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    Vol. 1, No. 1, Winter 1999
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Meike Lauggas

Born to be adult[*]

  

Simone de Beauvoir brachte mit der berühmt gewordenen Aussage „Wir werden nicht als Frauen geboren, wir werden dazu gemacht“ Inhalte vor, die sämtliche Argumentationen naturbedingter Geschlechterhierarchien ins Fallen brachte. Darüber wurde viel diskutiert und geschrieben, wie auch ihr Rückgriff auf eine scheinbare Objektivierbarkeit der Natur mittlerweile umfassend betrachtet wurde. Verständlich war für alle RezipientInnen auch immer, dass mit „Frauen“ weibliche Menschen gemeint waren und es explizit um die Konstruktionsleistung dieser „Weiblichkeit“ geht. Neben der geschlechtlichen gibt es mit unzähligen Varianten noch zahlreiche andere Markierungen, nach denen Menschen kategorisiert werden. Eine davon ist in allen Kulturen jene des Lebensalters, die weitreichende Folgen hat.

„Wir werden nicht als Frauen geboren, wir werden dazu gemacht“ ist wörtlich genommen eigentlich eine Unmöglichkeit, weil Frauen nie geboren werden, sondern - wenn schon - Mädchen. Diese Präzisierung ändert nichts an der wesentlichen Schärfe und Wichtigkeit von dem, was Beauvoir aussagen wollte und auch nichts an der Kritik daran. Aber es bleibt sehr erstaunlich, dass sie es so schreiben konnte und es lange so rezipiert wurde. Lediglich Ursula Scheu hat darauf aufmerksam gemacht, als sie unter dem Titel Wir werden nicht als Mädchen geboren ein Tagebuch über die Weiblichkeits-Sozialisierung ihrer Tochter veröffentlichte und damit im Gefolge von Beauvoir auch deren Thesen unterlegte. Wie lässt sich aber die geringe sprachliche Aufmerksamkeit sonst so genauer Denkerinnen erklären? Meines Erachtens liegt dies zu einem wesentlichen Teil im Stellenwert von weiblicher Kindheit in ihrer historischen Formierung begründet.

Die Möglichkeit der - im doppelten Sinne des Wortes - Bildung von Kindern wurde im mitteleuropäischen Raum im späten 17. Jahrhundert wahrgenommen und mit Rekursen auf die Antike wurde ein Konzept „Kindheit“ insofern entwickelt, als zwischen abhängigem Säuglingsalter und zu Arbeit fähigem Erwachsenenalter (ab 9 Jahren etwa) diese Phase als Lern-, Übungs-, Spielzeit eingefügt wurde. Dieses „neue Kind“ war vorerst ein Knabe und mit Einführung von allgemeiner Unterrichts- und Schulpflicht im ausgehenden 18. Jahrhundert bekamen auch Mädchen als Kinder Eingang in diese neue Lebensphase. Oder etwa nicht? Die genauere Betrachtung des deutschen Wortes „Mädchen“, das immerhin auch die Bezeichnung der Menschenkategorie weiblicher Kinder ist, macht sichtbar, dass es eine eigentümliche Geschichte hat. Ende des 18. Jahrhunderts wurde es als Verkleinerungsform von „Magd“ gebildet, das viele Bedeutungen hatte und auch weibliche Kinder bereits einschloss. Der Zeitpunkt der Wortschöpfung liegt meines Erachtens in der Entwicklung des Konzeptes zu schulender/bildender Kinder begründet, interessant ist aber Frage nach der Art der Wortschöpfung: Warum eine Verkleinerungsform, die grammatikalisch auch noch das sächliche Geschlecht nach sich zieht? Dies gilt zum Teil auch in anderen Sprachen wie z. B. im Bulgarischen: „Momítsche“ ist das einzige personenbezeichnende Wort, bei dem das natürliche Geschlecht der so Bezeichneten (also das weibliche) sich gegen das grammatikalische Geschlecht (das sächlich ist) nicht durchgesetzt hat.

Setzt man die pädagogischen Diskurse mit den Positionierungen der verschiedenen Gesellschaftsschichten und -gruppen dieser Zeit in ein Verhältnis zueinander, so lässt sich folgende These formulieren: Mädchen wurden nie im (vorerst bürgerlichen) Konzept einer Kindheit als Zwischenstufe aufgenommen, sondern waren lediglich die kleine Form dessen, was von ihnen als erwachsene Frauen innerhalb der Weiblichkeitskonstruktionen erwartet wurde. Sie blieben also in der mittelalterlichen Version sowohl von „Kindheit“, die keine ist, aber auch von „Arbeit“, die keine ist. Schließlich konnte der Knabe als einziger die Gruppe der Unmündigen (Frauen, Kinder und „Verrückte“) verlassen, was die Ausrichtung der Zeit davor wesentlich verändert. Für das Weibliche gilt eine Indifferenz in gleichzeitiger Wechselwirkung in beide Richtungen: Die Frau als ewiges Kind, das nie Kind war – die immer und nie arbeitet.

Die mangelnde Unterscheidung zwischen diesen Lebens- (Mündigkeits-) Phasen ist sicherlich nicht nur aber auch darin begründet und lässt sich in vielen Erscheinungsformen und Auswirkungen nachzeichnen. Zu schreiben, „Wir werden nicht als Frauen geboren, sondern dazu gemacht“, ist eine davon, als eine qualitativ ganz andere ist z. B. die Sexualisierung von Mädchen zu sehen, die schließlich auch wörtlich jeden Alters sein können (leichtes Mädchen, Mädchen für Alles usw.) bzw. das mädchenhafte Frauenideal.

 

ENDNOTE
[*] Genauer ausgeführt habe ich diese Überlegungen in: Meike Lauggas, Mädchenbildung bildet Mädchen. Eine Geschichte des Begriffs und der Konstruktionen, Milena Verlag, Wien (voraussichtlich April 2000)