Roland Faber

 

Wahrheit und Maschine.

Wider das transsilvanische Argument 

von der Gewalt im Erkenntnisdiskurs

  

„Die Welt ist kein Komplize unserer Erkenntnis.

Es gibt keine prädiskursive Vorsehung,

welche uns die Welt geneigt macht.“ 

Michel Foucault, Die Ordnung des Diskurses

  

Erkenntnis ist keine Vergewaltigung. Wenngleich die Welt auch kein Komplize unserer Erkenntnis von ihr ist, wie Foucault treffend bemerkt, so bedeutet das nicht, dass wir sie erst, indem wir sie sich entrissen und in unser Eigenes verwandelt haben, erkennen können.[1] Diese Ansicht, die man – fälschlich, wie ich meine – mit Lévinas (oder was man für sein Denken ausgibt) halten mag, gründet ihrerseits in nichts anderem als einer Komplizenschaft, die aber die Ursprünglichkeit der Gewalt der Welt, die wir nicht zur Erkenntnis vereinigen können, bereits verdrängt hat, um sich (das erkennende, reflexive Ich-Selbst) an die Stelle gesetzt zu haben, die das andere ursprünglich einnimmt.[2] Der Komplize – die Welt – ist gezwungen, erpresst und vergewaltigt. Die Welt jenseits der Komplizenschaft aber, in ihrer Integrität als anderes gewissermaßen, liegt jeder Erkenntnis so zugrunde, dass sie diese stiftet und selbst in der Vergewaltigung nicht verdrängt zu werden vermag.[3] Die Welt behauptet ihre Integrität, indem sie sich weigert, unser Komplize zu werden. Wir sind schon immer zu einer Welt geneigt, die unser Erkennen nie einzuholen vermag, ohne der Illusion zu erliegen, der Ursprung der Welt zu sein. Im Erkennen bekommen wir, wie Deleuze mit Foucault aufdeckt, Kontakt zum „Biest“ der (chaotischen) Wirklichkeit (zum „anderen“ der Philosophie, zum Nicht-Philosophischen, Nicht-Vernünftigen, Nicht-Geistigen).[4] Deswegen ist Erkennen nie primär und nur dann Vergewaltigung des anderen, wenn wir vergessen, dass wir bereits in der Gewalt des anderen sind, mit Whitehead: der Gewalt des Überwältigtwerdens von Welt.[5]

 

Macht und Gewalt

Gewalt ist nicht Macht, sondern Macht, die gewaltig ist. Nicht jede Gewalt ist mächtig (die Gewalt des empfangenen Phänomens) und nicht jede Macht ist gewaltig (die Macht der Vergebung), aber jede Macht wird zur Gewalt, wenn sie vergewaltigt. Macht vergewaltigt, wenn sie die ihr innewohnende Gewalt versklavt, um sich zu einer Gewalt zu erheben, die nur sich kennt, die alles andere als anderes vernichtet und auch die Macht dazu hat. Nicht jede reflexive Macht ist Gewalt im Sinne der vergewaltigenden Gewalt, weil ihr zwar die Macht zukommen mag, sich zu wollen, nicht aber die, anderes zur Materie des Ich zu degradieren.

Macht ist ursprünglich; vergewaltigende Macht ist eine Illusion, wenngleich eine gewalttätige Illusion, ein Realität gewordenes Phantasma. Macht ist ursprünglich, weil sie das Geschenk der Bedeutung jenseits seiner selbst meint; Gewalt ist ursprünglich, wenn sie die Macht der Bedeutung auch geschehen lässt. Gewalt ist der Akt der Macht der Stiftung, Macht die Potentialität der Gewalt der Relevanz jenseits seiner selbst. Macht ist die Kapazität des Sich-verlassen-Könnens und Gewalt die Realität des Sich-immer-schon-verlassen-Habens. Diese Gewalt ist nicht Vergewaltigung, sondern Überwältigung; sie ist nicht absolut, sondern relational; sie ist nicht unilateral, sondern rezeptive (ohne deswegen schon symmetrisch zu sein).[6] Vergewaltigende Gewalt hingegen sistiert die Macht des Sich-verlassen-Könnens; sie ist der Verlust der Macht der Stiftung; sie ist die Ohnmacht der Selbstbezogenheit (von sich und allem).

Dennoch will jede Gewalt, die vergewaltigt, nicht nur sich. Sie will mehr, nämlich im Vergewaltigen die Macht über das andere. Aber diese Macht will sie nicht, um das andere in sich selbst zu verwandeln, um dadurch in allem nur sich zu finden (Egomanie ist nur eine schwache Form der vergewaltigenden Macht). Vergewaltigende Gewalt will mehr und eher (um nicht zu sagen „ursprünglicher“, weil Vergewaltigung kein Ursprung eignet) noch das andere als anderes brechen: Es soll wissen, dass es als anderes gebrochen ist – in der Entfremdung (alienation) gefangen und dem Vergewaltiger ausgeliefert.

 

Ontologie der vergewaltigenden Gewalt

In der unausgesprochenen Ontologie der vergewaltigenden Gewalt existiert das andere nur mehr, um zu erkennen, dass seine Existenz alleine von der Willkür der vergewaltigenden Macht abhängt, es existieren zu lassen. Vergewaltigende Macht verwandelt das Geschenk des Seins in einen Diebstahl des Todes: das Vergewaltigte erfährt sich als nur mehr deswegen dem Tode entrissen, weil es dem Vergewaltiger so gefällt. Vergewaltigung ist die Gewalt der Kontingenz. Vergewaltigende Macht ist nicht (wie man glauben möchte) die Macht, die das andere seines Andersseins beraubt, sondern es ist die Macht, die paradoxerweise dem anderen sein Andersein schenkt, aber nur, damit es sein Anderssein als von einem anderen her geschenkt begreift und sich selbst der Entscheidung des Verlustes seines Nicht-Anderssein beraubt weiß.

Die Gewalt, die vergewaltigt, will nicht Zerstörung und Tod (das auch, aber nur in Folge), sondern auf perverse Weise Leben; aber ein Leben, dass sich des Todes beraubt weiß. Im Wissen darum liegt die Zufriedenheit der Gewalt. Jede Vergewaltigung strebt nach Befriedigung. In der Befriedigung kommt sie zu einem Halt.[7] Das Opfer wird als Opfer zurückgelassen; das ist die Rache der Gewalt, die ein Danach der Vergewaltigung als Befriedigung antizipiert, um darin zur Ruhe zu kommen, und zugleich die Ruhe benötigt, um sein Opfer als Opfer wissen zu lassen, dass es seines Nicht-Opferseins, seiner Nicht-Existenz als Nicht-Opfer beraubt wurde.

In dieser absoluten Macht der Vergewaltigung, in der selbst die Nicht-Existenz von der Gewalt abhängt nicht zu vernichten, verdient sich vergewaltigende Gewalt ihre Evidenz, die keines Maßstabes und keines Kriteriums mehr bedarf: Sie ist selbstevident; sie ist das einzig Selbstevidente; sie ist das Wesen der Selbstevidenz: Sie braucht sich nicht zu legitimieren, weil ihre eigene Nicht-Existenz ihre Entscheidung ist – und die all ihrer Opfer. Denn alles ist in der Bewegung absoluter Macht Vergewaltigung; alles ist in der Vergewaltigung Opfer. Die vergewaltigende Macht aber, – sie selbst ist nicht. Sie hat kein Sein. Sie ist das Nichts der Opfer. Dies ist die destruktive Kraft der vergewaltigenden Gewalt: Sie ist die Nichtung der Opfer, die in ihrer Nichtung ihres Opferseins existent gemacht werden. Das Nichts der Opfer der Vergewaltigung gibt ihnen Sein als Opfer (il y a).[8]

 

Die Täuschung des Pantokrators

Zu Wesen der vergewaltigenden Macht gehört nicht notwendigerweise die brachiale Kraft, etwas gegen die Existenz (und den Willen) des anderen durchzusetzen (und sei es auf Kosten der Vernichtung des anderen), sondern das Bewusstsein des Opfers als Opfer zu existieren.[9] Absolute Macht ist gar nicht absolut, denn sie empfängt dieses Bewusstsein, das sie im Vergewaltiger absolut erscheinen lässt, als Geschenk des Opfers. Nur ist es kein Geschenk, sondern das Zulassen des Bewusstseins des Opferseins des Opfers, das das Opfer zum Opfer macht und die vergewaltigende Macht vollendet.

In Kern vergewaltigender Gewalt waltet eine Täuschung: die Täuschung, dass der Vergewaltiger das Opfersein vom Opfer empfangen hätte, wo er es doch erst gewährt, indem er es als ein für sich zu Empfangendes vom Opfer einfordert. Das Wissen des Opfers ist die Macht der Gewalt zu vergewaltigen. Dieses Wissen aber ist Täuschung, weil die Vergewaltigung nur dann zur Ruhe kommen kann (und damit zur Auswirkung am Opfer, was sie selbst nochmals konstituiert), wenn sie dieses Bewusstsein sich als Geschenk vom Opfer zukommen lässt, obwohl es dieses selbst gewährt hat. Die Täuschung ist notwendig, damit Gewalt wirklich vergewaltigt: Sobald der Vergewaltiger nicht mehr verdrängt, dass er das Geschenk des Opferseins selbst erzeugt hat, verliert er seine Gewalt zu vergewaltigen und erkennt sich als Opfer seiner eigenen Täuschung. Vergewaltigende Macht ist Selbsterkenntnis im Stand der Selbsttäuschung. Das Erkennen der Täuschung impliziert ein Zusammenbrechen der Macht, die ihr Zentrum in sich verankert und aus sich gegründet zu wissen vermeint, die der Schöpfer aller Dinge zu sein meint, die der Pantokrator seiner selbst sich gegenüber vorzugeben bereit ist.

Das Erkennen als Selbsttäuschung ist das Wesen einer Gewalt, die genau jetzt erst in Vergewaltigung umschlägt. Erkenntnis im Stand der Täuschung ist Verdrängung: der Verlust der Erkenntnis von der Kontingenz als Konstituiertsein durch den anderen. Vergewaltigende Gewalt ist daher immer Selbst-Gewalt; der Vergewaltiger ist sein erstes Opfer. Weil das Wesen der vergewaltigenden Gewalt aber Erkenntnis ist und nicht Kraft, ist der Ort der Gewalt, die vergewaltigt, nicht die physische Kraft (das Reich der äußeren Ursachen), sondern Platons Reich der Ideen (als Symbol für die geistige Heimat der Gewalt der Vergewaltigung auch dann noch, wenn es keinen platonischen Ideenhimmel gäbe). Vergewaltigende Gewalt ist in der Tat eine Form der (geistiger) Abstraktion, nicht der Kraft.[10]

 

Vergewaltigung und Überwältigung

Dennoch ist nicht jede Erkenntnis Vergewaltigung. Erkenntnis ist zunächst überhaupt nicht Selbsterkenntnis (und also auch nicht Selbsttäuschung), sondern Erkennen des anderen. Das andere konstituiert das Erkennen (und den Erkennenden) in seiner Existenz und ist daher ursprünglicher als Selbsterkenntnis. Im Erkennen des Anderen (als Urform jedes Erkennens – auch aller Selbst-Erkenntnis) sind wir als Erkennende in der Gewalt des Erkannten. Das andere gibt sich im Geschenk seiner Wirkungsmacht auf uns als Erkennende. Die Macht des anderen in der Erkenntnis ist eine Gewalt der Überwältigung.[11]

Dies ist ursprünglich wesentlich in jedem Erkenntnisakt das Geschenk der Erkenntnis: im Entzogensein überwältigt werden; im Überwältigtwerden zur Existenz als Erkennender kommen; im Zur-Existenz-Kommen (als Erkennendes) sich verlieren in neuer Macht der Gabe von Überwältigung an anderes, das das Erkennende erkennt. In der Erkenntnis als Erkenntnis des anderen (und nichts anderes ist Erkenntnis) sind wir uns also immer schon entzogen, sind wir immer schon in der Macht des Überwältigtwerdens des anderen. Diese Gewalt des anderen ist ursprünglich (sie liegt daher auch dem platonischen Reich zugrunde), und sie ist ursprünglicher als jede Selbst-Erkenntnis. In ihrer Ursprünglichkeit kennt Erkenntnis des anderen daher keine Vergewaltigung, nur Überwältigung.

Überwältigung lässt den Erkennenden als Erkennenden entstehen; sie ist die Macht der Gabe von Erkenntnis. Die Existenz des Erkennenden ist Geschenk des anderen. Der Erkennende weiß sich aber nicht als geschenkt, denn er wird erst im Überwältigtwerden erschaffen.[12] Diese Gewalt stiftet Sein von Erkennen, Erkanntem und Erkennendem (in einem), nicht aber Selbst-Erkenntnis. Selbst-Erkenntnis als Erkennen des Erkennenden für sich ist die Täuschung über die prä-reflexive, prä-ontologische, prä-egomanische Gewalt der Gabe. Erkennen im ursprünglichen Vollzug von Überwältigtwerden durch den anderen ist Macht als Geschenk und Gewalt als Stiftung, nie aber Bewusstsein, Wissen oder Selbst-Bezug.

 

Das Phantasma vom Zugrundeliegenden

Erst im Wissen um sich als Erkennenden eines Erkannten wird die Maschine der Gewalt der Vergewaltigung in Gang gesetzt. Jetzt erst tritt die Täuschung der Reflexion ein: die Täuschung von der Ursprünglichkeit meines Erkennens; die Täuschung über das Bewusstsein als Ort der Erkenntnis; die Täuschung über sich selbst als Ort von Macht oder Verlust von Macht. Das reflexive Ich, das Bewusstsein der Erkenntnis, das Selbst des Wissens generiert die Illusion einer Macht über das Erkennen des anderen und die Täuschung ihrer Ursprünglichkeit. Erst jetzt wird Gewalt als Vergewaltigung möglich und sie basiert auf dieser Täuschung über sich selbst als ursprünglich dem Erkenntnisvorgang Zugrundeliegenden (hypokeimenon).[13]

Weil Vergewaltigung aber im Grunde nicht sich will, sondern das anderes als Geschenk an sich, treibt die Ohnmacht der vergewaltigenden Gewalt den Vergewaltiger in die Gefangenheit seines Befriedigung, das Gefängnis der Ruhe in sich und der Reverenz der Opfer. Die selbst-bezogene Ruhe baut aber auf der Täuschung der Gabe, die Selbst-Gabe ist, Selbst-Gewalt, Selbst-Opferung an sich als vermeintlicher Ursprung von allem. Die Ruhe der Schöpfung des Vergewaltigers besteht in der Täuschung der Erkenntnis, der Pantokrator zu sein, der sich alles geschenkt sein lässt, was zu sein gegeben wird. Dies aber ist die Illusion, die vergewaltigende Gewalt als Epiphänomen der Selbst-Erkenntnis entlarvt: Nicht immer schon, sondern erst im Sich-Wollen als Wollen des anderen für sich wird Erkenntnis Täuschung und Überwältigung Vergewaltigung.

Dieses Ich des Alles-für-Mich gibt es aber gar nicht. Es ist nicht nur sekundär, sondern als Täuschung nichts weiter als ein Phantasma. Das Phantasma des Alles-für-Mich ist die Krankheit der Substantivierung, die repressive Verkehrung der Verhältnisse, das Selbstbildnis der Oppression. Vergewaltigende Macht ist die Oppression einer Macht, die nicht vergewaltigen will, sondern überwältigen. Vergewaltigende Gewalt ist oppressive Gewalt, weil sie das Überwältigende der ursprünglichen Erkenntnis des anderen niederhält in der Täuschung, Überwältigung sei nur ein Epiphänomen der Selbstkonstitution des Erkennenden in der Erkenntnis. Oppression unterdrückt die ursprüngliche Überwältigung des anderen, das den Erkennenden konstituiert, und ersetzt die ursprüngliche Gewalt durch die Illusion von Macht, die wegen dieser Unterdrückung zu vergewaltigender Gewalt mutiert.

Vergewaltigende Gewalt ist die Fratze der überwältigenden Gewalt; sie ist die überwältigende Gewalt im Stand der Verkehrung, Erkenntnis als Verkennung. Dieselbe Gewalt hat sich gewandelt im Medium der Täuschung. Was sich aber täuscht (oder wer), das gibt es gar nicht; das ist die Täuschung. Die Unterdrückung der befreienden Stiftung im Überwältigtwerden verwandelt die Potentialität derselben Gewalt in die Maske des Vergewaltigung, die sich sucht, obwohl es dieses Ich gar nicht gibt. Im Ich ist alle Überwältigung in der Tat verschwunden in der Ohnmacht sich gegenüber, in der Ich-Suche (der Ich-Sucht).

 

Ich-Illusion und die Perfektion der Schuld

In der Opferung der überwältigenden Gewalt an das Ich wird das erkennende Ich zum Ursprung der Vergewaltigung; es ist immer schon Selbst-Vergewaltigung der ursprünglichen Gewalt der Überwältigung. Weil aber Erkenntnis immer Erkenntnis des anderen als anderen bedeutet, in der das Erkannte die Gewalt der Überwältigung ausübt und in der das Erkennende erst konstituiert wird, geschieht in der Selbst-Vergewaltigung immer schon Entmachtung des anderen. Selbst-Entmachtung in der Selbst-Sucht und Entmachtung des anderen korrespondieren: Beides zugleich konstituiert die Illusion der Erkenntnis als Vergewaltigung.

Die Ansicht, jede Erkenntnis (an und für sich, per se und a priori) wäre Vergewaltigung, unterstellt die Illusion, es gäbe ein Ich, das im Erkennen anderes vergewaltigt, und das andere wäre das primär Ohnmächtige, das nicht anders kann, als sich im Erkennen vergewaltigen zu lassen.[14] Diese Ansicht perpetuiert und (in gewissem Sinne) vollendet die Illusion der Verkehrung von Gewalt und Erkenntnis, indem sie diese zur unantastbaren Illusion macht. Vollendet ist die Illusion des vergewaltigenden Ich erst, wenn es (sich) glaubt, schuld an der Vergewaltigung des anderen zu sein. Erst diese Schuld vollendet die Perversion der Täuschung: als Ich der Grund für die Erkenntnis des anderen zu sein.

In dieser Schuld zeigt sich, wie sehr die Illusion der vergewaltigenden Macht des Ich in der Erkenntnis des Opfers als Opfer nochmals in masochistischer Präzision sich eingestehen können muss, Ursprung aller Erkenntnis zu sein. Nur der Pantokrator ist an allem schuld, das er schafft. In der vollendeten Schuld der Pantokrator aber rechtfertigt er sich damit, nicht anders zu können. Die Schuldigkeit des Pantokrators ist perfekt, sie hat keine Lücken und lose Enden; sie weiß nicht nur um sich als Ursprung von sich und aller Opfer, deren Entrissensein sie verschuldet hat, sondern auch noch darum, dass sie immer schon schuldig war und sein musste. Es kann gar nicht anders sein: Schuld ist die Entschuldigung für die Illusion des oppressiven Ich zu existieren und nie nicht existiert zu haben (oder dann jedenfalls ohne Erkenntnis so „existiert“ zu haben, was absurd wäre). Die autoerotische Befriedigung der Schuld des Ich ist die kleine Maschine der Entschuldung von der Schuldigkeit an den Opfern. Sie bricht nur zusammen, wenn das Ich seine Täuschung erkennt: Nicht ist es schuld an Gewalt (für die es aber nichts kann), sondern es ist unschuldig am Erkennen (des Überwältigtwerdens vom anderen) und deswegen schuldig an der Illusion des perversen Ich vermeintlich ursprünglicher Selbst-Erkenntnis.

 

Tod und Zeit im Ereignis der Erkenntnis

Das reflexive Ich ist immer schuld; das im Erkennen konstituierte Erkennen, das Ereignis des Erkennens, in dem sich Erkennen, Erkanntes und Erkennender gegenseitig stiften, ist immer unschuldig.[15] Das reflexive Ich trägt immer Schuld an der Ohnmacht seiner selbst (es ist die Ohnmacht der Aufklärung seiner selbst als Täuschung) und daher an der vergewaltigenden Gewalt, das es in seinem Wesen ist; das Ereignis des Erkennens hingegen ist immer verschuldet durch Überwältigung, gestiftet zu sein. Diese Schuld ist unschuldig; sie ist die Schuld des Todes und der Zeit.[16] Die Schuld des Todes ist unschuldig an der Verweigerung gestiftet sein zu wollen, und die Schuld der Zeit ist unschuldig an der Verweigerung sich ihr durch Überlebenwollen entziehen zu wollen. Denn jedes Ereignis der Erkenntnis vollendet sich in seinem eigenen Aufhören, das kein Ich stiftet, sondern sich als Jenseits-seiner-selbst-Bedeutsam.

Das Ereignis der Erkenntnis zielt auf ein Sich-Verlassen (ohne „Sich“, das es in der Unmittelbarkeit des Ereignis gar nicht gibt oder nur als Unmittelbarkeit, die keine Unterscheidung reflexiver Art zulässt), nicht auf „sich“; es hat die Macht im Überwältigtwerden des anderen konstituiert zu werden und im Aufhören selbst zu überwältigen, ohne je „sich“ zu befriedigen. Das Ereignis der Erkenntnis braucht kein Ich; im Aufhören hat es nie ein Ich gebraucht. Im Ursprung des Erkennens wohnt kein Ich, Sich oder Mich, sondern nur das Ereignis des Erkennens selbst.[17] Nur im Wehren gegen den Tod und dem Vergehen in der Zeit weigert es sich aufzuhören und konstituiert sich als Ich. Die Schuld der Stiftung ist Gewalt, aber keine Vergewaltigung; das Ereignis der Erkenntnis kennt die Unschuld der Gewalt des Überwältigens und Überwältigtwerdens. Nur die Schuld der Illusion des Ich-Habens ist Gewalt der Vergewaltigung.

Im Erkenntnisereignis gibt es nur die Gewalt der Überwältigung. Sie ist eine zweifache: Die Gewalt des Überwältigtwerdens ist die Gewalt des anderen, ein Erkenntnisereignis zu konstituieren, bevor ein Ich sich und es darin begreift. Dennoch ist das andere darin nicht gewalttätig, denn die Gewalt des Überwältigens ist nicht subjektiv; sie ist kein Wille zur Macht, weil das Ereignis, das überwältigt, tot und vergangen ist. Überwältigen bedarf des Nachgebens; ihre Freunde sind Tod und Zeit. Das Überwältigtwerden andererseits ist ein Geschehen der Freiheit, der Annahme, der Rezeption, der kreativen Veränderung des Überwältigenden. Daher vergewaltigt das überwältigende Ereignis nichts, indem es überwältig; denn es ist tot und in der Zeit vergangen.[18] Das überwältigte Subjekt der Erkenntnis wiederum ergreift sich erst im Aufgreifen des Überwältigenden; es vergewaltigt daher das überwältigende Ereignis durch seine schöpferische Anverwandlung nicht.[19]

 

Die Repetitionsmaschine

Die Illusion des Ich ist prinzipiell sekundär (ebenso wie die vergewaltigende Gewalt der Erkenntnis) zu jedem Ereignis der Erkenntnis (das keine Gewalt der Vergewaltigung kennt), weil sie Reflexion voraussetzt, die in keinem Ereignis der Erkenntnis als Erkenntnis des anderen realisiert wird.[20] Nur in einem Ereigniszusammenhang, der es erlaubt, dass ein Ereignis der Erkenntnis eine Form der Repetition in anderen Ereignissen entwickelt, die den Status des Überlebens (Nicht-Sterbens) und Überdauerns (Überzeitlichkeit) vorzutäuschen in der Lage wäre, kann die Illusion des Ich entstehen.

Die Gefahr der Illusion des Ich besteht daher immer schon, weil es kein Ereignis der Erkenntnis ohne einen Ereigniszusammenhang gibt (es ist ja selbst in seinem Wesen nichts anderes als eine Relation zu anderen); dennoch ist es sekundär.[21] Es kommt auf der Ebene eines Erkenntnisereignissen nicht vor, denn dieses hat kein Ich, keine Reflexivität und keine Schuld der Vergewaltigung, nur die Schuld der Gestiftetheit und der Stiftung durch sein Vergehen.

Die Illusion des Ich entsteht, wenn ein Erkenntnisereignis auf die Gewalt des Überwältigtwerdens durch andere Erkenntnisereignisse reflektiert, als wäre dieses Ereignis (auf das es reflektiert) nicht schon tot und vergangen, sondern es selbst als ein Tod und Zeit überdauerndes Ich. Erst in der Illusion des reflexiven Ich gewinnt die Form der Repetition den Status einer Repetitionsmaschine des Ich. Vom Ich wird Erkenntnis der Status des Konstituierens des Erkannten unterschoben, wodurch es das andere als für sich und sich als überdauernde Ich gestiftet konstruiert.

Dadurch mutiert das andere der Erkenntnis (das vergangene Erkenntnisereignis) zum Opfer der Macht des Sich-selbst-Hervorbringens. Das andere als Erkanntes wird zum Material der Selbst-Erkenntnis. Erst jetzt wird das Andere vergewaltigt, weil es sich erst im Ich als Opfer gewinnt. In der Vorstellung von Erkenntnis als Vergewaltigung wird das andere zum reinen dass (ignotum x) degradiert, dessen Was (kategoriale Bestimmung) das reflexive Ich zu verursachen meint.[22] In dieser Perversion von Erkenntnis im Erkenntnisereignis durch ein alles verschuldendendes, autoerotisches und masochistisches Ich ersteht Kants „transzendentales Ich“ unter der Fratze des Vergewaltigers par excellence auf, wird unter dem Deckmantel Levinasscher Alterität cartesianische Egologie getrieben und feiert der Erkenntnissubjektivismus das Fest der Unantastbarkeit.

 

Die Maschinerie der Vergewaltigung im Diskurs

Die Ansicht hingegen, dass alle Erkenntnis Gewalt als Vergewaltigung sei, verwandelt den Diskurs der Gewalt zur Gewalt im Diskurs, einer vergewaltigenden Gewalt im Diskurs. Erkenntnis ist Gewalt, aber nicht Vergewaltigung. Erst die Ohnmacht, die nicht im Tod und der Zeit standnimmt (und also Vergehen zulässt), generiert die Präpotenz der Auslöschung des anderen als anderen. Der Diskurs der Gewalt, der behauptet, dass alle Erkenntnis Gewalt sei, benötigt vergewaltigende Gewalt im Diskurs über diese Gewalt, um die „Wahrheit“ dieser Erkenntnis behaupten zu können. Diese „Wahrheit“ ist aber nichts weiter als vergewaltigende Gewalt, die sich in ihrer Präpotenz nur des Schirms der Alterität bedienen. Diese Gewalt dieser „Wahrheit“, die nichts weiter als die aufgeblasene Illusion hypertropher Ich-Illusion darstellt, bricht folglich zusammen, wenn die Perversion der Ich-Konstitution des anderen als Angst vor Tod und Vergehen aufgedeckt wird.

Ein Entlaven der Maschinerie der Vergewaltigung im Diskurs gestaltet sich zunächst schwierig, weil der vergewaltigende Diskurs sich der Maschine der Perfektion bedient: Diese wohnt in der Mechanik des „transzendentalen Arguments“; sie verzweckt Dekonstruktion als destruktive Applikation des Widerspruchsprinzip; sie umkleidet sich mit dem Prunk der Alterität, indem er alles Denken, das anders als es selbst ist, mit der vergewaltigenden Gewalt des Immer-schon-Wissens von seiner Gnade seiner Vergewaltigung anhängig macht. Diese ist nichts weiter als die Unfähigkeit, anderes Denken als anders wahrnehmen zu können.

Die „Wahrheit“ des vergewaltigenden Diskurses wird durchgesetzt durch die Produktion einer Maschine der Vergewaltigung. Diese Maschine der Perfektion ergeht sich in der Mechanik perpetuierter Generierung von Ich-Illusion als Erkenntnisfundament. Sie funktioniert so: Erkenntnis ist per se Gewalt der Vergewaltigung. Wer das bestreitet, der setzt – immer im illusionären Zirkel gedacht – ein Faktum der Vergewaltigung, das es ihm erst erlaubt zu bestreiten, Erkenntnis wäre Vergewaltigung.

Die Gewalt der Vergewaltigung behauptet, dass der andere immer schon als vereinnahmt vorgestellt wird, also vergewaltigt, bevor die Argumentation in Gang kommt. Dieses „Verhältnis“ von Selbst und Anderem besteht aber in der Beanspruchung des anderen als Teil des Ich, bevor es als es selbst begegnen könnte. Vergewaltigung vereinnahmt darin Tod und Zeit in einer Weise, die es dem Vergewaltiger erlaubt, sich als Ich konstituiert, in der Repetition desselben Ich dem Vergehen widersetzt und im Sich-Widersetzen die Illusion der vergewaltigenden Gewalt als Schuld genießt.

 

Die Autoerotik der Antinomie

Dazu dienen zwei autoerotische Argumente: Zum einen muss Gewalt als ursprünglich zugegeben werden – so nicht bestritten wird, es gäbe gar keine Gewalt. Wenn aber wenigstens ein Teil von allem, das wir mit Nicht-Gewalt identifizieren mögen, gewaltvoll ist, dann gibt es kein absolutes Kriterium der Unterscheidung von Gewalt und Nicht-Gewalt. Aus diesem Fehlen schließt das Argument nun – freilich illusionär, wie sich zeigen wird –, dass in allem Gewalt waltet. Daher muss Erkenntnis immer auch Gewalt der Vergewaltigung sein. Das andere Argument schließt hier an: Bestreitet man nämlich, dass das Fehlen eines Maßstabes nicht die Identität des Unterschiedenen impliziert, dann startet die zweite Maschine, dass man nämlich eine Differenz vorausgesetzt hätte, für die man kein Kriterium der Unterscheidung angeben kann. Daher folge daraus, dass Erkenntnis, wie immer sie von Vergewaltigung unterschieden würde, Vergewaltigung wäre, da wir Nicht-Vergewaltigung nicht unterscheiden können.

Beide Argumente sind aber sophistischer Natur, weil sie ihrerseits mit einer Antinomie arbeiten, die sie aber geschickt nicht auf sich selbst anwenden, obwohl sie diese zur Konstitution der eigenen Argumentation voraussetzen: Die Antinomie besagt, dass man entweder einen absoluten Maßstab der Differenz besitzt – dann aber dafür ein (veraltetes) Wahrheitsverständnis voraussetzt, das Wahrheit als Korrespondenz zu einer originären, uninterpretierten Wirklichkeit begreift (was es zu dekonstruieren gälte) –, oder aber keine Differenz angebbar ist, so dass man der Identität von Erkenntnis als Vergewaltigung ohne Kriterium der Differenz zuzustimmen habe – wodurch man sich jedes Wahrheitsanspruchs der Unterscheidung begibt (das ist die Falle).

Diese Antinomie der Vergewaltigung im Diskurs, der mit seinen kleinen Maschinen zur Anerkennung einer „Wahrheit“ zwingen möchte, die wir leugnen, wird aber nur möglich durch zwei Denkfehler: einmal durch die vorausgesetzte Behauptung, Erkenntnis und Vergewaltigung seinen identisch, und zum anderen durch die Inanspruchnahme einer universalen Wahrheit (dass alle Erkenntnis Gewalt sei, was immer man auch dagegen sagen möchte). Hinsichtlich des ersten Denkfehlers gilt: Wenn man nicht zugesteht, dass sie identisch sein müssen, dann gibt es auch keine Antinomie. Der Grund liegt darin, dass Nicht-Differenz nicht Identität ist, sondern eine Form der Differenz, die Deleuze schon in den 50er Jahren als sich selbst generierende Differenz von sich selbst im Anschluß an Bergson definiert hat. Der zweite Denkfehler besagt, dass die Bestreitung einer universalen Wahrheit im Argument (will man nicht einem undekonstruierten Wahrheitsverständnis verfallen), wodurch man das Fehlen eines universalen Maßstabes zugestehen muss, universale Wahrheit beansprucht, um gelten zu können: die universale Wahrheit des Nicht-Widerspruchs.

 

Das Maß der Kolonialisierung

Die perfekte Argumentation (das macht sie ja zur Vergewaltigung) für die Identität von Erkenntnis und vergewaltigender Gewalt ist selbst nichts anderes als eine Form der Ausübung dieser Vergewaltigung im Diskurs über Gewalt. Im Name der Alterität, i.e. im Vorgeben mit der universalen Wahrheit von der Identität von Erkenntnis und Vergewaltigung nur das andere vor dem Zugriff des Ich schützen zu wollen, wird jedes Denken, dass diese Identität bestreitet, zum Opfer eines konstruierten Selbstwiderspruchs, der seinerseits nichts weiter als eine Kolonialisierung des anderen als anderen, des anderen Erkennens und des Ereignisses der Erkenntnis darstellt.

Das „transzendentale Argument“ für die Identität von Erkenntnis und Gewalt ist ein Instrument transzendentaler Vergewaltigung anderen Erkennens, es ist ein transsylvanisches Argument. Das Perfekte der Methode besteht darin, dass es davon entbindet wahrzunehmen, was ein anderes Erkenntnisereignis erkennt. Es bestreitet das Recht des anderen Erkenntnisereignisses, wenn es nicht dem vergewaltigenden Maßstab der eigenen Wahrheitsmaschine entspricht. Der geforderte „Maßstab“, der angelegt wird (der Selbstwiderspruch) und der „Maßstab“, dessen Fehlen die Maschine der Vergewaltigung in Gang bringt, besteht, wie jetzt leicht ansichtig wird, in nichts anderem als der Illusion der perpetuierten Form, die eine überzeitliche Identität behauptet, wo ein Erkenntnis-Ich bereits Erkenntnis vergewaltigt hat.

Einerseits wird der Maßstab zum Instrument der Identität des Ich, alle Gegenargumente zu überdauern, weil das Erkenntnis-Ich immer schon vor dem Tod und der Zeit angekommen ist am Ort der Wahrheit. Zum anderen wird das Fehlen eines Maßstabes zum Mangel der Argumentation erklärt, weil gerade erst dieses Fehlen die vergewaltigende Maschine als solche entlarven würde: Wo nämlich die Abstraktion fehlt, da wird sich der Vergewaltiger der Täuschung der Abstraktion bewusst, die ihn zum Opfer seiner Gewalt gemacht hat. Der fehlende Maßstab konfrontiert mit der Unruhe des Todes und des Vergehens – auch der eigenen Argumentation –; er entlarvt die scheinbare Gabe der Identität im Argument als Projektion eigener Unfähigkeit das eigene Verschwinden zu akzeptieren.

 

Wahrheit und Differenz

Die Korrespondenz eines Diskurses der Gewalt mit der Gewalt im Diskurs, wenn dieser sich in der Behauptung der Identität von Erkenntnis und Vergewaltigung vollzieht, gründet in der Unfähigkeit, mit Deleuze Differenz zu denken: Keinem Erkenntnisereignis ist es gegeben, in der Gewalt der Überwältigung in seiner Integrität in einem anderen Erkenntnisereignis repetiert zu werden; andererseits ist es auch keinem Erkenntnisereignis gegeben, ein anderes Erkenntnisereignis in seiner inneren Integrität zu repetieren.[23] Dies ist die Asymmetrie der Gewalt der Überwältigung. Die Asymmetrie der Vergänglichkeit von Erkenntnisereignissen hingegen weiß darum, dass keine Repetition ohne Differenz denkbar ist. Vergehen schafft Differenz, Differenz schafft nicht Identität eines Ich-Selbst, sondern kreative Nicht-Identität.

In der Differenz darf jedes Erkenntnisereignis ohne Reflexion vergehen, darf überwältigende Gewalt Differenz schaffen, ohne zu Identität zu vergewaltigen. Identität, zu der vergewaltigende Gewalt vergewaltigt, ist die Abstraktion einer permanenten Form der Repetition, die sich als Ich begreift oder anhand derer sich ein Erkennender als Ich-Selbst konstituiert zu haben scheint. Nicht ohne Grund spricht Whitehead diese Nicht-Identität im Prozeß der Differenzierung (dies ist der ontologische Prozeß der überwältigenden Gewalt) als das paradoxe Ineinsfallen von saturiertem Erkenntnisereignisses mit dem Verlust seiner Identität (superject),[24] definiert Deleuze eine prä-individuelle Singularität von Ereignissen[25] und verweist Foucault auf ein wildes Außen (extériorité sauvage), das im Diskurs durchscheint, wenn er als Folge von Ereignissen vollzogen wird, und nicht als Ich-konstituierende Maschine der Selbst-Erhaltung.[26]

Die Maschine des Ich-Selbst, wie sie sich im Spiel mit dem Maßstab des Erkennens manifestiert, strebt nach (eigenem) Überleben. Dieses Überleben ist nichts anderes als die Sehnsucht nach einer Gegenwart jenseits aller Differenz. Mit Derrida, der die Gegenwart als Selbst-Sucht jenseits der Differenz entlarvt hat, ist die Gewalt des Maßstabes vergewaltigend, wie die Gegenwart jenseits der Differenz vergewaltigend ist. Während die Gewalt der Überwältigung immer Tod und Zeit – die Hebammen der Differenz – voraussetzt, die Vergehen nicht nur beinhaltet, sondern konstitutiv vollzieht, strebt Vergewaltigung nach Selbstversicherung.

Der geforderte universale Maßstab der Unterscheidung als Begründung von Differenz, erlöscht Differenz und behauptet Selbst-Gegenwart. Das „transzendentale Argument“ vom Selbstwiderspruch errichtet nicht Differenz, sondern das Überleben der vorausgesetzten (transzendentalen) Universalität der eigenen Wahrheit; es ist Selbsterhalt in der Auslöschung von Vergehen (jenseits des eigenen Wollens). Das „transzendentale Argument“ ist die Gewalt des Willens zur Macht; es ist philosophischer Vampirismus: es setzt sich als Gegenwart und Ursprung von Wahrheit.

 

Das Wilde in der Differenzierung

Das Erkennen der Gewalt in der Erkenntnis besteht in der Differenzierung der Gewalt. Das Fehlen von Abstraktionen (Maßstäben, Kriterien, transzendentalen Argumenten), die eine klare Differenz universal behaupten würden (als Forderung nach der „Gegenwart“ der Differenz), ist nicht ein Zeichen für die Identität aller Gewalt (ihrer universalen Wahrheit) und also die Identität von Gewalt und Vergewaltigung – oder nur so, dass diese „Identität“ als „universale Wahrheit“ Selbst-Gegenwart jenseits der Differenz wäre. Vielmehr ist die Unklarheit in der Identifizierung der Differenz ein Zeichen für die nicht-produzierbare Vorgängigkeit der Differenz zu all ihrer begrifflichen Erfassung.[27] Begriffe (Repetitionen) abstrahieren nämlich genau von der Einmaligkeit von Ereignissen, die nie (mit sich oder anderen Ereignissen) identisch sind. Die Klarheit ist ein Zeichen der Maschine der Identität, in der ein Ich immer schon die Schuld der Vergewaltigung trägt. Das Unklare hingegen ist bei Whitehead Zeichen des Wirkens der Wirklichkeit vor ihrer Vereinnahmung (und alle Erkenntnisereignisse sind solche Wirklichkeit: causal efficacy), bei Deleuze das Zeichen des Empirischen als des eigentlich transzendental Vorausgesetzen[28] (des durch ein vergewaltigendes Erkenntnis-Ich uneinholbar Wirklichen) und bei Foucault schließlich das Wilde einer Realität, die der Diskurs immer nur einbrechen lassen kann, nie generieren.

Erkenntnis ist Gewalt, aber nur ein Diskurs, der die Differenz zwischen Gewalt und Vergewaltigung unterdrückt, sucht „Identität“ – die der Gewalt und die seiner selbst, die vergewaltigt. Hier laufen die Maschinen der (universalen) Wahrheit (jenseits von Differenz, Vergänglichkeit und Überwältigendem); diese Maschinen sind der Terror eines einsamen Ich. Wir fühlen uns nicht (als Opfer) angesprochen, und wenden uns (als Differente) ab. Im Entziehen wird aber nicht der Diskurs unterbrochen (da Kolonialisierung ohnehin kein Diskurs ist), sondern die Wirklichkeit in der Unterbrechung ist der Einzug der überwältigenden Gewalt in den Diskurs wider die vergewaltigende Gewalt im Diskurs.



[1] Im Gegenteil: Gerade die Uneinordenbarkeit der begegnende Welt als Voraus und Konstitutiv der eigenen Erkenntnis eines Selbst, auch wenn dieses versuchen sollte, das Erkannte als sein Erkanntes zu vereinnahm, das Wilde als Grund der Erkenntnis, begründet Erkennen bei Foucault: cf. M. Foucault, Die Ordnung des Diskurses. Mit einem Essay von Ralf Konersmann, Frankfurt a.M. 1997, 11 u.ö.
[2] Wenngleich Lévinas jede Metaphysik der Selbstkonstitution eines Ich im Vereinnahmen des andern als Gewalt des Selbst in einer Metaphysik des Seins dekonstruiert hat, so muss sein Denken des Anderen gegen eine Ansicht verteidigt werden, er habe jede Erkenntnis als Vergewaltigung verstanden. Sein Umsturz der Egologie, dem hier nicht widersprochen werden soll,  weiß um das Aufgebrochensein jeder Besitznahme der Erkenntnis in einer Heimsuchung (des Rätsels und Enigmas) des anderen, das uns ergriffen hat, bevor wir es begreifen. Cf. I. Breuer/P. Leusch/D. Mersch, Vor dem Rätsel wachhalten. Zur Philosophie Emanuel Lévinas, in, dies., Welten im Kopf. Profile der Gegenwartsphilosophie: Frankreich/Italien, Hamburg 1986, 174-183 (= Rothbuch TB 1046).
[3] Cf. R. Konersmann, Der Philosoph mit der Maske. Michel Foucaults L’ordre du discours, in: M. Foucault, Die Ordnung des Diskurses. Mit einem Essay von Ralf Konersmann, Frankfurt a.M. 1997, 80.
[4] Cf. ausführlich zur Begründung der Monstrosität der Realität, die durch Erkenntnis nie vereinnahmet werden kann: G. Deleuze, Foucault, Frankfurt a. M. 1992, 99ff (= stw1023) Deleuze, Foucault.
[5] Cf. zu einem Vergleich von Levinas und Whitehead hinsichtlich des Konstituiertseins der Erkenntnis durch das andere: R. Faber, Prozeßtheologie. Zu ihrer Würdigung und kritischen Erneuerung, Mainz 2000, 344-356.
[6] Diese Macht bezeichnet Whitehead als causal efficacy am Grunde jeder Erkenntnis, wodurch zugleich Relationalität begründet ist als Bedeutung über „sich“ hinaus. Cf. A. N. Whitehead, Symbolism: Its Meaning and Effect, New York 1985, 30 ff.
[7] Dagegen dieses Konzept der Befriedigung konzipieren Deleuze und Guattari ihren Begriff des „Körpers ohne Organe“, der nicht nach Einhaltung einer bestimmten Hierarchie von Zielen und der Befriedigung der Intentionen, die damit verbunden sind, abstrebt, sondern gerade diese Teleologie der Befriedigung subversiv aufzuheben beginnt (seine Organe aufzulösen beginnt). Cf. G. Deleuze/F. Guattari, Tausend Plateaus, 6. Plateau: 28. November 1947: Wie macht man sich eine Körper.
[8] Hier wird „Sein“ zunächst im Sinne der Kritik von Lévinas an Heidegger als egologische Vereinnahmung kolonialer Subjektivität über das andere verstanden. Nur ist auch die anonyme Variante von Lévinas, vom il y a zu sprechen, um das Entzogen-„Sein“ des andern zu denken, im Angesicht der vergewaltigenden Gewalt nichts weiter als eine Rechtfertigung des Opfer-„Seins“ der Opfer. Cf. C. Davis,  Levinas: An Introduction, Cambridge 1996, 22-24.
[9] Hinsichtlich dieses „Bewusstseins“ ist Lévinas zu folgen, insofern hier der Andere tatsächlich in ein anderes Selbst verwandelt wurde, dessen Opfer-Ich dem Ich des Vergewaltigers entspricht. Cf. „Insistenz“ – Zum „Nicht-Sein“ Gottes bei Lévinas, Deleuze und Whitehead, in: Labyrinth. International Journal for Philosophy, Feminist Theory and Cultural Hermeneutics 2 (2000), Abschnitt 1 [http://labyrinth.iaf.ac.at/2000/faber.html].
[10] Für Whitehead wohnt auch jeder physischen Gewalt ein Moment der Abstraktion (Mentalität) inne, wodurch die Repetition der Oppression in einem anderen ermöglicht wird bzw. Oppression als Abstraktion und ihre Repetition. Cf. Th. Hosinski Th. (1993), Stubborn Fact and Creative Advance: An Introduction to the metaphysics of Alfred North Whitehead, Lanham 1993, 46-72.
[11] Dies ist auch Levinas bewusst, wenn er von einer An-Arcjie des anderen spricht, die jede arche des Selbst i seiner vermeintlichen Ursprünglichkeit schon immer untergraben hat, die vor-ursprünglich ist. Und daher gilt auch für Levinas die vorgängige Gewalt der Überwältigung als ursprünglicher denn die Vereinnahmung des anderen durch vergewaltigende Erkenntnis: „Diese Anarchie ist Verfolgung; sie ist die Macht des Anderen über das Ich , die dieses wortlos macht“; cf. E. Levinas, Gott, der Tod und die Zeit. Hg. v. P. Engelmann, Wien 1996, 186 (= Edition Passagen 43).
[12] Dies ist im Grunde Whiteheads Verbindung von Erkenntnsitheorie und Theorie der Subjektivität. Cf. M.-S. Lotter, Subject-Superject: Zum Verhältnis von Privatheit und Öffentlichkeit, in: H. Holzhey/A. Rust/R. Wiehl (Hg.), Natur, Subjektivität, Gott. Zur Prozeßphilosophie Alfred North Whiteheads, Frankfurt a.M. 1990, 169-197 (= stw 769).
[13] Cf. zur Konstitution des Ich und die dem entgegengerichtete Illusion der substanzmetaphysischen Theorie des „Zugrundeliegenden“: Faber, Subjektivität (Nichtsubstantialität und Superjektivität), in: ders., Prozeßtheologie, 186-200.
[14] Es geht also gar nicht darum zu bezweifeln, dass im Sinne von Levinas Erkenntnis Vereinnahmung sein kann (und in der realen Welt oft auch so ist), sondern, dass sie es sein muss oder anderenfalls nicht Erkenntnis heißen darf. Denn das Gefährliche dieser Gleichsetzung liegt im Verlust des Wahrheitsanspruchs eben dieser Behauptung, die sich selbst nur als Gewalt der Vergewaltigung und damit als Ich der Vereinnahmung durchsetzen kann.
[15] Das eben ist der Sinn des Aufbrechens des repressiven Diskurses bei Foucault in einen, der die überwältigende Gewalt der wilden Welt durchscheinen lässt, wodurch der Diskurs in eine Kette von Ereignissen sich verflüssigt. Cf. Foucault, Die Ordnung des Diskurses, 38.
[16] Cf. E. Levinas, "Der Tod und die Zeit", in: ders., Gott, der Tod und die Zeit, 17-132.
[17] Cf. zur Ich-Konstitution in der Kette von Ereignissen, gleichsam einer “Gesellschaft”, die darin ihre repetitive Form der „Seele” erhält: A. N. Whitehead, Process and Reality: An Essay in Cosmology. Corrected Edition. Ed. by D. R. Griffin/D. W. Sherburne, New York 1978, 34f.
[18] Entsprechend Whiteheads Begriff des „superjects“, das zugleich seine Nachfolger produziert, weil es vergangen ist. Cf. M. Hampe, Die Wahrnehmungen der Organismen: Über die Voraussetzung einer naturalistischen Theorie der Erfahrung in der Metaphysik Whiteheads, Göttingen 1990, 103f.
[19] Dies ist Whiteheads Perspektive des „subject“, dem kreative Potenz eignet, so dass es in seinem kausalen Hervorgebrachtwerden dennoch nicht aus seiner Verursachung (allein) ableitbar ist. Cf. L. S. Ford, Afterword, in: ders./G. L. Kline G. L. (Hg.)  Explorations in Whitehead’s Philosophy, New York 1983, 329f.
[20] Cf. Whiteheads Korrektur der Stellung von Bewusstsein und Reflexion im Prozeß der Konstitution von Subjektivität: Whitehead, Prozeß und Realität, 36.
[21] In der Repetition der Form gründen für Whitehead reflexives Ich und oppressive Gewalt des „Überlebens“ in einem. Cf. A. N. Whitehead, Adventures of Ideas, New York 1967, 201-208.
[22] Diese post-Kantische Sicht der Dinge bezeichnet Whitehead als eine der großen Irrtümer in der Philosophie, weil sie dem Erkennenden die Konstruktion des Erkannten zuspricht (dem die Reduktion des Erkannten auf das eine dass entspricht) und sich damit erst in die Lage der vergewaltigenden Form der Erkenntnis begibt. Dabei übersehen wird jedoch, dass das Erkannte selbst schon sein Was mitbringt, seinen Wert, seine Integrität, die in der Bedeutung jenseits einer selbst kausal mächtig wird. Die gegenteilige Ansicht verurteilt Whitehead als „Sensualismus“; cf. R. Wiehl, Einleitung in die Philosophie A. N. Whiteheads, in: An N. Whitehead, Abenteuer der Ideen. Einleitung von Reiner Wiehl, Frankfurt 1971, 7-71.
[23] Cf. Deleuzes Begriff der „unilateralen Differenz“, die jeder Einheit als Vereinnahmung vorausliegend, sich selbst Produziert und erst darin alle Repetition, den er schon im Anbschluß an seiner Bergson-Rezeption entwickelt, und dan in seinem Differenz und Repetition (1968) entfaltet. . Cf. M. Hardt, Gilles Deleuze: An Apprenticeship in Philosophy, Minneapolis 1995, 1-25.
[24] Cf. Whitehead, Process and Reality, 25-26.
[25] Cf. R. Faber, The Unique Origin of Revelation, Religious Intuition, and Theology, in: Process Studies 28/3-4 (1999) 197f.
[26] Cf. Konersmann, in : Foucault, Die Ordnung des Diskurses, 80.
[27] Cf. zur „begrifflosen Differenz“, die unter kein Allgemeines zu bringen ist und daher vorgängig zu allem: B. Baugh, Deleuze und der Empirismus, in: F. Balke/J. Vogl (Hg.), Gilles Deleuze –Fluchtlinien der Philosophie, München 1996, 35f.
[28] Cf. Baugh, Deleuze und der Empirismus, 45ff.