Beziehungen

Sozio-kommunikationstheoretische Darstellung

Verbal-Nonverbal

 

Suler (Suler 1997) zeigt an einem Beispiel, wieviele Möglichkeiten es gibt, sich trotz der Einschränkungen, die die CMC mit sich bringt, nonverbal auszudrücken. Er untersuchte, in welchen Formen es in dem MOO "Palace" (Suler 1997), ein Programm, das getippte sprachliche Kommunikation mit graphischen und auditiven Elementen kombiniert, gibt, jemanden zu begrüßen. Es macht innerhalb dieses Kontextes bei demselben Wortlaut einen klaren emotionalen Unterschied, ob man reine Kleinschreibung, Rufzeichen und andere graphische Elemente einsetzt. Dadurch ist es nach Suler möglich, nonverbale Elemente in fast ebensolcher Vielfalt wie in der persönlichen Face-to-Face-Kommunikation zum Tragen kommen zu lassen.

Die verbalen und nichtverbalen Modalitäten unterscheiden sich nach Andolfi (Andolfi 1982) in der menschlichen Kommunikation in mehreren Aspekten wesentlich voneinander:

Der Zusammenhang zwischen einem Wort und dem Objekt, das es bezeichnet, ist willkürlicher und konventioneller Art. Umgekehrt steht eine analoge Kommunikation im direkten und sofort verständlichen Zusammenhang mit dem Objekt, das sie zu definieren sucht.

Informationen über Objekte werden verbal durch die Benutzung bestimmter Konzepte abgegeben. Der inhaltliche Aspekt von Botschaften wird hauptsächlich durch verbale Kommunikation weitergegeben. Die analoge Kommunikation ist dagegen nützlicher und wertvoller, wenn man sich über Beziehungen verständigen will.

Verbale Kommunikation basiert gewissermaßen auf dem Grundsatz von Ja und Nein. Sie vermittelt Informationen, die - je nach dem Aufbau des gesprochenen Satzes - verstanden oder auch nicht verstanden werden. Die jeweilige Information wird nur symbolisch weitergegeben, z. B. werden Bedürfnisse, Wünsche und Emotionen durch Worte mitgeteilt. Die analoge Kommunikation enthält - von ihrem instinktiven Aspekt abgesehen - Informationen, die unter Umständen von verschiedenen Menschen in verschiedenen Kontexten unterschiedlich verstanden werden. Die Interpretation analogen Verhaltens ist schwieriger, weil es jene Eigenschaften nicht besitzt, die genau sagen, welche der möglichen Interpretationen korrekt ist. Es besitzt auch keine Eigenschaften, die eine Unterscheidung bezüglich des Zeithorizonts treffen. Dagegen hat analoges Verhalten nach Suler zweifellos eine semantische Struktur, die ausreicht, um Beziehungen zu definieren.

 

Raum

 

Internet-User haben, wenn sie mit ihrem Computer online gehen bewußt oder unbewußt das Gefühl, einen "Platz" oder "Raum", der mit einer Vielzahl von Bedeutungen und Anwendungen ausgestattet ist, zu betreten. Viele User sprechen davon, "im Internet" an einen bestimmten "Ort" "gegangen" zu sein. Begriffe wie "Welt" und "Raum" werden nach Suler (Suler 1996g) in der Beschreibung von Online-Aktivitäten zu räumlichen Metaphern.

Das Internet als Raum wird in verschiedenen Arten gesehen:

Während der Terminus "Cyberspace" eher Assoziationen einer leeren und abstrakten Sphäre der Maschinen, der Information und elektronischer Impulse hervorruft, impliziert die Metapher des "Information Higway" oder der "Infobahn" eine Domestizierung dieses Raumes zum Austausch von Informationen. Dagegen faßt der Begriff des "Netzes" mehr das Bild von Menschen, die miteinander kommunizieren. Das Netz wird als ein sozialer Ort gesehen und fängt Menschen auf, die durch den Raum fallen oder fliegen (Vgl. Benedikt 1991, Biocca 1992).

Oldenburg entwickelt die Konzeption von "Third Places" (Oldenburg 1989) und bezeichnet damit soziale Räume, die nicht der Arbeitsplatz und auch nicht das Zuhause sind. Oldenburg charakterisiert Third Places folgendermaßen: Sie basieren auf einem neutralen, sozialen Hintergrund und bringen den Gästen die Rahmenbedingung von anscheinend sozialer Gleichheit. Innerhalb dieser sozialen Räume ist Konversation die primäre Aktivität und das wichtigste Medium für den Ausdruck und die Wertschätzung menschlicher Persönlichkeit und Individualität. Der Charakter eines Third Places wird in den meisten Fällen durch die alltägliche Klientel bestimmt und ist von einer spielerischen Grundeinstellung gekennzeichnet, die im klaren Gegensatz zu ernsthafteren Handlungsräumen in anderen Bereichen steht. Die temporären Mitglieder eines Third Places entscheiden sich selbst dazu. Durch diesen Prozeß der Freiwilligkeit entwickelt sich eine Gruppe von Menschen, die bis zu einem gewissen Grade gemeinsame Interessen und Werte teilen. Traditionellerweise werden Third Places von Menschen aus derselben geographischen Umgebung besucht. Im Internet können nach Oldenburg MUDs und MOOs als solche Third Places bezeichnet werden, die Menschen mit gemeinsamen Interessen, jedoch abseits geographischer Einschränkungen, zu einer Gruppe vereinen. Wie für Third Places kennzeichnend, ist Konversation eine der primären und auch spielerischen Aktivitäten in MUDs und MOOs.

 

Geschlechtsspezifika

Studien belegen, daß User sich in der CMC enthemmter benehmen als in Face-to-Face-Settings (Vgl. Kiesler, & Siegel & McGuire 1984, Rice & Love 1987, Sproul & Kiesler 1991). Die Tatsache, daß CMC weniger durch gesellschaftliche Konventionen limitiert ist, führt zu Verhaltensweisen, die in anderen Settings nicht akzeptabel wären. Dies kann nach Reid (Reid 1991) einerseits positiv sein, da es Intimität zwischen Menschen fördern kann, die ansonsten nicht die Möglichkeiten haben, einander nahe zu kommen, andrerseits kann aggressives Verhalten offener gezeigt werden, da die Konsequenzen nicht so massiv wie in Face-to-Face-Settings auftreten können.

Die Analysen der Linguistin Harring (Harring 1996, Vgl. Adams 1996) unterstützen die Behauptung, daß es geschlechtsspezifische Unterschiede im Kommunikationsstil auch in der CMC gibt. Frauen scheinen einen Stil der Höflichkeit, der die positiven Aspekte des Menschen betont, zu bevorzugen, während Männer mehr einen Stil der Debatte, die negative Aspekte betont, praktizieren. Harrings Ergebnisse demonstrieren eine Dominanz des männlichen Diskursstiles sowohl in der aktuellen Praxis als auch in verschiedenen Netiquette-Richtlinien. Harring vermutet, daß die vielgepriesene Freiheit und Gleichheit des Cyberspaces nur vorhandene Muster der männlichen Dominanz und der weiblichen Unterordnung reproduzieren bzw. erweitern wird.

 

Social-Context-Cues

 

Es kann allgemein festgehalten werden, daß Interpretationen der CMC, die auf der Theorie der "Social-Context-Cues" (Sproull & Kiesler 1991) basieren, generell die Möglichkeiten von zwischenmenschlichen Beziehungen via CMC wenig unterstützen.

Dieser Ansatz ist aber schon mehrfach in Frage gestellt worden (Vgl. Walther & Burgoon 1992, Walther 1992, Walther 1993, Walther & Anderson & Park 1994, Suler 1997a). Wie neuere Ergebnisse zeigen, adaptieren User die Möglichkeiten der geschriebenen Kommunikation über das Keyboard so, daß es ihnen möglich ist, die in der CMC fehlenden Elemente zwischenmenschlicher Kommunikation durch andere zu ersetzen. Diese Studien zeigen, daß es vor allem die aus verschiedensten technischen und finanziellen Gründen bestehenden zeitlichen Limitationen der CMC sind, die User daran hindern können, sowohl Beziehungsinformationen als auch persönliche Informationen auszutauschen, und die damit die eigentliche Ursache der Reduktion der social cues sind und nicht die CMC an sich. Weitere Studien (Vgl. Feldman 1987, Myers 1987, Rice & Love 1987, Finholt & Sproull 1990, Reid 1991, Wilkins 1991, McCormick & McCormick 1992, Brennan & More & Smyth 1992, Bruckman 1992, Ogan 1993, Rheingold 1993, Wright 1993, Haythornthwaite & Wellamnn & Mantei 1994, Bock 1994, De Leaon 1994, Lewis 1994, Kanaley 1995) belegen, daß User, Kommunikation via E-Mail als zwischenmenschliche Begegnungen, die sich nicht auffallend von anderen Begegnungen unterscheiden, erleben. Diese Untersuchungen zeigen, wie User Mimik und Gestik durch typographische Symbole imitieren oder emotionale Elemente einer Aussage durch die Einbindung von Worten, die diese Aspekte beschreiben, ausdrücken. Oft wird CMC durch andere Kommunikationskanäle wie Post, Telephon oder Face-to-Face-Kontakte ergänzt (Vgl. Reid 1991, Bruckmann 1992, Ogan 1993, Rheingold 1993).

 

Internet-Regression

 

Auf der Basis der Social-Context-Cues-Theorie formuliert Holland die Konzeption einer "Internet-Regression" (Holland 1997) als Kennzeichnung der Verhaltensweisen von Usern in der Kommunikation via CMC. Er charakterisiert verbale Äußerungen als vergleichsweise schnell aggressiv, direkte sexuelle Thematiken ansprechend und eine ungewöhnliche Großzügigkeit demonstrierend, die sich in Face-to-Face-Interaktionen niemals in solch vergleichsweise kurzen Zeiträumen ereignen würden. Er vergleicht dies einerseits mit einem psychoanalytischen Setting, in dem der Analysand sich durch das Hinlegen auf eine Couch und das Fehlen von direktem Augenkontakt mit dem Analytiker eher öffnet und andrerseits mit einem Beichtstuhl, wo der Bekennende in einem dunklen Raum und ohne direkten Augenkontakt mit dem Priester mehr von seinem Innersten preisgibt. Holland bringt diese Verhaltensweisen mit den Phantasien der User über ihre Computer in Zusammenhang, die den Bildern ähneln, die Menschen auf Autos oder Haushaltsgeräte projizieren, wo solche Geräte als die physischen Fähigkeiten erweiternd gesehen werden. Computer sollen in diesem Zusammenhang die intellektuellen Fähigkeiten der Menschen erweitern und vermitteln das Gefühl, Computer wären mächtige Lebewesen, die magische Kräfte haben.

Suler (Suler 1996d, Suler 1996f) beobachtet in der Entwicklung von Beziehungen via CMC eine generelle Tendenz zu Projektionen. Da die Erfahrung anderer Personen oft auf Texte beschränkt ist, besteht bei Usern eine Tendenz, verschiedenste Wünsche, Phantasien und Ängste auf den anderen zu projizieren. Diese ursprünglich psychoanalytische Konzeption kann auch verwendet werden, um die Verbindung des Users mit seinem Computer zu beschreiben. Dies zeigt sich daran, daß in zwischenmenschlichen Beziehungen via CMC oft eigene Anteile bei anderen gefunden werden und es so oft zu einem im Vergleich zu Face-to-Face-Begegnungen schnelleren Gefühls des "Auf-derselben-Wellenlänge-Seins" kommt. Der Computer verhält sich im Grunde genommen wie ein Psychoanalytiker, indem er sich in der Interaktion mit dem User relativ unklar, neutral und ruhig zu verhalten scheint.

 

Zwischenmenschliche Beziehungen

 

Oft wurden die manipulativen, verzerrenden und täuschenden Potentiale der CMC betont. CMC bietet offensichtlich reiche Möglichkeiten der Selbst-Präsentation und der Identitätsverzerrung (Vgl. Bruckmann 1992), die aber auch sehr positive Möglichkeiten bieten (Vgl. Myers 1987, Lea & Spears 1995). CMC schafft "Identitäts-Spielplätze" (Bruckmann 1992, Vgl. Turkle 1995), wo User soziale Fertigkeiten lernen und testen und sogar Wege entdecken können, persönliche Einschränkungen, die User in Face-to-Face-Kontakten erfahren haben, zu umgehen (Vgl. Myers 1987, Brennan & Moore & Smyth 1992, Bock 1994, De Leon 1994, Kanaley 1995, Turkle 1995, Walther 1995). Johansen, Vallee und Sprangler (Johansen & Vallee & Spranger 1988) stellen die Hypothese auf, daß soziale Präsenz unter Usern vielmehr entwickelt und kultiviert werden kann, als sie durch das Medium an sich vorherbestimmt wäre.

Zwischenmenschliche Begegnungen werden in der CMC-Forschungs-Literatur ausgeprägter als andere Aspekte seit geraumer Zeit auf zwei konträre Weisen interpretiert. Die eine Argumentationslinie (Vgl. Beninger 1987, Heim 1992, Berry 1993, Stoll 1995) sieht zwischenmenschliche Beziehungen via CMC als seichte, unpersönliche und oft feindselige Begegnungen, die den Usern nur eine Illusion von Freundschaft vermitteln. Die andere Linie (Vgl. Pool 1983, Rheingold 1993) sieht CMC als Befreiung zwischenmenschlicher Beziehungen von den Einschränkungen physischer Limitationen, die damit Möglichkeiten schafft, neue und unverfälschte Begegnungen und Beziehungen zu entwickeln.

Zwei der wichtigsten Theorien zwischenmenschlicher Beziehungen beruhen einerseits auf der Erwartung einer Belohnung im Sinne einer Kosten-Nutzen-Rechnung (Vgl. Altman & Taylor 1973), andrerseits auf dem Drang, Unsicherheiten und Ungewißheiten in bezug auf den Partner und die Beziehung beseitigen zu wollen (Vgl. Berger 1988, Parks & Adelman 1983). Beide Theorien setzen physische Nähe oder oftmalige Interaktionen als hilfreiche und förderliche, aber keinesfalls notwendige Bedingungen einer zwischenmenschlichen Beziehung voraus. Entgegen allen Studien, die die positiven Effekte der äußeren Erscheinung und der physischen Anziehung der beiden Partner betonen, verlangt aber keine Theorie zwischenmenschlicher Beziehungen diese Informationen als notwendige Vorbedingungen für die Entstehung von Beziehungen (Vgl. Hatfield & Sprecher 1986).

Gängige psychologische Theorien zwischenmenschlicher Beziehungen gehen von der Notwendigkeit physischer Näher und oftmaliger Interaktion zwischen den Individuen aus, schreiben aber der äußeren Erscheinungsform und der körperlichen Anziehung besonders in der Entwicklung von Liebesbeziehungen weniger Bedeutung zu. Online-Beziehungen werden daher meist durch fehlende physische Nähe, Fehlen oftmaliger Interaktion, Fehlen von Informationen über das Äußere der beiden Individuen und Fehlen von Informationen über die soziale Zugehörigkeit beschrieben (Vgl. Lea & Spears 1995). Doch haben die Studien von Walther (Walther 1992, Walther 1993) ergeben, daß zwischenmenschliche Beziehungen in Online-Settings einfach nur mehr Zeit brauchen, um die Unsicherheiten über den anderen abzubauen. Das Fehlen von physischer Nähe und visueller Informationen wird oftmals durch Face-to-Face-Kontakte oder den Austausch von Bildern abgebaut und auch Fragen der sozialen Zugehörigkeit können geklärt werden.

Parks und Floyd (Parks & Floyd 1992) zeigen in einer Studie, daß zwischenmenschliche Beziehungen via CMC entgegen der beschriebenen Theorien häufig auftreten und sich ganz von selbst als eine Funktion der Zeit und Erfahrung in der Online-Umgebung von NetNews-Gruppen entwickeln. Fast zwei Drittel der befragten Personen gaben an, durch die Kommunikation in solch einer Gruppe zwischenmenschliche Kontakte erlebt zu haben, wobei Beziehungen mit dem anderen Geschlecht etwas mehr als die Hälfte ausmachten. Nur ein Zehntel aller Beziehungen entwickelte sich zu einer Liebesbeziehung und zwei Drittel aller Beziehung waren weniger als ein Jahr alt. Interaktion in den Beziehungen erfolgte bei einem Drittel der Personen zumindest drei- oder viermal pro Woche und mehr als die Hälfte wies eine wöchentliche Kommunikationsfrequenz auf. Frauen scheinen signifikant wahrscheinlicher als Männer eine zwischenmenschliche Beziehung online zu entwickeln. Alter und gegenwärtiger Ehestand haben keine Bedeutung in Online-Beziehungen, mit höherer Teilnahmefrequenz an Newsgroups steigt aber die Wahrscheinlich der Entwicklung von Beziehungen. In der Regel entwickeln sich Online-Beziehungen hin zu immer mehr Intimität mit einer Zunahme der Verbundenheit, hin zu einer Zunahme in der Breite und Weite der Interaktionen, in zwischenmenschlicher Vorhersagbarkeit und Verständnis, in einem Wechsel hin zu persönlicheren Formen der Kommunikation und in dem Zusammenlaufen der sozialen Netze der betroffenen Personen. Mit der Dauer der Beziehung übermitteln die Personen persönlich wichtigere und intimere Informationen, und es entwickeln sich für die Beziehung spezifische Kommunikationsmuster, die der Beziehung Identität verleihen. Wie schon Lea und Spears (Lea & Spears 1995) gezeigt haben, ist für zwischenmenschliche Beziehungen Face-to-Face-Interaktion nicht ausschlaggebend, und die Studie von Parks und Floyd belegt, daß sich zwischenmenschliche Entwicklungen auch online in einem sehr hohen Grad ereignen. Die Tatsache, daß eine große Anzahl von Usern zwischenmenschliche Beziehungen auch online entwickeln, könnte in naher Zukunft neue Möglichkeiten für Individuen bieten, die so isoliert oder eingeschränkt sind, daß sie in Face-to-Face-Interaktionen gesellschaftlich eingeschränkt oder stigmatisiert sind.

 

Beziehungsregeln

 

Entwicklungsstagnationen zwischenmenschlicher Beziehungen können dann erreicht werden, wenn es in der Kommunikation darum geht, Beziehungsregeln zu entwickeln. Allem Anschein nach ist das mittels textgebundener Kommunikation der CMC schwieriger als in traditionellen Kontexten, aber auch nicht unmöglich erreichbar, wie immer wieder geschildert wird. Kontextbezogene redundante Kommunikationsabläufe sind Kommunikationsmuster, die einen ersten Einblick in die Art der sie produzierenden Beziehung gewähren. Je mehr Muster in je mehr Kontexten bekannt sind, desto mehr wird das vorherrschende Beziehungsmuster erkennbar, das die Stellung der Betroffenen im Austausch zeigt.

Suler (Suler 1996c) nennt einige Prinzipien, die für die Entwicklung von Beziehungen in Kommunikationsabläufen via e-Mail förderlich sind, und die Moderatoren bzw. Betreiber von Internet-Kommunikationsdiensten im Design der Kommunikationforen beachten sollten:

Diese Prinzipien ermöglichen es den Usern, Beziehungsregeln zu entwickeln und stellen zugleich ein Grundgerüst von Kommunikationsregeln dar.

Ruedenberg, Danet und Rosenbaum-Tamari (Ruedenberg & Danet & Rosenbaum-Tamari 1995) zeigen in der Untersuchung einer neunzigminütigen Konversation via IRC, die eine Party darstellte, bei der Marihuana konsumiert wurde, daß in der Kommunikation via IRC Verhaltenstrukturen auftreten, die eine bemerkenswert hohe Ähnlichkeit mit konventionellen Parties haben. Sie kommen zu dem Schluß, daß die Etablierung zwischenmenschlicher Beziehungen nicht mehr länger auf Face-to-Face-Kontakte beschränkt gesehen werden kann. Elektronische Formen des sozialen Kontaktes haben keinen geringeren Wert als andere, wie das Beispiel der IRC-Channels #hottub und #initgame zeigen, die seit Jahren laufen, obwohl sie tagtäglich neu geschaffen werden müssen.

Bisherige Untersuchungen von CMC (Vgl. Siegal & Dubrovsky & Kiesler & McGuire 1986, Dubrovsky & Kiesler & Sethna 1991, Kiesler & Sproull 1992) im Hinblick auf die Entwicklung von Beziehungen konzentrierten sich vor allem auf den Ablauf von Interaktionsprozessen in Gruppen und kamen zu dem Schluß, daß CMC für zwischenmenschlichen Kontakt nicht förderlich sei. Gruppen, die über CMC miteinander Kontakt halten, haben demnach im Vergleich mit Kontrollgruppen ohne CMC größere Probleme, gemeinsame Standpunkte zu erkennen, gemeinsame Ziele zu verfolgen und zeigen mehr verbale Aggressionen und nicht mit der Gruppe konforme Verhaltensweisen. Verhaltensweisen wie das flaming wurden unter Laborbedingungen ebenso beobachtet wie in einer Vielzahl von Netzwerken. Diese vergleichsweise anderen Verhaltensweisen in der CMC werden oft mit der Reduktion von sozialen Regeln in Online-Settings erklärt. Beziehungsregeln, die aus sich aus dem physischen Umfeld ergeben und nonverbale Hinweise aus der Stimme, der Körpersprache, der Mimik und Gestik oder der Kleidung fallen bei der Kommunikation via Computer weg (Vgl. Culnan & Markus 1987). CMC scheint eine geringere Bandbreite und damit weniger Informationsübertragungkapazität zu besitzen als Face-to-Face-Kommmunikation (Vgl. Daft & Lengel 1984, Kiesler & Siegal & William & McGuire 1984). Gemäß der "Social-Presence"-Theorie (Short & Williams & Christie 1976, Vgl. Rice 1987, Rice & Love 1987) und der Social-Context-Cues-Theorie (Sproull & Kiesler 1991) führt die Reduktion von kontextuellen, visuellen und lautlichen Hinweisen bei Online-Settings zur Vermehrung von unpersönlicher und weniger formeller Kommunikation als in Face-to-Face-Settings. Beide Theorien implizieren, daß die Intensität der Begegnung mit anderen von der Anzahl der in der Kommunikation zu Verfügung stehenden Informationskanälen abhängig ist und daß Face-to-Face-Kommunikation mehr Übertragungskanäle nützen kann als die Kommunikation über Computer. Das erlaubt aber keinesfalls die Schlußfolgerung, daß positive persönliche Beziehungen online unmöglich sind, wie schon Sproull & Kiesler (Sproull & Kiesler 1991) mit ihrer Feststellung unterstützen, daß elektronische Settings manchmal sogar mehr Möglichkeiten für zwischenmenschliche Beziehungen bieten als Face-to-Face-Settings.

 

Systemische Perspektive

 

Kommunikation

 

Beschreibung

"Kommunikation ist Austausch von Information mit dem Akzent darauf, daß sich ein Individuum A durch die von irgendeinem anderen Individuum B ausgehenden Informationen angesprochen fühlt, ein Umstand, der schon durch die Offenheit des Menschen für Informationen ständig eintreten kann. Die Information ist für A zur Mitteilung geworden, ihre Bedeutung hat ihre Wirkung auf ihn." (Merl 1987 111)

Da der Begriff System die Bezogenheit der Teile impliziert, ist Kommunikation im systemischen Ansatz als Hauptkennzeichen von Systemen aus kommunizierenden Teilen, hier besonders sozialer Systeme, anzusehen. Eine Voraussetzung der Kommunikation im System ist das Vorhandensein einer gemeinsamen Sprache, d. h. einer semantischen Gemeinsamkeit, welche dann die pragmatische Gemeinsamkeit des Systems schafft. Die Wirkung im System ist der verläßlichste Indikator dafür, daß ein Mitteilungsaustausch stattfindet und demnach ist auch alles Mitteilung, was wirkt.

Verbal-Nonverbal

Nach Watzlawick, Beavin und Jackson ergibt sich aus der Übereinstimmung darüber, "/.../ daß alles Verhalten in einer zwischenpersönlichen Situation Mitteilungscharakter hat, das heißt Kommunikation ist, /.../, daß man, wie immer man es auch versuchen mag, nicht nicht kommunizieren kann. (Watzlawick & Beavin & Jackson 1969 51)

Damit Kommunikation zustande kommen kann, müssen nach Ansicht der drei Autoren ein Übermittler, ein Empfänger und eine Botschaft vorhanden sein. Die Botschaft besteht aus einem Inhalt, der gewöhnlich mit Hilfe der Sprache, vor allem verbal, zum Ausdruck gebracht wird, und einer Form, die sich in nichtverbalen Modalitäten äußert und Informationen über das Verhältnis der Kommunikanten untereinander und über den Kontext liefert. Zur analogen oder nonverbalen Kommunikation gehören Körperbewegungen sowie Tonfall, Sequenz, Rhythmus und Kadenz der Worte und die räumliche Anordnung der beteiligten Personen. Phylogenetisch betrachtet, ist die nonverbale Kommunikation ein primitiveres Phänomen, das sich auch unter Tieren und in den frühen Phasen der menschlichen Entwicklung beobachten läßt. Gewisse Formen der nichtverbalen Kommunikation sind universal und gehören in die Kategorie der neurophysiologischen Reflexe.

Inkongruenz

Nichtverbale Sprache bestätigt nach Scheflen (Scheflen 1976) entweder die verbale Mitteilung oder widerspricht ihr, denn Menschen geben, sobald sie miteinander kommunizieren, Informationen über einen bestimmten Inhalt und zugleich über ihr gegenseitiges Verhältnis ab. Jede Kommunikation beinhaltet demnach etwas über das Verhältnis zwischen dem Menschen, der die Botschaft abgibt, und demjenigen, der sie empfängt. Wenn der verbale Inhalt einer Botschaft immer kongruent kommentiert würde, dann wäre jede solche zwischenmenschliche Beziehung deutlich definiert. Im Alltag aber geben Menschen häufig Bestätigungen ab, die eine Beziehung in einer bestimmten Weise definieren und widersprechen dieser Definition im selben Atemzug durch ein anderes Verhalten, das sie leugnet.

Raum

Raum ist nach Christiansen (Christiansen 1972, Vgl. Duhl & Kantor & Duhl 1973) im systemischen Betrachtungsfeld zwischenmenschlicher Kommunikation mehr als eben nur eine Gesamtheit geometrischer Beziehungen. Er ist Ausdruck einer essentiellen Seinsweise, da jede Handlung sowohl eine Veränderung des Raumes, den der menschliche Körper innerhalb des ihn umgebenden Raumes beansprucht, als auch eine zunehmende Öffnung der inneren Welt des Menschen bewirkt, die letztendlich zur Entstehung der individuellen Identität in einer zunehmenden Differenzierung und Bestimmung des inneren und äußeren Raumes notwendig ist. Raum ist im systemischen Ansatz eine dem Menschen mitgegebene und universale Dimension seines expressiven und sozialen Verhaltens. Der Raum definiert das Territorium des Individuums, einen Ort, der dem einzelnen gehört, an dem es sich selbst finden und zugleich seine Beziehungen zu anderen Menschen aushandeln kann.

 

Beziehung und Kommunikation

 

Als Mitteilungsaustausch in Systemen ist Kommunikation wesentlich am Aufbau und der Erhaltung von Beziehungen beteiligt. Sie stellt gewissermaßen das Medium dar, mit dessen Hilfe die Koppelung von Individuen möglich und erhalten wird. Der Aufbau einer Beziehung über Kommunikation erfolgt über den Anstoß, der durch die Mitteilung des einen Individuums an das andere gegeben ist und die Wirkung, die dadurch beim zweiten Individuum ausgelöst wird. Besteht seitens des Individuums, an das die Mitteilung ergangen ist, ein Interesse an der Fortsetzung des Austausches, so kann sich aus diesem ersten Keim der Kommunikation eine Beziehung entwickeln. Zum Mitteilungsaustausch tritt also ein durch ihn erwecktes Interesse mit ins Spiel, welches den Austausch fördert und aufrechtzuerhalten imstande ist. Dieses Interesse konstituiert die Beziehung und jeweils einen persönlichen Hintergrund. Mit fortschreitender Entwicklung der Beziehung lassen sich Gesetzmäßigkeiten am Mitteilungsaustausch und damit die zunehmende Festigkeit der Beziehung erkennen. Diese Gesetzmäßigkeiten werden als Entstehung einer gemeinsamen Definition der Beziehung und des Problems der Kontrolle der Beziehung, d. h. wer bestimmt, was in der Beziehung geschieht, beschrieben. Die gemeinsame Definition der Beziehung entsteht als Ausdruck einer im Verlauf des Mitteilungsaustausches erreichten Einigung darüber, welche Verhaltensweisen, d. h. Mitteilungen in der Beziehung zugelassen sein sollen und welche nicht. Das Bestreben, eine gemeinsame Definition zu finden, zeigt an, daß über die Interaktion ein Interesse geweckt worden und im Wachsen ist, welches der Beziehung Stabilität zu verleihen imstande ist.

Sobald eine Beziehung konstituiert ist, d. h. das Interesse daran sie organisiert hat, zeigt der dabei bestehende und fortgesetzte Mitteilungsaustausch an, daß er je nach Kontext verschiedenen Regeln gehorcht. Von diesen den Mitteilungsaustausch regulierenden Kommunikationsregeln sind die die Beziehung charakterisierenden strukturgenetischen Regeln zu unterscheiden. Kommunikationsregeln können als "/.../ befolgbare Verschreibung, welche angibt, welches Verhalten in bestimmten Kontexten obligat, bevorzugt oder verboten ist /.../" (Shimanoff 1980 57) , und ihre Funktion als eine, die "/.../ Verhalten regulieren, interpretieren, auswerten, rechtfertigen, korrigieren, vorhersagen und erklären kann/.../" (Shimanoff 1980 83) definiert werden. Regelbestimmtes Verhalten ist demnach als solches zu erkennen, wenn es kontrollierbar, d. h. der Kontrolle dessen, der es zeigt, unterstehend und kritisierbar, d. h. von denen, denen es gezeigt wird, beurteilt werden kann und kontextbezogen ist.

Der Unterschied zwischen Kommunikations- und Beziehungsregeln liegt darin, daß an jeder Mitteilungsebene ein Inhalts- und ein Beziehungsteil zu finden ist, d. h. eine Instruktion an den Empfänger, als welche Art von Mitteilung er die betreffende Mitteilung zu verstehen habe. Damit ist jede Sendung letztendlich als Mitteilung über die Beziehung, in der der Sender dieser Mitteilung zu stehen wünscht, zu verstehen. Während Kommunikationsregeln kontextbezogen und damit kontextabhängig sind, weist der Beziehungsanteil der Mitteilungen, die ihr gemäß stattfinden, darauf hin, daß eine bestimmte Beziehung besteht, deren Regelung je feststehender ist, desto länger die Beziehung in bestimmter Form besteht, und die daher kontextunabhängig ist. Die Verbindung zwischen ihnen stellt der Beziehungsanteil der Mitteilung her. Das Wechselspiel zwischen Beziehung und Kommunikation läßt sich folgendermaßen verdeutlichen: Während die Beziehung eine interessensbezogene geregelte Verbindlichkeit darstellt, die über die Kommunikation entsteht, ist die Kommunikation in den verschiedenen Kontexten der ständige Einfluß, der diese Verbindlichkeit bestätigt. Kommt es aus irgendwelchen Gründen zum Anstoß, diese Verbindlichkeit zu verändern, so geschieht dies über die Kommunikation. Die Änderung der Verbindlichkeit wirkt dann auf die Ebene der Kommunikationsregeln zurück und modifiziert diese entsprechend, so daß jetzt in verschiedenen Kontexten gegenüber vorher veränderte Formen des Mitteilungsaustausches möglich sind, wie sich besonders am Kriterium der Kritisierbarkeit zeigt.

 

Personzentrierte Perspektive

 

Begegnung

Der personzentrierte Begriff der Person ist eng verbunden mit dem Begriff des "encounter" (Rogers 1974). Ein Konstituum der Person ist die Begegnung mit anderen, die letztendlich erst Wachstum und Reifung ermöglicht. Jedes echte und einfühlende Gespräch bezeichnet Carl Rogers als encounter, als Begegnung zwischen zwei Personen. Begegnung ist für Rogers die ultimative personale Form der Beziehung. Eine Begegnung ist mehr als eine soziale Beziehung, die man herstellt, sie ist mehr als bloße Interaktion, und sie ist die dem personalen Sein adäquate Beziehung, die sich nur durch Sprache, durch das Wort vollziehen kann.

Rogers befindet sich in enger Verwandschaft zu Martin Buber, indem er Begegnung als die Verbindung der Gesprächspartner als Miteinandersein sieht.

"Ein wirkliches Gespräch, /.../, eine wirkliche Lehrstunde, /.../ - das Wesentliche davon vollzieht sich nicht in dem einen und dem anderen Teilnehmer, noch in einer beide und alle anderen Dinge umfassenden neutralen Welt, sondern im genauesten Sinn zwischen beiden, gleichsam in einer nur ihnen beiden zugänglichen Dimension." (Buber 1961 167-168)

Die bedeutendste Erscheinungsform zwischenmenschlicher Begegnung bildet dabei sowohl für Buber als auch für Rogers der Dialog. Nur diese personale Begegnung fördert das Persönlichkeitswachstum und bestätigt den Menschen in seinem Wert als Person. Wahrhaftige Begegnungen können zu Gefühlen der Präsenz oder Gegenwärtigkeit führen, die Rogers zu den einzigartigsten Erlebnissen seines Lebens zählte. Diesen Momenten der tiefsten Berührung zweier oder mehrere Menschen schrieb er einen spirituellen und mystischen Charakter zu.

"Wenn ich als Gruppenhelfer oder als Therapeut /.../ meinem inneren, intuitiven Selbst ganz nah bin, /.../ dann ist einfach meine Gegenwart befreiend und hilfreich. In solchen Augenblicken scheint es, daß mein innerer Sinn sich hinausgestreckt und den inneren Sinn des anderen berührt hätte. Unsere Beziehung transzendiert sich selbst und ist Teil von etwas Größerem geworden. Tiefes Wachstum und Heilung und Energie sind gegenwärtig." (Rogers 1991 242)

Das Phänomen der Begegnung kann weder absichtlich herbeigeführt werden, noch ist es empirisch untersuchbar, sondern Begegnung meint eine Qualität der Beziehung, die durch ein Gespräch entsteht. In Momenten, in denen die mystisch-spirituelle Qualität einer Begegnung erfahrbar wird, und die sicherlich nicht Alltagsgeschehen sind, kommen die beteiligten Personen unmittelbar in Kontakt mit sich selbst und ihrem selbstschöpferischen Kern. Ein gegenseitiger Wachstumsprozeß in einer Begegnung geschieht in dem Maße und in der Tiefe, wie sich die Gesprächspartner auf sich selbst und den anderen einlassen.

Personzentriertes Arbeiten hatte, ganz im Widerspruch zum eigenen ganzheitlichen Menschenbild, allzu lang den Körper vernachlässigt (Vgl. Schmid 1994). Nach dem Personbegriff des personzentrierten Ansatzes ist aber der Körper unabdingbar für das personzentrierte Verständnis von Person, und so auch für das Verständnis von Begegnung. Begegnung kann sich nicht ohne Sprache, d. h. ohne nonverbale und verbale Kommunikation vollziehen und somit ist Begegnung auf den Körper ebenso wie auf das Wort angewiesen.

 

Dimensionen

 

 

Gegenwärtigkeit

Zum wichtigsten Moment einer personzentrierten Begegnung gehört es, den anderen im Hier und Jetzt entgegenzutreten und nicht in der Vergangenheit zu leben oder sich der Zukunft entgegenzusehnen.

"Nur für den, der offen in der Gegenwart lebt, wird die Gegenwart des anderen erfahrbar, und es kann zur Begegnung kommen /.../." (Schmid 1992 15)

In und durch die Betonung der Gegenwärtigkeit der therapeutischen Situation ist das existentiell Bedeutsame wirklich auch zur Geltung gebracht. Die Echtheit und Wahrhaftigkeit des Augenblicks erhält sowohl von der Problematik her als auch als Partnerschaft und Begegnung den ihr gebührenden und nur so den der Würde des Menschen entsprechenden Platz. Gegenwart erhält zentrale Bedeutung für Rogers und wird zum Komplement der theoretischen Konzeptionen von Selbst und Organismus.

"Der einzig wichtige Aspekt ist die innere Erkenntnis des totalen, einheitlichen, unmittelbaren, augenblicklichen Zustandes des Organismus, der ich bin." (Rogers 1983 202)

Andersartigkeit

Jede Gemeinsamkeit in der gegenseitigen Vergegenwärtigung in der personzentrierten Konzeption von Begegnung ist aber auch von immerwährendem Abstand gekennzeichnet. Die andere Person bleibt als das Gegenüber immer auch ein Anderes und ein Anderer und bietet damit Widerstand.

"In der Begegnung begegnen sich Gegner, die von ihrer Unterschiedlichkeit leben, damit nicht Pseudo-Freunde enttäuscht zu vernichtenden Feinden werden. Die Aussage "Ich verstehe Dich" ist affektlogisch unmöglich, erniedrigt "Dich" zum Objekt. Statt dessen: eine Beziehung wird dadurch zur Begegnung, daß beide sich selbst aneinander besser verstehen." (Dörner & Plog 1994 10)

Es sind immer mindestens zwei Menschen nötig, um die Tiefe einer Person voll auszuschöpfen. Begegnung ist ein einander Gegenübertreten zweier Personen. Eine Begegnung wendet sich gegen vorschnelles und billiges Klassifizieren einer Person und versucht statt dessen, auch die Andersartigkeit des Anderen staunend zu erfahren.

Erlebnisfähigkeit

Die im personzentrierten Ansatz nach Carl R. Rogers beschrieben Grundhaltungen der Wahrhaftigkeit (Authentizität, Kongruenz), der bedingungslosen Wertschätzung und des einfühlenden Verstehens (Empathie) fördern die oben genannten Dimensionen einer echten Begegnung zwischen Menschen. Rogers war der Überzeugung, daß diese Haltungen, die in jedem Menschen als Potential vorhanden sind, gefördert und zur Entfaltung gebracht werden können.

Der Andere, der immer auch das furchteinflößende, weil eben unbekannte Andere repräsentiert, wird in einer echten Begegnung nicht länger als die eigene Existenz bedrohend erlebt, sondern das Erleben einer Andersartigkeit der begegnenden Person wird als bereichernd erfahren, denn nur im unmittelbaren offenen und gegenwärtigen Erleben ist es möglich, den Reichtum der Einzigartigkeit des Anderen zu erfahren.

 

Zwischenresümee mit empirischen Belegen

 

Trotz der Einführung und der Wirksamkeit von Emoticons aufgrund ihres Mitteilungscharakters fehlen nonverbale Anteile in der CMC sehr. Daher können sich zwischenmenschliche Beziehungen in der CMC nicht klar genug definieren. CMC als eine Möglichkeit der Übermittlung und Diskussion rein kognitiver Inhalte bietet demgegenüber aber sogar erhebliche Vorteile gegenüber traditionellen Formen des Meinungsaustausches. Das Internet ist im Zusammenhang mit der sprachlichen Interaktion zu einem neuen Raum für den Menschen geworden. Zwischenmenschliche Begegnungen sind in der CMC zwar möglich, doch ist der physische Kontakt nicht ersetzbar. Die Möglichkeiten zwischenmenschlicher Begegnung werden erweitert, aber es kann bis dato keine der üblichen Form der Begegnung durch die CMC ersetzt werden. Bedingt durch den technischen status quo der CMC wird vorwiegend mittels ASCII-Texten kommuniziert, wodurch analoge Anteile der Kommunikation nicht adäquat übermittelt werden. Diese Einschränkung wird von Usern großteils einfach als gegeben genommen, wie Analiese bemerkt:

"Was man von einem Bildschirm erwartet, ist nicht das, was man von Gehör, Körpersprache und -kontakt erwartet. Ich akzeptiere diese Einschränkung. Genauso wie das Nichtsehen beim Telefon kann diese Einschränkung auch ein Schutz sein."

In der CMC können unter bestimmten Bedingungen nonverbale Elemente transportiert werden und sind direkte nonverbale Zusammenhänge herstellbar, wie Analiese erzählt:

"Normalerweise beschreibe ich alles mit so vielen Wörtern, die Sachen sind meinem Publikum wie ein Bild. Und auch muß ich sagen, ich habe selbst einige Mails bekommen, die mich zum Weinen gebracht haben. Es hängt von dem Inhalt ab, auch von dem Schreiber."

In der CMC steht die verbale und eindeutige Übermittlung von Informationen im Vordergrund, und sämtliche auf Beziehungsaspekte ausgerichtete Anteile der Kommunikation bleiben im Hintergrund. Walter sieht darin aber keinen Nachteil, während Hermann dies im Zusammenhang mit vergleichbaren Kommunikationsformen differenzierter sieht:

"Ist aber nicht störend, wenn man auf sachliche Info aus ist, da dort jene Anteile sowieso gefiltert werden würden und unnötig sind."

"Ist ein Nachteil und ein Vorteil. Ist viel besser, als in Brief und Fax, weil nicht förmlich und durch Smilies teilweise ausdrückbar. D. h. man kann Dinge brutal sagen und relativieren oder formal-harmlos sagen und großen Ärger ausdrücken."

Diese Eigenschaft der Internet-Kommunikation kann gegenüber üblichen Kommunikationsformen auch entscheidende Vorteile bieten, meint Walter:

"Man kann Teile besser überdenken, als wie in einem Real-time Gespräch. D. h. Meldungen können überdachter sein, als wie bei Gesprächen, wo die Teilnehmer mitunter in Zugzwangssituationen kommen, wo dann als folge oft nur 0815-Phrasen rauskommen, weil der Denkprozess nicht mehr zeitlich mitkommt. Das ist dann nicht mehr konstruktiv."

Besonders die Problematik der Uneindeutigkeit analoger Informationen kann in der CMC reduziert werden, da die die Beziehung betreffenden Informationen ohnehin nur symbolisch in der Form von geschriebener Sprache weitergegeben werden können. Auf die Frage, wie sie zum Defizit der nichtverbalen Anteile in der Internet-Kommunikation stehen, und ob ihnen dies bemerkbar geworden sei, meinen Johannes und Marc:

"Vermisse ich, ja, auch die Visuellen! Vielleicht werde ich mal im nächsten Jahrtausend, wenn audiovisuelle Kommunikation im Internet zum Standard geworden ist, mich wieder lieber im Netz aufhalten als jetzt. Dann hört endlich mal dieses Gefake auf...;)"

"There is clearly a demand for people for non-verbal parts of the internet, like the WWW. That‘s part of the internet "Hype". Get your stuff, get it here. People get bored with this after some time. In the ‚verbal parts‘ of the net we have friends to fall back on, which we can rely on. That‘s what counts."

Walter meint, daß intuitive Aspekte der Kommunikation prinzipiell auch über die CMC erfahrbar sind, er hält jedoch fest:

"Der intuitive Teil der Kommunikation geht aber in weiten Bereichen verloren."

Die Konsequenz daraus ist die vermehrte Beachtung des geschriebenen Textes, wie ein anonymer Internet-User und Uwe meinen:

"Ich höre zwar nicht die Stimme des Senders, aber die Auswahl der Worte macht auch die Musik. Das ist wie im Brief, vielleicht etwas weniger formell. /.../ Der Wahl der Worte kommt aus diesen Gründen eine gewichtige Bedeutung zu. Oft erlebt man den ungeschickten Auftritt eines Neulings, der gleich Packungen von allen Seiten bekommt und sich eingeschnappt trollt, weil er es eigentlich "gar nicht so gemeint" hat."

"Man kann auch zwischen den Zeilen lesen bzw. schreiben, als Analogie zum Ton in der Musik. Teilweise die Kommunikation damit verfeinern. Erfordert aber einiges, ist nicht immer der Fall; Erscheint mir auch nicht immer sinnvoll, vor allem des höheren Codierungs- und Decodierungsaufwandes wegen."

Analiese leitet daraus eine Verhaltensnorm für die Internet-Kommunikation ab:

"Meiner Meinung nach ist es die Pflicht des Schreibers, seinem Publikum die Nachricht richtig zu geben. Wenn der Leser den Inhalt nicht gut versteht oder nicht mag, ist es die Schuld der Menschen und nicht des Internets."

E-Mail kann ebenso ein Medium der Kommunikation sein, wie Stefan und Marc antworten:

"Warum nicht - früher tat man das mit Briefen - e-Mail ist das gleiche?"

"Internet is a medium, not the sollution. It can lay the foundations, but real life meetings and telephonecalls add a lot more to it. Technology still feels "cold" in comparison with personal contact."

Es scheint essentiell, Telekommunikation und CMC sowohl als ein lokales Phänomen als auch als globales Netzwerk zu sehen. Ebenso ist es wichtig, CMC als einen Prozeß zu sehen, in dem verschiedenste menschliche Typen und Personen involviert sind. Wenn auch CMC gegenwärtig noch maskulin geprägt zu scheinen mag, so muß doch auf einer Vielfalt von Usern und einer Vielfalt von Charakteren, die in der CMC zu finden sind, beharrt werden. Technologie wird oft als eine Quelle der zwischenmenschlicher Distanzierung gesehen. In dem sie es erlaubten, auch aus großer Entfernung zu interagieren, waren zuerst der Telegraph, dann das Telephon und jetzt der Computer die Technologien, die es ermöglichten, die Begrenzungen der physischen Präsenz zu überschreiten. Konversationen können heutzutage über große Distanzen und ohne physische Präsenz geführt werden. Nichtsdestotrotz sind lokale und physische Dimensionen immer präsent. Es scheint etwas zu unbedacht zu sein, die Tendenz anzunehmen, das Hier und Jetzt mit der Distanz zu kontrastieren. Die Technologie der CMC mediiert Gegenwärtigkeit und Präsenz. Sowie Sprache, die es erlaubt, vor dem geistigen Auge abstrakte und unsichtbare Konzeptionen zu entwickeln, so macht es diese Technologie möglich, das Riskante und das Fremde präsent und berührbar zu machen.

Ist man nicht völlig der Internetwerbung verfallen und weiß man ein paar Fakten zu verarbeiten, dann kennt man die Struktur der Knoten, Router und Backbones als räumliche. Die Universitäten sind zwar geprägt von Internationalität und transportablen Medien, aber sie bleiben doch am Ort. Die Einwahlknoten der kommerziellen Anbieter sind ebenfalls erkennbar unterschiedlich in ihrer Leistung, der Absender einer Mail ist als solcher sichtbar, und die Zeitverschiebung zwischen geographischen Orten ist auch erfahrbar. Walter hat in diesem Zusammenhang eine interessante Analogie gefunden:

"Internet ist genauso wie TV, wo Bilder auch aus aller Welt daherkommen. Raumlos ist es streng natürlich nicht, denn irgendwo muß ja die Quelle sitzen. Ein Buch oder anderer schriftlicher Text (auch im Internet) war und ist in diesem Sinne auch zeitlos (man kann ein Buch auch nach 100 Jahren lesen) eine e-Mail ist in dem Sinn auch raumlos."

Birgit bemerkt dazu:

"Der Cyberspace, die virtuelle Welt, die sich dahinter befindet, ist für mich schon ein gewisser Raum. Auch wenn damit das gesamte globale Netz verstanden wird."

Dieser Zusammenhang erklärt auch, inwiefern Internet-User online Gefühle des Bewegens in einem Raum haben. Nicht umsonst spricht man von E-Mail-"Adressen", und die eigene Mailbox wird als der Ort gesehen, wo persönliche Post zu finden ist. Mit der E-Mail-Adresse wird rein technisch der Code einer Ablage auf einem ISP-Computer definiert, doch generell fühlt sich der Internet-User mittels E-Mail-Adresse und "Home-Page" im Internet als Raum lokalisiert. Der Raum als universale Dimension expressiven und sozialen menschlichen Verhaltens geht auch in der Kommunikation über die CMC nicht verloren, sondern wird entsprechend den neuen Gegebenheiten modifiziert. CMC hat den individuellen Raum, den User bis dahin beansprucht haben, erweitert, und damit haben sich auch die Grenzen der jeweiligen inneren Welt verschoben, wie die Diskussionsbeiträge von Andreas und Walter zeigen:

"Raum spielt keine Rolle mehr, man erlebt den Kommunikationspartner in seiner eigenen Art, nicht als Mitglied eines Volkes/Raumes."

"Statt raumlos oder zeitlos wäre besser zu sagen, das es ab der Erzeugung unabhängig von Zeit und Raum ist. Das trifft es besser, da in einem raumlosen Bereich alles an einem gleichen Punkt passiert, also keinerlei räumliche Ausdehnungen vorhanden sind, was für unsere Erfassung der Welt natürlich nicht zutrifft."

Die Charakteristik zwischenmenschlicher Beziehungen über CMC hat Uwe für sich folgendermaßen auf den Punkt gebracht:

"Dazu ist eine Vertrautheit mit dem Gesprächspartner notwendig. Diese ergibt sich im Internet nicht anders als im realen Leben auch, über häufigen Kontakt und die allmähliche Entwicklung gegenseitiger Zuneigung."

CMC bietet neue und für viele User anziehend wirkende Kommunikationsmuster. So bewirken besonders bei Online-Partner-Agenturen gerade diese unbekannten oder ungewohnten Muster eine besondere Anziehung. Jean-Francois Perreault, Betreiber der Online-Partner-Vermittlung "Branchez-vous!", hat die Erfahrung gemacht, daß die meisten der Paare über kurz oder lang den Wunsch haben, sich auch physisch zu begegnen.

"My guess is that in a "true" romance on the internet, the couple eventually will want to meet each other face-to-face. They may HAVE to meet each other for the relationship to fully develop and to be fully satisfying. For these people, the internet simply was a way to meet each other. /.../ A great deal of intimacy is possible simply by communicating with someone through typed text. Some people believe that they are more directly encountering the mind, heart, and even soul of the other person when they are not being distracted or mislead by the physical appearance of the person, as in "real life." Of course, there is also much to be learned about someone by being with them physically. Physical presence is an important dimension of communication and intimacy. This is why most people who fall in love on the internet eventually feel that they MUST meet the person. Physical contact is a basic human need, a basic element of human intimacy. /.../ There are some people who may NOT want to meet the lover face-to-face. My guess is that these people prefer living with the fantasy that they have created (consciously or unconsciously) about the cyber-lover. The couple may be collaborating in the creation of a mutually satisfying fantasy that portrays themselves in ways very different from how they truly are in reality." (Suler 1996h)

Im Zusammenhang mit der personzentrierten Konzeption von Begegnung wird das Fehlen des direkten physisch-räumlichen Kontakts besonders erfahrbar. Diese Absenz der Räumlichkeit und Körperlichkeit kann aber auch positive Auswirkungen haben, schreibt Johannes:

"Es kam schon Mal vor, daß ich über Netz mit jemandem über intimere Sachen geredet habe als wie wenn ich ihn so getroffen hätte. Es tut aber einem selbst ganz gut, das auch mal in einem wirklichen Gespräch zu bringen... Das habe ich aus der Sache gelernt, sich nicht immer hinter dem anonymen Medium Netz zu verstecken, wenn ich was auf dem Herzen hab!"

Da Kommunikation über CMC meist asynchron verläuft, fehlt oft das Moment des Hier und Jetzt, das aus personzentrierter Sicht für das Erleben einer Begegnung so entscheidend ist, wie Stefan veranschaulicht. IRC ist aufgrund seiner Synchronizität die einzige Möglichkeit, Gegenwärtigkeit zu erleben.

"Richtig intensiv zwischenmenschlich nur im Chat - aber da ist man nie sicher wie ernst es ist - aber egal, es ist, wie man es sehen will."

Die Erfahrung, daß der andere trotz der Einschränkungen der CMC in zwischenmenschlichen Begegnungen immer auch das Andere bleibt, hat Frank gemacht.

"Man lernt nur einen kleinen Ausschnitt eines Menschen kennen, ein Bild, wie dieser Mensch IRL (=in real life) ist, kann man sich bestenfalls teilweise machen. Umgekehrt kann man sich auf die Begegnung konzentrieren, es spielt keine Rolle, ob man das Gegenüber attraktiv findet oder einem die Nase nicht gefällt. Es hat also durchaus Vor- und Nachteile."

Zwischenmenschliche Begegnungen über CMC sind im besten Fall eine Täuschung, denn es Fehlen zu viele Elemente eines umfassenden zwischenmenschlichen Kontaktes, meint Werner:

"Du lernst hier Leute kennen, die IRL nicht so sind wie sich geben. Du kannst Dir nur ein Bild machen, daß nicht dem gleichkommt, das Du hättest, würdest Du die Personen kennenlernen. Insofern ist es einfach nicht auf IRL übertragbar. Du versuchst Äpfel mit Birnen zu vergleichen."

Dennoch können, wie die Erlebnisse eines anonymen Users zeigen, via CMC die Fundamente für zwischenmenschliche Beziehungen gelegt werden, und es sind Begegnungen zwischen Menschen möglich.

"Meine derzeitige Freundin habe ich zunächst über Internet, dann über Telefon und Brief, und dann erst persönlich kennengelernt. Andere Fälle sind mir bekannt - und zwar nicht aus irgendwelchen Chatrooms für Singles, sondern von Diskussionsgruppen von Leuten, die gemeinsame Interessen oder Arbeit haben."

Michaels Antwort auf die Frage, ob für ihn zwischenmenschliche Begegnung mittels CMC möglich sei, zeigt, wie sehr CMC eine Erweiterung, aber keinesfalls ein Ersatz bisheriger Formen sozialer Interaktion ist.

"Einige Emailbekanntschaften habe ich schon getroffen. Wegen der Entfernung ist das leider nicht immer möglich."

CMC kann andere Formen sozialer Interaktion keinesfalls ersetzen, sondern bestenfalls bereichern, indem es das Spektrum der Möglichkeiten erweitert. Es schafft keine grundlegend neuen Formen sozialer Interaktion, sondern modifiziert Bestehendes. So sollte der Journalist Greenwald zehn Tage lang mitmenschlichen Kontakt ausschließlich via CMC haben, und er machte die Erfahrung, daß die totale Reduktion auf CMC nicht befriedigend war (Greenwald 1998, Vgl. Hiess & Kusch 1998)

 

Philosophisch-anthropologische Fokussierung

 

Einander begegnen

 

Kommunikation wird nach Jaspers (Jaspers 101960) als ein Vorgang gesehen, in der das Ich als Selbst dadurch wirklich wird, daß es sich im anderen offenbart. Er sieht dieses Sichoffenbaren mehr als Anstrengung und fast unerfüllbare, immer wieder dem Scheitern ausgesetzte Aufgabe, die sich nicht im kontemplativen Anschauen der Welt ereignet, welches Kommunikation überhaupt unmöglich macht, sondern immer wieder in Frage stellt und dennoch für die sich in der Kommunikation Berührenden von forderndem Anspruch ist. Nach Heidegger (Heidegger 1960, Vgl. Wucherer 1985) kann sich Kommunikation auch im Schweigen und Nicht-Sagen erfüllen. Das Schweigen ist die grundlegende Möglichkeit des miteinander Sprechens und damit auch von Kommunikation. In der Existenzphilosophie Sartres (Vgl. Sartre 1943), die entgegen den beiden Erstgenannten Ansätzen nicht eine begrifflich fundierte Sichtweise darstellt, sondern von eigens vorgelebter Kommunikation ausgeht, ist das Angewiesensein auf den Umgang mit anderen das Ur-Unglück für das Selbstsein.

Aus der Perspektive des personzentrierten Ansatzes wird Begegnung als eine Qualität der Beziehung zwischen zwei Menschen, die durch ein Gespräch entsteht, beschrieben, und es wird der Begegnung eine mystisch-spirituelle Qualität zugeschrieben, in der die beteiligten Personen unmittelbar mit sich selbst und ihrem selbstschöpferischen Kern in Kontakt kommen. Je mehr sich die einander begegnenden Personen auf sich selbst und den anderen einlassen können, desto tiefer und intensiver ist der sich daraus entwickelnde Wachstumsprozeß aller Beteiligten. Eine Begegnung ist von den Momenten der Gegenwärtigkeit, d. h. des Hier und Jetzt, der Andersartigkeit, d. h. der immer erfahrbaren Verschiedenheit des anderen und der Erlebnisfähigkeit, d. h. einer inneren Einstellung der Authentizität, der gegenseitigen Wertschätzung und des einfühlenden Verstehens, gekennzeichnet.

CMC ermöglicht ebenso wie andere Möglichkeiten des In-Kontakt-Kommens mit dem anderen die Erfahrung von Begegnungen. Es wird jedoch das Fehlen jeder physisch-räumlichen Dimension in der Begegnung mit dem anderen als Einschränkung erlebt. CMC ersetzt keinesfalls andere Begegnungsmöglichkeiten, aber sie bringt eine Erweiterung des Spektrums der Möglichkeiten zur Begegnung mit anderen. Das Bedürfnis nach der physisch-räumlichen Dimension führt in den meisten Fällen zu anderen Formen der Begegnung jenseits der CMC. Solange keine adäquate Möglichkeit der Befriedigung des Bedürfnisses nach physisch-räumlichen Ebenen der Begegnung mit dem anderen auch in der CMC gegeben ist, wird CMC immer nur einer Erweiterung, aber keine vollwertige, im Sinne eines personzentrierten umfassenden Erfahrungsspektrums notwendige, Möglichkeit zur Begegnung bleiben. Aus personzentrierter Perspektive wird deutlich, wie sehr CMC dem Menschen vor Augen führt, daß er auf physische Kontakte angewiesen ist. Dennoch bleibt zu bezweifeln, daß die sich sicherlich ergebene Leistungssteigerung der Simulation in naher Zukunft nicht auch physische Präsenz einschließen wird können.

 

Raum-zeitlich leben

Die Form der CMC verändert das, was Information und Kommunikation genannt wird. Die neue Kommunikationsmedien übertragen immer schneller immer mehr Informationen. Deshalb werden Kategorien wie Tempo und Beschleunigung zu Definitionsmerkmalen von Kommunikation. Was nicht mithalten kann, etwa die lebensweltliche Kommunikation, wird dann vielleicht zu einem lästigen, weil trägen Hintergrundgeräusch. Vor allem die Digitalisierung bestimmt diese Transformation: alle Informationen – wie die Bild-, Ton- Schrift- oder Mathematik-Information – können auf einen digitalen Code reduziert und somit kompatibel zum PC gemacht werden. Dieser wird damit zur Universalmaschine, vielleicht sogar zu einer "universalen Wunschmaschine" (Liessmann 1995, Vgl. Turkle 1984). Alle Tätigkeiten, die mit diesen Funktionen zusammenhängen, können nun von einem einzigen Ort aus mühelos durchgeführt werden. Das gesamte Repertoire der Sinne wird mehr oder minder auf einen einzigen Punkt der Kommunikation zusammengezogen, und in einem überwiegend optisch-akustischen Verhältnis tritt der Mensch zu einer Welt in Verbindung, die den Filter der Digitalisierung passiert hat.

Möglicherweise in einer Überschätzung der Geschwindigkeit, mit der sich CMC zu vollziehen geglaubt wird, könnte die Reduktion der Erfahrungen des Nachdenkens und des Aufarbeitens von Vernommenem vermutet werden, doch wird, so zeigen sozio-kommunikationstheoretische Darstellungen, gerade durch CMC dies erleichtert bzw. gefördert. Es zeigt sich, daß gerade aufgrund der Geschwindigkeit, mit der es möglich ist, in der CMC zu kommunizieren, Erfahrungen der Zeit gemacht werden. Es mag vielleicht der Transfer der Information in Bezug auf die Überbrückung von Distanz in Relation zur dazu benötigten Zeit vor allem im Vergleich mit traditioneller brieflicher Korrespondenz enorm sein, doch ist es nach allen bisherigen Untersuchungsergebnissen keinesfalls so, daß CMC den mündlichen Austausch eines direkten Gesprächs in einem Face-to-Face-setting in der Präsenz und Geschwindigkeit überflügeln könnte. Möglicherweise ist die Sichtweise einer den Menschen einschränkenden und zu immer mehr Tempo antreibenden Dimension der CMC nur ein Mythos ebenso wie die Angst vor einer "Beschlagnahme der Zeit" (Lyotard 1993). Auch die personzentrierte Sicht von zwischenmenschlicher Begegnung betont die Notwendigkeit des Erlebens der Dimension der Gegenwärtigkeit, die in Begegnungen mittels CMC zwar erfahrbar ist, aber dennoch die Intensität des Gegenwärigkeits-Erlebens eines Face-to-Face-Settings nicht erreicht.

CMC hebt gewissermaßen die Geographie auf, denn es kann mit Menschen kommuniziert werden, egal, ob ihre "Nase gefällt", ob man sie "riechen kann", oder ob ihre Stimme "sympathisch ist". Das wird eine neue Art von Beziehung bedeuten, aber möglicher Weise auch neue Formen der Vereinsamung. Einsamkeit, während man mit tausenden Menschen gleichzeitig kommuniziert, bedeutet auch Ratlosigkeit und Ohnmacht, nicht zu "fühlen", welche Nachricht von vielen oder welche Information in der gebotenen Masse wichtig ist.

Begriffe wie "Welt" oder "Raum" werden in der Beschreibung von zwischenmenschlichen Begegnungen durch CMC zu Metaphern. Die systemische Sichtweise sieht Raum als Ausdruck einer essentiellen Seinsweise, in der jede Handlung sowohl eine Veränderung des Raumes, den der Körper innerhalb des ihn umgebenden Raumes beansprucht, als auch ein zunehmende Öffnung der inneren Welt des Individuums bewirkt, die letztendlich zur Entstehung der individuellen Identität in einer zunehmenden Differenzierung und Bestimmung des inneren und äußeren Raumes notwendig ist. Im systemischen Ansatz ist Raum eine universale Dimension des expressiven und sozialen Verhaltens, indem es das individuelle Territorium definiert, in dem das Individuum sich selbst finden und zugleich seine Beziehungen zu anderen Menschen leben kann.

Gemeinsame Interessen und kommunikative Stile sind im Internet die bislang fast einzigen Hilfsmittel zur Navigation dieses Raumes im Sinne des hellenistischen "tópos" (Gemoll91965), der neben Raum und Platz auch Thema bedeuten kann (Vgl. Kirshenblatt-Gimblett 1992). Virtuelle Plätze werden aber nicht nur durch das Thema bestimmt, sondern auch durch die Haltungen bezüglich der Kontrolle des Themas, die dann erst dem Platz seinen individuellen sozialen Charakter verleihen. Der Begriff tópos - Platz, Raum oder Thema, um das es geht, zeigt, wie weit die Dimensionen des menschlichen Raumes zu nehmen sind. CMC bringt in diesem Zusammenhang eben keine Aufhebung jeglicher spatio-temporaler Dimension, sie führt keinesfalls zur Raum- und Zeitlosigkeit, sondern führt möglicherweise mehr zu einer Unabhängigkeit von Raum und Zeit, aber auf der Basis einer zugleich immerbleibenden Verbundenheit mit ebendiesen selbst. CMC macht vielleicht den hellenistischen tópos in seiner ganzen Breite erfahrbar.

Die Tatsache, daß das Internet als Raum erlebt wird, birgt aber auch das Risiko in sich, daß traditionelle Räume durch die Versprechung der Erfüllung der Wünsche und Bedürfnisse der User nach Transzendenz der eigenen Beschränktheit durch ein Scheinbild, in dem das Virtuelle als das Realere als das Reale gesehen wird, ersetzt oder auch nur geschwächt werden (Vgl. Baudrillard 1983). Das Internet kann als befreiende Manifestation der Wünsche gesehen werden, eigene Bedürfnisse in Bewegung zu versetzen. Diese Eigenschaft kann auf die dezentralisierte Organisation des Internets, in dem es keinen zentralen Kontrollmodus gibt, und damit Konzeptionen von Kontrolle ausgeschaltet werden, zurückgeführt werden (Vgl. Deleuze & Guattari 1996).

Psychosoziale Störungen suchen sich gern zeitgemäße Gewänder. Es kann in Zukunft durchaus sein, daß einer größeren Anzahl von Menschen "Internet Addiction Syndrome" (o. A. 1998) diagnostiziert werden kann. Sie werden ihre Bedürfnisse auf das Suchtobjekt "Internet" einschränken und dabei den point of no return überschreiten. Die Symptome werden Vereinsamung, Vernachlässigung der persönlichen Beziehungen, des Berufes, der Gesundheit und der Existenzsicherung sein. Die sogenannte "HomeNet"-Studie (Caruso 1998, Vgl. Harmon 1998) hat ergeben, daß Menschen, die mehrere Stunden in der Woche online sind, eine erhöhte Anfälligkeit für Depressionen bzw. Einsamkeitsgefühle aufweisen. Die Forscher stellten in ihren zwei Jahre dauernden Untersuchungen fest, daß der Gebrauch des Internet das psychische Gleichgewicht verschlechtere. Es liegt in der Natur des Menschen, daß grundlegende Veränderungen gesellschaftlicher Lebenswelten nicht ohne Auswirkungen auf das Individuum bleiben. Verändert sich die Atemluft, verändern sich die menschlichen Lungen. Auf den psychokulturellen Wandel, den das Internet mit sich bringt, wird somit der Mensch ebenfalls reagieren.

 

Im Dialog stehen

 

Mit Kommunikation wird oftmals der Begriff des Dialogs in Verbindung gebracht, der ein Gespräch zur Darstellung von Problemen mittels der Dialektik und als solcher als eine literarische Kunstform der antiken Philosophie, "diálogos" (Gemoll 91965), erstmals angebahnt von den Sophisten und vor allem von Sokrates und dann von Platon zur Vollendung gebracht wurde, meint. Durch Rede und Gegenrede wird die Darstellung philosophischer Probleme anschaulich gemacht und belebt, und im ganzen Altertum wurde der Dialog bei philosophischen Erörterungen bevorzugt. Die moderne Philosophie hat den Begriff des dialogischen Denkens hervorgebracht und das unmittelbare Verstehen und Einswerden in der gedanklichen Kommunikation auf eine Weise näher bestimmt, die trotz subjektiver Differenzen in der Begegnung auf die Möglichkeit eines höchsten Zueinanderfindens im Denken hindeutet.

Nonverbale Komponenten der Kommunikation sind analoge Elemente, und sie können in verschiedenen Kontexten unterschiedlich verstanden werden. Nonverbale Modalitäten der Kommunikation liefern Informationen über das Verhältnis der Kommunikanten untereinander und über den Kontext der Kommunikation. Auch in der CMC sind nonverbale Elemente trotz der Einschränkungen gegeben, und es bestehen vielfältige Möglichkeiten, sich nonverbal ausdrücken. In der CMC bleiben die auf Beziehungsaspekte ausgerichteten Anteile der Kommunikation im Hintergrund, und CMC bringt zwar eine Reduktion auf kognitive Inhalte, doch wird dies nicht nur auf inhaltlicher, sondern auch auf emotionaler Ebene nicht notwendig als Einschränkung erlebt, sondern aufgrund der größeren Klarheit durch die Textorientiertheit sogar als Vorteil gesehen. Eventuell wird es durch die CMC möglich, die ursprüngliche hellenistische Verstehensweise des Dialogs als kognitiv orientierte Auseinandersetzung der Gesprächspartner über ein Thema neu zu beleben.

 

Online leben

 

Schon die Interaktion mit dem Computer an sich hat zu einer Veränderung geführt, denn Computer ersetzen am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts Autos und Motorräder als eine der wichtigsten Metaphern für menschliche Erfahrung, wie der Gebrauch animistischer Redeweisen im Umgang mit Computern zeigt. Genauso, wie Autofahrer ihre Fahrzeuge behandelten, behandeln Computerbenützer ihre Computer als lebende Verlängerung des eigenen Körpers. Elektronische Kommunikation und die Kultur der CMC haben eine soziale Gruppe entwickelt, die besonders an besseren Möglichkeiten des Interfacings oder an besseren Möglichkeiten der Simulation des alltäglichen Lebens durch graphische und sensuelle Interfaces interessiert ist. Solche derartigen virtuellen Realitäten sind im Grunde genommen aber zur Zeit noch nichts anderes als Visionen. Der gegenwärtige Standard des Internets und der darin gebundenen Technologie repräsentiert eine kritische Verbindung in der Entwicklung von virtueller Realität. Es ist mehr als ein bloßer Zustand der technologischen Entwicklung, denn es ist eine Verbindung der grundlegenden Sinne eines sozialen Arrangements und technologischer Fähigkeiten, die sich in die Lebenswelt hinausstreckt und aus dem Computer herausreicht, um die Konventionen und Routinen des alltäglichen Lebens zu verändern.

Beharrt man auf einer Unterscheidung zwischen Onlineleben und dem Leben außerhalb von Netzwerken, dann benötigt man dazu eine Unterscheidung zwischen sozialer Interaktion in Onlinegemeinschaften und von sozialer Interaktion mit physischer Präsenz. Es bestehen Unterschiede in der Nähe, im Kommunikationsmedium und in der Redundanz von Information. Die Unterscheidungen sind klar, aber aufgrund dieser Unterscheidungen eine dieser Aktivitäten als weniger sozial zu bezeichnen, scheint etwas übereilig und dürfte eine zu sehr stereotypisierende Schlußfolgerung darstellen. Beide Formen der Kommunikation sind Typen von sozialer Interaktion.

Das Internet schafft eine Krise der Grenzen zwischen unter anderem dem Realen und dem Virtuellen, zwischen Zeitzonen und zwischen geographischen Räumen. Darüber hinaus schafft es Grenzprobleme bzw. eine Krise der Grenze zwischen Körper und Technologie und zwischen dem traditionellen Sinn des Selbst und dem Sinn von wechselnden Rollen. Beharrt man auf der Unterscheidung zwischen Körper und Maschine kommt es zu einem Verlust des Körpers, in dem Sinne, als daß der Körper nur mehr als einfaches Fleisch gesehen wird.