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Susanne Moser Die
Frau, Opfer der Dialektik? Das Thema der Anerkennung Bereits in Beauvoirs frühesten Werken steht das Thema der Anerkennung im Zentrum der Auseinandersetzung. So wird der Roman Sie kam und blieb[1] von einem Zitat Hegels eingeleitet: „Ebenso muss jedes Bewusstsein auf den Tode des anderen gehen.“[2]und endet mit dem Tod der Rivalin als einzigem Ausweg aus dem Dilemma der wechselseitigen Ansprüche. Hatte Beauvoir in diesem 1943 erschienenen Roman den Konflikt mit dem Anderen noch als unlösbares Problem angesehen, so sucht sie in ihren folgenden Werken einen neuen Zugang zum Anderen. Das Blut der anderen[3] zu Kriegsende geschrieben und 1945 erschienen, betont die Verantwortlichkeit füreinander und die Notwendigkeit, Stellung zu beziehen. Ebenso wie der 1947 erschienene Ethikentwurf Für eine Moral der Doppelsinnigkeit werden jetzt Stellungnahme und Verpflichtung zum konkreten Engagement gefordert. Rückblickend auf ihr Leben und ihr Werk beschreibt Beauvoir in ihren Memoiren In den besten Jahren[4] in auffallend selbstkritischer Weise diese Entwicklung. Ihre Jugend sei durch ihren uneingeschränkten Glauben an die Macht ihres Willens geprägt gewesen. „Ich wollte nicht wahrhaben, dass auch andere genau wie ich Subjekt, Bewusstsein sein könnten.“[5] Aus dieser Position heraus stellte der Andere für Beauvoir eine Gefahr dar, der sie nicht ins Auge blicken konnte: „Erbittert kämpfte ich gegen diesen Zauber, der mich in ein Monstrum verwandeln wollte: ich blieb immer in Abwehrstellung.“[6] Erst die Besetzung Frankreichs durch die Deutschen und der zweite Weltkrieg hatten eine Zäsur im Leben Beauvoirs herbeigeführt. „Ich kann nicht sagen an welchem Tag, in welcher Woche, nicht einmal in welchem Monat ich diese Bekehrung durchmachte...ich verzichtete auf meinen Individualismus, ...ich erlernte die Solidarität.“[7] - erinnert sie sich später. Die Geschichte hatte, so berichtet sie, Besitz von ihr ergriffen. Ideen, Werte, alles wurde umgestürzt. Ihr vormals idealistischer Zugang zur Welt wurde durch eine immer stärkere Akzentuierung der Situiertheit und der historischen Konditioniertheit des Menschen abgelöst. „In Wahrheit bin ich in die Gesellschaft hineingeboren; in ihr und in Verbindung mit ihr entscheide ich über mich.“[8] In ihrem Hauptwerk Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau stellt Beauvoir nunmehr das Thema der gesellschaftlichen Anerkennung an denAusgangspunkt ihrerUntersuchung.Ausgehend von der Frage: „Gibt es überhaupt Frauen?“[9] - einer Fragestellung, die im derzeitigen feministischen Diskurs noch an Aktualität gewonnen hat - untersucht Beauvoir, wann und wodurch es zur Anerkennung dessen kommt, so etwas wie eine „Frau“ zu sein. Denn „nicht jeder weibliche Mensch ist also zwangsläufig eine Frau; er muss an jener geheimnisvollen, bedrohten Realität, der Weiblichkeit, teilhaben.“[10] Einerseits ausgestattet mit einer instabilen Identität, indem „sie...mit Bezug auf den Mann determiniert und differenziert (wird), er aber nicht mit Bezug auf sie,“[11] findet sich die Frau andererseits in einer Situation vor, in der sie sich „obwohl wie jeder Mensch eine autonome Freiheit - in einer Welt entdeckt und wählt, in der die Männer ihr vorschreiben, die Rolle des Anderen zu übernehmen.“[12] Durch welche Ausschließungsmechanismen wird es möglich, die Frau zur „Anderen“ zu machen und ihr die Anerkennung als autonomes Subjekt vorzuenthalten? Während Beauvoir in ihren Frühwerken noch angenommen hatte, dass das Individuum seine menschliche Dimension nur durch die Anerkennung des Anderen erhält[13] und damit die individualpsychologische Seite der Anerkennung betont hatte, stellt sie jetzt fest, dass die Situation der Frau auf eine ganz bestimmte Weise durch einen gesellschaftlichen Anerkennungsprozess bestimmt wird. Sie erweitert das Thema der Anerkennung über die Sphäre der persönlichen Beziehungen hinaus auf die öffentliche Sphäre und die Problematik der Geschlechterdifferenz. Das Prinzip der Anerkennung stellt einen gesellschaftlich-sozialen Prozess dar in dem Identitäten festgelegt werden. Einerseits wird unter dem Mythos des „Ewigweiblichen“ aufgrund natur-teleologischer Vorstellungen der Frau der Platz in der Familie zugewiesen, wobei sie bestimmte Kriterien erfüllten muss, um als Frau anerkannt zu werden, andererseits wird sie damit aber von wesentlichen gesellschaftlichen Prozessen ausgeschlossen. Meine These ist, dass Beauvoir Hegels Anerkennungskonzept dazu verwendet den Dualismus und die Ausschlussmechanismen gegenüber Frauen aufzuzeigen und zu dekonstruieren; Hegel wird in diesem Sinne gegen ihn selbst verwendet. Gleichzeitig entwirft sie ein neues Anerkennungskonzept, das aus zwei parallelen Bewegungen besteht: einerseits aus der Forderung nach Anerkennung von Gleichheit und Freiheit aller Menschen, also der gleichenWürde aller, andererseits parallel dazu der Forderung nach Anerkennung von Differenz, also nach Anerkennung meiner je eigenen Besonderheit, die aber erst dann in Erscheinung treten kann, wenn nicht nur die Würde d.h. der Anteil an der abstrakten universellen Menschheit, sondern das Selbst auch in seiner partikularen Situiertheit anerkannt wird. Erst dann können versteckte Ausschluss- und Unterdrückungsmechanismen, die z.B. aufgrund von Geschlecht oder Rasse stattfinden, in den Blickpunkt gerückt werden. Wie Herta Nagl-Docekal zeigt, steht das Thema der Gleichheit und Anerkennung von Differenz nach wie vor im Zentrum feministischer politischer Philosophie[14], wobei sie betont, dass die Forderung nach Anerkennung von Differenz nicht automatisch mit einer Ablehnung des Gleichheitspostulates einher gehen dürfe.[15] Ich möchte im folgenden zeigen, dass Beauvoir in dieser Hinsicht wesentliches zum aktuellen Diskurs beitragen kann, da bei ihr das Spannungsverhältnis zwischen Gleichheit und Differenz nicht zu Gunsten des einen oder anderen aufgelöst wird, da es wesentlich zur Existenz des Menschseins gehört. [16]Ich
werde nun kurz auf den Begriff der Anerkennung eingehen und mich danach
Beauvoirs Beitrag zu diesem Thema widmen.
Zum
Ursprung des Begriffes der Anerkennung und
zur Problemstellung bei Simone de Beauvoir
Historisch
gesehen handelt es sich bei der Anerkennung um einen relativ neuen Begriff.
In den meisten philosophischen Wörterbüchern fehlt eine Begriffsbestimmung;
Lexika und Wörterbücher ihrerseits unterscheiden zwischen rechtlichen
und sozialpsychologischen Formen der Anerkennung.[17]
Das Thema der Anerkennung scheint immer dort ins Spiel zu kommen, wenn
es darum geht, einen bestimmten Status zubestätigen
oder zu beurteilen, diesen anzunehmen und dementsprechend zu würdigen.
Sei es nun das Gericht, das eine bestimmte Urkunde anerkennt, oder handelt
es sich im Sinne des Völkerrechts um die Anerkennung eines neuen Staates
durch die Völkergemeinschaft, oder um die Anerkennung der Vaterschaft
durch den Vater - in jedem Falle handelt es sich um die Bestätigung
eines vor der Anerkennung nicht klar feststehenden Status, einer Identität,
bzw. Zugehörigkeit. Es stellt sich nun die Frage, wem die Autorität
zukommt, diese Anerkennung auszusprechen. Dass diese Frage überhaupt
aufkommt, deutet auf einen generellen Bruch mit vorgegebenenOrdnungsstrukturen
hin. Im antiken Weltbild hatte alles noch seinen ihm zukommenden Platz
entsprechend dem ihm innewohnenden Telos, seiner Entelechie. Die in dieser
göttlichen Ordnung festgelegte Hierarchie enthielt auch die dem jeweiligen
Status zukommende Form der Anerkennung. So weistSeyla
Benhabib[18]
darauf hin, dass erst die Zerstörung der antiken und mittelalterlichen
teleologischen Naturauffassung durch den Angriff des mittelalterlichen
Nominalismus und der modernen Wissenschaft, verbunden mitder
Entstehung kapitalistischer Warenbeziehungen und der nachfolgenden Teilung
der Sozialstruktur in den wirtschaftlichen, den öffentlich-politischen
Bereich und die häuslich-intime Sphäre, zur Ausbildung einer
neuen Moraltheorie führen konnte. In einem entzauberten Universum
sahen sich die bürgerlichen Individuen vor die Aufgabe gestellt, die
Legitimationsbasis ihrer Gesellschaftsordnung neu zu schaffen. Im Zuge
derneuzeitlichen Wendung auf das
„Ich“ kann keine außerhalb des Subjekts liegende Autorität,
keine göttliche Ordnung mehr als Vorbild für die menschliche
Ordnung herangezogen werden. Es stellt sich dann die Frage, woher jetzt
die Legitimation von Hierarchien und das Kriterium, dass jemandem geringere
Anerkennung aufgrund seines Status zukommt, genommen wird, wodurch bestimmt
man den jeweiligen Status? Dies alles sind Fragen, die heute mehr denn
je den politisch-philosophischen Diskurs in Atem halten. So sieht Charles
Taylor dieForderung nach Anerkennung
in ganz unterschiedlichen Konstellationen gestellt - „im Namen von Minderheiten
oder benachteiligten Gruppen, im Rahmen verschiedener Formen des Feminismus
und in Verbindung mit dem, was man neuerdings die Politik des Multikulturalismus
nennt.“[19]
Dahinter liegt die These, dass eine Verbindung zwischen Anerkennung und
Identität besteht. Identität als Selbstverständnis der Menschen,
als Bewußtsein von den bestimmenden Merkmalen, durch die sie zu Menschen
werden, hängt zumindest teilweise von der Anerkennung oder Nicht-Anerkennung,
oft auch von der Verkennung durch die anderen ab und wird durch sie geprägt.
Nichtanerkennung oder Verkennung kann Leiden verursachen, eine Form von
Unterdrückung sein und bei seinen Opfern lähmenden Selbsthass
und schmerzhafte Wunden zurücklassen. Anerkennung stellt somit ein
menschliches Grundbedürfnis dar.[20]
Während Axel Honneth in seiner Theorie der Anerkennung[21]
den Ursprung des Begriffs bei Hegel und dessen Bezug auf Fichte ansetzt,
geht Taylor noch weiter zurück, wobei er zwei Wurzeln der Debatte
freilegt. Einerseits führt der Zusammenbruch der gesellschaftlichen
Hierarchien, die früher die Grundlage der Ehre bildeten zum modernen
Begriff der Würde, dem die universalistische und egalitäre Annahme
zugrunde liegt, dass jeder an dieser Würde teilhat,[22]
womit die gleichberechtigte Anerkennung zu einem wesentlichen Bestandteil
der demokratischen Kultur wird. Andererseits führt die neuzeitliche
Wendung auf die Subjektivität zu einer Form von Innerlichkeit und
Einzigartigkeit, zu einer inneren Stimme und einem moralischen Gefühl
in uns[23],
wodurch das Prinzip der Originalität und in weiterer Linie der Differenz
eingeführt wird. „Nicht nur, dass ich mein Leben nicht nach den
Erfordernissen äußerlicher Konformität gestalten soll -
außerhalb meiner selbst kann ich gar kein Modell dafür finden,
wie ich mein Leben leben soll. Ich kann dieses Modell nur in mir selbst
finden.“[24]
Diese aufHerder zurückgehende
Idee der Authentizität[25]
wird in zwei Hinsichten verstanden: sowohl in Bezug zum individuellen Menschen
inmitten anderer Menschen, als auch in Bezug auf das Volk als Träger
einer Kultur inmitten anderer Völker. Deutsche sollten nicht versuchen,
sich in künstliche und damit unvermeidlicherweise zweitklassige Franzosen
zu verwandeln, wie es ihnen Friedrich der Große nahegelegt hatte.
Auch die slawischen Völker sollten ihren eigenen Weg gehen. Taylor
weist darauf hin, dass hier schon die zukunftsträchtige Idee des modernen
Nationalismus sowohl in ihrer gutartigen wie auch in ihrer bösartigen
Version zu erkennen ist. Andererseits findet die Idee der Authentizität
über Heideggers Konzept der „Eigentlichkeit“ Eingang in den Existentialismus
von Sartre und Beauvoir. Sie fordert den Menschen auf, seine je eigene
„Geworfenheit“, seine Besonderheit des „In-der-Welt-seins“ auf sich zu
nehmen und sich weder in eine gesellschaftliche Rolle, noch in ein fiktives
Ideal zu flüchten. Der Mensch ist sowohl Freiheit und Transzendenz,
als auch Faktizität und Immanenz. Unter dem Eindruck der Geschehnisse
des zweiten Weltkriegs und des Nationalsozialismus stellt Sartres Das
Sein und das Nichts[26]
einen Aufruf gegen den „Geist der Ernsthaftigkeit“ dar, in dem der Mensch
sichzu einem Ding, zu einem Objekt
machen lässt, um seine Freiheit und Verantwortlichkeit zu fliehen,
und sich dabei in die Hände von Führern begibt, die über
sein Leben bestimmen. In
Weiterentwicklung des sartreschen Konzepts der Doppelsinnigkeit, in dem
jeder Mensch (Mann sowohl als Frau) zugleich Ex-sistenz - Transzendenz
und Sistenz - d.h. In-der-Welt-Sein in Situation ist, unternimmt Beauvoir
im Anderen Geschlecht eine Kritik am Patriarchat,das
die Transzendenz und Freiheit allein für die Männer in Anspruch
nimmt. Den Frauen wird die Anerkennung als Subjekt verwehrt, sie werden
zur „Anderen“ gemacht und in die Sphäre der Immanenz abgedrängt.
Indem Beauvoir die These aufstellt: „Man kommt nicht als Frau zur Welt,
man wird es“[27],
setzt sie an der Achillesferse moderner Freiheits- und Gleichheitstheorien
an, am Naturbegriff. Denn die „natürliche“ Unterlegenheit der Frau
und des daraus abgeleiteten Herrschaftsrechtes des Mannes über die
Frau, leitete sich von dem ihr von der Natur zugewiesenen Zweck der Reproduktion
und Erhaltung der Gattung im Hauswesen ab.[28]
So wurde die Unterordnung der Frau schon seit der Antike auf die „natürliche“
Unterlegenheit der weiblichen Natur zurückgeführt, wobei diese
Tradition vor den Philosophien Kants und Hegels nicht Halt machte. Während
Hegel jedoch im Gegensatz zuKant,
der Frauen, Kinder und Dienstboten, dem Personen-Sachen-Recht zuordnete,
sie als Personen und damit als Rechtsubjekte sah,erwies
er sich letztendlich laut Seyla Benhabib doch als „Totengräber
weiblicher Emanzipationsbestrebungen, indem er die Frau einer großartigen,
aber letztlich zum Untergang bestimmten Phase der dialektischen Bewegung
zuweist, die den Geist in seiner Kindheit befällt“[29]
Frauen wurden wie Kinder behandelt und unter den „Schutz“ männlicher
Vormundschaft gestellt. Beauvoir steht von Anfang an im Spannungsfeld zwischen
Hegels emanzipatorischem Instrumentarium und seinen restaurativen Bemühungen,
die Frau aufgrund ihrer „natürlichen Bestimmtheit“, aus dem für
die Subjektwerdung so wesentlichen Prozess der wechselseitigen Anerkennung
auszuschließen. So stützt sie sich einerseits auf das in HegelsDialektikangelegt
Potential der Veränderung. Indem Hegel das „Werden“ und damit die
Veränderung in das „Sein“ gebracht hatte, konnte die Tatsache, dass
die Frauen den Männern heute unterlegen sind, in die Frage umgewandelt
werden, „ob es ewig bei diesem Stand der Dinge bleiben soll.“[30]
Denn: „sein heißt geworden sein, heißt zu dem gemacht worden
sein, als was man in Erscheinung tritt.“[31]
Andererseits bedient sich Beauvoir Hegels Modell der Anerkennung in verschiedenster
Hinsicht, wie ich in der Folge zeigen möchte. Zuvor jedoch wäre
ein kurzer Exkurs zu Hegels Anerkennungsmodell notwendig.
Beauvoir und Hegels Modell der Anerkennung Hegel
übernimmt das in Fichtes Grundlage des Naturrechts entwickelte
Prinzip der Anerkennung, welches dieser als die dem „Rechtsverhältnis“
zugrunde liegende „Wechselwirkung“ von Individuen“ ansieht. Die
entscheidende Frage der Neuzeitlichen Ethik- und Rechtsdebatte lautet nämlich:
wie komme ich vom Naturzustand, in dem angeblich alle gleich sind, jenem
egoistischen Ausgangspunkt des Kampfes aller gegen alle, zu einem geordneten
Gesellschaftsgefüge, in dem der Andere mich in meinem Besitz auch
anerkennt, was nämlich allererst das Eigentum begründet? Mit
genau diesen Fragen beschäftigt sich Hegel in der Jenaer Realphilosophie
von 1805/06, wo er schreibt: „Der Mensch hat das Recht, in Besitz zu
nehmen, was er als Einzelner kann...Aber seine Besitznahme erhält
auch die Bedeutung, einen Dritten auszuschließen. Was darf ich in
Besitz nehmen ohne Unrecht des Dritten?“[32]
Solche Fragen, sagt Hegel, können nicht beantwortet werden, denn die
Besitzergreifung wird erst durch die Anerkennung zur rechtlichen gemacht;
bevor es einen rechtlichen Zustand gibt, kann niemand sagen, ob jemand
etwas in Besitz nehmen darf oder nicht. Gemäß der Formel: „Wohl
dem der im Besitz ist“[33]
stellt Besitz eine wesentliche Voraussetzung von Anerkennung und Rechten
dar, was vorerst den Ausschluss aller besitzlosen, lohnabhängigen
Männer von staatsbürgerlichen Rechten zur Folge hat. Hegel bezeichnet
das Recht als„die Beziehung der
Person in ihrem Verhalten zur andern....Als Anerkennen ist er selbst (der
Mensch. S.M.) die Bewegung und diese Bewegung hebt eben seine Naturzustand
auf: er ist Anerkennen, das Natürliche ist nur, es ist nicht Geistiges.“[34].
Innerhalb der Familie gilt der Mensch als „natürliches Ganzes,
nicht als Person; dies hat er erst zu werden. Er ist unmittelbares Anerkanntsein;
er ist durch Liebe Verbundnes.“[35]
Dass nicht Familie und Liebe als Grundlage des Anerkennungsprozesses gelten
können, versteht sich aus der Hinwendung zum Neuzeitlichen Subjekt,
aus der Emanzipation gerade eben aus diesen familiären, feudalen Strukturen,
in denen die Herrschaftsverhältnisse und die damit zusammenhängenden
Anerkennungsverhältnissen von Blutsverwandtschaft, Zugehörigkeit
zu Grund und Boden und Legitimation durch Gottes Gnaden abgeleitet worden
waren. Während aber die Frauen im Schoße der Familie verbleiben,
lehnt sich das zum „Fürsichsein“ gelangte männliche Individuum
gegen das Dasein, das die Familie im Besitz hat auf und möchte als
„gewusstes“ Fürsichsein anerkannt werden, was zum Kampf auf Leben
und Tod führt.[36]
Dadurch, dass der Mann sein Leben aufs Spiel setzt gibt er öffentlich
zu erkennen, dass ihm an seinen individuellen Zielen mehr liegt, als an
seinem physischen Überleben. Axel
Honneth knüpft in seiner Anerkennungstheorie explizit an Hegels Frühwerk
an, in dem dieser den Prozess der Anerkennung noch von der individuellen
intersubjektiven Seite her verstanden hatte, während später diese
Perspektive in zunehmendem Maße zugunsten der Philosophie des Geistes
aufgegeben wurde. Honneth interpretiert Hegel dahingehend, dass dieser
die verschiedenen Konfliktsituationen, wie z.B. dasVerbrechen
auf den Umstand unvollständiger Anerkennung zurückführt:
„das
innere Motiv des Verbrechers macht dann die Erfahrung aus, dass er sich
auf der etablierten Stufe wechselseitiger Anerkennung nicht auf eine befriedigende
Weise anerkannt sieht.“[37]Honneths
entwickelt daraus die These, dass sich soziale Auseinandersetzungen im
Prinzip auf die Verletzung von moralischen Ansprüchen zurückführen
lassen und nach dem Muster eines Kampfes um Anerkennung zu verstanden werden
können. Es kann hier nicht der Rahmen sein, Honneths Theorie der Anerkennung
zu diskutieren, auffällig erscheint mir jedenfalls die explizite Aussparung
der feministischen Thematik[38],
die sofort die Frage mit sich brächte, wieso dieser Mechanismus bisher
nicht zur Befreiung der Frauen geführt hatte. Was bewirkte das Zurückbleiben
der Frauen in der Familie, wieso beanspruchten sie nicht den von Hegel
postulierten Individualisierungsprozess? Wenn Missachtungserfahrungen als
soziale Kränkungen und Würdeverletzungen erlebt werden, diese
sich transformieren in Scham, Wut oder Verachtung und gar ihren Ausdruck
über soziale Bewegungen in politischem Handeln finden könnte,
wie lässt sich dann die jahrtausend alte, nahezu universelle Unterdrückung
und Vergewaltigung von Frauen erklären?[39]
Könnte es nicht sein, dass gerade das Konzept der Anerkennung selbst
diejenigen Ausschließungskriterien in sich trägt, die es unmöglich
machen, den Ausgeschlossenen und Unterdrückten überhaupt Gehör
zu verschaffen? Beauvoir hat diejenigen Schriften Hegels, auf die Honneth
sein intersubjektives Anerkennungsmodell bezieht, sicherlich nicht gekannt.
Während es Hegel in der Jenaer Realphilosophie darum ging nachzuvollziehen,
wie es durch den Kampf um Anerkennung zur Bildung eines allgemeinen Bewusstseins
aus den Handlungen und Interaktionen einzelner Bewusstseine kommt, der
zu einem allgemeinen Willen des Rechtszustandes führt, handeltes
sich in der Phänomenologie der Geistes um die Erfahrung und
die Erscheinungsweisen des entäußerten Geistes bei seiner Rückkehr
zu sich selbst im absoluten Wissen. Auf den verschiedenen Stufen der Phänomenologie
geht es um eine zunehmende Vermittlung zwischen dem „Ansichsein“, dem Allgemeinen
und dem „Fürsichsein“, dem Einzelnen hin zum „Anundfürsichsein“.
Historisch haben sich diese Stufen laut Hegel verschieden manifestiert:
z.B. im Stoizismus, der die Freiheit des Einzelnen in der Allgemeinheit
des reinen Gedankens aufgehoben hatte, während das unglückliche
Bewußtsein, das er mit der mittelalterlichen Religiosität ansetzt,
diese Vermittlung in eine jenseitige Erlösung verlagert hatte. Erst
die Stufe der Vernunft deren nahe Verwirklichung Hegel im preußischen
Deutschland annahm, geht davon aus, dass das Bewußtsein das Ansichsein
in sich selbst hat: „Die Vernunft ist die Gewissheit des Bewusstseins,
alle Realität zu sein; so spricht der Idealismus ihren Begriff aus.“[40]
Dieses metaphysische Modell der Vernunft und des Geistes durchdringtHegels
gesamtes Werk, es wird auf allen Stufen der Bewusstseinsentwicklung vorausgesetzt.
Nur so kann der Zirkel verstanden werden, der darin besteht, dass einerseits
wechselseitige Anerkennung die Voraussetzung von Selbstbewusstsein und
Subjektsein bildet, nämlich dass „das Selbstbewusstsein nur dadurch
ist, dass es für ein Anderes an und für sich ist, d.h. „nur als
ein Anerkanntes“ ist, während andererseits so etwas wie Anerkennung
oder Kampf um Anerkennung überhaupt erst zustande kommen kann, wenn
ein Selbstbewusstsein auf ein anderes Selbstbewusstsein trifft.[41]
Diese Situation schafft eine Bedrohung für das Selbstbewusstsein,
denn in Hegels Modell lehnt das Selbstbewusstsein jede Andersheit als Selbstverlust,
als Außersichsein ab.[42]Erst
wenn es seine „Sichselbstgleichheit“ durch Ausschließung aller Anderen
durch einen Kampf auf Leben und Tod wiederhergestellt hat, kann es sich
die Gewissheit seiner selbst, nämlich „für sich zu sein“,
wieder herstellen. So muss „jedes (Bewußtsein S.M.) auf den Tod
des Anderen gehen....um sein Außersichsein...aufzuheben.“[43]
Diese Stelle hat Beauvoir zum eingangs bereits erwähnten Motto ihres
Romans Sie kam und blieb gemacht. Das eine Bewußtsein sieht
so lange das andere als Bedrohung an, solange es sich nicht als Teil eines
übergeordneten Ganzen, als Teil des Geistes ansieht, dessen Struktur
darin besteht, dass „Ich, das Wir, und Wir, das Ich ist“[44].
Erst dann bedeutet der Andere keinen Selbstverlust mehr, denn im Bewußtsein
von der Einheit von „Ich“ und „Wir“ transzendiert das Selbst nicht nur
seine unmittelbare, „lebendige“ Individualität, sondern auch die sich
durch Ausschluss des Andersseins definierende Einzelheit des Bewusstseins
selber.[45]
Bis dahin gelangen aber in der Erfahrungsgeschichte der Phänomenologie
des Geistes weder der Kampf um Anerkennung noch die Bewusstseinsformen
von Herrschaft und Knechtschaft. Das Herr-Knecht Kapitel der Phänomenologie
ist deshalb so schwer zu verstehen, weil Hegel bereits zu Beginn etwas
voraussetzt, was erst viel später eingeholt werden kann. Dass das
„Selbstbewusstsein...nur als ein Anerkanntes“ ist, wird hier vorausgesetzt,
ohne aufzuzeigen, wie es dazu kommt. Die Figur des Herr-Knecht-Verhältnisses
soll zwar die Analogie von Selbstbewusstsein und Bewußtsein darstellen,
aber wie sich herausstellen wird, kann der Herr auch nicht zumSelbstbewusstsein
gelangen, denn dafür bräuchte er ein anderes Selbstbewusstsein,
welches ihm aber der Knecht nicht bieten kann. Schon zum Abschluss des
vorhergehenden Kapitels, nämlich des Selbstbewusstseinskapitels, führt
Hegel daher die Figur des Geistes ein: „diese absolute Substanz, welche
in der vollkommene Freiheit und Selbständigkeit ihres Gegensatzes,
nämlich verschiedener für sich seiender Selbstbewusstseine, die
Einheit derselben ist; Ich, das Wir, und Wir, das Ich ist.“[46]
Der Begriff des Geistes wird in der gesamten Phänomenologie des
Geistes bereits vorausgesetzt; es geht dann um den Nachvollzug der
Schritte, die der in die Natur sich entäußerte Geist auf dem
Weg zu sich selbst vollzieht. Indem wir diese vorgegebenen Schritte nachvollziehen,
ist es uns möglich zum absoluten Wissen dieses Geistes zu gelangen.
Das Wesen des Selbstbewusstseins besteht in seiner Doppelsinnigkeit, nämlich
einerseitsBewußtsein der uns
umgebenden sinnlichen Welt zu sein, und andererseits Bewußtsein seiner
Selbst zu sein, - ein Gegensatz,den
das Selbstbewusstsein aufheben und die Gleichheit seiner selbst mit sich
herstellen will. Dem Selbstbewusstsein geht es also darum das Ansichsein
der Welt mit seinem Fürsichsein zu vermitteln:„Die Doppelsinnigkeit
des Unterschiedenen liegt in dem Wesen des Selbstbewusstseins, unendlich
oder unmittelbar das Gegenteil der Bestimmtheit, in der es gesetzt ist,
zu sein.“[47]
Diese Struktur des Selbstbewusstseins wird später für Sartres
Fürsichsein eine Rolle spielen, indem das „Fürsichsein das
ist, was es nicht ist und nicht das ist, was es ist.“ Jedoch
wird bei Sartre und bei Beauvoir weder Hegels Konzept des Geistes, noch
seine idealistische Vermittlung in der Vernunft übernommen. Vielmehr
bleibt es beim Stadium des „Unglücklichen Bewusstseins“, das niemals
zur Übereinstimmung des Ansichseins und Fürsichseins gelangt.
Sartres Das Sein und das Nichts stellt eine klare Absage an Hegels
idealistische Philosophie dar, indem der Versuch des Menschen, sich zum
Ansich-Fürsich, und damit zu Gott, zu machen als zum Scheitern verurteilt
angesehen wird. Er bestätigt zwar, dass ganz im Sinne der hegelschen
Philosophie jede menschliche-Realität ein direkter Entwurf, ihr eigenes
Für-sich in An-sich-Für-sich umzuwandeln ist, und zugleich Entwurf
zur Aneignung der Welt als Totalität von An-sich-sein in der Art einer
grundlegenden Qualität darstellt[48],
dass dies aber eine sinnlose Passion sei. Erst wenn der Mensch dieses Scheitern
auf sich nimmt, kann er zu seiner Eigentlichkeit gelangen. Sowohl Sartres
als auch Beauvoirs Philosophie stellt in wesentlichen Punkten eine Auseinandersetzung
mit und eine Kritik am idealistischen Denken dar. Beauvoir
setztin ihrem Ethikentwurf Für
eine Moral der Doppelsinnigkeit ander
bereits bei Hegel angelegten Doppelsinnigkeit des menschlichen Bewusstseins
an, wobei sie explizit auf eine Definition Sartres zurück greift,
der die Doppelsinnigkeit zur „grundlegenden Definition des Menschen
heranzieht, dieses Wesens, dessen Sein darin besteht, nicht zu sein, dieser
Subjektivität, die nur als Anwesenheit in der Welt wirklich wird,
dieser gebundenen Freiheit, dieses Erscheinens des Für-sich, das für
die anderen unmittelbar gegeben ist.“[49]
Der Mensch ist gleichzeitig Bewußtsein und Bestandteil der Welt.
Er ist souveränes Subjekt gegenüber einer Welt von Objekten und
teilt doch das Schicksal, für die Anderen seinerseits Objekt zu sein.
Beauvoirs Vorwurf an Hegel besteht darin, dass er diese Spannung um den
Preis der Aufhebung des Einzelnen in der Gesamtheit, in der er sich verliert,
aufgegeben hat. Auch wenn Hegel das Recht der Individuen an ihre Besonderheit
als in der sittlichen Substanz enthalten ansieht,[50],
so bleibt bei ihm die Besonderheit doch nur ein Moment der Gesamtheit,
innerhalb deren sie sich überschreiten muss. Die Auffassung Hegels,
dass der Einzelne nur ein abstraktes Moment der Geschichte und des absoluten
Geistes ist, erklärt sich laut Beauvoir daraus, dass er Wirklichkeit
und Vernunft gleich setzt und damit die Menschenwelt ihrer wahrnehmbaren
Dichte raubt. Ihrer Meinung nach bildet das wesentliche Moment der hegelschen
Morallehre das Moment der gegenseitigen Erkenntnis der Bewusstseinsindividuen.
„Dabei erkenne ich den Anderen als mit mir identisch, was bedeutet,
dass ich in mir nur die universelle Wahrheit meines Ichs erkenne.“[51]
Die Einzigartigkeit des Einzelnen wird geleugnet und auf die Ebene des
Natürlichen und Zufälligen zurückverwiesen. Was bleibt ist
die Selbstbewegung des Geistes zu seinem Begriff hin, in dem der Geist
allein Subjekt ist. „Wer aber ist dieses Subjekt?“[52]
- fragt Beauvoir und lehnt die Aufhebung in der Totalität ab. Hegel
hatte zwar versucht, keinen Aspekt des Menschseins außer acht zu
lassen, aber um den Preis der Aufhebung des Einzelnen in der Gesamtheit,
in der er sich verliert. Wenn man ein System nur theoretisch und abstrakt
betrachtet, stellt man sich auf die Ebene des Universellen, also des Unendlichen.
„Deshalb ist es so tröstliche“ schreibt Beauvoir, „die Schriften
über das Hegelsche System zu lesen: ich erinnere mich, dass ein tiefer
Frieden sich in mir ausbreitete, als ich im August 1940 die Schriften Hegels
las.“[53]
Es ist hier nicht der Platz Beauvoirs differenzierte Auseinandersetzung
mit Hegel zu diskutieren, es ist mir aber ein Anliegen zu zeigen, wie sehr
sich Beauvoir schon von ihren frühesten Werken an mit Hegels Originaltexten
beschäftigt hat. Dass eine ganze Generation linksorientierter französischer
Intellektueller von Sartre und Beauvoir bis Hyppolite von Kojèves
Hegelinterpretationen beeinflusst worden war steht außer Zweifel[54],
doch die These von Eva Lundgren-Gothlin, dass Hegel für Beauvoir im
wesentlichen über Vermittlung Kojèves zugänglich geworden
sei und Das andere Geschlecht in Hinsicht auf Kojève zu interpretieren
sei, scheint mir jedoch nicht haltbar.[55]
Auch wenn der programmatische und meiner Ansicht nach nicht unproblematische
Schluss von Beauvoirs Das Andere Geschlecht, nämlich die Betonung
der Arbeit für die Befreiung der Frau und die Realisierung des Reiches
der Freiheit, in dem „Männer und Frauen über ihrer natürlichen
Unterschiede hinaus unmissverständlich ihre Brüderlichkeit behaupten“,
auf Einflüsse Kojèves hinweisen, war Beauvoir allen „Erlösungskonzepten“
gegenüber immer skeptisch eingestellt[56],
seien diese nun durch den Gang der Geschichte oder durch den Geist bewirkt. Beauvoir
bietet vielmehr eine andere Lösung des Konfliktes an: die Lösung
kann nur durch die konkrete Alterität,[57]
wenn der andere bei sich anwesend ist, und nicht wie bei Hegel durch „Aufhebung“,
erfolgen. Konkret sind dies Freundschaft und Hingabe, die die Anerkennung
der wechselseitigen Freiheiten praktisch verwirklichen.[58]
Im Anderen Geschlecht deutet Beauvoir kurz den von ihr bereits in
Für eine Moral der Doppelsinnigkeit entwickelten Lösungsansatz
an: der Mensch muss auf das bloße Sein verzichten und seine Existenz
auf sich nehmen.[59]
Der Mensch darf nicht versuchen, im Sinne Hegels, die Ambivalenz seines
Seins aufzuheben, es handelt sich also nicht um eine Überschreitung
im Hegelschen Sinne, sondern um eine „existentialistische Umkehr“ im Sinne
Husserls phänomenologischer Reduktion. Debra Bergoffen hat darauf
hingewiesen[60],
dass Beauvoir hier die Einsichten von zwei so unterschiedlichen Phänomenologien,
wie der Phänomenologie Hegels und der Phänomenologie Husserls
einander gegenüberstellt: während erstere die Einstellung des
„Sein-wollens“, des Willens zum Sein darstellt, der die im Entwurf gesetzten
Ziele erreichen will und damit im Geiste der Ernsthaftigkeit Menschen und
Dinge unter seiner Herrschaft und Kontrolle haben möchte, entspricht
letztere der Haltung des „Sein-lassens“, die in der Enthüllung des
Seins ihre Freude am Sein-Lassen-Können findet. Meiner Interpretation
nach zeigt sich hier Beauvoirs Kritik an Hegel, an dem von ihm vertretenen
männlichen Herrschaftsanspruch, der darin liegt, alles andere, insbesondere
die Natur in seine Verfügungsgewalt zu bekommen. Der Mann will Gewalt
über die Natur ausüben und versucht, sie sich anzueignen, aber,
so Beauvoir: „er besitzt sie nur, indem er sie verbraucht, das heißt
zerstört.“[61]
- Auf diese Weise bleibt er allein - „ein Fremder ohne Reisepass in
einer eisigen Welt.“
Die
Absicht meiner Ausführungen ist es, das äußerst differenzierte
und oft höchst ambivalente Verhältnis Beauvoirs zu Hegel zu verdeutlichen.
Einerseits ist Beauvoir anHegels
bewusstseinsphilosophischen Ausführungen interessiert,bieten
diese ihr doch den Rahmen für ihre eigenste sowohl persönliche
als auch theoretische Problematik: der Bedrohung der eigenen Existenz durch
die Existenz eines anderes Bewusstseins. Beauvoir findet in Hegels Philosophie
die Annahmeeiner grundlegenden Feindseligkeit
zwischen zwei Bewusstseinen: „Das Subjekt setzt sich nur, indem es sich
entgegen-setzt: es hat den Anspruch, sich als das Wesentliche zu behaupten
und das Andere als Unwesentlich, als Objekt zu konstituieren.“[63]
Nur kommt im Normalfall das Subjekt nicht sehr weit: das andere Bewußtsein
setzt ihm seinerseits den gleichen Anspruch entgegen. So gibt es Kriege,
Handelsbeziehungen, Verträge, die Individuen und Gruppen dazu zwingen,
wohl oder übel die Wechselseitigkeit ihrer Beziehungen anzuerkennen.
Andererseits fragt Beauvoir aber, wie es kommt, „dass zwischen den Geschlechtern
diese Wechselbeziehung nicht hergestellt worden ist?“[64]
Wie konnte es dazu kommen, dass die Frau zur unwesentlichen Anderen wurde,
die nie den Kampf um Anerkennung aufgenommen hat? Beauvoir stößt
bei ihrer Suche nach einer Antwort auf den Mythos der Weiblichkeit, mit
dessen Hilfe der Mann die Frau zur Anderen macht, seine Herrschaft durch
ihre „natürliche Unterlegenheit“ begründet: „Sie ist die zur
Transparenz von Bewusstheit erhobene Natur, sie ist ein von Natur aus untergeordnete
Bewußtsein.“[65]
Auf diese Weise erfüllt sie gleich zwei Funktionen -sie
ist der ersehnte Mittelweg zwischen der dem Mann fremden Natur und zugleich
bildet sie einen Ausweg aus der „unerbittlichen Dialektik von Herr und
Knecht“, die darin besteht, dass jeder andere Mann, durch einen Kampf
auf Anerkennung jederzeit seine Herrschaft anfechten kann. Denn, so sagt
Beauvoir, zwischen Mann und Frau hat es nie einen Kampf gegeben. Während
der besiegte Sklave ebenso wie der Herr sein Leben aufs Spiel gesetzt hatte,
ist die Frau dagegen „ursprünglich ein Existierendes, das das Leben
schenkt und sein Leben nicht aufs Spiel setzt.“[66]
Ihr Unglück ist, dass sie biologisch zur Wiederholung des Lebens bestimmt
ist, denn nicht indem der Mensch Leben schenkt, sondern indem er es einsetzt,
erhebt er sich über das Tier. „Deshalb wird innerhalb der Menschheit
der höchste Rang nicht dem Geschlecht zuerkannt, das gebiert, sondern
dem, das tötet.“[67]
Es wurde bereits sehr viel über Beauvoirs misogyne Äußerungen,
insbesondere über ihre problematische Einstellung zur Mutterschaft
geschrieben. Ich muss zugeben, dass mich auch über manche Strecken
eine Art ohnmächtiger Widerstand über all die abwertenden Äußerungen
über Frauen erfasst hat. Eine einseitige diesbezügliche Kritik
an Beauvoir würde jedoch darüber hinwegsehen, dass es ihr geradedarum
ging, aufzuzeigen, dass es sich dabei um männliche Werte handelt und
in Wirklichkeit die Frauen den Männern nie weibliche Werte[68]
entgegengesetzt, sie vielmehr übernommen und anerkannt haben: „Die
Vorstellung von der Welt ist, wie die Welt selbst, das Produkt der Männer:
sie beschreiben sie von ihrem Standpunkt aus, den sie mit dem der absoluten
Wahrheit gleichsetzen.“[69] Der
von den Männern geschaffene Mythos der Weiblichkeit ermöglicht
es diesen, die Frau zur „Anderen“ zu machen und sie vom gesellschaftlichen
Anerkennungsprozess auszuschließen. Andererseits betont Beauvoir
bereits auf den ersten Seiten, dass es eine Form von Unauthentizität
wäre, zu behaupten, die Frau stände jenseits ihres Geschlechts.
“Die Begriffe vom Ewigweiblichen, von der schwarzen Seele, vom jüdischen
Charakter abzulehnen, bedeutet ja nicht zu verneinen, dass es heute Juden,
Schwarze, Frauen gibt: die Verneinung wäre für die Betroffenen
keine Befreiung, sondern eine Flucht ins Unauthentische.“[70]
Die Perspektive der Existentialistischen Ethik, die Beauvoir an den Ausgangspunkt
ihrer Untersuchungen stellt[71],
geht eben nicht von der abstrakten Menschheit aus, sondern siehtFreiheit
nur in und durch die Situation, nur in und durch die verkörperte,
vergeschlechtlichte Existenz.Nichtsdestotrotz
sehen Autorinnen wie Iris Young[72]
in Beauvoirs humanistischem Feminismus eine Revolte gegen die Weiblichkeit.
Beauvoir würde Menschsein mit Männlichkeit identifizieren und
die Gleichheit an männlichen Maßstäben messen.[73]
Der gynozentrische Feminismus hingegen würde von positiven weiblichen
Werten ausgehen, sozusagen die Differenz betonen. Diese als „Streit um
Differenz“ bezeichnete Kontroverse wurde in den neunziger Jahren von noch
heftigeren Auseinandersetzungen um Judith Butlers poststrukturalistische
Position abgelöst.[74] Im
Gegensatz zur äußerst spärlichen und oft auch problematischen
Rezeption Beauvoirs stellt Butler Beauvoir an einen der Ausgangspunkte
ihrer Überlegungen. „Wenn an Beauvoirs These, dass man nicht als
Frau zur Welt kommt, sondern dazu wird, tatsächlich etwas richtig
ist, folgt daraus, dass die Kategorie Frau selbst ein prozessualer Begriff,
ein Werden und Konstruieren ist, von dem man nie rechtmäßig
sagen kann, dass es gerade beginnt oder zu Ende geht.“[75]
Es ist hier nicht der Ort um Butlers Weiterentwicklung von Beauvoirs Thesen
zu erörtern, gemeinsam ist beiden Ansätzen jedenfalls die Ablehnung
einer besonderen weiblichen Essenz, einer weiblichen Natur. Auch wenn der
gynozentrische Feminismus einen wichtigen Beitrag dahingehend leistet,
das Selbstwertgefühl der Frauen zu stärken, indem er den weiblichen
Körper und die traditionellen weiblichen Aufgaben als Ausgangspunkt
positiver Wertvorstellung sieht, muss Iris Young einräumen, dass ihm
die Gefahr einer Anpassung an die herrschenden Mächte innewohnt.[76] Wie
bereits erwähnt, wurde die Unterordnung der Frau schon seit der Antike
auf die „natürliche“ Unterlegenheit der weiblichen Natur zurückgeführt
und hatte, trotz der neuzeitlichen Wendung auf das Subjekt der Vernunft,
Eingang in Hegels Philosophie genommen. Soerhält
bei Hegel die „natürliche“ Bestimmtheit der beiden Geschlechter durch
ihre Vernünftigkeit „intellektuelle“ und „sittliche“ Bedeutung.[77]
Dadurch wird es ihm möglich Frauen und Männern zwei jeweils verschiedene
Sphären zuzuweisen. Den Frauen wird die für das Mensch- und Subjektsein
notwendige Fähigkeit zur Allgemeinheit abgesprochen, ihnen ist die
Sphäre der Öffentlichkeit, der Zugriff auf die Welt, die Transzendenz
verwehrt. Sie bleiben dem Reich der Notwendigkeit, dem Leben der Immanenz
verhaftet und können daher nicht am Kampf um Anerkennung, jenem wichtigen
Prozess der Subjektwerdung teilnehmen, in dem die Männer ihr Leben
riskieren und sich damit zur Transzendenz machen. Da Hegels Philosophie
im wesentlichen auf die Entwicklungsstufen des Geistes ausgerichtet ist
und er den Individuen bloß einen akzidentellen Wert zumisst, stellt
es für ihn kein Problem dar, die grundsätzlicheDoppelsinnigkeit
des Menschen, sowohl Körper als auch Geist, sowohl Immanenz als auch
Transzendenz zu sein, zugunsten der beiden Geschlechter hierarchisch aufzuteilen
und die Frauen auf einer niedereren Stufe, als Opfer der Dialektik[78]
zurückzulassen. Für Beauvoir hingegen stellt die Doppelsinnigkeit
des Menschen, Transzendenz und Immanenz zu sein, die Grundstruktur des
Menschseins - und zwar jeden Menschens und nicht nur der Menschheit - dar.
Beauvoir sieht es als ethische Verpflichtung sowohl von Frauen, als auch
von Männern an, nicht mehr den Mythen der Gesellschaft zu glauben,
die durch eine strikte Rollenzuteilung die Frau auf die Sphäre der
Immanenz und Faktizität reduzieren wollen, während die Männer
ihrerseits den Bereich der Transzendenz und Freiheit beanspruchen und ihre
Faktizität ignorieren. Während
Yvanka Raynova in dem folgenden Beitrag aufzeigt, wie die Kategorie der
Frau als Andere - ein Analog des Lyotardschen Konzepts des Différend
- einem dualistischen Denken zugrunde liegt, das Feindbilder, Mythen und
Simulakren erschafft, die die Repressionsmachine legitimieren und in Gang
setzen[79],
möchte ich nachvollziehen wie Beauvoir den hegelschen Ansatz gegen
Hegel selbst verwendet, indem sie seinen Dualismus und die Ausschlussmechanismen
gegenüberFrauen aufzeigt und
dekonstruiert. Der Mythos der Weiblichkeit schafft allererst die Kategorie
Frau mit deren Hilfe dann die Unterdrückung und der Ausschluss der
Frauen aufgrund der ihnen zugeschriebenen „natürlichen Unterlegenheit“
stattfindet. Obwohl sie vorgibt eine Theorie der Gleichheit und Freiheit
zu sein, schafft die Hegelsche Konzeption allererst die Differenz und Ungleichheit
zwischen den Geschlechtern. Zugleich gibt sie aber Beauvoir ein Instrument
der Kritik in die Hand, - ein Instrument allerdings dessen Ambivalenz schon
mehrmals betont wurde - das die Gefahr in sich birgt, eine ausschließliche
Orientierung an männlichen Werten vorzunehmen. Außerdem wird
die Interpretation Beauvoirs durch die Mehrdeutigkeit ihrer Begrifflichkeit
erschwert[80]:
einerseits verwendet sie die Begriffe Transzendenz-Immanenz im existentialistischen
Sinne um die Doppelsinnigkeit jedes Menschen zu beschreiben, andererseits
knüpft sie an Hegel an, um die beiden von einander getrennten sozialen
Bereiche, die jeweils Männern und Frauen vorbehalten sind, zu kennzeichnen
- die männliche Sphäre von Transzendenz, die durch Aktivität,
produktive Arbeit, Schaffung von Werten ausgezeichnet ist und die mit dem
öffentlichen Bereich gleichgesetzt wird, während der weibliche
Bereich die Sphäre der Immanenz darstellt, die durch Wiederholung,
Erhaltung und Kontinuität gekennzeichnet ist und mit der Sphäre
des Lebens und des Privaten einher geht. Bei einer nur oberflächlichen
Lektüre könnte dabei der Eindruck entstehen, dass Beauvoir Transzendenz
mit Männlichkeit gleichsetzt, während sie in Wirklichkeit dagegen
ankämpft. Was
sind nun die Lösungsansätze die uns Beauvoir anbietet? Folgen
wir nunmehr den drei Gründen, die Beauvoir als Ursache der Unterdrückung
der Frauen sieht, erstens die ökonomische Abhängigkeit, zweitens
das Selbstverständnis des Zusammenlebens als Mitsein, in dem
das Paar als Einheit gesehen wird, wodurch es nicht zur Reziprozität
des Kampfes um Anerkennung kommt und drittens die Neigung der Frauen, sich
in der Rolle der Anderen zu gefallen.[81]
Die Berufstätigkeit der Frau bildet einen Ausweg aus der ökonomischen
Abhängigkeit. Beauvoir betont jedoch, dass dies nur funktionieren
kann, wenn die Gesellschaft insgesamt verändert wird[82].
Ihre Hoffnung lag zum Zeitpunkt der Erscheinung des anderen Geschlechts
noch in der Realisierung einer sozialistischen Welt.[83]
Bezüglich Punkt zwei und drei handelt es sich um die Notwendigkeit
einer noch tiefgreifenderen Änderung, nämlich der Änderung
der Symbolischen Ordnung selbst. Die ökonomische Unabhängigkeit
der Frau wird so lange nicht zu ihrer Befreiung führen, solange die
gesellschaftlichen Werte sich nicht geändert haben, die bei der Frau
eine schmerzhafte Zerrissenheit bewirken[84]:
die Männer billigen weitgehend, dass die Frau ebenbürtig und
gleichwertig ist, verlangen aber weiterhin, dass sie das Unwesentliche
bleibt. Dadurch, dass die Frau dem Mann gefallen und seinen Vorstellungen
entsprechen will, bleibt sie nach wie vor seine Vasallin, unterwirft sich
selbst und entscheidet sich für die Unfreiheit. „Daraus folgt“,
betont Beauvoir, „dass die Frau sich nicht als für sich existierend
erkennt und wählt, sondern so, wie der Mann sie definiert.“[85]
Es sind aber nicht nur die konkreten Möglichkeiten, die ihr oft fehlen,
sondern, „weil sie sich oft in ihrer Rolle als Andere gefällt.“[86]
Beauvoir hebt hier im Gegensatz zu manchen Interpretationsversuchen[87]
die aktive Rolle der Frau hervor, die ihr trotz verschiedenster Formen
von Unterdrückung immer noch zukommt.[88]
Die Frau muss sich entscheiden, ihre Freiheitzu
wollen und auf sich zu übernehmen. Dabei geht esaber
gerade nicht darum das Frausein zu verleugnen -dies
wäre genau so eine Form von Unauthentizität wie wenn ein Schwarzer
leugnen würde, ein Schwarzer zu sein. Beauvoir lässt vielmehr
überhaupt erst die weibliche Stimme zur Wort kommen, indem sie die
weibliche Erfahrung zu einem theoretisch bedeutsamen Element erhebt. So
ist für Beauvoir von erheblicher Bedeutung, „inwieweit die Tatsache,
dass wir Frauen sind, unser Leben beeinflusst hat.“[89]
Frausein ist für Beauvoir nicht durch irgendeine verborgene Essenz
gegeben, sondern Teil ihrer Situation. „Welche Chancen wurden uns im
einzelnen gegeben und welche wurden uns vorenthalten?“[90]
Welche Bedeutung Beauvoir diesem Themenkreis zumisst ist daraus ersichtlich,
dass der gesamte zweite Teil des Anderen Geschlechts den Titel „Gelebte
Erfahrung“ trägt. Ich
möchte zum Abschluss ganz kurz Nancy Fraser zu Wort kommen lassen,
die sich in einem ihrer letzten Werke mit dem Thema der Anerkennung auseinandersetzt
und die Problematik, die ich schon bei Beauvoir angelegt sehe, auf den
Punkt bringt. In
Justice Interruptus spricht sie vomVerteilungs-Anerkennungs-Dilemma.[91]
Wie wir bereits bei Beauvoir gesehen haben, wurde die Kategorie Frau dazu
verwendet, Frauen aus dem Gesellschaftlichen Anerkennungsprozess auszuschließen.
Eine logische Konsequenz davon wäre, die geschlechtliche Differenzierung
aufzulösen und wie Beauvoir als letzten Satz des anderen Geschlechts
postuliert, „dass Männer und Frauen über ihre natürlichen
Unterschiede hinaus unmissverständlich ihre Brüderlichkeit behaupten.“[92]
Was hier bei Beauvoir offensichtlich ins Auge fällt, ist, dass ihr
dafür die Begrifflichkeit fehlt. Sie orientiert sich sprachlich wiederum
am Männlichen, ein Mangel, der ihr große Kritik eingetragen
hat, obwohl sie meiner Ansicht nach vielmehr eine Gleichheit jenseits der
Geschlechtlichkeit meint, was so viel wie die Auflösung der Geschlechterdichotomie
bedeuten könnte.[93]
Zugleich geht es Beauvoir aber darum, der „anderen“ Stimme, nämlich
der Stimme der Frau und ihrer Erfahrung Gehör zu verschaffen und aufzudecken,
dass alle gesellschaftlichen Werte über die Frauen bisher von den
Männern geschaffen worden waren und dass eben diese kulturellen Werte
verändert werden müssten. Dies bedeutet, die positiven Werte
Frauen betreffend, anzuerkennen. Es geht also um eine Anerkennung von Differenz.
Genau in diesem Sinne stellt Fraser ihre Frage: „Wie können Feministinnen
zugleich darum kämpfen, dass die Geschlechterdifferenz abgeschafft
wird und zugleich darum kämpfen, dass sie aufgewertet wird?“[94]
Die Lösung dieses Dilemmas sieht Fraser darin, dass die Verteilungsproblematik
durch eine sozialistische Gesellschaft und die Anerkennungsproblematik
durch kulturelle Dekonstruktion gelöst wird. Verbunden damit ist die
Herausforderung, neue Wege zu gehen und sich von alten kulturellen Konstruktionen
und festgeschriebenen Identitäten zu befreien. 50 Jahre nach dem Erscheinen
Des anderen Geschlechts erscheint die Aufgabe und die Problemstellung
die uns Beauvoir auf den Weg gegeben hat also keineswegs überholt
zu sein.
[3]
Simone de Beauvoir, Das Blut der anderen, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt
1996 [4]
Simone de Beauvoir, In den besten Jahren, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt
1969, S. 82 [5]
ebenda, S.111 [6]
ebenda, S. 110 [7]
ebenda, S. 304 [8]
ebenda, S. 469 [9]
Simone de Beauvoir, Das andere Geschlecht, wie oben, S. 9 [10]
ebenda , S. 10 [11]
ebenda S. 12 [12]
ebenda S. 25 [13]
Simone de Beauvoir, In den besten Jahren, wie oben, S.469 [14]
Herta Nagl-Docekal, Gleichbehandlung und Anerkennung von Differenz:
Kontroversielle Themen feministischer politischer Philosophie, in: Politische
Theorie. Differenz und Lebensqualität,Hg.
von Herta Nagl-Docekal und Herlinde Pauer-Studer, FaM:1996 [15]
Herta Nagl-Docekal, Gleichheit und Differenz: Zu neueren Entwicklungen
der feministischen Rechtsphilosophie und politischen Theorie, in: Feministische
Philosophie: Perspektiven und Debatten, Hg. v. Yvanka Raynova, Susanne
Moser und Sigrid Berka, (Bulgarisch-Deutsch), Nauka i Izkoustvo, Sofia
2000 [16]
Ich möchte mich hier gegen die verschiedenen Interpretationen wenden,
die Beauvoir entweder als Gleichheitsfeministin oder als Differenzfeministin
verstehen. Während Iris Young, wie ich noch zeigen werde, Beauvoirs
Gleichheitsfeminismus kritisiert, entwickelt z. B. Mary Daly in ihrem Werk
The church and the second sex in Anlehnung an Beauvoir eine Differenzposition. [17]
z. B. Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, Mannheim 1986,
Band 1 [18]
Seyla Benhabib, Der verallgemeinerte und der konkrete andere. Ansätze
zu einer feministischen Moraltheorie, in: Denkverhältnisse.
Feminismus und Kritik, Hg. Von Elisabeth List und Herlinde Pauer-Studer,
FaM 1989 [19]
Charles Taylor, Multikulturalismus und die Politik der Anerkennung,Fischer
Taschenbuchverlag: Frankfurt am Main 1993, S.13 [20]
ebenda, S. 15 [21]
Axel Honneth, Kampf um Anerkennung. Zur moralischen Grammatik sozialer
Konflikte, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1994 [22]
Charles Taylor, wie oben, S.16 [23]
Rousseau leitet das Gewissen aus einem natürlichen angeborenen Gefühl
ab, siehe J.-J Rousseau, Emil oder Über die Erziehung, UTB,
Paderborn 1995, S. 305, Kant wird im wesentlichen den von Rousseau entwickelten
Gewissensbegriff übernehmen [24]
Taylor, wie oben, S.20 [25]
Taylor verbindet die Idee der Authentizität mit Herder, auch wenn
er ihn nicht als ihren Urheber sieht, wohl aber als denjenigen, der sie
früh und eindringlich angesprochen hat. [26]
J.-P. Sartre, Das Sein und das Nichts. Versuch einer phänomenologischen
Ontologie, Rowohlt. Reinbek bei Hamburg 1993 [27]
Simone de Beauvoir, Das andere Geschlecht, wie oben, S.334 [28]
so sieht es Kant nicht der „Gleichheit der Verehelichte, als solcher
widerstreiten (d, S.M), wenn das Gesetz von dem Manne in Verhältnis
auf das Weib sagt: er soll dein Herr (er der befehlende, sie der gehorchende
Teil) sein: so kann diese nicht als der natürlichen Gleichheit
eines Menschenpaares widerstreitend angesehen werden, wenn dieser Herrschaft
nur die natürliche Überlegenheit des Vermögens des Mannes
über das weibliche, in Bewirkung des gemeinschaftlichen Interesse
des Hauswesens und des darauf gegründeten Recht zum Befehl zu Grunde
liegt, welches daher selbst aus der Pflicht der Einheit und Gleichheit
in Ansehung des Zwecks abgeleitet werden kann.“ Immanuel Kant, Metaphysik
der Sitten, § 26 AB 110, FaM:1993 [29]
Seyla Benhabib, Selbst im Kontext, wie oben, S. 276 [30]
Simone de Beauvoir, Das andere Geschlecht, wie oben S. 20 [31]
ebenda S. 20 [32]
G. W. F. Hegel, Jenaer Realphilosophie, Vorlesungsmanuskripte zur Philosophie
der Natur und des Geistes von 1805-1806, Felix Meiner Verlag: Hamburg
1969, S. 207 [33]
Immanuel Kant, Metaphysik der Sitten, Frankfurt am Main 1977, §9 [34]
Jenaer Rechtsphilosophie, wie oben S. b206 [35]
ebenda S. 227 [36]
ebenda S. 211 [37]
Axel Honneth, Kampf um Anerkennung, Frankfurt a. M. 1992, S.37 [38]
Honneth begründet seine Ausklammerung der feministischen Ansätze
damit, dass sie seinen Rahmen gesprengt und seinen Kenntnisstand überstiegen
hätten. Axel Honneth, ebenda, S. 9 [39]
Christa Oppenheimer, Über Hegel, die Mägde und die List der
Vernunft, Zum gegenwärtigen Stand der Diskussion über Anerkennungsethik
und Gewalt gegen Frauen, Studientexte zu Sozialwissenschaft, Band 13,
Frankfurt a. M. 1996, S.80 [40]
G. W. F. Hegel, Phänomenologie des Geistes, Frankfurt am Main:
Suhrkamp 1970, S.179 [41]
Auf die Frauen bezogen würde das bedeuten, dass sie allererst das
Selbstbewusstsein erlangen müssten, das es ermöglicht Anerkennung
einzufordern. Meiner Ansicht nach setzt der Anerkennungsprozess bereits
etwas voraus, indem er von vornherein festlegt, wer in diesen Prozess überhaupt
aufgenommen wird und wer nicht. Bei Hegel wird das Problem dadurch gelöst,
dass der Geist die hierarchische Aufspaltung der Geschlechter von vornherein
in sich trägt, wobei er seine „weibliche Seite“ auf einer niederen
Bewusstseinsstufe zurücklässt. [42]
„Für das Selbstbewusstsein ein anderes Selbstbewusstsein;
es ist außer sich gekommen. Dies hat die gedoppelte Bedeutung: erstens,
es hat sich selbst verloren, denn es findet sich als ein anderes Wesen;
zweitens, es hat damit das Andere aufgehoben, denn es sieht auch nicht
das Andere als Wesen, sondern sich selbst im Anderen.“ G. W. F.Hegel,
Phänomenologie des Geistes, wie oben, S.146 [43]
ebenda S.149 [44]
ebenda S.145 [45]
Die sehr komplexen spekulativen Gedankengänge Hegels können hier
nur ungenügend angedeutet werden. Siehe dazu: Ludwig Siep, Anerkennung
als Prinzip der praktischen Philosophie. Untersuchungen zu Hegels Jenaer
Philosophie des Geistes, Verlag Karl Alber, Freiburg München,
1979, S.71 [46]
G. W. F. Hegel, Phänomenologie des Geistes, Frankfurt am Main:
Suhrkamp 1970, S.145 [47]
ebenda, S.145 [48]
J.-P. Sartre, Das Sein und das Nichts, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt
1995, S.1052 [49]
ebenda S.81 [50]
G. W. F. Hegel, Grundlinien der Philosophie des Rechts, Suhrkamp
Taschenbuch Verlag Frankfurt am Main 1986 §154 [51]
Simone de Beauvoir, Für eine Moral der Doppelsinnigkeit, in:
Soll man de Sade verbrennen. Drei Essays zur Moral des Existentialismus,
Reinbek bei Hamburg, Rowohl:1964, S.150 [52]
ebenda S.151 [53]
ebenda S. 192 [54]
Kojève hielt an der Sorbonne von 1933 bis 1939 Vorlesungen über
Hegels Phänomenologie des Geistes, die 1947 von Quenau veröffentlicht
wurden [55]
Eva Lundgren-Gothlin, Sex and Existence. Simone de Beauvoir´s
The Second Sex. Wesleyan University Press, London 1996, S.67 [56]
Beauvoir berichtet in ihrer Autobiographie, dass sie im Juni 1945 mit Queneau
heiß über das „Ende der Geschichte“ gestritten hätte. “Queneau,
durch Kojève in die Gedankenwelt Hegels eingeführt, war der
Meinung, eines Tages würden sich alle Individuen in der siegreichen
Einheit des Geistes zusammenfinden. Aber wenn ich Kopfschmerzen habe?“
sagte ich. „Man wird Ihre Kopfschmerzen haben“, erwiderte Queneau“ Simone
de Beauvoir, Der Lauf der Dinge, Reinbek bei Hamburg: 1970, S.41 [57]
Simone de Beauvoir, Das andere Geschlecht, wie oben, S.190 [58]
ebenda S.191 [59]
ebenda S.191 [60]
Debra Bergoffen, Intentionale Ängste bekämpfen. In: Silvia
Stoller, Helmuth Vetter (Hg.), Phänomenologie und Geschlechterdifferenz,
Wien: WUV Universitätsverlag 1997 [61]
Simone de Beauvoir, Das andere Geschlecht, wie oben, S. 190 [62]
ebenda S.191 [63]
ebenda S.13 [64]
ebenda S. 14 [65]
ebenda S. 192 [66]
ebenda S. 90 [67]
ebenda S. 90 [68]
So betont Beauvoir, dass die Mutterschaft je nach dem Wert, den sie in
der Gesellschaft darstellt für die Frau „eine Quelle der Würde
oder der Würdelosigkeit sein“ wird. Es kommt auf die jeweilige
gesellschaftliche Anerkennung an. Siehe: Das andere Geschlecht,
wie oben, S. 62 [69]
ebenda S.194 [70]
Simone de Beauvoir, Das andere Geschlecht, wie oben, S.10 [71]
ebenda, S.25 [72]
Iris Marion Young, Humanismus, Gynozentrismus und feministische Politik,
in: Denkverhältnisse. Feminismus und Kritik. Hg. von Elisabeth
List und Herlinde Pauer-Studer, Frankfurt a. M. 1989 [73]
Beauvoir selbst hat meiner Ansicht nach dazu einiges beigetragen. Die unüberschaubare
Fülle, die oft unsystematischen Vorgangsweise, sowie der komplexe
philosophische Hintergrund, der oft nur ungenügend ausgearbeitet ist
und wie z.B. im Falle des Begriffs der Transzendenz mehrfach besetzt ist,
können bei nur oberflächlicher Rezeption zu groben Missverständnissen
führen. Eine problematische Wortwahl kann dann noch das ihre dazu
tun. So muss ich selber zugeben, dass mich anfangs der Abschlusssatz des
Anderen Geschlechts, „dass Männer und Frauen über ihre natürlichen
Unterschiede hinaus unmissverständlich ihre Brüderlichkeit behaupten.“
zu den Vermutung verleiteten, dass am Ende alle Menschen Männer werden
sollten, die Weiblichkeit beim Eintritt in die Welt der wechselseitigen
Anerkennung sozusagen geopfert werden müsste. [74]
So scheutMartha Nussbaum nicht davor
zurück, Butler einer Kollaboration mit dem Bösen anzuschuldigen. In:
The New Republic, Vo.220, Nr.8, February 22, 1999, Martha Nussbaum,
The professor of parody. The hip, defeatist feminism of Judith Butler,
S.45 [75]
Judith Butler, Das Unbehagen der Geschlechter, Frankfurt a. M. 1991,
S.60 [76]
Iris Young, wie oben, S.38 [77]
G.W. F. Hegel, Grundlinien der Philosophie des Rechts, Frankfurt
a. M. 1970, §165 [78]
Seyla Benhabib, Selbst im Kontext, wie oben, S.276 [79]
Sieh: Y. Raynova, Das andere Geschlecht im postmodernen Kontext. In: L’Homme,
10. Jahrgang 1999, Heft 1, SS. 79-91, und Beauvoir, Lyotard
et la pensée postmoderne, hier in dieser Ausgabe von Labyrinth. [80]
Siehe dazu auch Eva Lundgren-Gothlin, wie oben S.241 [81]
Simone de Beauvoir, Das andere Geschlecht, wie oben, S.17 [82]
Yvanka Raynova vertritt diesbezüglich die These, dass Beauvoir eine
„Ethik der Gerechtigkeit“ ausgearbeitet hat, bei der es sich um eine permanente
Revolution und eine dreifache Veränderung handelt: die individuelle
Konversion der Frauen, die kollektive Konversion und die Erschaffung einer
neuen Situation, wo die Ausgeschlossenen als gleichwertig an Sein, Transzendenz
und Freiheit anerkannt werden (Y. Raynova, Das andere Geschlecht im
postmodernen Kontext, wie
oben,S. 88). [83]
Simone de Beauvoir, Das andere Geschlecht,wie
oben S.842 [84]
ebenda S.328 [85]
ebenda S.189 [86]
ebenda S.17 [87]
Beauvoirs wohl berühmteste Satz: „On ne naît pas femme, on le
devient“ wird z.B. von Alice Schwarzer statt mit: “Man kommt nicht als
Frau zur Welt, man wird es“, mit „Man kommt nicht als Frau zur Welt,
man wird dazu gemacht.“ übersetzt. [88]
Das andere Geschlecht enthält allerdings viele Ambivalenzen. So erwähnt
Beauvoir am Ende ihres Werkes, dass der Abgrund, der zwischen dem jungen
Mädchen und dem jungen Mann liegt, seit der frühesten Kindheit
im allseitigen(!) Einvernehmen gegraben worden sei. „Später ist
dann nicht mehr zu verhindern, dass die Frau das ist, wozu man sie gemacht
hat.“ in: Das andere Geschlecht, wie oben, S.892 [89]
ebenda S.24 [90]
ebenda S.24 [91]
Nancy Fraser, Justice Interruptus. Critical Reflections on the „Postsocialist“
Condition, Routledge, New York, 1997,S.
23 [92]
Simone de Beauvoir, Das andere Geschlecht, wie oben, S.900 [93]
Übrigens hat schon Marx, wie Fraser erwähnt, die Arbeiterklasse
nicht als etwas angesehen, das in seiner Differenz anzuerkennen wäre,
sondern vielmehr als Kategorie der Unterdrückung, die insgesamt abzuschaffen
ist. Nancy Fraser, wie oben, S.18 [94]
Nancy Fraser, ebenda S. 21 |
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