Erkenntnis

 

Sozio-kommunikationstheoretische Darstellung

Erkennen der Realität

McLuhan (McLuhan 1992) vertritt die Ansicht, daß jedes neue Medium eine Umwelt formt, die weite kulturelle Schatten wirft. Sobald eine neue Umgebung festgestellt wird, transformiert das sie zu einer alten Umgebung. Die alte Umgebung wird Teil der gegenwärtigen operativen Umgebung. Jede Medienumgebung kontrolliert, wie die Benutzer denken und wie sie sich verhalten. Jede Medienumgebung verändert die Verwendung der menschlichen fünf Sinne, jede Umgebung verändert die Art und Weise wie wahrgenommen wird und wie reagiert wird. McLuhan ist der Meinung, daß jede neue Technologie die Funktion der Sinnesorgane verändern und damit die Wahrnehmung der Realität verändert. Es könnte nach Turkle (Turkle 1984) sein, daß die Computertechnologie nicht nur die Wahrnehmung der Realität ändert, sondern auch die Wahrnehmung der eigenen Person, des eigenen Selbst, der eigenen Identität. Turkle fokussiert auf den "subjective computer" (Turkle 1984). Er teilt das soziale Leben mit den Menschen und wirkt sich auch in der psychologischen Entwicklung aus. Als ein Produkt des menschlichen Geistes beeinflußt er die Art und Weise, wie der Mensch denkt, besonders wie der Mensch über sich selbst denkt.

Das Konzept eines "konstruktivistischen Lernens" wurde erstmals von Papert (Papert 1991) geprägt und impliziert zwei Formen von Konstruktion. Paperts Begriff des Konstruktionismus kennzeichnet Lernen als einen aktiven Prozeß, in dem Menschen aktiv aus den Erfahrungen in der Welt Wissen konstruieren. Diese Idee basiert auf den Theorien von Piaget und an dieses Grundkonzept fügt der Konstruktionismus die Idee an, daß Menschen neues Wissen dann mit höherer Effizienz konstruieren, wenn sie in die Konstruktion von persönlich bedeutungsvollen Produkten miteingebunden sind. Dem lernenden Menschen wird in der Auseinandersetzung mit seiner Umwelt eine grundlegend aktive Rolle beigemessen. Wer selbstgesteutert lernt, trifft eigene Entscheidungen über Ziele, Inhalte, Medien und Methoden seines persönlichen Lernvorhabens (Vgl. Reiter 1998). Mittels CMC werden neue Realitäten konstruiert, wie z. B. MUDs, die sich die meiste Zeit im Zustand des Aufbaus und des Wiederaufbaus bzw. Umbaus durch ihre Teilnehmer befinden und die daher zur Entwicklung neuen Wissens führen können.

Der radikale technische Determinismus sieht Technologie allgemein als ausreichende Bedingung für die Bestimmung weitreichend sozialen Wechsels, oder zumindest als notwendige Bedingung. Vertreter dieser Sichtweise insistieren darauf, daß CMC die Gesellschaft und die Art und Weise des Denkens radikal verändern wird. Der gemäßigte technologischer Determinismus sieht Technologie als den Schlüsselfaktor, der soziale Veränderungen erleichtern wird. Demgegenüber präsentiert der soziokulturelle Determinismus Technologie und Medien völlig untergeordnet zu Entwicklung eines spezifischen soziopolitischen, historischen und kulturellen Kontextes.

 

Wissen

 

Die postindustrielle westliche Sichtweise des universellen Zugangs zum Wissen durch alle Individuen impliziert eine spezifische Konstruktion des Individuums als den primären Handelnden, der die Fähigkeit hat, alles das zu wissen, was er oder sie wissen möchte. Von frühester Kindheit an wird in der westlichen Welt die Idee eines autonomen Individuums, das die Freiheit zu wählen und zu handeln hat, eingeprägt. Diese Konstruktion des Selbst und der Persönlichkeit ist nach Baderr und Nyce (Baderr und Nyce 1993) äußerst konsistent mit der Welt der digitalen Informationsverarbeitung und -übermittlung mit ihrer implizierten Ideologie des freien und offenen Zuganges zu Informationen bzw. zu Wissen. Die geschilderten Muster widersprechen scharf traditionelleren Gesellschaften, die eine mehr kommunale Sichtweise des sozialen Lebens enthalten und nicht das westliche Ideal dieses ausgeprägten Individualismus besitzen. Vielmehr ist das Gehorchen von Gruppenwerten und Normen, die zu einem größeren gemeinsamen Gut beitragen, das bevorzugte Verhaltensideal. Wie die meisten traditionellen Gesellschaften beinhaltet dies eine Restriktion des Wissens in dem Sinne, daß beschränkt wird, was ein Individuum wissen darf bzw. welche bestimmte Subgruppe Zugang zu einem definierten Wissen hat oder auch nicht. Diese Restriktionen sind meist mit Alter und sozialem Status oder mit einem rituellen oder spirituellen Kreislauf verbunden.

Der historische Kolonialismus basierte immer auf einer physischen Präsenz der Kolonialmacht in der jeweiligen geographischen Region. Nach Cooks (Cooks 1995) erlauben die technologischen Entwicklungen der Informations-Technologien demgegenüber einen Imperialismus ohne physische Präsenz im jeweiligen Land.

Das Internet könnte zu einem Mittel werden, um Meinungsfreiheit zu sichern und den Zugang zu Information für jeden zu ermöglichen. Doch diese Ansicht bzw. Haltung steht im eindeutigen Gegensatz zu traditionellen Wissenstheorien. Das könnte zu einem Konflikt der westlichen Ideologien des offenen Zugangs zu Wissen mit traditionelleren östlichen Gesellschaftsidealen der Wissensbeschränkung führen.

Netsurfer sind nach Serloth (Serloth 1996) zwar überwiegend hochgebildet, aber es zeigt sich auch, daß der Faktor Einkommen nicht die erwartete Rolle spielt. Bei Onlinediensten dominieren einkommensschwache User. Ausschlaggebend dafür ist weniger der hohe Anteil an Studenten in der Nutzerschaft, als vielmehr der generell geringe Altersdurchschnitt der Surfer. Beinahe ein Drittel der Netsurfer ist von der enormen Informationsfülle überfordert und bewegt sich daher ziel- und ergebnislos durch den Cyberspace. Lediglich ein kleiner Teil nutzt das Medium mit der adäquat hohen Effizienz und Selektivität, die rein technisch problemlos möglich wäre. Via Onlinediensten wird also viel Information bewegt, aber nur wenig Wissen. Es ergibt sich - zumindest derzeit - kein unmittelbarer Bildungsnachteil für minderpriviligierte Nichtuser. Der sogenannten Wissenskluft-Hypothese zufolge profitieren Personen mit hoher Bildung ungleich mehr von medienvermittelnder Information als weniger Gebildete, denen oft nur ihr Nichtwissen bestätigt wird. Onlinedienste ansich haben das Potential, sowohl Wissensklüfte zwischen unterschiedlichen Nutzerschichten zu verringern, als auch zu vergrößern. Forschungen haben nach Serloth ergeben, daß nicht, wie meist befürchtet, die Wissenskluft durch das Internet vergrößert wird, sondern es zeigen sich ausgleichende Effekte, das heißt, das Internet verringert Wissensklüfte und ist demokratie-, medien-, wie bildungspolitisch daher wünschenswert.

 

Systemische Perspektive

 

Erkennen und Realität

Die Kognitionstheorie des Neurobiologen Maturanas kristallisiert sich in folgenden vier Thesen (Maturana & Varela 1987, Vgl. Ludewig 1995):

Dieser Ansatz hat drei wissenschaftstheoretische Konsequenzen: Erstens ist Erkennen damit weder eine getreue Abbildung einer vom Erkennenden unabhängigen Realität, noch eine willkürlich Konstruktion, sondern dient vielmehr der Lebenserhaltung und entspricht damit den strukturellen Möglichkeiten und dem jeweiligen Zustand des Erkennenden. Zweitens übersteigt damit die traditionelle Forderung nach Objektivität als Entsprechung von Außen und Innen, der adaequatio rei et intellectus, die Erkenntnismöglichkeiten des Menschen. Die genannte Gebundenheit des Erkennens an Struktur und Zustand des Erkennenden beschränkt das Kriterium der Objektivität auf kommunikative Aspekte. Drittens ist Kommunikation ein fortlaufender und immer wieder erneuerungsbedürftiger Prozeß, dessen Effizienz und Informationsgehalt nur der Adressat bestimmt. Die Gleichheit der strukturellen Zustände von Sender und Empfänger läßt sich weder gezielt herbeiführen, noch von einem Beobachter feststellen und entfällt daher als Kriterium der wissenschaftlich Erkenntnis.

Statt objektiver Realität erforscht die Wissenschaft daher die biologische Struktur dessen, der eine Welt erschafft. Der Wissenschafter wendet sich also dem Beobachter zu, nämlich sich selbst, der sich im Akt des Beobachtens konstitutiert, und Erkenntnis dringt nicht in verschlossenes Neuland ein, sondern vielmehr beschreibt und kartographiert sie dieses. Wenn Maturana feststellt, daß "/.../ alles was gesagt wird, von einem Beobachter gesagt wird /.../" (Maturana 1982 8), so stellt er damit grundsätzlich fest, daß erstens nichts wirklich objektiv beobachtbar ist, und zweitens das Beobachtete das Ergebnis der Verarbeitung durch den aufnehmenden Apparat des Beobachters ist, und damit nicht primär das Beobachtete darstellt, sondern die Arbeitsweise des Apparats des beobachters widerspiegelt. Beobachten ist damit schon Interaktion und damit stark subjektiv. Die menschliche Sicht der Welt gibt also nicht die Welt per se wieder, sondern diese eine Welt, so wie sie vom Menschen im Sinne eines Bildes, einer Landkarte von ihr, in deren Konstruktion er sich selbst verewigt, gerade gesehen wird. Um eine Welt zu verstehen, benötigt es also eine Beschreibung des Beschreibers und damit eine Theorie des Beobachters, die auch den Beobachter des Beobachters zu umfassen hat. Alles Beschreiben ist im Grunde ein Unterscheiden, sei es zwischen Objekten, zwischen Objekt und Hintergrund oder Objekt und Nichtobjekt. Beschrieben werden immer die Relationen oder Interaktionen des Gegenstandes mit anderen.

"Ein Gegenstand ist für einen Beobachter, was er beschreiben kann. Beschreiben heißt, die tatsächlichen oder möglichen Interaktionen und Relationen des Gegenstands aufzuzählen." (Maturana 1982 34)

Nach Bateson (Bateson 1978, Bateson 1979, Bateson 1980) sieht der Mensch nicht die Dinge an sich, sondern als etwas von dem jeweiligen Hintergrund Verschiedenes. Dies führt zu Batesons oft rezipierten Satz:

"/.../ Die elementare Informationseinheit ist eine Unterschied, der einen Unterschied macht." (Bateson 1980 453)

Bateson benutzt den Begriff "Unterschied" zur Kennzeichnung einer Veränderung, die durch einen Unterschied im Zeitpunkt hervorgebracht wurde. In der Nachfolge (Vgl. Andersen 1990) wird Unterschied nochmals differenziert: Es gibt drei Arten von Unterschieden, 1. den zu geringen, 2. den zu starken und 3. den angemessenen. Nur der Letztere wird vom Menschen positiv und gewinnbringend wahrgenommen. Beim Beschreiben erzeugt der Beobachter Unterschiede in der einzigen ihm dafür zur Verfügung stehenden Weise der Sprache. Er zählt die Interaktionen auf, die er mit den erzeugten Unterschieden durchlaufen kann. Die Grundelemente der menschlichen Welt sind also Beschreibungen, und Unbeschriebenes, d. h. sprachlich nicht Unterschiedenes, existiert darin nicht. Die Sphäre des Beschreibens kann nicht verlassen werden, da jeder Versuch, die Sphäre des Beschriebenen zu verlassen und die Sache selbst zu erreichen wieder in eine weitere Beschreibung mündet.

"Beim Nachdenken über diese Dinge entdecke ich, wie oft uns die Sprache dazu verführt, die Beschreibung der Beschreibung eines Phänomens mit der Beschreibung des Phänomens selbst zu verwechseln." (Maturana 1982 15)

Alle Beschreibungen weisen auf ihren Urheber zurück, indem sie dokumentieren, wie er beobachtet, und somit ist Beschreiben selbstreferentiell und vollzieht sich in einem geschlossenen Feld rekursiver, auf sich selbst zurückwirkender Operationen. Menschliches Erkennen basiert daher auf einem endlosen, rückbezüglichen Prozeß des inneren Errechnens von Eigenzuständen des Erkennenden, der einen kognitiven Bereich konstituiert. Aus diesem Grund meint Maturana, man dürfe nicht mehr einfach von Objektivität sprechen, sondern exakter wäre es, das Wort Objektivität immer in Anführungszeichen zu setzen bzw. immer von "Objektivität in Klammern" (Maturana 1982 93) zu sprechen.

Beliebigkeit und Intransparenz im zwischenmenschlichen und wissenschaftlichen Diskurs kann jedoch durch das pragmatische Kriterium der "kommunikativen Brauchbarkeit" (Ludewig 1995 59) begrenzt werden.

"Brauchbarkeit heißt /.../, daß eine Erkenntnis von Menschen mit gleichen Nützlichkeits- oder Geltungskriterien als nachvollziehbar, effektiv und gewinnbringend bewertet wird." (Ludewig 1995 60)

Dieses Kriterium ist erfüllt, wenn Sprecher und Adressat ihr zielgerichtetes Vorgehen durch Austausch optimal koordinieren können. Eine Erkenntnis ist daher kommunikativ brauchbar, wenn sie sich beschreiben und mitteilen läßt, eine angestrebte Koordination fördert und einen Zugewinn gegenüber anderen Erkenntnissen oder der Unkenntnis bedeutet.

 

Erkennen und Verhalten

Wer menschliches Erkennen beurteilen will, muß gemäß dem systemischen Ansatz zwei unabhängige Elemente seiner Kognition - Lebewesen und Milieu - als Einheit behandeln. Dabei grenzt er den eigenständigen Phänomenbereich des Lebendigen von denen der Physiologie und des Verhaltens ab, um keine unzulässigen Reduktionen vorzunehmen. Maturana und Varela fassen den inneren Zusammenhang zwischen Kognition und Verhalten in einem Aphorismus zusammen:

"Alles Tun ist Erkennen und alles Erkennen ist Tun." (Maturana & Varela 1987 32)

An der Nahtstelle zwischen Lebewesen und Milieu situiert, hat das Erkennen zwar eine physiologische Basis, läßt sich aber nur aus der Beschreibung erschließen. Der Beobachter spricht von Erkennen, wenn er aufgrund seiner Kriterien feststellt, daß ein Lebewesen effizient handelt. Stellt er Inkongruenzen zwischen Verhalten und Eigenart des Milieus fest, schließt er auf fehlendes oder mangelhaftes Erkennen, und, wenn ein Lebewesen effizient handelt, kann der Beobachter schließen, daß es seine Welt angemessen hervorgebracht hat.

Intern gesehen, erkennt ein Organismus jedoch nicht, sondern hält nur die Relation zwischen seinen Zuständen, z. B. den sensorischen und motorischen Prozessen, konstant. Die Konzeption, daß Beobachten immer Unterscheiden heißt, kann präzisiert werden, indem physiologisch betrachtet, das Nervensystem stets Unterschiede in den Relationen zwischen seinen Zuständen verarbeitet. Im psychischen Bereich erlebt der Beobachter manche Unterschiede, die aus seinen organischen Funktionen resultieren, als Erfahrung. Formuliert der Beobachter einige seiner Erfahrungen sprachlich, erzeugt er damit diejenigen Einheiten, aus denen seine Welt besteht, nämlich Beschreibungen. Dazu gehören sowohl die intern beschriebenen Erfahrungen, die die Elemente des psychischen Systems der Innenwelt konstituieren, als auch die kommunikativ mitgeteilten, die den sozialen Bereich und so die gemeinsamen Welten gestalten. Manche Beschreibung verbindet den Beobachter nach festgelegten Regeln mit anderen und liefert damit Erklärungen.

 

Erkennen und Kommunikation

Da nach dem systemischen Ansatz menschliches Erkennen auf Beobachtung beruht, die nur als Beschriebene zugänglich ist, wobei sich Beobachten und Beschreiben in einem geschlossenen Feld der Kognition vollziehen, erzeugen Menschen ihre kognitiven Realitäten prinzipiell individuell. Doch alle Beschreibungen gehen daraus hervor, daß der Mensch als sprachliches Wesen ein kommunizierendes ist. Der Mensch ist also sowohl mit anderen gekoppelt und koordiniert, als auch aufgrund seiner biologischen Struktur alleine, und er ist als einsamer Erzeuger seiner Realitäten von einer unabhängigen Außenwelt ebenso ausgeschlossen wie von der Psyche anderer Menschen. Allerdings kann er als kommunikatives Wesen mittels der Sprache begreifen, beschreiben und somit erkennen, daß es andere, ihm strukturell gleichartige Menschen gibt, mit denen er kommuniziert, und er schließt daher sowohl auf das Solitäre seiner Existenz als auch auf die Existenz eines unabhängigen Du. Solch eine Ich-Du-Relation begründet den Bereich gemeinsamen Erlebens, aus dem das Soziale erwächst, und vor diesem Hintergrund lebt der Mensch in der Gleichung "Realität ist gleich Gemeinschaft". Ohne diese Annahme eines unabhängigen, aber strukturell verwandten Du kann kein Ich entstehen. Zwar wird diese Annahme nur kognitiv erschlossen, sie setzt aber Kommunikation voraus und ermöglicht ihrerseits Kommunikation. Da Menschen grundsätzlich füreinander undurchschaubar sind, gehen sie von struktureller Gleichartigkeit aus, um die bestehende Kluft pragmatisch zu überwinden. Kommunikation kann daher als kooperative Problembewältigung, mit der Menschen ihre wechselseitige Intransparenz meistern, aufgefaßt werden.

 

Zwischenresümee

 

Basierend auf McLuhans Ansatz lassen die neuen Entwicklungen des Internets die Vermutung zu, daß diese Computertechnologie als ein neues Medium der Kommunikation nicht nur die Wahrnehmung der Realität, sondern auch die Wahrnehmung der eigenen Person, des Selbst und der Identität beeinflußt und modifiziert.

Wenn der Mensch gemäß der Theorie des Konstruktionismus aufgrund neuer Erfahrungen auch immer zu neuem Wissen geführt wird, dann bringen die neuen Erfahrungen, die der User macht, einen Zuwachs an Wissen. Es bleibt eine offene Frage, inwieweit Technologie und damit auch die Internet-Technologie, die Art und Weise des Denkens und die Gesellschaft verändern wird.

Die Idee eines autonomen Individuums, das die Freiheit zu wählen und zu handeln hat, wird durch die neue Technologie massiv unterstützt. Wissen ist ohne Restriktionen für jeden jederzeit verfügbar und es liegt in der individuellen Verantwortung, was in Erfahrung gebracht bzw. gewußt wird. Zugleich kann aber eine überproportionale Repräsentanz westlichen Gedankenguts im Internet zu einer neuen Form des Kolonialismus führen. Studien zeigen jedoch, daß innerhalb bestehender Gesellschaftsstrukturen Unterschiede durch Internet-Technologie nivelliert werden können.

In der systemischen Perspektive wird Realität gesellschaftlich durch die Interaktion der Individuen konstruiert, ebenso wie Erkennen nicht etwas vom Erkennenden unabhängiges ist. Objektivität wird auf kommunikative Aspekte beschränkt und entspricht nicht mehr einer adaequatio rei et intellectus.

 

 

Philosophisch-anthropologische Fokussierung

 

 

Die Welt erkennen

Erkennen kann als das Sichaneignen von erlebten bzw. erfahrenen Sachverhalten, Zuständen oder Vorgängen beschrieben werden. Erkenntnis kann in einem weiteren Sinn als dieser Vorgang, als auch in einem engeren Sinne als dessen Ergebnis bezeichnet werden. Erkenntnis meint die Identifikation eines sinnlich erfaßten einzelnen mit seiner allgemeinen Bedeutsamkeit und die Bestimmung dieser Bedeutsamkeit durch weitere allgemeine charakteristische Züge und ist somit eines Weise des Denkens, die auf Wahrnehmung und Erfahrung aufbaut und über beide hinausgeht. Erkennen bedeutet "Etwas als etwas erkennen" und beinhaltet somit ein Beurteilen, das sich auf Erfahrungen stützt. Im Erkennen ist daher stets auch ein Wiedererkennen enthalten. Neue, von innerer und äußerer Erfahrung unabhängige Erkenntnisse können nur durch kreative Phantasie entstehen. Seit der griechischen Philosophie wird Erkennen nach den Gesichtspunkten von objektiver Quelle bzw. Herkunft, subjektiver Fähigkeit im Sinne eines Vermögens zu Ziel und Zweck, Kennzeichen und Maßstäben, Grenzen und Hindernissen und durch Aporien oder Antinomien unterschieden. Beim Erkennen stehen sich Subjekt und Objekt als Erkennendes und Erkanntes gegenüber. Das Subjekt erfaßt und das Objekt ist erfaßbar. Das Erfassen geschieht dadurch, daß die Bestimmungsstücke des Objekts an seinem, im Subjekt entstehenden Abbild wiederkehren. Dieses Abbild ist insofern objektiv, als das Subjekt es von sich selbst, an dessen Aufbau es beteiligt ist, von sich selbst als ein Gegenüberstehendes unterscheidet. Das Abbild ist nicht identisch mit dem Objekt, aber ihm kommt Objektivität zu. Das Objekt ist unabhängig vom Subjekt, und es ist mehr als nur ein Gegenstand des Erkennens. Neben dem Gegenstandsein besitzt das Objekt auch ein Ansichsein, ebenso wie das Subjekt für sich selbst Subjekt sein kann. Daß das Objekt auch an sich sein kann, bedeutet, daß neben dem am Objekt Erkannten noch ein unerkannter Rest bleibt. Die Tatsache, daß ein Gegenstand nie vollständig und ohne Rest, nie in der Fülle seiner Bestimmheit erfaßt werden kann, spiegelt sich in der Nichtübereinstimmung zwischen Objekt und Abbild wieder. Sofern das Subjekt von diesem Unterschied weiß, ergibt sich das Problem, das den weiteren Vorgang des Erkennens mit Spannung belegt und auf immer weitere Erkenntnisbemühungen drängt. Im Fortgang des Erkennens wird die Grenze zwischen dem, was bereits erkannt wurde, und dem, was erkannt werden sollte, auf den Gegenstand hin verschoben wird.

CMC ist eine Erweiterung der bisherigen Formen der Kommunikation und zugleich verändert sie die Struktur des Individuums. CMC verändert damit das menschliche Erkennen und damit auch das Bild dessen, was als Realität gesehen wird.

Aus der systemischen Perspektive wird menschliches Erkennen als ein durch die biologische Struktur determiniertes Verhalten beschrieben. Erkennen ist nicht durch die klassische Formel der adaequatio rei et intellectus zu definieren, sondern dient primär der Lebenserhaltung. Wenn sich die Struktur des Individuums durch die Effekte und Konsequenzen aus der CMC verändert, so müßte sich letztendlich auch das menschliche Erkennen verändern. Erkennen und Verhalten sind in der systemischen Sichtweise untrennbar miteinander verbunden. Erkennen heißt beschreiben, wie ein Lebewesen effizient handelt. Welt erkannt zu haben ist demnach daran zu messen, wie sich das Individuum effizient in dieser Welt verhält. Wenn Erkennen mit dem Beschreiben des Vorgangs des effizienten Verhaltens verbunden ist, so ist Erkennen immer mit Beschreiben verbunden, und Beschreiben erfolgt immer durch Kommunikation. Kommunikation erfordert immer den bzw. die anderen und ist daher an Gemeinschaft gebunden. Erkenntnis der Realität, die durch Beschreibungen feststellbar ist, die wiederum von Kommunikation abhängig ist, die im nächsten Schritt immer Gemeinschaft erfordert, ist daher immer vom Miteinander abhängig.

Die digitale Technologie hat einen nicht mehr zu bestreitbaren Einfluß auf die kognitiven Strukturen des Individuums. Sie verändert die Art und Weise, wie es über sich selbst, über andere Individuen und über datenverarbeitende Maschinen denkt (Vgl. Nelson-Kilger 1993). Eine theoretische Position über die Entstehung von Realität, die in diesem Zusammenhang oft in Verwendung tritt, ist jene von Berger und Luckmann (Berger & Luckmann 1967), die davon ausgeht, daß Individuen ihre eigene soziale Realität konstruieren. Jedes Individuum nimmt demnach unterschiedlich wahr, interpretiert und definiert physische Objekte und andere Individuen sowie auch Information per se unterschiedlich und integriert sie individuell in die je eigene Version der Realität. Durch die Bestimmung dessen, was jeweils als real angesehen wird, bestimmt das Inidividuum somit die wahrnehmbare Welt und die Handlungen, die in dieser Welt vollzogen werden. Ohne diese theoretische Konzeption der Konstruktion sozialer Realität könnte die digitale Technologie einfach als Informationsquelle und als beziehungsverweigerndes Objekt gesehen werden.

 

Realität und Virtualität unterscheiden

Das, was die CMC ausmacht, wird gegenwärtig vor allem dadurch bestätigt, wie über sie berichtet wird. Im Sinne einer self fullfilling prophecy schaffen sich die traditionellen Kommunikationsmedien durch hybride Kreuzungen und durch Rekombinationen selbst eine entscheidende Realität neuer Kommunikationsmedien. Nicht das, was in der CMC kommuniziert wird, sondern vor allem, wie über das Internet kommuniziert wird, ist entscheidend für die Konstitution des Kommunikationssystems Internet (Vgl. Esposito 1995).

Sobald von einer Virtualisierung der Realität gesprochen wird, wird damit bereits die ontologische Dualität von Realität und Virtualität, einer Sphäre des Seins und einer Sphäre des Scheins, vorweggenommen. Es werden damit ontologische Setzungen wie Realität versus Virtualität, Sein versus Schein, Wirklichkeit versus Bild oder Realität versus Simulation postuliert. Die Rede von einer Virtualisierung der Realität führt sich ad absurdum, wenn auf diese unhinterfragten Setzungen verzichtet wird bzw. wenn die reale "Realität" bereits als virtuelle Realität konzipiert wird (Vgl. Rössler 1993, Ngyen & Alexander 1996). Die Idee einer Virtualisierung der Realität würde damit erkenntnistheoretisch sich bereits in einer "Cyberspacegesellschaft" (Jensen 1994) befinden. Dieser Zugang widerspricht radikal einer systemischen Sichtweise (Vgl. Schmidt 1995). Wenn die reale Welt bereits als virtuelle Welt begriffen wird, sie nicht als solche realisiert wird, sondern in den Handlungen und Kommunikationen fortwährend virtualisiert wird, so kann Cyberspace im Sinne der Konstruktion einer computergenerierten artifiziellen Realität nur noch als Konstruktion hypervirtueller Wirklichkeit, d. h. als Virtualität (n+1)-ter Ordnung, gesehen werden. Doch Realität und Virtualität können nicht gleich als ontologische Dualitäten gegenüber gestellt werden, und sie werden auch nicht durch neue Kommunikationsmedien und -technologien entdualisiert. Die neuen Kommunikationsmedien können lediglich zur Konstruktion einer neuen maschinenbasierten Wirklichkeit eingesetzt werden. Diese ist wohl aber nicht in Opposition zur realen Welt, sondern als emergente bzw. zusätzliche Virtualität zu denken. Während nach Kroker und Weinstein (Kroker & Weinstein 1997) einige die Tendenz einer Virtualisierung der Realität beobachten, fokussieren andere eher auf eine Realisierung der Virtualität, indem sie behaupten, daß die virtuelle Welt im Zeitalter der Rekombination bereits die reale Welt geworden sei. Doch auch dieser Ansatz setzt die Dualität oder zumindest die Unterschiedlichkeit und Unterscheidbarkeit von Realität und Virtualität logisch voraus. Werden beide Denkbewegungen zusammengenommen, so kann nur noch von der Umkehrung der logischen Besetzung von Realität und gesprochen werden. Die Realität ist nur mehr virtuell faßbar, während die Virtualität längst zur eigentlichen Realität avanciert ist. Dieses eigentlich evolutionstheoretisch-historische Argument ist allerdings nicht gleichzusetzen mit der systemischen Behauptung einer Konstruiertheit der Realität.

Unter der Perspektive von ausformulierten Virtualisierungs- und Simulationstheorien (Vgl. Beaudrillard 1983, Bolz 1997, Lévy 1997) sind Immaterialisierungstheorien (Vgl. Weber 1997, Guggenberger 1997) nicht mehr weit entfernt. Die neuen Kommunikationsmedien würden eine weitere Entmaterialisierung der Information bedeuten, wird argumentiert. Doch diese These geht von einem klassischen Materialitätsbegriff und der Distinktion von materiell versus immateriell aus und ist für eine möglicherweise notwendige neue weiterentwickelte Erkenntnistheorie nicht mehr praktikabel. Weiters wird oft behauptet, die neuen Kommunikationsverhältnisse würden die Relation von Mensch und Technik umkehren: Die Medien seien nicht mehr Externalisierungen und Ausweitungen des menschlichen Nervensystems, wie noch bei McLuhan (McLuhan 1992), sondern vielmehr wären die menschlichen Nervensysteme bereits Externalisierungen und Ausweitungen der neuen Medien (Vgl. Kroker & Weinstein 1997). Dies mag zwar ein interessanter und im Sinne des beliebten postmodernen Umkehrdenkens durchaus humorvoller Denkansatz sein, doch werden damit die neuen Medien überschätzt.

Das, was die CMC und das Internet im weiteren Sinne bringen, gilt unter dem Gesichtspunkt des systemischen Ansatzes bereits als "alte" Realität. So gilt etwa der Netzwerkcharakter und die heterarchische Ordnung für das Nervensystem allgemein, die Zirkularität generell für lebende biologische Systeme, die autopoietische Reproduktionsweise für Bewußtsein und Kommunikation und die aktive Konstruktivität für den Rezipienten generell und nicht erst für den Spieler im MUD oder den Chatter im IRC. Mehrere Autoren haben darauf hingewiesen, daß die neuen Kommunikationsmedien konstruktivistische Überlegungen zur Kommunikation gleichsam empirisch plausibilisieren:

"Die heutigen Debatten zum Konstruktivismus mögen auf den ersten Blick wenig mit Multimedia und dem Informationhighway zu tun haben. Dennoch ist ihnen das selbe Grundprinzip zu eigen: In all den angesprochenen Domänen menschlichen Tuns und Denkens begegnen wir einem fortschreitenden Prozeß der Entmaterialisierung und Entsubstantivizierung." (Brook und Mulreinin 1995 18).

"Multimedia und virtuelle Realität heißen die Schlagworte, und mit dem Konstruktivismus haben sie bereits ihre adäquate Theorie gefunden." (Höhenberg 1996 13).

Letztendlich bleibt der einzige Ausweg aus diesem Dilemma die Ausdifferenzierung der systemischen Grundhypothese, wonach das Objekt der Beschreibung vor allem durch die Beschreibung des Objekts selbst konstituiert wird. Aus diesem Blickwinkel treten vor allem zwei Phänomene in den Vordergrund, nämlich als erster die zunehmende "Autologisierung" (Bolz 1997) von Kommunikation: Wichtig ist nicht, was kommuniziert wird, sondern, daß kommuniziert wird. Entscheidend war in der ersten Euphorie des WWW nicht, was im Netz ist, sondern daß man schon im Netz ist und auf die eigene Internet-Präsenz hinweisen kann und als zweites die zunehmende Kontingenz von Kommunikation: Alles, was kommuniziert wird, könnte auch anders kommuniziert werden. Die Unsicherheit und Unschärfe der Kommunikation steigt und die Überprüfbarkeit und Referentialisierbarkeit von Texten und Autoren bzw. Individuen nimmt ab, wie Pseudonyme bei E-Mail-Adressen oder hohe Fehlerquoten textueller Informationen im WWW zeigen.

 

Wissen erlangen

 

Seit Aristoteles meint Wissen im engeren Sinn die nicht nur auf der Feststellung der Tatsächlichkeit eines Etwas, sonder in der Vergegenwärtigung der Gründe seines Da- und Soseins beruhende Erkenntnis. Da jedes Seiende in seinem So- und Dasein mehrfach begründet ist, ist Wissen als Erkenntnis des Grundes immer zugleich auch ein Erkennen von Begründungszusammenhängen. Ein völlig isoliertes Wissen eines einzelnen widerspricht dem Wesen des Wissens und ist demnach unmöglich. Wissen meint Erfahrungen und Einsichten zu besitzen, die subjektiv und objektiv gewiß sind und aus denen Urteile und Schlüsse gebildet werden können, die ebenfalls sicher genug erscheinen, um als Wissen gelten zu können. Nach Scheler (Scheler 1926) ist Wissen die Teilhabe am Sosein eines Seienden, deren Voraussetzung die das eigene Sein transzendierende Teilnahme ist. Wissen soll und kann nach Scheler dazu dienen, dem Werden und der Entfaltung der Person und dem Werden der Welt beizutragen.

Die Entfaltung der weltlichen Phänomene bildet die Basis menschlichen Wissens, gerade auch deshalb, weil Menschlichkeit das Leben in Grenzen bedeutet. Mit anderen zu leben und in einer Umwelt zu leben bedeutet, sich körperlich in dieser Welt zu bewegen. Durch das Internet muß der Mensch sich nicht länger physisch in der Welt bewegen, um die verschiedenen Seiten und Situationen der Welt kennenzulernen. Es ist offen, was dann die primäre Quelle zu lernen und Wissen zu erlangen im Gegensatz zu den technischen Möglichkeiten, Wissen zu sammeln, werden wird.

In der Verwendung der Konzeption von polymorphen Techniken der Macht, die gegenwärtig klarer als je zuvor mit Wissen verbunden ist, versuchte Foucault (Foucault 1972) die gegenwärtige Unmöglichkeit der exakten Bestimmung der Grenzen der Felder von Machtrelationen, Machttechniken und Strategien zu bestimmen. Moderne Macht operiert durch Multiplikation und "E-Multiplikation" (Sulic & Zarachovizz 1997) meint die Ausweitung politischer Bereiche und zugleich die Aufteilung von Machtgebieten zu kleineren und kleineren spezifischen Praktiken. Durch das Internet und den Verlust von Grenzen wird auch Macht zu etwas, das praktisch nirgends zu finden ist und wird damit nach Foucault wesentlich polymorpher, als sie es jemals war. Baudrillard (Baudrillard 1977) konzentriert sich in seiner Kritik an Foucaults Arbeiten primär auf dessen Konzeption der polymorphen Techniken der Macht. Baudrillard schreibt Foucaults Arbeiten eine Ähnlichkeit zu den Gewaltmechanismen und damit den Machtmechanismen zu, die Foucault zu beschreiben versucht. Baudrillard behauptet, daß Foucaults Diskurs ein Spiegelbild der realen Machtbeziehungen ist. Sein Medium sei damit seine Nachricht.

Es scheint, daß die Verwendung dieser neuen Technologie dazu dient, die Symptome zu bekämpfen, die charakteristisch für die gegenwärtige postmoderne Situation sind (Vgl. Lyotard 1984, Harvey 1989). Die modernen Technologien selbst sind sehr charakteristisch für die Postmoderne, besonders wegen ihrer Fluidität und Veränderbarkeit. Doch gerade wegen dieser Charakteristika sollen sie dazu dienen, die postmoderne Situation zu verändern. Behauptungen, daß virtuelle Realität Bedeutung, Wissen und Einsicht in die alten Fragen der Menschheit bieten wird (Vgl. Stanger 1993, Malenn 1993, Sulic & Zarachowizz 1997), sind verlockend angesichts der Tatsache der postmodernen Idee, daß es keine universellen Wahrheiten gibt.

Die systemische Perspektive versteht Objektivität von Wissen in der Weise, daß sie Objektivität auf kommunikative Aspekte beschränkt. Erkennen ist von der Struktur des erkennenden Individuums bestimmt. Die Suche nach Wissen erfordert notwendig eine Zu- bzw. Rückwendung auf das erkennende Individuum zur beschreibenden Erforschung der Struktur des Individuums. Alles Beschreiben ist eine Beschreiben von Unterschieden, ein Feststellen des Sich-Abhebens eines Vordergrunds von einem Hintergrund. Im Zusammenhang mit der CMC führt dies zu einer Rückwendung zu den Effekten und Konsequenzen der CMC auf den Menschen und zum weiteren Suchen nach Unterschieden zwischen Aspekten eines Zustands der gegenwärtigen vorhandenen Beschreibungen des Verhaltens des Individuums vor dem Hintergrund von Beschreibungen des Verhaltens ohne CMC. Beschreibungen über den Umgang und das Verhalten mit Information in der CMC und das Ausmachen von Unterschieden kann so zu "objektiven" Erkenntnissen der Realität führen.

 

Mit Wissen umgehen

 

In der zunehmenden Evolution von Medien, die die Fähigkeit zur Selektion von Information in der Form von Hyperlinks in sich tragen, ist nicht mehr die Information, sondern die Information über Information entscheidend. Hier kann als Beispiel die enorme Bedeutung der großen Searchengines im WWW, aber auch der zahllosen kleinen Suchmaschinen auf einzelnen Homepages genannt werden

Der systemische Ansatz postuliert, das neue Systeme immer gemäß funktionaler Kriterien als Subsysteme aus alten Systemen emergieren. Als Ursache für die Emergenz der Subsysteme E-Mail, NetNews, IRC oder WWW im System Internet kann demnach die Unmöglichkeit der Erreichbarkeit und der Konstitution von einer geschlossenen Einheit des vorhandenen Wissens einer funktional ausdifferenzierten Gesellschaft gesehen werden. Während die moderne Wirklichkeitskonstruktion der Massenmedien immer mehr zu einer Irritation der Gesellschaft führt, entsteht ein steigender Bedarf an Integrationskräften, und dieser wird durch die weltweite Vernetzung von Computern gedeckt. Während die traditionelle Wirklichkeitskonstruktion der Massenmedien Öffentlichkeit nicht abbildet oder spiegelt, sondern selbst konstruiert, bieten diese Kommunikationsformen der CMC die Möglichkeit einer geradezu narzißtischen Repräsentation und der Herstellung einer neuen ungefilterten bzw. tendenziell konstruktionsfreien, nicht selektiv erzeugten Meinungsvielfalt. Die besondere Funktionalität der CMC scheint darin zu liegen, daß sie eine Plattform herzustellen vermag, die nicht den Selektions- und Konstruktionskriterien der operationalen Geschlossenheit der traditionellen Massenmedien unterliegt. CMC scheint in vielen Bereichen leistungsfähiger als die herkömmlichen Massenmedien zu sein. Die strukturelle Koppelung von Systemen der alltäglichen Lebenswelt wie etwa Politik, Wirtschaft und Kunst an die Massenmedien wurde immer komplizierter. CMC ermöglicht hingegen die direkte Koppelung und somit den direkten Zugriff auf Informationen. Damit können die funktionalen Aspekte der Beschleunigung der Verfügbarkeit von Information, der anonymen Befriedigung von Kommunikationsbedürfnissen, der Identifikationsmöglichkeit und Plattform für Randgruppen und Minderheiten, etc. in Verbindung gebracht werden.

Vom Standpunkt des systemischen Ansatzes kann CMC als ein neues Medium, in dem sich durch Vernetzung spezifische neue Systeme entwickeln, gesehen werden. Je mehr Verküpfungspunkte vorhanden sind, desto mehr Systeme werden entstehen. In der anfangs losen Koppelung von Information wie z. B. im WWW werden sich immer tragfähigere Verbindungen herausbilden und diese gekoppelten Verbindungen sind neue Systeme, die ihrerseits zu Elementen neuer Systeme werden können.