicht den Selektions- und Konstruktionskriterien der operationalen Geschlossenheit der traditionellen Massenmedien unterliegt. CMC scheint in vielen Bereichen leistungsfähiger als die herkömmlichen Massenmedien zu sein. Die strukturelle Koppelung von Systemen der alltäglichen Lebenswelt wie etwa Politik, Wirtschaft und Kunst an die Massenmedien wurde immer komplizierter. CMC ermöglicht hingegen die direkte Koppelung und somit den direkten Zugriff auf Informationen. Damit können die funktionalen Aspekte der Beschleunigung der Verfügbarkeit von Information, der anonymen Befriedigung von Kommunikationsbedürfnissen, der Identifikationsmöglichkeit und Plattform für Randgruppen und Minderheiten, etc. in Verbindung gebracht werden.
Vom Standpunkt des systemischen Ansatzes kann CMC als ein neues Medium, in dem sich durch Vernetzung spezifische neue Systeme entwickeln, gesehen werden. Je mehr Verküpfungspunkte vorhanden sind, desto mehr Systeme werden entstehen. In der anfangs losen Koppelung von Information wie z. B. im WWW werden sich immer tragfähigere Verbindungen herausbilden und diese gekoppelten Verbindungen sind neue Systeme, die ihrerseits zu Elementen neuer Systeme werden können.
Philosophisch-anthropologisches Gesamtbild
CMC ist im Vergleich mit anderen Kommunikationsformen durch die Reduktion von regulativem Feedback, auffallender dramaturgischer Schwäche, geringeren sozialen Hinweisen und größerer sozialer Anonymität gekennzeichnet. CMC impliziert eine verminderte sensorische Wahrnehmung, vermehrte Identitätsflexibilität, die Ausdehnung von zeitlichen und räumlichen Grenzen und erlaubt eine höhere Beziehungsvielfalt.
Begriff wie "Welt" oder "Raum" werden in der Beschreibung von zwischenmenschlichen Begegnungen durch CMC zu Metaphern. Die systemische Sichtweise sieht Raum als Ausdruck einer essentiellen Seinsweise, in der jede Handlung sowohl eine Veränderung des Raumes, den der Körper innerhalb des ihn umgebenden Raumes beansprucht, bewirkt, als auch zu einer zunehmenden Öffnung der inneren Welt des Individuums führt. Dies ist letztendlich zur Entstehung der individuellen Identität in einer zunehmenden Differenzierung und Bestimmung des inneren und äußeren Raumes notwendig. Raum ist eine universale Dimension des expressiven und sozialen Verhaltens, indem er das individuelle Territorium definiert, in dem das Individuum sich selbst finden und zugleich seine Beziehungen zu anderen Menschen leben kann. Gemeinsame Interessen und kommunikative Stile sind im Internet die einzigen Hilfsmittel zur Navigation dieses Raumes im Sinne des hellenistischen tópos, der neben Raum und Platz auch Thema bedeuten kann. Die umfassende Bedeutung dieses Begriffs veranschaulicht, wie weit die Dimensionen des menschlichen Raumes zu nehmen sind. CMC bringt in diesem Zusammenhang keine Aufhebung von jeglicher spatio-temporaler Dimension und führt keinesfalls zur Raum- und Zeitlosigkeit, sondern möglicherweise mehr zu einer Unabhängigkeit von Raum und Zeit, aber auf der Basis einer zugleich immerbleibenden Verbundenheit mit ebendiesem selbst. CMC macht vielleicht den tópos in seiner ganzen Breite erfahrbar.
Virtuellen Realitäten im weiteren Sinne sind im Grunde genommen zur Zeit noch nichts anderes als Visionen. Es bestehen Unterschiede zwischen Onlineleben und dem Leben außerhalb von Netzwerken in der Nähe, im Kommunikationsmedium und in der Redundanz von Information. Die Unterscheidungen sind klar, aber aufgrund dieser Merkmale eine dieser Aktivitäten als weniger sozial zu bezeichnen, scheint etwas unbedacht und dürfte eine zu sehr stereotypisierende Schlußfolgerung darstellen. Beide Formen der Kommunikation sind Typen von sozialer Interaktion.
Sobald von einer Virtualisierung der Realität gesprochen wird, wird damit bereits die ontologische Dualität von Realität und Virtualität, einer Sphäre des Seins und einer Sphäre des Scheins, vorweggenommen. Es werden damit ontologische Setzungen wie Realität versus Virtualität, Sein versus Schein, Wirklichkeit versus Bild oder Realität versus Simulation postuliert. Die Rede von einer Virtualisierung der Realität führt sich ad absurdum, wenn auf diese unhinterfragten Setzungen verzichtet wird bzw. wenn die "reale" Realität bereits als virtuelle Realität konzipiert wird. Dieser Zugang widerspricht einer radikal systemischen Sichtweise. Wenn die reale Welt bereits als virtuelle Welt begriffen und sie nicht als solche realisiert wird, sondern in den Handlungen und Kommunikationen fortwährend virtualisiert wird, so kann der Cyberspace im Sinne der Konstruktion einer computergenerierten artifiziellen Realität nur noch als Konstruktion hypervirtueller Wirklichkeit, d. h. als Virtualität (n+1)-ter Ordnung, modelliert werden. Das, was die CMC und das Internet im weiteren Sinne bringen, gilt unter dem Gesichtspunkt des systemischen Ansatzes bereits als "alte" Realität. Letztendlich bleibt der einzige Ausweg aus diesem Dilemma die Ausdifferenzierung der systemischen Grundhypothese, wonach das Objekt der Beschreibung vor allem durch die Beschreibung des Objekts selbst konstituiert wird. Aus diesem Blickwinkel treten unter anderem zwei Phänomene in den Vordergrund, nämlich als erstes die zunehmende "Autologisierung" von Kommunikation, im Sinne von: Wichtig ist nicht, was kommuniziert wird, sondern, daß kommuniziert wird, und als zweites die zunehmende Kontingenz von Kommunikation, denn alles, was kommuniziert wird, könnte auch anders kommuniziert werden.
In der CMC tritt der Mensch in einem überwiegend optisch-akustischen Verhältnis in Verbindung zu einer Welt, die den Filter der Digitalisierung passiert hat. Man könnte von einer Reduktion im Sinne einer Verdichtung der Wahrnehmung sprechen. Demgegenüber zeigt aber die systemische Perspektive, daß Existenz- und Objektbestimmungen immer nur sprachlich möglich und gegeben sind. Es wird in der systemischen Sichtweise auch von parallel existierenden Multiversa anstelle eines unabhängig von Individuen existenten Universums gesprochen. Eben weil Welt immer auf den Wahrnehmungs-, Bewußtseins-, und Manipulationspunkt des aktiven Betrachters zurückgeführt werden, ist dies in der CMC nicht anders als sonst wo, es tritt vielleicht nur erstmals in der Entwicklung der Menschheit in solch klarer Weise zutage, die durch ebendiese Verdichtung der Sinnlichkeit auf das Optisch-Akustische so anstößig wirkt. Da in der systemischen Sichtweise die Wirklichkeit mehr ist als ein einfaches und einzigartiges Universum und aus vielen verschiedenen, im Grunde genommen für jedes Individuum unterschiedlichen Multiversa besteht, führt sich jede Rückführung auf eine "eigentliche" Realität ad absurdum. Das, was bislang als die "eigentliche" Realität bezeichnet wurde, erweist sich somit als eines der vielen Multiversa, das aber bislang besonders vertraut war und angesichts der Erschaffung neuer Multiversa in einer ersten instinktiven Reaktion in Verlust zu geraten droht. Doch wird im Grunde genommen nur die Vielfältigkeit der Realität, die den Menschen umgibt, durch eines bzw. mehrere neue Multiversa erweitert.
Wenn nach Scheler der Mensch ein umweltoffenes Lebewesen ist, dann befindet er sich vielleicht gerade auf dem Weg zu einer ganz neuen Umwelt, die durch Simulation entsteht. Die Anpassung der Umwelt nicht mehr durch Veränderung der vorhandenen Umwelt, sondern durch die Simulation einer, zwar auf der Basis der bestehenden, dennoch aber gänzlich neuen Umwelt, ist möglicherweise ein erster Schritt in diese Richtung, der mit der CMC vollzogen wird. Es würde dann diese Weiterentwicklung der Umwelt ganz dem ursprünglichen Wesen des Menschen entsprechen. Der Mensch hebt sich letztendlich durch die komplette Simulation seiner Umwelt ultimativ von seiner bisherigen materiellen Umwelt ab und entfernt sich damit aber auch noch weiter von einer umweltgebundenen und instinktgesicherten Lebensweise des Tieres.
Eine positive Interpretationslinie sieht ein prinzipielle Erweiterung des menschlichen Bewußtseins durch die Geschichte. Das Internet wird als eine kollektive Externalisation des menschlichen Geistes verstanden, und es fungiert als ein Nervensystem für unseren Planeten, das eines Tages ein eigenes Selbstbewußtsein durch miteinander verbundene menschliche Lebewesen entwickeln könnte. In diesem Sinne kann das Internet mit der CMC eine elektronische Gaia, eine digitale Erde erschaffen, eine neue Form der menschlichen Zivilisation im materiellen und vielleicht auch im spirituellen Sinne.
Der immer intensivere Umgang mit Computern im Alltagsleben führt dazu, daß Intelligenz und Denken von Leben ablösbar gesehen und nicht mehr, wie in traditionellen Vorstellungen, unabdingbar miteinander verbunden verstanden werden. In der systemischen Perspektive werden Lebewesen als zur Selbstschöpfung und -erneuerung fähige Systeme beschrieben, die die Kompetenz der Produktion, Transformation und Destruktion ihrer Bestandteile haben und darüber hinaus strukturdeterminiert, autonom, operational geschlossen und zweck- und zeitlos sind. In dieser Perspektive könnten Computer zumindest als Systeme, wenn nicht sogar als Lebewesen gesehen werden, denen einzig und allein die Fähigkeit fehlt, sich selbst zu erschaffen. Könnte das Internet und auch der einzelne PC schon alleine bedingt durch seine grundlegende Konzeption nicht mehr abgeschaltet werden, dann würden sämtliche systemische Kriterien für Lebewesen auch auf den PC und das Internet zutreffen, nur mit dem Unterschied, daß die Fähigkeit zur Selbstschöpfung und -erneuerung zumindest insoweit anders gesehen werden müßte, als sich das Internet in gewisser Art und Weise wohl selbst erneuern kann und PCs von PCs und Robotern gebaut und damit geschaffen werden können. Vielleicht ist das Internet auch gemäß der Evolutionstheorie und den Prinzipien von Mutation und Selektion eine neue Evolutionsstufe, denn es ist allem Anschein nach noch umweltunabhängiger und flexibler als der Mensch.
Die Konzeption der Monade beschreibt eine Person und ein Computer bzw. ein Terminal als Einheit gesehen, und innerhalb jeder Monade existiert das Kollektiv in seiner Gesamtheit. Der letztendlich allein bleibende Unterschied zwischen Mensch und Computer liegt nur mehr im Körper. In Interaktion mit physischer Präsenz besteht eine prinzipielle Einzigartigkeit des Selbst, da der eigene Körper eine klare Definition von Identität bietet. Die Norm lautet: Ein Körper ist gleich eine Identität. In der CMC gilt diese Definition nicht mehr. Denn ein Individuum kann so viele elektronische Persönlichkeiten haben, als es Zeit und Energie findet, diese zu erschaffen. Aber es ist der Körper, das verkörperte und verfleischlichte Selbst, das inkarnierte Selbst, das synonym mit Identität verwendet wird, und dieses inkarnierte Selbst sitzt am Keyboard des Computers. Hinweise auf die inkarnierte Identität sind in der virtuellen Welt vielleicht nur unter der Oberfläche zu finden, aber sie sind auch nicht nichtexistent.
Die Faszination, die der Computer auf den Menschen ausübt, transzendiert praktische und nützliche Anwendungen und reicht tief in unartikulierte individuelle Bedürfnisse hinein. Erotischen Anteile, die den Menschen dazu treiben, die eigene körperliche Beschränktheit zu transzendieren, finden deshalb einen sehr kooperativen Komplizen in der Computertechnologie. Cyberspacetime verspricht die Befreiung von den Begrenzungen durch Raum, Zeit und Materialität. Die Unendlichkeit, die der Cyberspace zu bieten scheint, dient als idealer Mechanismus zur Projektion tiefster Hoffnungen und Ängste, und die Verbindung von Cyberspace und Spiritualität ist nicht ein bloßer Zufall, denn spirituelle Schulen haben schließlich schon immer mit der Navigation in einer immateriellen Welt zu tun gehabt. Selbst wenn CMC nur teilweise die revolutionären Transformationen der Werte und der sozialen Struktur realisiert, die in enthusiastischen Visionen zu finden ist, dann wird sich Religion als der Menschheit älteste Ausdrucksform von Wörtern und von Gemeinschaft höchstwahrscheinlich durch diese Transformationen auch verändern. Eine Gefahr besteht darin, daß der Cyberspace das Opfer einer modernen Form des Gnostizismus wird, in dem sich der User in einem ewigen Suchen nach dem Wissen, das ihn rettet, zu befinden scheint.
Parallelität im Ablauf von Computerprogrammen ist eine Simulation, die jedoch als solche für den Benutzer aufgrund der Arbeitsgeschwindigkeit moderner Geräte gar nicht mehr erfahrbar ist. Der Eindruck der Parallelität von gleichzeitigem Arbeiten in verschiedenen Fenstern ist demnach auf das Prinzip der Simulation zurückzuführen. Der Umgang mit dem Computer und die CMC führt in diesem Zusammenhang zur Entwicklung eines oder mehrerer neuen Selbstbilder. Der Mensch verfügt über verschiedenste Selbstbilder, und CMC ermöglicht und auch erfordert die Entwicklung neuer Bilder seiner selbst. Im Alltagsverständnis sieht sich der Mensch als eine fixe Identität, die in verschiedenen Kontexten unterschiedliche Rollen innehat. Der Umgang mit Computern und der CMC bringt die Veränderung mit sich, daß Identität auch im Alltagsverständnis als variabel und nicht mehr stabil, als flexibel und nicht nur in der Ausformung, sondern auch in ihrem Bestehen als abhängig von der Interaktion, in der eine Person sich gerade befindet, gesehen werden muß. Das Erleben der Arbeitsweisen mittels des Computers wird als parallel und in mehreren Windows zugleich mögliche erlebt, und von daher könnte der Schluß auf die Vielfältigkeit der eigenen Identität gezogen werden. Identität würde damit aufgrund des Prinzips der Simulation selbst zur Simulation. Das müßte letztendlich auch zu dem Schluß führen, daß Software-Agents, die einen Internet-User auf der Suche nach Information simulieren und die im Bezug auf die Zugehörigkeit zur Gruppe der Netizens nicht mehr von menschlichen Usern zu unterscheiden sind, ebenfalls Identität besitzen. Identität wird damit zu etwas, was nicht mehr dem Menschen als Person alleine zuzuschreiben ist, sondern könnte auch, zumindest in einem ersten Schritt, Programmen auf einem PC oder im Netz und später auch ganzen Maschinen oder auch dem Netz selbst zugeschrieben werden.
Der Umgang mit dem Computer und die CMC können unter personzentrierter Perspektive als prinzipiell konstruktive und gute Entwicklung des Menschen gesehen werden. Bedingt durch die holistische Sichtweise des personzentrierten Ansatzes weist dieser aber auf die Gefahr der Reduktion des Menschen alleine auf diejenigen Aspekte, die beim technischen status quo in der CMC sichtbar und erfahrbar sind, hin. Auch wenn sich Identität gerade durch den Computer als flexibel und veränderbar zeigt, so sind in dieser Perspektive die verschiedenen Ausformungen der Identität des Menschen nur als Teile eines, im Gesamten gesehen, größeren Ganzen zu verstehen, das erst die eigentliche Identität des Menschen ausmacht. CMC unterstützt und erleichtert Selbstentfaltung, denn sie ermöglicht es, neue Aspekte der eigenen Person zu erfahren. Gerade durch die gegebenen Möglichkeiten der Täuschung und Verzerrung der eigenen Identität gibt sie die Möglichkeit, bisher unbekannte Aspekte der eigenen Persönlichkeit zu entdecken und neue Möglichkeiten der Selbstentfaltung zu erschließen. Das Selbstkonzept des Individuums wird automatisch, vor allem im Bereich des nicht aktuellen Bewußtseins, auch durch den Umgang mit dem Computer und mit der CMC erweitert. Gerade die Erfüllung der personzentrierten Forderung nach Authentizität scheint bei der prinzipiellen Anonymität der CMC nicht realistisch zu sein. Personzentrierte Authentizität bedeutet aber nicht gegenseitige absolute Bekanntheit und absolutes Wissen um einander, sondern fordert, sich so zu zeigen, wie man fühlt und denkt und ist daher in der CMC ebenso prinzipiell möglich, wie in anderen Formen der sozialen Interaktion.
Mit der Metapher des Cyberspace ist das konzeptionelle Modell der Entkörperlichung verbunden, das auch eine neue Beziehung von Identität der Person und deren Körper aufzeigt. Indem der Cyberspace die Grenzen von Raum und Zeit zu minimieren scheint, löscht er offensichtlich auch die Materialität körperlicher Grenzen aus. Online glaubt das Individuum sich von der Begrenztheit der körperlichen Existenz freizuspielen. CMC scheint eine unbeschränkte Freiheit des Ausdrucks und des persönlichen Kontakts zu bringen, mit wesentlich weniger Hierarchien und Formalitäten als in der primären sozialen Welt. Nichtsdestotrotz wird physische Präsenz in der virtuellen Welt von personenähnlichen Repräsentationen simuliert und repräsentiert. Cyberspace kann als eine wesentlich vielfältigere und polymorphere Realität und als wesentlich größer als das Internet und andere Netzwerke gesehen werden. Das Konkrete bzw. das Berührende erschreckt uns gleichermaßen wie das Virtuelle bzw. das Verschwindende. Durch CMC beginnt das Nichts schon zu Lebzeiten erfahrbar und fühlbar zu werden. Es kommt zu Entfremdung und Dehumanisierung, zu einer Teilung von Körper und Geist. Nichtsdestotrotz verschwindet Präsenz im Sinne von Gegenwärtigkeit nicht einfach, sondern Technologie mediiert Präsenz. Somit sind der Körper, das alltägliche Leben und die darin gemachten Erfahrungen zugleich der Inhalt und die Grundlage von CMC.
Die in der CMC zutage tretende Sprache kann in ihrer Verwendung als zweite Form der Oralität, die zwar präliterarische Charakteristika hat, aber in geschriebener Form auftritt, definiert werden. In der CMC wird Sprache informeller als in alltäglicher Kommunikation verwendet, und doch ist sie mehr geschriebene Sprache. Es hat sich ein eigener Stil, der E-Stil entwickelt, der wesentlich spielerischer mit Sprache umgeht und darüber hinaus die fehlenden nonverbalen Komponenten des Sprechens durch eine Para-Sprache zu ergänzen versucht. Es liegt nahe, all diese Kennzeichen der Sprache in der CMC unter dem Begriff der E-Sprache zu subsumieren. Die technischen Vorgegebenheiten der CMC ermöglichen es, den traditionellerweise auf ein Gespräch zwischen zwei Personen beschränkten Dialog zu einem Multilog zu erweitern. E-Sprache ermöglicht, klarer als es bisher möglich war, sich je nach Bedürfnis stärker kognitiven Inhalten zuzuwenden oder auch ein bewußt spielerisch-lustvolles Kommunikationsverhalten vorherrschen zu lassen. Sprache bestimmt das Denken des Sprechenden, und eine Erweiterung von Wortschatz und Syntax, wie sie sich durch die CMC offensichtlich ergibt, bedeutet damit auch eine Erweiterung des Denkens. Alle in der personzentrierten Sichtweise dargestellten Eigenschaften zwischenmenschlichen Dialoges sind auch in der CMC gegeben, mit dem Unterschied, daß eine Erweiterung des Dialoges zu einem Multilog möglich ist, daneben aber der bisher bekannte Dialog zwischen zwei Individuen genauso bestehen bleibt. Sprache wird im systemischen Modell als Verhalten zur Verhaltenskoordination gesehen. In dem neuen Multiversum, das sich durch die CMC erschließt, wird besonders klar deutlich, wie sehr Sprache ein Verhalten des Menschen ist, ja Sprache wird zum bislang einzigen Verhalten, das in diesem Multiversum möglich ist.
Eine personzentrierte Begegnung ist von den Momenten der Gegenwärtigkeit, d. h. des Hier und Jetzt, der Andersartigkeit, d. h. der immer erfahrbaren Verschiedenheit des anderen und der Erlebnisfähigkeit, d. h. einer inneren Einstellung der Authentizität, der gegenseitigen Wertschätzung und des einfühlenden Verstehens, gekennzeichnet. CMC ermöglicht ebenso wie andere Formen ein In-Kontakt-Sein mit dem anderen und damit die Erfahrung von Begegnungen. Es wird jedoch das Fehlen jeder physisch-räumlichen Dimension in der Begegnung mit dem anderen als Einschränkung erlebt. CMC ersetzt keinesfalls andere Begegnungsmöglichkeiten, aber sie bringt eine Erweiterung des Spektrums der Möglichkeiten zur Begegnung mit anderen. Solange keine Möglichkeit der adäquaten Befriedigung des Bedürfnisses nach physisch-räumlichen Ebenen der Begegnung mit dem anderen auch in der CMC gegeben ist, wird CMC immer nur einer Erweiterung, aber keine vollwertige, im Sinne eines umfassenden Erfahrungsspektrums, notwendige Weise der personzentrierten Begegnung bleiben.
Kategorien wie Tempo und Beschleunigung werden zu Definitionsmerkmalen von Kommunikation. Alle Tätigkeiten, die mit den Funktionen der CMC zusammenhängen, können von einem einzigen Ort aus mühelos durchgeführt werden. Das gesamte Repertoire der Sinne wird mehr oder minder auf einen einzigen Punkt der Kommunikation zusammengezogen, und in einem überwiegend optisch-akustischen Verhältnis tritt der Mensch zu einer Welt in Verbindung, die den Filter der Digitalisierung passiert hat. Möglicherweise in einer Überschätzung der Geschwindigkeit, mit der sich CMC zu vollziehen geglaubt wird, könnte die Reduktion der Erfahrungen des Nachdenkens und des Aufarbeitens von Vernommenem vermutet werden, doch wird, so zeigen sozio-kommunikationstheoretische Darstellungen, gerade durch CMC dies erleichtert bzw. gefördert. Es zeigt sich, daß gerade aufgrund der Geschwindigkeit, mit der es möglich ist, in der CMC zu kommunizieren, Erfahrungen der Zeit gemacht werden. Es mag vielleicht der Transfer der Information in Bezug auf die Überbrückung von Distanz in Relation zur dazu benötigten Zeit vor allem im Vergleich mit traditioneller brieflicher Korrespondenz enorm sein, doch ist es nach allen bisherigen Untersuchungsergebnissen keinesfalls so, daß CMC den mündlichen Austausch eines direkten Gesprächs in einem Face-to-Face-Setting in der Präsenz und Geschwindigkeit ersetzen könnte. Möglicherweise ist die Sichtweise einer den Menschen einschränkenden und zu immer mehr Tempo antreibenden Dimension der CMC nur ein Mythos ebenso wie die Angst vor einer "Beschlagnahme der Zeit". Weiters betont die personzentrierte Sicht von zwischenmenschlicher Begegnung die Notwendigkeit des Erlebens der Dimension der Gegenwärtigkeit, die in Begegnungen mittels CMC zwar erfahrbar sind, aber dennoch die Intensität des Gegenwärtigkeits-Erlebens eines Face-to-Face-Settings nicht erreicht.
Auch in der CMC sind nonverbale Elemente trotz der technischen Einschränkungen gegeben, und es bestehen vielfältige Möglichkeiten, sich nonverbal ausdrücken. In der CMC bleiben die auf Beziehungsaspekte ausgerichteten Anteile der Kommunikation im Hintergrund, und CMC bringt zwar eine Reduktion auf kognitive Inhalte, doch wird dies nicht nur auf inhaltlicher, sondern auch auf emotionaler Ebene nicht notwendig als Einschränkung erlebt, sondern aufgrund der größeren Klarheit durch die Textorientiertheit sogar als Vorteil gesehen wird. Möglicherweise wird es durch die CMC möglich, die ursprüngliche hellenistische Verstehensweise des "diálogos" als kognitiv orientierter Auseinandersetzung der Gesprächspartner über ein Thema neu zu beleben.
Erkennen ist in systemischer Perspektive nicht durch die traditionelle Formel der adaequatio rei et intellectus zu definieren, sondern dient primär der Lebenserhaltung. Wenn sich die Struktur des Individuums durch die Effekte und Konsequenzen der CMC verändert, so müßte sich letztendlich auch das menschliche Erkennen verändern. Erkennen und Verhalten sind in der systemischen Sichtweise untrennbar miteinander verbunden. Wenn Erkennen mit dem Beschreiben des Vorgangs eines effizienten Verhaltens verbunden ist, so ist Erkennen immer mit Beschreiben verbunden, und Beschreiben erfolgt immer durch Kommunikation. Kommunikation erfordert immer den bzw. die anderen und ist daher an Gemeinschaft gebunden. Erkenntnis der Realität, die durch Beschreibungen feststellbar ist, die wiederum von Kommunikation abhängig ist, die im nächsten Schritt immer Gemeinschaft erfordert, ist daher immer vom Miteinander abhängig. CMC ist eine Erweiterung der bisherigen Formen der Kommunikation und zugleich verändert sie die Struktur des Individuums. CMC verändert damit das menschliche Erkennen und damit auch das Bild dessen, was als Realität gesehen wird.
Die Evolution von Medien, wie sie im Internet zu finden sind, die die Fähigkeit zur Selektion von Information in der Form von Hyperlinks in sich tragen, führt dazu, daß nicht mehr die Information, sondern die Information über Information entscheidend ist. Der systemische Ansatz postuliert, das neue Systeme immer gemäß funktionaler Kriterien als Subsysteme aus alten Systemen emergieren. Als Ursache für die Emergenz der Subsysteme E-Mail, NetNews, IRC oder WWW im System Internet kann die Unmöglichkeit der Erreichbarkeit und der Konstitution einer geschlossenen Einheit des vorhandenen Wissens einer funktional ausdifferenzierten Gesellschaft gesehen werden. Die Kommunikationsformen der CMC bieten die Möglichkeit einer geradezu narzißtischen Repräsentation und der Herstellung einer neuen ungefilterten bzw. tendenziell konstruktionsfreien, nicht selektiv erzeugten Meinungsvielfalt. CMC ermöglicht die direkte Koppelung und somit den direkten Zugriff auf Informationen. Vom Standpunkt des systemischen Ansatzes kann CMC als ein neues Medium, in dem sich durch Vernetzung spezifische neue Systeme entwickeln, gesehen werden. Je mehr Verküpfungspunkte vorhanden sind, desto mehr Systeme werden entstehen. In der anfangs losen Koppelung von Information, wie z. B. im WWW, werden sich immer tragfähigere Verbindungen herausbilden, und diese gekoppelten Verbindungen sind neue Systeme, die ihrerseits zu Elementen neuer Systeme werden können.
Mit anderen zu leben und in einer Umwelt zu leben bedeutet, sich körperlich in dieser Welt zu bewegen. Durch das Internet muß der Mensch sich nicht länger physisch in der Welt bewegen, um die verschiedenen Seiten und Situationen der Welt kennenzulernen. Es ist offen, was dann die primäre Quelle zu lernen und Wissen zu erlangen im Gegensatz zu den technischen Möglichkeiten, Wissen zu sammeln, werden wird. Behauptungen, daß das Internet Bedeutung, Wissen und Einsicht in die alten Fragen der Menschheit bieten wird, sind verlockend angesichts der Tatsache der postmodernen Idee, daß es keine universellen Wahrheiten gibt. Die systemische Perspektive versteht Objektivität von Wissen in der Weise, daß sie Objektivität auf kommunikative Aspekte beschränkt. Erkennen ist von der Struktur des erkennenden Individuums bestimmt. Die Suche nach Wissen erfordert notwendig eine Zu- bzw. Rückwendung auf das erkennende Individuum zur beschreibenden Erforschung der Struktur des Individuums. Alles Beschreiben ist eine Beschreiben von Unterschieden, ein Feststellen des Sich-Abhebens eines Vordergrunds von einem Hintergrund. Im Zusammenhang mit der CMC führt dies zu einer Rückwendung auf die Effekte und Konsequenzen der CMC auf den Menschen und zum weiteren Suchen nach Unterschieden zwischen Aspekten eines Zustands der gegenwärtigen vorhandenen Beschreibungen des Verhaltens des Individuums vor dem Hintergrund von Beschreibungen des Verhaltens ohne CMC. Beschreibungen über den Umgang und das Verhalten mit Information in der CMC und das Ausmachen von Unterschieden kann so zu "objektiven" Erkenntnissen der Realität führen.