Luzia Sutter Rehmann. GEH-FRAGE, die Gebärerin. Feministisch-befreiungstheologische Untersuchungen zum Gebärmotiv in der Apokalyptik / 

Chr. Kaiser Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 1995

Eine Rezension von Yvanka B. Raynova  

  

 

  Schon das Thema und der Zugang weisen deutlich auf den innovativen Charakter dieses außergewöhnlichen Buches hin. Denn nicht nur die Eschatologie blieb in der feministischen Theologie ein Randthema [1], sondern auch das Thema des Gebärens im Zusammenhang mit Apokalyptik wurde in der Theologie im allgemein ausgelassen oder/und marginalisiert [2]. Die Ziele, die sich die Autorin setzt, erweisen sich sowohl als etwas neues, als auch als etwas schwieriges: die Auseinandersetzung mit der herkömmlichen Exegese hinsichtlich einer frauenfreundlichen Eschatologie, der Entwurf einer feministischen Eschatologie (in Ansätzen), die Ausarbeitung des komplexen Zusammenhangs zwischen Gebären und Apokalyptik.

Das methodische Vorgehen der Autorin knüpft an die hermeneutischen Schritte für einen feministisch-theologischen Umgang mit biblischer Tradition an, wie sie von Luise Schotroff, Dorothee Sölle und Elisabeth Schüssler Fiorenza für die feministisch-befreiungstheologische Bibellektüre erarbeitet wurden [3]. Das heißt Ausgang und Einbeziehung konkreter Kontexte und Erfahrungen, theologische Ideologiekritik an der androzentrischen Sprache und Perspektive, exegetische Arbeit mit Texten über Befreiungserfahrungen und Visionen unterdrückter Frauen und Männer mit reflektierter Anwendung der historisch-kritischen Methode, Entwicklung einer neuen praxisorientierten Vision.

Luzia Sutter Rehmann beginnt ihre Ausführungen mit einer Untersuchung des Apokalyptikverständnisses der traditionellen Ausleger. Sie zeigt, dass die apokalyptische Theologie mit einem Feindbild behaftet war, das sie zum „Anderen“ und „Fremdem“ gemacht hat. Den Grund dafür sieht sie im Antijudaismus der christlichen Exegeten. In bezug auf Autoren wie D. Lührman, J. Ebach und E. Käsemann versucht sie hingegen zu zeigen, dass Apokalyptik nicht stets auf jüdischen Ursprung zurück zu führen ist und dass sie sehr wohl als „Mutter der christlichen Theologie“ (Käsemann) gelten kann. Sie weist aber Käsemanns sprachlichen Antijudaismus zurück und kritisiert das Gleichsetzen von Apokalyptik mit patriarchaler Ordnung, da gerade das apokalyptische Denken, das Christus allein als Herrscher anerkennt, sich oft kritisch gegen Herrschaft gezeigt hat [4]. Diese „eschatologische Umkehrung“ [5], die ihre Kraft und Autorität aus der Nähe Gottes und nicht aus dem Patriarcht und der herrschenden Macht bezieht, stellt die Apokalyptik nicht mehr als Ordnugshüterin dar, sondern als Raum für Veränderung und Hoffnung.

Einen ähnlichen Perspektivewechsel bietet die Untersuchung des Gebärens in der apokalyptischen Eschatologie.  

Gegen den deterministischen Heilsplan Gottes, nach dem das Heil mit derselben Notwendigkeit kommen wird, wie de Geburt stattfindet, und der aus dem 4 Buch Esras [6] gelesen wird, zeigt Sutter Rehmann auf, dass mit dem Termin der Geburt über den Geburtsverlauf noch nichts ausgesagt ist. Bei dieser androzentrischen Perspektive wird Gebären als Frauenarbeit nicht wahrgenommen, der Zeitpunkt der Geburt wird mit dem Ergebnis einer gelungenen Geburt gleichgesetzt, ohne zu bedenken, dass es auch zu einer Fehlgeburt kommen kann. „Meine These ist aber – unterstreicht sie, – dass wir anhand der Gebärarbeit etwas über eine eschatologische Praxis der Glaubenden erfahren können (...) Mit dem Hinweis „Geh, frage die Schwangere“ wird Esra sowohl über die Unbeeinflussbarkeit des Endes belehrt, als auch auf die Bedürftigkeit der Gebärenden verwiesen: Eine Gebärende braucht Beistand, sei es in der Rolle der Hebamme, der Zeugin, oder der emotionellen Stütze etc. Denn die Geburt kann sehr wohl misslingen“[7].

Sie zeigt weiter, dass in vielen apokalyptischen Texten vom Beben der Erde gesprochen wird, das eigentlich zu bestimmten Geburtsphänomenen gehört. Bei der Vorstellung der gebärenden Erde ist dieses Beben das Zeichen für die Nähe Gottes: Gottes Hilfe kommt der Gebärenden in ihrer Not zu gute; wenn das Beben fehlt, kann das bedeuten, dass es nicht zur Geburt des Neuen kommt. Doch das Gebären bedeutet Anstrengung, Ringen um Leben und Hoffnung: „Die Erneuerung der Erde ist eine organische Verwandlung, die durch Anstrengung und Zusammenarbeit geschieht, als Kooperation zwischen Menschen und Gott – die Gerechtigkeit fällt uns nicht in den Schoss“[8]. Deshalb ist das Bild von der Endschlacht bei Paulus (1Kor 15,19ff) äußerst dynamisch und verlangt Aktivität von allen, die auf der Seite Christi stehen.

Diese These von Luzia Sutter Rehmann ist von äußerster Wichtigkeit, weil sie die Möglichkeit bietet, Scheitern, Leid, Gewalt, Tod u.s.w. zu denken, ohne deswegen auf eine eschatologische Perspektive der Geschichte zu verzichten (wie bei Ricoeur[9], oder der feministischen Theologie); im Gegenteil, sie stellt diese in unmittelbare Verbindung mit verantwortlichem Handeln. Die Schlussfolgerung, dass apokalyptische Eschatologie zum Handeln motiviert, indem sie Hoffnung ermöglicht, ist kein Postulat, sondern eine notwendige Konsequenz. Sie eröffnet neue Interpretationshorizonte für die (feministische) Theologie und den Befreiungs- und Gerechtigkeitsdiskurs im allgemeinen. Denn – und das ist vielleicht die wichtigste Botschaft des Buches – „Eschatologie beginnt nicht erst da, wo über Auferstehung der Toten, jüngstes Gericht, Verdammnis und Jenseits geredet wird, sondern da, wo an der Gerechtigkeit Gottes auch zu gottfernen Zeiten festgehalten wird“[10]. Sie fordert Werte und Brüche um-zu-denken, (Prä)Moderne und Post-moderne weiter-zu-denken, hin auf die Verbindung und Überbrückung von Jen-seits und Dies-seits, von Außerhalb und Innerhalb.  

Dieses Werk bietet nicht nur ein enzyklopädisches Wissen über das Gebärmotiv in der Apokalyptik; es fesselt mit Bildern und Sprache, mit der Situierung alter Texte in aktuellen Kon-texten, mit der gesellschaftlich-politischen Position der Autorin, sowie das Einbringen ihrer eigenen Erfahrung als Mutter, Frau und Theologin. Obwohl für TheologInnen geschrieben, ist dieses Buch nicht von geringerem Interesse für Human- und Sozialwissenschaftlerinnen, insbesondere für PhilosophInnen und feministische Wissenschafterinnen, die über Leiblichkeit arbeiten und doch, all zu oft, das Thema der Mutterschaft und des Gebärens außer Acht lassen. Die GEH-FRAGE soll uns jedoch daran erinnern, dass wir alle – Frauen und Männer, Kinder und Greise, Arme und Reiche – Beistand brauchen und deshalb auch zu Beistand verpflichtet sind.

 


[1] Siehe: das Vorwort von Luise Schotroff zum Buch (L. Sutter Rehmann. Geh-Frage, S.13) und das Interview mit Hedwig Meyer-Wilmes in dieser Labyrinth Nummer.

[2] Siehe: L. Sutter Rehmann. Geh-Frage, S. 28.

[3] Ebenda, SS. 29-31.

[4] Ebenda, S. 63.

[5] Ebenda, S. 253.

[6] Er sprach zu mir: Geh hin und frag die Schwangere, ob nach neun Monden noch ihr Schoß das Kind bei sich behalten kann? Ich sprach: Gewiss nicht, Herr! Er sprach zu mir: Dem Mutterschoße gleich sind in der Unterwelt die Wohnungen der Seeelen. Denn gleich wie ein gebärend Weib sich von Geburtsnöten recht bald befreien will, so eilen jene auch, zurückzugeben, was ihnen ward von Anfang anvertraut“ (4Esra 4,40-42).

[7] L. Sutter Rehmann. Geh-Frage, S. 207.

[8] Ebenda, S. 252.

[9] Siehe das Gespräch mit Ricoeur (Quo vadis?) in dieser Labyrinth Nummer.

[10] Ebenda, S. 254.