Maria-Luise Botros, Ruth Devime (Hg). 

Frauen, die auszogen und freie Schulen gründeten

Milena Verlag 2000

Eine Rezension von Ilse M. Seifried

 

 Dieses Buch versammelt zwanzig Beiträge von Frauen, die der freien Schule in unterschiedlichster Weise verbunden sind. Frauen, die sie gründeten, Frauen, die dort unterricht(et)en, Frauen, die ihre Töchter dem Projekt anvertrauten, ehemalige Schülerinnen sowie Dachverbands- bzw. Organisationsfrauen, die das Spektrum der innovativen Lern- und Lebensform rückblickend betrachten.

Der Prozess des Selbstverständnisses vom Opfer (die verschwiegene Leistung von Frauen in der männlichen Geschichtsschreibung) zu Akteurinnen (Wir wissen, dass die Welt ist, was wir Frauen daraus machen) kann nachvollzogen werden. Wir haben etwas daraus gemacht, schreibt Ruth Devime im Vorwort. Und so ist der vorliegende Band als Akt der Selbstautorisierung, der Selbstbemächtigung und der Selbstbeschreibung zu verstehen.

Die Bildungsgeschichte erfuhr mit der Realisierung von Wünschen und Utopien der Handlungsfrauen eine Bereicherung und erfährt mit der Publikation eine dokumentierte Erweiterung.

Die Neupositionierung der Frauen vor 20 Jahren ist als Basis bildungspolitischen Handelns zu verstehen, die sich prozesshaft weiterentwickelt. Dass manche Schulgründerinnen die kämpferische Note beibehalten haben, ist aus der Einleitung Wir sind stolz darauf, uns das Recht der Schrift zu geben, und widmen sie uns selbst zu lesen. 

Es für diese Schulform immer noch keine Selbstverständlichkeit, über gedrucktes Wort, Geld und eine breite öffentliche Anerkennung zu verfügen.

Unabhängig davon stießen die Konzepte und die gelebte Wirklichkeit der freien Schulen auf großes in- und ausländisches Interesse. Aber es wurden im Gegenzug auch Ideen für die freie Schulen von Summerhill, der Glockseeschule in Hannover und der Waldorfschule übernommen.

Viele Aspekte einer freien Schule sind u.a. durch engagierte StudentInnen, LehrerInnen, Mütter nun auch im Regelschulsystem zu finden. In diesem haben die Lehrenden Methodenfreiheit und sind inhaltlich durch formulierte Unterrichtsprinzipien abgesichert, sodaß sie in weiten Bereichen großen Freiraum haben, den es zu nützen gilt.

Von etwa zwei Millionen SchülerInnen werden ungefähr siebenhundert in freien Schulen unterrichtet. Durch Erfahrungen mit der Regelschule und mit der freien Schule sind die Vergleiche bezogen auf Rahmenbedingungen, Grenzen und Möglichkeiten aufschlussreich. Die Entscheidung in die freie Schule zu gehen, trafen manchmal die Kinder, manchmal die Mütter.

Traude Kogler meint, allein schon aufgrund der Klassengrößen bzw. der SchülerInnenanzahl kann weder in der freien Schule noch in der öffentlichen Schule das Konzept einer freien Schule realisiert werden, weil, wie sich zeigte, das Einbringen und Identifizieren damit minimiert wird.

Hilde Swiczinsky (mehr als 20 Jahre lang Lehrerin in der ÄTSCH) gibt zu, sie wäre strenger und müßte anders arbeiten, hätte sie 30 SchülerInnen in der Gruppe, wie es in öffentlichen Schulen oft derFall ist.

Die Regelfreiheit von damals scheint rückblickend letztlich überfordernd gewesen zu sein; für alle. Teamfähig- und Konfliktfähigkeit waren in hohem Maße erfordert.

Christine Heuer machte die Erfahrung, dass im pädagogischen Sinn die LehrerInnen auf sich allein gestellt waren. Die Orientierung gaben nicht theoretische Diskussionen sondern gab die Arbeit, die gerade praktisch nötig war. Die Fragestellung, was selbstbestimmt meinen kann, ist heute ebenso relevant wie vor 20 Jahren. Und: inwieweit helfen diese Alternativschulen mit, die kritisierten Gesellschaftsstrukturen weiter aufrechtzuerhalten?

Für Maria-Luise Botros stellt fest: eine Struktur, die viel Schutz und Halt gegeben hat, kann sich in ihr Gegenteil verkehren. Hier wäre es gut, weiterzudenken und auch selbstkritisch zu sein.

Wie Protokolle des  Schulkollektivs zeigen, lag die kontinuierliche, oft unsichtbare Arbeit in den Händen von Frauen; wurde erledigt, selbstverständlich, um den Schulbetrieb aufrecht zu erhalten. Wenn Männer etwas taten, dann war ihr Engagement "besonders". Getragen wurden die Schule also von Frauen. Dennoch war geschlechtssensible Pädagogik nicht in allen Schule und von Anbeginn an ein Thema; ist es auch heute nicht. Damit verbunden war der Konflikt zwischen Buben- und Mädchenmüttern. Welches Kind kommt zu kurz? Beobachtungen ergaben, dass die Buben viel Aufmerksamkeit aber wenig Anerkennung bekamen. Mädchen bekamen weniger Aufmerksamkeit aber mehr Anerkennung.

Alles kritisch zu hinterfragen und aus der Erfahrung ganzheitlichen Lernens Zusammenhänge zu erkennen und zu verstehen, werden in Zusammenhang mit nicht-hierarchischen Strukturen von einer ehemaliger Schülerin als wesentliche Aspekte und Basis für eigenverantwortliches Leben wertgeschätzt.

Die Reichhaltigkeit an Informationen, subjektiven Erfahrungsberichten, individuell formulierte Einschätzungen und Standpunkte  geben nicht nur einen interessanten historische Ein- und Überblick in und auf die eigeninitiativen Frauen sondern werfen neue Fragen auf und führen damit einen Schritt in die Zukunft.

Im Anhang finden sich knappe Selbstdarstellungen der freien Schulen sowie eine überschaubare Literaturliste.