Sozio-kommunikationstheoretische Darstellung

 

Internet

Wiewohl sich das Internet in Nordamerika aus dem militärischen Computernetzwerk "Arpanet" entwickelte, wurde das Internet in anderen Staaten oftmals nur zu dem Zweck installiert, Universitäten und regionale staatliche Institutionen zu verbinden. In Nordamerika waren die Universitäten die Zentren einer wachsenden studentenorientierten "Netzkultur", und die Entwicklung eines breitbandigen Telekommunikationsnetzwerkes wurde gerade dort am meisten vorangetrieben. Nichtsdestotrotz ist das Internet und seine Kommunikationsstandards und Protokolle heutzutage ein Medium, das Millionen von Usern in der ganzen Welt durch Terminals, Netzwerke und Personal Computer (PCs) verbindet, die über Telephonleitungen zu Hunderten von kommerziellen und institutionalen Computern des Netzwerkes verbunden sind.

Das Internet begann innerhalb einer Elite von Technikern und Wissenschaftlern, aber das dazu notwendige Hardware-Equipment ist heutzutage zu einem für viele erschwinglichen Preis erhältlich. Während ein großes Interesse an der Erstellung graphischer Versionen, wie z. B. von Homepages im World Wide Web besteht, so erfolgt doch der größte Teil der Kommunikation in einfachen kurzen Notizen und Nachrichten, die in geschriebener Form als E-Mails verschickt werden. Eine weitere Grundvoraussetzung sind ein Internet-Account, der es einem ermöglicht, sich einzuloggen und entweder ein Computerterminal in einem Großnetzwerk oder ein Telephon. Dies sind jedoch Voraussetzungen, die in der westlichen Welt ohnehin fast überall gegeben sind. Das innerhalb der Ortszone kostenlose Telephonieren in Nordamerika war der Schlüssel zu Akzeptanz des Internets als eines praktischen Services, einer Freizeitaktivität, oder eines Mediums zur sozialen Interaktion.

Das Internet ist noch immer eine Domäne der westlichen Welt. Das Potential eines erweiterten Cyberspaces, der die ganze Welt umgreift, ist größtenteils noch nicht realisiert. Im Grunde genommen fast unhinterfragt ist breitbandige Telekommunikation, die einen schnellen Transfer von Information, Videos, Text und Stimme ermöglicht, als "Informationssuperhighway" bezeichnet worden. Doch der globale leichte Informationszugang bedroht auch die kulturelle Identität und die regulative Souveränität unabhängiger Staaten. So sind im den NetNews noch immer die Debatten über US-amerikanische Politik vorherrschend und nichtamerikanische Standpunkte werden als abnormal angesehen. Das Internet wurde zur bevorzugten Möglichkeit der Präpublikation von Artikeln, der Preisgabe von Ansichten und dem Testen von neuen Ideen.

Zweifelsohne werden E-Mail-Konventionen und die Standards von Hypertextdokumenten auch auf das traditionelle Printmedium übergreifen. Neue Diskursnormen werden entwickelt, über das Internet vertreten und über die Welt verteilt werden und von dort her werden sie - bzw. tun sie es schon - Design, Layout und Strategien von Werbung, Literatur und wissenschaftlichem Arbeiten beeinflussen.

 

Cyberspace

Gibson umschrieb in seinem Roman Neuromancer "Cyberspace" als eine "konsensuelle Halluzination" (Gibson 1984). Benedikt, der eine der ersten akademischen Untersuchungen über den Cyberspace editierte, sieht diesen als eine andere "Lebenswelt", ein "paralleles Universum" (Benedikt 1991). Die ultimative soziale Wirkung des Cyberspace wird nicht von seinen exotischen Fähigkeiten herrühren, sondern von der Tatsache, daß Menschen ihn zu einem alltäglichen und sozialen Interaktionsraum machen.

In Gibsons Roman Neuromancer ist "Cyberspace" eine abstrakte Manifestation eines architektonischen Raumes einer multinationalen Wirtschaft. Cyberspace ist die Extrapolation des Status Quo in der technologischen Welt. Die Erfahrung eines globalen Nervensystems wie sie in Neuromancer geschildert wird, führte zu der Sichtweise des Cyberspace als einer körperlosen Welt, eines simulierten Ersatzes körperlicher Realität im Austausch mit Simulation. Gibsons Begriff des Cyberspace wurde in der folgenden Zeit enthusiastisch von den Designern der neuen Technologien angenommen.

Selten, aber doch, gibt es kritische Stimmen (Vgl. Guggenberger 1997), die die Entwicklung des Cyberspace und die Immersion des Menschen in diesen nicht nur gut heißen. Psychiater berichten von Sozialphobien und neuartigen Formen der Platzangst, einer Angst vor dem Draußen, der Welt jenseits des Raumes vor dem Computer. Der Cyberspace scheint Nebenwirkungen wie Verfolgungswahn oder Verschwörungsparanoia auslösen zu können.

Durch den dezentralisierten Charakter und der zunehmenden Expansion des Internets ist es schwierig bzw. unmöglich eine Karte der miteinander verbundenen Computer des Internets zu erstellen. Das Internet diente und dient als Model der fiktionalen und idealisierten Konzeptionen eines Cyberspace (Vgl. Bey 1991). Ein neues Netzwerk virtueller Plätze wird über die Welt der geographischen Orte gestülpt. Der Cyberspace, wie z. B. das Internet, bietet in den Augen der User temporäre autonome Zonen.

Cyberspace kann als eine Konzeption dafür verwendet werden, die imaginierte Welt innerhalb der Welt, die durch Computernetze entsteht oder die soziale Landschaft, die in NetNews-Gruppen und Postings ausgedrückt wird, zu beschreiben. In diesem Sinne kann das Internet als ein Cyberspace definiert werden. Die Konzeption der virtuellen Realität denotiert eine simulierte Welt, innerhalb derer User durch 180-Grad-Computerbildschirme in der Form von VR-Helmen, durch Datenhandschuhe, die mit dem Körper korrespondieren, oder auch durch simple animierte Präsentationen ein Gefühl des Hineintretens in eine dreidimensionale Welt haben.

"Virtuelle Realität", kurz VR, ist ein Begriff, der oftmalig unbedacht mit "Cyberspace" gleichgesetzt wird. Es scheint jedoch zielführender, VR als die technologischen Mittel des Zugangs zu einer parallelen, entkörperlichten und mehr und mehr visualisierten simulierten Welt zu sehen, die man Cyberspace nennt. Eine zunehmende Vielfalt virtueller Technologien bietet Zugänge zu dieser cyberspazialen Umgebung, in der der User auch das Gefühl der physischen Präsenz hat, obwohl die Objekte dieser Umgebung keine physische Form haben und aus elektronischen Datenbits bestehen.

Die Metapher "Cyberspace" hat in den letzten fünfzehn Jahren ebenfalls schon eine Entwicklung hinter sich. Wurden Ende der achtziger und zu Beginn der neunziger Jahre immer noch VR-Helme als die ausschlaggebende Revolution in der Cyberspace-Entwicklung angesehen, so verschob sich die Metapher des Cyberspace im Laufe der letzten Jahre von VR-Systemen zum weltweiten Datennetz.

Dennoch kann von einer virtuellen sozialen Welt, einer virtuellen Interaktion und in einem gewissen Sinne auch von einem virtuellen Selbst, sogar innerhalb des gegenwärtigen Kontextes von meist textbasierter elektronischer Mail und NetNews-Postings, gesprochen werden. In der westlichen Welt wird selbst ohne Hilfe der VR-Technologie das Internet als ein Cyberspace gesehen, als eine troposphärische Welt aus Computerleitungen, die unzählige Computer und Datenbanken miteinander verbindet. Das Internet steht in enger Verbindung mit Aktivitäten des alltäglichen Lebens. Oberflächliche Analysen des Internets sehen es als ein neues Medium oder als einen neuen öffentlichen Raum, der vom "realen" Leben getrennt sei.

 

Cyberpsychologie

Es besteht ein klar erkennbarer Unterschied zwischen der virtuellen Welt des Internet und der realen Welt. Die Digitalisierung von Menschen, Beziehungen und Gruppen erweiterte die Grenzen der Zeit und der Art und Weise menschlicher Interaktionen. Die Untersuchung dieser Effekte und die Formulierung von Konsequenzen hat sich die "Cyberpsychology" (Suler 1996a) zur Aufgabe gemacht. Es lassen sich nach Suler mehrere Elemente der Interaktion mittels Computer beschreiben, die die Erfahrung des Users mit diesem neuen sozialen Wirkungsfeld grundlegend beeinflussen:

Trotz gegenwärtiger und sicherlich zukunftsträchtiger Entwicklungen ist zwischenmenschliche Interaktion via CMC durch eine beschränkte sensorische Wahrnehmung gekennzeichnet. Es wird vorwiegend über das geschriebene Wort kommuniziert.

Die vorwiegend durch Text erfolgende Kommunikation bietet interessante Alternativen, seine Identität zu präsentieren bzw. seine Anonymität zu wahren.

In den meisten Fällen hat jeder im Internet das gleiche Recht und die Möglichkeiten, sich selbst zu Wort zu melden.

Geographische Distanzen machen in der Kommunikation via Internet keine tragenden Probleme. Die individuelle interaktive Zeit einer Korrespondenz ist auch nicht an lokale Zeiten gebunden.

Mit relativer Leichtigkeit kann ein Individuum unzählige Menschen kontaktieren und sich mit ihnen austauschen.

Die meisten Online-Aktivitäten inklusive E-Mail-Korrespondenz und IRC-Chats können aufgezeichnet und als Datei gespeichert werden. Anders als in der realen Welt kann im Cyberspace genauestens zurückverfolgt werden, wer was wann zu wem gesagt hat.

 

Computer-Mediated-Communication

 

Kiesler, Siegel und McGuire schreiben der "Computer-Mediated-Communication" (Kiesler & Siegel & McGuire 1984), in der Folge nur mehr "CMC", vier distinguierte Charakteristika im Vergleich zu konventionellen Formen der Interaktion zu:

und

Konventionelle Systeme zur Regulation von Interaktionen fallen in der CMC aus. Die Struktur der CMC verursacht bei Usern die Dekonstruktion jener konventionellen Grenzen, die ansonsten soziale Interaktionen definieren. Anonymität und reduzierte Selbstregulation sind Kennzeichen der CMC. User des Internets haben einen Zugang zu einem breiten Spektrum möglicher Kommunikationspartner und Wissensquellen. Internetuser kommunizieren innerhalb eines gewissen kulturellen Kontextes im Internet mit eigenen, miteinander geteilten kulturellen Traditionen und Symbolen, wie z. B. typographischen Symbolen, die im Internetjargon "Smilies" genannt werden.

December definiert CMC folgendermaßen:

"Internet based, computer mediated communication involves information exchange that takes place under global, cooperative collection of networks using the TCP/IP protocol and the client-server-model for data communication. Messages may under go a range of time and distribution manipulations and include a variety of media types. The resulting information content exchanged involves a wide range of symbols people use for communication." (December 1996)

"Computer mediated communication is a process of human communication via computer, involving people, situated in particular contexts, engaging in processes to shape media or a variety of purposes." (December 1997)

Obgleich bisherige Forschungsarbeiten über Electronic Mail zu dem Ergebnis gekommen sind, daß sich der Gebrauch des Mediums je nach organisatorischem Kontext unterscheidet (Vgl. Spraull & Kiesler 1991), kann die These einer notwendigen sozialen Integration der neuen Kommunikationsmedien universelle Gültigkeit beanspruchen. Die soziale Integration der neuen Kommunikationsmedien wird zum Normalfall und nicht zur Ausnahme. Utopistische Thesen, die einen Funktionsverlust der Städte und eine gravierende Zunahme an Telearbeitsplätzen voraussehen, müssen vor diesem Hintergrund wahrscheinlich relativiert werden (Vgl. Stegbauer 1995). Es handelt sich bei dem Bedarf an Kontextuierung von Mitteilungen nicht nur um Faktoren, die dem subjektiven Wohlbefinden der Individuen dienen, es können durchaus objektive Gründe für eine Kombination von Kommunikationsmedien angeführt werden. Begründungen sind in der anfänglichen nicht vorhersehbaren Nutzungsweise durch verschiedene Organisationsmitglieder und im Bedarf der Übermittlung von sachbezogenem und sozialem Kontext zu suchen. Zu subjektiven Motiven gehören Gruppenzugehörigkeitsgefühle, aber auch der in Organisationen wichtige Abgleich von Werten und Normen.

Englisch hat sich in der CMC als hauptsächlich gebrauchte Sprache etabliert und damit eine grenzüberschreitende Kommunikation erlaubt. Im Grunde genommen sprechen aber mehr Menschen Chinesisch als Englisch, was auch aufzeigt, daß das Internet in seiner derzeitigen Form nur eine von vielen möglichen, auf dem Internet basierenden Welten ist. Das heißt aber auch, daß das Internet eventuell ein Stückchen weg von lokalen Sprachen gehen sollte und eine weltweite Vereinheitlichung angestrebt werden sollte, wofür vielleicht zum Beispiel Esperanto eine interessante Alternative wäre.

Besonders im Zusammenhang mit der Synchronizität von IRC- und MUDs-Kommunikation muß nach Siering (Siering 1995) das Konzept der Virtualität differenzierter gesehen werden, da diese Formen vielmehr im Zusammenhang mit Kommunikation als mit Virtualität zu sehen sind. CMC tendiert dazu, ein psychologisches Filter zu schaffen, das es Individuen erlaubt, ihr wahres Selbst von den Charakteren, die sie online repräsentieren, zu separieren. Wenn auch positive Effekte dieser Tatsache nicht außer Acht gelassen werden dürfen, so besteht die Gefahr, vorhandene kommunikative Vorteile zu verlieren. Verbunden mit der Konzeption von Virtualität steht die derzeit vorherrschende Tendenz, CMC, vor allem in IRC und in MUDs, primär als Spiel zu betrachten. Siering fordert daher, in der CMC von der Konzeption der Virtualität wegzugehen und sich mehr auf den Aspekt der Kommunikation zu konzentrieren und CMC mehr als Medium denn als gänzlich neue virtuelle Welt zu sehen.

 

Psychotherapeutische Perspektiven

 

Humanistische Psychologie

Der Begriff des Humanismus hat in der aus den U.S.A. stammenden humanistischen Psychologie einen anderen als den traditionellen europäischen Bedeutungsgehalt. Humanismus steht hier für eine "Hinwendung zum Menschen selbst" (Graumann 1980 39) ohne primären erzieherischen Anspruch und ohne eine Vorstellung von einem idealen Menschen. Die humanistische Psychologie entwickelte sich aufgrund immer massiverer kritischer Vorbehalte in den dreißiger und vierziger Jahren dieses Jahrhunderts in Nordamerika als Gegenbewegung innerhalb der Psychologie zur behaviouristischen und der psychoanalytischen Psychologie und deren Wissenschaftsverständnis. Als Begründer dieser dritten Strömung innerhalb der Psychologie sind unter anderem die Psychologen Kurt Goldstein, Carl Rogers, Erich Fromm, Abraham Maslow, Fritz Perls, Rollo May, Richard Laing, Viktor Frankl, John Bugental, Karen Horney, Harry Sullivan, Gordon Allport u.v.a. zu betrachten. Die humanistische Psychologie unternahm immer wieder den deutlichen Versuch (Vgl. Quitmann 1985), sich von den vorherrschenden beiden psychologischen Grundrichtungen, dem Behaviourismus und der traditionellen Psychoanalyse abzugrenzen.

"Humanistic Psychology may be defined as the third main branch of the general field of Psychology (the two already in existence being the psychoanalytical and the behaviouristic) and as such, is primarily concerned with those human capacities and potentialities that have no systematic place, either in positivistic or behavioural theory or in classical psychoanalytical theory, e. g. , creativity, love, self, growth, organism, basic need-gratification, self-actualisation, higher values, being, becoming, spontaneity, play, humor, affection, naturalness, warmth, ego-transendence, objectivity, autonomy, responsibility, psychological health, and related concepts. This approach can also be characterized by the writings of Goldstein, Fromm, Horney, Rogers, Maslow, Allport, Angyal, Bühler, Maustakas, etc. as well as by certain aspects of the writings of Jung, Adler, and the psychoanalytic egopsychologists, existential and phenomenological psychologists." (o. A. 1962 96)

Die humanistische Psychologie beruht heute auf fünf zentralen, aufeinander bezogenen und voneinander abhängigen Prinzipien:

Erste Versuche zu einer systematischen Darstellung der humanistischen Psychologie ergaben fünf Grundrichtungen von Therapietheorien, die aufgrund der Betonung des Subjekts und der inneren Realität der eben dargestellten allgemeinen philosophisch-weltanschaulichen Orientierung der humanistischen Psychologie zuzurechnen sind. Gemeinsame Merkmale aller gegenwärtigen humanistisch-psychologisch orientierter Therapieansätze sind:

und

Zu den gegenwärtigen wichtigsten Vertretern humanistischer Therapie sind nach Karmann (Karmann 1987) folgende Formen bzw. Schulen der Psychotherapie zu rechnen: die Gesprächspsychotherapie (Carl Rogers), die Gestalttherapie (Fritz Perls), das Psychodrama (Jacob Moreno), die Transaktionsanalyse (Eric Berne) und die Logotherapie (Viktor Frankl).

 

Personzentrierter Ansatz

Gesprächspsychotherapie

Der personzentrierte Ansatz, der auf den amerikanischen Psychologen Carl R. Rogers zurückgeht, ist eine Weiterentwicklung aus einer spezifischen Form der Psychotherapie, nämlich der Gesprächspsychotherapie. Die Gesprächspsychotherapie ist in erster Linie eine klinisch-psychologische Behandlungsmethode für psychisch beeinträchtigte Menschen und gilt heute als eines der klassischen Psychotherapieverfahren der humanistischen Psychologie.

"Die Gesprächspsychotherapie ist eine systematische, selektive und qualifizierte Form verbaler und nonverbaler Kommunikation und sozialer Interaktion zwischen zwei oder mehreren Personen - Psychotherapeut(en) und Klient(en) - mit dem Ziel einer Verminderung der vom Klienten erlebten psychischen Beeinträchtigung durch eine als Folge differenzierter Selbst- und Umweltwahrnehmung eintretende Neuorientierung des (der) Klienten im Erleben und Verhalten, auf der Basis grundlegender Erkenntnisse der wissenschaftlichen Psychologie, insbesondere der Lern- und Sozialpsychologie." (Biermann-Ratjen & Eckert & Scharz 1983 7)

Im Zusammenhang mit der Wirksamkeit als Qualitätsmerkmal einer Psychotherapie wird die Gesprächspsychotherapie neben der Verhaltenstherapie und der psychoanalytischen Therapie zu denjenigen therapeutischen Ansätzen gerechnet, denen aufgrund einer großen Zahl von kontrollierten Untersuchungen der Status von Therapieverfahren mit zweifelsfrei nachgewiesener Wirksamkeit zugesprochen wird. (Grawe 1992, Grawe & Donati & Bernauer 1994) Die Entwicklung der Gesprächspsychotherapie hat Rogers aus einer engen Verbindung von Theorie und Praxis gewonnen. Aus all den empirischen Untersuchungen, die er im Zusammenhang mit dem therapeutischen Prozeß durchgeführt hat, kam er zum dem Schluß (Rogers 1983), daß der Mensch unter bestimmten Bedingungen regenerative Kräfte in sich entdeckt und eine Fähigkeit zur Selbstbestimmung entfalten kann.

Die Grundannahmen der Gesprächspsychotherapie faßt Rogers in einer zentralen Hypothese zusammen:

"Das Individuum [trägt] unermeßlich reiche Anlagen in sich /.../, sich selbst zu verstehen und zu verändern, und daß dieses Anlagen sich nur dann erschließen können, wenn eine genau definierbare Atmosphäre von fördernden psychologischen Einstellungen geschaffen werden kann." (Rogers 1984 12)

Rogers geht davon aus, daß in jedem Menschen eine Tendenz in Richtung auf psychisches Wachstum, Reife und Selbstverwirklichung wirksam ist. Bei Beeinträchtigungen und Störungen im Erleben und Verhalten eines Menschen werden diese Tendenzen vermindert und müssen daher wieder entdeckt und zur Entfaltung gebracht werden. Dazu verhilft in erster Linie die Beziehung zum Therapeuten, der sich 1. einfühlsam, 2. wertschätzend und 3. echt um das Verständnis des psychisch beeinträchtigten Menschen und dessen Probleme bemüht. Dieser fühlt sich nun als Person akzeptiert und verstanden und kann dann um so intensiver die bis dahin ignorierten Aspekte seiner Erfahrungen wahrnehmen und neue Aspekte in seinem Verhalten und Erleben entdecken, die zu einer Einstellungs- und Verhaltensänderung führen können.

Die Gesprächspsychotherapie, die im allgemeinen der humanistischen Psychologie zugerechnet wird, beruht vor allem auf einer Konzentration auf die Beziehungen zwischen Menschen, denen dann positive Auswirkungen zugeschrieben werden, wenn auf der Basis eines bestimmten Menschenbildes, dem eine beachtliche Nähe zur christlichen Sicht des Menschen konzediert werden kann, gewisse Grundhaltungen in der Begegnung mit Menschen verwirklicht werden.

Genese

In der Literatur werden drei Hauptphasen der Entwicklung unterschieden:

1. Die nicht-direktive Phase (ca. 1940-1950), in der Rogers mit seinem Werk "Counseling and Psychotherapy" (Rogers 1942) die neue Methode des nicht-direktiven Beratungsgesprächs von der direkten Beratung, der psychoanalytischen Behandlung und behaviouristischen Therapieansätzen abhebt. Rogers wollte sich in dieser Zeit ausdrücklich von der direktiven und diagnostizierenden Art der damals üblichen Psychotherapie absetzen. Es war ihm vor allem daran gelegen, eine Atmosphäre zu schaffen, in der der Hilfesuchende ganz er selbst sein und möglichst unabhängig vom Therapeuten seinen eigenen Weg aus den Problemen suchen kann. Das Therapeutenverhalten bestand in dieser ersten Phase vorwiegend aus einem reinen Reflektieren der verbal geäußerten und vom Therapeuten vermuteten Gefühle des zu Behandelnden.

Im deutschen Sprachraum wurde die "Client-Centered Therapy" , also die klienten-zentrierte Therapie, weitgehend durch die Übertragungen von Tausch und Tausch (Vgl. Tausch & Tausch 61971) bekannt. Tausch übersetzte den Namen des neuen Therapieansatzes mit "Gesprächspsychotherapie" und dieser Begriff hat sich heute trotz aller vorhandener Kritik an der fragwürdigen Übersetzung weitestgehend etabliert.

2. Die gefühlsverbalisierende Phase (ca. 1950-1967), in der die phänomenale Welt des Klienten im Mittelpunkt des Interesses steht und die durch Rogers´ Buch "Client-Centered Therapy" (Rogers 1951) gekennzeichnet ist. Diese Phase war durch den zentralen Begriff der Selbstexploration geprägt. Der Klient sollte sein Selbstkonzept möglichst genau erforschen und im Kontext der äußeren Realität verzerrungsfrei wahrnehmen und eventuell korrigieren lernen. Neu war, daß der Therapeut versuchte, nicht nur die offensichtlichen Gefühle des Hilfesuchenden aufzugreifen, sondern in seinen Verbalisierungen möglichst präzise und differenziert dem Erleben des Klienten zu folgen.

3. Die erlebenstherapeutische Phase (ca. 1967 bis heute), in der sich das Hauptaugenmerk auf das Verhalten des Therapeuten konzentriert und die durch den Aufsatz "The Necessary and Sufficient Conditions of Therapeutic Personality Change" (erstmals in: Rogers 1957) charakterisiert ist. In dieser Phase hat sich bis jetzt vor allem die Rollendefinition des Therapeuten verändert. Wurde er zuvor als zwar äußerst aufmerksamer und einfühlsamer Begleiter gesehen, der sich aber nur als Spiegel für das Erleben des Klienten anbot und sich damit als Person aus dem therapeutischen Prozeß abstrahierte, so wird nun die aktuelle Beziehung zwischen den Gesprächspartnern in der Therapie als das Wesentliche herausgestellt und letztendlich der Therapeut nicht mehr als alleiniger Experte für zwischenmenschliche Beziehungen angesehen (Vgl. Pavel 1992)

Die Gesprächspsychotherapie hat sich im deutschen Sprachraum vor allem zu Beginn ihrer Verbreitung durch das Mißachten entsprechender Arbeiten Rogers´ als simple Technik des Widerspiegelns eingebürgert, was jedoch, wie schon dargestellt wurde, nur eine erste Entwicklungstufe dieses Psychotherapieansatzes darstellt. Besonders in den siebziger Jahren wurde im deutschsprachigen Raum die personzentrierte Gesprächsführung sehr stark als Technik einer Art Papageiengespräch präsentiert, mittels derer Menschen zu behandeln wären. Doch gegenwärtig ist man sich darüber klar geworden, daß das Counseling Rogers´ vielmehr eher als Weltanschauung und als Basis für das komplette menschliche Denken und Handeln zu verstehen ist und niemals bloß zu einer verfeinerten Technik der Gesprächsführung verkürzt werden darf.

Durch die relativ späte Rezeption Rogers´ im deutschen Sprachraum und durch anfängliche Übersetzungsschwierigkeiten haben sich unterschiedlichste Bezeichnungen für die drei Variablen, die nach Rogers die für persönliches Wachstum notwendigen und hinreichenden förderlichen Bedingungen einer zwischenmenschlichen Beziehung repräsentieren, herausgebildet. Das deutsche Wort direktiv ist eine Übersetzung des Wortes "directive" aus dem amerikanischen Englisch und bedeutet so viel wie richtungsweisend, leitend, anweisend. Einer der markantesten Unterschiede zwischen der direktiven und der nicht-direktiven Beratung ist, daß bei der ersteren der Berater wesentlich mehr spricht als der Klient. Die Vorstellung von direktiver Beratung als Idealnorm ist weit verbreitet. Gespräche mit Rat und Hilfe Suchenden beginnen oft schon mit der Einleitung, "Ich brauche deinen Rat. Ich erzähle dir mein Problem und du sagst mir dann, was ich tun soll". Ein weitverbreitetes Mißverständnis ist es auch, nicht-direktiv mit nicht aktiv oder passiv gleichzusetzen. Doch gerade das personzentrierte Verhalten erfordert eine intensive Teilnahme am Erlebensprozeß des Hilfesuchenden.

Die im deutschsprachigen Raum gebräulichsten Bezeichnungen für die auf Rogers zurückzuführenden Variablen "congruence", "positive regard" und "empathy" sind nach Zimmer (Zimmer 1983):

Die Gesprächspsychotherapie scheint heute eine eigentümliche Doppelnatur zu besitzen. Sie ist zunächst eine Methode zur Förderung wohldefinierter Prozesse der Veränderung in einem Menschen, der sich als psychisch beeinträchtigt erfährt, aber darüber hinaus wird sie oft als eine die ganze Person in ihrer existentiellen Befindlichkeit betreffende Erfahrung gedeutet. Die Gesprächspsychotherapie auf eine Technik - des Spiegelns der Gefühle - zu reduzieren kann also genausowenig richtig sein, wie die Gesprächstherapie als eine Art Ersatzreligion zu betrachten. Rogers selbst macht keine Unterscheidung zwischen Psychotherapie und Beratung, da es ihm in beiden Fällen um das Beziehungsangebot des Therapeuten bzw. des Beraters gegenüber dem Hilfesuchenden geht. Die Gesprächspsychotherapie hat den Begriff des Patienten bewußt durch den des Klienten ersetzt, um damit die Selbstverantwortlichkeit des Hilfe- und Ratsuchenden zu betonen. Rogers lehnte den Begriff des "Patienten" wegen der für ihn zu starken Klassifizierung des Hilfesuchenden als Kranken ab. Der Begriff "Klient" bezeichnet eine Person, die mit einer anderen in Beziehung tritt, wobei der Klient mit der anderen Person aufgrund ihrer Profession den Kontakt aufnimmt. Später löste der Begriff der "Person" den des Klienten ab, weil damit eine noch klarere Neutralität in der Bezeichnung und damit der uneingeschränkten Bejahung des Hilfesuchenden - zumindest von der Terminologie her - gegeben war. Ebenso ist heute in der Literatur als Bezeichnung des rogers´schen Ansatzes der Psychotherapie der Begriff der "personzentrierten Gesprächsführung" (Vgl. Schmid 1990) am stärksten vertreten.

In einem Klima der emotionalen Wärme, der Wertschätzung und des Gewährenlassens, mit anderen Worten, des Fehlens jeglicher Bedrohung in der Beziehung zwischen Therapeut und Klient, kann der Klient seinem Selbst begegnen. Es entsteht ein "Schonraum" (Rogers 1972 36, Vgl. Rogers 1983), in dem er sich selbst nahe kommen kann. Hier ist er fähig, in sich hineinzuhorchen und die ihm eigenen Reaktionen intensiver und unvoreingenommener wahrzunehmen. Das Wesen und der Erfolg der Gesprächspsychotherapie liegt vor allem darin begründet, daß in diesem Schonklima in der besonderen Beziehung zwischen Therapeut und Klient die Auseinandersetzung mit geleugneten oder verzerrt wahrgenommenen Aspekten des Selbst gewagt werden kann und der Klient emotionale Erlebnisse und Reaktion konkreter fassen kann. Ungegliederte psychische Prozesse können dadurch geordneter und strukturierter werden, wodurch sie für den Klienten leichter handhabbar werden.

Die therapeutische Beziehung baut auf "schöpferischem, aktivem, sensiblem, genauem, einfühlsamem, nicht-bewertendem Zuhören" (Rogers 1983 90) auf, was einem tiefen Bedürfnis eines in seinem Selbstverständnis erschütterten, entmutigten Klienten entgegenkommt. Durch das Sich-selbst-Zurücknehmen des Therapeuten im Hören ermöglicht er ein intimes Klima im wortwörtlichen Sinn, in dem der Klient alle Masken fallen lassen kann, um danach in die verborgendsten Winkel seiner selbst zu schauen.

Kritik

Nach Tscheulin (Tscheulin 1983) kreist die gegenwärtige Kritik an der Gesprächspsychotherapie und deren Derivaten um zwei fundamentale Fragen:

Diese zwei Fragen werden nach wie vor diskutiert. Es kristallisierte sich aber seitens der Gesprächspsychotherapie ein Sowohl-als-auch-Standpunkt heraus, wobei der nicht erklärbare Rest therapeutischen Handelns bis dato als intuitives und künstlerisches Element deklariert wird.

Untersuchungen haben gezeigt, daß jüngere Therapeuten meist viel schulenkonformer als ältere und erfahrenere Therapeuten, die sich interessanterweise über die Jahre in der Arbeit immer ähnlicher werden, handeln. Es scheint ein allen erfahrenen Psychotherapeuten gemeinsames Grundmuster im therapeutischen Vorgehen zu geben, das eine beachtliche Nähe zu Konzeptionen des personzentrierten Ansatzes aufweist (Vgl. Dörner & Plog 1994):

Rogers war einer der ersten, der durch Tonbandprotokolle die Psychotherapie empirischer Überprüfung zugänglich machte. Abgesehen von der Erarbeitung der notwendigen und hinreichenden Bedingungen für therapeutisches Geschehen, die aus eingehender empirischer Validierung entstanden, wird man aber im übrigen Theoriegebäude Rogers´ vergeblich nach empirischen Begründungen suchen. Im Gegensatz zur empirisch erwiesenen allgemeinen Wirksamkeit der Gesprächspsychotherapie ist es bis heute nicht eindeutig erforscht, ob die genannten drei Bedingungen nun wirklich notwendig und hinreichend für positives Wachstum sind.

"Begriffe wie "Selbstkonzept" und "Aktualisierungstendenz", zentrale Theoreme wie die "Dissoziation" von Selbst und Realität, erweisen sich als behauptete, empirisch nicht abgesicherte Konstrukte. Der Verzicht auf experimentell-empirische Begründung gerade im Bereich der Persönlichkeitstheorie trägt zu einer gewissen Inkonsistenz des gesamten Gebäudes der Gesprächspsychotherapie bei." (Baumgartner 1990 466)

Auffallend wird diese Ignoranz der frühen Gesprächsspychotherapie gegenüber empirischen Ergebnissen im Bezug auf die Entwicklung des Menschen, der ja laut Rogers seine konstruktiven Kräfte von Anfang an in sich trägt. Menschliche Entwicklung nach Rogers ist die Ausfaltung dessen, was im Menschen von Beginn an schon da ist. Demgegenüber betont die auch empirisch arbeitende Entwicklungpsychologie das Zusammenwirken von endogenen, exogenen und autogenen Entwicklungsfaktoren.

Die Kritik an Rogers kann sich, so der Befund der Psychotherapieforschung (Vgl. Lemke 1978, Grawe & Donati & Bernauer 1994), nicht an bestimmte Techniken oder an die Effektivität der von ihm entwickelten Psychotherapie richten, sondern betrifft vielmehr die Frage, ob Rogers nicht ein Zuviel an Vertrauen in das Verhalten des Therapeuten und in die positiven Kräfte im Menschen gesetzt hat. Möglicherweise ist das rogers´sche Ideal des personzentrierten Therapeuten, der jede Expertenrolle ablehnt, eine Utopie, erstens, weil gar nicht realisierbar und zweitens, weil oft gar nicht wünschenswert.

Es war nach Graumann (Graumann 1980) ein berechtigtes Anliegen der humanistischen Psychologie, die Reduktion des Menschen durch Behaviourismus und Psychoanalyse zu überwinden. Gerade an dieser Betonung der Individualität des Menschen setzt eine weitere Linie der Kritik an, da vermutet wird, daß die Konzentration der Gesprächspsychotherapie auf das subjektive Erleben und weniger auf das Handeln der Person die Umwelt vernachlässigt und das Individuum in die Isolation drängt. Rogers kam es gerade gegenüber dem behaviouristischen Black-Box-Modell der menschlichen Psyche auf die Betonung einer viel reicheren, komplexeren, aber auch wesentlich selbstbewußteren Sichtweise der menschlichen Psyche an. Kritiker vermerken, daß gerade diese Betonung der individuellen Innenseite des psychischen Lebens über das intendierte Ziel der Überwindung des Behaviourismus hinausschießt. Als einziges Therapeutikum wird nur das individuelle Selbst des einzelnen gesehen, ebenso wie in diesem egozentrischen Subjektivismus die soziale Einbindung der Person im Idealbild der "fully functioning person" vernachlässigt wird. Alle Probleme werden mit dem Blick nach innen betrachtet und die Ursachenanalyse nur mehr im Inneren betrieben. Es fehlt der Gesprächspsychotherapie möglicherweise der Sinn für die soziale Verflochtenheit des Menschen und sie fördert statt dessen vielmehr, in einer mehr oder minder asozialen Haltung nach persönlichem und privatem Glück zu streben.

Personzentrierter Ansatz

Die klientenzentrierte Gesprächspsychotherapie erweiterte sich im Laufe ihrer Entwicklung zum personzentrierten Ansatz und damit auch zunehmend auf Gebiete außerhalb der Psychotherapie. Der personzentrierte Ansatz ist eine Erweiterung und Generalisierung des Theoriekonzepts der Gesprächspsychotherapie. Rogers selbst leitete diese Entwicklung ein, und er kann auch heute noch als einer ihrer Protagonisten angesehen werden.

"Es gibt allen Grund anzunehmen, daß die therapeutische Beziehung nur einen Fall zwischenmenschlicher Beziehung darstellt, und daß die gleiche Gesetzmäßigkeit alle sozialen Beziehungen regelt." (Rogers 1974 50)

Alles, was Rogers über Therapie oder therapeutische Beziehungen im weiteren Sinne sagt, ist damit in der Konzeption des personzentrierten Ansatzes auf jede andere Form von zwischenmenschlicher Beziehung zu übertragen. Der personzentrierte Ansatz basiert auf der Vermutung, daß Prozesse der Veränderung sich nicht nur in einer nach den Erkenntnissen Rogers´ definierten Psychotherapie ereignen, sondern auch überall dort, wo eine Person einer anderen echt, akzeptierend und wertschätzend begegnet und wo die andere Person sich auf dieses Beziehungsangebot einläßt, um die eigene Lebenswirklichkeit zu reflektieren.

"Die personenzentrierte Haltung ist /.../ primär eine Art und Weise des Seins, die ihren Ausdruck findet in Einstellungen und Verhaltensweisen, die wachstumsförderndes Klima schaffen. Sie ist mehr eine basale Philosophie als nur eine Technik oder eine Methode. Wenn diese Philosophie gelebt wird, hilft sie der Person, die Entwicklung ihrer Fähigkeiten zu erweitern. Wenn sie gelebt wird, stimuliert sie konstruktiven Wandel bei anderen. Sie stärkt das Individuum, und, wenn diese persönliche Kraft gespürt wird, zeigt die Erfahrung, daß sie dahin tendiert, für persönliche und soziale Veränderungen genützt zu werden." (Rogers 1982 77)

Der personzentrierte Ansatz stellt nicht bloß eine psychologische oder psychotherapeutische Methode dar, sondern er ist eine grundsätzliche Haltung dem Menschen gegenüber, eine Lebensauffassung, in der das Hauptaugenmerk auf das Individuum gelenkt ist und die geprägt ist vom Glauben an die Entfaltung des jedem Menschen innewohnenden positiven, schöpferischen und auf Wachstum und Entfaltung ausgerichteten Potentials, das in einem Klima der Offenheit, der Wertschätzung und des Verstehen verwirklicht werden kann.

"Ja, ich glaube es gab viele, viele Philosophen und spirituelle Führer, und nicht nur christliche Führer, die die Person als sehr wichtig angesehen haben. So will ich bestimmt den Begriff "personenzentriert" nicht als originale Erfindung beanspruchen; ich glaube, wir versuchten, ihm eine besondere Bedeutung zu geben, besonders in der Beratung und Therapie, so daß die Beziehung auf die Person, die Hilfe sucht, zentriert ist, und später gingen wir langsam dazu über, die Person, die Hilfe gibt, miteinzuschließen, so daß es eine Zwei-Weg-Beziehung bedeutet, dennoch ist es weitgehend eine Ein-Weg-Beziehung, und unser Interesse ist auf die Person zentriert, die Hilfe sucht. Dann war dieser Gebrauch des Begriffs auch ein Protest gegen die Depersonalisierung, die Dehumanisierung der Erziehung, eines guten Teils der Religion, des Militärlebens, vieler Aspekte des Geschäftslebens. So, daß es eine andere Art zu sagen ist, wir sind personenzentriert und nicht objektzentriert, nicht materialistisch zentriert, nun, das sind einige der Gründe, warum wir diesen Begriff gebraucht haben." (Rogers in: Pawlowsky & Stipsits 1983 25)

Es geht im personzentrierten Ansatz weniger um eine Technik im Umgang mit Menschen, sondern vielmehr um gewisse Charakterhaltungen. Der personzentrierte Ansatz rückt zwischenmenschliche Beziehungen in den Mittelpunkt seines Interesses und beschreibt die Bedingungen, unter denen sich durch eine besondere Art der zwischenmenschlichen Beziehung ein wachstumsförderndes Klima entwickeln kann, und diese Bedingungen lassen sich auf alle Situationen, in denen die Entwicklung der Person ein Ziel ist, anwenden. Ein personzentrierter Therapeut kann nicht seine Personzentriertheit vor einer Therapiesitzung wie einen Arbeitsmantel anziehen und danach wieder ablegen, weil das dem Grundsatz der Authentizität widersprechen würde. Der Therapeut muß in der therapeutischen Sitzung derjenige sein, der er wirklich ist. Er ist nicht einer, der eine Methode anwendet, sondern der "/.../ über ein zusammenhängendes und ständig sich weiterentwickelndes, tief in seiner Persönlichkeit verwurzeltes Sortiment von Einstellungen verfügt, /.../, das von Techniken und Methoden ergänzt wird." (Rogers 1983 46) Er bietet in der Therapie sich selbst für eine Beziehung an, die der Klient dazu nutzen soll, um seine Persönlichkeit zur Entfaltung zu bringen. Umgekehrt erfährt der Therapeut selbst, daß diese Art und Weise, den Menschen zu betrachten für ihn eine Forderung darstellt, sich selbst immerfort um Weiterentwicklung und Vervollkommnung zu bemühen, und "/.../ er kann nur soweit "nicht-direktiv" sein, wie dieser Respekt vor anderen in seiner eigenen Persönlichkeitsstruktur verankert ist." (Rogers 1983 46) Auf den Grundlagen der Sichtweisen des personzentrierten Ansatzes kam es zu einer gravierenden Fehleinschätzung der Gesprächspsychotherapie, indem sie sich als untechnischer und theorieloser als andere Therapieansätze sah. Der personzentrierte Ansatz wird von Gesprächspsychotherapeuten gerne als Gesprächspsychotherapie in ihrer kondensierten und reinen Form mißverstanden, doch ist eine Gesprächspsychotherapie nicht einfach die ideale Verwirklichung des personzentrierten Ansatzes, sondern sie stellt eine Arbeitsbeziehung dar, in der der Therapeut eine Dienstleistung erbringt und nicht einfach eine erkaufte, bezahlte oder gar ideale Freundschaft anbietet (Vgl. Dörner & Plog 1994). Die Gesprächspsychotherapie und der personzentrierte Ansatz sind dadurch nicht ein und dasselbe, daß die Gesprächspsychotherapie die Professionalisierung eines helfenden Gesprächs auf den Grundlagen des personzentrierten Ansatzes wäre.

Die Betonung der zwischenmenschlichen Beziehungen und der diese positiv beeinflussenden verschiedenen Rogers-Variablen kommen in unterschiedlichen Arbeitsfeldern auf unterschiedliche Art und Weise zu tragen ( Vgl. Schmid 1990, Schmid 1992). Hier und im Weiteren wird der Begriff "personzentrierter" und nicht "personenzentrierter" Ansatz, wie er oft in der Literatur zu finden ist, gebraucht, da damit mehr Nähe zum origininären Begriff des "person-centered approach" gegeben ist.

 

Systemischer Ansatz

 

Systemische Psychotherapie

In beeindruckender Weise haben in den letzten Jahren die Ideen der Systemtheorie, der Theorie der Selbstorganisation und des Konstruktivismus zunehmende Bedeutung für unterschiedlichste Bereiche der Humanwissenschaften erhalten. Innerhalb psychotherapeutischer Fragestellungen erlauben die aus der Systemtheorie abgeleiteten Konzepte der systemischen Psychotherapie ein verändertes und erweitertes Verständnis für menschliche Problemsituationen. Sie ermöglichen damit neue und wirksame Handlungsmöglichkeiten im therapeutischen Kontakt mit komplexen menschlichen Beziehungssystemen.

Von entscheidender Bedeutung für die Entwicklung einer theoretischen Basis der systemischen Ansätze waren Vertreter der Kommunikations- und Interaktionstheorien wie Gregory Bateson, Paul Watzlawick und Kurt Lewin. Mit der Entwicklung systemischer Ansätze, in denen nicht mehr der einzelne im Mittelpunkt der Betrachtungen, sondern das ganze System steht, vollzog sich in der Psychotherapie ein ausgeprägter Paradigmenwechsel. Kategorien der Pathologie des einzelnen wurden durch die Beschreibung des Funktionierens eines Systems ersetzt, und es wurde die Frage gestellt, welche Funktion das Symptom für das System erfüllt. Dementsprechend bezog sich die therapeutische Einflußnahme auch auf das System als Ganzes, wobei der systemische Therapeut Menschen und Geschehnisse nicht im Blick auf die ihnen innewohnenden Merkmale und Eigenschaften, sondern vor dem Hintergrund ihrer Interaktionen betrachtet. Das therapeutische Handeln war durch Strategien und Taktiken gekennzeichnet, über die auf die Interaktionsformen Einfluß genommen werden sollte, und die Aufmerksamkeit des Therapeuten war in erster Linie auf die Wiederherstellung des Gleichgewichts im System und weniger auf das Erleben der zu diesem System zählenden Personen gerichtet.

Systemisch orientierte Ansätze der Psychotherapie - zu den vier Wichtigsten zählen die strukturelle Familientherapie, die Problemsystem-Therapie, die lösungsorientierte Kurztherapie und die Reflecting-Team-Therapie - haben ihre Wurzeln in der Familientherapie, von der sie noch immer einen bedeutenden Teil repräsentieren, aber mittlerweile in einer Verallgemeinerung des therapeutischen Zuganges über diese hinausgehen.

Genese

Die Familientherapie entstand nach dem 2. Weltkrieg in den U.S.A. und integrierte neben Elementen der Psychoanalyse und der Verhaltenstherapie vor allem Konzepte der Systemtheorie und der Kybernetik.

Die Systemtheorie suchte vor allem nach globalen Isomorphien und begriff sich als ein den Einzelwissenschaften übergeordneter, sich verbindender holistisch-organismischer Ansatz. Lebende System wurden als offene, umweltbezogene Ganzheiten gesehen, deren Ziele und Funktionen, Elemente und Verbindungen stets dem Ganzen untergeordnet sind. Das Prinzip der linearen Kausalität von Ursache und Wirkung wich einer zirkulären Kausalität, in der jedes Verhalten als Feedback auf das betreffende Lebewesen zurückwirkt. Die theoretischen Grundlagen einer solchen Betrachtung der Dinge unterscheiden sich völlig von der mechanistisch-kausalen Betrachtungsweise, die jahrhundertelang die westliche Kultur beherrschte und das Denken geprägt hat. Mit der Behauptung, das Verhalten eines Individuums sei die Ursache des Verhaltens eines anderen Individuums, kommt ein allzu einfaches Begriffsmodell zur Anwendung, das die Komplexität der Realität künstlich auf die linearen Beziehungen von Ursache und Wirkung reduziert. Die Darstellung eines Problems mit Hilfe der Begriffe von Ursache und Wirkung ist das Ergebnis einer willkürlichen punktuellen Festlegung einer eigentlich zirkulären Situation, wobei ein einzelnes Geschehen aus der Sequenz der Geschehnisse, die diesem vorangegangen sind bzw. folgen, herausgegriffen wird. Die Systemtheorie machte es möglich, menschliches Verhalten als eigenständiges, überindividuelles Phänomen zu beschreiben, das sich aus seinem jeweiligen Kontext erklären ließ.

Im Ansatz des Mental Research Institutes (MRI) in Palo Alto, Kalifornien, wurde erstmalig in den fünfziger Jahren die Systemtheorie für die Familientherapie erschlossen (Bateson 1980, Watzlawick & Weakland 1980). Die Arbeitsgruppe am MRI war stark durch die therapeutische Praxis von Milton Erickson geprägt. Erickson war sicherlich einer der ungewöhnlichsten Therapeuten dieses Jahrhunderts. Er entwickelte nicht nur eine überaus erfolgreiche Hypnosetechnik, sondern überraschte die Fachwelt auch durch eigentümliche therapeutische Techniken, die unerwartete Erfolge zeigten. Ohne selbst eine Theorie zu dieser Verfahrensweise zu liefern, wurde sein Werk zu einer besonderen Bereicherung und Herausforderungen der systemischen Therapie. Ein wesentliches Ergebnis der Arbeit war die Theorie des "double bind" (Bateson 1959, Vgl. Bateson 1969). Die grundlegende Leistung dieser Forschergruppe lag darin, ein neues Verständnis vom Zusammenhang des symptomatischen Verhaltens einer Person mit der Organisation ihrer Familie zu entwickeln. Die Familie wurde als System gesehen, das Information auf sich selbst als Symptom bzw. als abweichendes Verhalten eines oder mehrerer Mitglieder zurückwirken läßt, und dieses negative Feedback führt zu einem Mechanismus, der Veränderung verhindert. Das Symptom, das eine Person zeigt, wird somit nicht mehr nur negativ gesehen, sondern erfüllt eine wichtige Funktion für die übergeordnete Einheit, denn es steht im Dienste der Sicherung der Kontinuität und Stabilität des Systems Familie. Damit war das psychologische Denken um die Dimension des Kontextuellen erweitert. Allerdings war die Kommunikationstheorie ihrerseits in einem zeitbedingten Kontext entstanden, in dem Pragmatismus und gemäß Heinz von Foerster eine "Kybernetik erster Ordnung" - des Beobachteten und noch nicht eine "Kybernetik zweiter Ordnung", des Beobachtens, also des Beobachters - herrschten (v. Foerster 1981). Gleichfalls am MIR in Palo Alto arbeiteten noch weitere Forscher, die systemisches Denken in die Psychotherapie einführen, vor allem an Kurztherapieprojekten (Vgl. Watzlawick & Beavin & Jackson 1969, Watzlawick 1974, Watzlawick 1977).

Ende der siebziger Jahre entwickelte sich durch die Anregungen neuer Entwicklungen in Systemtheorie, Physik und Biologie eine grundlagentheoretische Diskussion unter Familientherapeuten, und es entstand eine neue Generation von Familientherapeuten, die zu einer Modifikation familientherapeutischer Methoden zu einem systemischen Weltbild führten (Vgl. Guntern 1980, Hoffmann 1982). In Mailand bildet sich eine Arbeitsgruppe von Therapeuten, die später als das Mailander Team bekannt wurden und aus Mara Selvini-Palazzoli, Luigi Boscolo, Gianfranco Checcin und Giuliana Prata bestand. Familien wurden in dieser Zeit häufig in dem Spannungsfeld von Homöostase und Transformation, von Stabilität und Wandel gesehen. Man beschäftigte sich mit den widersprüchlichen Botschaften der Familie, die sich auf der einen Seite ändern, auf der anderen Seite aber unbedingt alles beim alten lassen wollen. Um mit dieser paradoxen Botschaft umgehen zu können, mußte man in ähnlich pardoxer Weise auf die Beschwerden eingehen, um das Paradoxon wieder aufzuheben, wobei diese paradoxen Interventionen insofern paradox waren, als sie der primären und naiven Erwartung widersprachen (Vgl. Andolfi 1974, Selvini-Palazzoli 1978, Andolfi 1979, Selvini-Palazzoli & Boscolo & Cecchin & Prata 1981, Tomm 1984, Boscolo & Cecchin & Hoffmann & Penn 1988).

Mit dem Beginn der achtziger Jahre kam es zu einer vermehrten Rezeption der sog. Kybernetik zweiter Ordnung, der Beobachtung von Beobachtungen (Vgl. Maturana 1982, Luhmann 1984, von Foerster 1985, Maturana & Varela 1987). Die Arbeiten Gregory Batesons erwiesen die zirkuläre Sichtweise des Menschen und seines Verhaltens eher geeignet als die traditionelle lineare (Vgl. Bateson 1980). Als Zirkularität wird nun ein Verständnis bezeichnet, das sich von Ursache-Wirkungs-Beziehungen löst und Regelkreise an ihre Stelle setzt (Vgl. Penn 1983, Cecchin 1988). Therapie wird nun vermehrt als Sprachspiel verstanden, wonach eine Konversation zwischen Therapeut und Klient über das Thema "Problem" stattfindet. Veränderung ist die Herausbildung eines neuen Sprachspiels, in dem das, was beobachtet wird, nicht mehr den früheren Beschreibungen entspricht, und sich somit die klinisch relevante und für den Klienten befriedigende Differenz von Merkmalen zu Beginn und zu Ende der Therapie entwickeln kann.

Modelle

Systemische Therapieansätze lassen sich mittels zweier grundlegender Modelle klassifizieren. Die nachfolgend vorgestellte Klassifikation in "Kontrollmodell" und "Konversationsmodell" wurde Kurt Ludewig vorgeschlagen (Ludewig 1995). Andere Klassifikationen bieten Giacometti (Giacometti 1979) und Hassan (Hassan 1977). Im Kontrollmodell, dem die "strukturelle Familientherapie" (Minuchin 1977, Vgl. Aponte & van Deussen 1981, Minuchin & Fishman 1983, Minuchin 1984) folgt, steht dem Therapeuten ein umfassendes Instrumentarium zur Verfügung, anhand dessen es ihm möglich ist, mittels bestimmter Indikatoren Abweichungen von der Norm festzustellen und die Familienstruktur aus einem als pathologisch definierten Bereich in den Normalbereich zu bringen, womit die Beschwerde derjenigen Person, die als Symptomträger galt, verschwinden. Gemäß dem Konversationmodell, an dem sich die "lösungsorientierte Kurztherapie" nach de Shazer (de Shazer 1989), das "Reflecting Team" nach Andersen (Andersen 1990) und das "Problemsystem" nach Goolishian (Goolishian 1988), orientieren, wird der Gegenstandsbereich therapeutischer Aktivitäten viel enger gefaßt, und es rückt statt der Therapie von Problemen die Therapie von Störungen ins Zentrum.

De Shazer prägt mit einem Team von Mitarbeitern neben dem Mailänder Team das zweite große Zentrum der systemischen Therapie am Brief Family Therapy Center (BFTC) in Milwaukee, Wisconsin (Vgl. Shazer 1989). Der Leitgedanke dieser Einrichtung und des von ihr entwickelten Modells der systemischen Kurzzeitherapie ist, daß der Therapeut, um passend zu intervenieren, über die Details der Klage, die der Patient vorträgt, gar nicht so genau Bescheid wissen muß, sondern der Therapeut muß beim Klienten ein anderes als das gewohnte Verhalten erzielen, und dies ist in der Regel ausreichend, um eine Lösung herbeizuführen und dem Klienten Befriedigung zu vermitteln.

Im Problemsystem-Modell ebenso wie in der lösungsorientierten Kurztherapie werden menschliche Systeme als sprach- und meinungserzeugende Systeme, die in und durch Sprache innerhalb eines Bereiches existieren, der durch das Problem als Thema des Gesprächs definiert ist, beschrieben. Therapie kann demnach durch folgende Merkmale bestimmt werden (Vgl. Goolishian & Anderson 1988):

Der Therapeut ist ein teilnehmender Beobachter und ein teilnehmender Manager, ein "Konversations-Künstler" der therapeutischen Konversation. Dies hat zwei grundlegend neue Konsequenzen: Erstens wird der Therapeut damit zu einem Mitglied des therapeutischen Systems, und seine eigenen Theorien und Verhaltensweisen sind genauso Thema der therapeutischen Konversation wie die Theorien und das Verhalten des Klienten. Die Aufgabe des Therapeuten ist es nun nicht mehr, zu wissen, welche Lösungen die Richtigen sind, sondern für den Fortgang des therapeutischen Prozesses zu sorgen und das System zu "verstören". Zweitens fokussiert sich die Aufmerksamkeit auf das Problemsystem, das nicht etwa bloß durch falsche Strukturen oder nicht funktionierende Subsysteme entsteht, sondern durch die am Problem Beteiligten. Alles, was daher ein Therapeut hat, ist seine eigene Konstruktion, wie der Klient seine Realität konstruiert, und ausgehend von diesen beiden Konstruktionen bauen Klient und Therapeut gemeinsam eine neue therapeutische Realität auf.

In der Therapieform des Reflecting Teams nach Andersen (Andersen 1990) ist das als therapiewirksam betrachtete Element das gemeinsame Reflektieren mehrerer Therapeuten vor dem Klienten. Das Problemsystem wird als eine Arena der Kommunikation gesehen, und es geht darum, mittels dieser offenen Konversation des Reflecting Teams eine therapeutisch wirksame Differenz zu bereits bestehenden Beschreibungen und Sichtweisen der Klienten zu etablieren. Die zentrale therapeutische Leistung des Reflecting Teams besteht in der Schaffung neuer Ideen, selbst wenn manche dieser Ideen vom Problemsystem als uninteressant beurteilt, übergangen oder auch zurückgewiesen werden.

Die Familientherapie, aus der sich die systemische Therapie entwickelte, hat sich ursprünglich vor allem nicht um das Individuum, sondern um ein System - die Familie - gekümmert und hat Subsysteme und nicht Personen therapiert. Die systemische Therapie hingegen beschäftigt sich gegenwärtig eigentlich immer weniger mit Systemen und statt dessen immer mehr mit Personen und ihren Konstruktionen der Realität.

Kritik

Die zentralen Argumente der Kritik am systemischen Denken lassen sich in Form von Thesen resümieren (Vgl. Ludewig 1995):

Systemischer Ansatz

Der systemische Ansatz in der Psychotherapie ist stark geprägt von Humberto Maturana. Seine Theorie spiegelt Elemente konstruktivistischer Philosophie, piagetscher Entwicklungstheorie, des Darwinismus, des Systemdenkens, des Kontextualismus und sogar des radikalen Behaviorismus wider. Allerdings verknüpft sein Theoretisieren Einsichten aus diesen verschiedenen Quellen zu einem kohärenten Ganzen. Da Maturana selbst kein Psychologe oder Psychotherapeut ist, mußten seine Auffassungen lebender Systeme noch übersetzt und erweitert werden, damit sie sich direkt auf die Interessensgebiete von Psychologen und Therapeuten bezogen (Vgl. Dell 1982, Dell 1984, Efran & Lukens 1985, Hoffman 1988, Mendez & Coddou & Maturana 1988, Tomm 1989, Hargens 1989, Varela 1989).

Das Adjektiv "systemisch" bezeichnet einen allgemeinen Denkansatz im Sinne eines konstruktivistischen Verständnisses von Systemtheorie und meint im Bezug auf Psychotherapie die Umsetzung dieses Denkansatzes in die Praxis. Systeme gelten als Konstrukte der menschlichen Erkenntnis oder Kognition und sind nicht Modelle objektiver Sachverhalte. Aufgrund der Abhängigkeit von der Kognition kommen diese Muster nicht durch kausale Verkettungen zustande, sondern folgen der zirkulären Bewegung von Beobachten und Denken. Systemisches Denken hat zwar einen umfassenden Geltungsanspruch, da es aber ein geschlossenes System bildet, in dem alle Sätze miteinander verknüpft sind, kann es nur intern Geltung beanspruchen und erweist sich letztendlich als Pleonasmus, der der Selbstkontrolle dient, wenn Denken und Handeln am Anspruch der theoretischen Vorgaben gemessen werden.

Maturana beschreibt menschliches Funktionieren, sprachliche Operationen eingeschlossen, aus einer biologischen Perspektive. Sein Ansatz hat zwei grundsätzliche Vorteile: Erstens spricht seine Erkenntnistheorie die Untrennbarkeit von Beobachter und Beobachtetem an und stimmt so mit den jüngsten Entwicklungen in Epistemologie, Biologie und Wissenschaftstheorie überein (Vgl. Overton 1984, Thompson 1987). Zweitens ist seine Theorie aus wohldefinierten und präzise zusammengefügten Begriffen gebildet. Sie liefert damit ein Gegenmittel für das konfuse konzeptionelle Durcheinander, in das sich alle Wissenschaften, die sich mit dem Menschen beschäftigen, verstrickt zu haben scheinen (Vgl. Bateson 1980).

Maturana unterscheidet zwischen einfachen und komplexen Einheiten. Einfache Einheiten entstehen durch ganzheitliche Beschreibungen, während komplexe Einheiten sichtbar werden, wenn die Komponenten und deren Vernetzung spezifiziert werden. Derartige zusammengesetzten komplexe Einheiten werden auch Systeme genannt, die alle unter den zwei Aspekten der Organisation und der Struktur betrachtet werden können. Organisation meint die Relationen zwischen den Elementen, die vorkommen müssen, damit eine Einheit einer Klasse zugeordnet werden kann, während Struktur die spezifische Ausgestaltung der Organisation durch Komponenten bezeichnet. Ein System bewahrt seine Identität und damit Erkennbarkeit, solange seine Organisation unverändert bleibt und läßt sich eindeutig definieren, indem seine Organisation beschrieben wird. Die jeweilige Struktur, in der sich eine bestimmte Organisation verwirklicht, kann aber variieren, und Systeme können mehr oder minder plastisch strukturiert sein und ihre Organisation trotz gravierender Veränderungen wahren. Das gilt besonders für Lebewesen, die Verstörungen durch Interaktion ohne Verlust ihrer Organisation bewältigen. Wirkt die Interaktion destruktiv, löst sich die Organisation auf, was bei Lebewesen den Tod bedeutet, denn ein System kann seine Organisation nicht verändern, sondern nur auflösen. Lebewesen lassen sich demnach als Systeme beschreiben und sind als solche autopoietisch organisiert (Vgl. Willke 1982, Buckley 1986). Luhmanns Konzept der sozialen Systeme steht in einer komplementären Position zu Maturanas biologischem Ansatz, bietet aber als Ergänzung viele Vorteile (Vgl. Luhmann 1984, Luhmann 1990, Ludewig 1995).

Systemisches Denken ist weniger eine Theorie als viel mehr eine "Supratheorie" (Luhmann 1984) und bietet eine ontologische und epistemologische Positionsbestimmung bzw. ein "Paradigma" (Kuhn 1967). Lebenspraktisch gesehen grenzt es einen Bereich des alltäglichen Zusammenlebens ab, einen Kontext verflochtener Erkenntnisse, die das Miteinander und die alltägliche Verständigung steuern. Das bleibt in der Regel unbemerkt, denn das Eingebettetsein in einen Konsens tritt nur in der Gegenüberstellung mit dissonanten Alternativen, an denen die spontane Verständigung scheitert, zutage. Das systemische Denken bildet eine Synthese, in der sich alle wichtigen Ansätze der traditionell eher künstlich geschiedenen Natur- Geistes- und Sozialwissenschaften finden, da der Mensch als Erfinder und Bewahrer dieser geistigen Welten gesehen wird.

Die Grundgedanken systemischen Denkens lassen sich in sechs Thesen zusammenfassen:

Trotz aller genannten Unterschiede in den verschiedenen Denkrichtungen der systemischen Therapie lassen sich einige gemeinsame Grundauffassungen darstellen: Symptome werden immer als Funktionen komplexer System angesehen, wobei Systeme auf vielen unterschiedlichen Ebenen betrachtet werden können. Der Patient mit seinem Symptom ist immer nur ein Teil der Pathologie, und, um eine Vorstellung von der Gesamtheit des Problems zu erhalten, muß das entsprechende Verhalten aller Mitglieder des betroffenen Systems berücksichtigt werden. Der Patient wird weder als Opfer noch als Täter gesehen, sondern als Teil eines Gesamtsystems, das das Verhalten bestimmt. Das Symptom ist dann nicht mehr nur als Einschränkung zu sehen, sondern auch als Lösung einer für das System problematischen Lösung. Die Therapie richtet sich dementsprechend nicht auf die Veränderung der Persönlichkeit des Symptomträgers, sondern auf die Veränderung der Interaktionsmuster innerhalb des Systems, wodurch das Symptom zur Aufrechterhaltung des pathologischen Gleichgewichts nicht mehr notwendig ist und wie von selbst verschwindet.

"Die Familie richtet ihre Interaktionen an bestimmten Regeln aus, die sie im Laufe der Zeit im Wege von Versuch und Irrtum entwickelt und modifiziert hat. Mit Hilfe dieser Regeln lernen die Familienmitglieder, was in ihrer Beziehung untereinander erlaubt und was verboten ist, bis sich schließlich eine stabile Definition dieser Beziehung herausbildet. Dieser Prozeß führt zur Entstehung eines systemischen Ganzen, das sich durch spezifische Interaktionsmuster am Leben hält, die sich ihrerseits durchaus modifizieren lassen." (Andolfi 1982 26-27, Vgl. Kantor & Lehr 1975)

CMC in philosophischer Fokussierung

 

Computer-Mediated-Communication, das heißt Kommunikation über den Computer, und der daran anschließende Cyberspace, das heißt das spezifische Raum-Zeit-Kontinuum, das von Millionen menschlichen Lebewesen auf der ganzen Erde erzeugt wird, die mit einander über ein Computernetzwerk kommunizieren, entwickelte sich sehr schnell von einem futuristischen Traumzustand zu einer exponential explodierenden Realität. Eine florierende Fülle an Literatur von Analysen und Diskussionen begleitet dieses Phänomen. Von enorm eingegrenzten akademischen Studien zu populärwissenschaftlichen Büchern reicht die Bandbreite dieser Analysen, Enthusiasten und Kritiker sehen so ziemlich alles im Aufstieg der CMC und virtueller Gemeinschaften. Die Standpunkte reichen von der Entwicklung eines einzigartigen freien Cyberspaces bis zur Versklavung ganzer Volksgemeinschaften durch eine perfektionierte Technologie der Täuschung oder der Überwachung.

Frühe Ausgangspunkte der CMC-Literatur waren größtenteils durch akademische Richtungen, wie z. B. den Computerwissenschaft, der Kommunikationstheorie und der Literaturwissenschaft definiert. Diese Analysen deuteten immer wieder auf typische philosophische Belange hin, indem sie auf darunter liegende Vermutungen in bezug auf Wissen (Epistemologie), Realität (Ontologie oder Metaphysik), und Werte (Ethik) hinwiesen. Wenige dieser frühen Analysen legten ihre fundamentalen philosophischen Schlußfolgerungen klar. Aber ohne die direkte Aufnahme philosophischer Perspektiven verläßt sich eine wissenschaftliche Betrachtung der CMC auf implizite philosophische Ansätze, die das Risiko von Kontradiktion und Inkohärenz in sich tragen. Die Betrachtung der CMC aus einem explizit philosophischen Rahmen heraus ist zumindest durch folgende zwei Gründe notwendig: Erstens bringt das Herausarbeiten philosophischer Grundlagen weitere Reflexionen der CMC auf ein festeres Fundament, in dem Sinne, daß es weniger Kontradiktionen bzw. Inkohärenzen geben kann. Der zweite Grund ist, daß entwickelte philosophische konzeptuelle Rahmenbedingungen oft konzeptionelle Elemente und Implikationen enthalten, die unter anderen Rahmenbedingungen nur implizit operieren. Sicherlich kann es viele Philosophien einer bestimmten Problematik geben, das heißt es können viele explizit entwickelte philosophische konzeptionelle Rahmen und Ansätze zur Betrachtung eines Phänomens bestehen.

Zwei der elaboriertesten Themen in der Erforschung der CMC sind die Tatsache, daß CMC einen mehr oralen Stil der Kommunikation erzeugt, der im klaren Gegensatz zum Stil der gedruckten Sprache steht. Das zweite Thema wird durch die Debatte zwischen Modernisten, die durch Jürgen Habermas repräsentiert werden können und postmodernistischen Strömungen geführt. Während postmodernistische Strömungen die episodischen und kurzzeitigen Charakteristika der E-Mail-Kommunikation betonen und hochloben, indem sie sie in Konsistenz mit Themen der Dekonstruktion, der Bricolage, etc. sehen, kommt im Denkansatz von Jürgen Habermas der Modernismus zum Zuge, da er die Charakteristika der E-Mail als Erleichterung der Art und Weise des Dialogs sieht, die er grundlegend für demokratische Gemeinschaften hält (Vgl. Kolb 1996).