Wörterbuch der phänomenologischen Begriffe
Das Lexikon-Projekt
wurde 1996 auf Vorschlag von Ao. Univ.-Prof. Dr. Helmuth Vetter in seiner Eigenschaft
als Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Phänomenologie
ins Leben gerufen. Mitarbeiter/innen am Projekt waren und sind ferner Dr. Petra
Plieger, DDr. Ulrike Kadi, Mag. Lukas M. Vosicky, Mag. Matthias Flatscher, Mag.
Dr. Klaus Ebner, Dr. Wolfgang Fasching, Mag. Sarah Kolb, Mag. Iris Weißenböck, Dr. Michael Blamauer, Raphael Daum und David Unterholzner.
Die Finanzierung des Projekts erfolgte bzw. erfolgt teils durch das Bundesministerium für Bildung, die Stadt Wien, das ZIID, das Institut für Philosophie (Universität Wien), vor allem aber durch den Jubiläumsfonds der Österreichischen Nationalbank.
Das Wörterbuch der phänomenologischen Begriffe (Unter Mitarbeit von Klaus Ebner und Ulrike Kadi herausgegeben von Helmuth Vetter) ist 2005 im Meiner Verlag (Hamburg) erscheinen.
Exposé zum Projekt „Wörterbuch der phänomenologischen Begriffe“
1. Vorgeschichte
Die Phänomenologie
wurde zu Beginn dieses Jahrhunderts von Edmund Husserl (1859-1938) begründet.
Husserl war Österreich und Wien in mehrfacher Hinsicht verbunden: Geboren
im altösterreichischen Proßnitz (heute Prostejov) in Mähren,
studierte er u. a. in Wien und promovierte hier im Fach Mathematik bei Prof.
Weierstraß; über seine Frau war er mit Hugo von Hofmannsthal verwandt.
Sein bedeutendes Spätwerk, „Die Krisis der europäischen Wissenschaften
und die transzendentale Phänomenologie“, nahm insofern von Wien seinen
Ausgang, als er auf Einladung des Wiener Kulturbundes 1935 über „Die
Krisis des europäischen Menschentums und die Philosophie“ sprach.
Bedeutende Schüler Husserls kamen aus Wien, so sein Assistent Ludwig Landgrebe,
der Sozialphilosoph und phänomenologisch orientierte Soziologe Alfred Schütz
oder Felix Kaufmann, der neben Husserl Hans Kelsen und Ludwig von Mises zu seinen
Lehrern zählte.
Vor rund 20 Jahren rief der damals in Wien lehrende Philosoph Carl Ulmer eine
Österreichische Gesellschaft für Phänomenologie ins Leben, um
die bereits vorhandenen Aktivitäten auf diesem Gebiet zu bündeln.
Nach Ulmers plötzlichem Tod hielten sich die Aktivitäten der Gesellschaft
längere Zeit in Grenzen. Es gab zwar immer wieder einzelne Kontakte, doch
höchstens sporadisch im Rahmen der Gesellschaft. Am 24. Jänner 1995
erfolgte dann ihre Reaktivierung mit Bestellung eines neuen Vorstandes.
Am 3.10.1995 wurde von der Generalversammlung als längerfristiges Vorhaben
beschlossen, ein Lexikon phänomenologischer Grundbegriffe zu erstellen
und den Präsidenten der Gesellschaft mit der Projektleitung zu betrauen.
2. Motivenbericht
Die Phänomenologie
ist in- und außerhalb der Philosophie in vielfachen Aktivitäten präsent;
interdisziplinäre Zusammenarbeit gehört von Anfang an zu ihren Besonderheiten:
Die Verbindungen reichen von der Psychotherapie (z. B. den verschiedenen Richtungen
der Daseinsanalyse) über die Sozialwissenschaften bis zur Religionswissenschaft
und -philosophie. Innerhalb der Philosophie gibt es namentlich Beziehungen zur
Hermeneutik (z. B. Gadamer und Ricœur) und zu neostrukturalistischen bzw.
postmodernen Theorien (z. B. Foucault, Derrida, Lyotard). Internationale Vernetzungen,
phänomenologische Aktivitäten sind nun auch im Internet präsent.
Die phänomenologische Philosophie nimmt lebhaften Anteil an der Entwicklung
der neuesten Philosophie und hat mit zahlreichen Wissenschaften enge Verbindung.
Das hat allerdings auch eine weit gefächerte Terminologie zur Folge.
Dieses Faktum legt das Bedürfnis nach Überblick nahe. Es geht darum,
Termini verschiedenen Gebrauchs bei verschiedenen Autoren und synonym verwendete
Begriffe vergleichen bzw. terminologische Beziehungen offen legen zu können.
Dies ergibt für die auf dem Gebiet der Phänomenologie Forschenden
ein hilfreiches Instrument gegenseitiger Verständigung und nicht zuletzt
für Studierende ein wichtiges Hilfsmittel.
Nun gibt es eine Reihe vorzüglicher Einführungen in die Phänomenologie,
die auch mit genauen Sachregistern ausgestattet sind. Ein umfassendes Lexikon
phänomenologischer Grundbegriffe liegt dagegen bisher weder in deutscher
Sprache noch in den gängigen Fremdsprachen vor; unseren Nachforschungen
zufolge gibt es ein derartiges Lexikon bisher nur in japanischer Sprache.
3. Strukturierung des Gesamtvorhabens
Das Lexikon zielt
darauf ab, einen Bestand fundamentaler Termini zu erfassen, die von den Gründern
der Phänomenologie eingeführt wurden bzw. in deren Arbeiten eine besondere
Rolle spielen und - vielfach modifiziert - auch im gegenwärtigen philosophischen
Diskurs sehr wirksam sind. Es handelt sich dabei um 2 Hauptgruppen von Begriffen:
a) solche, die für die Entstehung und Fortbildung der Phänomenologie
grundlegend waren und sind, z. B. „Evidenz“, „Intentionalität“,
„Reduktion“; b) solche, die zwar auch außerhalb der Phänomenologie
von philosophisch größter Relevanz sind, aber von Phänomenologen
neu und eigentümlich bestimmt wurden, z. B. „Bewusstsein“,
„Leiblichkeit“, „Welt“.
Nicht eigens aufgenommen werden Begriffe, die in phänomenologischen Kontexten
durchaus wichtig sein können, aber nicht auf phänomenologischem Weg
entwickelt wurden, sondern erst durch ihr Umfeld ihre phänomenologische
Färbung bekommen, z. B. „Freiheit“, „Politik“.
Diese Termini werden unter den jeweiligen Stichworten der genannten zwei Begriffsgruppen
abgehandelt, wobei entsprechende Querverweise ihre Benützung erleichtern
sollen.
Was die zu bearbeitenden Autorinnen und Autoren betrifft, gilt ein ähnliches
Verfahren. Als Quellen wurden vor allem Texte ausgewählt, in denen die
in Frage stehenden Grundbegriffe eingeführt und expliziert wurden; das
trifft z. B. zu auf Franz Brentano, Martin Heidegger, Edmund Husserl, Emmanuel
Lévinas, Maurice Merleau-Ponty, Enzo Paci, Jan Patoèka, Paul Ricœur,
Jean-Paul Sartre, Max Scheler oder Alfred Schütz. In anderen Texten geht
es um wichtige Weiterführungen terminologischer Art bzw. um Fortbildungen
die an die Grenzen der klassischen Phänomenologie führen, so bei Hannah
Arendt, Ludwig Binswanger, Hedwig Conrad-Martius, Jacques Derrida, Eugen Fink,
Michel Foucault, Ludwig Landgrebe, Edith Stein, Bernhard Waldenfels oder Fridolin
Wiplinger (der in Wien lehrte), um nur einige Beispiele zu nennen.
Ein Anhang enthält knappe biographische und bibliographische Daten über
die wichtigsten Phänomenologinnen und Phänomenologen. Dazu kommt ein
genaues Stichwortregister mit Querverweisen und ein Literaturverzeichnis aller
in den einzelnen Artikeln verwendeten Schriften.
Rezension (auch als pdf) Dimitri Ginev: Die konzeptuelle Rekonstruktion der phänomenologischen Tradition, in: DIVINATIO. studia culturologica series 22 (2005) 189-195.