
Ao.Univ.Prof. Dr. Manfred Borovcnik
Die Sprache ist verräterisch – nicht
immer, aber im Deutschen hat „Zufall“ eine Reihe von Bedeutungen neben derjenigen,
die in der mathematisch-philosophischen Durchdringung des Themengebiets
eigentlich gemeint ist. Zufall steht in Zusammenhang mit „Tyche“, der
griechischen Glücksgöttin und bedeutet u. a. Gelegenheit,
Glück, Glücksfall, Glückssache, Zufälligkeit sowie etwas allgemeiner Affäre, Begebenheit, Bestimmung, Einmaligkeit, Fortuna, Geschehen, Geschick, Schicksal, Vorgang, Vorsehung, Zwischenfall.
Nicht nur der mythologische
Zusammenhang mit der Schicksalsgöttin fällt auf, auch die Vorsehung, die in vielen Deutungen eine Rolle spielt. Es ist nicht
von ungefähr, dass im alten Rom Menschen sich selbst als Wetteinsatz beim
Glücksspiel angeboten haben. Wenn sie verloren haben, so berichtet man, sind
sie freudestrahlend in die Sklaverei gegangen – sie haben es als Gottesurteil angesehen.
In Zeiten der Aufklärung hat sich die
naturwissenschaftliche Sicht durchgesetzt und Laplace musste sich ex post
harsche Kritik gefallen lassen an seinem Dämon, der im Hintergrund alles lenkt
und alles weiß. Nur wir Menschen müssen uns angesichts unserer Beschränktheit
mit Wahrscheinlichkeiten herumplagen, sein Dämon kennt aufgrund von
Zusammenhängen und Gesetzen den Ausgang eines jeden zufälligen Experiments.
Heute trifft man – speziell bei
Mathematikern – auf die gegenteilige Haltung: Der Zufall wird als alleiniger
Grund für bestimmte Vorgänge angesehen; jeder, der andere wie eben primitiv-kausale
oder mystische Vorstellungen damit verbindet, wird nicht ernst genommen.
Gestärkt und genährt wird eine solche Sichtweise noch durch die moderne Physik,
deren Theorien inhärent probabilistisch geworden sind. Zufall ist hier nicht
nur ein Ausdruck unvollständigen Wissens sondern bildet den Kern von Gesetzen,
die den Ablauf physikalischer Prozesse „steuern“.
Nicht umsonst bietet die Disziplin
„Stochastik“ immer wieder bei Lernenden und Experten Anlass für eine Fülle von verzerrten
Meinungen, die nicht nur das Lernen selbst, sondern auch eine sinnvolle
Anwendung erschweren.
Es ist schwer einzusehen, wie man den
Zufall berechenbar machen soll. Wie soll man erklären, warum xy und nicht ich
den Jackpot geknackt hat? Erschwerend mag noch wirken, dass xy dazu ein
Computerprogramm benutzte.
Im Vortrag soll auf die schillernden
Vorstellungen zum Zufall Stellung bezogen werden. Insbesondere soll der Beitrag
der Mathematik zur Klärung dieser ein wenig erleuchtet werden.