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    Vol. 1, No. 1, Winter 1999
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Brigitte Weisshaupt

Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre – 

Eine Anmerkung

 

Philosophie, Dichtung und Bericht über das, was zu ihrer Zeit war und an der Zeit war, bilden in den Werken von Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre eine unauflösbare komplexe Einheit. Ihre lebenszeitliche Freundschaft und Liebe bringt Berührungen und Befruchtungen hervor, die auseinanderzudividieren heute im  Einzelnen nicht nur müßig sondern auch hermeneutisch problematisch erscheint.  Vor allem ist aber das gegeneinander Ausspielen der “Schriftstellerin“ einerseits gegen den “Philosophen“ andererseits bei der breit dokumentierten einmaligen Kommunikation zweier denkender Menschen in ihrer Zeit ziemlich unsinnig. Es geht also darum anzumerken, dass es nicht einen Gegensatz von “Denken“ oder “Schreiben“, also von Philosophie oder Dichtung, gibt, oder dass Denken und Schreiben unterschiedlich auf die beiden Philosophierenden und Existierenden zu verteilen wären, sondern dass, bei allen Unterschieden der beiden Personen und ihrer individuellen Eigenheit, auch aus einem Gemeinsamen herausgedacht und herausgeschrieben wurde, bzw. ein Gemeinsames gedacht und geschrieben wurde.  

Im Jahre 1949, vier Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges,  erscheint in Paris Simone de Beauvoirs berühmtestes Buch  Le Deuxième Sex.  Deutsch erschien das Buch bereits 1951 unter dem Titel Das andere Geschlecht  bei Rowohlt.  Simone de Beauvoir ist 1949  einundvierzig Jahre alt.  1999 ist das 50-jährige Jubiläum dieses Buches der Anlass, sich mit dem “Phänomen Simone de Beauvoir“ wieder vermehrt zu beschäftigen. Das ist nicht ganz einfach., denn: wer ist Simone de Beauvoir? 

Unter dem Namen “Simone de Beauvoir“ zeigt sich uns die schwer zu durchdringende Wirklichkeit einer komplexen historischen Frauengestalt des 20. Jahrhunderts.  Simone de Beauvoir ist zwar zunächst einfach jene Frau, die von 1908 bis 1986 gelebt hat und die ein außergewöhnliches philosophisches Leben in diesem Jahrhundert geführt hat. Sie ist aber ebenso die Frau, die geschrieben hat: “Der Lauf der Welt ist auch die Textur meines eigenen Lebens“.  Sie studierte Philosophie, hatte einen Lebensgefährten, mit dem sie nicht verheiratet war,  hatte bewusst keine Kinder, dafür viele Freunde, Frauen und Männer, Liebhaber und Freundinnen, größere und kleinere Lieben. Sie engagiert sich in der zweiten Frauenbewegung unseres Jahrhunderts, deren Voraussetzungen sie mit ihrem Buch Das andere Geschlecht  zwanzig Jahre vorher  mit geschaffen hat, und sie setzt sich noch als alte Frau politisch ein gegen Unterdrückung, Rassismus und immer wieder für die Freiheit und für die Frauen.  

Und zugleich ist sie eine Schriftstellerin und Philosophin, die Romane und bedeutende theoretische Essays verfasst hat.[1]  Zudem  führte sie ein Leben lang eine ausgedehnte Korrespondenz, schrieb und erhielt Briefe von bedeutenden und weniger bedeutenden Menschen, und,  sie verfasste von ihrem 50sten Lebensjahr an autobiographische Schriften über ihre Kindheit, ihre Studienzeit, über ihr weiteres Leben. Vier umfangreiche Bände plus einem Band über Sartres Krankheit und Tod sind im Laufe der Jahre entstanden. Sie hat darin eine wirkliche und eine mögliche “Simone de Beauvoir“ entworfen, beschrieben und gestaltet, eine, die sie war, und eine, als die sie sich ver­stand und eine, die sie sein wollte.  Zudem äußert sie sich zu allem Möglichen und immer wieder auch zu sich selber in Interviews und Filmen. Und bald, schon zu ihren Lebzei­ten, gibt es Äußerungen über sie: Aufsätze und ganze Bücher zu ihren Schriften und inzwischen auch gründlich recherchierte Biographien oder Psychogramme.

Wir  begegnen heute also einer Simone de Beauvoir, die durch eine vielgestaltige Wirkungsgeschichte, durch Interpretationen und  „Frauenbewegung“  zu einer welt­historischen Frauengestalt des 20. Jahrhunderts geworden ist. Für viele Frauen ist Simone de Beauvoir zu einem Mythos geworden, der für die Emanzipation der Frau im unserem Jahrhundert schlechthin steht.

Wir sehen uns also heute am Ende des Jahres 1999 mit Simone de Beauvoir einer vielschichtigen  Wirklichkeit  gegenüber, einer komplexen Phänomenalität, deren einzelne Momente sich ineinander spiegeln.

Im Folgenden möchte ich nur einige wenige Momente dieser besonderen Realität „Simone de Beauvoir“ beleuchten.

 

Existieren als Frau und existieren als Mann oder Mensch

         „Zweifellos ist es bequemer, in blinder Unterwerfung zu leben, als an seiner Befreiung zu arbeiten: auch die Toten sind der Erde besser angepasst als die Lebenden“[2]  , so heißt es in “Das andere Geschlecht“.      An­schreiben gegen die herrschende Welt des Gewöhnlichen im Auftrag der selbstverant­worteten Existenz: so könnte man ineins Weg und Ziel der Schriftstellerin und Philosophin Simone de Beauvoir fassen. „Erkennen und Schreiben“ hieß das ursprüngliche Projekt ihres Lebens. Sie hielt daran fest bis zu ihrem Tod. “In Wahrheit gibt es keine Trennung zwischen Philosophie und Leben“, schreibt sie 1948[3].

         „Die Literatur tritt in Erscheinung, wenn irgend etwas im Leben aus den Fugen gerät.“ Diese Aussage von Simone de Beauvoir betrifft im Prinzip ihre ganze Existenz. Sie stammt aus dem zweiten autobiographischen Band „In den besten Jahren“, „La Force de l’âge“ von 1960[4]. Aus den Fugen geraten ist die Rolle, die ihr als „Tochter aus gutem Hause“ vorgeschrieben gewesen wäre. Indem sie ein ganz anderes Leben ent­wirft und realisiert, sprengt sie alle Vorgegebenheiten eines Frauenlebens in den ersten zwei Dritteln unseres Jahrhunderts. Zudem realisierte sie bald einmal, dass ihre Weise zu leben und zu denken für eine Frau ihrer Zeit so außergewöhnlich war, dass es für sie wichtig und unumgänglich wurde, das Phänomen Simone de Beauvoir über seine individuelle Bedeutung hinaus  zu heben und ihren „Fall“, wie sie selber sagt, öffentlich zu machen.[5] Indem sie ihr Leben ins Werk setzt, kreiert sie ein Frauenleben – das natürlich das Denken einer Frau impliziert -, das exemplarisch für unser Jahrhundert geworden ist. Den Ausspruch aus den späten sechziger Jahren: „Das Private ist das Öffentliche“ hat sie praktiziert, lange bevor dieser Ausspruch Programm wurde. 

            „Ich habe mich auf ein unbesonnenes Abenteuer eingelassen, als ich anfing, von mir zu sprechen: man kommt ins Erzählen und findet kein Ende.“[6]  So heißt es am Anfang der Memoiren „In den besten Jahren“.  Begonnen hat Simone de Beauvoir mit dieser Art „Erzählen“ schon in dem ebenfalls autobiographische Werk Memoiren einer Tochter aus gutem Hause, Mémoires d’une jeune fille rangée, 1958.

Mit fünfzig Jahren, sie ist inzwischen die berühmte Philosophin und erfolgreiche Schriftstellerin, beschreibt sie In den besten Jahren  ihr Leben zwischen 1929 und 1944.  1929 ist sie einundzwanzig Jahre alt, hat gerade ihr bürgerliches Elternhaus verlassen und bereits ihre Examina, vor allem die prestigeträchtige agrégation  in Philosophie bestanden. Sie verdient ihr eigenes Geld mit Privatstunden und einem „Lehrauftrag am Victor-Duruy-Lyzeum“.[7] Sie ist berauscht von der endlich gewonnenen Freiheit. „Ich hatte ein für allemal meine Selbstständigkeit erobert; nichts würde sie mir nehmen.“[8]  Sie öffnet ihr Bewusstsein „der vielfältigen Pracht des Lebens“ und sie „muss schreiben“, wie sie sagt, um diese Pracht „der Zeit und dem Nichts zu entreissen“.[9] Das Schreiben wird zum Leben, das Leben zum Schreiben. Simone de Beauvoir hat nie einfach nur über ihr Leben geschrieben, sie erschreibt sich ihr Selbst, ihre Identität, und das in außergewöhnlich ausführlicher Art. Allein ihre autobiographischen Schriften und ihre Briefe umfassen Tausende von Seiten („Mehr als eine Million Worte.“[10]).

 

Das Verhältnis zu Sartre  /  Das Paar

Für Simone de Beauvoir ist Jean-Paul Sartre in jeder Hinsicht der wichtigste Mensch in ihrem Leben. Die beiden Biographinnen Simone de Beauvoirs, Claude Francis und Fernande Gontier schreiben zum Ereignis der beginnenden Beziehung von Sartre und Simone de Beauvoir: „Der eigenartigste Liebesroman des 20. Jahrhunderts hatte begonnen“[11]. Simone de Beauvoir hält in La Force de l`Âge fest: “Er ( Sartre ) war das Doppel, in dem ich alle meine Manien zum Extrem getrieben wiederfand“.[12]

Simone de Beauvoir lernt Sartre 1929 während der gemeinsamen Vorbereitungen zur mündlichen Prüfung der agrégation in Philosophie kennen. Sie besteht die agrégation als Zweitbeste  - nach Sartre, dem Besten, “dem  Starstudenten der Ecole Normale Supérieure“[13] ; sie ist aber immerhin die Jüngste des Jahrgangs, drei Jahre jünger als Sartre und gerade einmal 21 Jahre alt[14]. Sartre schlägt ihr in dieser Zeit auf einem Spaziergang in den Jardins du Carrousel einen Zwei-Jahres-Pakt vor[15] . Diese Zeit wollen sie „in möglichst engem Zusammenleben verbringen“.[16] Danach würden sie sich, so schlug Sartre weiter vor, jeder/jede für sich in der Welt umsehen und sich in ein paar Jahren „irgendwo in der Welt wiedertreffen“, um „von neuem ein mehr oder weniger gemeinsames Leben zu führen“[17]. Sie „würden einander nie fremd werden“ und nichts „würde dieser Allianz den Rang ablaufen; aber sie (die Allianz) durfte weder in Zwang noch in Gewohnheit ausarten“.[18]  Simone de Beauvoir war überzeugt, dass sie sich „vollkommen auf Sartres Wort verlassen konnte“ und willigte in den Plan ein. In „In den besten Jahren“ schreibt sie zudem: “Ich wusste, durch ihn (Sartre) würde mir nie ein Leid zugefügt, es sei denn, er  stürbe eher als ich“.[19]

Sartre und Beauvoir schließen noch einen zweiten Pakt; sie geben sich das Versprechen vollkommener Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit: „weder würden wir einander belügen noch etwas voreinander verbergen“.[20] „Das Erstaunlichste dabei ist, dass dieses seltsame Versprechen gehalten wurde“, schreiben die beiden Biographinnen Claude Francis und Fernande Gontier 1985.

Ihr Verhältnis nennen Sartre und Beauvoir „eine morganatische Ehe“[21], eine gerade nicht standesgemäße Ehe. Für Simone de Beauvoir ist Jean-Paul Sartre „die große Liebe ihres Lebens“[22]. Sie und Sartre bleiben bis zu Sartres Tod am 15. April 1980 einander verbunden. Sie haben gemeinsame Freunde, wechselnde Geliebte bzw. Liebhaber, leidenschaftliche Beziehungen zu anderen und auch wirkliche Liebesbeziehungen  zu anderen Frauen und, was Simone de Beauvoir betrifft, zu anderen Männern und Frauen. Simone de Beauvoir schreibt 1960 im zweiten Band ihrer Autobiographie „In den besten Jahren“: „Sartre war nicht zur Monogamie berufen. Er war gerne in Gesellschaft von Frauen, die er weniger komisch fand als Männer. Er  war nicht bereit, mit dreiundzwanzig Jahren auf die Freuden der Abwechslung zu verzichten. ‚Bei uns  beiden‘, erklärte er mir unter Anwendung seines Lieblingsvokabulars, handelt es sich um eine notwendige Liebe: es ist unerlässlich, dass wir auch die Zufallsliebe kennenlernen“.[23]  Eifersucht scheint Sartre nicht zu kennen; deren Qualen ist Simone de Beauvoir jedoch schon bald ausgesetzt. Die Frau, auf die sie zuerst eifersüchtig ist, ist eine andere Simone, Simone de Jolivet, eine extravagante, schon bekannte Schauspielerin, für Simone de Beauvoir noch dazu „das Vorbild einer emanzipierten und kreativen Frau“[24] . Simone de Beauvoir kann in dieser Phase der Eifersucht nicht mehr schreiben. Sartre ermuntert sie  und hält ihr ausgerechnet Simone de Jolivet als Beispiel vor. Ein Teufelskreis entsteht. Simone de Beauvoir freundet sich später mit der anderen Simone und deren Liebhaber, Freund und Kollegen Charles Dullin, der verheiratet ist, an. Im Laufe der Jahre lernt sie zudem, mit den “kontingenten“ Lieben Sartres umzugehen - was immer das heissen mag - und sie hat selber solche “kontingenten“ Beziehungen. – Man könnte lange, verwickelte Geschichten darüber erzählen. Zusammen haben Sartre und Simone de Beauvoir einen Kreis von engen Freunden, den sie „die  kleine Familie“ nennen.

Sartre nennt Simone de Beauvoir seinen ‚kleinen Castor‘, zu deutsch: kleiner Biber. Sartre hat immer wieder von Simone de Beauvoir den heute eher sexistisch anmutenden Ausspruch getan: „Das Wunder bei Simone de Beauvoir ist, dass sie die Intelligenz eines Mannes ... und die Sensibilität einer Frau hat... das heißt, dass ich bei ihr genau das gefunden habe, was ich mir nur wünschen konnte“[25] . Er nennt sie seine „sehr teure Liebe“ oder „sein kleines Absolutes“. 1966 sagt Sartre in einem Interview auf die Frage, was ihm Simone de Beauvoir bedeute: „In gewisser Beziehung, wenn sie wollen, verdanke ich ihr alles ...“ oder 1977: „es existiert eine tiefe Verbindung, die es in manchen Momenten zustande bringt, fast eine Individualität zu erschaffen, ein Wir, das nicht aus zwei Du besteht, das wirklich ein Wir ist. Dieses Wir habe ich mein Leben lang mit Simone de Beauvoir gehabt“.[26]

Alles , was die beiden im  Laufe der Jahrzehnte schreiben, haben sie sich gegenseitig gezeigt und kritisch gegengelesen. Was sie dachten und fühlten und was sie taten, haben sie sich getreu ihrer Abmachung erzählt, neben all dem, was sie zusammen unternahmen. Und das alles, obwohl sie sehr unterschiedliche Naturen waren. Es dürfte evident sein, dass bei so intensiven und auf die ganze Lebenszeit sich ausdehnenden Besprechungen und diskursiven Erörterungen Simone de Beauvoirs Gedanken und Ideen ebenso in das philosophische Werk von Sartre eingegangen sind wie umgekehrt die seinen in ihr Werk.  

Sie wurden zusammen  und je auf besondere Weise berühmt: Sartre in erster Linie als Philosoph, aber auch als Autor von Theaterstücken, Simone de Beauvoir vornehmlich als Schriftstellerin. Am 6. Dezember 1954 erhält sie den Prix Goncourt, den prestigeträchtigsten Preis, den das literarische und intellektuelle Frankreich zu vergeben hat. Ausgezeichnet wird ihr Roman Les Mandarins, deutsch: Die Mandarine von Paris. Das Buch ist dem amerikanischen Schriftsteller Nelson Algren gewidmet, mit dem Simone de Beauvoir seit 1947 einige Jahre eine tiefe und leidenschaftliche Liebesbeziehung verband.[27]

            Zum Zeitpunkt der Preisverleihung, Simone de Beauvoir ist 44 Jahre alt, lebt sie mit dem 17 Jahre jüngeren Philosophen Claude Lanzmann zusammen. Es ist übrigens das einzige Mal, dass sie mit einem Mann für einige Zeit eine Wohnung teilt. Weder mit Sartre noch mit Algren hat sie je in einem Haushalt zusammen gelebt. Die Liebesbeziehung mit Claude Lanzmann hilft Simone de Beauvoir – mehr noch als ihre „große Begabung zum Glück“ und ihr Wille zum aktiven Leben - eine Zeitlang über Ängste und Depressionen hinweg, von denen sie - besonders angesichts von Alter und sicher drohendem Tod – schon früh immer wieder heimgesucht wird. 

Simone de Beauvoir wird also berühmt; berühmt als „Schriftstellerin“. Die immer wieder gestellte Frage ist: Wieso als Schriftstellerin und nicht als Philosophin? Schließlich wollte sie schon als junges Mädchen Philosophin werden, hat Philosophie studiert und das Fach Philosophie an verschiedenen Schulen unterrichtet. Außerdem hat sie einen Pakt mit einem Philosophen geschlossen, der, wie sie spürte, „eines Tages ein philosophisches Werk von Gewicht schreiben würde.“[28]

            Hat Simone de Beauvoir darauf verzichtet, sich künftig als Philosophin zu verstehen und zu etablieren, gerade weil sie mit Sartre befreundet war?

Es gibt Spekulationen, die in diese Richtung weisen. Zuletzt wieder von Alice Schwarzer in der Wochenzeitschrift „Der Spiegel“ vom 1. 3. 1999. Schwarzer hält es für möglich, dass es eine unausgesprochene Bedingung im „Pakt“ zwischen Sartre und Simone de Beauvoir gab, dahingehend, dass Beauvoir nicht nur alles mit Sartre teilte, sondern „ganze Teile ihres Lebens und Denkens (an Sartre) abtrat – von den Geliebten bis zu den Erkenntnissen.“[29]

Simone de Beauvoir hat sich in philosophischen Dingen selbst wiederholt als Schülerin Sartres bezeichnet und fühlt sich ihm intellektuell untelegen[30]. In einem inzwischen berühmt gewordenen dreistündigen “Gespräch im Jardin du Luxenbourg“ im Sommer 1929  - beschrieben von Simone de Beauvoir selbst in ihrem ersten Memoirenband: Memoiren einer Tochter aus gutem Hause[31]  erklärt Simone de Beauvoir Sartre ihre “pluralistische Moral“. Ihre Ausführungen werden von Sartre regelrecht zerrissen (il la mit en pièces). Simone de Beauvoir schreibt dazu in den “Memoiren“: „Ich kämpfte (je me débattis) drei Stunden lang, dann musste ich zugeben, dass ich geschlagen war. Außerdem hatte ich im Lauf der Debatte erkannt, dass viele meiner Meinungen nur auf Vorurteilen, auf Unaufrichtigkeit oder Unüberlegtheiten beruhten, dass meine Beweisführungen hinkten und meine Ideen verworren waren. ‚Ich bin mir dessen, was ich denke, nicht mehr sicher, ja, nicht einmal mehr sicher, überhaupt zu denken‘, notierte ich bestürzt. Meine Eitelkeit war nicht gekränkt, da ich eher neugierig als rechthaberisch war und lieber lernte als glänzte. Doch immerhin war es nach so vielen Jahren hochmütiger Einsamkeit eine ernste Erfahrung für mich zu entdecken, dass ich weder die Erste noch die Einzige war, sondern eine unter vielen, die sich plötzlich ihrer wahren Fähigkeiten nicht mehr sicher war“[32].

Es könnte sein, dass der Grund, warum Simone de Beauvoir sich intellektuell als Zweite nach Sartre versteht, darin liegt, dass sie Sartre gefallen will[33] und dass sie ihn zudem  sozusagen erhöht, um ihn bewundern und begehren zu können! (Das Begehren der intellektuellen Frau “verwandelt... den Körper des Mannes in Philosophie“, schreibt z. B. Toril Moi in diesem Zusammenhang in ihrem Buch über Simone de Beauvoir, mit dem Titel: Die Psychographie einer Intellektuellen.

 Wie auch immer wir heute die Szene im Jardin du Luxembourg und Simone de Beauvoirs eigene Interpretation davon in ihrer Autobiographie lesen wollen, Tatsache ist, dass Simone de Beauvoir ihr Leben lang dabei bleibt, sich nach   Sartre als Zweite zu verstehen.[34]  Zu fragen bleibt hier allerdings: wieso soll man überhaupt zählen: der Erste, die Zweite, etc.? Meiner Meinung nach kokettiert Simone de Beauvoir in solchen Aussagen. Man sollte diese daher nicht überbewerten. 

Simone de Beauvoir ist in allen ihren Werken eine eigenständige Philosophin. Besonders zeigt sich ihre Philosophie aber in dem großen Essay Das andere Geschlecht (1949) oder auch in der zuvor – nämlich 1947 - erschienenen Schrift:  Pour une morale de l’ambiguité, Für eine Moral der Doppelsinnigkeit. Hier entwirft Simone de Beauvoir ihre, das heißt die existentialistische Ethik .  Simone de Beauvoir war mit diesem Werk nicht zufrieden, gleichwohl hält sie diesen Typus von Ethik auch im Buch Das andere Geschlecht aufrecht.[35]

Dass Simone de Beauvoir eine originäre Philosophin ist, steht für mich außer Zweifel. Eine „Reduktion“ ihres Werks auf bloße Schriftstellerei, wie es immer wieder versucht wir, ist absurd. Es gibt ja nicht die Philosophie  in einer objektiven Gestalt. Vielmehr sind es Form und Inhalt in ihrer besonderen subjektiven Gestalt, die eine bestimmte Philosophie ausmachen. Die Philosophie Simone de Beauvoirs mag eine andere Ausprägung haben als diejenige Sartres, Philosophie ist das Werk Simone de Beauvoirs in seinem Kern allemal.

Es wäre daher nicht einmal nötig, auf Tagebuchstellen zu verweisen, die Simone de Beauvoir zwei Jahre vor ihrer Bekanntschaft mit Jean-Paul Sartre in ihrem Selbstverständnis als Philosophin auszuweisen versuchen.[36]  Im Jahre 1927 notiert  Simone de Beauvoir quasi ein erstes philosophisches Programm für ihr denkendes und schreibendes Leben: „Ich muss meine philosophischen Ideen ins reine schreiben... die Probleme vertiefen, die mich beschäftigt haben ... Das Thema ist fast immer dieser Gegensatz von Ich/Selbst (moi) und Anderem, den ich empfunden habe, als ich anfing zu leben“.[37]

Philosophieren, zumal im Sinne existenzphilosophischen Philosophierens, ist eine Leidenschaft, die Simone de Beauvoir in Leben und Werk geprägt hat. Dass dies zeitweise in  kaum auflösbarer Gemeinsamkeit mit Sartre geschah, ist umso erstaunlicher.

 

 

ENDNOTEN

[1] 1943, L’Invitée (Sie kam und blieb); 1947, Pour une morale de l` ambiguité (Für eine Moral der Doppelsinnigkeit);

1954, Les Mandarins (Die Mandarine von Paris); 1958, Mémoires d‘ une jeune fille rangée (Memoiren einer Tochter aus gutem Hause); 1960, La Force de l‘age (In den besten Jahren); 1963, La Force des choses (Der Lauf der Dinge); 1964, Une Mort très douce (Ein sanfter Tod); 1970, La Vieillesse (Das Alter); 1972, Tout comte fait (Alles in allem); 1981, La céremonie des adieux (Die Zeremonie des Abschieds). 

[2] S. de Beauvoir,  Das andere Geschlecht, S. 261

[3] In der Einleitung zu: L’existentialisme et la sagesse des nations. S. 12 (nach T. Moi S.221)

[4] S. de Beauvoir, In den besten Jahren, S. 310

[5] S. de Beauvoir, In den besten Jahren, S. 8

[6] S. de Beauvoir, In den besten Jahren, S. 7

[7] S. de Beauvoir, In den besten Jahren, S. 14

[8] S. de Beauvoir, In den besten Jahren, S. 16

[9] S.de Beauvoir, In den besten Jahren, S. 16

[10] Vgl. Toril Moi, Simone de Beauvoir. Die Psychographie einer Intelektuellen. Frankfurt a. M. 1996. (Die Originalausgabe erschien 1994 unter dem Titel: Simone de Beauvoir. The Making of an Intellectual Woman).

[11] C. Francis, F. Gontier, S.d.B., Die Biographie, 1985f/1986d, S. 117

[12] Zitiert nach C. Francis, F. Gontier, a.a.O., S. 113

[13] Toril Moi, a.a.O., S.39

[14] Toril Moi, a.a.O., S. 65

[15] In den besten Jahren, S. 23f

[16] S.de Beauvoir, In den besten Jahren, S. 23

[17] S. de Beauvoir, In den besten Jahren, S. 23

[18] S. de Beauvoir, In den besten Jahren, S. 23

[19] S. de Beauvoir, In den besten Jahren, S. 24

[20] S. de Beauvoir, In den besten Jahren, S. 24

[21] S. de Beauvoir, In den besten Jahren, S. 20

[22] Francis/Gontier, a.a.O. ,S.133. Die große Liebesgeschichte mit Nelson Algren wäre gesondert zu beschreiben.

[23] S. de Beauvoir, In den besten Jahren, S. 23

[24] Francis/Gontier, S. 141

[25] Francis/Gontier, S.142

[26] Francis/Gontier, S. 143

[27] Simone de Beauvoir: Lettres à Nelson Algren, Paris 1997, hrg. Von Sylvie Le Bon de Beauvoir. (dt.: Eine transatlantische Liebe, Briefe an Nelson Algren 1947-1964, Hamburg 1959)

[28] Simone de Beauvoir, Memoiren einer Tochter aus gutem Hause, S. 329

[29] Schwarzer bezieht sich auf die Untersuchungen des britischen Autorenpaares Kate und Edward Fullbrook, die die „minutiös belegte These“ (Spiegel) aufstellen, nicht Sartre, sondern Beauvoir sei die eigentliche „Schöpferin des französischen Existentialismus“ und Sartre sei nur ihr „Plagiator“ gewesen.

[30] Toril Moi, S.d.B., S.39

[31] vgl. S. 329

[32] zit. Bei Toril Moi , S. 40

[33] Vgl. Toril Moi, S. 49

[34] Vgl. T. Moi, S. 45

[35] Vgl. Toril Moi, S. 224

[36] Vgl. Margret A. Simons, Ist Sartre der Urheber von ‚Das andere Geschlecht?‘, in: Die Philosophin 20, Okt.1999, S.31-40

[37] a.a.O.: S. 33