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    Vol. 1, No. 1, Winter 1999

 

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50 Jahre Das andere Geschlecht
(Die Internationale Konferenz in Paris 19-23.01.1999)

 

Unter dem Titel "Cinquantenaire du Deuxième sexe - 50th anniversary of The Second Sex" lud die feministische Zeitschrift Nouvelles Questions Feministes in Zusammenarbeit mit dem Festival International de Films de Femmes de Créteil zu einer von Christine Delphy und Sylvie Chaperon organisierten internationalen Konferenz ein. Mehr als 130 TeilnehmerInnen aus 26 Ländern folgten der Einladung, wobei eine auffällige breite internationale Streuung zu vermerken war. Während aus dem deutschsprachigen Raum nur eine Handvoll Teilnehmerinnen zu verzeichnen war, brachten afrikanische Frauen jenen Flair von Andersheit und Vielfalt mit sich, der ganz im Sinne des Konferenzkonzepts lag. So wurde insbesondere nach den weltweiten Auswirkungen des 1949 erschienen und in 121 Sprachen übersetzten Werkes gefragt. Teilnehmerinnen aus Ägypten, Japan, Brasilien, Russland, Argentinien, Spanien berichteten über die Rezeption in ihrem Land. Das Thema "Das andere Geschlecht in der arabischen Welt" wurde sogar in einer eigenen Sektion behandelt.  Eine eigene Plenarsitzung widmete sich den Problemen der Übersetzung. Wie wurde übersetzt und welche kulturellen Vorurteile spiegeln sich in den "Fehlern" wieder, die sich dabei ereignen. Erwähnenswert in diesem Zusammenhang ist die von Alice Schwarzer gegenüber der deutschen Rowohlt-Übersetzung von Beauvoirs wohl berühmtestem Satz: "Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es" vorgenommene Interpretation in Form einer passiveren Variante "Man kommt nicht als Frau zu Welt, man wird dazu gemacht." 

Einen weiteren Schwerpunkt bildete die Frage nach den Auswirkungen und Einflüssen des Anderen Geschlechts auf die Zweite Frauenbewegung und auf den Radikalen Feminismus. Beauvoir selbst bezeichnete sich ja ab 1965 als radikale Feministin. Welche Rolle spielte sie innerhalb der Frauenbewegung, was waren ihre Projekte und welchen Stellenwert erhielten ihre weiteren Artikel, Interviews und Konferenzen?

In den letzten Jahren war ein verstärktes Interesse an Beauvoir als Philosophin zu vermerken. Viele Jahrzehnte im Schatten Sartres stehend wurde nunmehr Beauvoirs philosophische Eigenständigkeit hervorgehoben. Margaret Simons stellte in der von Sylvie le Bon de Beauvoir eröffneten Schlussplenarsitzung im Festsaal der Sorbonne die Frage: "Did Sartre Originate the Philosophy of The Second Sex?" und beantwortete sie in Anlehnung an ihr neues Buch Beauvoir and The Second Sex. Feminism, Race, and Origins of Existentialism (1)dahingehend, dass Beauvoir nicht nur die Grundzüge des Existentialismus in ihrem handschriftlichen Tagebuch von 1927 gelegt hätte, sondern durch eine auf den afrikanisch-amerikanischen Schriftsteller und Menschenrechtsaktivisten Richard Wright zurückgehende Theorie der Unterdrückung ihrerseits Sartres Philosophie maßgeblich beeinflusst hätte. Beauvoir habe nicht Sartres Thesen übernommen, sondern ihrerseits ihn beeinflusst, wobei sie, auf andere Quellen zurückgreifend, zu wesentlich unterschiedlichen Implikationen gelangt sei. Breiten Raum wurde daher der Frage nach den philosophischen Einflüssen gegeben, die im Anderen Geschlecht von Relevanz sind. 

Eva Lungren-Gothlin stellte in ihrem Vortrag The Philosophical Origins of Simone de Beauvoir´s Le Deuxième sexe die schon in ihrem Buch Sex and Existence (2) vertretene These dar, dass Beauvoir im Wesentlichen von Kojèves Hegelinterpretation beeinflusst war und es ihr in Übereinstimmung mit dessen Philosophie gelungen sei, im Gegensatz zu Sartres Das Sein und das Nichts zu einer Überschreitung des Konflikts in Richtung einer wechselseitigen Anerkennung zu gelangen. 

Wendy O. Brien-Ewara widmete sich in ihrem Vortrag Expanding the Tradition: The Second Sex and the Legacy of French Hegelianism ebenfalls diesem Thema, kam jedoch zu einem andere Ergebnis, was zu heftigen Diskussionen führte. Beauvoirs Hegellektüre müsse noch genauer erforscht werden und könne nicht auf Kojèves Einfluss alleine zurückgeführt werden; indem sie sowohl über Hegels Herr-Knechtdialektik, wie auch über Kojèves revolutionäre Befreiung durch die Arbeit hinausgegangen ist, habe Beauvoir die Hegelforschungen in Frankreich selbst wesentlich erweitert. 

Nancy Bauers Beitrag: I am a woman; there-from I think: The Second Sex and Descartes' Meditations erhob das Andere Geschlecht in den Rang von Descartes Meditationen indem sie Beauvoirs Fragestellung "Was ist eine Frau?" mit Descartes skeptischer Infragestellung in dessen Zweiter Meditation, was es wohl bedeutet, ein Mensch zu sein, in Bezug setzte. So wie Descartes’ Zweifel: "Aber was ist das, ein Mensch?" das in Frage stellt, was er vordem geglaubt hatte zu sein, so stellt Beauvoir dasjenige, was man bisher geglaubt hatte, als "Frausein" annehmen zu können, in Frage. 

Nancy Holland setzte sich mit den Einflüssen Heideggers und seinem Konzept von Authentizität auseinander. Aus ihrem Vortrag The Universe ist Made of Stories, Not of Atoms: Bad Faith and the Feminine in The Second Sex wurde aber nicht klar, ob Beauvoirs Konzept der mauvaise foi eher von Heidegger als von Sartre beeinflusst war und in welcher Hinsicht sie über den letzteren hinausgegangen war. Weitere Bezüge zur Phänomenologie wurden von Eleanor Kaufman (Beauvoir, Merleau-Ponty, and the Phenomenology of Others) und von Linda Fisher (Beauvoir´s Feminist Phenomenology) hergestellt, wobei die letztere besonders auf das Spannungsverhältnis, sowie auf mögliche Gemeinsamkeiten von Feminismus und Phänomenologie einging. Susanne Moser betonte ihrerseits die Bedeutung des Transzendenzbegriffes für das theoretische Verständnis des Anderen Geschlechts, sowie Beauvoirs Anwendung dieses Begriffs in drei gänzlich verschiedenen Hinsichten, nämlich in phänomenologisch-existentieller, in gesellschaftlich-sozialer und in ethischer Hinsicht. 

Auffällig war die vollkommene Absenz einer Auseinandersetzung mit Sartres philosophischen Implikationen auf Beauvoirs Werk, offensichtlich eine Konsequenz des vorhin beschriebenen Trends in der Beauvoirforschung, Beauvoir als von Sartre unabhängige Philosophin in den Mittelpunkt zu stellen. 

Einen weiteren Schwerpunkt bildeten die Beiträge zur Aktualität des Anderen Geschlechts, wobei der postmoderne Ansatz dabei als wichtiges Moment mitberücksichtigt wurde. Mit "postmodernem Humor" und Comics-Diaposi-tiven illustrierte Blanka Elisa Cabral Beauvoirs Beitrag zur Dekonstruktion der von männlichen Mustern geprägten Sexualität, während Cécile Coderre und Colette Parent zeigten, dass Beauvoirs Kritik an der Prostitution als Ausbeutung und Reduktion der Frauen zur Immanenz und zum inauthentischen Sein nur ein erster Schritt gewesen war. Der zweite, der heutigen Lage besser entsprechend, wäre die Forderung der Anerkennung der Prostitution als Beruf und Garantie der sozialen und rechtliche Absicherung aller in diesem Bereich arbeitenden Frauen. Debra Bergoffen analysierte hingegen Beauvoirs Kritik an der patriarchalen Ehe und versuchte Beauvoirs Konzept, das den Antagonismus zwischen der patriarchalen Familieninstitution und der ethischen Dimension der Erotik aufdeckt,bezüglich der Dimension der Gerechtigkeit zu erweitern. Demnach sollte die ethische Dimension der Liebe die politische Dimension der Eheinstitution fundieren, so dass eine gerechte Politik die Erotik und die spezifischen Interessen der Paare anzuerkennen hätte, anstatt diese über den Besitz und die Reproduktion zu definieren. Yvanka B. Raynova versuchte zu zeigen, dass die Alterität bei Beauvoir den Ausgangspunkt einer mehrfachen Kritik bildet, die sie als Vorgängerin des Postmodernismus erscheinen lässt - das Thematisieren des Widerstreits, die Kritik der Mythen als Simulakren, die Delegitimation der "großen Erzählungen", die Dekonstruktion des dualistischen Denkens, der Aufbau einer Ethik der Gerechtigkeit. 

Zu guter Letzt kam noch als einziger Mann Daniel Welzer-Lang zu Wort indem er einen Bezug zwischen Das andere Geschlecht und pro-feministischen Männergruppen herstellte. 

Dieses dichte und reichhaltige Programm wurde durch Filmvorführungen, Ausstellungen, einem Chansonabend und einem Ball begleitet. Zum Schluss bleibt aber die Frage, ob diese Veranstaltung dazu beitragen wird, dass Beauvoir den ihr zukommenden Platz auch im akademisch-philosophischen Diskurs findet.

Susanne Moser, Yvanka B. Raynova


 

ENDNOTEN

(1)  Margaret A. Simons, Beauvoir and The Second Sex. Feminism, Race, and Origins of Existentialism, Rowman&Littlefield, 1999
(2)  Eva Lundgren-Gothlin, Sex and Existence, University Press of New England, 1996