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    Vol. 1, No. 1, Winter 1999

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Das andere Geschlecht : eine Neulektüre in drei Zeiten: 1949-1971-1999

(Das Kolloquium der Fakultät für Sozialwissenschaften 
der Universität Ottawa, 14-15 Oktober 1999)


          Wie wurde Das andere Geschlecht nach seiner Veröffentlichung in Frankreich rezipiert? Warum wurde es in Kanada verschwiegen und erst in den 70-er Jahren "berühmt"? Was sind seine heutigen Botschaften an uns? Diesen Fragen widmeten sich die 16 Vorträge des jährlichen Kolloquiums der Fakultät für Sozialwissenschaften der Universität Ottawa. 

Weshalb dieses Thema? Die Dekanin der Fakultät Caroline Andrew erläuterte dies bei der Eröffnung des Kolloquiums: das 50-jährige Jubiläum des Anderen Geschlechts sei eine gute Gelegenheit Beauvoirs Erbe und dessen Einfluß auf die Frauenbewegung der 70-er Jahre in Québec neu zu reflektieren. Ferner solle das Kolloquium zeigen, in wieweit die Forderungen des Anderen Geschlechts heute erfüllt seien und wie sich die sozialpolitische, ökonomische und rechtliche Lage der Frauen in Frankreich und Kanada in den letzten 50 Jahren entwickelt hat. 

Dieser Idee folgend, erläuterten Alain Parguez und Ronald Bodkin die soziale, rechtliche und ökonomische Situation in Frankreich, in der Das andere Geschlecht entstanden war und einen enormen Skandal hervorgerufen hatte. Dass 2/3 der Frauen keine bezahlte Arbeit hatten und dem Mann total ausgeliefert waren, dass sie nur die schlechteste Arbeit erhielten (von 50 Fachschulen waren den Mädchen nur 13 zugänglich und von 392 Berufe konnten Frauen nur 1/3 "wählen") dafür zweifach weniger Lohn als der Mann an der selben Stelle bekamen, dass sie bei Abtreibung das Gefängnis und das Leben riskierten, weil die Abtreibung als ein "Verbrechen gegen den Staat" erklärt wurde - dies ist nur ein Teil der Tatsachen. Weshalb wurde dann Beauvoirs Emanzipationsdiskurs von allen Seiten angegriffen und sie mit allen möglichen Schimpfworten genannt?! Weil die "Linke", bzw. die KP in Frankreich damals unter dem dogmatischen Stalinismus litt, die Nichtstalinisten an die automatische Verbesserung der Frau unter dem Sozialismus glaubten, und die Rechten sich mit dem Katholizismus zusammenfanden, der sogleich Das andere Geschlecht auf den Index der verurteilten Bücher stellte. Auch heute sieht die Lage der Frau nicht rosig aus - 25 % Lohn weniger, keine Karenz für Arbeitende und Lehrende usw. Für Feminismus ist kein Platz in Frankreich, weder im öffentlichen, noch im akademischen Bereich - dies war die düstere Schlußfolgerung.

Francine Descarries, Marie-Josée des Rivières in Zusammenarbeit mit Geneviève Thibault, und Diane Lamoureux widmeten sich dem Thema "Beauvoir und die Frauenbewegung in Québec". Die Tatsache, dass Beauvoirs Hauptwerk Das andere Geschlecht nach der Veröffentlichung in Kanada gänzlich von den Medien verschwiegen wurde, erklärten die Vortragenden mit der insgesamt rechtsorientierten und reaktionären kanadischen Gesellschaft und Politik nach dem zweiten Weltkrieg. Frauen spielten nicht nur keine Rolle in der Öffentlichkeit und konnten nicht einmal wählen, sondern sie waren einer autoritären katholischen Ideologie untergeordnet, die das Das andere Geschlecht sofort aus den Buchhandlungen schaffte. Auch das einzigartige Interview mit Beauvoir, aufgenommen für das kanadische Radio, wurde verboten und nicht ausgestrahlt. Das Filmdokument dieses Interviews wurde erstmals nach dem Tode Beauvoirs gezeigt. Die VeranstalterInnen zeigten freundlicherweise die Videoaufnahme während des Kolloquiums, das Beauvoirs scharfe Kritik an der Kirche und dem Staat noch einmal lebendig machte. 

Die Behauptung, man hätte Beauvoir erst in den 70-er Jahren in Québec entdeckt, löste bei manchen Frauen von der älteren Generation Empörung und Widerstand aus. Eine ehemalige Psychologieprofessorin aus einem intellektuellen Milieu stammend, behauptete ihre Familie und dessen Freundeskreis hätten die Ideen Beauvoirs schon in den 50-er Jahren gekannt und diskutiert. Es habe schon damals einen Widerstand gegen das Regime bei den Intellektuellen gegeben. Nur aus dem heraus wäre zu verstehen, wie es zur Bewegung der 70-er kam. Darauf hin antwortete Francine Descarries, dass dies leider nur Einzelfälle, "kleine Inseln" gewesen seien, die im Bezug auf den herrschenden Diskurs keine Auswirkungen gehabt hätten. Sie brachte dabei das Beispiel eines intellektuellen 

Manifestes, dessen Protest von der Polizei sofort erstickt wurde und bis heute in Vergessenheit geblieben ist. 

Die darauffolgenden Vorträge zeigten wie Beauvoir aus dem Differenzdenken und dem Ausgeschlossenseins heraus zu verstehen wäre. Ausgehend von der Doppelsinnigkeit der Moral über Das andere Geschlecht bis zu Jamila Boupacha artikulierte Gertrude Mianda die anti-kolonialistischen und anti-rassistischen Ansätze Beauvoirs als Einforderung gleicher Rechte für Nicht-gleiche. Weiters versuchte Anna Alexander Beauvoirs Emanzipationsdiskurs durch den Begriff Foucaults des "dehors" (außen, außerhalb) zu erläutern, während Yvanka B. Raynova Das andere Geschlecht aus der Lyotardschen Perspektive des Différend heraus interpretierte. 

Der Rest der Vorträge beschäftigte sich mit verschiedenen Aspekten des zentralen Problems der Identität. Ist die Frau noch Frau wenn sie alt wird? Dieser delikaten Frage widmete sich Michèle Kéresit, die Beauvoirs ständige Auseinandersetzung mit der "viellesse" nachvollzog, um uns zu überzeugen, dass nicht das Alter uns als Selbst ausmacht, sondern das was wir aus ihm machen. Welche zusätzliche Rolle die Zufälligkeit beim Frau-sein spielt artikulierte insbesondere Carole Noël. Sie zeigte nicht nur dass die Frau nicht unbedingt eine Mutter zu sein hat, sondern auch dass die angeblich mutterfeindlichen Stellen bei Beauvoir in Hinsicht auf eine gänzliche Interpretation ihres Werkes anders aussehen - Mutterschaft als gewählte und nicht-kontingente "condition" könnte auch den Bereich der Transzendenz erreichen und zu einer kreativen, bereichenden Tätigkeit werden. Eine andere Lektüre der Mutterschaft bat Marie-Blanche Tahon an. Sie unterstrich, dass Beauvoirs Kritik an der Mutterschaft gegen die reproduktive Versklavung der Frau gerichtet war und dass das Recht auf die Kontrolle des eigenen Körpers und Lebens als ein Teil der universellen Menschenrechte anzusehen wäre. Gegen den Vorwurf, Beauvoir hätte geschrieben "ce n'est pas en tant que mère que les femmes ont conquis le bulletin de vote", müßte man antworten, die Frauen hätten das Wahlrecht als Mütter gar nicht gewinnen können, weil die Identifikation der Frau mit der Mutter zu ihrem jahrhundertelangen Ausschluß aus Politik und Gesellschaft geführt hat. Die Frau kann ihre eigene Identität nur dann finden, wenn Mutterschaft und Politik getrennt werden. 

Cécile Coderre und Collette Parent zeigten ihrerseits, dass Beauvoirs Kritik an der Misere und der rechtlich gesehen repressiven Lage der Prostituierten zwar berechtigt gewesen sei, dass sie aber aus heutigen feministischen Positionen heraus, kaum mehr als eine Versklavung und nichtproduktive Tätigkeit anzusehen wäre. Prostitution als Beruf, der den Frauen genauso wie jeder andere Beruf Befreiung geben könnte, bedeutet vielmehr die dafür erforderlichen rechtlichen Grundlagen und gesellschaftliche Anerkennung sicher zu stellen. 

Marie Couillard und Tania Navarro baten zwei sehr interessante Interpretationen des Lesben-Kaptels bei Beauvoir an. Während Marie Couillard Beauvoirs Angepaßtheit und mangelnde Gesellschaftskritik bezüglich des Menschenrechtes, eine nichtheterosexuelle Beziehung zu wählen in Frage stellte, kritisierte Tania Navarro das binäre männlich-weibliche Modell bei Beauvoir und stellte ihr gegenüber die Perspektiven Juith Butlers und Sarah Hoaglands, ohne Beauvoirs und Sartres Einfluß auf die letzteren in Kauf nehmen zu wollen. 

Einen zusamennfassenden Blick auf Beauvoirs Werk präsentierte Francoise Rétif, Autorin des 1998 veröffentlichten Buches Simone de Beauvoir, l'autre au mirroir. Im Gegensatz zu den vorherigen Lektüren interpretierte sie die Kategorie des Anderen bei Beauvoir in einer positiven, intersubjektiven und interkommunikativen Weise, die das Zusammenfinden der Geschlechter in einer androgynen Welt ermöglichen könnte. 

Die beiden letzten Vorträge gaben Anlaß zu einer heißen Diskussion über den dekonstruktivistischen und antimythologischen Ansatz Beauvoirs, einerseits, und die Perspektiven einer konstruktivistischen Utopie, andererseits. Dies führte Marie-Blanche Tahon, die das Kolloquium am Ende zusammenfassen sollte zum Geständnis, sie hätte am ersten Tag mehr verstanden, als am letzten, und sei sich nicht mehr so sicher wie man Beauvoir interpretieren sollte.

Die Tatsache, dass ausnahmsweise keine AmerikanerInnen sondern nur Gastvortragende aus Europa (Alain Parguez, Yvanka B. Raynova, Françoise Rétif) und Brasilien (Tania Navarro) eingeladen worden waren, wäre dadurch zu erklären, dass alle Vorträge ausschließlich in französischer Sprache gehalten wurden. Dies erleichterte nicht nur die Diskussionen, sondern brachte auch andere Stimmen und Aspekte zum Ausdruck, als die der schon bekannten Beauvoirinterpreten. Andere positive Aspekte des Kolloquiums waren die Betonung des bisher ignorierten kanadischen Kontextes und die Einladung der Gäste für einen Vortrag über ein im voraus bestimmtes Thema, wodurch sich ein gut abgestimmter inhaltlicher Zusammenhang ergab. Hinsichtlich der großen Konferenz in Paris, wo die Vorträge von ihrem Niveau und ihrer Kompetenz her sich zu unterschiedlich erwiesen haben, war die Ottawa Veranstaltung zwar kleiner und weniger anspruchsvoll, doch inhaltlich und professionell wesentlich besser organisiert. 

Yvanka B. Raynova